Erbfalle Herkunft: Wenn das Elternhaus über Zukunftschancen entscheidet
Der heutige Welttag der sozialen Gerechtigkeit ist für uns Anlass mal wieder einen Blick auf ebendiese in Deutschland zu werfen - mit einem besonderen Fokus auf die soziale Mobilität.
Der heutige Welttag der sozialen Gerechtigkeit ist für uns Anlass mal wieder einen Blick auf ebendiese in Deutschland zu werfen - mit einem besonderen Fokus auf die soziale Mobilität.
Die soziale Mobilität ist ein wesentlicher Bestandteil sozialer Gerechtigkeit, denn sie beschreibt die Wahrscheinlichkeit, in einer Gesellschaft aufzusteigen. Konkret geht es dabei um den Einfluss des Elternhauses: inwiefern hängen die Chancen auf ökonomischen, sozialen und bildungsbezogenen Erfolg von der sozialen Herkunft ab? Lange Zeit galt Deutschland hierbei als sehr durchlässig. Doch zunehmend zeigen insbesondere Bildungsstudien einen engen Zusammenhang zwischen Bildungserfolg und Herkunft. Wie hoch also ist die Wahrscheinlichkeit, in Deutschland aufzusteigen?
Der Einfluss der Herkunft auf den Bildungserfolg
Inwiefern Bildungserfolg und soziale Herkunft zusammenhängen, hat unter anderem eine 2025 veröffentlichte Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung genauer analysiert. Hierfür wurden die Sprach- und Mathematikkompetenzen von Schulanfänger:innen in Beziehung zu ihrer sozialen Herkunft gesetzt und mit den Daten aus Frankreich, USA, Niederlande, Japan und dem Vereinigten Königreich verglichen.
Das Ergebnis dieses Vergleichs zeigt: In Deutschland lässt sich ein Anteil von 19,5% der Unterschiede in den Sprachkompetenzen auf die soziale Herkunft zurückführen - womit dieser Zusammenhang stärker ausgeprägt ist als in den anderen fünf Ländern. In der Mathematik liegt der Anteil der Kompetenzunterschiede, die auf die soziale Herkunft zurückgehen, zwar nur bei 13,9%, dennoch befindet sich Deutschland damit stark am unteren Ende des Vergleichsfeldes. Lediglich in den USA ist der Wert mit 14,2% höher.
Diese ungleichen Startbedingungen wirken sich auf die gesamte Bildungslaufbahn aus. So ist die Wahrscheinlichkeit eines Gymnasialbesuchs für Kinder aus Familien mit niedrigem sozialen Status nicht einmal halb so hoch wie für Kinder aus privilegierten Familien. An Universitäten und Hochschulen verstärkt sich dieses Muster weiter: Während drei von fünf Kindern, bei denen mindestens ein Elternteil selbst Akademiker:in ist, später studieren, liegt die Wahrscheinlichkeit für Kinder, deren Eltern keinen Abschluss haben, nur bei eins zu fünf.
Die sozioökonomischen Folgen dieser Unterschiede sind erheblich, wie der OECD-Bericht “Bildung auf einen Blick 2025: Deutschland” zeigt: Der durchschnittliche Einkommensunterschied zwischen Personen mit Studium und Personen mit Berufsausbildung beträgt rund 50%. Wobei hinzugefügt werden muss, dass ein Studium nicht zwangsläufig zu einem hohen Einkommen und eine Ausbildung nicht zwangsläufig zu einem niedrigen führen muss - es handelt sich lediglich um einen Durchschnitt, der im Einzelfall stark variieren kann.
Dies zeigt deutlich, wie eng die soziale Herkunft, Bildungserfolg und ökonomischer Status im späteren Leben miteinander verknüpft sind. Noch differenzierter beleuchtet eine Ende letzten Jahres veröffentlichte ifo-Studie die soziale Mobilität in Deutschland.
Die soziale Mobilität in Deutschland
In ebendieser Studie wurde die soziale Mobilität mithilfe der sogenannten Rang-Rang-Koeffizienten berechnet. Betrachtet wurde dabei die soziale Mobilität der Geburtsjahrgänge der 1960er- bis 1980er-Jahre. Für jüngere Generationen liegen noch keine belastbaren Auswertungen vor, da viele von ihnen noch nicht oder erst zu kurz im Berufsleben stehen.
Die soziale Mobilität wird dabei auf einer Skala von null bis eins gemessen. Ein Wert nahe null steht für besonders hohe Mobilität und die Herkunft hat kaum bis keinen Einfluss auf das spätere Einkommen. Ein Wert nahe eins bedeutet dagegen sehr geringe Mobilität. Während in Deutschland Anfang der 70er Jahre der Wert bei 0,17 lag, stieg dieser für die Geburtsjahrgänge der 80er-Jahre auf 0,34 - und nähert sich damit dem Niveau der USA von 0,33. Das zeigt deutlich: Zwar besteht weiterhin eine Durchlässigkeit im System, der familiäre Hintergrund ist jedoch sehr entscheidend für den späteren ökonomischen Status. Zugleich macht die ifo-Studie deutlich, dass diese Unterschiede nicht erst auf dem Arbeitsmarkt entstehen, sondern bereits zuvor. Wie sich die soziale Mobilität für jüngere Generationen entwickelt hat, lässt sich erst mit zeitlichem Abstand beurteilen, sobald entsprechende Langzeitdaten vorliegen.
Frühkindliche Bildung als Hebel für mehr soziale Mobilität
Wie eingangs die Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zeigte, beginnen ungleiche Startbedingungen nicht erst in der Schule. Deshalb ist es entscheidend, Kompetenzunterschiede aufgrund sozialer Herkunft bereits vor Schulbeginn zu verringern. Genau hier setzt qualitativ hochwertige frühkindliche Bildung an. Frühkindliche Bildung hat das Potenzial, Entwicklungs- und Kompetenzunterschiede zu reduzieren und den Einfluss der Herkunft deutlich abzuschwächen, insbesondere bei Kindern aus benachteiligten Verhältnissen. Und im Vergleich zu späteren Fördermaßnahmen sind Investitionen in diesen Bereich wesentlich effizienter und wirksamer. Darauf verweisen zahlreiche Studien, unter anderem die Arbeiten des Wirtschaftsnobelpreisträgers James Heckman.
Soziale Mobilität kann also durch qualitativ hochwertige frühkindliche Bildung gestärkt werden - und damit auch die soziale Gerechtigkeit. Davon profitieren nicht nur einzelne Menschen, sondern die gesamte Gesellschaft und Wirtschaft in unserem Land. Denn ohne ausreichende Durchlässigkeit im System bleibt ein erheblicher Teil des vorhandenen Potenzials ungenutzt, nur aufgrund dessen, dass die Herkunft zu stark über Lebenswege entscheidet.
Die Bedeutung der frühkindlichen Bildung wird seit Jahren von Wissenschaftler:innen und Ökonom:innen betont. Zwar haben gesellschaftliche und politische Wertschätzung und öffentliche Ausgaben in diesem Bereich bereits deutlich zugenommen, eine Entwicklung, die sehr zu begrüßen ist. Dennoch wird dies der tatsächlichen Relevanz der frühkindlichen Bildung noch bei weitem nicht gerecht und bedarf einer noch stärkeren Prioritätensetzung.
Entscheidend ist dabei nicht nur der Ausbau der frühkindlichen Bildung, sondern vor allem auch ihre Qualität. Auf Bundesebene wurde hierfür bereits vor einigen Jahren mit dem Kita-Qualitätsgesetz angesetzt, um die Qualität schrittweise zu verbessern. Aktuell wird mit dem Kita-Qualitätsentwicklungsgesetz ein Nachfolgegesetz erarbeitet. Ein zentrales Ziel dieses Gesetzes soll es unter anderem sein, mehr Kinder aus benachteiligten Lebenslagen frühzeitig in die Kita zu bringen sowie die Sprachförderung auszuweiten und zu verbessern. Dies sind wichtige Schritte, um mehr Kinder mit Angeboten der frühkindlichen Bildung zu erreichen, ihre Startchancen deutlich zu erhöhen und damit einen Beitrag zu mehr sozialer Gerechtigkeit zu leisten. Entscheidend ist nun, dass diese Handlungsfelder im Gesetz wirksam ausgestaltet werden, bundesweit die Qualitätsstandards weiterentwickelt und gestärkt werden und die Finanzierung der Qualitätsentwicklung auskömmlich abgesichert werden.
Denn frühkindliche Bildung ist das Fundament - das Fundament für Chancengerechtigkeit, soziale Mobilität, für einen individuell erfolgreichen Bildungsweg sowie für eine starke Gesellschaft und Wirtschaft.
Quellen:
Baarck, J., Bode, M., & Peichl, A. (2025). Rising inequality, declining mobility: The evolution of intergenerational mobility in Germany. In Working Papers (No. 12058). Munich Society for the Promotion of Economic Research - CESifo GmbH. https://www.cesifo.org
Dräger, J., & Schneider, T. (2025). Sprach- und Mathekompetenzen hängen in Deutschland bei Schulstart stärker von sozialer Herkunft ab als in anderen Ländern. In DIW. Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung. https://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.944390.de/25-14-1.pdf
OECD. (2025). EDUCATION AT a GLANCE 2025. https://www.oecd.org/content/dam/oecd/de/publications/reports/2025/09/education-at-a-glance-2025-country-notes_9749f4ff/germany_52735cfb/9a449e27-de.pdf
Wößmann, L., Ph. D., Schoner, F., Freundl, V., & Pfaehler, F. (2024). Ungleiche Bildungschancen: Ein Blick in die Bundesländer. In Ifo Schnelldienst (Vol. 77, Issue 5). https://www.ifo.de/DocDL/sd-2024-05-ungleiche-bildungschancen-woessmann-etal-.pdf
Warum die Kritik am Berliner Bildungsprogramm nicht gerechtfertigt ist
Das überarbeitete Berliner Bildungsprogramm hat es nicht leicht. Sowohl im Überarbeitungsprozess als auch jetzt im Nachgang zieht es immer wieder Kritik auf sich.
Das überarbeitete Berliner Bildungsprogramm hat es nicht leicht. Sowohl im Überarbeitungsprozess als auch jetzt im Nachgang zieht es immer wieder Kritik auf sich: Es habe nicht ausreichend Beteiligung aus Praxis und Fachwelt gegeben, auch das Parlament sei nicht ausreichend einbezogen worden und Diversität und Vielfalt würden nicht ausreichend widergespiegelt.
Wer den VKMK verfolgt, weiß, dass wir üblicherweise mit unserer Kritik an der Berliner Bildungspolitik in manchen Belangen nicht sparen. Beim Berliner Bildungsprogramm müssen wir jedoch deutlich sagen: Die hohe Kritik in dieser Form ist ungerechtfertigt.
Es gab einen langen Beteiligungsprozess mit Praxis und Fachwelt. Auch nicht offiziell eingebundene Organisationen konnten Stellungnahmen einreichen - und haben dies auch getan. Die nun in Kraft getretene Fassung zeigt eindeutig: Viele Hinweise wurden berücksichtigt und übernommen. Dass es in den Wochen vor Veröffentlichung des endgültigen inhaltlichen Entwurfs keine weitere Beteiligung mehr gab, ist ein legitimer Teil administrativer Verfahren.
Auch die Parlamentarier:innen sind selbstverständlich mit einbezogen: Einerseits haben sie mit dem Kindertagesförderungsgesetz den gesetzlichen Rahmen für das Berliner Bildungsprogramm gesetzt (beispielhaft sei genannt, dass die Personalausstattungen und Qualitätsregelungen definiert sind). Andererseits werden sie natürlich auch im Fachausschuss des Abgeordnetenhauses regelmäßig in diesen Prozess eingebunden. Innerhalb dieses vorgegebenen Rahmens muss sich die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie bei der Ausarbeitung ihres Verwaltungshandelns bewegen.
Der Inhalt des Bildungsprogramms stellt einen Handlungs- und Haltungsleitfaden für die pädagogische Arbeit in der frühkindlichen Bildung dar.
In den vorangegangen Monaten wurde häufig von einigen Seiten eine mangelnde Berücksichtigung von Vielfalt und Diversität kritisiert. Dies finden wir sehr irritierend, da diese Kritik aufgenommen wurde und sich im Bildungsprogramm als Querschnittsthemen wiederfinden.
Zudem hängt der Umgang mit und die Vermittlung von Vielfalt und Diversität wesentlich von der inneren Haltung ab. Auf dem Papier kann vieles stehen - entscheidend ist, dass und wie es in der Praxis gelebt wird. Und das sollte bei diesen Punkten unabhängig von seiner Verschriftlichung selbstverständlich sein.
Das neue Berliner Bildungsprogramm stellt ein gutes, solides, den aktuellen wissenschaftlichen Standards entsprechendes Fundament für pädagogische Arbeit dar. Es ist sprachlich verständlicher und klarer formuliert als die vorherige Version. Damit bietet es einen qualitätsvollen Orientierungsrahmen für angehende und bestehende Pädagog:innen, die diesen nun in ihrer täglichen Arbeit mit Leben füllen können.
VKMK - Der Kitaverband begrüßt neues Berliner Bildungsprogramm: Mehr Struktur, Kinderrechte und Praxisnähe
Das neue Berliner Bildungsprogramm wurde gestern von Katharina Günther-Wünsch, Senatorin für Bildung, Jugend und Familie vorgestellt. Nach Kritik aus Teilen der Fachwelt an früheren Entwürfen bewertet der VKMK - Der Kitaverband die nun vorliegende Fassung als eine gute Grundlage für die praktische Umsetzung.
Das neue Berliner Bildungsprogramm wurde gestern von Katharina Günther-Wünsch, Senatorin für Bildung, Jugend und Familie vorgestellt. Nach Kritik aus Teilen der Fachwelt an früheren Entwürfen bewertet der VKMK - Der Kitaverband die nun vorliegende Fassung als eine gute Grundlage für die praktische Umsetzung.
“Besonders positiv hervorzuheben sind die klare Gliederung und Struktur des Berliner Bildungsprogramms sowie die Integration fachlicher Terminologien. Damit bietet das Programm nicht nur einen professionellen, dem aktuellen Stand der Wissenschaft entsprechenden Referenzrahmen, sondern erleichtert auch die praktische Anschlussfähigkeit - etwa durch Rollenbeschreibungen, grafische Übersichten und Reflexionsfragen in jedem Kapitel.” erklärt Lars Békési, Geschäftsführer des VKMK. “Diese Anschlussfähigkeit gehört zu den zentralen Qualitäten des Bildungsprogramms als Grundlage pädagogischen Handelns. Nun kommt es darauf an, wie die Inhalte in der Praxis umgesetzt und ausgestaltet werden.”
Auch in der Praxis wird die finale Version positiv bewertet. „Das neue Berliner Bildungsprogramm zeigt deutlich, dass viele Hinweise aus der Fachwelt aufgenommen und integriert wurden. Darüber hinaus werden alle Facetten der frühkindlichen Bildung berücksichtigt und erhalten Raum - von demokratischer Bildung über Partizipation, Kinderschutz und Inklusion bis hin zu ästhetisch-künstlerischer Bildung. Besonders gelungen sind dabei der starke Fokus auf Sprachentwicklung, die Konkretisierung im Bereich Mathematik sowie die gute Einbettung der Bildungsbereiche im Kita-Alltag. Positiv fällt zudem die konsequente Verankerung der Kinderrechte im gesamten Bildungsprogramm auf.“ betont Grit Nierich, Geschäftsführerin des VKMK-Mitglieds Kleiner Fratz GmbH.
Im Vergleich zu früheren Fassungen stellt das neue Berliner Bildungsprogramm damit eine klare Professionalisierung und inhaltliche Weiterentwicklung dar. „Es bildet insgesamt eine gute Grundlage für qualitativ hochwertige frühkindliche Bildung in den Berliner Kitas, die individuell beziehungsweise Kita- und Trägerseitig ausgestaltet werden kann.” so Nierich abschließend.
Tag der Zahnschmerzen: Mit früher Mundhygiene zu langfristiger Zahngesundheit
Heute ist ein besonderer Tag: der Tag der Zahnschmerzen. Ein Tag, der uns daran erinnert, wie wichtig Zahngesundheit ist - und für uns ein Anlass, darauf aufmerksam zu machen, dass das Fundament für eine langfristige Zahngesundheit bereits im jungen Alter gelegt wird.
Heute ist ein besonderer Tag: der Tag der Zahnschmerzen. Ein Tag, der uns daran erinnert, wie wichtig Zahngesundheit ist - und für uns ein Anlass, darauf aufmerksam zu machen, dass das Fundament für eine langfristige Zahngesundheit bereits im jungen Alter gelegt wird.
Wie wichtig frühe Zahnhygiene ist, zeigt nicht zuletzt eine Neuerung im Zuge der Überarbeitung des Kindertagesförderungsgesetzes in Berlin: Seit Januar 2026 ist tägliches Zähneputzen in der Kita verpflichtend, ebenso wie regelmäßige zahnärztliche Vorsorgeuntersuchungen. Für die Mitgliedsträger des VKMK stellt dies zwar keine allzu große Neuerung dar, da in ihren Einrichtungen tägliches Zähneputzen bereits vor der Reform gelebter Alltag war. Vorsorgeuntersuchungen hingegen basierten bislang auf Freiwilligkeit und erforderten die Einwilligung der Eltern.
Mit dieser neuen Regelung wird frühe Zahnhygiene nun flächendeckend allen Kindern in Berliner Kitas zugänglich - mit einem klaren Ziel: präventiv Karies vorzubeugen, den Grundstein für eine gute Mundgesundheit zu legen und vor allem Chancengleichheit zu fördern – unabhängig vom familiären Hintergrund.
Entwicklung der Zahngesundheit bei Kindern
Über die letzten Jahrzehnte hinweg hat sich die Zahngesundheit von Kindern deutlich verbessert. Während Anfang der 1990er-Jahre nur etwa 14 % der 13-Jährigen kariesfrei waren, sind es inzwischen - laut der sechsten Deutschen Mundgesundheitsstudie (DMS) des Instituts der Deutschen Zahnärzte - 77,6 % der 12-Jährigen.
Auch bei der Kontrollgruppe der 8- bis 9-Jährigen zeigt sich ein deutlicher Fortschritt: In den ersten beiden DMS-Studien Anfang der 1990er-Jahre waren lediglich 21,1 % kariesfrei, heute sind es knapp 60 %. Gründe hierfür sind eine insgesamt verbesserte Mundhygiene sowie flächendeckende Präventionsangebote. Dennoch zeigen gerade die Zahlen der 8- bis 9-Jährigen, dass die Zahngesundheit im frühen Kindesalter weiterhin ausbaufähig ist.
Blicken wir nun gesondert auf Berlin, zeigt sich ein ähnliches Bild: Eine Datenanalyse der AOK Nordost auf Basis der Abrechnungsdaten aus dem Jahr 2024 zeigt, dass in Berlin 29 % der Sechsjährigen wegen Karies behandelt wurden - 2019 waren es noch 34 %. Bei jedem fünften behandlungsbedürftigen Kind wurde eine Krone eingesetzt, etwa aufgrund stark fortgeschrittener Karies, von Zahnunfällen oder von Zahnschmelzerkrankungen. Im Vergleich zu einer Analyse aus dem Jahr 2023 entspricht dies einem Anstieg von 18 %. Das am häufigsten vertretene Alter für einen Kroneneinsatz liegt dabei zwischen drei und fünf Jahren. Und wie sieht es mit den Vorsorgeuntersuchungen aus? Diese nahmen in Berlin weniger als die Hälfte der unter Sechsjährigen wahr - nämlich nur 44 %.
Soziale Ungleichheiten in der Zahngesundheit
Nun haben wir bereits festgestellt, dass Zahngesundheit und Prävention bei Kindern weiterhin optimierbar sind. Doch inwiefern ist eine flächendeckende Ausweitung von Präventionsangeboten in Kitas zugleich ein Beitrag zur Chancengleichheit?
Darauf gibt ebenfalls ein Blick in die sechste Deutsche Mundgesundheitsstudie Aufschluss. Trotz insgesamt positiver Entwicklungen bestehen weiterhin deutliche soziale Unterschiede: Während 84,7 % der 12-Jährigen mit hohem Bildungsstand kariesfrei sind, trifft dies nur auf 59,0 % der Kinder mit niedrigem Bildungsstand zu. Eine ähnlich große Differenz zeigt sich bei Kindern mit und ohne Migrationshintergrund: 87,9 % der 12-Jährigen ohne Migrationshintergrund sind kariesfrei, gegenüber lediglich 52,2 % der Kinder mit Migrationshintergrund.
Neben diesen Faktoren können auch das Haushaltseinkommen, die familiäre Stressbelastung, das Maß an Fürsorge, soziale Teilhabe, fehlende zielgruppenorientierte Gesundheitskommunikation sowie die allgemein bekannte Angst vor Zahnärztinnen und Zahnärzten Einfluss auf die Zahngesundheit von Kindern haben. Ergo sind es viele Faktoren, die sich im Grunde über alle Bevölkerungsschichten ziehen und die Zahngesundheit von Kindern entsprechend beeinträchtigen oder fördern können.
Warum Zahngesundheit schon im Kita-Alter entscheidend ist
Man könnte natürlich meinen, Kinder im Kita-Alter haben Milchzähne, die ohnehin ab einem bestimmten Alter ausfallen - weshalb also ist Zahngesundheit in so jungen Jahren so wichtig?
Ganz abgesehen von den Schmerzen, die durch Karies oder andere Zahnprobleme entstehen können, kann eine mangelhafte Mundgesundheit auch Auswirkungen auf die Allgemeingesundheit haben. Entzündungen im Mundraum können den gesamten Körper belasten, da Bakterien unter bestimmten Umständen in den Blutkreislauf gelangen können. Darüber hinaus können frühzeitige Zahnprobleme das Kieferwachstum sowie die Stellung der bleibenden Zähne beeinflussen. Karies an Milchzähnen erhöht zudem das Risiko für Karies an den nachfolgenden bleibenden Zähnen, da kariogene Bakterien im Mund verbleiben. Doch nicht nur gesundheitlich führen Zahnprobleme zu weiteren Komplikationen, sondern auch auf der Ebene der Sprachfähigkeit: gesunde Milchzähne sind eine wichtige Voraussetzung für eine gute Sprachentwicklung.
Die Rolle der Kita bei der Zahngesundheit
Kitas sind natürlich kein Ort, an dem durch den bloßen Besuch eine allgemein gute Mundhygiene garantiert wird. Die Hauptverantwortung hierfür liegt im Elternhaus - Kitas können diese Verantwortung und Vorbildfunktion nicht ersetzen. Eine nachhaltige und langfristige Zahngesundheit bei Kindern gelingt nur, wenn Maßnahmen zur Mundhygiene auch zu Hause regelmäßig umgesetzt werden.
Dennoch stellen Kitas einen wichtigen Präventionsort dar: Sie können allen Kindern die Bedeutung der Zahngesundheit vermitteln und den Zugang zu grundlegenden Voraussetzungen für Zahngesundheit ermöglichen. Durch das tägliche Zähneputzen in der Kita werden gesunde Routinen gefördert und das richtige Zähneputzen eingeüben. Zahnärztliche Vorsorgeuntersuchungen in der Kita können zudem Ängste abbauen, sodass Kinder auch noch später im Leben eine positive und entspannte Einstellung gegenüber Zahnarztbesuchen haben. Darüber hinaus eröffnen Kitas den Kindern den Zugang zu einer weiteren essentiellen Säule der Zahngesundheit: einer gesunden Ernährung, die auf frischen, unverarbeiteten Lebensmitteln basiert, viel Gemüse, Obst und Vollkornprodukte enthält und zuckerhaltige Snacks und Getränke meidet.
Der Tag der Zahnschmerzen erinnert uns daran, dass Zahnschmerzen in den meisten Fällen durch Präventionsmaßnahmen vermeidbar sind. Präventionsmaßnahmen, die alltäglich gelebte Routinen sind - von morgens über bis mittags bis abends - und idealerweise bereits im frühen Kindesalter zu einer Selbstverständlichkeit werden. Denn wer früh lernt, auf seine Zahngesundheit zu achten, schafft eine wichtige Basis für starke, schmerzfreie Zähne ein Leben lang.
Quellen:
AOK. (14.01.2026). Chancengleichheit in der Zahngesundheit: gesunde Zähne für alle Kinder. AOK. https://www.aok.de/pk/magazin/koerper-psyche/zaehne/zahngesundheit-bei-kindern-mit-praevention-chancengleichheit-schaffen/.
KZBV - Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung. (2025, April 15). Sechste deutsche Mundgesundheitsstudie (DMS 6) - KZBV. KZBV. https://www.kzbv.de/politik/konzepte-und-berichte/sechste-deutsche-mundgesundheitsstudie-dms-6/.
AOK - Nordost. (03.09.2025). Zu viele Kinder in Berlin gehen nur unregelmäßig zum Zahnarzt. AOK. https://www.aok.de/pp/nordost/pm/berlin-zahngesundheit-datenanalyse/.
Kita-Weltreise: Einblicke in die frühkindliche Bildung Wiens
Vor knapp einem Monat war der VKMK im Rahmen einer Erasmus-Reise mit der Gesellschaft für Europabildung in Wien unterwegs und ist dort über mehrere Tage hinweg in die frühkindliche Bildung eingetaucht.
Vor knapp einem Monat war der VKMK im Rahmen einer Erasmus-Reise mit der Gesellschaft für Europabildung in Wien unterwegs und ist dort über mehrere Tage hinweg in die frühkindliche Bildung eingetaucht. In Gesprächen mit einem Politiker, einer Vertreterin der Verwaltung, Pädagoginnen sowie einer Vertreterin einer Schule durften wir uns ein Bild der frühkindlichen Bildung aus unterschiedlichsten Perspektiven machen: Wie ist sie in Wien gestaltet? Welchen Stellenwert nimmt sie ein? Welche Herausforderungen gibt es? Und wie sehen die Rahmenbedingungen aus?
Kommt in den nächsten Zeilen mit uns auf eine kleine, spannende und informative Reise in die österreichische Hauptstadt.
So funktionieren Wiener Kitas: Zahlen, Fakten und Rahmenbedingungen
Unser erster Programmtag in Wien begann mit einem Ausflug in das Wiener Parlament und einem Austausch mit Christian Oxonitsch von der Sozialdemokratischen Partei Österreich. Er ist Abgeordneter zum Nationalrat sowie Mitglied unter anderem im Ausschuss für Familie und Jugend und im Bildungsausschuss.
Nachdem wir zunächst mit der Straßenbahn in die gänzlich entgegengesetzte Richtung gefahren waren, erreichten wir schließlich doch noch pünktlich das Parlament. Im Gespräch mit Herrn Oxonitsch wurde schnell deutlich, dass Deutschland und Österreich eine große Gemeinsamkeit teilen: den Föderalismus in Bildungsangelegenheiten. Bildung ist Ländersache und damit in allen neun österreichischen Bundesländern unterschiedlich gestaltet. Dennoch gibt es einige Aspekte, die sich über ganz Österreich erstrecken. Dazu zählt etwa das verpflichtende letzte Kita-Jahr, in dem Kinder mindestens 20 Stunden pro Woche an mindestens vier Tagen eine frühkindliche Bildungseinrichtung besuchen müssen. Ein weiterer – mehr oder weniger ausgeprägt vorhandener - Aspekt ist das Ansehen und der Stellenwert der frühkindlichen Bildung. Dieser zeigt sich bereits in der Frage, seit wann Kindertageseinrichtungen in Österreich gesetzlich als vollwertige Bildungseinrichtungen verankert sind – und das ist erst seit knapp zehn Jahren der Fall. Auch das Wording der Berufsbezeichnung gibt darüber Aufschluss: Die Bezeichnung „Elementarpädagogik“ ist in Österreich noch relativ neu, zuvor wurde allgemein von „Kindergärtner:innen“ gesprochen.
Im Austausch mit einer Elementarpädagogin eines freien Kita-Trägers wurde zudem deutlich, dass der Stellenwert der frühkindlichen Bildung in Teilen Österreichs noch immer hinterherhinkt. Kinder werden - insbesondere auf dem Land - häufig erst relativ spät in einer Kita angemeldet, da es weiterhin als verpönt gilt, Kinder in eine Betreuungseinrichtung zu geben. Im Vergleich zur Betreuungsquote in Deutschland zeigen sich jedoch nur marginale Unterschiede. So lag die Betreuungsquote der Unter-Dreijährigen in Österreich im Jahr 2024 bei 34,8 % (Deutschland: 37,8 %), bei den Über-Dreijährigen bei 94,3 % (Deutschland: 95,0 %). In Wien liegen die Quoten etwas höher: 46,4 % bei den Unter-Dreijährigen (Berlin: 49,4 %) und 93,5 % bei den Über-Dreijährigen (Berlin: 99,0 %).
Doch nun richten wir den Blick wieder auf Wien und insbesondere auf die Rahmenbedingungen, die wir am letzten Tag unseres Aufenthalts im Austausch mit einer Vertreterin der Verwaltung kennenlernen durften.
Der Großteil der Kindertageseinrichtungen in Wien ist in privater Trägerschaft, nur 37 % der Kita-Plätze werden von der Stadt Wien gestellt. Um ein Kind in einer Kita anmelden zu können, erhält jedes Kind eine sogenannte Kindergartennummer - vergleichbar mit dem Kita-Gutschein in Berlin. In den städtischen Kitas ist ein Platz grundsätzlich kostenfrei, lediglich die Kosten für das Mittagessen in Höhe von 90 € pro Monat müssen vollständig übernommen werden. Eltern müssen jedoch einen Nachweis darüber erbringen, ob sie berufstätig sind. Ist dies der Fall, hat ihr Kind einen Anspruch auf einen Betreuungsplatz. In privaten Kitas können Eltern ihr Kind hingegen auch ohne Arbeitsnachweis anmelden. Diese Einrichtungen erhalten von der Stadt Wien eine Pro-Kopf-Finanzierung in Höhe von 280 € pro Kind und Monat - unabhängig von der Betreuungsdauer. Alle darüber hinausgehenden Kosten, etwa für Miete, Instandhaltung oder Ähnliches, werden über Elternbeiträge finanziert.
Pro Woche stehen den Pädagog:innen 34 Stunden für die direkte pädagogische Arbeit zur Verfügung. Die übrigen Stunden entfallen auf Vor- und Nachbereitungszeiten. Der Personalschlüssel ist in Wien tatsächlich anders ausgestaltet als in Deutschland - was nicht zuletzt einem massiven Personalmangel geschuldet ist, den wir selbst vor etwa zwei Jahren noch erlebt haben. In Gruppen für Kinder unter drei Jahren liegt das gesetzlich vorgeschriebene Verhältnis bei 1:15, in Gruppen für Kinder über drei Jahren bei 1:25 und in altersübergreifenden Gruppen bei 1,5:20. Dabei wird jede:r Pädagog:in von einer Assistenzkraft unterstützt. Die Voraussetzungen, um als Assistenzkraft tätig zu sein, beschränken sich auf den Nachweis eines B2-Niveaus in der deutschen Sprache. Im Kita-Alltag übernehmen Assistenzkräfte neben Aufgaben in den Gruppen häufig auch hauswirtschaftliche Tätigkeiten, etwa Reinigungsarbeiten. Im Gespräch mit einer Pädagogin aus einer privaten Kita wurde deutlich, dass die Fachkräfte den Personalschlüssel grundsätzlich als angemessen empfinden. Als größeres Problem wird jedoch die Gruppengröße benannt, viele wünschen sich kleinere Gruppen.
Inklusion unter Druck: Zwischen Anspruch und Ressourcen
Während bereits ein erheblicher Mangel an ausgebildeten pädagogischen Fachkräften besteht, ist der Mangel an Inklusionsfachkräften noch deutlich größer. Dies hat zur Folge, dass Kinder mit Inklusionsstatus häufig in regulären Gruppen betreut werden - oft auch ohne zusätzliche Inklusionsfachkräfte. In einer kommunalen Kita, die wir besucht haben, wurde uns berichtet, dass private Kita-Träger häufig keine Kinder mit Inklusionsstatus aufnehmen. Grund dafür ist, dass sie aufgrund des Mangels an Inklusionsfachkräften eine bedarfsgerechte Bildung, Betreuung und Förderung nicht gewährleisten können. Da jedoch jedes Kind mit Förderbedarf - auch Kinder, deren Eltern nicht erwerbstätig sind - einen Anspruch auf 30 Stunden Betreuung pro Woche hat, werden Kinder mit Inklusionsstatus überwiegend in kommunalen Kitas aufgenommen. In der Folge werden rund 98 % aller Kita-Kinder mit Inklusionsstatus in kommunalen Einrichtungen betreut.
In einer privaten Kita wurde uns erklärt, wie dort vorgegangen wird, wenn ein Kind mit Inklusionsstatus angemeldet wird. Gemeinsam mit dem Team und den Eltern wird das weitere Vorgehen besprochen: Was braucht das Kind? Welche Unterstützung können die Eltern leisten? Was können die pädagogischen Fachkräfte übernehmen? Trauen sie sich diese Aufgabe - trotz fehlender Ausbildung zur Inklusionsfachkraft - zu? Und verfügen sie über ausreichend Kapazitäten, um sich eigenständig weiterzubilden? Auf dieser Grundlage wird das pädagogische Konzept der Kita entsprechend angepasst und der Stadt vorgelegt. Für die Betreuung von Kindern mit Inklusionsstatus erhalten Kitas nur eine geringe zusätzliche Finanzierung, die meist in die Reduktion der Gruppengröße investiert wird. Die Betreuung und Förderung funktioniert dabei jedoch nur dann gut, wenn auch die Eltern aktiv mitarbeiten und ihr Kind zusätzlich im privaten Umfeld fördern.
In eben dieser privaten Kita wurden wir zudem auf eine weitere Herausforderung aufmerksam gemacht, die sich auch in Deutschland zeigt: Viele Kinder mit Förderbedarf verfügen noch über keine Diagnose, wenn sie in die Kita kommen. Gleichzeitig bringen Kinder zunehmend psychische Belastungen mit. Große Themen sind dabei unter anderem der hohe Medienkonsum und dessen Folgen sowie die Auswirkungen der Pandemie. In der Folge werden faktisch in nahezu jeder Gruppe Kinder mit besonderen Förderbedarfen betreut. Zur Dokumentation und Bewertung der Entwicklungsfortschritte sind Kitas verpflichtet, Kinder zu beobachten und zu dokumentieren; konkrete Beobachtungsinstrumente - wie etwa BeoKiz in Berlin - sind dabei jedoch nicht vorgeschrieben. Wird während der Kita-Zeit ein besonderer Förderbedarf vermutet und eine Entwicklungsdiagnostik angestoßen, kann es bis zu anderthalb Jahre dauern, bis eine Diagnose vorliegt - kaum Zeit, um in der verbleibenden Kita-Zeit noch angemessen reagieren zu können. Wird ein Kind bei der Einschulung noch nicht als schulfähig eingeschätzt, kann es zurückgestellt werden. Es besucht dann jedoch keine Kita mehr, sondern eine Vorschule, die direkt an eine Schule angebunden ist. Dort werden die Kinder von Volksschullehrer:innen betreut, mit einem Schwerpunkt auf Sprachförderung und Sprachbildung.
Ausbildungswege in der Elementarpädagogik
Nun wissen wir, wie die Rahmenbedingungen der frühkindlichen Bildung in Wien in etwa aussehen und dass insbesondere der Personalmangel eine große Herausforderung darstellt. Daher richten wir den Blick nun auf die Ausbildung pädagogischer Fachkräfte. Eine entsprechende Ausbildungsstätte durften wir bereits am ersten Tag nach unserem Parlamentsbesuch kennenlernen.
In Österreich tragen diese Ausbildungsstätten die Bezeichnung „Bildungsanstalt für Elementarpädagogik“. Bereits der Name verdeutlicht, dass die Ausbildung gezielt auf den frühkindlichen Bereich ausgerichtet ist. Denn anders als in Deutschland dürfen in österreichischen Kindertageseinrichtungen ausschließlich ausgebildete Elementarpädagog:innen als Fachkräfte arbeiten. Sozialpädagog:innen müssen, sofern sie in der frühkindlichen Bildung tätig sein möchten, einen zusätzlichen einjährigen Lehrgang absolvieren, der sich ausschließlich mit dem Elementarbereich befasst. Die Ausbildung zur Elementarpädagogik liegt in Österreich grundsätzlich in der Zuständigkeit des Bundes - mit Ausnahme von Wien, das über eigene kommunale Bildungsanstalten verfügt. Neben der „klassischen“ Ausbildung an einer Bildungsanstalt haben sich in den vergangenen Jahren - nicht zuletzt aufgrund des Fachkräftemangels - zahlreiche alternative Ausbildungswege entwickelt, etwa an pädagogischen Hochschulen oder Fachhochschulen. Zudem besteht die Möglichkeit, die Matura direkt an einer Bildungsanstalt für Elementarpädagogik zu absolvieren. Diese Ausbildung beginnt nach dem achten Schuljahr und erstreckt sich über fünf Jahre. Neben elementarpädagogischen Inhalten wird auch Allgemeinbildung vermittelt, sodass Absolvent:innen nach Abschluss der Matura sowohl direkt in die Praxis einsteigen können als auch die Zugangsvoraussetzung für ein Studium erwerben. Die Erfahrungen aus den Bildungsanstalten zeigen jedoch, dass rund 97 % der Matura-Absolvent:innen letztlich nicht in einer Kita tätig werden. Die Einführung der Matura-Ausbildung stellt damit einen wesentlichen Faktor im bestehenden Personalmangel dar. Grundsätzlich ist die Ausbildung zur Elementarpädagogik entgeltfrei, mit Ausnahme der kommunalen Bildungsanstalten der Stadt Wien. Dort erhalten die Studierenden während ihrer Ausbildung ein kleines Gehalt, verpflichten sich im Gegenzug jedoch, im Anschluss für fünf Jahre im Dienst der Stadt Wien zu arbeiten.
In der von uns besuchten Bildungsanstalt für Elementarpädagogik wurde uns zudem erklärt, dass jede Bildungsanstalt über einen Praxiskindergarten verfügen muss, in dem Auszubildende ihre Praxisphasen absolvieren. Da die Platzkapazitäten dieser Praxiskindergärten in der Regel nicht ausreichen, um alle Auszubildenden aufzunehmen, absolvieren viele ihre Praxisphasen auch in anderen Kindergärten im gesamten Wiener Stadtgebiet. Neben den Auszubildenden sind in den Praxiskindergärten auch Lehrkräfte der Bildungsanstalt tätig, wodurch die Personalkapazität dort deutlich höher ist als in anderen Kindergärten. Für Kinder und Familien bringt ein Praxiskindergarten jedoch auch besondere Herausforderungen mit sich: So kommt es zu einem häufigen Wechsel der Bezugspersonen sowie zu einer vergleichsweise hohen Anzahl an Schließtagen, da die Einrichtungen während der Schulferien geschlossen sind. Dennoch entscheiden sich viele Eltern bewusst dafür, ihr Kind in einem Praxiskindergarten anzumelden.
Die von uns besuchte Bildungsanstalt für Elementarpädagogik legt in der Ausbildung einen sehr hohen Stellenwert auf Biografie- und Reflexionsarbeit als wichtige Voraussetzung für qualitativ hochwertige Bildungsarbeit. So gibt es neben einer Reihe von Seminaren im ersten Semester die sogenannte „Ich-Werkstatt“, in der sich Studierende intensiv mit der eigenen Biografie und Selbstreflexion beschäftigen. Im zweiten Semester wird darauf mit einer „Wir-Werkstatt“ aufgebaut, in der der Fokus auf Gemeinschaft und Zusammenarbeit liegt.
Frühkindliche Bildung in der Praxis: Drei Kitas, drei Wege
Wie also wird frühkindliche Bildung in der Praxis gestaltet? Dies durften wir bei Besuchen von insgesamt drei unterschiedlichen Kindertagesstätten erfahren.
Zweisprachig, nachhaltig und draußen
Am zweiten Tag unserer Wien-Reise besuchten wir einen privaten Kindergarten, der ein bilinguales Konzept - Deutsch und Englisch - verfolgt und zugleich einen großen Schwerpunkt auf Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein legt. Zur Umsetzung des bilingualen Konzepts sind in dieser Kita pro Fachkraft zwei Assistenzkräfte tätig: eine deutsch- und eine englischsprachige. Ihre zentrale Aufgabe besteht darin, den Spracherwerb der Kinder in der jeweiligen Sprache gezielt zu unterstützen. Der Umwelt- und Nachhaltigkeitsaspekt ist in dieser Kita auf vielfältige Weise in den Alltag integriert. Dazu zählen unter anderem nachhaltiges und allergiefreundliches Essen, ein bewusster Umgang mit Müll sowie größere Projekte wie sogenannte Umweltwochen, in denen sich die Kinder intensiv mit entsprechenden Themen auseinandersetzen. Ein besonderes Highlight stellt zudem eine Outdoorgruppe dar: eine Gruppe, die den ganzen Tag - bei Regen, Matsch und Sonnenschein - im Freien auf dem großzügigen Außengelände der Kita verbringt. Für ihr Engagement im Bereich Nachhaltigkeit wurde die Kita sogar mit dem Österreichischen Umweltzeichen ausgezeichnet.
Bewegung von Anfang an
Die zweite Kita, die wir besucht haben, war ebenfalls in privater Trägerschaft und setzte einen klaren Schwerpunkt auf Sport und Bewegung. Ziel der Einrichtung ist es, die Entwicklung der Kinder von Beginn an ganzheitlich durch Bewegung zu fördern. Dies geschieht unter anderem durch Ausflüge, bewegungsorientierte Spiele sowie die Zusammenarbeit mit Physiotherapeut:innen. Während unseres Besuchs in dieser Kita lag der Fokus des Austauschs jedoch vor allem auf den allgemeinen Rahmenbedingungen der frühkindlichen Bildung sowie auf politischen und gesellschaftlichen Themen - es handelt sich dabei um jene Kita, die im Text bereits mehrfach erwähnt wurde. Daher erhielten wir im Vergleich zu den anderen beiden Einrichtungen weniger spezifische Informationen zum pädagogischen Konzept vor Ort.
Inklusion mit Geschichte
Unser dritter und letzter Kita-Besuch führte uns in eine kommunale Einrichtung, die in einem Gebäude von großer historischer Bedeutung untergebracht ist. Bereits 1948 wurde hier der Grundstein gelegt, und 1949 eröffnete an diesem Ort der erste Sonderkindergarten Europas - ermöglicht durch finanzielle Unterstützung aus der Schweiz. Der Sonderkindergarten war offen für Kinder der Nachkriegsjahre mit unterschiedlichen Förderbedarfen, darunter körperliche, soziale und ökonomische. Insgesamt gab es sechs Gruppen: eine für körperbehinderte Kinder, eine für sehbehinderte und blinde Kinder, eine für hörbehinderte und taube Kinder, eine für geistig schwerstbehinderte Kinder, eine für schwererziehbare Kinder sowie eine Gruppe für Kinder ohne Behinderung. Bereits bei der Planung der Architektur wurden die besonderen Bedarfe der Kinder berücksichtigt. Die Decken wurden bewusst niedriger gestaltet, um eine heimelige Atmosphäre zu schaffen. Lediglich ein Raum verfügte über eine hohe Decke: der Gruppenraum der sehbehinderten Kinder, um mehr Tageslicht hereinzulassen und das Sehen zu erleichtern. Zudem wurde schon damals ein Schwimmbecken in das Gebäude integriert, das der Förderung der körperlichen Mobilität diente. Die Kinder erhielten in diesem Kindergarten vielfältige therapeutische Unterstützung. Gleichzeitig war der Sonderkindergarten auch ein Ort wissenschaftlicher Forschung. Zu diesem Zweck wurden neben den Gruppenräumen kleine Beobachtungsräume mit Fenstern eingerichtet, durch die Wissenschaftler:innen das Gruppengeschehen für Studien beobachten konnten. Heute verfügt der Kindergarten über insgesamt neun Gruppen, davon drei heilpädagogische Gruppen und sechs Integrationsgruppen. In den heilpädagogischen Gruppen werden jeweils bis zu zwölf Kinder von zwei (inklusiven) Elementarpädagog:innen sowie zwei Assistent:innen betreut. In den Integrationsgruppen werden jeweils 20 Kinder von einer inklusiven Elementarpädagog:in, einer weiteren Elementarpädagog:in und zwei Assistent:innen begleitet. Das Schwimmbad ist - inzwischen modernisiert - weiterhin Teil des Förderangebots. Darüber hinaus gibt es Rückzugsräume für Kinder, denen der Gruppenalltag zeitweise zu viel wird, ein großes Außengelände zum Austoben sowie zahlreiche weitere Unterstützungsangebote, darunter physiotherapeutische Begleitung und gebärdenunterstützende Kommunikation.
Alles in allem war es eine unglaublich spannende Erasmus-Reise, die deutlich gemacht hat, dass frühkindliche Bildung - auch in Nachbarländern wie Österreich - in manchen Punkten sehr verschieden und in vielen Aspekten doch erstaunlich ähnlich ist. Im Mittelpunkt steht dabei stets das gemeinsame Ziel aller Beteiligten: Kindern trotz herausfordernder Rahmenbedingungen die bestmögliche Unterstützung und Förderung für eine ganzheitliche Entwicklung zu ermöglichen.
Tag 1
Parlamentsbesuch & Besuch einer Bildungsanstalt für Elementarpädagogik
Tag 2
Besuch zweier privater Kindergärten
Tag 3
Austausch mit einer Vertreterin der Verwaltung & Besuch eines kommunalen Kindergartens
Blackout in Berlin: Stromausfall in Steglitz-Zehlendorf – Kitas handlungsfähig und verlässlich
Blackout in Berlin: Stromausfall in Steglitz-Zehlendorf – Kitas handlungsfähig und verlässlich
Berlin, 05. Januar 2026: Der Stromausfall in Berlin Steglitz-Zehlendorf stellt betroffene Kitas vor erhebliche organisatorische Herausforderungen. Unsere Mitgliedsträger haben umgehend und eigenständig reagiert. Sie haben sich für jede betroffene Einrichtung ein belastbares Lagebild verschafft und standen fortlaufend im engen Austausch mit den Eltern, um standortspezifische und tragfähige Lösungen zu vereinbaren.
Ein exemplarisches Beispiel ist der betroffene Kitaträger Kiddies Family, der unter der Leitung seiner Geschäftsführerin Dr. Pfänder-Morrice bereits am Sonntag für alle betroffenen Einrichtungen konkrete Lösungen mit den Eltern abgestimmt hat.
Dabei wurde pragmatisch und verantwortungsvoll vorgegangen: Unter Berücksichtigung von Brandschutz und Sicherheit wurde bei den zuständigen Verwaltungen kurzfristig eine zeitlich begrenzte Überbelegung in anderen Einrichtungen des Trägers erbeten, um die Betreuung der Kinder sicherzustellen.
Dank dieses koordinierten Vorgehens können nahezu alle Kinder aus den betroffenen Einrichtungen bereits am Montag in anderen Kitas ihrer jeweiligen Träger betreut werden. Sie sehen ihre Freundinnen und Freunde wieder und können gemeinsam verlässlich in die neue Woche starten.
Positiv hervorzuheben ist zudem, dass sich die zuständige Senatorin Katharina Günther-Wünsch kurzfristig und telefonisch gezielt beim VKMK – Der Kitaverband – zum Befinden der Einrichtungen sowie zum aktuellen Zwischenstand informiert hat. Dieses direkte Interesse und der schnelle Austausch sind in einer solchen Blackout-Lage ausdrücklich zu würdigen.
Der VKMK dankt allen beteiligten Trägern, Leitungen und Fachkräften für ihr professionelles, besonnenes und verantwortungsvolles Handeln im Sinne der Kinder und Familien.
Kita-Finanzierung: RVTag schafft keine Entlastung – Berliner Kitas müssen weiterhin am Limit operieren
Der VKMK – Der Kitaverband bewertet den Abschluss der Rahmenvereinbarung über die Finanzierung der Berliner Kitas zurückhaltend.
Der VKMK – Der Kitaverband bewertet den Abschluss der Rahmenvereinbarung über die Finanzierung der Berliner Kitas zurückhaltend.
Die mehrstufige Anpassung der Sachkostenpauschale gleicht lediglich Teile des aktuellen Kostenniveaus aus. Künftige Kostensteigerungen, etwa bei Mieten, Nebenkosten und Instandhaltung, werden dadurch nicht refinanziert.
„Das Kita-System funktioniert noch, wobei bereits rund 2.000 Plätze durch Insolvenzen einzelner Träger verloren gegangen sind und weitere etwa 2.500 Plätze derzeit von einer Schließung bedroht sind. Die weiterhin geöffneten Einrichtungen operieren ohne nennenswerte finanzielle Reserven“, erklärt Lars Békési, Geschäftsführer des VKMK.
Hinzu kommt die demografische Entwicklung: Die kindbezogene Finanzierung trifft auf sinkende Geburtenzahlen. Békési: „Weniger Kinder bedeuten für Träger geringere Einnahmen bei gleichbleibenden Fixkosten“
Das RVTag-Ergebnis ist gegenwärtig weder eindeutig positiv noch negativ. „Die Finanzierung bleibt weiterhin eine wesentliche Herausforderung, auf die Träger ihre Planung ausrichten müssen“, betont Békési abschließend.
Sparen auf dem Rücken der Kleinsten: Berliner Senat streicht Sprachförderung für zehntausende Kinder
Immer mehr Kinder haben Probleme mit der Sprache – doch statt die Sprachförderung zu intensivieren, setzt das Land Berlin genau hier den Rotstift an: Ab 2026 sollen auf dem Rücken der Kleinsten unserer Gesellschaft 40 Millionen Euro eingespart werden – mit dramatischen Folgen für Kitas, Kinder und Schulen.
Immer mehr Kinder haben Probleme mit der Sprache – doch statt die Sprachförderung zu intensivieren, setzt das Land Berlin genau hier den Rotstift an: Ab 2026 sollen auf dem Rücken der Kleinsten unserer Gesellschaft 40 Millionen Euro eingespart werden – mit dramatischen Folgen für Kitas, Kinder und Schulen.
Konkret geht es um den sogenannten Partizipationszuschlag, der ab 2026 an Berliner Kitas eingeführt werden soll. „Der Name ‚Partizipationszuschlag‘ ist gänzlich irreführend, denn unter Partizipation versteht man eigentlich, dass alle teilhaben und mitwirken können. Der Partizipationszuschlag jedoch schließt de facto mehrere zehntausend Kinder von dringend benötigter Sprachförderung aus. Er hat also nichts mit Partizipation, sondern vielmehr mit Exklusion zu tun.“, betont Lars Békési, Geschäftsführer des VKMK - Der Kitaverband, mit Nachdruck.
Mit dem sogenannten Partizipationszuschlag soll künftig die Sprachförderung für Kinder nichtdeutscher Herkunft sowie für Kinder aus sozialen Brennpunkten gestrichen werden. In Summe betrifft das rund 85.000 Kinder. Stattdessen soll Sprachförderung künftig nur noch denjenigen Kindern zustehen, die Leistungen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket beziehen – aktuell etwa 22.300. Und auch das nur, wenn in ihrer Kita mindestens 20 Prozent der Kinder Leistungen aus diesem Paket erhalten. Dies verkauft der Senat als wichtigen Schritt hin zu mehr Chancengerechtigkeit. Doch wer nachrechnet, erkennt schnell: Künftig werden tausende Kinder bei der Förderung auf der Strecke bleiben, mit drastischen Auswirkungen auf ihren gesamten Bildungs- und Lebensweg. “Der Berliner Senat nimmt hier in Kauf, die Startbedingungen einer großen Gruppe an Kinder für Einsparungen im Haushalt zu opfern – das ist bildungspolitisch kurzsichtig und gesellschaftlich fatal.”
Die Folgen dieser Sparmaßnahme bei der frühkindlichen Sprachförderung werden insbesondere die Schulen in zwei bis drei Jahren massiv zu spüren bekommen. Schon jetzt ist vielerorts von Überlastung und drohenden Burnouts unter Lehrkräften die Rede. „Wenn die Schulen künftig auch noch die Sprachdefizite ausgleichen müssen, die aufgrund des Partizipationszuschlags nicht frühzeitig angegangen werden konnten, wird das Schulsystem auf kurz oder lang an seine Grenzen kommen. Wir fragen uns, wie das funktionieren soll. Das Land verlagert hier eindeutig das Problem auf die Schultern der Grundschullehrkräfte – sie müssen künftig die Folgen einer zu kurz gedachten Berliner Sparpolitik tragen“, so Lars Békési.
Doch auch in den Kitas wird es unmittelbare Auswirkungen geben: Durch die Kürzung der Sprachförderung werden zwangsläufig auch Stellen wegfallen. Manche Einrichtungen können dies möglicherweise noch kompensieren, weil sie personell und finanziell gut aufgestellt sind. Andere hingegen werden Fachkräfte entlassen müssen – und das in einer Zeit, in der ohnehin bereits viele Pädagog:innen aufgrund des Geburtenrückgangs um ihre Jobs bangen. Der Senat hat zwar groß angekündigt, alle Fachkräfte im System halten zu wollen – doch die Gesetze, die er beschließt, sprechen eine andere Sprache. Der VKMK – Der Kitaverband fordert daher den Berliner Senat auf, die geplanten Kürzungen zurückzunehmen und stattdessen ein System zu etablieren, das Kinder mit Förderbedarf auch tatsächlich unterstützt. Nur so kann verhindert werden, dass Kindergruppen gegeneinander ausgespielt werden, mehrere zehntausend Kinder durchs Raster fallen und ihre Startbedingungen weiter verschlechtert werden.
Der Partizipationszuschlag: Wenn Haushaltspolitik Kindern die Sprache nimmt
Was bedeutet eigentlich Partizipation in der frühkindlichen Bildung? Sie bedeutet, dass alle Kinder gleichberechtigt am Alltag teilhaben können, aktiv in Entscheidungsprozesse einbezogen werden und erfahren: Ihre Stimme zählt – ebenso wie die der anderen.
Der Berliner Senat will die Kita-Förderung neu ordnen – und verschärft damit Bildungsungleichheit.
Ein Gastbeitrag von Lars Békési im Tagesspiegel
Der folgende Beitrag erschien als Gastbeitrag im Tagesspiegel am 10.11.2025.
Was bedeutet eigentlich Partizipation in der frühkindlichen Bildung? Sie bedeutet, dass alle Kinder gleichberechtigt am Alltag teilhaben können, aktiv in Entscheidungsprozesse einbezogen werden und erfahren: Ihre Stimme zählt – ebenso wie die der anderen.
Der Berliner Senat scheint jedoch eine andere Vorstellung davon zu haben, was Teilhabe bedeutet. Mit der geplanten Einführung des sogenannten Partizipationszuschlags wird deutlich, dass finanzpolitische Erwägungen offenbar schwerer wiegen als Chancengerechtigkeit für alle Berliner Kinder.
Worum geht es konkret? Um die Verteilung von Personalzuschlägen, mit denen Kitas zusätzliches Personal einstellen können, um Kinder mit Förderbedarfen besser und gezielter zu unterstützen. Bislang wurden solche Zuschläge gewährt, wenn Kinder aus sozialen Brennpunkten kommen oder nicht deutscher Herkunft sind. Insgesamt betraf dies zum Stichtag 31.12.2023 rund 85.000 Kita-Kinder in Berlin. Für knapp 66.000 von ihnen wurde ein Personalzuschlag ausgezahlt. Künftig sollen Zuschläge für zusätzliches Personal ausschließlich Kindern gewährt werden, die Leistungen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket (BuT) beziehen. In Berlin waren das im Jahr 2023 rund 22.300 Kita-Kinder. Diese Zuschläge werden jedoch erst ab einer bestimmten Quote ausgezahlt: wenn mindestens 20 Prozent der Kinder in einer Einrichtung BuT-Leistungen beziehen. Die Begründung dafür lautet: Insbesondere Kinder aus sozioökonomisch schwachen Familien haben Schwierigkeiten im Bildungssystem und weisen erhöhte Förderbedarfe auf. Das mag ein Teil der Wahrheit sein – aber eben nicht die ganze. Und genau deshalb ist diese neue Zuschlagsregelung in mehrfacher Hinsicht fatal.
So hat eine Erhebung des Paritätischen Gesamtverbands ergeben, dass fast 90% der BuT-anspruchsberechtigten Kindern in Berlin keine Leistungen beziehen. Der Berliner Senat geht jedoch davon aus, dass sich die Zahl der BuT-beziehenden Kinder mit Einführung des Partizipationszuschlags verdoppeln wird. Zur Begründung heißt es, Kitas hätten ein Interesse daran, den Kindern weiterhin Förderung durch zusätzliches Personal zu ermöglichen. Daher werde erwartet, dass sie Eltern dazu bewegen, BuT-Leistungen zu beantragen. Damit überträgt die Politik den Einrichtungen jedoch Aufgaben, die nicht in ihrer originären Verantwortung liegen.
Doch selbst wenn alle anspruchsberechtigten Kinder BuT-Leistungen erhielten, bliebe eine große Gruppe außen vor. Dazu gehören etwa Kinder aus Familien mit niedrigem Einkommen. Sie zählen ebenfalls zu den sozioökonomisch benachteiligten Gruppen, werden aber nicht berücksichtigt. Auch Kinder, die die deutsche Sprache aufgrund ihrer Herkunft nicht vollständig beherrschen, fallen künftig durchs Raster. Denn der Senat geht davon aus, dass Kinder ohne BuT-Bezug Eltern haben, die private Sprachförderung finanzieren können. Das jedoch geht an der Lebensrealität vieler Familien vorbei.
Unseren letzten Kritikpunkt an dieser Neuregelung müssen wir gar nicht selbst formulieren. Stattdessen möchten wir die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie zitieren. Sie erläutert selbst, warum eine solche merkmalsbasierte Kategorisierung bei der Umsetzung von Unterstützungssystemen und der bedarfsgerechten Verteilung von Ressourcen in Berlin nicht funktioniert – in diesem Fall bezogen auf Schulen: “Oft wird die soziostrukturelle Situation einer Schule auf der Grundlage einzelner oder weniger Merkmale betrachtet. Im Vordergrund standen hier oft prozentuale Grenzwerte, um Ungleichheiten zwischen den Schulen sichtbar zu machen. Dabei sind feste Grenzwerte immer dann problematisch, wenn diese nur knapp unter- oder überschritten werden und Schulen z.B. aus Programmen und Zumessungen wieder herausfallen, obwohl sich die Datenlage nur geringfügig geändert hat. Die zunehmenden Herausforderungen einer Schule durch soziale Herkunft der Schülerinnen und Schüler, Integration, geographische Lage etc. blieben so oft unberücksichtigt.” Dieses Argument lässt sich eins zu eins auch auf Kitas übertragen: Ein einziges Merkmal, auf das zusätzlich noch ein prozentualer Grenzwert angewandt wird, bildet weder die tatsächlichen Herausforderungen einer Berliner Kita ab, noch den Bedarf an zusätzlicher Förderung.
Wenn der Partizipationszuschlag in dieser Form eingeführt wird, hätte das weitreichende Konsequenzen für unser Bildungssystem – für Kitas, Schulen und vor allem für die Zukunft der Kinder. Kinder mit Förderbedarfen würden nicht die Unterstützung erhalten, die sie benötigen. Sie starteten mit schlechteren Chancen in die Schule – ein Nachteil, der sie durch ihre gesamte Bildungsbiografie bis hin ins Berufsleben begleiten würde. Kitas müssten Personal entlassen, weil ihnen die notwendigen Ressourcen fehlen. Schulen wiederum müssten die Förderbedarfe auffangen, die in der frühkindlichen Bildung unberücksichtigt blieben. Und das in einer Zeit, in der regelmäßig von Überlastung und zunehmender Burnout-Gefahr unter Lehrkräften zu lesen ist.
Im Berliner Schulsystem hat der Senat aus solchen Fehlern gelernt: Dort wird die Ressourcenverteilung inzwischen anhand eines sozialen Index bemessen – unter Berücksichtigung mehrerer Merkmale wie nichtdeutscher Herkunftssprache, BuT-Bezug, räumlicher Lage und Personalausstattung.
Warum also hält der Senat im Kitabereich an einem überholten Modell fest? Eine Vermutung liegt nahe: Einsparungen. Offiziell heißt es zwar, der Partizipationszuschlag sei kostenneutral. Tatsächlich lassen sich damit jedoch rund 40 Millionen Euro sparen. Bildungs- und Teilhabemittel stammen zudem aus Bundesgeldern, nicht aus dem Landeshaushalt.
Der Berliner Senat nennt seine Kürzungen „Partizipationszuschlag“. In Wahrheit aber ist er das Gegenteil: Er schwächt jene, die Teilhabe dringend brauchen und erlaubt Sparen auf dem Rücken der Kinder. Wir fordern deshalb mit Nachdruck, dass der Senat die geplanten Kürzungen in Form des Partizipationszuschlags zurücknimmt. Stattdessen braucht es eine bedarfsgerechte und zielgerichtete Förderung für alle Kinder durch eine Ressourcenverteilung auf Basis sozialer Indizes. So kann Gießkannenpolitik vermieden werden, ebenso wie das Gegeneinander-Ausspielen von Kindergruppen und das Durchrutschen mehrerer zehntausend Kinder durch das Raster.