Kita-Weltreise: Einblicke in die frühkindliche Bildung Wiens
Vor knapp einem Monat war der VKMK im Rahmen einer Erasmus-Reise mit der Gesellschaft für Europabildung in Wien unterwegs und ist dort über mehrere Tage hinweg in die frühkindliche Bildung eingetaucht.
Vor knapp einem Monat war der VKMK im Rahmen einer Erasmus-Reise mit der Gesellschaft für Europabildung in Wien unterwegs und ist dort über mehrere Tage hinweg in die frühkindliche Bildung eingetaucht. In Gesprächen mit einem Politiker, einer Vertreterin der Verwaltung, Pädagoginnen sowie einer Vertreterin einer Schule durften wir uns ein Bild der frühkindlichen Bildung aus unterschiedlichsten Perspektiven machen: Wie ist sie in Wien gestaltet? Welchen Stellenwert nimmt sie ein? Welche Herausforderungen gibt es? Und wie sehen die Rahmenbedingungen aus?
Kommt in den nächsten Zeilen mit uns auf eine kleine, spannende und informative Reise in die österreichische Hauptstadt.
So funktionieren Wiener Kitas: Zahlen, Fakten und Rahmenbedingungen
Unser erster Programmtag in Wien begann mit einem Ausflug in das Wiener Parlament und einem Austausch mit Christian Oxonitsch von der Sozialdemokratischen Partei Österreich. Er ist Abgeordneter zum Nationalrat sowie Mitglied unter anderem im Ausschuss für Familie und Jugend und im Bildungsausschuss.
Nachdem wir zunächst mit der Straßenbahn in die gänzlich entgegengesetzte Richtung gefahren waren, erreichten wir schließlich doch noch pünktlich das Parlament. Im Gespräch mit Herrn Oxonitsch wurde schnell deutlich, dass Deutschland und Österreich eine große Gemeinsamkeit teilen: den Föderalismus in Bildungsangelegenheiten. Bildung ist Ländersache und damit in allen neun österreichischen Bundesländern unterschiedlich gestaltet. Dennoch gibt es einige Aspekte, die sich über ganz Österreich erstrecken. Dazu zählt etwa das verpflichtende letzte Kita-Jahr, in dem Kinder mindestens 20 Stunden pro Woche an mindestens vier Tagen eine frühkindliche Bildungseinrichtung besuchen müssen. Ein weiterer – mehr oder weniger ausgeprägt vorhandener - Aspekt ist das Ansehen und der Stellenwert der frühkindlichen Bildung. Dieser zeigt sich bereits in der Frage, seit wann Kindertageseinrichtungen in Österreich gesetzlich als vollwertige Bildungseinrichtungen verankert sind – und das ist erst seit knapp zehn Jahren der Fall. Auch das Wording der Berufsbezeichnung gibt darüber Aufschluss: Die Bezeichnung „Elementarpädagogik“ ist in Österreich noch relativ neu, zuvor wurde allgemein von „Kindergärtner:innen“ gesprochen.
Im Austausch mit einer Elementarpädagogin eines freien Kita-Trägers wurde zudem deutlich, dass der Stellenwert der frühkindlichen Bildung in Teilen Österreichs noch immer hinterherhinkt. Kinder werden - insbesondere auf dem Land - häufig erst relativ spät in einer Kita angemeldet, da es weiterhin als verpönt gilt, Kinder in eine Betreuungseinrichtung zu geben. Im Vergleich zur Betreuungsquote in Deutschland zeigen sich jedoch nur marginale Unterschiede. So lag die Betreuungsquote der Unter-Dreijährigen in Österreich im Jahr 2024 bei 34,8 % (Deutschland: 37,8 %), bei den Über-Dreijährigen bei 94,3 % (Deutschland: 95,0 %). In Wien liegen die Quoten etwas höher: 46,4 % bei den Unter-Dreijährigen (Berlin: 49,4 %) und 93,5 % bei den Über-Dreijährigen (Berlin: 99,0 %).
Doch nun richten wir den Blick wieder auf Wien und insbesondere auf die Rahmenbedingungen, die wir am letzten Tag unseres Aufenthalts im Austausch mit einer Vertreterin der Verwaltung kennenlernen durften.
Der Großteil der Kindertageseinrichtungen in Wien ist in privater Trägerschaft, nur 37 % der Kita-Plätze werden von der Stadt Wien gestellt. Um ein Kind in einer Kita anmelden zu können, erhält jedes Kind eine sogenannte Kindergartennummer - vergleichbar mit dem Kita-Gutschein in Berlin. In den städtischen Kitas ist ein Platz grundsätzlich kostenfrei, lediglich die Kosten für das Mittagessen in Höhe von 90 € pro Monat müssen vollständig übernommen werden. Eltern müssen jedoch einen Nachweis darüber erbringen, ob sie berufstätig sind. Ist dies der Fall, hat ihr Kind einen Anspruch auf einen Betreuungsplatz. In privaten Kitas können Eltern ihr Kind hingegen auch ohne Arbeitsnachweis anmelden. Diese Einrichtungen erhalten von der Stadt Wien eine Pro-Kopf-Finanzierung in Höhe von 280 € pro Kind und Monat - unabhängig von der Betreuungsdauer. Alle darüber hinausgehenden Kosten, etwa für Miete, Instandhaltung oder Ähnliches, werden über Elternbeiträge finanziert.
Pro Woche stehen den Pädagog:innen 34 Stunden für die direkte pädagogische Arbeit zur Verfügung. Die übrigen Stunden entfallen auf Vor- und Nachbereitungszeiten. Der Personalschlüssel ist in Wien tatsächlich anders ausgestaltet als in Deutschland - was nicht zuletzt einem massiven Personalmangel geschuldet ist, den wir selbst vor etwa zwei Jahren noch erlebt haben. In Gruppen für Kinder unter drei Jahren liegt das gesetzlich vorgeschriebene Verhältnis bei 1:15, in Gruppen für Kinder über drei Jahren bei 1:25 und in altersübergreifenden Gruppen bei 1,5:20. Dabei wird jede:r Pädagog:in von einer Assistenzkraft unterstützt. Die Voraussetzungen, um als Assistenzkraft tätig zu sein, beschränken sich auf den Nachweis eines B2-Niveaus in der deutschen Sprache. Im Kita-Alltag übernehmen Assistenzkräfte neben Aufgaben in den Gruppen häufig auch hauswirtschaftliche Tätigkeiten, etwa Reinigungsarbeiten. Im Gespräch mit einer Pädagogin aus einer privaten Kita wurde deutlich, dass die Fachkräfte den Personalschlüssel grundsätzlich als angemessen empfinden. Als größeres Problem wird jedoch die Gruppengröße benannt, viele wünschen sich kleinere Gruppen.
Inklusion unter Druck: Zwischen Anspruch und Ressourcen
Während bereits ein erheblicher Mangel an ausgebildeten pädagogischen Fachkräften besteht, ist der Mangel an Inklusionsfachkräften noch deutlich größer. Dies hat zur Folge, dass Kinder mit Inklusionsstatus häufig in regulären Gruppen betreut werden - oft auch ohne zusätzliche Inklusionsfachkräfte. In einer kommunalen Kita, die wir besucht haben, wurde uns berichtet, dass private Kita-Träger häufig keine Kinder mit Inklusionsstatus aufnehmen. Grund dafür ist, dass sie aufgrund des Mangels an Inklusionsfachkräften eine bedarfsgerechte Bildung, Betreuung und Förderung nicht gewährleisten können. Da jedoch jedes Kind mit Förderbedarf - auch Kinder, deren Eltern nicht erwerbstätig sind - einen Anspruch auf 30 Stunden Betreuung pro Woche hat, werden Kinder mit Inklusionsstatus überwiegend in kommunalen Kitas aufgenommen. In der Folge werden rund 98 % aller Kita-Kinder mit Inklusionsstatus in kommunalen Einrichtungen betreut.
In einer privaten Kita wurde uns erklärt, wie dort vorgegangen wird, wenn ein Kind mit Inklusionsstatus angemeldet wird. Gemeinsam mit dem Team und den Eltern wird das weitere Vorgehen besprochen: Was braucht das Kind? Welche Unterstützung können die Eltern leisten? Was können die pädagogischen Fachkräfte übernehmen? Trauen sie sich diese Aufgabe - trotz fehlender Ausbildung zur Inklusionsfachkraft - zu? Und verfügen sie über ausreichend Kapazitäten, um sich eigenständig weiterzubilden? Auf dieser Grundlage wird das pädagogische Konzept der Kita entsprechend angepasst und der Stadt vorgelegt. Für die Betreuung von Kindern mit Inklusionsstatus erhalten Kitas nur eine geringe zusätzliche Finanzierung, die meist in die Reduktion der Gruppengröße investiert wird. Die Betreuung und Förderung funktioniert dabei jedoch nur dann gut, wenn auch die Eltern aktiv mitarbeiten und ihr Kind zusätzlich im privaten Umfeld fördern.
In eben dieser privaten Kita wurden wir zudem auf eine weitere Herausforderung aufmerksam gemacht, die sich auch in Deutschland zeigt: Viele Kinder mit Förderbedarf verfügen noch über keine Diagnose, wenn sie in die Kita kommen. Gleichzeitig bringen Kinder zunehmend psychische Belastungen mit. Große Themen sind dabei unter anderem der hohe Medienkonsum und dessen Folgen sowie die Auswirkungen der Pandemie. In der Folge werden faktisch in nahezu jeder Gruppe Kinder mit besonderen Förderbedarfen betreut. Zur Dokumentation und Bewertung der Entwicklungsfortschritte sind Kitas verpflichtet, Kinder zu beobachten und zu dokumentieren; konkrete Beobachtungsinstrumente - wie etwa BeoKiz in Berlin - sind dabei jedoch nicht vorgeschrieben. Wird während der Kita-Zeit ein besonderer Förderbedarf vermutet und eine Entwicklungsdiagnostik angestoßen, kann es bis zu anderthalb Jahre dauern, bis eine Diagnose vorliegt - kaum Zeit, um in der verbleibenden Kita-Zeit noch angemessen reagieren zu können. Wird ein Kind bei der Einschulung noch nicht als schulfähig eingeschätzt, kann es zurückgestellt werden. Es besucht dann jedoch keine Kita mehr, sondern eine Vorschule, die direkt an eine Schule angebunden ist. Dort werden die Kinder von Volksschullehrer:innen betreut, mit einem Schwerpunkt auf Sprachförderung und Sprachbildung.
Ausbildungswege in der Elementarpädagogik
Nun wissen wir, wie die Rahmenbedingungen der frühkindlichen Bildung in Wien in etwa aussehen und dass insbesondere der Personalmangel eine große Herausforderung darstellt. Daher richten wir den Blick nun auf die Ausbildung pädagogischer Fachkräfte. Eine entsprechende Ausbildungsstätte durften wir bereits am ersten Tag nach unserem Parlamentsbesuch kennenlernen.
In Österreich tragen diese Ausbildungsstätten die Bezeichnung „Bildungsanstalt für Elementarpädagogik“. Bereits der Name verdeutlicht, dass die Ausbildung gezielt auf den frühkindlichen Bereich ausgerichtet ist. Denn anders als in Deutschland dürfen in österreichischen Kindertageseinrichtungen ausschließlich ausgebildete Elementarpädagog:innen als Fachkräfte arbeiten. Sozialpädagog:innen müssen, sofern sie in der frühkindlichen Bildung tätig sein möchten, einen zusätzlichen einjährigen Lehrgang absolvieren, der sich ausschließlich mit dem Elementarbereich befasst. Die Ausbildung zur Elementarpädagogik liegt in Österreich grundsätzlich in der Zuständigkeit des Bundes - mit Ausnahme von Wien, das über eigene kommunale Bildungsanstalten verfügt. Neben der „klassischen“ Ausbildung an einer Bildungsanstalt haben sich in den vergangenen Jahren - nicht zuletzt aufgrund des Fachkräftemangels - zahlreiche alternative Ausbildungswege entwickelt, etwa an pädagogischen Hochschulen oder Fachhochschulen. Zudem besteht die Möglichkeit, die Matura direkt an einer Bildungsanstalt für Elementarpädagogik zu absolvieren. Diese Ausbildung beginnt nach dem achten Schuljahr und erstreckt sich über fünf Jahre. Neben elementarpädagogischen Inhalten wird auch Allgemeinbildung vermittelt, sodass Absolvent:innen nach Abschluss der Matura sowohl direkt in die Praxis einsteigen können als auch die Zugangsvoraussetzung für ein Studium erwerben. Die Erfahrungen aus den Bildungsanstalten zeigen jedoch, dass rund 97 % der Matura-Absolvent:innen letztlich nicht in einer Kita tätig werden. Die Einführung der Matura-Ausbildung stellt damit einen wesentlichen Faktor im bestehenden Personalmangel dar. Grundsätzlich ist die Ausbildung zur Elementarpädagogik entgeltfrei, mit Ausnahme der kommunalen Bildungsanstalten der Stadt Wien. Dort erhalten die Studierenden während ihrer Ausbildung ein kleines Gehalt, verpflichten sich im Gegenzug jedoch, im Anschluss für fünf Jahre im Dienst der Stadt Wien zu arbeiten.
In der von uns besuchten Bildungsanstalt für Elementarpädagogik wurde uns zudem erklärt, dass jede Bildungsanstalt über einen Praxiskindergarten verfügen muss, in dem Auszubildende ihre Praxisphasen absolvieren. Da die Platzkapazitäten dieser Praxiskindergärten in der Regel nicht ausreichen, um alle Auszubildenden aufzunehmen, absolvieren viele ihre Praxisphasen auch in anderen Kindergärten im gesamten Wiener Stadtgebiet. Neben den Auszubildenden sind in den Praxiskindergärten auch Lehrkräfte der Bildungsanstalt tätig, wodurch die Personalkapazität dort deutlich höher ist als in anderen Kindergärten. Für Kinder und Familien bringt ein Praxiskindergarten jedoch auch besondere Herausforderungen mit sich: So kommt es zu einem häufigen Wechsel der Bezugspersonen sowie zu einer vergleichsweise hohen Anzahl an Schließtagen, da die Einrichtungen während der Schulferien geschlossen sind. Dennoch entscheiden sich viele Eltern bewusst dafür, ihr Kind in einem Praxiskindergarten anzumelden.
Die von uns besuchte Bildungsanstalt für Elementarpädagogik legt in der Ausbildung einen sehr hohen Stellenwert auf Biografie- und Reflexionsarbeit als wichtige Voraussetzung für qualitativ hochwertige Bildungsarbeit. So gibt es neben einer Reihe von Seminaren im ersten Semester die sogenannte „Ich-Werkstatt“, in der sich Studierende intensiv mit der eigenen Biografie und Selbstreflexion beschäftigen. Im zweiten Semester wird darauf mit einer „Wir-Werkstatt“ aufgebaut, in der der Fokus auf Gemeinschaft und Zusammenarbeit liegt.
Frühkindliche Bildung in der Praxis: Drei Kitas, drei Wege
Wie also wird frühkindliche Bildung in der Praxis gestaltet? Dies durften wir bei Besuchen von insgesamt drei unterschiedlichen Kindertagesstätten erfahren.
Zweisprachig, nachhaltig und draußen
Am zweiten Tag unserer Wien-Reise besuchten wir einen privaten Kindergarten, der ein bilinguales Konzept - Deutsch und Englisch - verfolgt und zugleich einen großen Schwerpunkt auf Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein legt. Zur Umsetzung des bilingualen Konzepts sind in dieser Kita pro Fachkraft zwei Assistenzkräfte tätig: eine deutsch- und eine englischsprachige. Ihre zentrale Aufgabe besteht darin, den Spracherwerb der Kinder in der jeweiligen Sprache gezielt zu unterstützen. Der Umwelt- und Nachhaltigkeitsaspekt ist in dieser Kita auf vielfältige Weise in den Alltag integriert. Dazu zählen unter anderem nachhaltiges und allergiefreundliches Essen, ein bewusster Umgang mit Müll sowie größere Projekte wie sogenannte Umweltwochen, in denen sich die Kinder intensiv mit entsprechenden Themen auseinandersetzen. Ein besonderes Highlight stellt zudem eine Outdoorgruppe dar: eine Gruppe, die den ganzen Tag - bei Regen, Matsch und Sonnenschein - im Freien auf dem großzügigen Außengelände der Kita verbringt. Für ihr Engagement im Bereich Nachhaltigkeit wurde die Kita sogar mit dem Österreichischen Umweltzeichen ausgezeichnet.
Bewegung von Anfang an
Die zweite Kita, die wir besucht haben, war ebenfalls in privater Trägerschaft und setzte einen klaren Schwerpunkt auf Sport und Bewegung. Ziel der Einrichtung ist es, die Entwicklung der Kinder von Beginn an ganzheitlich durch Bewegung zu fördern. Dies geschieht unter anderem durch Ausflüge, bewegungsorientierte Spiele sowie die Zusammenarbeit mit Physiotherapeut:innen. Während unseres Besuchs in dieser Kita lag der Fokus des Austauschs jedoch vor allem auf den allgemeinen Rahmenbedingungen der frühkindlichen Bildung sowie auf politischen und gesellschaftlichen Themen - es handelt sich dabei um jene Kita, die im Text bereits mehrfach erwähnt wurde. Daher erhielten wir im Vergleich zu den anderen beiden Einrichtungen weniger spezifische Informationen zum pädagogischen Konzept vor Ort.
Inklusion mit Geschichte
Unser dritter und letzter Kita-Besuch führte uns in eine kommunale Einrichtung, die in einem Gebäude von großer historischer Bedeutung untergebracht ist. Bereits 1948 wurde hier der Grundstein gelegt, und 1949 eröffnete an diesem Ort der erste Sonderkindergarten Europas - ermöglicht durch finanzielle Unterstützung aus der Schweiz. Der Sonderkindergarten war offen für Kinder der Nachkriegsjahre mit unterschiedlichen Förderbedarfen, darunter körperliche, soziale und ökonomische. Insgesamt gab es sechs Gruppen: eine für körperbehinderte Kinder, eine für sehbehinderte und blinde Kinder, eine für hörbehinderte und taube Kinder, eine für geistig schwerstbehinderte Kinder, eine für schwererziehbare Kinder sowie eine Gruppe für Kinder ohne Behinderung. Bereits bei der Planung der Architektur wurden die besonderen Bedarfe der Kinder berücksichtigt. Die Decken wurden bewusst niedriger gestaltet, um eine heimelige Atmosphäre zu schaffen. Lediglich ein Raum verfügte über eine hohe Decke: der Gruppenraum der sehbehinderten Kinder, um mehr Tageslicht hereinzulassen und das Sehen zu erleichtern. Zudem wurde schon damals ein Schwimmbecken in das Gebäude integriert, das der Förderung der körperlichen Mobilität diente. Die Kinder erhielten in diesem Kindergarten vielfältige therapeutische Unterstützung. Gleichzeitig war der Sonderkindergarten auch ein Ort wissenschaftlicher Forschung. Zu diesem Zweck wurden neben den Gruppenräumen kleine Beobachtungsräume mit Fenstern eingerichtet, durch die Wissenschaftler:innen das Gruppengeschehen für Studien beobachten konnten. Heute verfügt der Kindergarten über insgesamt neun Gruppen, davon drei heilpädagogische Gruppen und sechs Integrationsgruppen. In den heilpädagogischen Gruppen werden jeweils bis zu zwölf Kinder von zwei (inklusiven) Elementarpädagog:innen sowie zwei Assistent:innen betreut. In den Integrationsgruppen werden jeweils 20 Kinder von einer inklusiven Elementarpädagog:in, einer weiteren Elementarpädagog:in und zwei Assistent:innen begleitet. Das Schwimmbad ist - inzwischen modernisiert - weiterhin Teil des Förderangebots. Darüber hinaus gibt es Rückzugsräume für Kinder, denen der Gruppenalltag zeitweise zu viel wird, ein großes Außengelände zum Austoben sowie zahlreiche weitere Unterstützungsangebote, darunter physiotherapeutische Begleitung und gebärdenunterstützende Kommunikation.
Alles in allem war es eine unglaublich spannende Erasmus-Reise, die deutlich gemacht hat, dass frühkindliche Bildung - auch in Nachbarländern wie Österreich - in manchen Punkten sehr verschieden und in vielen Aspekten doch erstaunlich ähnlich ist. Im Mittelpunkt steht dabei stets das gemeinsame Ziel aller Beteiligten: Kindern trotz herausfordernder Rahmenbedingungen die bestmögliche Unterstützung und Förderung für eine ganzheitliche Entwicklung zu ermöglichen.
Tag 1
Parlamentsbesuch & Besuch einer Bildungsanstalt für Elementarpädagogik
Tag 2
Besuch zweier privater Kindergärten
Tag 3
Austausch mit einer Vertreterin der Verwaltung & Besuch eines kommunalen Kindergartens
Blackout in Berlin: Stromausfall in Steglitz-Zehlendorf – Kitas handlungsfähig und verlässlich
Blackout in Berlin: Stromausfall in Steglitz-Zehlendorf – Kitas handlungsfähig und verlässlich
Berlin, 05. Januar 2026: Der Stromausfall in Berlin Steglitz-Zehlendorf stellt betroffene Kitas vor erhebliche organisatorische Herausforderungen. Unsere Mitgliedsträger haben umgehend und eigenständig reagiert. Sie haben sich für jede betroffene Einrichtung ein belastbares Lagebild verschafft und standen fortlaufend im engen Austausch mit den Eltern, um standortspezifische und tragfähige Lösungen zu vereinbaren.
Ein exemplarisches Beispiel ist der betroffene Kitaträger Kiddies Family, der unter der Leitung seiner Geschäftsführerin Dr. Pfänder-Morrice bereits am Sonntag für alle betroffenen Einrichtungen konkrete Lösungen mit den Eltern abgestimmt hat.
Dabei wurde pragmatisch und verantwortungsvoll vorgegangen: Unter Berücksichtigung von Brandschutz und Sicherheit wurde bei den zuständigen Verwaltungen kurzfristig eine zeitlich begrenzte Überbelegung in anderen Einrichtungen des Trägers erbeten, um die Betreuung der Kinder sicherzustellen.
Dank dieses koordinierten Vorgehens können nahezu alle Kinder aus den betroffenen Einrichtungen bereits am Montag in anderen Kitas ihrer jeweiligen Träger betreut werden. Sie sehen ihre Freundinnen und Freunde wieder und können gemeinsam verlässlich in die neue Woche starten.
Positiv hervorzuheben ist zudem, dass sich die zuständige Senatorin Katharina Günther-Wünsch kurzfristig und telefonisch gezielt beim VKMK – Der Kitaverband – zum Befinden der Einrichtungen sowie zum aktuellen Zwischenstand informiert hat. Dieses direkte Interesse und der schnelle Austausch sind in einer solchen Blackout-Lage ausdrücklich zu würdigen.
Der VKMK dankt allen beteiligten Trägern, Leitungen und Fachkräften für ihr professionelles, besonnenes und verantwortungsvolles Handeln im Sinne der Kinder und Familien.
Kita-Finanzierung: RVTag schafft keine Entlastung – Berliner Kitas müssen weiterhin am Limit operieren
Der VKMK – Der Kitaverband bewertet den Abschluss der Rahmenvereinbarung über die Finanzierung der Berliner Kitas zurückhaltend.
Der VKMK – Der Kitaverband bewertet den Abschluss der Rahmenvereinbarung über die Finanzierung der Berliner Kitas zurückhaltend.
Die mehrstufige Anpassung der Sachkostenpauschale gleicht lediglich Teile des aktuellen Kostenniveaus aus. Künftige Kostensteigerungen, etwa bei Mieten, Nebenkosten und Instandhaltung, werden dadurch nicht refinanziert.
„Das Kita-System funktioniert noch, wobei bereits rund 2.000 Plätze durch Insolvenzen einzelner Träger verloren gegangen sind und weitere etwa 2.500 Plätze derzeit von einer Schließung bedroht sind. Die weiterhin geöffneten Einrichtungen operieren ohne nennenswerte finanzielle Reserven“, erklärt Lars Békési, Geschäftsführer des VKMK.
Hinzu kommt die demografische Entwicklung: Die kindbezogene Finanzierung trifft auf sinkende Geburtenzahlen. Békési: „Weniger Kinder bedeuten für Träger geringere Einnahmen bei gleichbleibenden Fixkosten“
Das RVTag-Ergebnis ist gegenwärtig weder eindeutig positiv noch negativ. „Die Finanzierung bleibt weiterhin eine wesentliche Herausforderung, auf die Träger ihre Planung ausrichten müssen“, betont Békési abschließend.
Sparen auf dem Rücken der Kleinsten: Berliner Senat streicht Sprachförderung für zehntausende Kinder
Immer mehr Kinder haben Probleme mit der Sprache – doch statt die Sprachförderung zu intensivieren, setzt das Land Berlin genau hier den Rotstift an: Ab 2026 sollen auf dem Rücken der Kleinsten unserer Gesellschaft 40 Millionen Euro eingespart werden – mit dramatischen Folgen für Kitas, Kinder und Schulen.
Immer mehr Kinder haben Probleme mit der Sprache – doch statt die Sprachförderung zu intensivieren, setzt das Land Berlin genau hier den Rotstift an: Ab 2026 sollen auf dem Rücken der Kleinsten unserer Gesellschaft 40 Millionen Euro eingespart werden – mit dramatischen Folgen für Kitas, Kinder und Schulen.
Konkret geht es um den sogenannten Partizipationszuschlag, der ab 2026 an Berliner Kitas eingeführt werden soll. „Der Name ‚Partizipationszuschlag‘ ist gänzlich irreführend, denn unter Partizipation versteht man eigentlich, dass alle teilhaben und mitwirken können. Der Partizipationszuschlag jedoch schließt de facto mehrere zehntausend Kinder von dringend benötigter Sprachförderung aus. Er hat also nichts mit Partizipation, sondern vielmehr mit Exklusion zu tun.“, betont Lars Békési, Geschäftsführer des VKMK - Der Kitaverband, mit Nachdruck.
Mit dem sogenannten Partizipationszuschlag soll künftig die Sprachförderung für Kinder nichtdeutscher Herkunft sowie für Kinder aus sozialen Brennpunkten gestrichen werden. In Summe betrifft das rund 85.000 Kinder. Stattdessen soll Sprachförderung künftig nur noch denjenigen Kindern zustehen, die Leistungen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket beziehen – aktuell etwa 22.300. Und auch das nur, wenn in ihrer Kita mindestens 20 Prozent der Kinder Leistungen aus diesem Paket erhalten. Dies verkauft der Senat als wichtigen Schritt hin zu mehr Chancengerechtigkeit. Doch wer nachrechnet, erkennt schnell: Künftig werden tausende Kinder bei der Förderung auf der Strecke bleiben, mit drastischen Auswirkungen auf ihren gesamten Bildungs- und Lebensweg. “Der Berliner Senat nimmt hier in Kauf, die Startbedingungen einer großen Gruppe an Kinder für Einsparungen im Haushalt zu opfern – das ist bildungspolitisch kurzsichtig und gesellschaftlich fatal.”
Die Folgen dieser Sparmaßnahme bei der frühkindlichen Sprachförderung werden insbesondere die Schulen in zwei bis drei Jahren massiv zu spüren bekommen. Schon jetzt ist vielerorts von Überlastung und drohenden Burnouts unter Lehrkräften die Rede. „Wenn die Schulen künftig auch noch die Sprachdefizite ausgleichen müssen, die aufgrund des Partizipationszuschlags nicht frühzeitig angegangen werden konnten, wird das Schulsystem auf kurz oder lang an seine Grenzen kommen. Wir fragen uns, wie das funktionieren soll. Das Land verlagert hier eindeutig das Problem auf die Schultern der Grundschullehrkräfte – sie müssen künftig die Folgen einer zu kurz gedachten Berliner Sparpolitik tragen“, so Lars Békési.
Doch auch in den Kitas wird es unmittelbare Auswirkungen geben: Durch die Kürzung der Sprachförderung werden zwangsläufig auch Stellen wegfallen. Manche Einrichtungen können dies möglicherweise noch kompensieren, weil sie personell und finanziell gut aufgestellt sind. Andere hingegen werden Fachkräfte entlassen müssen – und das in einer Zeit, in der ohnehin bereits viele Pädagog:innen aufgrund des Geburtenrückgangs um ihre Jobs bangen. Der Senat hat zwar groß angekündigt, alle Fachkräfte im System halten zu wollen – doch die Gesetze, die er beschließt, sprechen eine andere Sprache. Der VKMK – Der Kitaverband fordert daher den Berliner Senat auf, die geplanten Kürzungen zurückzunehmen und stattdessen ein System zu etablieren, das Kinder mit Förderbedarf auch tatsächlich unterstützt. Nur so kann verhindert werden, dass Kindergruppen gegeneinander ausgespielt werden, mehrere zehntausend Kinder durchs Raster fallen und ihre Startbedingungen weiter verschlechtert werden.
Der Partizipationszuschlag: Wenn Haushaltspolitik Kindern die Sprache nimmt
Was bedeutet eigentlich Partizipation in der frühkindlichen Bildung? Sie bedeutet, dass alle Kinder gleichberechtigt am Alltag teilhaben können, aktiv in Entscheidungsprozesse einbezogen werden und erfahren: Ihre Stimme zählt – ebenso wie die der anderen.
Der Berliner Senat will die Kita-Förderung neu ordnen – und verschärft damit Bildungsungleichheit.
Ein Gastbeitrag von Lars Békési im Tagesspiegel
Der folgende Beitrag erschien als Gastbeitrag im Tagesspiegel am 10.11.2025.
Was bedeutet eigentlich Partizipation in der frühkindlichen Bildung? Sie bedeutet, dass alle Kinder gleichberechtigt am Alltag teilhaben können, aktiv in Entscheidungsprozesse einbezogen werden und erfahren: Ihre Stimme zählt – ebenso wie die der anderen.
Der Berliner Senat scheint jedoch eine andere Vorstellung davon zu haben, was Teilhabe bedeutet. Mit der geplanten Einführung des sogenannten Partizipationszuschlags wird deutlich, dass finanzpolitische Erwägungen offenbar schwerer wiegen als Chancengerechtigkeit für alle Berliner Kinder.
Worum geht es konkret? Um die Verteilung von Personalzuschlägen, mit denen Kitas zusätzliches Personal einstellen können, um Kinder mit Förderbedarfen besser und gezielter zu unterstützen. Bislang wurden solche Zuschläge gewährt, wenn Kinder aus sozialen Brennpunkten kommen oder nicht deutscher Herkunft sind. Insgesamt betraf dies zum Stichtag 31.12.2023 rund 85.000 Kita-Kinder in Berlin. Für knapp 66.000 von ihnen wurde ein Personalzuschlag ausgezahlt. Künftig sollen Zuschläge für zusätzliches Personal ausschließlich Kindern gewährt werden, die Leistungen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket (BuT) beziehen. In Berlin waren das im Jahr 2023 rund 22.300 Kita-Kinder. Diese Zuschläge werden jedoch erst ab einer bestimmten Quote ausgezahlt: wenn mindestens 20 Prozent der Kinder in einer Einrichtung BuT-Leistungen beziehen. Die Begründung dafür lautet: Insbesondere Kinder aus sozioökonomisch schwachen Familien haben Schwierigkeiten im Bildungssystem und weisen erhöhte Förderbedarfe auf. Das mag ein Teil der Wahrheit sein – aber eben nicht die ganze. Und genau deshalb ist diese neue Zuschlagsregelung in mehrfacher Hinsicht fatal.
So hat eine Erhebung des Paritätischen Gesamtverbands ergeben, dass fast 90% der BuT-anspruchsberechtigten Kindern in Berlin keine Leistungen beziehen. Der Berliner Senat geht jedoch davon aus, dass sich die Zahl der BuT-beziehenden Kinder mit Einführung des Partizipationszuschlags verdoppeln wird. Zur Begründung heißt es, Kitas hätten ein Interesse daran, den Kindern weiterhin Förderung durch zusätzliches Personal zu ermöglichen. Daher werde erwartet, dass sie Eltern dazu bewegen, BuT-Leistungen zu beantragen. Damit überträgt die Politik den Einrichtungen jedoch Aufgaben, die nicht in ihrer originären Verantwortung liegen.
Doch selbst wenn alle anspruchsberechtigten Kinder BuT-Leistungen erhielten, bliebe eine große Gruppe außen vor. Dazu gehören etwa Kinder aus Familien mit niedrigem Einkommen. Sie zählen ebenfalls zu den sozioökonomisch benachteiligten Gruppen, werden aber nicht berücksichtigt. Auch Kinder, die die deutsche Sprache aufgrund ihrer Herkunft nicht vollständig beherrschen, fallen künftig durchs Raster. Denn der Senat geht davon aus, dass Kinder ohne BuT-Bezug Eltern haben, die private Sprachförderung finanzieren können. Das jedoch geht an der Lebensrealität vieler Familien vorbei.
Unseren letzten Kritikpunkt an dieser Neuregelung müssen wir gar nicht selbst formulieren. Stattdessen möchten wir die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie zitieren. Sie erläutert selbst, warum eine solche merkmalsbasierte Kategorisierung bei der Umsetzung von Unterstützungssystemen und der bedarfsgerechten Verteilung von Ressourcen in Berlin nicht funktioniert – in diesem Fall bezogen auf Schulen: “Oft wird die soziostrukturelle Situation einer Schule auf der Grundlage einzelner oder weniger Merkmale betrachtet. Im Vordergrund standen hier oft prozentuale Grenzwerte, um Ungleichheiten zwischen den Schulen sichtbar zu machen. Dabei sind feste Grenzwerte immer dann problematisch, wenn diese nur knapp unter- oder überschritten werden und Schulen z.B. aus Programmen und Zumessungen wieder herausfallen, obwohl sich die Datenlage nur geringfügig geändert hat. Die zunehmenden Herausforderungen einer Schule durch soziale Herkunft der Schülerinnen und Schüler, Integration, geographische Lage etc. blieben so oft unberücksichtigt.” Dieses Argument lässt sich eins zu eins auch auf Kitas übertragen: Ein einziges Merkmal, auf das zusätzlich noch ein prozentualer Grenzwert angewandt wird, bildet weder die tatsächlichen Herausforderungen einer Berliner Kita ab, noch den Bedarf an zusätzlicher Förderung.
Wenn der Partizipationszuschlag in dieser Form eingeführt wird, hätte das weitreichende Konsequenzen für unser Bildungssystem – für Kitas, Schulen und vor allem für die Zukunft der Kinder. Kinder mit Förderbedarfen würden nicht die Unterstützung erhalten, die sie benötigen. Sie starteten mit schlechteren Chancen in die Schule – ein Nachteil, der sie durch ihre gesamte Bildungsbiografie bis hin ins Berufsleben begleiten würde. Kitas müssten Personal entlassen, weil ihnen die notwendigen Ressourcen fehlen. Schulen wiederum müssten die Förderbedarfe auffangen, die in der frühkindlichen Bildung unberücksichtigt blieben. Und das in einer Zeit, in der regelmäßig von Überlastung und zunehmender Burnout-Gefahr unter Lehrkräften zu lesen ist.
Im Berliner Schulsystem hat der Senat aus solchen Fehlern gelernt: Dort wird die Ressourcenverteilung inzwischen anhand eines sozialen Index bemessen – unter Berücksichtigung mehrerer Merkmale wie nichtdeutscher Herkunftssprache, BuT-Bezug, räumlicher Lage und Personalausstattung.
Warum also hält der Senat im Kitabereich an einem überholten Modell fest? Eine Vermutung liegt nahe: Einsparungen. Offiziell heißt es zwar, der Partizipationszuschlag sei kostenneutral. Tatsächlich lassen sich damit jedoch rund 40 Millionen Euro sparen. Bildungs- und Teilhabemittel stammen zudem aus Bundesgeldern, nicht aus dem Landeshaushalt.
Der Berliner Senat nennt seine Kürzungen „Partizipationszuschlag“. In Wahrheit aber ist er das Gegenteil: Er schwächt jene, die Teilhabe dringend brauchen und erlaubt Sparen auf dem Rücken der Kinder. Wir fordern deshalb mit Nachdruck, dass der Senat die geplanten Kürzungen in Form des Partizipationszuschlags zurücknimmt. Stattdessen braucht es eine bedarfsgerechte und zielgerichtete Förderung für alle Kinder durch eine Ressourcenverteilung auf Basis sozialer Indizes. So kann Gießkannenpolitik vermieden werden, ebenso wie das Gegeneinander-Ausspielen von Kindergruppen und das Durchrutschen mehrerer zehntausend Kinder durch das Raster.
Mit Bildung aus der Armut: Warum frühe Förderung über Chancen entscheidet
Jedes Jahr wird weltweit am 17. Oktober der Internationale Tag zur Überwindung von Armut begangen – und daran erinnert, dass Armut auch weiterhin ein ungelöstes globales Problem darstellt. Ein Problem, das sich selbst in den reichen Industrienationen findet und ein Problem, das auch in Deutschland viele Kinder und Jugendliche betrifft. Laut offiziellen Zahlen ist jedes fünfte Kind unter 18 Jahren von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. Kinderarmut ist damit ein drängendes gesellschaftliches Problem.
Jedes Jahr wird weltweit am 17. Oktober der Internationale Tag zur Überwindung von Armut begangen – und daran erinnert, dass Armut auch weiterhin ein ungelöstes globales Problem darstellt. Ein Problem, das sich selbst in den reichen Industrienationen findet und ein Problem, das auch in Deutschland viele Kinder und Jugendliche betrifft. Laut offiziellen Zahlen ist jedes fünfte Kind unter 18 Jahren von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. Kinderarmut ist damit ein drängendes gesellschaftliches Problem.
Dimensionen und Aspekte von Armut
Armut kann in ihrer Form und Dimension sehr unterschiedlich aussehen. So werden bei der Definition von Armut drei verschiedene Grade unterschieden: einmal die absolute Armut, bei der die wesentlichen Grundbedürfnisse – wie Ernährung und ein Dach über dem Kopf – nicht erfüllt werden. Dann gibt es die relative Armut, die eine Form der Armut im Verhältnis zum Durchschnitt eines Landes beschreibt: Man gilt als relativ arm, wenn das Einkommen unter 60 % des mittleren Einkommens im Land liegt. Und schließlich beschreibt die gefühlte Armut, welche auf einem subjektiven Empfinden basiert – etwa, wenn man sich sozial ausgegrenzt fühlt, keine soziale Teilhabe erlebt oder mit dem Wohlstand des Umfelds nicht mithalten kann.
Kinderarmut resultiert in der Regel aus der Armut des elterlichen Haushalts und kann sich in verschiedenen Aspekten und Dimensionen zeigen: von einer unzureichenden Grundausstattung – wie Kleidung, Ernährung sowie Lern- und Spielmaterialien – über gesundheitliche Beeinträchtigungen aufgrund unzureichender Gesundheitsvorsorge bis hin zu psychischen Belastungen, die beispielsweise aus beengten Wohnverhältnissen entstehen, wenn sich die Eltern keine größere Wohnung leisten können. Kinderarmut kann sich weiterhin auch in sozialer Ausgeschlossenheit, wenigen sozialen Kontakten, mangelnder Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und einem eingeschränkten Zugang zu Bildung äußern.
Die Folgen von Kinderarmut
Armutserfahrungen bereits in der Kindheit zu machen, kann einen ein Leben lang verfolgen und – statistisch gesehen – über Generationen hinweg fortsetzen. Weshalb ist das so? Eine der Hauptursachen hierfür liegt in der Bildung, beziehungsweise den Bildungschancen.
In Deutschland wird der Zusammenhang zwischen sozioökonomischem Status und Bildungsleistungen zunehmend stärker, wie unter anderem der IQB-Bildungstrend regelmäßig aufzeigt. Im IQB-Bildungstrend 2021 wurde diese Korrelation zwischen sozialer Herkunft und Leistungen bei Schüler:innen der Primarstufe in allen getesteten Kompetenzbereichen zuletzt besonders deutlich: Kinder aus Familien mit niedrigem sozialem Status erzielten signifikant schlechtere Ergebnisse in den Bereichen Lesen, Zuhören und Mathematik im Vergleich zu Gleichaltrigen aus Familien mit höherem sozialem Status. Auch in der Häufigkeit der besuchten Schulformen zeigt sich damit ein deutliches Ungleichgewicht: Nur 26,7 % der Kinder aus Familien mit niedrigem sozialem Status besuchen ein Gymnasium, während der Anteil bei Kindern aus privilegierteren Familien mit 59,8 % mehr als doppelt so hoch ist.
Wer also aus einem sozioökonomisch gut aufgestellten Haushalt stammt und Eltern mit einem höheren Bildungsgrad hat, hat deutlich größere Chancen, selbst einen erfolgreichen Bildungs- und Karriereweg einzuschlagen – und infolgedessen ein höheres Lebenseinkommen zu erzielen als Kindern aus sozioökonomisch schwachen und/oder bildungsfernen Haushalten. Und so ergibt sich das ernüchternde Bild, dass die Wahrscheinlichkeit einer Verfestigung von Armut relativ hoch ist. Drastisch formuliert: Die Herkunft entscheidet über den Bildungsweg und der Bildungsweg darüber, welche Herkunft man seinen eigenen Kindern weitergibt.
Mit frühkindlicher Bildung zu mehr Chancengerechtigkeit
Doch die Studien und Statistiken zeigen auch, dass es Mittel und Wege gibt, diese Wahrscheinlichkeiten zu durchbrechen. Denn: Frühkindliche Bildung beeinflusst langfristig das Bildungsniveau von Kindern und damit ihre Schulleistungen, beruflichen Chancen und nicht zuletzt ihr Lebenseinkommen. So zeigt die BiKS-Studie, dass qualitativ hochwertige frühkindliche Bildung nicht nur mit guten mathematischen und sprachlichen Kompetenzen in der Grundschule in Zusammenhang steht, sondern sich auch in der weiterführenden Schule durch bessere Leistungen sowie eine positive sozial-emotionale Entwicklung bemerkbar macht. Darüber hinaus haben Fritschi und Oesch in ihrer Studie „Volkswirtschaftlicher Nutzen von frühkindlicher Bildung in Deutschland“ modellhaft berechnet, dass die Wahrscheinlichkeit eines Gymnasialbesuchs durch den Besuch eines frühkindlichen Bildungsangebots im Durchschnitt von etwa 38 % auf 50 % steigt – bei Kindern aus Familien mit niedrigem sozialem Status sogar auf rund 65 %.
Frühe Sprachbildung und -förderung als Schlüssel für Bildungserfolg und soziale Teilhabe
Mehrere Studien konzentrieren sich dabei besonders auf einen Aspekt der frühkindlichen Entwicklung und Bildung, der zunehmend an Bedeutung gewinnt und inzwischen bundesweit einen Schwerpunkt bildungspolitischer Bemühungen darstellt: die Sprachbildung und -förderung. Sprachliche Kompetenzen gelten als zentral für die individuelle Entwicklung, den Bildungserfolg und die soziale Teilhabe. Über Sprache treten wir in Beziehung – mit anderen und mit uns selbst. Durch Sprache können wir uns ausdrücken, unsere Gefühle, Erfahrungen und Gedanken mitteilen. Je besser wir Sprache beherrschen, desto komplexere Sachverhalte können wir intellektuell erfassen. Sprache ist die Grundlage aller weiteren Wissensbereiche. Nur über Sprache können wir lernen, unser Wissen erweitern und uns die Welt erschließen. Der Grundstein für sprachliche Fähigkeiten wird bereits in den ersten Lebensjahren gelegt. Die BiKS-Studie zeigt dass sich bereits im Alter von zwei Jahren erhebliche Unterschiede in den sprachlichen Fähigkeiten von Kindern zeigen – je nach sozialer Herkunft. Kinder aus einkommensschwachen Familien verfügen im Durchschnitt über einen geringeren Wortschatz sowie ein eingeschränkteres grammatikalisches Wissen. Wenn sich diese sprachlichen Defizite über den Bildungsweg hinweg fortsetzen, belegen die Ergebnisse der LEO-Studie, dass die Wahrscheinlichkeit, einen Schulabschluss zu erreichen, bei geringer Literalität deutlich sinkt – ebenso wie die Chance auf eine stabile Erwerbsbiografie. Darüber hinaus verdienen Erwachsene mit niedrigeren Lesekompetenzen im Durchschnitt rund 1.100 Euro weniger im Monat als Personen mit höheren Lesekompetenzen.
Die ersten Lebensjahre sind prägend für die gesamte Entwicklung eines Kindes. Die in dieser Zeit gemachten Erfahrungen und erlernten Fähigkeiten begleiten es ein Leben lang. Gerade hier liegt die größte Chance, ungleiche Startbedingungen auszugleichen und Chancengerechtigkeit zu fördern. Frühkindliche Bildung kann damit entscheidend dazu beitragen, den Kreislauf von Armut und sozialer Benachteiligung zu durchbrechen. Soll Armut wirksam und präventiv bekämpft werden, muss daher bei der frühkindlichen Bildung angesetzt und diese gezielt gefördert werden.
Quellen:
Attig, M., & Weinert, S. (2012). Wie frühe Eltern-Kind-Interaktionen die Entwicklung von Kindern beeinflussen. In FORSCHUNG KOMPAKT. https://www.lifbi.de/Portals/2/Publikationen/Transferberichte/NEPS%20Forschung%20kompakt/NEPS_Forschung-kompakt_02_Fr%C3%BChe%20Einfl%C3%BCsse%20auf%20die%20Bildung.pdf.
Autor:innengruppe Bildungsberichterstattung. (2024). Bildung in Deutschland 2024 [Report]. In wbv Publikation. wbv Publikation. https://doi.org/10.3278/6001820iw.
Children - material deprivation. (2025). Eurostat. https://ec.europa.eu/eurostat/statistics-explained/index.php?title=Children_-_material_deprivation.
Fritschi, T., Oesch, T., BASS – Büro für Arbeits- und Sozialpolitische Studien BASS AG, & Bertelsmann Stiftung. (2008). Volkswirtschaftlicher Nutzen von frühkindlicher Bildung in Deutschland. https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/GP_Volkswirtschaftlicher_Nutzen_von_fruehkindlicher_Bildung_in_Deutschland.pdf.
Jedes siebte Kind in Deutschland armutsgefährdet. (n.d.). Statistisches Bundesamt. https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2024/07/PD24_N033_63.html.
Kinderarmut in Deutschland | Save the Children Deutschland. (n.d.). https://www.savethechildren.de/informieren/themen/kinderarmut-in-deutschland/.
Stanat, P., Schipolowski, S., Schneider, R., Sachse, K. A., Weirich, S., & Henschel, S. (2022). IQB-Bildungstrend 2021 – erste Ergebnisse. https://www.iqb.hu-berlin.de/documents/37/IQB_BT2021_ErsteErgebnisse_Kurzbericht.pdf.
Weßler-Poßberg, D., Ambros, J., Schönmüller, C., Willer, E., Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, & Prognos. (2024). Ökonomische und volkswirtschaftliche Effekte von Kindertagesbetreuung. In Expertise (p. III–VI). https://www.fruehe-chancen.de/fileadmin/user_upload/PDF-Dateien/Expertisen_und_Studien/Expertise_%C3%96konomische_und_volkswirtschaftliche_Effekte_von_Kindertagesbetreuung_Prognos.pdf.
Wößmann, L., Ph. D., Schoner, F., Freundl, V., & Pfaehler, F. (2024). Ungleiche Bildungschancen: Ein Blick in die Bundesländer. In BILD hilft e.V. »Ein Herz für Kinder«, Ifo Schnelldienst (Vol. 77, Issue 5). https://www.ifo.de/DocDL/sd-2024-05-ungleiche-bildungschancen-woessmann-etal-.pdf.
Zander, M. (2020) Kinderarmut | socialnet Lexikon. https://www.socialnet.de/lexikon/Kinderarmut#toc_2.
Früh übt sich: Kita-Ernährungsbildung als Schlüssel gegen Lebensmittelverschwendung
Heute ist der Internationale Tag der Aufmerksamkeit für Lebensmittelverluste und -verschwendung. Ein Tag, der uns daran erinnert, wie kostbar Lebensmittel sind und dass ihr Vorhandensein keineswegs selbstverständlich ist. Zugleich ist es ein Anlass, um unser eigenes Verhalten im Umgang mit Lebensmittel zu hinterfragen. Denn nach wie vor ist Lebensmittelverschwendung allgegenwärtig.
Heute ist der Internationale Tag der Aufmerksamkeit für Lebensmittelverluste und -verschwendung. Ein Tag, der uns daran erinnert, wie kostbar Lebensmittel sind und dass ihr Vorhandensein keineswegs selbstverständlich ist. Zugleich ist es ein Anlass, um unser eigenes Verhalten im Umgang mit Lebensmittel zu hinterfragen. Denn nach wie vor ist Lebensmittelverschwendung allgegenwärtig: Global werden jährlich über eine Milliarde Tonnen Nahrungsmittel weggeworfen - etwa ein Drittel der weltweiten Nahrungsmittelproduktion. In Deutschland sind es etwa 11 Millionen Tonnen. Der Großteil der Lebensmittelabfälle entsteht - sowohl global als auch in Deutschland - in privaten Haushalten, mit einem Anteil von rund 60%. Mit jedem weggeworfenen Lebensmittel werden wertvolle Ressourcen verschwendet: Wasser, Energie, Ackerfläche und viele weitere Rohstoffe, die für die Produktion benötigt werden. Zudem werden dabei klimaschädliche Emissionen verursacht, die angesichts dieser Verschwendung vollkommen unnötig entstehen. Und zu guter Letzt geht Lebensmittelverschwendung immer auch mit einer ethischen Dimension einher: Während für die einen der Überfluss an Lebensmitteln selbstverständlich ist, ist es für andere das Hungern.
Teure Lebensmittelverschwendung an Berliner Schulen
Ein Blick nach Berlin zeigt, wie früh Verschwendung beginnt: Knapp ein Drittel des kostenlosen Schulessens landet im Müll - was somit den globalen Trend widerspiegelt. Der Senat investiert dafür jährlich rund 180 Millionen Euro. Das heißt: Lebensmittel im Wert von etwa 60 Millionen Euro werden schlicht weggeworfen.
Die Frage drängt sich auf: Warum investieren wir nicht stärker in Prävention statt in Verschwendung?
Frühkindliche Ernährungsbildung für eine nachhaltige Zukunft
Die entscheidende Stellschraube liegt in der frühen Bildung. In der Kita ist Essen weit mehr als Versorgung – es ist Bildungsarbeit. Kinder lernen beim gemeinsamen Essen Wertschätzung, Achtsamkeit und einen bewussten Umgang mit Lebensmitteln. Sie üben, eigene Bedürfnisse einzuschätzen und Reste zu vermeiden. Genau hier entstehen Essgewohnheiten, die ein Leben lang tragen und Verschwendung nachhaltig reduzieren können.
Unsere Mitglieder setzen diese Ernährungsbildung bereits tagtäglich in ihren Einrichtungen um. Doch angesichts steigender Lebensmittelpreise erschweren die vom Senat zur Verfügung gestellten Mittel eine Umsetzung, die der Bedeutung dieses Bildungsauftrags gerecht wird. Eine Anhebung der Verpflegungspauschale ist daher überfällig. Nach mehr als zehn Jahren bedeutet dies auch, den Elternbeitrag von 23 Euro auf 35 Euro anzupassen. Entscheidend ist: Nur durch ausreichende Investitionen in Ernährungsbildung können Kinder gesund aufwachsen, Lebensmittelverschwendung konsequent verringert und nachhaltige Ernährungsgewohnheiten in der gesamten Gesellschaft verankert werden.
Quellen:
Berliner Bildungssenatorin stellt kostenloses Schulessen und Schülerticket zur Diskussion. (n.d.). Rbb24 Website. https://www.rbb24.de/politik/beitrag/2025/07/schulessen-schuelerticket-berlin-in-frage-gestellt.html.
Lebensmittelverschwendung: Folgen für Umwelt, Ressourcen, Welternährung | Verbraucherzentrale.de. (n.d.). Verbraucherzentrale.de. https://www.verbraucherzentrale.de/wissen/lebensmittel/auswaehlen-zubereiten-aufbewahren/lebensmittelverschwendung-folgen-fuer-umwelt-ressourcen-welternaehrung-59565.
Lebensmittelabfälle in Deutschland: Aktuelle Zahlen nach Sektoren. (2025, June 6). BMEL. https://www.bmleh.de/DE/themen/ernaehrung/lebensmittelverschwendung/studie-lebensmittelabfaelle-deutschland.html.
Mehr als eine Milliarde Tonnen Lebensmittelabfälle weltweit. (n.d.). Statistisches Bundesamt. https://www.destatis.de/DE/Themen/Laender-Regionen/Internationales/Thema/landwirtschaft-fischerei/Foodwaste.html#:~:text=Rund%201%2C05%20Milliarden%20Tonnen,wurde%20in%20privaten%20Haushalten%20erzeugt..
Sprache für alle: Wie Gebärdenunterstützende Kommunikation Sprachbarrieren in der Kita überwindet
Wenn über Vielfalt und Teilhabe gesprochen wird, stehen heutzutage meist unterschiedliche Herkunft, Religion und sozialer Status im Mittelpunkt des Diskurses - hoch relevante Aspekte, die im pädagogischen Alltag und der Bildungspolitik stets präsent und eng mit der Frage verbunden sind, wie man allen Kindern gerecht werden und ihnen die Unterstützung bieten kann, die sie benötigen.
Wenn über Vielfalt und Teilhabe gesprochen wird, stehen heutzutage meist unterschiedliche Herkunft, Religion und sozialer Status im Mittelpunkt des Diskurses - hoch relevante Aspekte, die im pädagogischen Alltag und der Bildungspolitik stets präsent und eng mit der Frage verbunden sind, wie man allen Kindern gerecht werden und ihnen die Unterstützung bieten kann, die sie benötigen.
Dabei geraten jedoch Gruppen aus dem Blick, die ebenso Teil der Vielfalt unserer Gesellschaft sind und besondere Unterstützung brauchen, um Teilhabe erfahren zu können: Kinder mit Hörstörungen, Kinder mit Sprachentwicklungsstörungen, Kinder mit Mutismus sowie Kinder, die allgemein Schwierigkeiten mit dem Sprechen und Hören haben.
Der Anteil dieser Kinder ist keineswegs gering: Nach Einschätzungen des Bundesministeriums für Gesundheit sind rund 80.000 Kinder von einem stark eingeschränkten Hörvermögen betroffen. Laut der Krankenkasse Barmer haben knapp 14% der Kinder Entwicklungsstörungen in Sprache und Sprechen, und etwa 1% der Kinder erhalten nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Sprachheilpädagogik die Diagnose Mutismus. Nimmt man zudem die Kinder hinzu, die Deutsch nicht als Muttersprache sprechen, stellt sich in Kitas unweigerlich die Frage: Wie kann die Teilhabe all dieser Kinder ermöglicht werden? Wie können Brücken der Verständigung gebaut werden? Wie lassen sich ihre unterschiedlichen Bedürfnisse und Fähigkeiten so berücksichtigen, dass alle Kinder aktiv und gleichberechtigt am Alltag partizipieren können?
Anlässlich des Internationalen Tags der Gebärdensprache möchte der VKMK - Der Kitaverband ein Beispiel vorstellen, wie solche Sprachbarrieren im Kita-Alltag überwunden werden können. Hierfür haben wir mit dem Experten Peter Mehls, Kitaleiter einer Einrichtung des VKMK-Mitglieds Kleiner Fratz GmbH, gesprochen. In seiner Kita wird bereits seit mehreren Jahren gebärdenunterstützende Kommunikation (GuK) praktiziert. „Wir haben 2018 GuK reflektiert und als sinnige, verständlich und umsetzbar für unsere Kita bewertet.” berichtet Herr Mehls. Heute gewährt Herr Mehls uns einen Einblick in den Alltag mit GuK, zeigt, wie auf diese Weise echte Chancengerechtigkeit entstehen kann und macht deutlich, was Gebärdensprache für ihn bedeutet:
„Wenn ich über Gebärdensprache nachdenke, denke ich an Chancengleichheit, an Grenzen übergreifende Kommunikation und an Inklusion. Gebärden sehe ich als ein Instrument der Kommunikation, welches die Chance gibt, eine Brücke zur gesellschaftlichen Teilhabe zu bilden.
Der Unterschied zwischen Gebärdensprache und Gebärdenunterstützende Kommunikation
Gebärdenunterstützende Kommunikation und Gebärdensprache sind - trotz der gemeinsamen Nutzung von Gebärden - zwei sehr unterschiedliche Formen des Ausdrucks. Gebärdensprache ist eine eigenständige Sprache und für viele Menschen die Muttersprache. Sie verfügt über eine eigene Grammatik, einen eigenen Satzbau und einen eigenständigen Wortschatz. Ähnlich wie in der Lautsprache gibt es auch in der Gebärdensprache unterschiedliche Dialekte. Gebärdenunterstützende Kommunikation hingegen ersetzt die Lautsprache nicht, sondern ergänzt sie. Die verwendeten Gebärden stammen meist aus der Gebärdensprache, folgen jedoch der Grammatik und dem Satzbau der Lautsprache.
GuK: Eine Brücke, wenn Worte nicht reichen
„Der Fokus bei Gebärdenunterstützende Kommunikation liegt auf dem Aspekt der Unterstützung.” erklärt Peter Mehls. “Die durch Gebärden entstehende nonverbale Kommunikation sehen wir als Erweiterung der verbalen Sprache und somit als ein Instrument der Teilhabe. GuK ist kein Ersatz für verbale Sprache, sondern soll helfen, wo verbale Sprache für die eigenen Bedürfnisse nicht reicht.” Wie wichtig dieser Ansatz für die Vielfalt unserer Gesellschaft, die individuellen Bedürfnisse von Kindern und den Kita-Alltag ist, zeigt sich auch in der Intention, die hinter der Implementierung von GuK im Kleinen Fratz steht. „Zu gegebener Zeit haben wir unseren Umgang mit Sprachbarrieren reflektiert. Kinder, die die verbale Sprache nicht sprechen konnten, wollten oder der Gebrauch durch anderweitige Gründe nicht zustande kam, hatten so eine Kompensationsmöglichkeit. Gleichzeitig erlaubt der spielerische Umgang mit Gebärden, dass Sprachgebrauch und Leistungsdruck nicht den Spracherwerb und die Sprachfreude tangieren.”, beschreibt Herr Mehls.
Von der Idee zur Umsetzung
Gebärdenunterstützende Kommunikation ist weder im Kita-Alltag noch in der Ausbildung zur pädagogischen Fachkraft flächendeckend Standard. Dementsprechend war die Einführung von GuK im Kleinen Fratz keine Nebensächlichkeit, sondern ein großes Vorhaben, das viel Engagement von den Fachkräften verlangte: „Wir haben von Beginn an transparent gemacht, das Gebärden unterstützte Kommunikation ein Projekt ist, welches davon lebt, dass das Team an einem Strang zieht.” beschreibt Herr Mehls und macht deutlich, dass GuK nicht nur ein Lern- und Übungsprozess für die Kinder war, sondern ebenso für das ganze Team:
“So begann die Arbeit der Fachkräfte bei der Vorbereitung des Projekts. Die Auswahl der Gebärden sollte sinnig und angepasst auf den Kitaalltag sein und man sollte sich die Haltung aneignen, mit Fehlerfreundlichkeit zusammenzuarbeiten. Es ist ein Übungsprozess für alle Beteiligten und ähnlich wie bei den Kindern soll das Ganze als einfache Erweiterung der verbalen Sprache gesehen werden, eine Art Sprache, um Verständlichkeit zu spiegeln, ohne Druck und Angst zu vermitteln.”
Wie GuK fester Teil des Kita-Alltags wurde
Die Integration von gebärdenunterstützender Kommunikation in den Kita-Alltag geschieht natürlich nicht von einem Tag auf den anderen. Deshalb entwickelte das Kita-Team eine Methode, um GuK nach und nach sowohl den Kindern als auch den Fachkräften nahezubringen und sie Schritt für Schritt zu einer Selbstverständlichkeit in der Kommunikation werden zu lassen.
Herr Mehls erinnert sich an die Anfangsphase: „Als wir mit GuK angefangen haben, haben wir dem Ganzen einen spielerischen Projektcharakter gegeben. Durch eigeninitiativ gestaltete passende Kinderspiele, Verbildlichung im Kindergarten und routiniertes Einsetzen ausgewählter Gebärden wurde so die Verwendung dieser interessant gemacht und wertschätzend begleitet. Der Projektcharakter diente zur Übung der Fachkräfte und Kinder, einige Gebärden mit Spaß und Sicherheit anzuwenden. Ziel des Projektes war es, dass der Projektcharakter verschwindet und Gebärden routiniert, autonom und alltagsintegriert bei Bedarf verwendet werden.”
Heute, sieben Jahre später, zeigt sich, dass dieses Ziel erreicht wurde: die Integration von gebärdenunterstützender Kommunikation im Alltag der Kita ist ein voller Erfolg und inzwischen fest etabliert: „Die Anwendung funktioniert alltagsintegriert und situativ durch den Austausch und die Arbeit am Kind.” schildert Mehls und hebt dabei besonders den Gewinn für die Kinder hervor: “Der Kitaalltag ist stark geprägt von strukturellen Gegebenheiten, welche täglich im Einklang mit Bedürfnissen und Wünschen der Kinder stehen. Wir können über leicht verständliche Gebärden den Kitaalltag transparent machen, so Sicherheit bieten und Kindern gerecht werden.”
GuK: Eine Kommunikationsform, die niemanden ausschließt
Gebärdenunterstützende Kommunikation ist auch ein wichtiges Instrument, um Kindern Berührungsängste zu nehmen, sie für unterschiedliche Bedürfnisse zu sensibilisieren und ihnen zu zeigen, dass Unterschiede nicht trennen - sondern dass es immer Wege gibt, respektvoll miteinander umzugehen.
„Die Gebärden unterstützte Sprache ist eine allgemeingültige Sprache, welche allgemeingültiges Wertschätzen dementsprechend ermöglicht. Die Kinder lernen spielerisch die Vorteile der Inklusion und lernen, dass Barrieren auch zu Chancen führen können. Sie bietet eine hervorragende Möglichkeit, Ängste gegenüber „fremder“ Sprachen abzubauen. Dies bedeutet, dass die Kinder auch passiv lernen, dass Offenheit und Wertschätzung gegenüber Individualität etwas Wertvolles ist. Man kann stets voneinander lernen und falls man nicht weiterkommt, gibt es Möglichkeiten. So wie die Kinder oftmals wortlose Mimik als Ausdruck von Gefühlen verstehen, verstehen sie alltagsintegrierte Gebärden als Ausdruck von Bedürfnissen und Interessen.”
Angst abbauen - Sprachfreude fördern
Neben dem Aspekt des inklusiven Miteinanders, ist gebärdenunterstützende Kommunikation natürlich auch auf individueller Ebene sehr gewinnbringend und hilft Kindern, sich zugehörig zu fühlen. Kitaleiter Peter Mehls verdeutlicht uns dies anhand eines Beispiels: „Neben den schon genannten Aspekten hat GuK den positiven Effekt, dass unverständliche Sprache seine Bedrohlichkeit verliert. Stellen Sie sich als Leser:in vor, sie wären in einem Raum und müssten mit einer Gruppe von 10 bis 20 Mitmenschen den Alltag bewältigen, Aufgaben bewältigen und Erwartungen erfüllen. Nun ist es aber leider so, dass Sie niemanden verstehen, sprich alles sich kryptisch anhört. Diese Position kann Angst machen, vor allem wenn man jetzt bedenkt, dass wir von Kleinkindern ausgehen, welche die Welt erstmal für sich begreifen müssen. Spracherwerb sollte mit Sprachfreude einhergehen und motorische spielerische Bewegungen unterstützen dabei, Druck zu lösen, ohne die Teilhabe zu tangieren.”
Wachsen Kinder bereits mit der selbstverständlichen Verwendung von gebärdenunterstützender Kommunikation auf, erfahren sie, dass Verständigung viele Wege haben kann und dass Sprachbarrieren keine Hindernisse darstellen müssen. Kinder fühlen sich nicht ausgeschlossen oder unter Druck gesetzt, nur weil sie die deutsche Sprache nicht perfekt sprechen oder verstehen können, sondern können trotzdem gleichberechtigt am Alltag teilnehmen. GuK ist eine Kommunikationsform, der Wertschätzung und Respekt gegenüber der Vielfalt inhärent ist - es ist eine Sprache der Teilhabe und der gelebten Inklusion. Damit dieser Ansatz in mehr Kitas zum Standard wird und viele Kinder erreicht, wünscht sich Herr Mehls abschließend eine größere Aufmerksamkeit für GuK:
„Wir würden uns im Allgemeinen wünschen, dass Gebärden unterstützte Kommunikation präsenter in Ausbildungen behandelt wird. Ich glaube dass es viele Fachkräfte gibt, welche schlicht nicht wissen, dass Gebärden unterstützte Kommunikation als Teil der Sprachförderung existiert.”
Quellen:
BARMER Arztreport: Kinder mit ambulant dokumentierten Diagnosen nach Top-ICD-10-Dreistellern : F80 Umschriebene Entwicklungsstörungen des Sprechens und der Sprache. (n.d.). Bifg. BARMER Institut Für Gesundheitssystemforschung. https://www.bifg.de/publikationen/reporte/arztreport/arztreport-kinderatlas-ambulante-diagnosen-nach-top-icd-10-dreistellern.
Schwerhörigkeit und Gehörlosigkeit Kinder. (2022, January 26). gesund.bund.de. https://gesund.bund.de/schwerhoerigkeit-und-gehoerlosigkeit-bei-kindern#quellen.
Die Stille sichtbar machen: 21. Mutismus-Tagung im September in Erfurt. (2025, March 17). WortMelder. Universität Erfurt. https://www.uni-erfurt.de/forschung/aktuelles/forschungsblog-wortmelder/die-stille-sichtbar-machen-21-mutismus-tagung-im-september-in-erfurt#:~:text=Pia%20Zucht:%20Die%20Deutsche%20Gesellschaft,Prozent%20sogar%20noch%20etwas%20h%C3%B6her..
Zwischen Kinderwunsch und Geburtenrückgang
Die Anzahl der Geburten geht von Jahr zu Jahr zurück: Während 2021 die Geburtenzahl noch bei 1,58 Kindern pro Frau lag, sank sie 2024 auf 1,35 - und damit auf den niedrigsten Wert seit 30 Jahren. Berlin bildet dabei mit 1,21 Kindern pro Frau das bundesweite Schlusslicht. Das wirft natürlich die Frage auf, ob sich junge Erwachsene ein Leben mit Kind immer weniger vorstellen können. Dass diese Entwicklung jedoch kein Spiegel des tatsächlichen Kinderwunsches unter jungen Erwachsenen ist, zeigen Daten des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung aus den Jahren 2023 und 2024. Laut diesen hat sich der Kinderwunsch in den vergangenen Jahren kaum verändert: Im Schnitt wünschten sich Frauen 1,76 Kinder und Männer 1,74 Kinder.
Die Anzahl der Geburten geht von Jahr zu Jahr zurück: Während 2021 die Geburtenzahl noch bei 1,58 Kindern pro Frau lag, sank sie 2024 auf 1,35 - und damit auf den niedrigsten Wert seit 30 Jahren. Berlin bildet dabei mit 1,21 Kindern pro Frau das bundesweite Schlusslicht. Das wirft natürlich die Frage auf, ob sich junge Erwachsene ein Leben mit Kind immer weniger vorstellen können. Dass diese Entwicklung jedoch kein Spiegel des tatsächlichen Kinderwunsches unter jungen Erwachsenen ist, zeigen Daten des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung aus den Jahren 2023 und 2024. Laut diesen hat sich der Kinderwunsch in den vergangenen Jahren kaum verändert: Im Schnitt wünschten sich Frauen 1,76 Kinder und Männer 1,74 Kinder.
Heute, am Weltkindertag, möchten wir uns genau mit diesem Thema beschäftigen: Warum entscheiden sich immer mehr junge Erwachsene gegen ein Kind, obwohl der Wunsch für ein Leben mit Kind eigentlich vorhanden ist? Was bedarf es, um die oft offensichtliche Differenz zwischen Kinderwunsch und gelebter Realität zu überbrücken? Und was kann Deutschland - und insbesondere Berlin - tun, damit Kinder sicher und wohlbehütet aufwachsen können?
Warum Wohnraum über Kinderwünsche entscheidet
Die Gründe, weshalb sich immer mehr junge Menschen gegen ein Leben mit Kindern entscheiden, sind zwar natürlich sehr individuell, doch es gibt einige zentrale Faktoren, die bei vielen eine Rolle spielen - allen voran die Wohnsituation. Denn: Wohnen - insbesondere in Großstädten wie Berlin - ist längst nicht mehr familiengerecht. So beträgt die Fläche einer durchschnittlichen Mietwohnung in Berlin 68,2 m2 und verfügt über 2,5 Zimmer. Lediglich 17,4% der Wohnungen in Berlin haben mehr als vier Zimmer. Dies hat zur Folge, dass fast die Hälfte der Vier-Personen-Haushalte in einer zu kleinen Wohnung leben. Neben dem Platzmangel erschweren auch die Mietpreise in Berlin die Realisierung eines Kinderwunsches, denn diese steigen seit Jahren nahezu exorbitant an. Allein im vergangenen Jahr erhöhte sich die durchschnittliche Nettokaltmiete um 5,5% auf 13,03€ pro Quadratmeter - bundesweit betrug diese Steigerung “nur” 4,5% auf 9,00€. Besonders betroffen sind Haushalte mit mittlerem oder geringem Einkommen, Alleinerziehende, Mehrkindfamilien und zugewanderte Familien. In Extremfällen führt diese Situation zur Wohnungslosigkeit: 2025 waren mehr als die Hälfte aller untergebrachten Wohnungslosen in Berlin Familienmitglieder. Und so kommt es, dass immer mehr Familien sich dazu entscheiden, aus Berlin ins Umland zu ziehen oder junge Paare ihren Kinderwunsch aufgrund der Wohnsituation aufgeben.
Kinderwunsch in unsicheren Zeiten
Neben der angespannten Wohnsituation tragen auch die aktuellen Krisen ihren Teil zum Geburtenrückgang bei. Während es in der Anfangszeit der Corona-Pandemie noch einen kleinen Anstieg der Geburten in Deutschland gab, kehrte sich dieser Trend seit 2022 ins Gegenteil und die Zahlen sinken seither kontinuierlich. Zusätzlich zu den Unsicherheiten, die die Pandemie mit sich brachte, kam der Krieg in der Ukraine hinzu - ein Krieg, der auch in Deutschland viele Fragen zur Sicherheit aufwarf. Gleichzeitig macht sich der Klimawandel zunehmend in Deutschland, unter anderem durch Überschwemmungen und Waldbrände, bemerkbar. Begleitet werden diese Krisen von steigenden Lebenshaltungskosten und der wachsenden Angst vor Armut, insbesondere vor Altersarmut. Diese Sorge trifft vor allem Mütter: Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung verdienen Mütter von einem Kind im Laufe ihres Lebens im Schnitt 40% weniger als kinderlose Frauen. Bei mehreren Kindern können die Einbußen sogar bis zu 70% betragen.
Die unsichtbare Mehrarbeit von Eltern
Um die hohen Mieten und gestiegenen Lebenshaltungskosten bezahlen zu können und zugleich für das Alter vorzusorgen, sind viele Eltern beide berufstätig. Die Mehrheit der Mütter arbeitet dabei in Teilzeit, leistet gleichzeitig jedoch mehr Aufwand für Care-Arbeit. Dass die Teilzeitarbeit dennoch kaum Entlastung im Familienalltag bringt, zeigen Zahlen des Statistischen Bundesamts: Mütter und Väter leisten im Schnitt 57,5 Stunden Arbeit pro Woche und damit rund 10 Stunden mehr als kinderlose Männer und Frauen. Verschärft wird diese Belastung in Berlin zusätzlich durch lange Wegzeiten zu Kitas, Schulen, Freizeitangeboten und Ämtern aufgrund des knappen Wohnraums sowie einer überlasteten Infrastruktur. Dadurch fehlt vielen Eltern wertvolle Zeit mit ihren Kindern. Erschwerlich kommt hinzu, dass Care-Arbeit in der Gesellschaft nach wie vor zu wenig anerkannt wird und die dahinterstehende Belastung oft übersehen bleibt. Kaum verwunderlich also, dass sich 70% der Eltern erschöpft oder ausgebrannt fühlen, laut einer von der Kaufmännischen Krankenkasse in Auftrag gegebenen forsa-Umfrage. Zwei Drittel der befragten Eltern gaben dabei an, dass der Stress insbesondere in den vergangenen Jahren zugenommen hat.
Es darf jedoch nicht sein, dass Familien - und damit auch Kinder - solchen Belastungen ausgesetzt sind und junge Erwachsene aufgrund dieser Faktoren ihren Kinderwunsch aufgeben. Was braucht es also, um ein kind- und familiengerechtes Leben zu ermöglichen und Wunsch und Realität zusammenzuführen?
Von Wohnraum bis Elternzeit: Rahmenbedingungen für Familien verbessern
Insbesondere in Berlin ist dringend ein Ausbau von bezahlbarem und familiengerechten Wohnraum notwendig. Das bedeutet: größere Wohnungen, flexible Grundrisse, eine Stärkung des sozialen Wohnungsbaus und vor allem faire Mietpreise. Familien sollten nicht mehr in beengten Räumlichkeiten wohnen müssen - Kinder brauchen ihre eigenen Zimmer und Rückzugsorte. Dies sollte kein Luxus, sondern eine Selbstverständlichkeit sein, da die Wohnsituation nicht nur das aktuelle Wohlbefinden beeinflusst, sondern auch langfristig die Psyche, die Gesundheit und die schulischen Leistungen.
Ebenso wichtig sind kindgerechte Wohnumfelder mit ausreichend Grünflächen, Spielplätzen und einer guten Infrastruktur, damit Schulen und Kitas leicht erreichbar sind. Dabei gilt es auch zu verhindern, dass Kitas aufgrund des Geburtenrückgangs schließen müssen - nur so bleibt eine flächendeckende Kita-Versorgung garantiert und Eltern werden von langen Wegzeiten entlastet.
Um finanzielle Belastungen und damit verbundene Sorgen zu mindern, braucht es zudem eine Weiterentwicklung von Elterngeld und Elternzeit sowie die Förderung einer partnerschaftlichen Aufteilung von Erwerbs- und Care-Arbeit. Für Frauen darf es kein finanzielles Risiko sein, Kinder zu bekommen. Schweden beispielsweise zeigt, wie es gehen kann: Dort stehen Eltern pro Kind 480 Tage Elternzeit zu, davon je 90 Tage exklusiv für jedes Elternteil. Während 390 Tagen erhalten Eltern rund 80% ihres Einkommens. Flexible Arbeitszeitmodelle und eine gute Kita-Infrastruktur ergänzen das System - mit dem Ergebnis, dass Mütter in Schweden überdurchschnittlich häufig und umfangreich erwerbstätig sind.
Auch bei der Bewältigung alltäglicher Aufgaben können Familien entlastet werden: Durch weniger Bürokratie und bessere, funktionierende digitale Services. Die dadurch gewonnene Zeit können Eltern sinnvoller mit ihren Kindern verbringen.
Der Geburtenrückgang ist kein Spiegel eines fehlenden Kinderwunschs unter jungen Menschen, sondern die Folge struktureller Probleme. Sie erschweren die Familiengründung und lassen viele junge Menschen in eine unsichere Situation versetzen, ob sie sich Kinder überhaupt leisten können und ob sie Kindern überhaupt ein gutes Aufwachsen garantieren können. Besonders in Berlin verdichten sich diese Probleme durch Wohnungsknappheit, hohe Mieten und eine hohe Belastung durch doppelte Berufstätigkeit. Der Weltkindertag sollte nun Anlass sein, nicht nur heute, sondern an jedem anderen Tag auch, eine Gesellschaft zu gestalten, in der Kinderbekommen kein Risiko mehr darstellt. Kinder müssen in einer sicheren, schützenden, kind- und familiengerechten Umgebung aufwachsen können - und dafür braucht es eine mutige Familien-, Sozial- und Bildungspolitik. Denn Kinder sind unsere Zukunft, und es sollte außer Frage stehen, jedem Kind ein gutes Aufwachsen zu ermöglichen.
Quellen:
BERLINER BEIRAT FÜR FAMILIENFRAGEN, Schmitz, G., & Erdoğan, K. (2025). FAMILIEN IM ZEITENWANDEL STÄRKEN BERLINER FAMILIENBERICHT 2025. https://www.familienbeirat-berlin.de/fileadmin/Berliner%20Familienberichte/Familienbericht_2025/BBFF_FB2025_web.pdf.
Eltern-Burnout statt Familienglück? (n.d.). KKH. https://www.kkh.de/presse/pressemeldungen/elternstress2024.
Ergebnisse des Mikrozensus in Berlin und Brandenburg – Wohnsituation. (n.d.). https://www.statistik-berlin-brandenburg.de/f-i-2-4j.
Mietspiegel für Berlin 2025. (2025). Immobilienscout24. https://www.immobilienscout24.de/immobilienpreise/berlin/berlin/mietspiegel?mapCenter=52.507023%2C13.424545%2C10.091951738445271.
Pannen, A. (2024, December 8). Hohe Mieten, marode Schulen, fehlende Radwege: Berlin vergrault seine Familien. Tagesspiegel. https://www.tagesspiegel.de/berlin/hohe-mieten-marode-schulen-fehlende-radwege-berlin-vergrault-seine-familien-12785951.html.
Rückgang der Geburtenziffer schwächte sich 2024 deutlich ab. (n.d.). Statistisches Bundesamt. https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2025/07/PD25_259_12.html.
Schweden führt Elterngeld für Grosseltern ein. (2024). Pro Familia Schweiz. https://www.profamilia.ch/aktuelles/aktuell?view=article&id=2835:schweden-fuehrt-elterngeld-fuer-grosseltern-ein&catid=9#:~:text=So%20bekommen%20Eltern%20in%20Schweden,bekommen%20gerade%20einmal%202%20Wochen..
Trotz Geburtenrückgang: Lust auf Nachwuchs bleibt groß. (2025, July 30). tagesschau.de. https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/kinderwunsch-100.html.
Wetter, B., Bönke, Glaubitz, Göbler, Harnack, Pape, Manuela Barišić, & Valentina Sara Consiglio. (2020). Was es sie kostet, Mutter zu sein. Beschäftigung Im Wandel. https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/user_upload/200616_Kurzexpertise_MotherhoodLifetimePenaltyFINAL.pdf.
Vergleich: Elternzeit Schweden + Deutschland. (n.d.). Hannoversche Lebensversicherung AG. https://www.hannoversche.de/wissenswert/elternzeit-in-schweden.
Zahlen, Daten, Fakten. (n.d.). Berlin.de. https://www.berlin.de/sen/soziales/besondere-lebenssituationen/wohnungslose/statistik/.
Zeitverwendungserhebung 2022. (n.d.). Statistisches Bundesamt. https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Einkommen-Konsum-Lebensbedingungen/Zeitverwendung/Ergebnisse/_inhalt.html.