Demokratie im frühen Kindesalter: Einblicke in gelebte Werte
Anlässlich des Tages der Demokratie am 15. September gab Antje Stutz, Gesamtleiterin der Kindertagesstätte Stubs & Fridolin, Einblicke in ihre pädagogische Arbeit und ihre Überzeugungen. In dem gemeinsamen Gespräch erzählte sie nicht nur von ihren beruflichen Wurzeln und ihrer Entwicklung in der frühkindlichen Pädagogik, sondern auch von der zentralen Rolle der Demokratiebildung in ihrer Arbeit.
Anlässlich des Tages der Demokratie am 15. September gab Antje Stutz, Leiterin der Kindertagesstätte Stubs & Fridolin, einer Einrichtung des Trägers CJD Berlin-Brandenburg, Einblicke in ihre pädagogische Arbeit und ihre Überzeugungen. In dem gemeinsamen Gespräch erzählte sie nicht nur von ihren beruflichen Wurzeln und ihrer Entwicklung in der frühkindlichen Pädagogik, sondern auch von der zentralen Rolle der Demokratiebildung in ihrer Arbeit. Ihre Leidenschaft für die Kinder und ihr unermüdliches Engagement, ihnen Werte wie Respekt und Mitbestimmung zu vermitteln, prägen den Alltag der Einrichtung.
„Ich habe noch zu DDR-Zeiten ein Fachschulstudium für Krippenpädagogik gemacht, also für Kinder von null bis drei Jahren“, erzählt Antje Stutz und beginnt damit ihre Geschichte. Nach der Wende entschied sie sich, eine Weiterbildung zur Erzieherin für ältere Kinder zu machen. Schon früh übernahm sie leitende Funktionen in der Kinderbetreuung und bemerkte schnell, dass ihre damalige Ausbildung nicht ausreichte, um den wachsenden Anforderungen gerecht zu werden. „Damals gab es noch keine speziellen Qualifikationen für Leiterinnen, also habe ich eine zweijährige Qualifizierung gemacht für sozialpädagogische Familienhilfen. Da ging es um Fragetechnik, um Elternberatung und um die Zusammenarbeit mit dem Jugendamt. Das hat mir unglaublich viel geholfen.“ Diese Erfahrungen weckten in ihr den Wunsch, sich noch weiter zu qualifizieren. Sie setzte ihre berufliche Entwicklung fort: „Ein paar Jahre später habe ich meinen Bachelor in sozialer Arbeit in Potsdam gemacht, dann meinen Master in Bildung und Beratung an der katholischen Hochschule in Berlin. Nebenbei habe ich ein Studium zur Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin begonnen, das ich gerade abschließe. Ich habe noch meine mündliche Prüfung, dann bin ich approbiert.“ Ursprünglich hatte Antje Stutz ganz andere Lebenspläne. „Ich wollte eigentlich Schauspielerin werden“, gesteht sie mit einem Lachen. „Aber ich bin sehr konservativ erzogen worden und wusste, das würden meine Eltern nicht erlauben. Ich habe aber relativ schnell gemerkt, wie schön es ist, mit Kindern zu arbeiten. Wenn man morgens in die Kita kommt und die Kinder einen fröhlich begrüßen – es gibt nichts Schöneres.“ Mit großer Begeisterung spricht sie über ihre Arbeit mit Kindern. „Kinder haben eine ganz eigene Art, die Welt zu sehen, und wenn wir die Welt mit ihren Augen betrachten, lernen wir so viel dazu. Wir werden an unsere eigene Kindheit erinnert. Es ist eine sehr wertvolle Arbeit“, sagt sie nachdenklich. Antje ist fest davon überzeugt, dass die ersten Lebensjahre entscheidend für die Entwicklung eines Kindes sind. „Gerade in den ersten Jahren wird so viel an Grundlagen für die Kinder gelegt. Da ist es einfach total wichtig, dass sie freudvolle Erfahrungen machen, hinterfragen dürfen und auch mit Freude lernen können.“
Respekt und Kommunikation von Anfang an
Antje Stutz sieht sich in ihrer Arbeit als „Wegbegleiterin und Behüterin“ der Kinder, die ihr in der Kita anvertraut werden. Ihr ist die immense Verantwortung bewusst, die diese Aufgabe mit sich bringt. „Wir dürfen nie vergessen, dass die Eltern uns ihr Liebstes in die Kita geben. Und da fängt schon Demokratie an – bei dem ersten Schritt, den die Eltern mit ihrem Kind in die Kita machen. Sie dürfen alle Fragen stellen, Wünsche äußern und werden von Anfang an mit einbezogen“, erklärt sie. Die Zusammenarbeit mit den Eltern ist für Stutz ein zentrales Element des Kita-Alltags. Ihr Anspruch ist es, die Eltern als Bildungs- und Erziehungspartner zu sehen, die aktiv am Leben der Kita teilhaben. „Ich sage immer zu den Eltern: ‚Bitte kommen Sie zu unseren Treffen – ob Elterncafé, Elternabend oder in den Elternbeirat.‘“ Dieses Miteinander stärkt das Vertrauen und schafft ein gemeinsames Verständnis für die Entwicklung der Kinder. Ein besonderes Beispiel für die Einbindung der Eltern ist das Feiern von Festen, die verschiedene Kulturen und Traditionen widerspiegeln. „Wir haben viele Kinder mit Migrationshintergrund in unserer Kita. Seit einigen Jahren kommt beispielsweise immer ein Elternteil zum Zuckerfest und erklärt den Kindern, warum dieses Fest gefeiert wird.“ Für Stutz ist es entscheidend, dass Kinder in der Kita lernen, dass alle Feste und Traditionen gleichermaßen wertgeschätzt werden. Diese Offenheit fördert nicht nur den interkulturellen Austausch, sondern stärkt auch das Gemeinschaftsgefühl. „Meine Mitarbeitenden waren anfangs skeptisch, aber dann beeindruckt von den Parallelen zwischen den Religionen. Es geht darum, das Gemeinsame zu betonen und gleichzeitig das Andere zu akzeptieren.“ Dieses Miteinander und die gegenseitige Wertschätzung zeigen sich auch in der täglichen Kommunikation mit den Eltern. „Wir führen regelmäßig Umfragen und Interviews mit den Eltern durch, um zu erfahren, wie wir sie bestmöglich unterstützen können“, berichtet sie, „Eine Mutter sagte mir einmal, wie dankbar sie war, dass wir nach einer langen Krankheit ihres Kindes die Eingewöhnung noch einmal neu begonnen haben.“ Diese enge Zusammenarbeit zwischen Pädagogen und Eltern dient auch den Kindern als Vorbild. „Die Kinder sollen merken, dass ihre Eltern mit den Pädagog:innen zusammenarbeiten, und dass es wichtig ist, gemeinsame Entscheidungen zu treffen.“ Doch auch den Kindern selbst wird Raum für Mitsprache eingeräumt. „Sie sollen wissen und erfahren, dass darauf geachtet wird, was ich sage. Ich darf und soll mich hier einbringen“, beschreibt Stutz die demokratische Atmosphäre, die sie in der Kita etabliert hat. Für die Kinder bedeutet das, dass ihre Meinung zählt, dass sie gehört werden – aber auch, dass sie lernen, dass Mitsprache Verantwortung mit sich bringt. „Es geht nicht darum, den Kindern etwas aufzudrücken“, betont sie. „Sie sollen wissen, wenn ich etwas sagen möchte, dann kann ich das. Und wenn ich heute keine Lust habe, etwas zu sagen, dann ist das auch in Ordnung. Aber vielleicht kann ich dann beim nächsten Mal nicht so gut mitentscheiden.“ Demokratie ist für Stutz ein zentrales Prinzip ihrer pädagogischen Arbeit. Sie beginnt damit, den Kindern Freiraum zu geben, sich zu entfalten und gleichzeitig klare Strukturen und Regeln anzubieten. „In der Pädagogik ist es wichtig, dass die Kinder einen Rahmen haben, an dem sie sich orientieren können“, erklärt sie. Diese Regeln, wie „Wir lassen den anderen ausreden“, „Wir schlagen uns nicht“ oder „Wir nehmen uns nichts weg“, werden altersgerecht mit den Kindern gemeinsam entwickelt. Sie fördern ein respektvolles Miteinander und lehren die Kinder, Absprachen einzuhalten.
Die Bedeutung von Vorbildern, Macht, Reflexion und Zusammenarbeit
In dem Gespräch beschreibt Antje, wie wichtig es ist, dass Kinder täglich von den Erwachsenen in ihrer Umgebung lernen, was Demokratie bedeutet – durch Beobachtung und gelebtes Beispiel. „Die Kinder beobachten uns jeden Tag. Sie sehen, wie wir miteinander umgehen“, erklärt sie und betont, wie wichtig es ist, Machtverhältnisse dabei bewusst zu reflektieren. „In der Kita gibt es auch das Thema Macht. Wir sind den Kindern alleine durch unsere Körpergröße, unser Alter und unser Wissen überlegen. Doch es liegt an uns, diese Macht nicht auszuspielen, sondern partnerschaftlich und respektvoll zu handeln.“ Für Stutz ist es entscheidend, dass Pädagog:innen sich regelmäßig selbst reflektieren. „Es ist eine tägliche Aufgabe, sich selbst zu hinterfragen und sich bewusst zu machen, wie man mit seiner Macht umgeht.“ Diese Haltung prägt nicht nur den Umgang mit den Kindern, sondern auch die Zusammenarbeit im Team. Jeden Morgen gibt es einen Jour-Fix, bei dem sich alle Teammitglieder über den Tag austauschen. „Wir machen jeden Morgen einen Jour-Fix, in dem wir uns austauschen, wie es uns geht, wer welche Aufgaben übernimmt und wer Unterstützung braucht. Es ist wichtig, dass niemand allein die Kontrolle hat, sondern wir uns gegenseitig unterstützen.“ Diese demokratische Zusammenarbeit wird von den Kindern wahrgenommen und übernommen. „Wenn ich sehe, dass eine Kollegin im Gespräch ist, warte ich – und das Kind sieht, dass auch ich warten muss. So lernt es, ebenfalls zu warten.“ Für Stutz ist dies eine Form von Wertschätzung, die unmittelbar mit der Demokratie verknüpft ist. Diese Wertschätzung ist besonders in der frühkindlichen Erziehung sehr wichtig und beginnt damit, auf die Signale der Kinder zu achten und ihre Bedürfnisse ernst zu nehmen. „Das fängt schon beim achtsamen Wickeln in der Krippe an. Die Kinder signalisieren uns, wann sie bereit sind, gewickelt zu werden. Es geht darum, ihre Körpersprache zu lesen und ihnen Respekt entgegenzubringen.“ Wenn Kinder diese Wertschätzung erfahren, stärkt das gleichzeitig das Vertrauen der Kinder. Ein weiterer Aspekt der Vorbildfunktion von Pädagogen ist der Umgang mit Fehlern. „Fehler zuzugeben, ist ein Zeichen von Stärke. Das gehört zu demokratischen Prozessen, und das lebe ich auch mit meinem Team. Der Pädagoge ist nicht der Allwissende, der alles kann und weiß, sondern er macht genauso Fehler.“ Dazu zählt auch, dass die Pädagog:innen auch mal von den Kindern in Frage gestellt werden: „Die Kinder dürfen mich in Frage stellen, sie dürfen auch Dinge, die wir tun, hinterfragen. Das ist für uns ganz wichtig.” Für Stutz ist es wichtig, eine gelebte Fehlerkultur zu pflegen. „Alles im Leben verläuft wie in der Natur in Wellen. Hundertwasser sagte: ‘Die gerade Linie ist gottlos.’ und er hat recht. Wenn wir unsere Kreativität in die Demokratie einfließen lassen, wird sie noch schöner. Denn Wissen ist endlich, aber Kreativität ist es nicht und diese sehen wir auch immer wieder bei den Kindern, wenn wir es zulassen und so können wir gemeinsam demokratische Orte gestalten. Demokratie bedeutet, dass es Diskussionen gibt, aber auch Momente, in denen sich alles beruhigt und wir gemeinsam Lösungen finden.“ Sie erinnert sich an eine Situation, bei der es darum ging, die Ausruhsituation für die Kinder individueller zu gestalten. Der Gedanke war, die Kinder zu beobachten und nach ihrem Bedürfnis schlafen oder aufbleiben zu lassen, denn Schlaf ist individuell und orientiert sich nicht grundsätzlich am Alter des Kindes. Das Team war sich jedoch dabei uneinig. „Ich merkte, dass ich emotional zu dicht dran war. Ich wollte etwas durchsetzen und war nicht mehr demokratisch.“ In diesem Moment entschied sie, einen Supervisor hinzuzuziehen, um gemeinsam eine Lösung zu finden. Dieser Prozess zeigte ihr, wie wichtig es ist, demokratische Prinzipien im Blick zu behalten. Auch im Alltag mit den Kindern spiegelt sich dieser Umgang mit Fehlern wider. „Bei uns essen die Kinder mit richtigem Geschirr, auch in der Krippe. Es ist kein Drama, wenn etwas kaputtgeht. Wir bestrafen Kinder nicht für Fehler, sondern ermutigen sie, daraus zu lernen.“ Für Stutz ist es essenziell, den Kindern zu vermitteln, dass Fehler zum Leben dazugehören und eine Chance zum Wachsen bieten. Antje Stutz sieht die Rolle der Pädagog:innen klar: „Es geht darum, den Kindern zu zeigen, dass ihre Meinung zählt, dass Fehler erlaubt sind und dass man immer respektvoll miteinander umgehen muss. Wenn Kinder erleben, dass ihre Stimme wichtig ist und dass sie in Entscheidungen einbezogen werden, dann haben wir als Pädagogen eine wichtige Grundlage für ihr späteres Leben gelegt.”
Demokratische Grundsätze in der Kita
„Unser Grundsatz lautet: Jeder hat das Recht, gehört zu werden, und du hast eine Stimme, du kannst mitentscheiden“, erklärt sie. “Die Kinder spüren sehr genau, ob sie respektiert und gehört werden.” Dies zeigt sich in der Kita Stubs & Fridolin vor allem in der aktiven Mitbestimmung der Kinder. Ein wichtiger Bestandteil dabei ist der Kinderrat, ein Gremium, das von den Kindern selbst gewählt wird. „Der Kinderrat trifft sich regelmäßig mit mir, und wir besprechen Themen, die den Kindern wichtig sind – sei es die Planung von Festen oder Dinge, die sie im Alltag verändert haben möchten.“ Diese aktive Mitbestimmung stärkt das Selbstbewusstsein der Kinder und zeigt ihnen, dass ihre Meinungen ernst genommen werden. In der Kita übernimmt jedes Kind Verantwortung, denn auch das ist Teil der Demokratie. „Jedes Kind bekommt eine Aufgabe“, erklärt Stutz. „Das gehört zur Demokratie: Es gibt kein Machtmonopol, sondern die Aufgaben und Verantwortlichkeiten werden auf alle verteilt. Wenn eine Aufgabe nicht richtig erfüllt wird, sprechen die Kinder ihre Mitspieler darauf an. So übernehmen sie Verantwortung und erleben Selbstwirksamkeit.“, erklärt Antje. Die Kinder erfahren dadurch auch, dass sie ein wichtiger Teil der Gemeinschaft sind, sie lernen, sich in der Gemeinschaft zu orientieren, aufeinander Rücksicht zu nehmen und dass ihre individuellen Fähigkeiten und Stärken einen Beitrag zum Wohl der Gruppe leisten. „Unser Trägerslogan ‚Das Zusammen wirkt’ bringt es auf den Punkt“, erklärt Stutz. „Jeder bringt seine individuellen Stärken ein. Wir ergänzen uns. So sind wir gemeinsam stark. Diese Erkenntnis stärkt die Kinder und bereitet sie darauf vor, respektvolle und verantwortungsvolle Mitglieder der Gesellschaft zu werden“. Ein weiteres Prinzip demokratischer Erziehung in der Kita ist das Abstimmen. „Wir stimmen ab, und das bedeutet manchmal, dass nicht jeder genau das bekommt, was er sich wünscht. Aber es geht darum, das Beste für alle zu finden“, erläutert Stutz. Diese Prozesse fördern das Verständnis für das Wohl der Gruppe und lehren die Kinder, Kompromisse zu akzeptieren. Ein Beispiel dafür war das Sommerfest, bei dem der Kinderrat viele Wünsche äußerte. „Die Kinder wollten eine riesige Torte und einen Seifenblasenkünstler. Die Torte war finanziell nicht möglich, aber wir haben zwei kleine Torten gebacken, und die Kinder haben sich trotzdem über den Seifenblasenkünstler gefreut. Es ging nicht darum, immer das Größte zu bekommen, sondern darum, auch die kleineren Dinge zu schätzen.“ Kinder lernen, dass ihre Wünsche ernst genommen werden, auch wenn sie nicht immer vollständig erfüllt werden können. Stutz betont, dass diese Erfahrungen für die Kinder prägend sind: „Es ist ein Lernprozess. Kinder sind von Natur aus soziale Wesen, und sie verstehen oft schneller, als wir erwarten, warum nicht alles möglich ist. Sie lernen, dass sie trotzdem Teil des Entscheidungsprozesses sind und dass ihre Meinung wichtig ist.“ Stutz beschreibt weiter, wie wichtig es ist, den Kindern auch im Alltag genügend Freiräume für eigene Entscheidungen zu geben. „Wenn ein Kind länger am Waschbecken bleiben möchte, um mit dem Seifenschaum zu spielen, dann müssen wir das ermöglichen.“ Es gehe darum, den Kindern eigene Erfahrungen zuzugestehen, damit sie lernen, selbst Entscheidungen zu treffen. Neben den alltäglichen Entscheidungen fördert die Kita auch das Verständnis für gesellschaftliche Themen. „Wir sprechen mit den Kindern über alles, was sie beschäftigt – sei es der Krieg in der Ukraine oder die verschiedenen Religionen in unserer Kita“, erklärt Stutz. Trotz des christlichen Hintergrunds der Einrichtung wird die Vielfalt der Religionen respektiert. „Wichtig ist, dass wir den Kindern vermitteln, sich gegenseitig zu respektieren und Wertschätzung entgegenzubringen und dass, das eine darf neben dem anderen stehen. Es geht darum, zu erkennen, was uns verbindet, unabhängig von unseren Unterschieden.“ Dieses Verständnis für Vielfalt wird durch eine bewusste Wissensvermittlung gefördert. Für Stutz ist klar, dass Bildung ein Schlüsselfaktor für Demokratie ist. „Wissen baut Vorurteile ab. Wenn die Kinder lernen, warum manche Kinder in der Kita bestimmte Speisen nicht essen oder warum sich ihre Mutter anders kleidet, dann entwickeln sie Verständnis und Respekt.“ Die Darstellung von Diversität spielt eine große Rolle in der Kita. „Wir achten darauf, dass die Kinder ihre Wurzeln in unseren Räumen wiederfinden“, betont Stutz. „Sei es durch Bücher über Kinderrechte, Schriftzeichen oder Spielzeug – es ist wichtig, dass die Kinder die Vielfalt unserer Welt reflektiert sehen.“ Besonders einprägsam war die Einführung von Puppen mit Behinderungen. „Die Kinder waren begeistert, als sie sahen, dass es auch Barbie-Puppen im Rollstuhl gibt. Für Kinder, deren Eltern im Rollstuhl sitzen, war das besonders berührend. Es hilft ihnen, ihre Realität zu verarbeiten und darüber zu sprechen.“ Durch diese vielfältigen Ansätze wird in der Kita ein Rahmen geschaffen, der es Kindern ermöglicht, demokratische Werte zu erleben, zu verstehen und in ihr tägliches Handeln zu integrieren. „Es geht nicht nur darum, den Kindern Wahlmöglichkeiten zu geben, sondern auch darum, sie im täglichen Miteinander zu respektieren, ihnen zuzuhören und sie ernst zu nehmen. Wenn wir das schaffen, legen wir eine starke Grundlage für ein demokratisches Miteinander – nicht nur in der Kita, sondern auch für das spätere Leben.“
Wie Demokratie im Kita-Alltag lebendig wird
Der Tagesablauf in der Kita ist flexibel gestaltet, um den Bedürfnissen und Wünschen der Kinder gerecht zu werden, wie Antje Stutz erklärt: „Unser Tagesablauf ist nicht in Stein gemeißelt, aber wir orientieren uns auf jeden Fall daran.“ Diese Flexibilität ist ein zentraler Aspekt der Demokratiebildung, denn sie zeigt den Kindern, dass ihre Meinungen Einfluss auf den Alltag haben können. Eine wichtige Gelegenheit, um diese Mitbestimmung zu erleben, bietet der tägliche Morgenkreis. „Der Morgenkreis ist eine wertvolle Zeit, in der wir gemeinsam besprechen, wie der Tag gestaltet wird und was die Kinder bewegt“, erläutert Stutz. Dabei beteiligen sich die Kinder aktiv an Entscheidungen, sei es durch Abstimmungen per Handzeichen oder indirekte Methoden, etwa wenn es um sensible Themen geht. „Zu Beginn sind die meisten Kinder im Morgenkreis noch sehr zurückhaltend“, sagt Stutz. „Wir nutzen Hilfsmittel wie unsere kleine Puppe, Lilo Lausch, um den Kindern Mut zu machen, ihre Gedanken und Gefühle auszudrücken.“ Diese Puppe, ein Elefant aus Filz, hilft den Kindern, sich sicherer zu fühlen und unterstützt sie dabei, sich in der Gruppe Gehör zu verschaffen. Auch bei den Jüngsten in der Krippe dient der Morgenkreis dazu, die Kinder aktiv in Entscheidungsprozesse einzubeziehen und sie darin zu stärken. „Im Morgenkreis gibt es eine Holzschale mit verschiedenen Elementen, wie Figuren, die mit Liedern oder Gedichten assoziiert sind. Zwei Kinder dürfen jeden Morgen etwas aus der Schale wählen und entscheiden, welches Lied oder Gedicht wir heute machen“, erklärt Stutz. „Das ist eine kleine, aber bedeutende Form der Partizipation, die auch den jüngsten Kindern Demokratieerfahrungen ermöglicht.“ Die partizipative Haltung, die Stutz und ihr Team vermitteln, ist allerdings nicht an bestimmte Materialien gebunden, sondern an das grundlegende Verständnis, den Kindern Raum zur Teilhabe und Teilgabe zu bieten. „Es gibt nicht das eine Mittel für Demokratiebildung“, sagt sie. „Viel wichtiger ist die Grundhaltung, die wir in unsere Arbeit einbringen.“ So lernen die Kinder, den Kita-Alltag aktiv mitzugestalten. Ein Beispiel dafür ist die Entscheidungsfindung im Morgenkreis: „Wenn es zum Beispiel eine Hochebene gibt, die nur von drei Kindern gleichzeitig genutzt werden kann, besprechen wir im Morgenkreis, wer darauf möchte und wie wir das organisieren. Manchmal gibt es auch Situationen, die sich plötzlich ändern. Zum Beispiel hatten wir tagelang Regen, und als wir endlich den Sportraum nutzen konnten, fragten wir die Kinder: Möchtet ihr im Sportraum Sport machen oder lieber rausgehen? Wir stimmen dann gemeinsam ab.“ Solche Abstimmungen fördern das Verständnis der Kinder für Gruppenentscheidungen und lehren sie, Kompromisse zu finden. Auch emotionale Themen haben im Morgenkreis ihren Platz. Stutz berichtet: „Manchmal kommen Kinder traurig in die Kita, weil ihr Haustier gestorben ist. Solche Themen wie Tod und Trauer werden im Kreis besprochen.“ Dies ermöglicht den Kindern, über ihre Gefühle zu sprechen und Empathie für andere zu entwickeln. „Es ist wichtig, dass Kinder lernen, unterschiedliche Meinungen und Empfindungen zu akzeptieren. Das fördert Empathie und Verständnis.“, betont Stutz. Eine wesentliche Rolle spielt dabei, dass niemand für seine Vorlieben oder Ansichten beschämt wird. „Niemand darf abgewertet werden, das ist ein wesentlicher Aspekt der Demokratie. Es geht darum, eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich jeder wohlfühlen kann, ohne abgewertet zu werden.“ Demokratiebildung umfasst auch die Arbeit in Projekten. „Wir geben den Kindern die Möglichkeit, selbst zu wählen, an welchen Projekten sie teilnehmen möchten“, erklärt Stutz. „Wir arbeiten in Projekten, die durch den situativen Ansatz in der Beobachtung der Kinder, aber auch durch Impulse von außen angeregt werden“, erläutert Stutz. „Ein Kind kann sich nicht für Kunst interessieren, wenn es nicht mit Kunst in Berührung kommt. Ebenso kann es sich nicht für klassische Musik interessieren, wenn es nicht damit konfrontiert wird.“ Die Beobachtung der Kinderinteressen und die gemeinsame Planung von Projekten sind wesentliche Bestandteile dieses Ansatzes. Stutz berichtet von einem Beispiel, das die Begeisterung und Kreativität der Kinder verdeutlicht: „Wir hatten zufällig ein Buch von der ‚Zauberflöte‘ für Kinder, das einfach nur da lag. Die Kinder waren fasziniert von Papageno, und so entstand ein großes Projekt, das sich über viele Monate erstreckte. Wir arbeiteten in verschiedenen Bildungsbereichen daran und schauten uns schließlich die ‚Zauberflöte‘ an. Die Kinder waren enttäuscht, weil es nicht wie im Buch war, aber es war auch spannend, diese Erfahrung zu reflektieren.“ Ein weiteres herausragendes Beispiel für langjährige Demokratiebildung ist das Projekt „Panorama“, bei dem die Kinder klassische Musik und das Spielen der Geige erlernten. Einmal wöchentlich trafen sich die Kinder in einer „Tutti“-Orchesterformation. „Die Höhepunkte waren die Aufführungen, etwa in der Berliner Philharmonie, bei denen die Kinder ihre Selbstwirksamkeit erlebten und die Eltern stolz ihre Kinder auf der großen Bühne sehen konnten“, erinnert sich Stutz. Bei solchen Projekten ist nicht nur die kreative Auseinandersetzung der Kinder mit den Themen essentiell, sondern auch die Reflexion über ihre Erlebnisse. „Es ist wichtig, regelmäßig mit den Kindern über ihre Erfahrungen zu sprechen“, sagt Stutz. So können sie mitteilen, was ihnen gefallen hat und was sie sich anders gewünscht hätten. Diese Rückmeldungen tragen dazu bei, den demokratischen Austausch kontinuierlich zu fördern und zu verbessern. Diese praktischen Erfahrungen der Kinder in der Demokratiebildung sind wertvoll, doch für Antje Stutz ist klar, dass es noch einen tieferen Schlüssel für den Erfolg gibt: die innere Haltung der Pädagog:innen. „Es gibt immer viele Gründe, warum etwas nicht funktioniert“, erklärt sie. „Aber es gibt nur einen einzigen Grund, warum es trotzdem gelingen kann: Liebe. Die Haltung, die ich selbst habe – Wertschätzung und Liebe zu dem, was ich tue – ist entscheidend.“ Diese innere Haltung beschreibt sie als den Schlüssel zur erfolgreichen Demokratiebildung. „Es kann anstrengend sein“, gibt sie zu, „weil man lernen muss, den Raum für andere zu öffnen und dabei Respekt und Toleranz zu wahren.“ Genau dieses Verständnis möchte sie den Kindern vermitteln: dass demokratisches Zusammenleben auf gegenseitiger Achtung und dem respektvollen Umgang miteinander beruht. Die Demokratiebildung in der Kita Stubs und Fridolin zeigt, wie essentiell frühzeitige Werte wie Respekt, Mitsprache und Akzeptanz für die Entwicklung der Kinder sind. Durch ein gelebtes Vorbild und eine wertschätzende Atmosphäre wird die beste Grundlage für ein demokratisches Miteinander gelegt, das die Kinder auf ihr späteres Leben vorbereitet.
Jedes Kind zählt: Für Vielfalt und Inklusion in der frühkindlichen Bildung
Inklusion ist mehr als nur ein pädagogisches Konzept – sie sollte eine Selbstverständlichkeit und Normalität sein, sagt Monika Lapinski, Fachberaterin für Inklusion beim Kitaträger "Kleiner Fratz" in Berlin. In einem aufschlussreichen Interview spricht Lapinski über ihre langjährige Arbeit in der frühkindlichen Bildung und die tief verwurzelte Überzeugung, dass jeder Mensch, unabhängig von seinen Fähigkeiten oder seiner Herkunft, wertvolle Beiträge leisten kann.
Inklusion ist mehr als nur ein pädagogisches Konzept – sie sollte eine Selbstverständlichkeit und Normalität sein, sagt Monika Lapinski, Fachberaterin für Inklusion beim Kitaträger "Kleiner Fratz" in Berlin. In einem aufschlussreichen Interview spricht Lapinski über ihre langjährige Arbeit in der frühkindlichen Bildung und die tief verwurzelte Überzeugung, dass jeder Mensch, unabhängig von seinen Fähigkeiten oder seiner Herkunft, wertvolle Beiträge leisten kann. Lapinski teilt ihre Erfahrungen und Erfolge, wie sie Kindern, die sich schwer taten, zu kommunizieren, neue Kommunikationsfähigkeiten vermittelte, und wie sie durch die Einführung offener Strukturen und individueller Angebote die Selbstständigkeit und das Wohlbefinden der Kinder förderte. Dieses Interview beleuchtet nicht nur die Herausforderungen und Erfolge ihrer Arbeit, sondern auch ihre visionäre Herangehensweise an Inklusion, die sie als eine Herzensangelegenheit und eine gemeinschaftliche Verantwortung aller Beteiligten betrachtet.
Inklusion als Herzstück: Monika Lapinskis Weg zur Vielfalt in der frühkindlichen Bildung
„Ich habe Erziehungswissenschaften auf Magister studiert vor langen, langen Jahren,“ erinnert sich Lapinski. „Das war ein ziemlich trockenes Studium und dann bin ich irgendwann in der offenen Jugendarbeit gelandet.“ Schon früh zeigte sich ihre Affinität zur Beratung, die sich durch ihre gesamte Karriere zog. In der Jugendarbeit unterstützte sie Jugendliche und junge Erwachsene unterschiedlichster Herkunft bei Anträgen, Amtstelefonaten und Gesprächen. Doch Lapinski wollte mehr. „Irgendwann hat mir das nicht ausgereicht und ich wollte in den Kita-Bereich gehen,“ erzählt sie. Trotz anfänglicher Schwierigkeiten, da sie damals als überqualifiziert galt, fand sie schließlich eine Anstellung in einem Kindergarten in Spandau. Dort arbeitete sie mit Kindern und Familien aus diversen Lebenswelten und mit unterschiedlichen Ressourcen und Ängsten. Ihr Wechsel zum Kitaträger Kleiner Fratz markierte einen bedeutenden Schritt in ihrem Berufsweg. Dort machte sie eine Weiterbildung zur Sprachförderkraft über das Deutsche Jugendinstitut und war dann als Sprachförderkraft in der Krippe tätig. „Ich konnte Kinder dazu bringen, die im Kita-Alltag nicht wirklich offen waren für eine Kommunikation, zu sprechen,“ berichtet sie stolz. Dabei war ihr besonders wichtig, dass die Kinder sich wohlfühlten und keinen Druck verspürten. „Das Kind muss sich gut fühlen in der Kita-Gemeinschaft, in der Gruppe mit den Kindern, mit allen Erwachsenen. Es muss Zeit haben, es darf keinen Druck verspüren. All das sind natürlich die Vorteile, um das Kind zur Sprache zu bringen.“ Ihre Bemühungen trugen Früchte: Kinder, die zuvor Schwierigkeiten hatten, sich sprachlich auszudrücken, entwickelten neue Kommunikationsfähigkeiten. Nach ihrer Zeit in der Sprachförderung übernahm sie die Leitung einer Kita des Kleinen Fratz` in Spandau. Dort stellte sie schnell fest, dass das bestehende System der strengen Gruppenarbeit und der zeitlich getakteten Angebote nicht den Bedürfnissen der Kinder entsprach. „Manche Kinder, die in die Kita kamen, wollten nicht gleich frühstücken. Sie mussten erst mal ankommen, sich orientieren,“ erklärt sie. Ihr erster Schritt als Leitung war die Einführung eines offenen Frühstücks, um den Kindern mehr Flexibilität und Selbstständigkeit zu ermöglichen. Diese Veränderung war nur der Anfang ihrer Vision einer offenen Arbeit in der Kita. „Ich war immer ein Fan von einer offenen Arbeit mit Funktionsräumen, mit unterschiedlichen Angeboten, die die Kinder nutzen können.“ Durch behutsame, aber stetige Veränderungen führte Lapinski ihr Team zur offenen Arbeit. „Wir haben erst einmal mit einem offenen Tag in der Woche angefangen. Irgendwann waren es zwei und dann fünf Tage.“ Diese Methode ermöglichte es den Kindern, selbstbestimmt zu entscheiden, welches Angebot sie nutzen wollten und bei welcher Fachkraft sie sein wollten. Die offene Struktur förderte nicht nur die Selbstständigkeit der Kinder, sondern auch ihre Kommunikation untereinander und mit den Erwachsenen. „Die Kinder konnten sich gut orientieren, weil wir mit ihnen sehr viel kommuniziert haben,“ betont Lapinski. Dabei spielten auch technische Hilfsmittel wie Bilder und Walkie-Talkies eine Rolle, die die Kommunikation zwischen den Fachkräften über die verschiedenen Räume hinweg erleichterten und die die Kinder ab einem gewissen Zeitpunkt auch selbst nutzten, um ihre Wünsche zu äußern. Schließlich erreichte Lapinski alle Ziele, die sie sich in der Kita gesetzt hatte. „Ich habe jetzt in der Kita alle Ziele erreicht, die ich mir gesetzt habe. Wir haben das offene Konzept, das super funktioniert.“ Ihr Erfolgsrezept? Eine flexible, kinderzentrierte Herangehensweise, die sowohl das pädagogische Personal als auch die Kinder unterstützt und fördert.
Kreativer Freiraum: Der Tagesablauf einer inklusiven Kita
Diese flexible und kinderzentrierte Herangehensweise spiegelt sich auch im täglichen Ablauf der inklusiven Kita wider. „Die Kinder kommen erstmal in der Kita an, verabschieden sich von den Eltern und gehen zu den Fachkräften,“ beginnt Lapinski. Je nach Bedürfnis können die Kinder entweder frühstücken oder direkt ins Freispiel gehen. „Die Kinder, die frühstücken wollen, gehen frühstücken, die nicht frühstücken wollen, weil sie es vielleicht schon zu Hause gemacht haben, können erstmal in einem Raum ins Freispiel gehen.“ Der Morgenkreis ist ebenfalls flexibel gestaltet und findet je nach Lust der Kinder in unterschiedlichen Räumen oder im Garten statt. Er wird auch thematisch variabel gestaltet, sei es als Bewegungs- oder Musik-Morgenkreis oder um über ein bestimmtes Thema zu sprechen. Parallel zum Morgenkreis gibt es verschiedene Angebote und das Freispiel. „Die Kinder entscheiden, je nachdem, was an dem Tag angeboten wird, wozu sie Lust haben. Manchmal kamen die Kinder auch mit eigenen Ideen.“ Kein Kind wird gezwungen, eine bestimmte Zeit in einem Raum zu bleiben, was ihnen die Freiheit gibt, sich nach ihren Interessen zu orientieren. Die Angebote werden in Kleingruppen durchgeführt, was eine intensivere Betreuung ermöglicht. „Die Fachkraft ist nochmal anders im Sein mit den Kindern.“ erläutert Lapinski. Dadurch fühlen sich die Kinder mehr gesehen und geschätzt. Das Mittagessen ist ebenfalls flexibel gestaltet, mit einem Zeitfenster von ein bis zwei Stunden, in dem die Kinder selbst entscheiden können, wann sie essen möchten. „Manche Kinder sind schon ziemlich früh essen gegangen und blieben an dem Tisch sitzen, bis das Essen gänzlich vorbei war, weil sich die Gesprächspartner immer gewechselt haben und sie immer neue Themen hatten.“ Am Nachmittag liegt der Fokus mehr auf dem Freispiel, wobei je nach Wetterlage unterschiedliche Aktivitäten angeboten werden. „Entweder geht es dann in den Bewegungsraum, wo Bewegungsparcours aufgebaut sind, oder bei gutem Wetter in den Buddelkasten. Es gibt Fußballangebote und verschiedene Ausflüge.“ Besondere Angebote wie das Reiten und tiergestützte Pädagogik spielen eine wichtige Rolle in der Inklusion. „Die Kinder sind damals, ich glaube zweimal in der Woche, zum Reiten gegangen, dort lernten sie den Umgang mit den Pferden,“ berichtet Lapinski. Außerdem gibt es eine Kollegin, die mit einem Therapiehund arbeitet und kleine Einheiten mit ausgewählten Kindern durchführt. Lapinski betont die Wichtigkeit von Flexibilität und guter Absprache unter den Fachkräften, um den Bedürfnissen der Kinder gerecht zu werden. „Oftmals wird argumentiert, dass offene Arbeit nicht für Kinder mit Teilhabebedarfen geeignet ist, weil die Kinder da verloren gehen. Oder dass offene Arbeit pures Chaos bedeutet. Nein! Natürlich muss da eine gute Struktur herrschen und gute Absprachen müssen auch gegeben sein, aber es funktioniert.“ Zum Schluss des Tages erfolgt die Abholzeit. „Die Kinder haben dann, wenn die Eltern kamen, ganz schnell erzählt, was sie so alles gemacht haben. Oder es gab ein kurzes Tür- und Angelgespräch zwischen Fachkraft und Eltern.“
Inklusion als Selbstverständlichkeit und Normalität
Der strukturierte, aber flexible Tagesablauf in der Kita spiegelt die Grundsätze wider, die Lapinski in ihrer inklusiven Arbeit umsetzt. Dabei geht ihre Auffassung von Inklusion als Normalität weit über die organisatorischen Aspekte hinaus und prägt die gesamte pädagogische Philosophie. „Für mich ist es wichtig, dass sich jeder wohlfühlt,“ beginnt Lapinski. Sie sieht Inklusion nicht als ein spezifisches pädagogisches Konzept, sondern als eine grundlegende Selbstverständlichkeit. „Ich habe immer die Welt als Ganzes gesehen. Ich habe mir nie dabei gedacht, dass dies jetzt ein Aspekt der Inklusion ist,“ beginnt Lapinski. „Es sollte eine natürliche Akzeptanz dafür gegeben sein, dass jeder eigene Bedürfnisse hat, eigene Wünsche hat und einfach jeder auf seine Art besonders ist.“ Ihre eigenen Erfahrungen als Jugendliche, die mit 14 Jahren aus Polen nach Deutschland kam und kein Deutsch sprach, haben ihre Empathie und ihr Verständnis für Kinder und Familien in ähnlichen Situationen tief geprägt. „Ich weiß, was dieser Druck bedeutet. Ich weiß, was diese Ausgrenzung bedeuten kann, dieses sich nicht zugehörig fühlen und sich immer anpassen zu müssen, um akzeptiert zu werden.“ Diese persönlichen Erlebnisse führten dazu, dass Lapinskis Herangehensweise geprägt von tiefem Einfühlungsvermögen ist und der Überzeugung, dass jeder Mensch, unabhängig von seinen Fähigkeiten oder seiner Herkunft, wertvolle Beiträge leisten kann. „Wir sind ja alle anders, wir sind ja alle verschieden und trotzdem haben wir Gemeinsamkeiten.“ Sie stellte sich stets eine Welt vor, in der alle voneinander lernen und sich bereichern. „Alle gemeinsam und alle schöpfen voneinander, alle lernen voneinander. Dass jeder sich bereichert fühlt durch diesen gemeinsamen Kontakt, dass Ängste abgebaut werden und die Lust auf den Kontakt gefördert wird,“ betont sie. Lapinskis Verständnis von Inklusion geht weit über gesetzliche Grundlagen hinaus. „Ich habe die Welt einfach mit dem Herzen gesehen. Und so habe ich gearbeitet,“ sagt sie. Lapinski betont dabei, dass es fatal wäre, etwas als „Normalität“ zu betrachten und von jedem zu erwarten, sich anzupassen. „Was macht das mit einem Menschen? Das führt zu dem Gefühl, man ist nicht richtig, man ist nicht genug, man ist fehl am Platz, man ist falsch.“ In ihrer Rolle als Fachberaterin setzt Lapinski sich vehement gegen Ausgrenzung ein, auch wenn sie von pädagogischen Fachkräften ausgeht. „Ich habe es immer sehr abgelehnt, wenn ich merkte oder mitbekommen habe, dass es zu Ausgrenzung kam. Da habe ich sofort eingegriffen, weil ich diese Ungerechtigkeit einfach nicht ertragen habe.“ Ihre Vision von Inklusion erfordert eine gemeinschaftliche Verantwortung aller Beteiligten. „Es geht darum, dass es eine Gleichberechtigung gibt, dass jedes Kind die gleichen Zugangsmöglichkeiten bekommt, dass kein Kind ausgegrenzt wird.“ Diese Verantwortung schließt die Sensibilisierung für die Bedürfnisse und Barrieren aller ein, um eine faire und inklusive Umgebung zu schaffen. „Es geht darum, die Bedürfnisse aller Beteiligten zu berücksichtigen und zu schauen, was wir tun können, damit diese Bedürfnisse oder die Besonderheiten, die wir ja alle haben, gut in den Alltag eingebunden werden. Ich versuche mich dabei immer in den Menschen hineinzuversetzen, in seine Umwelt, mit seinen Barrieren, um zu verstehen.“ Dabei ist Flexibilität entscheidend. “Man kann Inklusion nicht als ein festgeschriebenes Konzept sehen. Das Konzept Inklusion muss immer flexibel sein.” Sie gibt Beispiele aus der Praxis, wie die Bereitstellung von Gebetsräumen für Kolleginnen oder die Anpassung der Ernährung für Kinder: „Wenn eine Kollegin zu einer bestimmten Tageszeit beten möchte oder vielleicht auch beten muss, dann bekommt sie natürlich den Raum und die Zeit, um das tun zu können.“ Lapinski betont die Wichtigkeit, auch finanzielle Barrieren zu überwinden, um Teilhabe zu ermöglichen. „Wenn eine Kita-Fahrt geplant ist und wir eine Familie haben, die sich die Kosten nicht leisten kann, dann bezahlt die Kita das.“ Sie erinnert sich an einen Fall, bei dem die Kita die Reisekosten für einen Jungen mit hohen Teilhabebedarfen übernommen hat, um seine Ausgrenzung zu verhindern. Ein weiteres Beispiel für diese Flexibilität ist die Gestaltung des Kita-Tages für Kinder mit Gesundheitsproblemen. „Man muss immer gucken, wie kann ich das gestalten, damit das Kind gut reinkommt, damit das Kind die Zeit, die es in der Kita hat, auch gut verbringen kann.“ Sie schlägt vor, Kinder bei Bedarf zunächst in einem separaten Raum ankommen zu lassen und dann erst zu den Angeboten zu begleiten. Manchmal ist es notwendig, die Betreuungszeiten an die Bedarfe des Kindes anzupassen und sich nicht ganz starr an die Stunden gemäß des Kitagutscheins zu halten, um Überforderung zu vermeiden. Auch hier ist ein sehr intensiver Austausch mit den Eltern und gemeinsame Überlegungen von höchster Bedeutung. Lapinski betont, dass die Bedürfnisse der Kinder im Mittelpunkt stehen und dass diese oft selbst die besten Lösungen bieten. „Die Kinder geben immer sehr viel Vorlage. Sie sprechen ja sehr viel mit dem Kita-Personal.“ Durch regelmäßige Kinderkonferenzen werden die Wünsche und Ideen der Kinder gesammelt und ernst genommen. „Wir haben mit den Kindern auch regelmäßig besprochen, wie sie die Kita sehen, was sie sich wünschen. Wir haben das immer verschriftlicht und an die Eltern kommuniziert.“ Diese partizipative Herangehensweise trägt nicht nur zur Zufriedenheit der Kinder bei, sondern erleichtert auch die Akzeptanz von Entscheidungen durch die Eltern. „Das Schöne dabei war, dass wir festgestellt haben, dass die Eltern die Entscheidungen dann besser annehmen konnten, wenn sie von den Kindern kamen. Also wir haben sehr viel Wert auf das Recht des Kindes gelegt.“
Hürden, mit denen inklusive Kitas konfrontiert sind
Doch obwohl diese Herangehensweise innerhalb der Kita erfolgreich umgesetzt wird, stoßen Lapinski und ihr Team immer wieder auf Schwierigkeiten. "Das Recht auf Inklusion ist ein Menschenrecht, und dennoch wird es oft nicht umgesetzt", erklärt Monika Lapinski nachdenklich. Ihre Arbeit in den Einrichtungen zeigt ihr täglich, dass die Herausforderungen weit über die theoretische Anerkennung hinausgehen. "Es ist frustrierend zu sehen, wie Ämter sich gegen die Unterstützung von Kitas und Trägern sträuben", sagt sie und fügt hinzu: "Warum müssen wir immer noch über die Grundlagen von Inklusion diskutieren? Es ist doch nichts Neues daran, dass Kinder mit unterschiedlichen Bedürfnissen da sind." Lapinski betont die dringende Notwendigkeit einer Unterstützung durch Politik und Verwaltung. "Wenn jetzt ein Amt aufgesucht wird und wir sagen, das Kind bräuchte eine Eins-zu-Eins-Betreuung, und klar, das Kind hat diesen Paragraphen und da gibt es beispielsweise auch eine Fachkraft für Inklusion und trotzdem ist es nicht zu leisten, nicht bei einer Eins-zu-Eins-Betreuung. Das ist ja mit Inklusion auch nicht gemeint. Und trotzdem brauchen manche Kinder eine Eins-zu-Eins-Beobachtung oder -Begleitung. Ich spreche jetzt nicht von der pädagogischen Arbeit, für die ist ja die Fachkraft für Inklusion natürlich zuständig, beziehungsweise das gesamte Team eigentlich. Dann wird das oft mit dem Argument der Doppel-Finanzierung abgewehrt. Ja das geht nicht, weil das wäre ja dann die Doppel-Finanzierung, wo wir uns fragen, wo wäre da die Doppel-Finanzierung. Und im Umkehrschluss ist es oft so, dass die Betreuungszeiten von Kindern gekürzt werden müssen, weil das Kita-Personal das dann einfach nicht mehr schafft. Ich verstehe nicht, warum sich Ämter dagegen sträuben, dass eine Kita-Begleitung über die Eingliederungshilfe dem Kind zur Seite gestellt wird. Das Kind hat ja einen Anspruch darauf. Das Kind hat einen Anspruch auf Bildung, oder ein Recht auf Bildung, und ein Recht auf soziale Teilhabe. Und beides wird behindert, indem die Hilfen ausbleiben. Und die Kitas und die Träger werden meistens allein gelassen.", stellt sie klar. „Warum arbeiten die Ämter nicht mit den Einrichtungen zusammen? Warum gibt es da kein Miteinander? Warum sieht man da diese Hierarchie so stark?“ Ein zentraler Punkt in Lapinskis Argumentation ist die Notwendigkeit einer gerechten Budgetierung. "Warum können wir nicht ein flexibles Budget haben, das es Kitas ermöglicht, individuelle Bedarfe zu decken? Jede Kita sollte die Mittel haben, um auf die spezifischen Bedürfnisse der Kinder einzugehen, weil im Grunde jede Kita eine Inklusionskita ist", fordert sie. Sie hinterfragt auch die Ausbildung der Fachkräfte: "Warum wird die Zusatzqualifikation für Inklusion nicht bereits in die Ausbildung integriert? Jede Fachkraft sollte in der Lage sein, mit Vielfalt umzugehen." Ein weiterer kritischer Punkt ist die finanzielle Belastung für Träger und Fachkräfte, die sich zusätzliche Qualifikationen leisten müssen. "Die Kosten für Weiterbildungen sind mit dem neuen Curriculum prohibitiv hoch. Hier brauchen wir dringend Unterstützung durch staatliche Zuschüsse oder eine vollständige Finanzierung", betont sie nachdrücklich. Trotz der Herausforderungen sieht Lapinski auch positive Entwicklungen, wie die Überarbeitung des Berliner Teilhabe- und Förderplans. "Das war eine großartige Arbeit, die Sie da gemacht haben. Und auch noch mal dieses Signal zu senden an die Träger, an die Einrichtung, dass diese Arbeit eine gemeinschaftliche Arbeit des Kita-Personals ist.", lobt sie. Dennoch mahnt sie zur Einheitlichkeit in den Verwaltungsprozessen, um die Last der Bürokratie zu verringern. Ihr Engagement für Inklusion ist nicht nur beruflich motiviert, sondern von einer tiefen Überzeugung geprägt, dass jede Kita ein Ort der Inklusion sein sollte. "Es geht nicht nur um die rechtliche Verpflichtung, sondern um eine Frage der Gerechtigkeit und Menschlichkeit", sagt sie abschließend.
Barrieren überwinden und Teilhaberechte stärken
Die Notwendigkeit, die Umsetzung von Inklusion zu unterstützen, wird immer dringlicher angesichts des kontinuierlich steigenden Bedarfs. Monika Lapinski erläutert: "Der Bedarf an Inklusion ist steigend, und die Anforderungen an das Personal nehmen kontinuierlich zu.” Ein möglicher Grund hierfür: “Ein Aspekt ist sicherlich die veränderte Elternschaft. Viele Eltern übertragen die Erziehungsverantwortung zunehmend auf die Kitas, nutzen jedoch die zahlreichen Angebote für Eltern nicht ausreichend. Die Verantwortlichkeit liegt aber hauptsächlich bei den Eltern. Die Kita sollte nur ergänzend und beratend tätig sein." Die Corona-Pandemie hat diese Entwicklungen verstärkt. "Kinder kamen nach der Pandemie mit zusätzlichen Bedarfen zurück. Es war eine Ausnahmesituation, die das Verhalten vieler Kinder verändert hat. Wir beobachten vermehrt herausforderndes Verhalten, und die Diagnose von Autismus-Spektrum-Störungen oder ADHS nimmt zu. Oft fragen wir uns, ob es wirklich Autismus ist oder vielleicht etwas anderes, das bislang unentdeckt blieb." Ein zentraler Punkt in Lapinskis Ansatz ist die Ablehnung der Etikettierung von Kindern. "Jedes Kind hat einen Förderbedarf, jedes Kind ist besonders. Die Etikettierung als 'Integrationskind' oder 'I-Kind' lenkt die Aufmerksamkeit auf die Unzulänglichkeiten und setzt die Kinder unter Druck. Behinderungen im Alltag des Kindes sind das Ergebnis von Barrieren, sei es räumlich oder strukturell, und nicht das Problem des Kindes selbst." Auch im Gespräch mit Eltern klärt Lapinski häufig Missverständnisse über den Begriff "Behinderung" auf. "Behinderung ist ein Symptom von gesellschaftlichen und systemischen Unzulänglichkeiten, nicht ein Makel des Kindes. Wenn Eltern verstehen, dass die Herausforderungen ihrer Kinder in den Barrieren der Umgebung begründet liegen, ändert sich oft ihre Wahrnehmung." Lapinski betont, dass Inklusion nicht nur eine Frage der gesetzlichen Voraussetzungen ist, sondern vor allem eine der Haltung. "Die Haltung im Team ist entscheidend. Ein offenes Team entwickelt Ideen und Lösungswege, um alle Kinder aufzunehmen, unabhängig von ihren Beeinträchtigungen. Inklusion bedeutet, Barrieren zu überwinden und jedem Kind sein Teilhaberecht zu ermöglichen."
Über die Stille sprechen: Nonverbale Kommunikation als Zeichen wahrnehmen
Lapinski betont, dass Inklusion mehr bedeutet, als nur Kinder aus verschiedenen Ländern aufzunehmen oder deren unterschiedliche Fähigkeiten anzuerkennen. "Inklusion bedeutet, auf die individuellen Bedürfnisse der Kinder einzugehen, diese zu erkennen und darauf zu reagieren. Das gilt besonders für Kinder, die die verbale Sprache nicht beherrschen. Oft wird aus Hilflosigkeit oder Unsicherheit weggeguckt, wenn ein Kind sich nicht verbal äußern kann. Dabei kommunizieren diese Kinder so viel über Blickkontakt, Mimik, Gestik und Körpersprache. Wir müssen uns die Zeit nehmen, diese Zeichen zu erkennen und zu verstehen." Ein wichtiger Bestandteil ihrer Arbeit ist die Videographie. "Wir haben in unserer Kita Videosequenzen von den Kindern gemacht und diese gemeinsam ausgewertet. Dadurch sieht man so viel mehr und kann einen Perspektivwechsel erreichen. Es hilft, das Bild vom Kind zu überdenken und zu hinterfragen, ob das Kind wirklich immer den Morgenkreis oder das Mittagessen stört oder ob wir die guten Situationen übersehen. Wir tendieren oft dazu, zu urteilen und zu werten. Davon müssen wir wegkommen und stattdessen auf die nonverbale Kommunikation der Kinder achten." Lapinski erläutert weiter, dass auch aggressive Verhaltensweisen oft Missverständnisse sind. "Kinder senden Signale, dass etwas für sie nicht stimmt. Anstatt das Verhalten als aggressiv zu werten, sollten wir versuchen zu verstehen, was das Kind uns mitteilen möchte. Oft sind wir hilflos und verlassen die Situation, lassen das Kind allein. Aber wir müssen hinschauen und erkennen, wann das Kind kooperieren möchte und es in diesen Momenten begleiten. Das führt zu einem anderen Kontakt und das vermeintlich negative Verhalten nimmt ab." Bei herausforderndem Verhalten sind Gespräche mit den Eltern unerlässlich. "Die Eltern sind wichtige Gesprächspartner. Wenn ein Kind uns herausfordert, schauen wir zuerst, was im Kita-Alltag geändert werden kann. Wenn das Verhalten anhält oder intensiver wird, brauchen wir Experten wie Ärzte oder Therapeuten. Wir unterstützen die Familien, sich auf den Weg zu machen, indem wir Entwicklungsberichte schreiben und die Eltern beraten, wohin sie sich wenden können. Manchmal stellen wir auch den Kontakt her, wenn die Eltern unsicher sind." Die enge Zusammenarbeit mit den Eltern und anderen Akteuren ist essenziell. "Es ist ein ganzes System, das zusammenarbeitet, um das Beste für das Kind zu erreichen. Nur so kann Inklusion funktionieren. Auch wenn Eltern anfangs Schwierigkeiten haben, zu akzeptieren, dass ihr Kind Teilhabebedarfe hat, sind sie am Ende oft dankbar, dass die Kita hartnäckig war und Unterstützung initiiert hat." Abschließend betont Lapinski, dass Inklusion bereits in der frühkindlichen Bildung beginnen muss, um langfristig positive Auswirkungen auf den Bildungs- und Lebensweg der Kinder zu haben. "Ein inklusives Konzept in der frühkindlichen Bildung kann präventiv wirken und dazu beitragen, dass Kinder später weniger Schwierigkeiten haben. Wir müssen die Strukturen und Haltungen in unseren Kitas so gestalten, dass alle Kinder die Unterstützung und Anerkennung erhalten, die sie brauchen." Lapinski sieht die Kita als optimalen Ort für Inklusion und Prävention späterer sozialer Probleme. „Die Kinder sind so achtsam mit allem, was um sie herum passiert,“ sagt sie. „Dieses vielfältige Miteinander fördert unglaublich stark das soziale Verhalten der Kinder.“ Sie hebt hervor, dass Kinder in den frühen Jahren sehr offen und anpassungsfähig sind und dass Vorurteile und Ausgrenzungen erst später, oft beeinflusst durch das Elternhaus, entstehen. „Die Inklusion in der Kita ist aus meiner Sicht am besten möglich, weil für die Kinder ist ja alles so selbstverständlich.“
Sprungbrett zur Vielfalt: Wie eine Kita geflüchteten Kindern den Start erleichtert
Im Rahmen des Gespräches hob Monika Lapinski auch ein herausragendes Projekt hervor, bei dem Inklusion erfolgreich in ihrer Kita umgesetzt wurde. "Als ich die Leitungsposition übernahm, erhielten wir eine Anfrage vom Bezirksamt Spandau für ein sogenanntes Sprungbrett-Angebot. Ziel war es, geflüchtete Kinder mit Kita-Kindern in Kontakt zu bringen, um ihnen den Alltag zu erleichtern und soziale Kontakte zu fördern," erzählt Lapinski. "Meine erste Reaktion war einfach zu sagen: Ja, das machen wir. Ich hatte viele Ideen und Vorstellungen, wie das funktionieren könnte, und teilte diese mit meinem Team." Zu Lapinskis Überraschung stieß ihr Vorschlag auf große Zustimmung und Kreativität innerhalb des Teams. "Das Team war begeistert und brachte viele eigene Ideen ein. Sie schlugen vor, Räume zu öffnen, Leseangebote zu machen, Theater zu spielen, zu tanzen und zu basteln. Die positive Reaktion des Teams war überwältigend und zeigte, dass wir auf dem richtigen Weg waren." Die Umsetzung des Angebots begann bald, und die geflüchteten Kinder nahmen an drei Nachmittagen pro Woche für zwei bis drei Stunden an den Kita-Aktivitäten teil, zunächst in Begleitung ihrer Eltern und später von Betreuern. "Die Kinder haben gemeinsam mit unseren Kita-Kindern gespielt, gegessen, gelacht und sich integriert. Besonders beeindruckend war, wie schnell sie die deutsche Sprache lernten und sich in die Gruppe einfügten," berichtet Lapinski. Einige dieser Kinder erhielten später auch reguläre Kita-Plätze. "Es brauchte keine große Eingewöhnung, weil die Kinder schon da waren und sich wohlfühlten. Anfangs hatten wir Schwierigkeiten mit der Akzeptanz der Elternschaft. Viele Eltern hatten Vorurteile und Ängste, dass Dinge gestohlen oder kaputt gemacht würden," erinnert sich Lapinski. Durch offene Gespräche und Elterncafés, die die Interaktion und den Austausch förderten, gelang es Lapinski und ihrem Team, diese Vorbehalte zu überwinden. "Ich habe den Eltern erklärt, dass diese geflüchteten Familien Schutz und Akzeptanz suchen, genauso wie wir es uns wünschen würden, wenn wir ins Ausland gingen. Diese Offenheit hat schließlich dazu geführt, dass die Eltern die Vielfalt und die Vorteile der Inklusion erkannten." Mit der Zeit entwickelten sich die Elterncafés zu Selbstläufern, organisiert und begleitet von den Elternvertretern selbst. "Die Elterncafés führten zu schönen Gesprächen und stärkten das gegenseitige Verständnis und den Respekt," berichtet Lapinski. "Bei unseren Festen waren die geflüchteten Kinder und ihre Familien immer eingeladen und fühlten sich zunehmend wohler." Ein besonderer Erfolg des Sprungbrett-Angebots war die Integration eines Betreuers der geflüchteten Kinder, der später als Erzieherhelfer in der Kita anfing und sich mittlerweile als fester Bestandteil im Träger etabliert hat. "Es freut mich sehr, dass aus dieser Initiative langfristige Verbindungen und berufliche Perspektiven entstanden sind," sagt Lapinski abschließend.
Gemeinsam stark für Inklusion
Bei der Betrachtung der Erfolge des Zentrums beschreibt Monika leidenschaftlich entscheidende Momente, in denen inklusive Prinzipien in die Tat umgesetzt wurden. "Ich freue mich immer, wenn ein Team mir von einer Familie berichtet, die Betreuung für ein Kind mit spezifischen Bedarfen sucht. Selbst wenn uns eine spezialisierte Fachkraft fehlt, nehmen wir das Kind mit offenen Armen auf. Das verkörpert für mich unsere Mission. Es geht darum jedes Kind so anzunehmen, wie es ist." Sie betont die nahtlose Integration inklusiver Praktiken durch das Team, trotz unterschiedlicher Expertisen. "Teams, die diese Ethik verkörpern, benötigen möglicherweise immer noch Unterstützung von Behörden, aber sie setzen sich mit einer unerschütterlichen Hingabe für Inklusion ein", bemerkt Monika und unterstreicht die Widerstandsfähigkeit des Teams im Umgang mit bürokratischen Herausforderungen. Sie erzählt von prägenden Momenten mit ihren Kollegen. "Der Moment, in dem ich sehe, wie sehr sich meine Kollegen über die Entwicklungsschritte eines Kindes freuen, hat immer einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen. Ihr Stolz und ihre empathische Kommunikation sind wirklich ermutigend", teilt sie mit, ihre Stimme voller Bewunderung für das Engagement des Teams und deren Leistungen im Kita-Setting. Sie erinnert sich daran, wie gemeinsame Reflexionen unter Kollegen zu innovativen Lösungen geführt haben. "Diese Diskussionen entfachen oft lebhafte Debatten, die in Lösungen voller Hoffnung münden. Es ist unglaublich befriedigend, unseren gemeinsamen Weg hin zu mehr Inklusion zu beobachten", reflektiert Monika herzlich. Im Hinblick auf ihre Zukunftswünsche für die Inklusion drücken Monikas Worte Dringlichkeit und Hoffnung aus. "Mein Wunsch ist es, dass Gesellschaft und Kita-Profis jeden Einzelnen mit all seiner Einzigartigkeit offen und ohne Angst annehmen", betont sie. An die Politik gerichtet, unterstreicht sie die Notwendigkeit einer echten Anerkennung der Herausforderungen, denen Familien mit Kindern mit Behinderungen gegenüberstehen. "Familien müssen oft ein Labyrinth durchqueren, um auf essentielle Dienste zuzugreifen. Sie verdienen klare Wege und uneingeschränkte Unterstützung, nicht finanzielle Barrieren", stellt sie bestimmt fest. Monika fordert eine Überprüfung der Personalquoten und betrachtet die Investition in Kita-Einrichtungen als Bildungsinstitutionen als wesentlich. "Es sollte nicht dem Glück überlassen sein, in welche Einrichtung ein Kind gelangt. Jedes Kind verdient Zugang zu qualitativ hochwertiger Betreuung und Bildung. Kinder können nicht fünf oder zehn Jahre auf angemessene Unterstützung warten. Diese brauchen sie sofort. Die Kita-Jahre sind prägend und legen den Grundstein für ihre Zukunft", betont sie leidenschaftlich. Mit dem Ende unseres Gesprächs strahlt Monikas unerschütterliches Engagement für eine inklusive frühkindliche Bildung durch. "Lasst uns diese entscheidenden Jahre der Kindheit wertschätzen, indem wir unsere Kitas mit vollem Herzen unterstützen", schließt sie und hinterlässt einen nachhallenden Appell zum Handeln, der über unser Interview hinaus nachklingt.
10 Jahre VKMK – Fragen und Antworten an die Gründerin Frau Dr. Gabriela Pfändner-Morrice
Vor zehn Jahren gründete Frau Dr. Gabriela Pfändner-Morrice den Verband kleiner und mittelgroßer Kitaträger (VKMK), um eine starke Stimme für kleine und mittelgroße Träger der freien Jugendhilfe in Berlin zu schaffen. Im Interview spricht Frau Dr. Pfändner-Morrice über die Gründe für die Gründung, die Ziele und Visionen sowie die Entwicklungen und Erfolge des VKMK in den letzten zehn Jahren.
Vor zehn Jahren gründete Frau Dr. Gabriela Pfändner-Morrice den Verband kleiner und mittelgroßer Kitaträger (VKMK), um eine starke Stimme für kleine und mittelgroße Träger der freien Jugendhilfe in Berlin zu schaffen. In einem spannenden Interview gibt sie Einblicke in die Entstehungsgeschichte des VKMK, die Herausforderungen und Erfolge der letzten Dekade sowie ihre persönlichen Visionen für die Zukunft.
VKMK: Warum hast Du Dich vor 10 Jahren entschieden, den VKMK zu gründen?
Gabriela Pfändner-Morrice: Zunächst – wie kam es zu diesem Namen: Wir haben dem Verband diesen Namen gegeben nach dem Vorbild des Verbandes der KMU – der Vertretung kleiner und mittlerer Wirtschaftsunternehmen -, die bis zu 250 Mitarbeiter haben. Die Gründungshistorie des VKMK beginnt mit der Anregung der damaligen Ansprechpartnerin der GLS Bank, ein Netzwerk mit anderen kleinen und mittelgroßen Trägern der freien Jugendhilfe zu gründen zwecks Erfahrungsaustausch in Bezug auf Organisation, Verwaltung und Themen, die sich aus der RV-Tag und den Anforderungen des Senats ergaben. Dieses Netzwerk mit dem Namen NIKI gründete ich zusammen mit einigen anderen GLS Kunden dieses Bereichs bereits im Jahre 2011. Mit der Sozietät „Die Kitarechtler“, ebenfalls aus diesem Netzwerk, entstand dann die Idee zur Gründung eines Verbandes zur Vertretung der kleinen und mittleren Kitaträger. In meiner täglichen Arbeit war ich immer wieder darauf gestoßen, dass in Berlin eine Vertretung der kleinen und mittleren Träger der freien Jugendhilfe in Politik und der Verwaltung fehlte mit den entsprechenden Auswirkungen. Diese Betriebsgrößen im Kitabereich hatten bislang weder durch den DaKs noch durch die großen Träger wie Fröbel oder den Paritätischen Wohlfahrtsverband eine Stimme im politischen Geschehen. Wir waren von der Größe zu klein für die Paritätischen und zu groß für den DaKs. Die Belange und Besonderheiten dieser Träger fanden insofern keinerlei Berücksichtigung in allen Verhandlungen zwischen den bisherigen Kitaverbänden und dem Senat. Ich hatte als kleiner Kitaträger der freien Jugendhilfe begonnen, aber ich hatte die Vision zu wachsen und mittelgroß zu werden und damit im Bezirk den Eltern und Kindern mehr als nur die ersten 30 Plätze anbieten zu können. Es war mein Anliegen, in den Behörden und in der Politik den Blick zu schärfen für Bedingungen dieser Träger und damit auch den Ausbau der Kitaplätze zu stützen. Die kleinen und mittleren, oftmals aus zunächst aus eigenem Bedarf gegründeten, inhaberinitiierten Unternehmungen, die sich damals in einer bis dahin seltener genutzten Rechtsform der gemeinnützigen GmbH gründeten, brauchten eine Stimme. Denn die bislang häufig genutzte Rechtsform des Vereins war auf Dauer nicht geeignet, um die für einen Ausbau der dringend benötigten Kitaplatz-Kapazitäten notwendige Kontinuität und Stabilität zu gewährleisten.23.04.2024
VKMK: Welche Visionen und Ziele hattest Du bei der Gründung des VKMK im Sinn?
Gabriela Pfändner-Morrice: Am 31.10.2013 fand die Ursprungsversammlung zur Gründung des Verbandes statt mit dem Ziel, den kleinen und mittleren Trägergruppen mit ihren größenspezifischen Themen und Konstellationen Gehör zu verschaffen bei der Aushandlung der Verordnungen der RV-Tag zwischen dem Senat, dem DaKs und den großen Wohlfahrtsverbänden. Insbesondere ging es darum, diesen Kleinen und Mittelgroßen Trägern einen Platz an dem sogenannten „Runden Tisch“ zu verschaffen.
VKMK: Welche Veränderungen oder Verbesserungen hast Du durch die Gründung angestrebt?
Gabriela Pfändner-Morrice: In den RV-Tag Verhandlungen waren die spezifischen Erfordernisse einer gemeinnützigen GmbH bis dahin nicht vertreten worden. Die besonderen Notwendigkeiten der kleinen und mittleren Träger der freien Jugendhilfe sind auch finanzieller Natur. Es ging und geht um die Verbesserung der Finanzierung insbesondere der Personal- und Sachkostenpauschale. Die Mieten für Räumlichkeiten am freien Markt steigen unaufhörlich, ebenso steigen die Gehaltserwartungen der Mitarbeiter auf Grund der Knappheit an Fachkräften am Markt. Im Wettbewerb mit den Eigenbetrieben, die oftmals in städtischen Immobilien tätig sind, müssen die Freien Träger in unserer Größenordnung den sich verändernden Verhältnissen stellen und den Betreuungsauftrag in einem immer schwieriger werdenden finanziellen und personellen Umfeld erfüllen.
VKMK: Wie bewertest Du heute, nach 10 Jahren, Dein persönliches und kollektives Wirken?
Gabriela Pfändner-Morrice: Mit dieser Initialzündung von damals sind inzwischen feste Netzwerke entstanden zwischen den Trägern, die die Kitalandschaft in Berlin extrem bereichern: Mit Konzepten einer Klangschalenpädagogik, bilinguale Kitas in verschiedenen Sprachen, Bewegung, vegan…… Der Austausch läuft exzellent und gerade in der Corona-Krise hat sich ein großer Zusammenhalt gezeigt. Die gegenseitige Unterstützung wirkt bis heute nach.
VKMK: Inwiefern haben sich die ursprünglichen Ziele des VKMK aus Deiner Sicht in dieser Zeit verwirklicht?
Gabriela Pfändner-Morrice: Wir werden in Zukunft mit am Runden Tisch vertreten sein und damit haben sich meine Ziele hundertprozentig verwirklicht.
VKMK: Wie empfindest Du die Entwicklung des VKMK seit seiner Gründung bis heute?
Gabriela Pfändner-Morrice: Der Verband hat eine ausgezeichnete Entwicklung innerhalb der bestehenden Konstellation zwischen alteingesessenem Paritätischen Wohlfahrtsverband und DaKS genommen. Das Mitgliederwachstum und die Verfestigung der Kontakte zum Senat haben die Erwartungen übertroffen. Durch die sehr kompetente Geschäftsführung ist es gelungen, eine Wissensbasis aufzubauen, die exakt auf gemeinnützige GmbHs zugeschnitten ist.
VKMK: Welche Rolle hat der VKMK in Deinem persönlichen und beruflichen Leben gespielt?
Gabriela Pfändner-Morrice: Anfangs mit viel Enthusiasmus gestartet, hat es doch viel Zeiteinsatz und mentale Kraft erfordert, diese Grundstruktur aufzubauen. Ich kann bis heute aus dem angesammelten Wissensschatz für meinen täglichen Informationsbedarf schöpfen.
VKMK: Was bedeutet für Dich die Zusammenarbeit und das Engagement im VKMK?
Gabriela Pfändner-Morrice: Zu einigen Trägern sind persönliche und freundschaftliche Bande entstanden mit viel Austausch und gegenseitiger Unterstützung. Das ist mir sehr viel wert.
VKMK: Welche Hoffnungen und Erwartungen hast Du für die Zukunft des VKMK?
Gabriela Pfändner-Morrice: Durch den Platz am Runden Tisch werden wir den Beitrag, den die kleinen und mittelgroßen Träger zur Kitalandschaft in Berlin leisten, noch weiter stärken und auf eine noch solidere Grundlage stellen. Damit in Zukunft die angebotenen Kitaplätze in Berlin erhalten und in aller Vielfalt auch noch ausgebaut werden können.
Frühkindliche Bildung in Berlin: Ein Gespräch mit Nina Stahr (Bündnis 90/Die Grünen)
Gemeinsam mit Nina Stahr von den Grünen haben wir nicht nur den aktuellen Zustand der Ampel-Koalition (KOA), der Kindergrundsicherung und des Kitaqualitätsentwicklungsgesetzes beleuchtet, sondern uns auch über die politische Entwicklung in Berlin ausgetauscht, insbesondere in Bezug auf frühkindlichen Bildungseinrichtungen.
Hinweis: Dieses Interview wurde aufgezeichnet am 13.07.23.
“Bildungschancen für alle bedeutet “Bildungsgerechtigkeit".”
Die frühkindliche Bildung in Deutschland, insbesondere in der Hauptstadt Berlin, steht im Fokus intensiver Debatten über die wahre Bedeutung von "gleichen Bildungschancen für alle". In einem Gespräch mit Nina Stahr (Bündnis 90/Die Grünen) haben wir dieses bedeutende Thema näher betrachtet, um Einblicke zu gewinnen, wie Bildungsgerechtigkeit konkret umgesetzt werden kann und welche Hürden Berlin auf diesem Weg bewältigen muss.
In einer ausführlichen Unterhaltung haben wir nicht nur den aktuellen Zustand der Ampel-Koalition (KOA), der Kindergrundsicherung und des Kitaqualitätsentwicklungsgesetzes beleuchtet. Wir haben uns auch tiefgehend über die politische Entwicklung in Berlin ausgetauscht, insbesondere in Bezug auf Bildungseinrichtungen. Dabei haben wir nicht nur die aktuellen Herausforderungen diskutiert, sondern auch Stahrs Ziele und Wünsche für Berlin Steglitz-Zehlendorf und die gesamte Stadt sowie mögliche Wege zu deren Verwirklichung erörtert.
Das gesamte Interview zum Nachhören - auf allen Plattformen für Podcasts - und natürlich hier:
Kitakrise 2022 / 2023 - Ein Interview Mit Lars Békési
“Warme Worte, kalte Aussichten". Wir lassen das Jahr 2022 Revue-Passieren, mit dem Geschäftsführer des VKMK, Lars Békési und besprechen die Hürden des vergangenen Jahres, sowie die Hoffnungen für das kommende.
Ein Revue-Passieren des Jahres 2022 mit Lars Békési, Geschäftsführer des VKMK.
“Warme Worte, kalte Aussichten”
Die Senatorin für Bildung, Jugend und Familie in Berlin, bezeichnete in ihrer Weihnachtsgrußkarte an die Kitaträger Berlins, das Jahr 2022, als ein Jahr der Krisen und Herausforderungen, welches gleichzeitig aber ein Zusammenwachsen in den Kitas und Kitaträgern deutlich zeigte. Wie stehen Sie zu diesem Ansatz, Herr Békési?
Lars Békési: Natürlich ist es schön einen Weihnachtsgruß zu erhalten - in diesem Jahr hatte er aber einen faden Beigeschmack. Die Krisen, von denen Frau Busse gesprochen hat, sind real und noch lange nicht gelöst. Das Zusammenrücken, von dem sie spricht, sehe ich kritisch. Metaphorisch gesprochen; in einem sinkenden Boot klammern sich die Insassen vermutlich auch aneinander und versuchen verzweifelt, das Unvermeidbare hinauszuzögern - es ändert aber nichts an dem tatsächlichen Sinken. Eine Hilfestellung, ein aktives Eingreifen, wäre hier das einzig Vernünftige - nicht aber ein symbolisches Applaudieren an den noch halbwegs intakten Zustand der Insassen, während man dabei zusieht, wie das Boot weiterhin zerstört wird.
Das sinkende Boot, symbolisch für den Verfall der frühkindlichen Bildungsträger. Welche Entscheidungen haben Sie in diesem Jahr insbesondere als fatal einstufen können?
Lars Békési: Am Ende sind es nicht nur die tatsächlich ausgeführten Handlungen, sondern auch die vielen verpassten Gelegenheiten Verantwortung zu übernehmen und hier die richtigen Schritte zu gehen.
Ein Paradebeispiel sind die Sprach-Kitas in Berlin. Während Anfang des Jahres noch die regierende Bürgermeisterin, gemeinsam mit Senatorin für Bildung, Jugend und Familie, feierlich die Bändchen zerschnitt, bei der Eröffnung diverser Sprach-Kitas, konnte sich im Hintergrund nicht geeignet werden, wer hier die finanzielle Verantwortung übernehmen wird, sobald der Bund die Anschubsfinanzierung, wie geplant, beendet. Anstelle frühzeitig eine solide Lösung gemeinschaftlich zu beschließen, wurden die Sprach-Kitas viel eher als politische Spielmasse durch zahlreiche Ländern gegenüber dem Bund instrumentalisiert, in der Hoffnung, dass es hier, mittels diverser Druckmittel eben doch zu einer Weiterfinanzierung in altbekannter Struktur durch den Bund kommen kann.
So etwas kann und darf nicht passieren, in einer vernünftigen verantwortungsvollen Bildungspolitik.
Eine Lösung hierfür scheint es bis heute nicht zu geben?
Lars Békési: Und genau das ist eben das Problem. Es sind nicht die aktiven Handlungen, die hier das Boot zum Sinken bringen. Es sind viele passive Entscheidungen. Das Weiterreichen von Verantwortlichkeiten, das Übergehen von Problemfeldern, in der Hoffnung, sie würden von alleine verschwinden, oder jemand anderes würde sich ihrer annehmen. Die Wichtigkeit von Bildung, insbesondere das Augenmerk auf den Jüngsten, wird unfassbar gerne betont und in Wahlkampagnen natürlich auch gezielt instrumentalisiert - die Wirklichkeit zeichnet aber ein Bild der Vernachlässigung und des Wegduckens vor Verantwortlichkeiten, das uns nun einholt, mit drastischen Konsequenzen.
Während im Herbst keine substanziellen Lösungen durch den Berliner Senat gefunden werden konnte, um die 13,4 Millionen Euro für die bestehenden Sprach-Kitas umsetzen zu können, wurde im AGH- im Rahmen des Nachtragshaushaltes gleichzeitig das Freigeben von zusätzlichen 500 Millionen Euro besiegelt, für die Reduzierung des A-B Tickets in Berlin - einem Ticket, von dem nicht einmal die Anwohner:innen im Berliner Stadtrand , die wirklich darauf angewiesen wären, profitieren können. So sieht keine verantwortungsbewusste Politik aus - und schon gar keine mit Zukunftsperspektiven. Erst, als das Schließen der Sprach-Kitas dann tatsächlich vor der Tür stand, wurde sich notgedrungen nach einer Lösung umgesehen, die, für uns absolut nicht überraschend, letztendlich so aussah, dass an die ohnehin schon leeren Töpfe der Kitas gegangen wird, um eine Ad-Hoc-Finanzierung für die kommenden 6 Monate mit Ach und Krach umsetzen zu können. Eine Lösung mit Perspektive für die darauffolgende Zeit ist bis heute nicht auffindbar. Ich denke, das unterstreicht sehr gut, weshalb weihnachtliche Grüße, mit einem Lob gegenüber des “Zusammenrückens” innerhalb der Kita-Teams und Kitaträger, eher auf Irritation stoßen.
Sie erwähnen von diesem Vorgehen nicht mehr überrascht zu sein. Stehen Sie dem kommenden Jahr ebenfalls ernüchtert gegenüber?
Lars Békési:
Wenn man die Erfahrungswerte der vergangenen Jahre, insbesondere des letzten Rot-Grün-Rot-Jahres, bewertet - bleibt einem nur Ernüchterung übrig.
Es war ganz klar ein verschwendetes Jahr, in Bezug auf die frühkindliche Bildungspolitik. Trotzdem bleiben wir positiv und werden uns weiterhin stark für relevante Themen einsetzen. Die Liste der Lösungen sind unserseits bereits mehrfach benannt worden. Es muss hier aber eine Änderung hinter den Kulissen geben, damit diese letztendlich auch spürbar bei den Kindern und den Kitateams in allen Kindertagesstätten zu sehen ist.
Wie hoffen Sie, könnte man einen Schritt in Richtung Besserung gehen?
Lars Békési: Die vielfältige Fremdbestimmung der Kita-Träger durch die Senatsverwaltung, mit ihren knapp 60 Trägerscheiben der letzten Pandemie-Jahre, ist nicht sinnvoll. Wir wünschen uns die notwendige Beinfreiheit, hier Entscheidungen deutlicher zu bestimmen und mehr Gehör finden zu können, damit wichtige Themen nicht untergehen - oder hinausgezögert werden, bis die Katastrophe vor der Tür steht . Wir brauchen hier situationsgerechte Lösungen. Beispielsweise eine vollumfängliche Entlastung der Kitateams von fachfremder Verwaltungsarbeit, eine 100%ige Anrechnung der mittelbaren pädagogischen Arbeit, oder etwa eine angemessene, qualitätsvollere Ausgestaltung der Ausbildungsinhalte. Diese Forderungen sind nicht neu, sondern wohlbekannt. Der, nach der Wahlwiederholung neugewählte Senat, muss hier endlich die Umsetzung gestalten. Das beginnt selbsterklärend bereits bei den Haushaltsverhandlungen und der Festschreibung entsprechender Titel.
Welche Problematiken, befürchten Sie, könnten im kommenden Jahr entstehen oder verstärkt werden, sofern sich politisch keine Änderung abzeichnet?
Lars Békési: Das Hauptproblem ist natürlich eine deutliche Unterfinanzierung, gepaart mit einer deutlichen Überlastung. Die Symptome dessen breiten sich seit Jahren in allen vorstellbaren Bereichen aus und zeichnen sich insbesondere in einem stetigen Abgang von qualifizierten Fachkräften ab. Die Tendenz hier ist weiterhin abnehmend. Die Verantwortlichkeiten bleiben natürlich bestehen, aber aufgrund der aktuellen Lage müssen sie unter weniger Fachkräften aufgeteilt werden. Überbelastung führt zu Mehr-Ausfällen, was wiederum zu weiterer Überlastung führt. Wenn die Bedingungen eines Berufes so strukturiert sind, dass selbst darauf spezialisierte Fachkräfte freiwillig das Feld verlassen, ist das selbstverständlich auch keine Grundlage, um neue Fachkräfte mit den richtigen Kompetenzen anzuwerben und langfristig zu binden.
Wir befinden uns bereits in einer Spirale nach unten und am Grund warten drastische Konsequenzen auf uns:
Einbruch der Qualität von Verpflegung und Bildung, sowie verkürzte Öffnungszeiten oder deutlich weniger Angebot, an die vielen Familien, die verzweifelt darauf angewiesen sind. Dies sind Probleme, die nicht neu sind, sondern gekonnt seit Jahren übergangen und ausgesessen werden. Die Kostenexplosionen der vergangenen Monate haben diese nur zusätzlich gravierend verstärkt. Das frühkindliche Bildungssystem ist ein völlig überlastetes und erschöpftes System, das in 2022 weiterhin ausbluten musste mit keiner Perspektive, dass sich hier etwas im kommenden Jahr ändern wird. Dass wir irgendwann an das Ende der Kapazität gekommen werden und einen fatalen Kollaps erleben werden, ist keine Frage des “ob / wenn”, sondern des “wann.”
Was wünschen Sie sich für das Jahr 2023?
Lars Békési:
Über ein schlichtes “Wünschen” sind wir bereits lange hinaus.
Die Dringlichkeit des aktuellen, mehrfachen Notstandes muss anerkannt werden, um hier Problematiken der Zukunft zu vermeiden. Wir müssen das Kernproblem behandeln, nicht nur die Symptome dessen - die unvermeidbar immer wieder auftauchen und selbsterklärend schwerwiegender ausarten werden, wenn wir das Grundproblem nicht systematisch und lösungsorientiert angehen. Frühkindliche Bildungspolitik ist das Fundament der Investitionspolitik. Eine Investition in die Kinder ist eine Investition in die Zukunft. Wir erwarten im Jahr 2023 eine echte Verantwortungsübernahme zur Umsetzung dieser Investitionspolitik seitens der Politik und mehr Entscheidungsfreiheit für die Kita-Träger. An dieser Stelle verweise ich natürlich auf die Möglichkeit hier aktiv mitzureden und mitzugestalten, die sich im kommenden Februar bietet.
Am 12.02.2023 findet die Wahlwiederholung zum Berliner Abgeordnetenhaus statt.
Wir hoffen auf ein reges Beteiligen der Berliner Wähler:innen, um so politisch, in Zukunft bessere und bewusste Entscheidungen in der frühkindlichen Bildungspolitik treffen zu können.
KIB und VKMK in der Morgenpost
Unter dem Titel “Steigende Energierechnungen gefährden Kitas” berichtete die Berliner Morgenpost heute über unser Verbandsmitglied “Kids in Berlin (KIB)”. Dabei wurde die Geschäftsführerin Frau Dr. Antje Schwartz zu den wachsenden Abrechnungen der letzten Jahre befrag.
Unter dem Titel “Steigende Energierechnungen gefährden Kitas” berichtete die Berliner Morgenpost heute über unser Verbandsmitglied “Kids in Berlin (KIB)”. Dabei wurde die Geschäftsführerin Frau Dr. Antje Schwartz zu den wachsenden Abrechnungen der letzten Jahre befragt:
„Die Kosten haben sich innerhalb von zwei Jahren verdoppelt. Und dabei waren die Kitas im Jahr 2020 wegen der Coronapandemie sogar monatelang geschlossen und die Heizungen weitgehend herunter gedreht. Wir trauen uns kaum an die noch auf uns zukommende Heiz- und Stromkostenabrechnung zu denken.”
Auch unser Geschäftsführer, Lars Bekesi, wurde zur derzeitigen Lage der Nebenkosten und den Steigerungen der Sachkostenpauschale von nur 6,66% in vier Jahren befragt:
“Das ist zwar nett, reicht aber leider bei weitem nicht aus. Wenn der Senat bei den Haushaltsverhandlungen jetzt nicht nachbessert und die dramatisch steigenden Energiekosten berücksichtigt, könnte es für kleine Kitas das Ende bedeuten.”