Warum Verdis Forderungen Berlins Kita-System, Kindern, Eltern und Fachkräften schaden
„Freie Träger seit Jahren benachteiligt“
Warum Verdis Forderungen Berlins Kita-System, Kindern, Eltern und Fachkräften schadenAuf Kita-Fachkräfte, kommunale wie freie, kommen immer mehr Belastungen zu. Statt diese Probleme gemeinsam anzugehen, bleibt die Verdi-Gewerkschaft aber einseitig. Ein Kommentar.
Ein Kommentar von Lars Békési
ein Kommentar: abgedruckt am 20.09.24 im Tagesspiegel: https://www.tagesspiegel.de/berlin/freie-trager-seit-jahren-benachteiligt-warum-verdis-forderungen-berlins-kita-system-kindern-eltern-und-fachkraften-schaden-12405452.html
Warum Verdis Forderungen dem Kita-System, Kindern, Eltern und Fachkräften schaden
Die Forderung der Gewerkschaft Verdi nach einem Entlastungstarifvertrag für kommunale Kita-Träger sorgt nicht nur bei den betroffenen Einrichtungen und Eltern für Verunsicherung, sondern entfacht auch hitzige Diskussionen bei den freien Trägern in Berlin. Dabei betreffen die steigenden Belastungen für Kita-Fachkräfte durch den wachsenden Anteil an Kindern mit besonderen Förderbedarfen sowie die schwierige Personalgewinnung alle Träger gleichermaßen – kommunale wie freie. Doch anstatt diese Herausforderungen gemeinsam anzugehen, fokussiert Verdi einseitig auf kommunale Einrichtungen, ohne die strukturellen Ungleichheiten im gesamten Kita-System zu berücksichtigen.
Verdis pauschalisierte Darstellung führt in die Irre
Verdi zeichnet ein übermäßig dramatisches Bild eines angeblich kurz vor dem Kollaps stehenden Berliner Kita-Systems, das allein durch ihren "Entlastungstarifvertrag" gerettet werden könnte. Diese Fokussierung verkennt jedoch die Realität und gefährdet den Zusammenhalt des Kita-Systems. Besonders bedenklich: Rund 82 % der Kitaplätze in Berlin werden von freien Trägern angeboten, die in Verdis Forderungen keinerlei Berücksichtigung finden. Dies führt nicht nur zu einer Spaltung der Trägerlandschaft, sondern schadet auch den Kindern, Eltern und Fachkräften.
Strukturelle Benachteiligung freier Träger
Freie Träger sind in Berlin seit Jahren strukturell benachteiligt. Ein wesentlicher Aspekt dieser Ungleichbehandlung sind die stark gestiegenen Gewerbemietkosten seit 2017. Freie Träger müssen diese Mehrbelastung nahezu allein tragen, da die Finanzierungsstruktur des Landes Berlin diese Entwicklung nicht berücksichtigt. Im Gegensatz dazu erhalten kommunale Träger finanzielle Zuschüsse vom Berliner Senat, wenn ihre Mittel im laufenden Betrieb aufgebraucht sind – beispielsweise bei der teuren Beschaffung von Personal über Arbeitnehmerüberlassungen. Diese zusätzlichen Ausgaben werden letztlich vom Steuerzahler getragen. In der Öffentlichkeit besonders bekannt ist die Hauptstadtzulage von 150 Euro im Monat, die nur an pädagogische Fachkräfte in kommunalen Kitas gezahlt wird. Hierbei geht es nicht darum, den Beschäftigten in kommunalen Trägern diese Zulage zu missgönnen. Vielmehr sollte darauf geachtet werden, dass freie Träger und deren Teams nicht weiter benachteiligt werden. Die pädagogische Arbeit und der Bildungsauftrag gemäß dem Berliner Bildungsprogramm sind für alle Einrichtungen gleich, unabhängig vom Träger.
Verdis Forderung ist Diskriminierend
Lösung kann nicht darin bestehen, nur den kommunalen Trägern Entlastungen zu gewähren. Sollte Verdi ihre Forderungen durchsetzen, würde dies erneut die Fachkräfte bei den freien Trägern diskriminieren. Dies wäre nicht nur ein Widerspruch zu Verdis eigenen Prinzipien von "gleichem Geld für gleiche Arbeit", sondern untergräbt auch den bundesrechtlichen Grundsatz aus dem Sozialgesetzbuch VIII, der eine pluralistische und partizipative Zusammenarbeit zwischen öffentlicher und freier Jugendhilfe fordert.
Verdis Argumentation ist nicht zielführend
Verdi verweist immer wieder auf den Entlastungstarifvertrag an der Medizinischen Hochschule Hannover als Vorbild. Doch dieser Vergleich hinkt: Berlin ist kein Flächenland wie Niedersachsen, und eine medizinische Hochschule ist keine Kindertagesstätte. Zudem handelt es sich bei den Berliner kommunalen Kitas nicht um Körperschaften des öffentlichen Rechts, sondern um Eigenbetriebe – ein wesentlicher rechtlicher Unterschied.
Reduktion der Gruppengröße erfordert mehr Personal
Eines der Hauptanliegen Verdis ist die Reduzierung der Gruppengrößen in den Kitas. Diese Forderung ignoriert jedoch die Realität: Kurz- und mittelfristig gibt es nicht genug Fachkräfte, um kleinere Gruppen zu betreuen. Die frühkindliche Bildung steht vor ähnlichen Herausforderungen wie andere Branchen – es fehlen schlichtweg Menschen, die diesen Beruf ergreifen können. Statt über den Fachkräftemangel zu klagen, sollten die Ausbildungs- und Weiterbildungsstrukturen für Erzieher:innen in den Fokus gerückt werden. Eine qualitativ hochwertige Ausbildung, die auch Spezialisierungen ermöglicht, ist entscheidend, um den steigenden Förderbedarfen der Kinder gerecht zu werden.
Einseitige Lösungen sind nicht der Weg
Verdis Forderungen berücksichtigen nicht die komplexe Realität des Berliner Kita-Systems. Einseitige Entlastungen für kommunale Träger gefährden das gesamte System. Stattdessen ist eine umfassende Lösung erforderlich, die nur auf der Rahmenvereinbarung über die Finanzierung und Leistungssicherstellung der Tageseinrichtungen für Kinder (RV-Tag) basiert. Nur durch diesen Weg können Verbesserungen der Arbeitsbedingungen und eine gerechte Entlastung aller Fachkräfte – unabhängig vom Träger – erreicht werden.
Kita-Qualität im Fokus: VKMK begrüßt Fortführung des Kita-Qualitätsgesetzes und Maßnahmen zur Verbesserung der frühkindlichen Bildung
Wie bereits aus dem Haushaltsplan des Bundes für 2025 bekannt wurde, werden auch für die Jahre 2025/2026 jeweils zwei Milliarden Euro für die Weiterentwicklung der Qualität in den Kitas vom Bund bereitgestellt. Seit gestern liegt dem Kitaverband VKMK hierzu der Referentenentwurf zum „3. Gesetz zur Weiterentwicklung der Qualität und zur Teilhabe in der Kindertagesbetreuung“ vor.
Wie bereits aus dem Haushaltsplan des Bundes für 2025 bekannt wurde, werden auch für die Jahre 2025/2026 jeweils zwei Milliarden Euro für die Weiterentwicklung der Qualität in den Kitas vom Bund bereitgestellt. Seit gestern liegt dem Kitaverband VKMK hierzu der Referentenentwurf zum „3. Gesetz zur Weiterentwicklung der Qualität und zur Teilhabe in der Kindertagesbetreuung“ vor. Aus diesem Entwurf geht klar hervor, dass der Fokus auf der Gewinnung und Sicherung von Fachkräften, der Verbesserung der Fachkraft-Kind-Relation sowie der kontinuierlichen Qualitätssteigerung in der frühkindlichen Bildung liegt. Aufgrund dieser Priorisierung der Qualität werden Maßnahmen zur Entlastung der Eltern bei den Kostenbeiträgen nach einer Übergangszeit von einem halben Jahr nicht weiter verfolgt. Der VKMK begrüßt ausdrücklich diese Schwerpunktsetzung, die das Ziel verfolgt, das Qualitätsniveau in den Kitas bundesweit anzugleichen und allen Kindern gleiche Start- und Bildungschancen sowie gleichwertige Lebensverhältnisse zu ermöglichen.
Für Berlin bedeutet die fortsetzende Finanzierung des Kita-Qualitätsgesetzes durch den Bund, dass wichtige Maßnahmen zur Verbesserung des Angebots für Kinder mit komplexen Unterstützungsbedarfen, zur Förderung der sprachlichen Bildung und zur praxisunterstützenden Fachberatung zur Sicherung von Fachkräften weitergeführt werden können. Diese Handlungsfelder waren bereits im Zeitraum 2023/2024 zentrale Bestandteile des Kitaqualitätsgesetzes zur Verbesserung der frühkindlichen Bildung im Land Berlin. Die bis vor kurzem bestehende Unklarheit über die Finanzierung und Fortführung des Kita-Qualitätsgesetzes brachte viele Kita-Träger in eine gewisse Unsicherheit. Die Frage, ob diese wichtigen Programme und Maßnahmen in den kommenden Jahren weiterhin finanziell unterstützt werden, führte zu großen Ungewissheiten. Mit der nun zugesicherten Finanzierung und Fortführung des Gesetzes herrscht diesbezüglich endlich Klarheit und Erleichterung.
Der VKMK sieht in dieser Entwicklung ein großes Potenzial zur Schaffung gleichwertiger Lebensverhältnisse und zur Sicherstellung, dass jedes Kind durch qualitativ hochwertige frühkindliche Bildung die bestmöglichen Startchancen und individuelle Förderung erhält. Lars Békési, Geschäftsführer des VKMK, unterstreicht: „Um gleichwertige Lebensverhältnisse zu gewährleisten, ist es essenziell, das Kita-Qualitätsgesetz fortzuführen und die Mittel auf die kontinuierliche Verbesserung der Bildungsqualität zu konzentrieren, anstatt sie für Beitragsfreiheit zu verwenden. Wir unterstützen diesen Ansatz nachdrücklich und stehen bereit, gemeinsam an dessen Weiterentwicklung zu arbeiten.“
Fachkräftegewinnung aus dem Ausland: Eine Erfolgsgeschichte dank "BIS" - Ein Bericht aus Berlin
Die Herausforderungen, hochqualifizierte Fachkräfte aus Nicht-EU-Ländern zu gewinnen, sind oft von bürokratischen Prozessen geprägt, die den Einstellungsprozess erschweren oder sogar behindern können. Diese Realität erlebte Herr Frank Mozer, der gemeinsam mit Sabine Schieferdecker-Bach, Geschäftsführer des internationalen Kindergartens in Berlin ist. Doch dank BIS entwickelte sich diese Geschichte, zu einer Erfolgsgeschichte.
Die Herausforderungen, hochqualifizierte Fachkräfte aus Nicht-EU-Ländern zu gewinnen, sind oft von bürokratischen Prozessen geprägt, die den Einstellungsprozess erschweren oder sogar behindern können. Diese Realität erlebte Herr Frank Mozer, der gemeinsam mit Sabine Schieferdecker-Bach, Geschäftsführer des internationalen Kindergartens in Berlin ist. In einem Gespräch berichtete er über die Schwierigkeiten, vor allem wenn es um Bewerber:innen aus Ländern außerhalb der Europäischen Union geht, aber auch über die Hilfestellungen, die er erfahren konnte, welche diese Geschichte schlussendlich zu einer Erfolgsgeschichte werden ließen.
Der Pädagoge aus Serbien, der sich um die Stelle im internationalen Kindergarten in Berlin bewarb, beeindruckte Frank Mozer nicht nur durch seine langjährige Erfahrung in der Grundschulpädagogik und bilingualen Kindergärten, sondern auch durch seinen internationalen Hintergrund. Mit Erfahrungen aus Bali, Indonesien, und China brachte er eine kulturelle Vielfalt und interkulturelle Kompetenz mit, die im globalen Kontext des Kindergartens äußerst wertvoll war.
Doch, trotz seiner Qualifikationen und des klaren Bedarfs an seinen Fähigkeiten stellte sein Nicht-EU-Status vorerst eine bedeutende Herausforderung dar. Die mit diesem Status verbundenen bürokratischen Hürden erweisen sich als komplex und zeitintensiv und die herkömmlichen Wege der Visabeantragung gestalteten sich oftmals frustrierend, sowohl für Arbeitnehmer, als auch -geber.
Frank Mozer wollte tatkräftig unterstützen, um das Bewerbungsverfahren schnellstmöglich in die richtigen Bahnen zu lenken, doch waren ihm hier in vielen Fällen selbst die Hände gebunden. Der Termin für die Visabeantragung bei der Botschaft für Serbien wurde mehrfach verschoben und auch die bürokratischen Prozesse in Deutschland können hier viel Zeit in Anspruch nehmen. Für Mozer war klar, dass er die Qualifikationen des Mannes aus Serbien in seinem Kindergarten brauche und dies, am liebsten, so schnell wie möglich. Er erkundigte sich nach Lösungen und wurde schnell fündig; BIS. Business Immigration Service, der sich als rettender Anker inmitten der bürokratischen Stürme erwies. Dieser Service erleichterte nicht nur die Anmeldung und Anerkennung, sondern fungierte auch als Vermittler zwischen verschiedenen Behörden und Botschaften.
Wie funktioniert BIS?
Vorab ist zum empfehlen, dass man die Qualifikationen der Fachkraft auf mögliche Anerkennungen in Deutschland nachprüfen lässt. Dies kann man bequem über die Website: https://anabin.kmk.org/anabin.html umsetzen. Bei erfolgreichen Übereinstimmungen benötigt man schlussendlich nur noch die Vollmachtserklärung der Fachkraft, um die bürokratischen Prozesse auch in seinem/ihrem Namen durch BIS umsetzen zu lassen.
BIS überprüft final noch einmal die Anerkennung der Qualifikationen und nach Erfolg tritt alsbald ein präziser Abwicklungsprozess in Kraft. BIS nimmt Kontakt mit dem Senat auf, um die notwendige Zustimmung einzuholen. Sobald diese erteilt wurde, erfolgt die Weiterleitung an die Bundesagentur für Arbeit, die den nächsten Schritt in die Wege leitet. Bei reibungslosem Ablauf wird der Anerkennungsbescheid an die Auslandsvertretung gesendet. Diese übernimmt die abschließenden Schritte im Visumsverfahren. Nach erfolgreicher Klärung und Bestätigung durch die Auslandsvertretung geht die Anerkennung an die Botschaft in Serbien.
Mit dem Abschluss dieser formalen Schritte, kann die Umsetzung des Visums innerhalb weniger Wochen erfolgen, wodurch der Bewerber / die Bewerberin für zunächst ein Jahr ein Visum erhält.
Der gesamte Prozess, inklusive Vorbereitungen und Anerkennun im Falle von Frank Mozer, erstreckte sich von Mai bis zum letztendlichen Arbeitsbeginn im Oktober. Ein Prozedere, das Vorab-Recherche und Eigeninitiative beinhaltet und, welches ohne den schlussendlichen Fund von BIS einen deutlich längeren Zeitrahmen in Anspruch genommen hätte.
(Hinweis: Als Teil des Prozesses musste der Arbeitgeber eine Gebühr von 411 Euro an das BIS entrichten, um sicherzustellen, dass die Schnittstelle ordnungsgemäß etabliert wurde und die Arbeitgeberpflichten effizient übernommen wurden.)
Resümee
Frank Mozer betonte, dass das BIS nicht nur die bürokratische Hindernisse überwand, sondern auch eine entscheidende Rolle dabei spielte, den gesamten Prozess der Fachkräftegewinnung effizienter und zielführender zu gestalten.
"Das beschleunigte Fachkräfteverfahren war für uns wirklich entscheidend. Die Unterstützung und Lösungsorientierung, die wir beim BIS erfuhren, waren von unschätzbarem Wert. Der Service erleichterte nicht nur die Anerkennung der Qualifikationen unseres Pädagogen, sondern ermöglichte auch eine reibungslose Visumsbestätigung und damit eine erfolgreiche Integration in unser Berliner Kindergarten-Team", sagte Herr Mozer.
Inmitten des bestehenden Fachkräftemangels in der frühkindlichen Pädagogik erweisen sich hochqualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland als eine bedeutsame Ressource und Chance für Bildungseinrichtungen. Das Beispiel von Herrn Frank Mozer und dem internationalen Kindergarten in Berlin verdeutlicht, wie entscheidend eine effiziente Fachkräftegewinnung ist, insbesondere bei Bewerbern aus Nicht-EU-Ländern. In diesem Zusammenhang bieten Verfahren wie das des Business Immigration Service (BIS) eine wertvolle Unterstützung. Indem sie bürokratische Hürden minimieren und den Prozess für Arbeitnehmer und Arbeitgeber gleichermaßen erleichtern, tragen solche Mechanismen dazu bei, die Potenziale hochqualifizierter Fachkräfte optimal zu nutzen. Es ist entscheidend, dass wir diese Chancen erkennen und die erforderlichen Maßnahmen ergreifen, um die frühkindliche Pädagogik mit qualifiziertem Personal zu stärken und somit die bestmögliche Betreuung für unsere Kinder sicherzustellen.
Weitere Informationen
Für detaillierte Informationen zu den Dienstleistungen des Business Immigration Service (BIS) sowie zu den erforderlichen Unterlagen, Bearbeitungszeiten und Anerkennung von Qualifikationen können Interessierte die offizielle Website des BIS besuchen: https://www.businesslocationcenter.de/bis.
Die Webseite bietet eine umfassende und benutzerfreundliche Ressource für alle, die sich über das beschleunigte Fachkräfteverfahren und dessen Anwendbarkeit informieren möchten. Hier finden sich klare Anleitungen, die den Prozess der Fachkräftegewinnung aus dem Ausland transparent machen und es sowohl Arbeitnehmern als auch Arbeitgebern ermöglichen, sich optimal auf die Anforderungen vorzubereiten. Die leicht zugänglichen Informationen auf der Website erleichtern somit die Navigation durch den komplexen Prozess und bieten einen effizienten Weg, um qualifizierte Fachkräfte erfolgreich nach Deutschland zu bringen.
Die prekäre Lage der Kitaträger: Ein alarmierender Blick auf Deutschlands Betreuungssystem
Zwischen Anspruch und Wirklichkeit: Ein bundesweiter Blick auf die aktuelle Situation, von München, über Köln, bis nach Hamburg und Berlin, zeigt eine verhängnisvolle Kluft zwischen politischem Anspruch und tatsächlicher Umsetzung. Die frühkindliche Bildung in Deutschland ist unterfinanziert. Die Probleme, die vor 20 Jahren bereits aktuell waren, sind es heute immer noch - nur : noch gravierender. Wir brauchen Handlungen statt warmer Worte. Jetzt.
München atmet auf: Eine neue Härtefall-Regelung kommt den finanziell gebeutelten Kitaträgern entgegen, die um ihre Existenz bangten. Die Regelung ermöglicht Kitaträgern, die wirtschaftliche Schwierigkeiten haben, einen entsprechenden Antrag auf Unterstützung in der benötigten Höhe zu stellen. Die Stadt München möchte damit verhindern, dass Kitaplätze eingestellt werden müssen. Dieses gibt vielen Kitaträgern zwar Hoffnung, aber es ist schlussendlich nur ein Trostpflaster, das den Blick auf das wesentliche Problem verschleiert: Die Finanzierung der frühkindlichen Bildung wurde über Jahrzehnte hinweg vernachlässigt, und die Auswirkungen sind deutschlandweit spürbar.
Bremen sorgte zuletzt für alarmierende Schlagzeilen. Es belegte bei einem bundesweiten Vergleich, den letzten Platz in der Betreuungssituation. Demnach ist etwa jede zweite Mutter mit einem Kind im Krippen- oder Kita-Alter nicht erwerbstätig, da Betreuungsplätze schlichtweg fehlen. Wohlfahrtsvereine rund um Hamburg schlugen zuletzt vor Weihnachten 2023 noch einmal Alarm, Nordrhein-Westfalen beschreibt die aktuelle Lage als „unzumutbar“ und in Berlin überschlagen sich die Artikel und Hilferufe ebenfalls seit Jahren. Völlig gleich, in welches Bundesland man schaut, die Kita-Krise ist bereits da und breitet sich unentwegt weiterhin aus.
Zeit für Realitätssinn: Die bedenklichen Folge der Unterfinanzierung
Es ist an der Zeit, der Realität ins Auge zu sehen und die drastischen Auswirkungen der chronischen Unterfinanzierung der frühkindlichen Bildung zu begreifen. Wir stehen vor einem erschreckenden Fachkräftemangel, der zu einem drastischen Rückgang der Betreuungsangebote und erhöhten Krankenständen führt. Das ohnehin knappe Angebot an qualifizierten Fachkräften schrumpft weiterhin, während sich die Bewerbungszahlen rapide verringern. Diese Tendenzen in der Personalbeschaffung und -bindung sind nachhaltig beunruhigend. Die neuesten Ergebnisse der Pisa-Studie bestätigen, was für viele Pädagogen:innen schon längst eine bittere Erkenntnis darstellte; die spürbare Abnahme der Bildungsqualität in Deutschland. Dieser Abwärtstrend ist nun auch nachweislich belegbar. Es ist ein letzter gravierender Weckruf, ein eindringlicher Hinweis darauf, dass das Fehlen angemessener finanzieller Mittel unweigerlich zu einem fortwährenden Qualitätsverlust führt.
Die herausfordernde Realität für pädagogische Fachkräfte
Der Beruf der pädagogischen Fachkraft ist eine Berufung, die viele von Herzen ausüben. Die Zusammenarbeit mit Kolleg:innen und die Arbeit mit den Kindern geben viele von ihnen als Etwas von unschätzbarem Wert an. Doch der Arbeitsalltag erschwert ihnen die Freude am Beruf. Bereits 2022 äußerte der damalige Berliner FDP-Abgeordnete Paul Fresdorf, dass die erschreckend hohe Anzahl von Krankmeldungen der Fachkräfte in frühkindlichen Einrichtungen als "besonderes Vorkommnis" an die Senatsverwaltung für Jugend gemeldet wurde. Doch Abhilfe gab es nicht. Im Jahr 2023 erlebten die Krankenstände in diesem Bereich in Berlin einen weiteren, bedauerlichen Anstieg. Überlastung und Personalmangel stellen für viele Fachkräfte eine erhebliche Belastung dar und führen nicht selten auch zu Burn-Out und langfristigen Ausfällen. Diese Realität bringt viele engagierte Fachkräfte an ihre Grenzen und zwingt sie schlussendlich zur Kapitulation; sie verlassen den Beruf, der ihnen so viel bedeutet hat.
Forderungen aus der Politik im Wandel der Jahre und der Mangel an Lösungsumsätzen.
Seit mindestens zwei Jahrzehnten ist das Problem der Unterfinanzierung und der Fachkräftemangel in der frühkindlichen Bildung kein unbekanntes Thema mehr. Es scheint kein Erkenntnisproblem auf Seiten der Fachkräfte, der Eltern, der Wissenschaft oder der Verwaltungen zu sein, sondern ein Defizit in der tatsächlichen Umsetzung. Politiker:innen verschiedener Parteien haben über die Jahre hinweg auf die Herausforderungen in der frühkindlichen Bildung hingewiesen, doch die Verantwortungsübernahme der akuten Lösungsumsetzung wurde stets vermisst.
Die derzeitige Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) äußerte zuletzt 2023 nach den erschreckenden Ergebnissen der Pisa-Studie, die Dringlichkeit eines aktiven Vorgehens, um die Bildungskrise zu bewältigen und verankerte ihren Fokus hier auch bei den frühkindlichen Institutionen. Ihre Stimme reiht sich in eine lange Kette ähnlicher Anmerkungen ein, die über die letzten zwei Jahrzehnte zu hören waren.
Bereits 2007 betonte Ursula von der Leyen (CDU) in einem Interview, dass viele Fachkräfte Hamburg, trotz teils besserer Arbeitsangebote von Firmen in anderen Regionen, nicht verlassen wollten. Der Grund war simpel; Hamburg stellte 2007 die Spitze dar, für Betreuungsangebote in Kindertagesstätten und ermöglichte den Fachkräften somit die Work-Familien-Balance, die sie brauchten. Von der Leyen sah darin keineswegs nur Lob für Hamburg. Vielmehr deutete sie es als ein alarmierendes Signal für andere Bundesländer und forderte einen schnellstmöglichen Ausbau von Stellen und Betreuungsplätzen, im Bereich frühkindliche Bildung.
Auch Annette Schavan (CDU) äußerte sich 2009 zur dringenden Notwendigkeit, die Zuwanderung qualifizierter Fachkräfte zu erleichtern, um dem damals bereits sichtbaren Personalmangel in Kitas entgegenzuwirken. Die ehemalige Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) forderte 2014 bundesweit einheitliche Standards für Kitas, sowohl in Bezug auf Bildungsqualität als auch Arbeitsbedingungen des Personals. Im Zuge dessen erörterte Schwesig ebenfalls ein Problem, das sich bis heute nicht beheben ließ. Im Interview mit „Deutschlandfunk“, betonte sie das bisherige „Schuldzuweisungsspiel“, das sie als ehemalige Landesministerin aktiv miterlebt hatte und ermahnte diese Dynamik final zu beenden. Ihr Ziel war es, konstruktiv an einem Tisch zusammenzukommen und zu klären, was bundesweit gestemmt werden kann. Dabei sollte nicht nur über die Kosten, sondern auch über die Finanzierungsgrundlagen gesprochen werden. Sie erwähnte die Dringlichkeit, nicht nur um Geld zu kämpfen, sondern auch klare Vorstellungen zu haben, wie die Umsetzung aussehen soll, damit diese schnellstmöglich beginnen kann.
2018 brachten die aktuelle Bundesministerin Lisa Paus und Nina Stahr (Bündnis 90/Die Grünen) ihre Unterstützung für eine Demonstration gegen die Berliner Kita-Krise zum Ausdruck. Paus betonte, dass bereits seit einem Jahrzehnt Eltern, Träger, Gewerkschaften und Verbände für eine nachhaltige Verbesserung der Kita-Qualität und der Kindertagespflege kämpfen würden. Sie warnte davor, dass die aktuelle Notlage einen Rückschlag in alte Missstände bedeuten könnte. Der damalige Bundesfinanzminister, und heutige Bundeskanzler, Olaf Scholz, wurde direkt aufgefordert, zusätzliche Mittel bereitzustellen, da die bisherigen finanziellen Zusagen für den versprochenen Ausbau und eine echte Qualitätsoffensive nicht ausreichten, sie wollten Handlungen sehen. Seit 25. April 2022 ist Paus Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.
Enttäuschende Schlagzeilen und trügerische Hoffnung
Im Jahr 2024 stehen wir erneut vor den gleichen Meldungen, denselben Schlagzeilen und drängenden Problemen – nur erscheinen sie nun noch drastischer als je zuvor. Bundesweit breitet sich eine Welle von Symptomen aus, die der Kita-Krise ein deutliches Gesicht geben. Sogar Hamburg, lange Zeit als Ausnahme gesehen, ist von den Auswirkungen schon lange nicht mehr gefeit.
In München schwankt die Stimmung zwischen Bangen und einem seufzenden Aufatmen, wenn die Stadt zumindest vorübergehend Kita-Plätze vor der Schließung aufgrund finanzieller Engpässe retten kann. Und in Berlin herrscht eine gewisse Erleichterung, seitdem Kitas seit 26. Oktober 2023 wieder selbst festlegen könnten, ob und welche Zuzahlungen von Eltern übernommen werden können, um das pädagogische Zusatz-Angebot aufrechtzuerhalten. Diese Schlagzeilen, die oftmals von Hoffnungsschimmern, Aufatmen und Erleichterung sprechen, mögen auf den ersten Blick positiv erscheinen, jedoch täuschen sie. Sie zeigen vielmehr, dass die Politik letztlich darin scheitert, die Verantwortung zu übernehmen, um die Kernprobleme zu lösen. Das Aufatmen bezieht sich schlussendlich nie auf eine festgelegte Absicherung bezüglich Betreuungsangeboten und nachhaltigen Finanzierungen, sondern vielmehr darauf, dass das Schlimmste vermieden werden konnte; das Einstellen der Angebote. Keines Wegs darf diese Form von Politik und medialer Berichterstattung davon ablenken, dass diese Lösungen keine Lösungen sind - sondern lediglich Placebos, die an Kitas oder Eltern verteilt werden, damit diese in Eigenregie die Behandlung der akutesten Symptome übernehmen können.
Ein Dialog in Bewegung (?)
Im letzten Jahr ist Bewegung in den Dialog zur frühkindlichen Bildung gekommen. Die freien unabhängigen Kitaträger, u.a. vertreten durch den VKMK (Verband der Kleinen und Mittelgroßen Kitaträger), haben vermehrt Zugang zu den Entscheidungstischen gefunden, von denen sie lange ausgeschlossen waren. Hier können sie endlich ihre drängenden Anliegen vortragen. Doch bereits nach den ersten Gesprächen zeigt sich, dass die Kommunikation vornehmlich auf das Erörtern und Abwägen von Problemen beschränkt bleibt, nicht aber konkrete, tatkräftige Handlungen und verbindliches Engagement seitens der Politik garantiert. Wir können es uns nicht länger erlauben, die Umsetzung von Lösungen aufzuschieben. Über die letzten zwei Jahrzehnte hinweg haben Kitapersonal, Eltern, die Wissenschaft und sogar politische Instanzen wiederholt ihre Besorgnis, ihre Hilferufe und Warnungen geäußert – doch bisher hat das nicht zu greifbaren Verbesserungen geführt.
Wenngleich es begrüßenswert ist, dass die freien unabhängigen Kitaträger nun Einzug an diesen Gesprächstischen erhalten haben, möchten wir uns doch entschieden davon distanzieren, dies als rein „positiven“ Fortschritt zu bezeichnen. Die Tatsache, dass sie nun gehört werden, markiert eher den „Anfang des Verhandlungsprozesses“ und diesen als endlich „sinnvoll“. Denn ohne Einigkeit über die bestehenden Probleme ist es nahezu unmöglich, wirkungsvolle Lösungen zu entwickeln. Und nur ein Einbeziehen der betroffenen Akteure kann schlussendlich die Grundlage für ein gemeinsames Verständnis und somit den ersten Schritt in Richtung Lösungsfindung bilden. Ein Einbeziehen der betroffenen Akteure wäre von Anbeginn der Verhandlungen von Nöten gewesen. Unsere Hoffnung ist, dass diese Verhandlungen und die verstärkte Aufmerksamkeit nicht wie vorherige Placebos enden werden. Es bedarf einer dringenden und proaktiven Reaktion, die über bloße Diskussionen hinausgeht. Die offene Berichterstattung und das klare Darlegen des Ist-Zustandes seitens der freien unabhängigen Kitaträger ist eine große Chance. Eine Chance, die zu einem echten Wandel führen kann. Diese Chance muss genutzt werden. Das offene Gehör und die Teilnahme an Verhandlungen sollten nicht nur symbolisch sein, sondern eine echte Grundlage für eine umgehende Verbesserung der Situation in der frühkindlichen Bildung bilden.
Die Kunst des Zuhörens: Senatorin Günther-Wünsch bittet zum Kita-Gipfel
Der bevorstehende Kitagipfel am 27.11.2023 in Berlin steht als entscheidender Moment für die frühkindliche Bildung in Berlin bevor. Senatorin Günter-Wünsch setzt hiermit ihr Versprechen als neu ernannte Jugendsenatorin um, indem sie allen involvierten Stakeholdern im Bereich der frühkindlichen Bildung die Möglichkeit bietet, den aktuellen Stand zu evaluieren und gemeinsam bedeutende Lösungsansätze zu erarbeiten.
Die große Kunst des Hinhörens: Der erste Schritt zur Verbesserung der frühkindlichen Bildung liegt im Zuhören bei den richtigen Akteuren
Der bevorstehende Kitagipfel am 27.11.2023 in Berlin steht als entscheidender Moment für die frühkindliche Bildung in Berlin bevor.
Senatorin Günther-Wünsch setzt hiermit ihr Versprechen als neu ernannte Jugendsenatorin um, indem sie allen involvierten Stakeholdern im Bereich der frühkindlichen Bildung die Möglichkeit bietet, den aktuellen Stand zu evaluieren und gemeinsam bedeutende Lösungsansätze zu erarbeiten.
Die Vergangenheit zeigt bedauerlicherweise, dass solche wichtigen Gelegenheiten versäumt wurden, was zu vorhersehbaren und schwerwiegenden Konsequenzen führte.
Ein herausragendes Beispiel hierfür ist die Sachkostenpauschale als Teil über die Finanzierung und Leistungssicherstellung der Tageseinrichtungen (RV Tag) in Berlin. Ursprünglich entwickelt, um die Finanzierung von frühkindlichen Einrichtungen langfristig sicherzustellen, erwiesen sich diese Teile dieser Pauschale in den folgenden Jahren als wesentlicher Engpass.
Finanzkonzepte benötigen regelmäßige Anpassungen an aktuelle Bedürfnisse, eine Überprüfung, die trotz offensichtlicher Veränderungen, einschließlich wirtschaftlicher Aspekte, wiederholt versäumt wurde.
Erst 2017 wurde eine Gestehungskostenanalyse in Auftrag gegeben, die zeigte, dass Kitas mit einer Unterfinanzierung von fast 30% zu kämpfen hatten, hauptsächlich aufgrund stark gestiegener Mietkosten, die in der Sachkostenpauschale nicht berücksichtigt wurden.
Insbesondere kleinere und mittelgroße Kitaträger litten unter höheren Mietkosten im Vergleich zu größeren Institutionen.
Trotz dieses neuen Wissens ignorierten die damaligen Akteure in der Senatsverwaltung und ihre ausgewählten Verhandlungspartner im Rahmen ihrer 2017 laufenden Verhandlungen zur Rahmenvereinbarung über die Finanzierung und Leistungssicherstellung der Tageseinrichtungen (RV Tag) diese dramatische Unterfinanzierung und schufen nur eine Teilreparatur.
Es erfolgte für den Zeitraum von 2018 bis 2021 eine leichte stufenweise Erhöhung der Sachkostenpauschale um insgesamt 10%, doch konnte die massive Unterfinanzierung bei weitem nicht kompensiert werden.
Die kleinen und mittelgroßen freien Kitaträger hatten weiterhin mit steigenden Gewerbemiet- & Immobilienunterhaltungskosten und zunehmend schwieriger werdenden Rahmenbedingungen zu kämpfen.
Einzig der VKMK reagierte auf diese Herausforderungen, indem er mit seiner Expertengruppe eine nachhaltige Lösung entwickelte: die "Clusterlösung".
Basierend auf dem Grundgedanken der Hamburger Finanzierungskonstruktion integriert die "Clusterlösung" eine differenzierte Betrachtung der IST-Situation der Gewerbeflächen der jeweiligen Kita-Träger in die Ausgestaltung der Sachkostenpauschale. Durch die Unterstützung verschiedener Abgeordneter des Berliner Abgeordnetenhauses konnten weitere relevante Daten zu den Bruttomietzinsen für soziale Träger in landeseigenen Wohnbaugesellschaften erfragt werden.
Hierbei ergab sich, dass die Mietzinsen für Gewerbeflächen der landeseigenen Wohnbaugesellschaften im Durchschnitt über 10 Euro pro Quadratmeter lagen, während die Kita-Träger lediglich eine Finanzierung von etwa 5 Euro pro Quadratmeter erhielten. Diese Diskrepanz verdeutlichte bereits damals die erheblichen finanziellen Herausforderungen, denen die betroffenen Einrichtungen gegenüberstanden.
Herausforderungen, die in den vergangenen Jahren zunehmend zu Lasten der Fachkräfte gingen.
Um dem Scheinargument- Phänomen der "Miethaie" und des " Miet-Monopoly" entgegenzuwirken, integrierte der VKMK in seine "Clusterlösung" das Modell einer wiederkehrenden Abfrage des Bruttomietzinses pro Quadratmeter bei landeseigenen Wohnbaugesellschaften. Dieser Wert dient als Grundlage für die Einberechnung in die Sachkostenpauschale, um den Einrichtungen eine finanzielle Grundlage zu bieten, die ihren tatsächlichen Herausforderungen gerecht wird.
Diese konkreten Beispiele unterstreichen nicht nur unsere langjährige Arbeit und Bemühungen, realistische Lösungsansätze zu bieten, sondern auch den gravierenden politischen Fehler, betroffene Akteure unzureichend zu berücksichtigen.
„Lars Békési, Geschäftsführer des VKMK, betont: "Wir bieten der Jugendsenatsverwaltung seit Jahren fundierte Lösungen an. Unser Clustermodell ist ein solcher gezielter Lösungsansatz, der jedoch in den Jahren der SPD-Ressortverantwortung ignoriert wurde. Lösungen, die betroffene Stakeholder nicht angemessen einbeziehen, führen letztlich immer zu höchsten Gerichtsurteilen, die dann eine Unverhältnismäßigkeit bis hin zur Verfassungswidrigkeit im Handeln der Jugendsenatsverwaltung attestieren.“
Die konzertierte Anstrengung von Senatorin Günter-Wünsch gemeinsam mit allen Interessengruppen in einen Dialog einzutreten, verspricht langfristige Fortschritte in der effizienten Ressourcennutzung und nachhaltigen Verbesserungen im Bereich der frühkindlichen Bildung.
Der Unterschied zwischen Fachkräftemangel und -verlust in der Frühkindlichen Bildung
In vielen Diskussionen und öffentlichen Wahrnehmungen dominiert die Vorstellung eines akuten Fachkräftemangels in der frühkindlichen Bildung. Die logische Schlussfolgerung erscheint dabei simpel: Stellenausbau als Lösung. Doch bei genauerem Hinsehen offenbart sich eine viel komplexere Realität. Der einfache Appell nach mehr Stellen erweist sich als zu oberflächlich, da er die Wurzeln des Problems unberücksichtigt lässt.
Der Unterschied zwischen Fachkräftemangel und -verlust in der Frühkindlichen Bildung
Warum eine nachhaltige Lösung mehr als nur einen Stellenausbau erfordert.
Die Debatte um Herausforderungen in der frühkindlichen Bildung ist häufig von zwei Begriffen geprägt: Fachkräftemangel und -verlust. Doch zwischen dem schlichten Mangel an Arbeitskräften und dem tatsächlichen Abgang von Fachkräften aufgrund von Arbeitsbedingungen existieren entscheidende Unterschiede. Diese Begriffe umfassen nicht nur eine quantitative Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage nach Fachkräften, sondern auch qualitative Herausforderungen, die den Berufszweig prägen.
In vielen Diskussionen und öffentlichen Wahrnehmungen dominiert die Vorstellung eines akuten Fachkräftemangels in der frühkindlichen Bildung. Die logische Schlussfolgerung erscheint dabei simpel: Stellenausbau als Lösung. Doch bei genauerem Hinsehen offenbart sich eine viel komplexere Realität. Der einfache Appell nach mehr Stellen erweist sich als zu oberflächlich, da er die eigentlichen Wurzeln des Problems unberücksichtigt lässt. Die Nuance zwischen den Begrifflichkeiten und die dementsprechend daraus unterschiedlich benötigten Lösungsansätzen werden oftmals nicht einmal politisch wahrgenommen, trotz vorliegender Zahlen und Fakten.
Der Fachkräftemangel beschreibt den quantitativen Aspekt, bei dem die Nachfrage nach ausgebildeten Fachkräften das vorhandene Angebot übersteigt. Dies resultiert in unbesetzten Stellen und kann auf verschiedene Ursachen zurückgeführt werden, darunter niedrige Anreize, Ausbildungsmängel und demografische Veränderungen. Im Gegensatz dazu bezieht sich der Fachkräfteverlust auf qualitative Aspekte, die den Abgang erfahrener Fachkräfte aufgrund unzureichender Arbeitsbedingungen beschreiben. Dies führt zu hohen Fluktuationsraten, Burnout und Frustration in der Branche.
Die frühkindliche Bildung weist Zweierlei deutlich auf: einen Mangel an Arbeitskräften, sowie eine bedenkliche Fluktuation aufgrund unzureichender Arbeitsbedingungen. Und, während sich der Fachkräfteverlust und der Fachkräftemangel als zwei deutlich unterschiedliche Herausforderungen erweisen, die jeweils verschiedene Lösungsansätze erfordern, stimmen sie letztendlich doch in einem Punkt überein: Beide sind nicht durch einen simplen, großflächigen Stellenausbau zu lösen, wie es oft politisch angestrebt wird. Dieses Vorgehen gleicht dem Auftischen weiterer Schüsseln an einem Tisch, an dem ohnehin schon niemand Platz nehmen will, und selbst die gnädigsten Gourmets langsam gehen, weil das Essen schlichtweg nicht schmeckt. Es ergibt wenig Sinn, mehr Stellen zu schaffen, wenn die Arbeitsbedingungen und die Attraktivität des Berufs für potenzielle Fachkräfte nicht ansprechend sind. Die Herausforderung liegt somit nicht darin, dass es nicht genug Stellen gibt, sondern darin, dass die Bedingungen und Strukturen, die das Arbeitsumfeld formen, nicht attraktiv genug sind, um Fachkräfte langfristig zu halten oder neue anzuziehen.
“Dieses Vorgehen gleicht dem Auftischen weiterer Schüsseln an einem Tisch, an dem ohnehin schon niemand Platz nehmen will.”
Beinahe 3000 pädagogische Fachkräfte verlassen jährlich ihren Beruf. Fachkräfte, die dringend durch Neuzugänge besetzt werden müssten. Von den ca. 10.000 Auszubildenden, die sich heute für die dreijährige Ausbildung zur pädagogischen Fachkraft entscheiden, tätigen jedoch, statistisch gesehen, lediglich etwa ein Viertel den Sprung in eine feste Anstellung in einer Kita. Diese Zahl verdeutlicht ein drängendes Problem: viele brechen die Ausbildung vorzeitig ab oder entscheiden sich nach Abschluss für einen anderen Karriereweg, haben sie doch aus erster Hand die Vielzahl von Herausforderungen erlebt, die mit dem Beruf einhergehen.Von jenen, die den Schritt in den Kita-Alltag wagen, tun viele dies zögerlich und mit Einschränkungen. Insbesondere die Work-Life-Balance erweist sich als schwer zu bewältigen, und viele sehen sich gezwungen, nur als Teilzeitkräfte tätig zu sein, um hier auch den eigenen Anforderungen gerecht zu werden.
Es ist eine weit verbreitete Annahme, dass Personen, die in der frühkindlichen Bildung tätig sind, ihren Beruf einzig und allein aus tiefer Leidenschaft und Überzeugung wählen müssen. Diese Annahme wird oft mit dem Argument untermauert, dass die Liebe zur Arbeit und die Bedeutung des Berufs so groß sind, dass die Bezahlung oder die Konditionen letztendlich nicht ausschlaggebend sein können. Und es mag richtig sein, Stimmen aus den Kitas sind einhellig: Das Personal schätzt seine Arbeit, betont die Bedeutung des Austauschs mit den Kindern und empfindet tiefe Erfüllung in der Sinnhaftigkeit ihrer Tätigkeit. Doch die Konditionen und Wertschätzungen finanzieller Art spielen in der Erfüllung ebenso eine zentrale Rolle, wie in jedem weiteren Berufsfeld auch. Es ist daher umso bedauerlicher zu sehen, dass Menschen, die sich aus persönlicher Überzeugung für eine berufliche Laufbahn entschieden haben, sich letztendlich gezwungen sehen, diesen Weg zu verlassen, aufgrund der Konditionen. Es ist nicht eine Frage des individuellen Engagements der Fachkräfte, sondern vielmehr ein strukturelles Problem, das dringend angegangen werden muss.
Trotz des immens wichtigen Bildungsauftrags, der die Kernkompetenzen der Kinder für ihr späteres Erwachsenenleben festlegt und fördert, wird die frühkindliche Bildung nach wie vor nicht in ihrer Bedeutung und Wichtigkeit ausreichend anerkannt. Dies spiegelt sich in den bestehenden Rahmenbedingungen wider, die weit hinter dem zurückbleiben, was erforderlich wäre, um eine qualitativ hochwertige frühkindliche Bildung zu gewährleisten. Um neue Fachkräfte zu generieren und Stellen nachhaltig zu besetzen benötigen wir einen Facettenreichen Lösungsansatz.
Diese Lösungsansätze zielen darauf ab, nicht nur den akuten Mangel an Fachkräften zu bekämpfen, sondern auch langfristig eine qualitativ hochwertige frühkindliche Bildung sicherzustellen, die den Anforderungen und Bedürfnissen der Kinder gerecht wird.
Man sagt so schön; "Das Gegenteil von gut ist gutgemeint." Dieser Satz verdeutlicht, dass gutgemeinte Absichten nicht zwangsläufig zu effektiven Lösungen führen. Eine sinnvolle und gezielte Hilfestellung, die benötigt und erwünscht ist, erfordert eine intensive Auseinandersetzung mit den Betroffenen. Es ist unerlässlich zu verstehen, wie eine lösungsorientierte Hilfe für sie tatsächlich aussehen könnte, bevor Maßnahmen in einem gemeinsamen Verständnis angegangen werden. Nur so lässt sich gewährleisten, dass die gebündelten Kräfte an den Stellen eingesetzt werden, die den dringendsten Bedarf haben. Politiker und Politikerinnen sollten verstärkt auf den Austausch mit den direkten Akteuren der frühkindlichen Bildung setzen, um offene Dialoge proaktiv zu fördern und ihre Erfahrungen, Daten und Erkenntnisse in Entscheidungsprozesse miteinfließen zu lassen. Der KitaGipfel bietet genau diese Möglichkeit. Er kann dazu beitragen, bestehende Missstände zu korrigieren und die Schritte zu setzen, die wir benötigen, um unser gemeinsames Ziel zu erreichen: eine deutliche Verbesserung der frühkindlichen Bildungslandschaft - mit pädagogischen Fachkräften, die nicht nur gerne in diesem Berufsfeld tätig sind, sondern vor allem; langfristig bleiben möchten.
Bundesverwaltungsgericht entscheidet über Zuzahlungsbegrenzung von freiwilligen Elternbeiträgen
Am 26. Oktober 2023 wird das Bundesverwaltungsgericht über einen bedeutsamen Fall verhandeln und eine grundlegende Entscheidung treffen. Im Mittelpunkt steht die festgelegte Obergrenze von 90 Euro für Zuzahlungen zu pädagogischen Zusatzleistungen, die das Land Berlin seit 2018 unverändert beibehält. Diese Regelung, die die freiwilligen Elternbeiträge beschränkt, wirft bedeutende Fragen auf.
Am 26. Oktober 2023 wird das Bundesverwaltungsgericht (BVG) über einen bedeutsamen Fall (verhandeln und eine grundlegende Entscheidung treffen. Im Mittelpunkt steht die festgelegte Obergrenze von 90 Euro für Zuzahlungen der Eltern, zu pädagogischen Zusatzleistungen, die das Land Berlin seit 2018 unverändert beibehält. Diese Regelung, die die freiwilligen Elternbeiträge beschränkt, wirft bedeutende Fragen auf. Sie thematisiert, ob sie gegen die Diversität der pädagogischen Angebote freier Träger verstößt und gleichzeitig das elterliche Recht auf Wahlfreiheit in unzulässiger Weise einschränkt.
Wie kam es zu dem Entscheid der Einschränkungen?
Die aktuelle Rechtsverordnung zur Finanzierung der Tagesbetreuung (RVTag) wurde im Jahr 2018 im Land Berlin eingeführt. Eine der zentralen Regelungen dieser Verordnung betrifft Eltern, die ihre Kinder in Kindertagesstätten betreuen lassen. Diese Eltern können freiwillige Beiträge leisten, die oftmals dazu verwendet werden, die Qualität der Betreuungseinrichtungen zu steigern oder zusätzliche Leistungen für ihre Kinder zu finanzieren. Im Rahmen dieser Verordnung führte die RVTag auch eine Zuzahlungsbegrenzung für diese Elternbeiträge ein. Diese Begrenzung setzt die Höchstgrenze auf 90 Euro pro Kind fest. Im Sinne der Gleichberechtigung einkommensschwacher Familien, kann dieser Elternbeitrag im Bedarfsfall vom Staat unterstützt werden, um sicherzustellen, dass diese nicht unverhältnismäßig belastet werden und gleichen Zugang zu den Betreuungsangeboten erhalten.
Genannte Gründe, für die Einführung dieser Begrenzung waren:
1. Soziale Gerechtigkeit: Die Begrenzung soll sicherstellen, dass alle Eltern Zugang zu qualitativ hochwertigen Betreuungseinrichtungen haben, unabhängig von ihrem Einkommen.
2. Vermeidung sozialer Ungleichheit: Ohne Begrenzung könnten einkommensstarke Eltern erheblich höhere Beiträge leisten und ihren Kindern somit ein deutlich anderes Bildungsfeld bieten, als sozial schwache Eltern. Dies würde zu sozialer Ungleichheit führen können.
3. Schutz einkommensschwacher Familien: Die Begrenzung dient dazu, einkommensschwache Familien vor übermäßigen finanziellen Belastungen zu schützen.
Es ist von entscheidender Bedeutung zu unterstreichen, dass die festgelegte Obergrenze von 90 Euro weder auf der Grundlage offizieller Statistiken noch auf belastbaren Zahlen beruht. Darüber hinaus wurde diese Grenze nicht im Rahmen eines gemeinsamen Konsenses mit den Trägern erarbeitet, obwohl dies zu Beginn der Diskussion als unerlässlicher Bestandteil für die Ermittlung einer realistischen Obergrenze angesehen wurde. Dieser Punkt ist von grundlegender Wichtigkeit und ein zentraler Anklagepunkt.
Desweiteren ist dieser willkürlich wirkende Betrag von 90 Euro seit seiner erstmaligen Einführung im Jahr 2018 unverändert geblieben, obwohl sich die wirtschaftliche Lage in den letzten Jahren erheblich verändert hat.
Die Klage vor dem Bundesverwaltungsgericht:
Das Ablehnen eines offenen Dialoges mit den Trägern, bei der Ermittlung einer realistischen Obergrenze, hat gravierende Folgen mit sich gezogen, welche Schlussendlich zu einer Klage geführt haben:
Einige freie Träger und Elterngruppen haben gegen diese Begrenzung geklagt. Sie argumentieren, dass die Zuzahlungsbegrenzung die Pluralität und Angebotsvielfalt freier Träger einschränkt. Freie Träger bieten oft spezialisierte Dienstleistungen und pädagogische Ansätze an, die von Eltern geschätzt werden, aber zusätzliche Kosten verursachen. Durch die Begrenzung der Elternbeiträge würden diese Einrichtungen finanziell benachteiligt und könnten möglicherweise gezwungen sein, ihre Angebote zu reduzieren oder gar zu schließen. Dies, so die Kläger, verletze das Wunsch- und Wahlrecht der Eltern, die für die bestmögliche Betreuung ihrer Kinder bezahlen möchten.
Einige, weitere Risiken, die im Zuge der Zuzahlungsbegrenzung der Elternbeiträge entstehen können:
1. Qualitätsverlust bei der Bildungsarbeit: Die Begrenzung der Elternbeiträge kann die Qualität und den Umfang der Bildungsarbeit der Betreuungseinrichtungen gefährden, da sie weniger finanzielle Mittel für Personal und Bildungsmaterialien für die Zusatzleistungen zur Verfügung haben.
2. Mangelnde Anpassungsfähigkeit an steigende Kosten: Die Inflation und steigende Betriebskosten führen oftmals dazu, dass Einrichtungen Schwierigkeiten haben, mit den finanziellen Belastungen Schritt zu halten. Hier gibt es keinerlei privaten Entwicklungsrahmen, um dem entgegenzuwirken. Die Konsequenzen, wenn nicht politisch rechtzeitig bedacht und behoben, sind dementsprechend nicht beeinflussbar. Rahmenbedingungen vor Ort, wie beispielsweise das Betreuungs- & Bildungsangebot oder die Lebensmittelqualität, können sich verschlechtern, ohne die Möglichkeit hier zu agieren.
3. Einschränkung der Angebotsvielfalt: Die Begrenzung der Zuzahlungen kann auch dazu führen, dass Betreuungseinrichtungen ihre Angebotsvielfalt reduzieren, spezialisierte Dienstleistungen einstellen müssen, oder sich hier nicht entsprechend weiterentwickeln können.
Die Perspektive unseres Verbandes:
Der VKMK (Verband der kleinen und mittelgroßen Kitaträger) sieht die Zuzahlungsbegrenzung als eine Belastung für seine Mitglieder. Obgleich es Gründe gibt, die für diese Begrenzung sprechen, ist es von absoluter Wichtigkeit, dass diese ausreichend beleuchtet und an die aktuellen (insbesondere auch wirtschaftlichen) Herausforderungen angepasst wird. Ein Grundgedanke, geboren in der Idee,Chancengerechtigkeit bereits im Kita-Alter etablieren zu können, sollte nicht in einer Einschränkung oder gar erheblicher Reduzierung der Qualität in den frühkindlichen Bildungseinrichtungen münden, da sie nicht ausreichend an den realen Ist-Zustand angeglichen ist oder wird.
Es ist von großer Bedeutung zu unterstreichen, dass unser Verband von Anfang an nicht als Fachverband angehört und in die damalige Diskussion mit einbezogen wurden, aufgrund von Entscheidungen des SenBJF, die auf die Initiative der damaligen StS und Senatorin zurückzuführen sind. Bereits zu dieser Zeit haben wir die Unklarheiten und die Rechtfertigung dieses Vorgehens in Frage gestellt und die Entscheidung angezweifelt.
Wir benötigen finanzielle Flexibiltät und Anpassungsfähigkeit, in einer Zeit, die eben dies immer wieder deutlich einfordert. Innovative pädagogische Ansätze, spezielle Betreuungsmodelle oder die bloße Angleichung an die wirtschaftliche Lage, können nicht (über)leben, in einem festgefahrenen, limitierten Rahmen, der keine Entwicklungsmöglichkeiten bietet - oder denen erst sehr zögerlich nachkommen kann.
Die damalig festgelegten 90 Euro, wirkten, ohne untermauernde Beispiele und Zahlen, willkürlich und hätten im Konstrukt Flexibilität bieten müssen, um sich den wachsenden Herausforderungen anpassen zu dürfen, oder hier Adjustierungen vornehmen zu können.
Wir haben dieses Thema diverse Male bereits journalistisch aufgearbeitet. In den folgenden Artikeln, können die mannigfaltigen Herausforderungen der frühkindlichen Bildungsinstitutionen, die unter anderem beinflusst sind durch eben diese Zuzahlungsbegrenzung, noch einmal aufgearbeitet betrachten.
Wir hoffen, dass das Bundesverwaltungsgericht die verschiedenen Interessen und Herausforderungen sorgfältig abwägen wird, um eine ausgewogene Entscheidung zu treffen, welche die Qualität in der frühkindlichen Bildung voranbringen kann.
Frühkindliche Bildung in Berlin: Ein Gespräch mit Nina Stahr (Bündnis 90/Die Grünen)
Gemeinsam mit Nina Stahr von den Grünen haben wir nicht nur den aktuellen Zustand der Ampel-Koalition (KOA), der Kindergrundsicherung und des Kitaqualitätsentwicklungsgesetzes beleuchtet, sondern uns auch über die politische Entwicklung in Berlin ausgetauscht, insbesondere in Bezug auf frühkindlichen Bildungseinrichtungen.
Hinweis: Dieses Interview wurde aufgezeichnet am 13.07.23.
“Bildungschancen für alle bedeutet “Bildungsgerechtigkeit".”
Die frühkindliche Bildung in Deutschland, insbesondere in der Hauptstadt Berlin, steht im Fokus intensiver Debatten über die wahre Bedeutung von "gleichen Bildungschancen für alle". In einem Gespräch mit Nina Stahr (Bündnis 90/Die Grünen) haben wir dieses bedeutende Thema näher betrachtet, um Einblicke zu gewinnen, wie Bildungsgerechtigkeit konkret umgesetzt werden kann und welche Hürden Berlin auf diesem Weg bewältigen muss.
In einer ausführlichen Unterhaltung haben wir nicht nur den aktuellen Zustand der Ampel-Koalition (KOA), der Kindergrundsicherung und des Kitaqualitätsentwicklungsgesetzes beleuchtet. Wir haben uns auch tiefgehend über die politische Entwicklung in Berlin ausgetauscht, insbesondere in Bezug auf Bildungseinrichtungen. Dabei haben wir nicht nur die aktuellen Herausforderungen diskutiert, sondern auch Stahrs Ziele und Wünsche für Berlin Steglitz-Zehlendorf und die gesamte Stadt sowie mögliche Wege zu deren Verwirklichung erörtert.
Das gesamte Interview zum Nachhören - auf allen Plattformen für Podcasts - und natürlich hier:
Künstliche Intelligenz: die nächste Revolution für die frühe Bildung?
Digitalisierung und künstliche Intelligenz (KI) sind Begriffe, die in der heutigen Bildungswelt immer präsenter werden. Doch es ist entscheidend zu verstehen, dass diese beiden Forschungsgebiete nicht miteinander verwechselt werden sollten. In diesem Artikel möchten wir die Unterschiede zwischen Digitalisierung und KI verdeutlichen und dabei die großen Potenziale der KI für die frühkindliche Bildung beleuchten. Wir werfen einen genaueren Blick auf die KI-Forschung, insbesondere in Deutschland, und diskutieren, welche Entwicklungen uns in diesem faszinierenden Feld erwarten und wie sie die Bildung unserer Kleinsten beeinflussen können.
Die Integration von künstlicher Intelligenz (KI) in Bildungseinrichtungen ist längst keine Zukunftsvision mehr, sondern Realität. Kindertagesstätten sind keine Ausnahme und können von den vielfältigen Vorteilen dieser Technologie profitieren. KI kann nicht nur das Lernen der Kinder erleichtern, sondern auch die Arbeit der Mitarbeiter*innen unterstützen. Heute tauchen wir in dieses faszinierende Feld ein und werfen einen genauen Blick auf die KI-Forschung, insbesondere in Deutschland. Wir möchten beleuchten, welche bereits existierenden Möglichkeiten sich den Kitas in Deutschland bieten, welche aktuellen Forschungsprojekte laufen und welche zukünftigen Entwicklungen uns noch erwarten können.
Das wichtigste vorweg: Es ist von Bedeutung, KI und Digitalisierung klar voneinander abzugrenzen.
KI ≠ Digitalisierung.
Digitalisierung bezieht sich auf den Prozess, bei dem analoge Informationen in digitale Formate umgewandelt werden. Ein gutes Beispiel dafür ist die Übertragung von handgeschriebenen Berichten oder Notizen auf einen Computer, indem sie eingescannt oder direkt digital erstellt werden. Dies ermöglicht die Speicherung und Bearbeitung der Informationen auf einem Computer mithilfe von geeigneten Computerprogrammen.
Arbeiten mit einer App bedeutet nicht zwangsläufig, KI einzusetzen: Es ist wichtig zu erkennen, dass die Nutzung einer App nicht automatisch darauf hinweist, dass Künstliche Intelligenz involviert ist. Viele Apps nutzen digitale Technologien, um Aufgaben zu automatisieren oder Informationen zu verarbeiten, ohne dass KI im eigentlichen Sinne beteiligt ist. KI hingegen bezieht sich auf Technologien, die in der Lage sind, Daten zu analysieren, Muster zu erkennen und aufgrund dieser Muster Entscheidungen zu treffen oder Aufgaben auszuführen, ohne dass sie explizit programmiert werden müssen.
In der Bildung, einschließlich in Kitas, kann die Digitalisierung dazu beitragen, Informationen zu organisieren und zugänglich zu machen. KI-basierte Anwendungen hingegen übernehmen spezielle Aufgaben wie die Personalisierung von Lerninhalten oder die Erkennung von Entwicklungsstörungen. Es ist also entscheidend, zwischen diesen beiden Konzepten zu unterscheiden, um ihre jeweiligen Anwendungen und Auswirkungen angemessen zu verstehen. Die Integration von KI bietet viele Vorteile und Chancen, die Arbeit in Bildungseinrichtungen zu revolutionieren. Hierbei sind nicht nur die Art und Weise, wie Kinder lernen, sondern auch, wie Pädagogen ihre Arbeit gestalten betroffen:
1. Personalisierte Lernunterstützung:
KI kann dazu verwendet werden, den individuellen Lernfortschritt jedes Kindes zu verfolgen und anzupassen. Durch die Analyse von Daten, wie Testergebnissen und Verhaltensmustern, kann die KI personalisierte Lernpläne erstellen, die auf die spezifischen Bedürfnisse jedes Kindes zugeschnitten sind. So können Kinder in ihrem eigenen Tempo lernen und erhalten gezielte Unterstützung, um Schwierigkeiten zu überwinden.
2. Frühzeitige Identifizierung von Entwicklungsstörungen:
Eine der wichtigsten Aufgaben von Kitas ist die frühzeitige Erkennung von Entwicklungsverzögerungen oder -störungen bei Kindern. KI-gestützte Screening-Tools können dazu beitragen, Anzeichen frühzeitig zu identifizieren. Diese Technologie ermöglicht es den Fachkräften, geeignete Interventionen frühzeitig einzuleiten, um die bestmögliche Entwicklung der Kinder sicherzustellen. Gleichzeitig ist eine individuelle Förderung möglich, ohne zusätzlichen personellen Aufwand, was betroffenen Kindern große Chancen in der Entwicklung ermöglichen kann.
3. Automatisierte administrative Aufgaben:
Die Verwaltungsaufgaben in Kitas sind oft zeitaufwendig. KI kann dabei helfen, administrative Aufgaben wie die Erfassung von Anwesenheitslisten, die Kommunikation mit Eltern oder die Organisation von Terminen zu automatisieren. Bürokratische Prozesse für Einstellungsverfahren, Krankmeldungen oder Urlaubs-Koordinierungen lassen sich hierdurch ebenfalls mit wenigen Klicks festhalten und kommunizieren. Dies ermöglicht den Mitarbeiter*innen mehr Zeit, sich auf die pädagogische Arbeit und die Betreuung der Kinder zu konzentrieren.
4. Sprachförderung und Übersetzungsdienste:
Kitas sind häufig multikulturelle Umgebungen, in denen Kinder unterschiedlicher sprachlicher Hintergründe zusammenkommen. KI kann als Übersetzungstool dienen, um die Kommunikation zwischen Kindern, Eltern und Mitarbeiter*innen zu erleichtern. Darüber hinaus können KI-gestützte Sprachlernprogramme entwickelt werden, um Kindern bei der Verbesserung ihrer Sprachfähigkeiten zu helfen. Insbesondere für migrierte Kinder, die beispielsweise über einen Wortschatz einer anderen Sprache verfügen und/oder Zuhause kaum bis gar nicht mit der deutschen Sprache vertraut gemacht wurden und werden, wäre dies von unschätzbarem Wert. Integration würde erleichtert werden und damit auch das Anknüpfen und Weiterlernen der deutschen Sprache. Eine Arbeit, die viel individuelle Aufmerksamkeit einer Fachkraft bedürfte, könnte hier mittels KI übernommen und erfolgreich umgesetzt werden.
5. Sicherheit und Überwachung:
Obwohl die Idee von Videoüberwachungssystemen zunächst auf Zurückhaltung stoßen kann, sollten wir nicht die Vorteile übersehen, die sie bieten. In einer Zeit, in der die Sicherheit von Kindern an oberster Stelle steht, bieten diese Systeme eine zusätzliche Schutzschicht. Sie helfen nicht nur bei der Prävention von Gefahren, sondern ermöglichen auch eine schnellere Reaktion im Notfall. Die sorgfältige Abwägung zwischen Datenschutz und Kindersicherheit ist entscheidend, um den bestmöglichen Schutz zu gewährleisten und gleichzeitig die Privatsphäre zu respektieren. KI kann dazu beitragen, ein sicheres Umfeld zu gewährleisten, indem sie Videoüberwachungssysteme mit intelligenter Analysefunktion nutzt. Diese Systeme können ungewöhnliches Verhalten oder Gefahrensituationen erkennen und sofort Alarm schlagen, um schnelles Handeln zu ermöglichen.
Forschende Projekte in Deutschland
In Deutschland gibt es bereits einige vielversprechende Forschungsprojekte, die KI in Kitas integrieren, um die Bildung und Betreuung von Kindern zu verbessern.
Das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) - SpeechTrans4Kita:
Das DFKI forscht an diversen KI-Entwicklungen, die im Bildungssystem in Deutschland zum Einsatz kommen können. So haben sie beispielsweise das innovative Projekt "SpeechTrans4Kita" ins Leben gerufen. Dieses Projekt zielt darauf ab, die Sprachbarrieren zwischen pädagogischen Fachkräften und Eltern mit Migrationshintergrund zu überwinden. Mit einer speziell entwickelten App, die auf KI und maschinellem Lernen basiert, werden schriftliche und auditive Übersetzungen zwischen beispielsweise der arabischen und der deutschen Sprache angeboten. Dies schafft nicht nur eine reibungslosere Kommunikation, sondern fördert auch die Integration von Kindern mit verschiedenen kulturellen Hintergründen in den Kita-Alltag.
Konferenzen zur Verbesserung der Aktivitäten- und Verhaltensanalyse:
Das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) veranstaltet jährliche Konferenzen, die sich auf die Nutzung von KI zur Verbesserung der Aktivitäten- und Verhaltensanalyse konzentrieren. Hierbei spielen Optimierung von Sensorkombinationen und die Anwendung von (tiefem) maschinellem Lernen eine entscheidende Rolle. In einer Kita-Umgebung könnten solche Erkenntnisse dazu beitragen, die Sicherheit der Kinder zu erhöhen und pädagogische Prozesse zu optimieren. Diese Forschungsprojekte und Visionen zeigen deutlich, wie KI in Kitas nicht nur die Effizienz steigern kann, sondern auch dazu beitragen kann, dass frühkindliche Bildung noch zugänglicher und qualitativ hochwertiger werden kann. Sie stehen für eine moderne und zukunftsorientierte Ausrichtung der frühkindlichen Bildung in Deutschland, bei der Technologie und menschliches Engagement Hand in Hand gehen.
2. Quintic Digital - Kidling:
Quintic Digital hat mit "Kidling" ein KI-basiertes Robotic Process Automation (RPA)-System entwickelt, das in Kindertagesstätten eingesetzt werden kann. Dieses System automatisiert repetitive Verwaltungsaufgaben, die oft zeitaufwändig sind und die Mitarbeiter*innen von ihrer eigentlichen pädagogischen Arbeit abhalten.
Kidling funktioniert wie ein virtueller Assistent, der Aufgaben wie die Verarbeitung von Rechnungen oder die Organisation von Betreuungsanfragen übernimmt. Das Besondere an diesem System ist seine Flexibilität, da er über die Benutzeroberfläche gesteuert wird, ähnlich wie menschliche Mitarbeiter. Eine spannende Zukunftsvision ist die Verknüpfung von RPA mit maschinellem Lernen und künstlicher Intelligenz, um komplexe Aufgaben noch effizienter zu bewältigen, wie die automatische Buchung von Betreuungsplätzen oder die Erkennung von Zahlungsfälligkeiten.
Sensibler Umgang ist gefragt.
In der Bildungswelt ist es entscheidend, nicht nur die Technologie selbst, sondern auch die Fähigkeit, diese Technologie verantwortungsbewusst zu nutzen, zu verstehen und zu vermitteln. In diesem Kontext hat Intel das Programm "Intel AI For Youth" ins Leben gerufen, in Zusammenarbeit mit der Universität Oxford entwickelte Programme, die darauf abzielen, künstliche Intelligenz zum Wohl der Gemeinschaft einzusetzen. Obwohl es sich bisher an Schülerinnen ab der 8. Klasse und Pädagoginnen in Schulen richtet, sind die darin vermittelten Kenntnisse und Fähigkeiten auch für Fachpersonal in Kitas äußerst relevant. In diesen Programmen werden nicht nur technische Aspekte von KI behandelt, sondern auch ethische Fragen und rechtliche Rahmenbedingungen. Die Teilnehmer*innen lernen den geschickten Umgang mit KI sowie die richtige Art und Weise, wie sie dieses Wissen an Kinder weitergeben können. Workshops zur praktischen Anwendung von KI-Konzepten sind ebenfalls Bestandteil des Programms, um sicherzustellen, dass die Integration von KI in Bildungseinrichtungen auf verantwortungsbewusste und pädagogisch sinnvolle Weise erfolgt.
Die Integration von künstlicher Intelligenz in Kindertagesstätten eröffnet nicht nur neue Möglichkeiten für die Bildung und Betreuung der Kinder, sondern birgt auch große Chancen, insbesondere in Zeiten des Personalmangels. KI kann dazu beitragen, administrative Aufgaben zu automatisieren und Pädagoginnen von zeitraubenden Tätigkeiten zu entlasten, sodass sie sich verstärkt auf die individuellen Bedürfnisse der Kinder konzentrieren können. Durch personalisierte Lernunterstützung, frühzeitige Identifizierung von Entwicklungsstörungen, automatisierte administrative Aufgaben, Sprachförderung und verbesserte Sicherheit können Kitas allgemein ihre Effizienz steigern und die Qualität der Betreuung und Bildung der Kinder verbessern. Gleichzeitig sollten wir jedoch stets im Blick behalten, dass KI als Unterstützung und nicht als Ersatz für das wertvolle Engagement und die Fürsorge der Pädagoginnen in Kindertagesstätten dient. Die richtige Balance zwischen Technologie und menschlichem Engagement wird entscheidend sein, um sicherzustellen, dass die frühkindliche Bildung weiterhin eine warme und unterstützende Umgebung bietet, in der Kinder aufblühen können. Die Reise hat gerade erst begonnen, und wir können gespannt sein, wohin uns die KI in Kindertagesstätten in Zukunft führen wird.