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Sparen auf dem Rücken der Kleinsten: Berliner Senat streicht Sprachförderung für zehntausende Kinder

Immer mehr Kinder haben Probleme mit der Sprache – doch statt die Sprachförderung zu intensivieren, setzt das Land Berlin genau hier den Rotstift an: Ab 2026 sollen auf dem Rücken der Kleinsten unserer Gesellschaft 40 Millionen Euro eingespart werden – mit dramatischen Folgen für Kitas, Kinder und Schulen.

Immer mehr Kinder haben Probleme mit der Sprache – doch statt die Sprachförderung zu intensivieren, setzt das Land Berlin genau hier den Rotstift an: Ab 2026 sollen auf dem Rücken der Kleinsten unserer Gesellschaft 40 Millionen Euro eingespart werden – mit dramatischen Folgen für Kitas, Kinder und Schulen.

Konkret geht es um den sogenannten Partizipationszuschlag, der ab 2026 an Berliner Kitas eingeführt werden soll. „Der Name ‚Partizipationszuschlag‘ ist gänzlich irreführend, denn unter Partizipation versteht man eigentlich, dass alle teilhaben und mitwirken können. Der Partizipationszuschlag jedoch schließt de facto mehrere zehntausend Kinder von dringend benötigter Sprachförderung aus. Er hat also nichts mit Partizipation, sondern vielmehr mit Exklusion zu tun.“, betont Lars Békési, Geschäftsführer des VKMK - Der Kitaverband, mit Nachdruck.

Mit dem sogenannten Partizipationszuschlag soll künftig die Sprachförderung für Kinder nichtdeutscher Herkunft sowie für Kinder aus sozialen Brennpunkten gestrichen werden. In Summe betrifft das rund 85.000 Kinder. Stattdessen soll Sprachförderung künftig nur noch denjenigen Kindern zustehen, die Leistungen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket beziehen – aktuell etwa 22.300. Und auch das nur, wenn in ihrer Kita mindestens 20 Prozent der Kinder Leistungen aus diesem Paket erhalten. Dies verkauft der Senat als wichtigen Schritt hin zu mehr Chancengerechtigkeit. Doch wer nachrechnet, erkennt schnell: Künftig werden tausende Kinder bei der Förderung auf der Strecke bleiben, mit drastischen Auswirkungen auf ihren gesamten Bildungs- und Lebensweg. “Der Berliner Senat nimmt hier in Kauf, die Startbedingungen einer großen Gruppe an Kinder für Einsparungen im Haushalt zu opfern – das ist bildungspolitisch kurzsichtig und gesellschaftlich fatal.”

Die Folgen dieser Sparmaßnahme bei der frühkindlichen Sprachförderung werden insbesondere die Schulen in zwei bis drei Jahren massiv zu spüren bekommen. Schon jetzt ist vielerorts von Überlastung und drohenden Burnouts unter Lehrkräften die Rede. „Wenn die Schulen künftig auch noch die Sprachdefizite ausgleichen müssen, die aufgrund des Partizipationszuschlags nicht frühzeitig angegangen werden konnten, wird das Schulsystem auf kurz oder lang an seine Grenzen kommen. Wir fragen uns, wie das funktionieren soll. Das Land verlagert hier eindeutig das Problem auf die Schultern der Grundschullehrkräfte – sie müssen künftig die Folgen einer zu kurz gedachten Berliner Sparpolitik tragen“, so Lars Békési.

Doch auch in den Kitas wird es unmittelbare Auswirkungen geben: Durch die Kürzung der Sprachförderung werden zwangsläufig auch Stellen wegfallen. Manche Einrichtungen können dies möglicherweise noch kompensieren, weil sie personell und finanziell gut aufgestellt sind. Andere hingegen werden Fachkräfte entlassen müssen – und das in einer Zeit, in der ohnehin bereits viele Pädagog:innen aufgrund des Geburtenrückgangs um ihre Jobs bangen. Der Senat hat zwar groß angekündigt, alle Fachkräfte im System halten zu wollen – doch die Gesetze, die er beschließt, sprechen eine andere Sprache. Der VKMK – Der Kitaverband fordert daher den Berliner Senat auf, die geplanten Kürzungen zurückzunehmen und stattdessen ein System zu etablieren, das Kinder mit Förderbedarf auch tatsächlich unterstützt. Nur so kann verhindert werden, dass Kindergruppen gegeneinander ausgespielt werden, mehrere zehntausend Kinder durchs Raster fallen und ihre Startbedingungen weiter verschlechtert werden.

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Der Partizipationszuschlag: Wenn Haushaltspolitik Kindern die Sprache nimmt

Was bedeutet eigentlich Partizipation in der frühkindlichen Bildung? Sie bedeutet, dass alle Kinder gleichberechtigt am Alltag teilhaben können, aktiv in Entscheidungsprozesse einbezogen werden und erfahren: Ihre Stimme zählt – ebenso wie die der anderen. 

Der Berliner Senat will die Kita-Förderung neu ordnen – und verschärft damit Bildungsungleichheit.

Ein Gastbeitrag von Lars Békési im Tagesspiegel

Der folgende Beitrag erschien als Gastbeitrag im Tagesspiegel am 10.11.2025.

Was bedeutet eigentlich Partizipation in der frühkindlichen Bildung? Sie bedeutet, dass alle Kinder gleichberechtigt am Alltag teilhaben können, aktiv in Entscheidungsprozesse einbezogen werden und erfahren: Ihre Stimme zählt – ebenso wie die der anderen. 

Der Berliner Senat scheint jedoch eine andere Vorstellung davon zu haben, was Teilhabe bedeutet. Mit der geplanten Einführung des sogenannten Partizipationszuschlags wird deutlich, dass finanzpolitische Erwägungen offenbar schwerer wiegen als Chancengerechtigkeit für alle Berliner Kinder.

Worum geht es konkret? Um die Verteilung von Personalzuschlägen, mit denen Kitas zusätzliches Personal einstellen können, um Kinder mit Förderbedarfen besser und gezielter zu unterstützen. Bislang wurden solche Zuschläge gewährt, wenn Kinder aus sozialen Brennpunkten kommen oder nicht deutscher Herkunft sind. Insgesamt betraf dies zum Stichtag 31.12.2023 rund 85.000 Kita-Kinder in Berlin. Für knapp 66.000 von ihnen wurde ein Personalzuschlag ausgezahlt. Künftig sollen Zuschläge für zusätzliches Personal ausschließlich Kindern gewährt werden, die Leistungen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket (BuT) beziehen. In Berlin waren das im Jahr 2023 rund 22.300 Kita-Kinder. Diese Zuschläge werden jedoch erst ab einer bestimmten Quote ausgezahlt: wenn mindestens 20 Prozent der Kinder in einer Einrichtung BuT-Leistungen beziehen. Die Begründung dafür lautet: Insbesondere Kinder aus sozioökonomisch schwachen Familien haben Schwierigkeiten im Bildungssystem und weisen erhöhte Förderbedarfe auf. Das mag ein Teil der Wahrheit sein – aber eben nicht die ganze. Und genau deshalb ist diese neue Zuschlagsregelung in mehrfacher Hinsicht fatal.

So hat eine Erhebung des Paritätischen Gesamtverbands ergeben, dass fast 90% der BuT-anspruchsberechtigten Kindern in Berlin keine Leistungen beziehen. Der Berliner Senat geht jedoch davon aus, dass sich die Zahl der BuT-beziehenden Kinder mit Einführung des Partizipationszuschlags verdoppeln wird. Zur Begründung heißt es, Kitas hätten ein Interesse daran, den Kindern weiterhin Förderung durch zusätzliches Personal zu ermöglichen. Daher werde erwartet, dass sie Eltern dazu bewegen, BuT-Leistungen zu beantragen. Damit überträgt die Politik den Einrichtungen jedoch Aufgaben, die nicht in ihrer originären Verantwortung liegen.

Doch selbst wenn alle anspruchsberechtigten Kinder BuT-Leistungen erhielten, bliebe eine große Gruppe außen vor. Dazu gehören etwa Kinder aus Familien mit niedrigem Einkommen. Sie zählen ebenfalls zu den sozioökonomisch benachteiligten Gruppen, werden aber nicht berücksichtigt. Auch Kinder, die die deutsche Sprache aufgrund ihrer Herkunft nicht vollständig beherrschen, fallen künftig durchs Raster. Denn der Senat geht davon aus, dass Kinder ohne BuT-Bezug Eltern haben, die private Sprachförderung finanzieren können. Das jedoch geht an der Lebensrealität vieler Familien vorbei.

Unseren letzten Kritikpunkt an dieser Neuregelung müssen wir gar nicht selbst formulieren. Stattdessen möchten wir die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie zitieren. Sie erläutert selbst, warum eine solche merkmalsbasierte Kategorisierung bei der Umsetzung von Unterstützungssystemen und der bedarfsgerechten Verteilung von Ressourcen in Berlin nicht funktioniert – in diesem Fall bezogen auf Schulen: “Oft wird die soziostrukturelle Situation einer Schule auf der Grundlage einzelner oder weniger Merkmale betrachtet. Im Vordergrund standen hier oft prozentuale Grenzwerte, um Ungleichheiten zwischen den Schulen sichtbar zu machen. Dabei sind feste Grenzwerte immer dann problematisch, wenn diese nur knapp unter- oder überschritten werden und Schulen z.B. aus Programmen und Zumessungen wieder herausfallen, obwohl sich die Datenlage nur geringfügig geändert hat. Die zunehmenden Herausforderungen einer Schule durch soziale Herkunft der Schülerinnen und Schüler, Integration, geographische Lage etc. blieben so oft unberücksichtigt.” Dieses Argument lässt sich eins zu eins auch auf Kitas übertragen: Ein einziges Merkmal, auf das zusätzlich noch ein prozentualer Grenzwert angewandt wird, bildet weder die tatsächlichen Herausforderungen einer Berliner Kita ab, noch den Bedarf an zusätzlicher Förderung.

Wenn der Partizipationszuschlag in dieser Form eingeführt wird, hätte das weitreichende Konsequenzen für unser Bildungssystem – für Kitas, Schulen und vor allem für die Zukunft der Kinder. Kinder mit Förderbedarfen würden nicht die Unterstützung erhalten, die sie benötigen. Sie starteten mit schlechteren Chancen in die Schule – ein Nachteil, der sie durch ihre gesamte Bildungsbiografie bis hin ins Berufsleben begleiten würde. Kitas müssten Personal entlassen, weil ihnen die notwendigen Ressourcen fehlen. Schulen wiederum müssten die Förderbedarfe auffangen, die in der frühkindlichen Bildung unberücksichtigt blieben. Und das in einer Zeit, in der regelmäßig von Überlastung und zunehmender Burnout-Gefahr unter Lehrkräften zu lesen ist.

Im Berliner Schulsystem hat der Senat aus solchen Fehlern gelernt: Dort wird die Ressourcenverteilung inzwischen anhand eines sozialen Index bemessen – unter Berücksichtigung mehrerer Merkmale wie nichtdeutscher Herkunftssprache, BuT-Bezug, räumlicher Lage und Personalausstattung. 

Warum also hält der Senat im Kitabereich an einem überholten Modell fest? Eine Vermutung liegt nahe: Einsparungen. Offiziell heißt es zwar, der Partizipationszuschlag sei kostenneutral. Tatsächlich lassen sich damit jedoch rund 40 Millionen Euro sparen. Bildungs- und Teilhabemittel stammen zudem aus Bundesgeldern, nicht aus dem Landeshaushalt. 

Der Berliner Senat nennt seine Kürzungen „Partizipationszuschlag“. In Wahrheit aber ist er das Gegenteil: Er schwächt jene, die Teilhabe dringend brauchen und erlaubt Sparen auf dem Rücken der Kinder. Wir fordern deshalb mit Nachdruck, dass der Senat die geplanten Kürzungen in Form des Partizipationszuschlags zurücknimmt. Stattdessen braucht es eine bedarfsgerechte und zielgerichtete Förderung für alle Kinder durch eine Ressourcenverteilung auf Basis sozialer Indizes. So kann Gießkannenpolitik vermieden werden, ebenso wie das Gegeneinander-Ausspielen von Kindergruppen und das Durchrutschen mehrerer zehntausend Kinder durch das Raster.

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Kindertagesförderungsgesetzes: Chancengerechtigkeit nur auf dem Papier - Neuer Partizipationszuschlag benachteiligt Zehntausende Kinder

Heute hat der Berliner Senat den Entwurf zur Änderung des Kindertagesförderungsgesetzes beschlossen. Die Senatskanzlei bezeichnet den Schritt in ihrer offiziellen Pressemitteilung als wichtigen Beitrag zu mehr Chancengerechtigkeit, mit welchem “alle Kinder unabhängig von Herkunft und Lebensumständen frühzeitig unterstützt [werden]”. Starke Worte – doch eine zentrale Neuerung im Gesetz steht diesem Versprechen diametral entgegen: die Einführung des sogenannten Partizipationszuschlags. Der VKMK – Der Kitaverband warnt, dass dadurch massive Chancenungleichheit und Selektion drohen.

Heute hat der Berliner Senat den Entwurf zur Änderung des Kindertagesförderungsgesetzes beschlossen. Die Senatskanzlei bezeichnet den Schritt in ihrer offiziellen Pressemitteilung als wichtigen Beitrag zu mehr Chancengerechtigkeit, mit welchem “alle Kinder unabhängig von Herkunft und Lebensumständen frühzeitig unterstützt [werden]”. Starke Worte – doch eine zentrale Neuerung im Gesetz steht diesem Versprechen diametral entgegen: die Einführung des sogenannten Partizipationszuschlags. Der VKMK – Der Kitaverband warnt, dass dadurch massive Chancenungleichheit und Selektion drohen.

Der Partizipationszuschlag stellt eine Neuausrichtung der bisherigen Personalzuschläge dar. Mit diesen Zuschlägen konnten Kitas bislang zusätzliches Personal finanzieren, um Kinder mit schlechteren Startbedingungen besser zu unterstützen. Die Förderung wurde bisher gewährt, wenn Kinder nicht deutscher Herkunft waren oder aus einem sozialen Brennpunkt kamen. Zum Jahresende 2023 waren 60.400 Kinder in Berliner Kitas nicht deutscher Herkunft, weitere 25.700 Kinder erhielten Unterstützung über die Brennpunktzulage. Diese Regelung soll nun vollständig entfallen. Stattdessen sollen die Zuschläge künftig ausschließlich Kindern zugutekommen, die Leistungen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket (BuT) beziehen – im Jahr 2023 waren das 22.300 Kinder. Hinzu kommt: Die Zuschläge werden erst dann gewährt, wenn mehr als 20 Prozent der Kinder in einer Kita BuT-Leistungen beziehen. Einrichtungen mit einem Anteil von 19,9 Prozent gehen somit leer aus und können kein zusätzliches Personal finanzieren. „Das widerspricht unserem Verständnis von Partizipation“, sagt Lars Békési, Geschäftsführer des VKMK – Der Kitaverband. „Unter Partizipation verstehen wir, dass alle Kinder teilhaben dürfen und nicht exklusiv nur 20% von 22.300 Kindern“.

Die Begründung der Senatskanzlei lautet: „So werden die Ressourcen zielgerichtet dorthin gelenkt, wo die Unterstützung am dringendsten gebraucht wird.“ Tatsächlich bedeutet dies jedoch, dass mehrere Zehntausend Kinder in Berliner Kitas mit Förderbedarfen künftig im Stich gelassen werden. Stattdessen verweist der Senat auf die Möglichkeit, dass Kitas Eltern aus sozioökonomisch schwachen Haushalten zukünftig beim Beantragen von Leistungen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket unterstützen können – damit die Quote an Kindern mit BuT-Leistungsbezug steigt. “Diese Erwartungshaltung des Senats zwingt Kitas dazu, Familien zu stigmatisieren. Pädagogische Fachkräfte dürfen nicht zu Sozialermittlern gemacht werden. Eltern nach BuT-Leistungen zu befragen, verletzt Privatsphäre und Vertrauen. Bildung braucht Beziehung – keine Bedürftigkeitsprüfung im Elterngespräch.” so Békési.

Von Familien, die sozioökonomisch besser aufgestellt sind und deren Kinder dennoch einen Sprachförderbedarf haben, erwartet der Senat, dass sie die notwendige Sprachförderung ihrer Kinder privat finanzieren. “Kitas würden diese Sprachförderung gerne ermöglichen, doch ihnen sind die Hände gebunden, da sie von Eltern keine zusätzlichen Gelder für individuelle Sprachförderung annehmen dürfen.“ betont Lars Békési.

Besonders paradox erscheint diese Neuerung vor dem Hintergrund der aktuellen VERA-Vergleichsstudie, die aufzeigt, dass in der dritten Jahrgangsstufe 47 Prozent der Kinder nicht richtig lesen und 68 Prozent nicht richtig schreiben können. Die Konsequenz müsste doch sein, mehr Kinder gezielt zu fördern – nicht weniger. „Wir nehmen die vielzitierte Chancengerechtigkeit aller Kinder sehr ernst. Eine Ausrichtung der Personalzuschläge allein am Bezug von BuT-Leistungen, die Quotierung der Zuschläge sowie der Ausschluss von mehreren Zehntausend Kindern ist aus unserer Sicht nicht gerecht und partizipativ, sondern selektiv.“, schließt Békési.

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Der Partizipationszuschlag: Förderung mit Exklusion

Berlin ist bunt, Berlin ist divers und seine Bevölkerung äußerst heterogen. Viele unterschiedliche Länder, Kulturen und Lebensgeschichten treffen in dieser Metropole aufeinander. Rund 193 verschiedene Staatsangehörigkeiten sind in Berlin vertreten - damit bildet die deutsche Hauptstadt fast die gesamte Welt im Kleinen ab, denn weltweit gibt es derzeit 195 von den Vereinten Nationen anerkannte Staaten. Diese kulturelle Vielfalt ist eine große Bereicherung: Man lernt voneinander, neue Perspektiven bereichern den Alltag und das Zusammenleben wird lebendig und farbenfroh. 

Berlin ist bunt, Berlin ist divers und seine Bevölkerung äußerst heterogen. Viele unterschiedliche Länder, Kulturen und Lebensgeschichten treffen in dieser Metropole aufeinander. Rund 193 verschiedene Staatsangehörigkeiten sind in Berlin vertreten - damit bildet die deutsche Hauptstadt fast die gesamte Welt im Kleinen ab, denn weltweit gibt es derzeit 195 von den Vereinten Nationen anerkannte Staaten. Diese kulturelle Vielfalt ist eine große Bereicherung: Man lernt voneinander, neue Perspektiven bereichern den Alltag und das Zusammenleben wird lebendig und farbenfroh. 

Doch Vielfalt bringt nicht nur Chancen, sondern auch Herausforderungen mit sich: Wer in Deutschland gut Fuß fassen möchte, kommt kaum daran vorbei, die deutsche Sprache zu beherrschen. Doch die Ergebnisse der diesjährigen Schuleingangsuntersuchung zeigen, dass viele Kinder mit Migrationshintergrund Defizite in der deutschen Sprache aufweisen. Gleichzeitig wird deutlich, dass ein Besuch der Kindertageseinrichtung diese Defizite erheblich reduzieren kann. Damit alle Kinder gleiche Bildungschancen, echte Teilhabe und eine selbstbestimmte Zukunft haben, ist daher eine frühzeitige, gezielte und chancengerechte Sprachförderung von zentraler Bedeutung.

Die Personalzuschläge in Berliner Kitas

Um Kinder mit Migrationshintergrund in der Sprachbildung und -förderung zu unterstützen, erhalten Kitas derzeit Personalzuschläge für ergänzendes Fachpersonal, wenn mindestens 40% der Kinder in einer Einrichtung nicht deutscher Herkunft (ndH) sind. Diese Schwelle von 40% wird jedoch vielerorts kritisch gesehen, da sie in der pädagogischen Praxis kaum nachvollziehbar ist: Denn ob nun 39% oder 40% der Kinder sprachlichen Förderbedarf haben, macht für den tatsächlichen Aufwand keinen Unterschied. Zudem ist sprachliche Förderung nicht erst ab einem bestimmten Schwellenwert notwendig - sie beginnt mit dem ersten Kind, das zusätzliche Bedarfe hat. 

Dieser Personalzuschlag ist im Gesetz zur Förderung von Kindern in Tageseinrichtungen und Kindertagespflege  (KitaFöG) verankert, ebenso wie der Personalzuschlagstatbestand “Quartiersmanagement” (QM) - auch bekannt als “Brennpunktzulage”. Derzeit befindet sich das KitaFöG in einer Novellierung. In diesem Zuge sollen auch die Personalzuschläge neu gestaltet werden - hin zu einem sogenannten Partizipationszuschlag.    

Der Partizipationszuschlag beschreibt Personalzuschläge, die ausschließlich an den Bezug von Leistungen aus dem Bildungs- und Teilhabepakets (BuT) gekoppelt sind und mit dem 01.01.2026 in Kraft treten soll. Anspruchsberechtigt für Leistungen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket sind Kinder, deren Familien Bürgergeld, Sozialhilfe, Kinderzuschlag oder Wohngeld erhalten sowie Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz beziehen. Dazu zählen nicht Kinder, deren Eltern in Minijobs oder Niedriglohnarbeit beschäftigt sind oder aus anderweitig prekären Verhältnissen kommen. Mit ihm werden die Zuschlagstatbestände für die Merkmale nicht deutsche Herkunft und Quartiersmanagement gestrichen. 

Gezielte Mittelverteilung mit Lücken

Das Argument für die Einführung des Partizipationszuschlags ist - insbesondere in Anbetracht eines Konsolidierungshaushaltes - nachvollziehbar: Man möchte weg vom Gießkannenprinzip und hin zu einer gezielten Mittelverteilung. Und um diese gezielte Mittelverteilung zu ermöglichen, benötigt es objektive Anhaltspunkte, anhand derer besonderer Unterstützungsbedarf erkennbar wird. Weshalb dabei auf das Merkmal Bezug von Leistungen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket zurückgegriffen wird, lässt sich wissenschaftlich begründen: Kinder aus sozioökonomisch benachteiligten Haushalten haben nachweislich schlechtere Bildungschancen. So zeigen unter anderem die Soziologen Jan Skopek und Giampiero Passaretta, dass 70% der Kompetenzunterschiede zwischen Kindern aus Haushalten mit hohem und niedrigem sozioökonomischen Status bereits in den ersten sechs Lebensjahren entstehen und sich verfestigen, mit langfristigen Auswirkungen auf den Bildungsweg dieser Kinder. 

Doch der VKMK - Der Kitaverband ist der Meinung, dass dies zu kurzsichtig ist. Denn zum einen zählen auch Haushalte, in denen die Elternteile im Niedriglohnbereich oder in Minijobs arbeiten, zu sozioökonomisch Benachteiligten, auch wenn sie keinen Anspruch auf Leistungen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket haben. Zum anderen haben auch Kinder aus bildungsfernen Haushalten deutlich schlechtere Bildungschancen, wie der ifo- “Ein Herz für Kinder” - Chancenmonitor aus dem Jahr 2023 zeigt: Die Wahrscheinlichkeit eines Gymnasialbesuchs bei Kindern mit zwei Elternteilen mit Abitur und einem Haushaltsnettoeinkommen von 4.000 bis 5.500 Euro liegt bei 70,6%. Bei Kindern aus Haushalten ohne Abitur, aber mit vergleichbarem Einkommen, sinkt diese Wahrscheinlichkeit auf 36,4%. Und nicht zuletzt zeigt nun auch die Schuleingangsuntersuchung, dass Kinder mit Migrationshintergrund ebenfalls dringend zu adressierende Förderbedarfe aufweisen. 

Frühkindliche Förderung in Zahlen: Wie viele Kinder profitieren künftig?

Zum Jahresende 2023 waren 60.400 Kinder in den Berliner Kitas nicht deutscher Herkunft. Nach Anwendung der 40%-Schwelle erhielten etwa 41.000 von ihnen eine Förderung über den Personalzuschlag. Weitere 25.700 Kinder wurden über das Zuschläge für das Merkmal Quartiersmanagement, bzw. die “Brennpunktzulage” unterstützt, womit insgesamt rund 66.700 Kinder durch Zuschläge gefördert wurden. 

Im Jahr 2023 besuchten zudem etwa 22.300 Kinder, die Leistungen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket beziehen, eine Berliner Kita. Mit der Einführung des Partizipationszuschlags rechnet der Senat mit einem Anstieg auf rund 50.000 Kinder. Dieser Anstieg wird damit begründet, dass Kitas künftig auf den Partizipationszuschlag angewiesen sind, um die Kinder adäquat fördern zu können. Infolgedessen wird erwartet, dass Einrichtungen aktiv auf Familien zugehen, die zwar anspruchsberechtigt sind, bisher aber keinen Antrag auf BuT-Leistungen gestellt haben. Der Partizipationszuschlag soll jedoch nicht für jedes einzelne BuT-berechtigte Kind gewährt werden, sondern nur dann, wenn der Anteil dieser Kinder in einer Kita mehr als 20% beträgt. Damit würden rund 40.000 Kinder vom Partizipationszuschlag profitieren. 

Theorie trifft Praxis: Was Kitas jetzt erwartet

Wie sich die Einführung des Partizipationszuschlags auf die pädagogische Praxis auswirken könnte, hat der VKMK - Der Kitaverband bei zwei seiner Mitglieder erfragt. 

Sprachförderung im Internationalen Kindergarten

Frank Mozer ist Geschäftsführer des Trägers Internationaler Kindergarten Berlin. Der Träger betreibt eine Einrichtung in Charlottenburg/Wilmersdorf, in der 60 Kinder betreut werden, mit Schwerpunkt auf der Vermittlung von Sprache: “Wir sind eine bilinguale deutsch-/englischsprachige Kita, welche in 5 jahrgangshomogenen Gruppen arbeitet. In jeder Gruppe arbeitet je eine Fachkraft in deutscher bzw. englischer Muttersprache. Zudem haben wir aktuell 3 und ab August/September 4 Auszubildende. Der konzeptionelle Schwerpunkt unserer Einrichtung, die sich als Bildungseinrichtung versteht, ist das Vermitteln von Sprache – sowohl der deutschen als auch der englischen Sprache. Darüber hinaus ist der Internationale Kindergarten seit dem Jahr 2016 in dem Bundesprogramm ‘Sprach-Kitas: Weil Sprache der Schlüssel zur Welt ist’ vertreten.” beschreibt Frank Mozer. Der Kindergarten spiegelt - wie Berlin selbst - einen Mikrokosmos unserer bunten Welt wieder: “Die Kinder und Familien der Einrichtung kommen aus vielen unterschiedlichen Ländern, wie zum Beispiel Deutschland, Italien, Kroatien, Indien, Israel, Ägypten, USA, China, Niederlande, Peru etc. In dem Internationalen Kindergarten finden somit viele unterschiedliche Nationalitäten, Kulturen und Religionen zusammen. Diese Diversität wird hier offen gelebt und die Offenheit der Kinder Neuem und Fremden gegenüber gefördert. Das Thema Respekt und Toleranz bildet das Fundament unserer Wertevermittlung.” Insgesamt liegt der Anteil von Kindern nicht deutscher Herkunft im Internationalen Kindergarten Berlin bei 95%, wohingegen kein einziges Kind bislang Anspruch auf BuT-Leistungen hat. 

Frank Mozer erklärt uns, wie Sprachförderung aktuell in ihrer Einrichtung umgesetzt wird: “Einerseits haben wir aufgrund unserer personellen Zusammensetzung die Möglichkeit, die deutsche Sprache alltagsintegriert zu fördern, unter anderem in Morgenkreisen, individuelle Projekte etc. In unserer Vorschul-Gruppe gibt es zudem das „Show&Tell“: hier präsentiert ein Vorschulkind seiner Gruppe ein selbstgewähltes Thema in Form eines selbstgebastelten Plakats und eines kleinen Vortrags. Hierdurch soll das freie Sprechen geübt werden. Die Kinder sind immer sehr aufgeregt und wahnsinnig stolz ihren Freunden ihr Thema vorzustellen! Zudem beschäftigen wir eine zusätzliche Sprach-Fachkraft, welche aktuell noch mithilfe des Sprachprogramms „Sprach-Kita“ bis zum 31.07.2025 finanziert wird. Die Fachkraft unterstützt Kinder mit entsprechendem Sprachförderbedarf. Das geschieht entweder individuell oder in Kleingruppenarbeit.” 

Was nun die Umgestaltung der Personalzuschläge hin zum Partizipationszuschlag für den Internationalen Kindergarten Berlin bedeutet, schlüsselt uns Frank Mozer auf: “Wir werden vor große finanzielle Herausforderungen gestellt: durch den Wegfall des ndHs-Zuschlages werden uns künftig ca. € 6.000,- pro Monat fehlen. Da bereits zu Ende Juli 2025 zusätzlich das ehemalige Bundesprogramm „Sprach-Kita – weil Sprache der Schlüssel zur Welt ist“, welches aktuell vom Land Berlin finanziert wird und an dem wir seit Anbeginn 2016 teilnehmen, eingestellt wird, fehlen weitere € 2.300,- pro Monat. Unterm Strich stehen uns somit ab Januar 2026 voraussichtlich rund € 8.300,- jeden Monat weniger zur Verfügung, weil wir aktuell keine einzige Familie haben, welche die Voraussetzungen des Partizipationszuschlages erfüllt – die Quote von 20% zuschlagsberechtigter Familien zu erreichen ist für uns absolut illusorisch!” Dass dieser Einschnitt nicht nur den Internationalen Kindergarten Berlin schwer treffen wird, davon geht Frank Mozer fest aus: “Diese finanziellen Herausforderungen werden berlinweit viele Träger treffen, davon bin ich überzeugt und habe dies bereits von mehreren Trägern vernommen. Für den Internationalen Kindergarten Berlin, aber auch für viele weitere und vor allem größere Träger ist es aufgrund der finanziellen Beschneidung eine Katastrophe!” Die zu erwartenden finanziellen Einbußen werden weitreichende Konsequenzen haben, nicht nur für den Träger, sondern vor allem für die Kinder und das pädagogische Fachpersonal: “Im schlechtesten Fall müssen Träger das Personal aus Kostengründen reduzieren. Für uns stellt sich die Frage, in welcher Form wir unsere Sprachförderprogramme, welche über das ‘normale Maß’ an alltagsintegrierter Sprachförderung hinausgeht, weiterführen können. Besondere Herausforderungen sehe ich bei Familien, welche zum Beispiel berufsbedingt oder auch aus anderen Gründen nach Berlin kommen und deren 3-, 4- oder 5-jährigen Kinder noch kein Deutsch sprechen, jedoch in wenigen Jahren hier zur Schule gehen werden. Ohne besondere Sprachförderung werden diese Kinder es schwer haben, einen guten Schulstart zu erleben. Zudem wird bei dem drohenden Personalabbau die ohnehin schon hohe Arbeitsbelastung zusätzlich nochmal verstärkt. Und dass darunter auch die Qualität leidet, kann in dem Zusammenhang nicht überraschen. Ich erinnere an dieser Stelle an die Streiks der landeseigenen Einrichtungen!” Die Umstellung der Zuschläge wird sich jedoch auch belastend auf die Familien auswirken: “Gesetz den Fall das „normale Maß“ an Sprachförderung in der Kita ist - aus welchem Grund auch immer - nicht ausreichend für das Kind: welche Möglichkeiten hätten Eltern? Sie müssten mit ihren Kindern zusätzlichen Sprachunterricht nehmen. Für berufstätige Eltern stellt das eine zusätzliche zeitliche Belastung dar, für viele andere Familien sind das finanzielle Belastungen, die da plötzlich auftauchen. So oder so stellt dieses neue System Kinder, Familien und Einrichtungen/Träger vor große Probleme!” macht Frank Mozer deutlich. 

Das größte Problem beim Partizipationszuschlag sieht Frank vor allem in der Zugangsvoraussetzung: “Das Hauptproblem meiner Meinung ist jedoch die Zugangsberechtigung beim Erhalt des Partizipationszuschlages. Alle Kinder/Familien, welche nicht die Kriterien des Partizipationszuschlages erfüllen, gehen leer aus. Zudem haben Träger/Einrichtungen das Problem, dass sie eine Quote von 20% an unterstützungsberechtigen Familien haben müssen, um für diese Familien überhaupt den Partizipationszuschlag zu erhalten – heißt also: bei nur 19% gehen auch diese Familien leer aus – beziehungsweise fehlen dem Träger die finanziellen Mittel!” Statt des Partizipationszuschlags würde sich Frank Mozer eine Fortführung der bisherigen Zuschläge wünschen: “Meiner Meinung ist der ndH-Zuschlag ein gutes Instrument, um Träger zu unterstützen, welche einen hohen Anteil an Kindern/Familien mit nicht-deutscher Sprache haben und somit einen höheren Personalaufwand betreiben! In einer so internationalen Stadt wie Berlin wäre es fatal, wenn die Träger und Einrichtungen gezwungen wären, die großartige Arbeit im Bereich der frühkindlichen Bildung und insbesondere beim Spracherwerb zu sparen. Es gibt doch bereits unzählige Studien, aus denen hervorgeht, dass jeder gesparte Euro zu einem späteren Zeitpunkt um ein Vielfaches re-investiert werden muss! Ich mag mir nicht ausmalen, wie laut das berechtigte Klagen der Schulen in wenigen Jahren ist, wenn noch mehr Kinder mit unzureichenden Deutschkenntnissen in die Schule kommen.” Mit diesen Worten macht Frank noch einmal die weitreichenden Auswirkungen einer möglichen Umgestaltung der Personalzuschläge deutlich. 

Kita Umpa Lumpa: Auswirkungen des Partizipationszuschlags im sozialen Brennpunkt

Eine ganz andere Perspektive bringt Frau Sevda Akyil, Diplom Sozialpädagogin/Sozialarbeiterin und Gründerin des Kita-Trägers Umpa Lumpa Internationaler Kinderladen gGmbH, ein: Sie, als Träger und Kitaleitung, betreibt eine kleine Einrichtung in einem Quartiersmanagement-Gebiet, sprich einem sozialen Brennpunkt. In der Einrichtung werden maximal 25 Kinder im Alter von 1-6 Jahren in homogenen Kleingruppen (1-2/3-4/5-6 Jahren) nach dem Situationsansatz und auf Grundlage des Berliner Bildungsprogramms betreut. Alle Kinder ihrer Einrichtung haben einen Migrationshintergrund: “Unsere Kinder stammen ausschließlich aus Familien mit Migrationshintergrund und bringen vielfältige kulturelle Traditionen und Werte mit. Die Integration dieser unterschiedlichen Hintergründe zu einem gemeinsamen Nenner stellt eine große Herausforderung dar, da sie eine sensible und gezielte pädagogische Herangehensweise erfordert.” beschreibt Sevda Akyil. Aktuell beziehen 33% der betreuten Kinder Leistungen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket. Die tatsächliche Quote von Kindern aus sozioökonomisch-prekären Haushalten liegt jedoch deutlich höher: “Wir fördern derzeit ca. 90 % sowohl finanziell benachteiligte Kinder als auch 100% Kinder mit Migrationshintergrund.” erklärt Sevda und geht noch ein wenig genauer auf die damit verbundenen Herausforderungen ein: “Die Arbeit mit letzteren ist besonders herausfordernd, da sie eine enge Zusammenarbeit mit den Eltern in Sprache, Bildung und Erziehung erfordert. Kinder deutscher Herkunft sowie Kinder, die im Elternhaus parallel gefördert werden, erleichtern die Arbeit, da sie frühzeitig gefördert werden und als Vorbilder für die anderen Kinder dienen - in Sprache, Bildung, Erziehung.”

Um die Kinder in ihrer Einrichtung bestmöglich auf ihren Bildungsweg vorzubereiten und ihnen dementsprechend die notwendigen Sprachfähigkeiten zu vermitteln nutzt Umpa Lumpa alle ihnen zur Verfügung stehenden Mittel: “Wir setzen drei Maßnahmen ein, um die Kinder schnell und effektiv zu integrieren und zu fördern. Tägliche Kommunikation, Mimik, Gestik und Körpersprache unterstützen die Sprachentwicklung. Ergänzend bieten wir spielerische Sprachförderung mit speziellen Materialien an. Das Sprachförderzentrum und externe Fachkräfte besuchen regelmäßig die Kita, um die Kinder gezielt zu fördern. Wir nutzen alle verfügbaren Ressourcen, um die bestmögliche Unterstützung zu gewährleisten. Ab September 2025 planen wir zudem eine Kooperation mit der Anna-Lindt-GS und dem Sprachförderzentrum, bei der wir uns zweimal wöchentlich gegenseitig besuchen und Sprachförderung für die Elementarkinder im Rahmen des Projekts „Alles mit Sprache“ anbieten werden.” 

Auch Sevda Akyil sieht in dem geplanten Partizipationszuschlag große Herausforderungen, die sich negativ auf ihre Arbeit, dem Träger und ihre Mitarbeitenden auswirken könnten: “Seit Jahren fordern wir eine Erhöhung der Zuschläge für QM, MMS, ndH und BuT, doch stattdessen werden Gelder gekürzt, was unsere Arbeit im sozialen Brennpunkt erschwert. Alle Zuschläge wie QM, MMS und ndH entfallen. Die Alltagskosten lassen sich knapp decken, was die Personaleinstellung erschwert und zum Wegfall von Sonderzahlungen führt. Rücklagen werden wenig bis kaum gebildet, und die Aufnahme neuer Kinder ist rückläufig. Nur durch eine erhöhte Kinderzahl könnten wir die Kosten decken, was jedoch zu Frustration bei den Mitarbeitenden und einem schlechten Arbeitsklima führen würde. Die steigende Arbeitsbelastung hätte Überforderung, vermehrte Krankmeldungen und eine reduzierte Dokumentation zur Folge. Dadurch wird die Qualität unserer Arbeit beeinträchtigt, und die Anforderungen an Alltagsplanung sowie den Bildungsauftrag können nicht mehr vollständig erfüllt werden.” Obwohl Umpa Lumpa vergleichsweise viele Kinder mit Anspruch auf Leistungen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket betreut, rechnet Sevda Akyil dennoch mit spürbaren Einschränkungen bei den zur Verfügung stehenden Ressourcen - und damit bei der Qualität der Förderung: “Der Partizipationszuschlag würde nur für etwa ein Drittel der Kinder mit BuT gewährt werden, für alle anderen entfallen die Zuschläge vollständig. Für uns als Träger ist dies keine Option, sondern eine erhebliche finanzielle Belastung. Aufgrund der Kosteneinsparungen wird mit weniger Personal die bisherige Qualität der intensiven Förderung und Bildung, insbesondere in den Bereichen emotionale Betreuung und Unterstützung von Kindern mit Migrationshintergrund, nicht mehr vollständig gewährleistet sein. Dies betrifft Maßnahmen wie individuelle Betreuung, Ausflüge, Bildungsmaterialien sowie Sonderzahlungen für besondere Projekte oder Bedürfnisse, die eingeschränkt oder entfallen könnten.” Zwar hat Sevda Akyil bereits zahlreiche Ideen ausgearbeitet, wie sie diese Einschnitte kompensieren könnten: “Um dem entgegenzuwirken, könnten alternative Ansätze wie die Förderung ehrenamtlichen Engagements, Kooperationen mit lokalen Organisationen, gezielte Förderprogramme für Kinder mit Migrationshintergrund, der Einsatz von Freiwilligen oder Praktikanten sowie Spenden und Sponsoring in Betracht gezogen werden.”, doch wie sie gleichzeitig betont, sind diese Ideen “leider nicht leicht umzusetzen.” 

Nach Sevdas Einschätzung werden die Auswirkungen des Partizipationszuschlags weit über den eigenen Träger hinaus spürbar sein: “Der Zuschlag könnte die Partizipation von Kindern und Eltern aus nicht-deutscher Herkunft einschränken, was langfristig negative Folgen für Integration, Chancengleichheit und soziale Teilhabe haben kann. Es ist daher wichtig, Ausgleichsregelungen oder Unterstützungsangebote zu schaffen, um eine inklusive Teilhabe sicherzustellen. Zudem müssten Eltern zusätzliche Zahlungen leisten, um die Kosten zu decken. Eltern mit begrenzten finanziellen Mitteln könnten diese Belastung nicht tragen, was zu Unmut führen und das Vertrauen in die Kita beeinträchtigen könnte. Alternativen wie Spenden, Materialbereitstellung oder ehrenamtliche Unterstützung bei Ausflügen und Projekten könnten hier Abhilfe schaffen. Ohne diese Maßnahmen besteht die Gefahr, dass Eltern die Kita in Frage stellen oder wechseln.”

Doch Sevda Akyil macht sich nicht nur Sorgen um ihren eigenen Träger, sondern um alle betroffenen Träger. Für Umpa Lumpa könnte die 20%-Schwelle aller Voraussicht nach kein Problem darstellen - doch das wird nicht bei allen Trägern der Fall sein. “Die Festlegung der 20%-Quote als Anspruchsschwelle kann zu Stigmatisierung, Ungerechtigkeit, erhöhtem Verwaltungsaufwand und eingeschränkter Flexibilität führen. Sie birgt die Gefahr, dass Einrichtungen knapp darunter sich ausgegrenzt oder benachteiligt fühlen, was negative Auswirkungen auf das Personal, die Elternbindung und die Qualität der Betreuung haben kann.” gibt Sevda zu bedenken und fügt hinzu: “Mein Wunsch ist es, nicht nur mein Anliegen vorzubringen, sondern auch im Namen aller betroffenen Träger zu sprechen. Es wird jeden von uns mehr oder weniger berühren. Es könnten schwere Zeiten auf uns zu kommen.” Deshalb appelliert Sevda Akyil an die politischen Verantwortlichen: “Die Entscheidung sollte sorgfältig abgewogen werden, um die inklusive Förderung und die Unterstützung aller Kinder sicherzustellen. Bei der Einführung des neuen Partizipationszuschlags ist zu prüfen, wie spezifische Bedarfe weiterhin berücksichtigt werden können, um eine faire und wirksame Unterstützung zu gewährleisten.” und schlägt gleichzeitig konkrete, praxisnahe Alternativen vor: “Aus meiner Sicht könnten Alternativen zum geplanten Partizipationszuschlag darin bestehen, die erforderlichen Gelder für alle Kinder ausreichend zu finanzieren, um die Bildungsqualität sicherzustellen, oder allen Migrationskindern einen einmaligen, angemessenen Zuschlag zu gewähren, der die Leistungen von MMS, QM, ndH und BuT abdeckt. Zudem sollte das Mittagessen für alle Kinder vom Senat finanziert werden, um Verwaltungsaufwand zu reduzieren. Für Kinder ab drei Jahren könnte ein freiwilliger Basisgutschein eingeführt werden, um Antragswege zu vereinfachen und die Zusammenarbeit mit den Eltern zu erleichtern.”

Die Einführung des Partizipationszuschlags wird weitreichende Konsequenzen für Kita-Träger in Berlin haben. Für viele Träger und pädagogische Fachkräfte wird es bedeuten: Der Umfang der notwendigen Förderung wird gleich bleiben, wenn nicht sogar steigen. Gleichzeitig werden zusätzliche Aufgaben auf sie zukommen, wie etwa die Unterstützung von Familien bei der Beantragung von Leistungen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket. Doch während der Aufwand wächst, werden voraussichtlich weniger finanzielle Mittel für sie zur Verfügung stehen und damit auch weniger Personal. Für Kinder heißt das: Eine große Gruppe an Kindern mit Förderbedarfen wird künftig nicht mehr in vollem Umfang und in der notwendigen Qualität die Förderung erhalten, die sie benötigen, was langfristige Auswirkungen auf den gesamten Bildungsweg haben wird. Für Eltern wird dies zu einer größeren Belastung führen. Und spätere Bildungseinrichtungen werden die Defizite, die in Folge dessen in der frühen Kindheit entstanden sind, ausgleichen und auffangen müssen. 

Der VKMK ist daher der Ansicht, dass eine alleinige Orientierung an bestimmten Merkmalen, beziehungsweise Kriterien bei der Vergabe von Zuschlägen immer zu kurz greifen wird und nicht mehr zeitgemäß ist. Um gezielt denjenigen Kindern Zuschläge zu gewähren, die tatsächlich Förderbedarfe aufweisen, wäre es daher sinnvoll, von einer pauschalen Orientierung an sozialen Merkmalen abzurücken. Stattdessen empfiehlt der VKMK, die Zuschlagserteilung an nachgewiesene individuelle Förderbedarfe zu koppeln. Ein zusätzliches Diagnoseinstrument zur Feststellung solcher Bedarfe wäre nicht notwendig, da mit dem aktuell anlaufenden BeoKiz-Verfahren bereits eine Sprachstandserhebung im Alter von 2,5 Jahren vorgesehen ist. Auf dieser Grundlage können festgestellte Förderbedarfe direkt und automatisch zur Zuschlagserteilung führen. Dies würde nicht nur aufwändige administrative Verfahren vermeiden, sondern auch die Träger entlasten und die Förderung von Kindern zielgerichtet und gerecht machen.

Quellen: 

Berlins Bevölkerungszahl knapp unter 3,7 Millionen. (n.d.). https://www.statistik-berlin-brandenburg.de/094-2025

Neuhaus, A. (2024, August 9). Chancen verbessern: Auf die Frühe Bildung in der Kita kommt es an. DIE WELT. https://www.welt.de/debatte/kommentare/article252798122/Chancen-verbessern-Auf-die-Fruehe-Bildung-in-der-Kita-kommt-es-an.html

Wößmann, L., et al. (2023). Der ifo-„Ein Herz für Kinder“- Chancenmonitor: Wie (un-)gerecht sind die Bildungschancen von Kindern aus verschiedenen Familien in Deutschland verteilt? In Ifo Institut. Ifo Institut. https://www.ifo.de/DocDL/sd-2023-04-freundl-et-al-chancenmonitor.pdf

SenBJF-Protokoll zur Sitzung „Fachaustausch zur Neugestaltung der Personalzuschläge im KitaFöG“ vom 28.06.2024 (13:00 - 15:00 Uhr).

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Weniger Kinder, mehr Qualität? VKMK warnt vor Kürzungen, die Chancen verbauen

Am heutigen Tag findet im Abgeordnetenhaus im Rahmen der 53. Sitzung des Ausschusses für Bildung, Jugend und Familie unter Tagesordnungspunkt 2 eine Anhörung zum Thema “Weniger Kinder, mehr Qualität” statt. Unter anderem wurde Lars Békési, Geschäftsführer des Kitaverbands VKMK, als Experte eingeladen, in der Sitzung zu diesem Thema zu sprechen.

Am heutigen Tag findet im Abgeordnetenhaus im Rahmen der 53. Sitzung des Ausschusses für Bildung, Jugend und Familie unter Tagesordnungspunkt 2 eine Anhörung zum Thema “Weniger Kinder, mehr Qualität” statt. Unter anderem wurde Lars Békési, Geschäftsführer des Kitaverbands VKMK, als Experte eingeladen, in der Sitzung zu diesem Thema zu sprechen.

Der VKMK betont in diesem Kontext, dass weniger Kinder allein nicht automatisch zu mehr Qualität in der frühkindlichen Bildung führen - insbesondere dann nicht, wenn gleichzeitig indirekte Sparmaßnahmen vollzogen werden. Zwar wird die im Rahmen des Runden Tisch Kita geplante Verbesserung des Personalschlüssels im U3-Bereich punktuell Entlastung und Qualitätssteigerung bringen, doch gleichzeitig wird die zunehmende Mehrbelastung im Ü3-Bereich - unter anderem durch den massiven Anstieg an zusätzlichen Förderbedarfen - außer Acht gelassen. Stattdessen plant der Senat Kürzungen im Bereich der Sprachförderung. 

“Besonders alarmierend ist die geplante Umstellung der Personalzuschläge. Bislang gab es gezielte Förderungen für Kinder mit nichtdeutscher Herkunftssprache (ndH). Diese sollen nun beendet werden. Mit einem sogenannten Partizipationszuschlag sollen diese Gelder gebündelt werden und künftig nur noch nach den Kriterien des Bildungs- und Teilhabepaketes (BuT) vergeben werden. Das bedeutet faktisch, dass zwei Gruppen mit besonderem Förderbedarf gegeneinander ausgespielt werden. Kinder, die eine gezielte Sprachförderung benötigen, stehen damit in Konkurrenz zu Kindern aus wirtschaftlich benachteiligten Familien. Das kann nicht unser Anspruch sein. Sprachförderung ist essentiell für Chancengleichheit und muss als eigenständige Aufgabe erhalten bleiben.”, betont Lars Békési.

In einer Stadt wie Berlin, in der jede:r Vierte einen Migrationshintergrund hat, 180 verschiedene Herkunftsländer vertreten sind und 120 Muttersprachen gesprochen werden, wäre diese Kürzung ein herber Rückschlag für die Bildungs- und Chancengerechtigkeit.

Weniger Kinder bedeutet nicht automatisch mehr Qualität, wenn gleichzeitig wichtige Fördermaßnahmen für Kinder gekürzt werden sollen”, so Békési weiter. Eine Qualitätssteigerung kann nur erreicht werden, wenn alle relevanten Faktoren in einem ganzheitlichen Konzept berücksichtigt werden - von den Arbeitsbedingungen des pädagogischen Personals über die strukturellen und finanziellen Rahmenbedingungen der Kita-Träger bis hin zu den Voraussetzungen für eine exzellente frühkindliche Förderung. “Kürzungen durch die Hintertür dürfen nicht dazu führen, dass zentrale Bildungsaufgaben und pädagogische Qualität geschwächt werden.” mahnt Békési abschließend.

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VKMK fordert dringende Maßnahmen zur gezielten Sprachförderung neu zugewanderter Kinder

In ihrer Stellungnahme “Sprachliche Bildung für neu zugewanderte Kinder und Jugendliche gestalten - Maßnahmen zur Förderung der Zielsprache Deutsch” erörtert die Ständige Wissenschaftliche Kommission (SWK), wie eine Förderung der deutschen Sprache für neu zugewanderte Kinder und Jugendliche erfolgreich gestaltet werden kann und formuliert entsprechende Empfehlungen für die Etablierung geeigneter Rahmenbedingungen in den Schulen. Die in der Stellungnahme der SWK identifizierten Herausforderungen betreffen jedoch nicht nur den schulischen Bereich, sondern sind ebenso in der frühkindlichen Bildung relevant.

In ihrer Stellungnahme “Sprachliche Bildung für neu zugewanderte Kinder und Jugendliche gestalten - Maßnahmen zur Förderung der Zielsprache Deutsch” erörtert die Ständige Wissenschaftliche Kommission (SWK), wie eine Förderung der deutschen Sprache für neu zugewanderte Kinder und Jugendliche erfolgreich gestaltet werden kann und formuliert entsprechende Empfehlungen für die Etablierung geeigneter Rahmenbedingungen in den Schulen. Hintergrund dieser Stellungnahme stellt eine signifikante Differenz der schulischen Leistungen im Vergleich zu Mitschüler:innen ohne Migrationshintergrund dar, welche bereits in verschiedenen Studien belegt wurde. Im Zuge dessen hebt die SWK auch die hohe Heterogenität der Gruppe der neu zugewanderten Kinder und Jugendlichen hervor, weshalb Sprachfördermaßnahmen flexibel und an individuelle sowie schulische Kontextbedingungen angepasst werden müssen. 

Lars Békési, Geschäftsführer des VKMK:

„Die in der Stellungnahme der SWK identifizierten Herausforderungen betreffen nicht nur den schulischen Bereich, sondern sind ebenso in der frühkindlichen Bildung relevant. Gerade hier werden die entscheidenden Grundlagen für den späteren Bildungserfolg gelegt. Frühkindliche Bildung ermöglicht gezielte Sprachförderung bereits vor der Einschulung und bereitet Kinder optimal auf den Schulstart vor. Die SWK unterstreicht diese Bedeutung in ihrer Situationsanalyse:

‚Für neu zugewanderte Kinder mit geringen Deutschkenntnissen im Elementarbereich ist der Besuch einer Kita essenziell – insbesondere einer Kita, die eine hohe sprachliche Anregungsqualität bietet, Mehrsprachigkeit als Ressource betrachtet, gezielte Sprachförderansätze umsetzt und die Familien unterstützt.‘

Wie aus der Stellungnahme der SWK hervorgeht, ist die Etablierung wirksamer Sprachfördermaßnahmen äußerst komplex – sowohl in der Schule als auch in der Kita und erfordert geeignete Rahmenbedingungen. Die aktuellen Sparmaßnahmen sowie bereits in ersten Bundesländern umgesetzte Kürzungen in der Bildung gefährden jedoch zunehmend genau diese Rahmenbedingungen, die eine wirksame Sprachförderung ermöglichen. Sollte es Kitas künftig nicht mehr möglich sein, eine adäquate Sprachförderung sicherzustellen, wird die Verantwortung umso stärker auf die Schulen übergehen – mit weitreichenden Konsequenzen für die Bildungsbiografien der betroffenen Kinder. 

Damit die Kitas auch künftig diese Anforderung an die frühkindliche Bildung erfüllen können, müssen sich die Koalitionspartner nach der Bundestagswahl nicht nur mit der Umsetzung des Kitaqualitätsentwicklungsgesetzes befassen - welches unter anderem die Förderung der sprachlichen Bildung sowie bundesweit einheitliche Qualitätsstandards vorsieht -, sondern sich vor allem verbindlich auf die Einführung eines bundesweiten Start-Chancen-Programms für Kitas einigen, das gezielt Einrichtungen mit einem hohen Anteil sozial benachteiligter Kinder sowie Kinder mit nicht ausreichenden Sprachkenntnissen unterstützt. Dieses Programm muss die Erkenntnisse aus dem erfolgreichen Modell „Sprach-Kitas“ aufgreifen und durch hervorragend ausgebildete Fachkräfte sowie qualitativ hochwertige Rahmenbedingungen ergänzt werden. Nur so kann eine gezielte und nachhaltige Sprachförderung in Zusammenarbeit mit den Ländern erfolgreich umgesetzt werden.

Wir schließen uns daher den Empfehlungen der SWK an und fordern, auch in der frühkindlichen Bildung Maßnahmen zu ergreifen, um die Sprachförderung weiter auszubauen und langfristig zu sichern. Unterschiedliche Programme und Maßnahmen der Länder, wie beispielsweise das Kita-Chancenjahr im Land Berlin, können dieser Herausforderung langfristig nicht gerecht werden. Vielmehr bedarf es eines abgestimmten Handelns von Bund und Ländern.“

Quelle: Sprachliche Bildung für neu zugewanderte Kinder und Jugendliche gestalten – Maßnahmen zur Förderung der Zielsprache Deutsch. (2025). In Stellungnahme der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz. https://www.swk-bildung.org/content/uploads/2024/12/SWK-2025-Stellungnahme-SprachlicheBildung.pdf.

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Sprache als Schlüssel zur Welt: Einblicke in die frühkindliche Sprachförderung

In der Welt der frühkindlichen Bildung ist Sprache weit mehr als nur ein Kommunikationsmittel – sie ist ein Schlüssel zur Entwicklung, Inklusion und der sozialen Integration. Nathalie Henschel, Fachberaterin für Diversität und Nachhaltigkeit beim Kita-Träger Kleiner Fratz nimmt uns in einem Gespräch mit auf eine Reise durch ihre vielseitige Berufserfahrung.

In der Welt der frühkindlichen Bildung ist Sprache weit mehr als nur ein Kommunikationsmittel – sie ist ein Schlüssel zur Entwicklung, Inklusion und der sozialen Integration. Nathalie Henschel, Fachberaterin für Diversität und Nachhaltigkeit beim Kita-Träger Kleiner Fratz nimmt uns in einem Gespräch mit auf eine Reise durch ihre vielseitige Berufserfahrung. In ihrem Werdegang spiegeln sich die Herausforderungen und Chancen wider, die mit der sprachlichen Förderung von Kindern verbunden sind. Von den vielseitigen Formen der Sprache über die Bedeutung der Sprache für die emotionale und soziale Entwicklung bis hin zu den unentdeckten Sprachförderbedarfen – Henschel bietet fundierte Einblicke in die komplexe Welt der frühkindlichen Sprachförderung.

„Ich bin seit zehn Jahren bei dem Träger und habe als Erzieherin angefangen“, beginnt Nathalie Henschel. Doch zu Beginn ihrer Berufslaufbahn war ihr noch nicht bewusst, welchen Weg ihre Entwicklung einnehmen würde. Vielmehr wuchs ihre Leidenschaft für die Arbeit mit Kindern und das Thema Inklusion im Laufe der Zeit. „Das kam erst nach und nach. Es ist wirklich schwierig, nach der zehnten Klasse zu wissen, was man später machen möchte. Ich meine, in der Regel ist man da 15, 16 Jahre alt und hat ganz andere Gedanken im Kopf.“, reflektiert sie, “Ich habe zuerst die Ausbildung zur Sozialassistentin gemacht, weil man da ja relativ viele Möglichkeiten hat, weiterzugehen.” Besonders prägend waren für Henschel die vielen praktischen Einblicke während dieser Zeit. „Ich habe damals gemerkt, dass ich ein Händchen für Kinder habe, das hat gut funktioniert. Und so habe ich mich entschieden, den Weg in die Erzieherausbildung einzuschlagen. Dann wurde ich im Verlaufe meiner Karriere beim Kleinen Fratz Kita-Leitung und habe auch die Zusatzqualifikation als Fachkraft für Integration gemacht, die heute als Fachkraft für Inklusion und Teilhabe bezeichnet wird. Daraufhin habe ich eine Weiterbildung gemacht, der Titel ist sehr lang, als Fachkraft zur Begleitung diskriminierungskritischer Prozesse im Handlungsfeld Kindertagesstätte.“ Auf die Frage, wie sich ihre Rolle im Laufe der Jahre entwickelt hat, erklärt Henschel: „Ich bin letztlich zur Geschäftsführung gegangen und habe gesagt, dass ich diesen Bereich unglaublich wichtig finde und ihn gerne übernehmen möchte. Dabei stieß ich auf offene Türen.“ 

Mehr als Worte: Die Bedeutung von Sprache in all ihren Formen für die frühkindliche Entwicklung

In Nathalies täglicher Arbeit spielt Sprache eine essenzielle Rolle. Sprache, so Henschel, sei der Schlüssel zu einem gelungenen Miteinander. „Sprache bringt Menschen zusammen“, sagt sie. Besonders in der sozial-emotionalen Entwicklung spielt Sprache eine tragende Rolle. „Es geht darum, die Kinder bei ihren Gefühlen zu begleiten“, erklärt Henschel. „Sie müssen lernen, ihre Gefühle zu benennen und zu wissen, dass es in Ordnung ist, diese Gefühle zu haben.“ Dabei ist es weniger wichtig, ob dies verbal oder nonverbal geschieht – entscheidend ist, dass Kinder Ausdrucksmöglichkeiten haben. „Alles, was vermittelt wird, muss irgendwie über Sprache vermittelt werden“, so Henschel. Gerade die Fähigkeit, Grenzen zu kommunizieren und die Grenzen anderer durch Kommunikation zu erkennen, ist essentiell für ein harmonisches Miteinander. „Sprache hilft dabei, Konflikte zu reduzieren, weil Kinder durch Sprache lernen, was Grenzen sind und wie sie mit den Gefühlen anderer umgehen können. Und ab einem gewissen Alter, meistens ab drei Jahren, hängt fast alles von der Sprache ab“, erklärt Henschel. „Viele kognitive Fähigkeiten können erst richtig erfasst werden, wenn die sprachlichen Fähigkeiten vorhanden sind.“ Dies wird in der pädagogischen Praxis durch verschiedene Beobachtungsinstrumente, wie zum Beispiel die Kuno Beller-Tabelle, erhoben. Doch Henschel warnt davor, die Sprache nur auf die verbale Kommunikation zu reduzieren. „Menschen, die nicht verbal kommunizieren können, haben ja auch eine Art von Sprache. Das hat ja dann nichts mit den kognitiven Fähigkeiten dieser Menschen zu tun. Ich finde, das muss man auseinanderhalten und ich glaube, da muss auch ein Umdenken stattfinden“, betont sie. Ein Umdenken ist notwendig, um jegliche Form der Kommunikation – sei es durch Gestik, Mimik oder Gebärden – als Sprache anzuerkennen. Gerade in der frühkindlichen Bildung sollte es selbstverständlich sein, dass Pädagog:innen auch in der Nutzung von Gebärden oder gebärdenunterstützender Kommunikation geschult werden. „Man kann so viele Dinge auch nonverbal vermitteln, und das sollte stärker in den Fokus rücken“, fordert Nathalie. „Wir hatten eine Familie mit einem gehörlosen Kind in meiner damaligen Kita“, erinnert sich Henschel. „Gebärdensprache konnten wir damals nicht, aber wir haben mit GUK gearbeitet, also mit gebärdenunterstützender Kommunikation.“ Diese Methode verwendet nur zentrale Schlüsselwörter, um die Kommunikation zu erleichtern, was sich als äußerst hilfreich für alle Kinder erwies. „Das ist besonders gut auch für Kinder, die Deutsch als Zweitsprache haben, weil man so eine gemeinsame Kommunikationsebene schafft“, betont Henschel. Durch einfache Zeichen wird dabei für alle eine klare und verständliche Struktur geschaffen. „Nach dem Mittagessen hatten wir immer eine Bücherrunde. Das war ein festes Ritual, und wir haben dafür die Gebärden für 'Buch' und 'Runde' verwendet. So wussten die Kinder sofort, was als Nächstes passiert“, berichtet Henschel. Auf die Frage, ob sie sich eine breitere Integration der Gebärdensprache in Kitas vorstellen könne, antwortet Henschel begeistert: „Strukturell wäre es großartig, wenn alle Kinder von klein auf Gebärdensprache lernen könnten.“ Sie betont, wie viel Druck dadurch von manchen Menschen genommen werden könnte, die im Alltag oft mit Barrieren konfrontiert sind. „Behördengänge zum Beispiel sind für viele Menschen ohne Gebärdensprache unglaublich herausfordernd. Wenn mehr Menschen Gebärdensprache beherrschen würden, wäre das ein Riesenschritt in Richtung Inklusion.“ Doch nonverbale Kommunikation geht über Gebärdensprache hinaus. Gerade bei sehr kleinen Kindern, die noch keinen vollständigen Wortschatz besitzen, ist es oft die einzige Möglichkeit, sich verständlich zu machen. „Nehmen wir die Krippenkinder, die mit einem Jahr zu uns kommen“, beginnt Henschel. „Die haben noch keinen voll ausgebildeten Wortschatz, aber im Laufe der Eingewöhnung und durch die Bindungsarbeit lernt man das Kind kennen. Es ist letztlich wie in einer Partnerschaft. Irgendwann sieht man seinem Partner oder seiner Partnerin an, was er oder sie gerade fühlt oder möchte. Und nichts anderes ist es. Es ist ganz viel Beziehungsarbeit, die stattfinden muss. Man muss die Kinder beobachten und was sonst auch immer funktioniert, sind kleine Bildkärtchen, wo sie dann draufzeigen können, was sie möchten.“ Diese intensive Beziehungsarbeit, die darauf basiert, die Bedürfnisse und Gefühle eines Kindes durch Beobachtung zu erkennen, ist zentral in der Arbeit mit kleinen Kindern. Es ist ein Mittel, um emotionale Sicherheit und Teilhabe zu gewährleisten. „So können Kinder, die noch nicht sprechen können, trotzdem klar machen, was sie brauchen“, erklärt Henschel.

Undiagnostizierte Sprachförderbedarfe: Die versteckten Herausforderungen für die frühkindliche Bildung

Nathalie Henschel betont in ihrem Gespräch nicht nur die zentrale Rolle der Sprache für das soziale Miteinander und die kindliche Entwicklung, sondern verweist auch auf die wachsende Zahl von Kindern mit Sprachförderbedarf und die damit verbundenen Herausforderungen, denen sich Kitas zunehmend gegenübersehen. Besonders unerkannte Sprachdefizite sowie veränderte Lebensgewohnheiten und Mediennutzung verschärfen die Situation erheblich. “Allgemein ist Sprachförderung ein großes Thema.“ Henschel äußert sich dabei besorgt darüber, dass viele Kinder mit einem nicht diagnostizierten Sprachförderbedarf in die Kitas kommen. „Es gibt verschiedene Methoden und Beobachtungsinstrumente, um den Sprachstand zu evaluieren, aber ich denke, es gibt viele Kinder, bei denen der Sprachförderbedarf nicht erkannt wird.“ Diese Kinder sind dann auf die Unterstützung der Erzieher:innen angewiesen, die versuchen, die sprachlichen Defizite im Kita-Alltag aufzufangen. Unter anderem führt Nathalie diesen Anstieg an Sprachförderbedarfen auf veränderte Lebensgewohnheiten und Mediennutzung zurück: „Früher waren wir viel draußen, haben uns mit anderen Kindern und Erwachsenen unterhalten. Heutzutage werden viele Kinder schon im ersten Lebensjahr vor den Fernseher oder YouTube gesetzt, wo sie teilweise Inhalte in verschiedenen Sprachen sehen, mitunter Videos auf Russisch, Japanisch, Spanisch, Englisch. Das kann so ein kleines Gehirn alles gar nicht verarbeiten“ Gleichzeitig beobachtet Henschel, dass manche Familien ihre Kinder vermehrt vor Medien „parken“, anstatt aktiv mit ihnen zu kommunizieren. „Man sieht Kinder, die im Kinderwagen sitzen und auf dem Weg zur Kita ein Handy in der Hand haben, anstatt mit den Eltern über die Umgebung zu sprechen – über die Bäume, die Straße oder die Käfer.“ Henschel hebt hervor, dass Kinder Bewegung brauchen, um zu lernen. Doch durch die zunehmende Bildschirmnutzung wird dieser natürliche Lernprozess oft eingeschränkt. „Wenn Kinder den Großteil ihrer Zeit zu Hause vor Bildschirmen verbringen, ohne ausreichend Bewegung und direkte Kommunikation, ist es schwierig für sie, ihre sprachlichen Fähigkeiten zu entwickeln“, betont sie. Henschel berichtet, dass viele dieser Kinder undeutlich sprechen. In vielen Fällen geht das auch auf unerkannte Hörprobleme zurück. „Es gibt relativ viele Kinder, bei denen sich Wasser im Ohr sammelt, das nicht richtig ablaufen kann. Da braucht es Röhrchen, die eingesetzt werden. Das ist ein kleiner Eingriff, meistens noch mit Polypenentfernung dazu. Das ist ein sehr langer Prozess, weil die meisten Kinderärzte das nicht so sehen. Wir schicken die Eltern dann zum HNO-Arzt, dort wird ein Hörtest gemacht. Aber das zieht sich so lange, dass die Kinder mit unter drei, vier Jahren alt sind und dann drei, vier Jahre alt gehört haben, als wenn sie unter Wasser wären.“ Die Folge dieser Hörprobleme ist nicht nur eine undeutliche Aussprache, sondern auch ein eingeschränkter Wortschatz. „Solche Kinder brauchen dringend logopädische Unterstützung“, erklärt Henschel. „Das kann keine Kita leisten. Wir sind nicht dafür ausgebildet, Kindern beizubringen, wie sie deutlich sprechen sollen.“ 

Brücken bauen: Wie Kitas erfolgreich mit Sprachunterschieden umgehen

Neben den Herausforderungen durch unerkannte Sprachförderbedarfe und veränderte Lebensgewohnheiten sieht Nathalie Henschel eine weitere zentrale Frage: Wie kann in einer multikulturellen und mehrsprachigen Umgebung eine erfolgreiche, gemeinsame Kommunikation gelingen? „Man muss erst mal schauen, dass man einen gemeinsamen Kommunikationsweg findet“, erklärt sie. Glücklicherweise sind viele Kitas beim Kleinen Fratz gut ausgestattet, etwa mit Bildkärtchen, die für eine grundlegende Verständigung genutzt werden. Auch digitale Hilfsmittel wie Übersetzungs-Apps kommen zum Einsatz. „Viele Einrichtungen haben Google, aber die Herausforderung besteht darin, herauszufinden, ob die Kinder ihre Muttersprache altersgerecht beherrschen.“ Denn die Sprachkompetenz in der Muttersprache spielt eine Schlüsselrolle für den Spracherwerb der deutschen Sprache. Henschel betont: „Wenn die Kinder die Muttersprache noch nicht altersgerecht sprechen, ist es schwierig, dass sie sich auf Deutsch fokussieren.“ In den Einrichtungen vom Kleinen Fratz sind die Teams sehr divers und können viele Sprachen abdecken. „Englisch funktioniert in den meisten Einrichtungen gut, Türkisch und Arabisch sind auch gut abgedeckt, und mittlerweile auch Ukrainisch“, berichtet Henschel. Doch es gibt Sprachen, die nicht repräsentiert sind. In solchen Fällen wird auf die Zusammenarbeit mit den Eltern zurückgegriffen, um den Sprachstand in der Muttersprache zu ermitteln. In den Kitas, die besonders erfolgreich bei der Sprachförderung sind, hat sich gezeigt, dass eine solche ganzheitliche Vorgehensweise besonders wirksam ist. Nathalie Henschel beschreibt dies folgendermaßen: „In den Einrichtungen, in denen sich das gesamte Team intensiv mit dem Thema Sprachförderung auseinandergesetzt hat, und wo die Eltern aktiv eingebunden wurden, konnte oft ein großer Erfolg erzielt werden. Wenn die Kinder ihre Muttersprache in der Einrichtung gefunden haben – sei es durch Musik oder durch Schriftarten wie Arabisch – und wenn Eltern Bücher auf Deutsch und in einer anderen Sprache vorlesen, hat sich das positiv ausgewirkt. Solche umfassenden Ansätze führen dazu, dass die Kinder die deutsche Sprache schneller aufnehmen.“ In Bezug auf die Zusammenarbeit mit den Eltern im Rahmen der Sprachförderung betont Henschel besonders einen zentralen Appell: „Das Wichtigste, was wir den Eltern mitgeben, ist, dass sie konsequent in ihrer Muttersprache bleiben.“Oft hätten Eltern das berechtigte Interesse, dass ihre Kinder möglichst schnell Deutsch lernen, vor allem mit Blick auf die Schule. „Das ist natürlich völlig verständlich, aber es ist wichtig zu betonen, dass die Eltern keine Muttersprachler sind. Sie machen unbewusst kleine Fehler, wenn sie versuchen, Deutsch zu sprechen“, so Henschel. „Das ist absolut in Ordnung, wenn sie mit uns sprechen und sie wollen es ja auch lernen. Sie können mit ihren Kindern die deutschen Wörter immer wieder üben, aber letztendlich bleibt ihre Muttersprache das Fundament.“ Sie unterstreicht: „Es ist entscheidend, dass die Kinder ihre Muttersprache richtig erlernen, und wir sind dann für das Deutsch verantwortlich.“

Sprachliche Förderung im Kita-Chancenjahr: Möglichkeiten und Grenzen

Nachdem Nathalie Henschel die Bedeutung einer ganzheitlichen Sprachförderung in mehrsprachigen Kitas hervorgehoben hat, richtet sie den Fokus auf ein weiteres zentrales Thema: die Chancengleichheit. Besonders deutlich wird dieser Aspekt bei Kindern, die Deutsch als Zweitsprache sprechen oder erst spät in die Kita kommen. Henschel reflektiert dabei, wie herausfordernd es ist, allen Kindern die gleichen sprachlichen Startbedingungen zu ermöglichen. „Viele Kinder, die Deutsch als Zweitsprache sprechen oder erst spät in die Kita kommen, haben es schwer, bis zum Schuleintritt denselben sprachlichen Stand wie ihre deutschsprachigen Altersgenossen zu erreichen“, gibt sie zu bedenken. Es sei zwar wünschenswert, dass alle Kinder die gleichen Voraussetzungen hätten, aber dies sei momentan „relativ utopisch“. Das Kita-Chancenjahr, das den Kindern das letzte Jahr vor Schuleintritt in den Kitas ermöglichen soll, wird als eine wichtige Maßnahme zur Verbesserung der Sprachförderung und Chancen- und Bildungsgleichheit gesehen. Doch Henschel weist auf zahlreiche Schwierigkeiten hin, die in der Umsetzung dieses Konzepts bestehen. „Es ist ein guter Schritt, dass die Kinder das letzte Jahr vor der Schule in die Kitas kommen sollen“, beginnt Henschel ihre Überlegungen. „Das ist nicht nur für die Sprachentwicklung wichtig, sondern auch für das soziale Umfeld. Kinder lernen, wie man miteinander umgeht und gewöhnen sich so langsam an die Struktur einer größeren Gruppe, was den Übergang in die Schule erleichtert.“ Doch trotz der positiven Grundidee sieht Henschel auch erhebliche Probleme: „Ich finde es schwierig, dass die Pädagogen und Pädagoginnen innerhalb von einem Jahr den Kindern die deutsche Sprache vermitteln sollen. Das ist eine riesige Aufgabe, die einfach nicht in der aktuellen Struktur leistbar ist. Also es wird den Pädagogen und Pädagoginnen in den Kindertageseinrichtungen immer mehr auferlegt, was aber gar nicht machbar ist.“ Die Erwartungen an die Erzieher:innen sind enorm hoch, ohne dass gleichzeitig ausreichend Unterstützung oder Personal bereitgestellt wird. „Dafür bräuchte es logopädische Fachkräfte, weil es sind ja nicht nur die Kinder, die das letzte Jahr vor der Schule kommen. Es sind ja auch die Kinder, die schon in den Einrichtungen sind.“, sagt Henschel. Zwar gibt es speziell weitergebildete Spracherzieher:innen, doch auch diese können die Arbeit nicht alleine tragen. „Es ist uns allen klar, dass Sprachförderung eine Teamaufgabe ist, aber es sind einfach zu viele Themen, die gleichzeitig bewältigt werden müssen. Das klappt so nicht“, fügt sie hinzu. Henschel plädiert daher für die Einbindung von multiprofessionellen Teams in den Kitas, um den steigenden Anforderungen gerecht zu werden. „Es bräuchte eigentlich in jeder Einrichtung eine logopädische Fachkraft“, betont sie. „Diese könnte das Team anleiten und genau sagen, was in der Sprachförderung zu tun ist. Uns fehlt da einfach auch das nötige Fachwissen.“ Die Aufgabe, den Sprachstand innerhalb eines Jahres anzuheben, sei ohne externe Expertise und Unterstützung kaum realisierbar. Multiprofessionelle Teams, die Logopäd:innen, Pädagog:innen und weitere Fachkräfte umfassen, wären ein wichtiger Schritt, um den Kindern die bestmögliche Unterstützung zu bieten.

Bewegung, Musik und Empathie: Wie alltagsintegrierte Sprachförderung aussehen kann

Um die vielschichtigen Herausforderungen und Aspekte der Sprachförderung im Kita-Alltag zu bewältigen, kommen beim Kleinen Fratz ganz unterschiedliche Methoden zum Einsatz. Ein überraschend wirksames Mittel zur Integration von Kindern mit besonderem Sprachförderbedarf ist die Unterstützung durch andere Kinder. „Die Kinder werden tatsächlich am meisten von anderen Kindern unterstützt“, berichtet Henschel. Beim Kleinen Fratz ist es zum Beispiel üblich, dass ein weiteres Kind bei der Eingewöhnung hilft. „Normalerweise macht die Eingewöhnung ja ein Erzieher oder eine Erzieherin. Und wir hatten immer noch ein Kind dabei, was uns unterstützt hat bei der Eingewöhnung. Weil letztendlich wird das Kind ja in die Kita eingewöhnt. Natürlich braucht es Bindungsarbeit ohne Frage. Aber es ist viel einfacher, wenn man das Kind schon mit einem anderen Kind connectet. Und die Kinder kennen sich bestens aus in den Einrichtungen. Die wissen, wie der Ablauf ist. Und dann nehmen sie das Kind an die Hand und dann geht's los.“, erklärt sie. „Für Kinder spielt die Sprache gar nicht so eine große Rolle. Kinder spielen einfach miteinander.“ Im weiteren Kita-Alltag wird die Sprachförderung durch verschiedene Strategien unterstützt. Dabei setzten die PädagogInnen auf eine Kombination aus Gesten, Bildkarten und Handlungen. „Es gibt keine festgelegte Strategie für die alltagsintegrierte Sprachförderung“, sagt Henschel. „Wenn wir sagen, es geht jetzt zum Zähneputzen, dann zeigen wir dem Kind die Zahnbürste und Zahnpasta.“ Auch haptische Hilfsmittel wie ein Bär, der jeden Morgen von den Kindern wettergerecht angezogen wird, helfen den Kindern, den Alltag zu verstehen und sich sprachlich zu orientieren. Diese alltagsnahen Methoden werden durch den gezielten Einsatz von Materialien ergänzt. Neben traditionellen Hilfsmitteln wie Büchern und Lernspielen betont Henschel besonders die Bedeutung von Musik. „Musik ist definitiv ein wichtiges Element. Alles an Bewegungsliedern, wie zum Beispiel ‚Grün, Grün, Grün sind alle meine Farben‘ oder ‚Kopf, Schulter, Knie und Fuß‘, ist entscheidend. Lieder, die Bewegung und Sprache verknüpfen, sind eines der wichtigsten Dinge, um Sprache zu vermitteln.“ Der Zusammenhang zwischen Bewegung und Sprache ist ein zentrales Thema in der Sprachförderung und beginnt bereits bei der Grundlage für eine erfolgreiche Sprachförderung: der Konzentrationsfähigkeit. Henschel erklärt: „Bewegung ist allgemein wichtig. Ein Kind, das sich nicht körperlich betätigt hat, wird Schwierigkeiten haben, sich zu konzentrieren. Wenn ein Kind unruhig ist oder einen hohen Bewegungsdrang hat, ist es wenig sinnvoll, es zum Sitzen und Buchlesen zu bringen.“ Neben der allgemeinen Bewegung betont Henschel, dass der Körper des Kindes bereits grundlegende Formen lernen muss, bevor diese durch die Feinmotorik nachgebildet werden können. „Wenn ein Kind sich nicht rollen kann auf dem Boden, dann fällt es dem Kind schwer, ein ‘O’ zu schreiben. Es lernt immer zuerst der Körper, also die Grobmotorik, und dann kommt die Feinmotorik. Und wenn Kinder anfangen, sich hinzustellen, bildet ihr Körper ein Dreieck. Genau das gleiche Dreieck lernen sie dann auch mit der Hand. Die körperlichen Lernprozesse sind also die Basis für die sprachlichen und motorischen Fertigkeiten.“ Obwohl es viele Beispiele gibt, wie Bewegung und Sprache miteinander verknüpft sind, hebt Henschel hervor: „Es gibt Kinder, die sich mit einem Rollstuhl fortbewegen und trotzdem schreiben können, wenn ihre Hände es erlauben. Es ist nur einfacher, wenn der Körper bestimmte Bewegungsabläufe schon vorher gelernt hat.“ Diese Ansätze zur Sprachförderung erfordern eine besondere Haltung von den pädagogischen Fachkräften. Henschel unterstreicht die zentrale Rolle von Geduld und Empathie im Umgang mit den Kindern. "Geduld und Empahtie ist das A und O", sagt sie, denn der stressige Kita-Alltag könne oft fordernd sein. „Also wenn wir laut werden, dann sprechen sie irgendwann genauso mit uns. Wenn wir anfangen, nur noch Zwei-Wort-Sätze zu benutzen, weil uns der Alltag zu stressig ist, dann machen die Kinder das irgendwann genauso." Neben Geduld und Empathie sind Selbstregulation und Reflexionsfähigkeit essenziell. „Man muss sich jeden Tag neu bewusst machen, wie man mit anderen umgeht“, erklärt Henschel. Offenheit und Transparenz in der Kommunikation mit den Kindern sind ebenfalls entscheidend: „Das wollen wir ja auch von den Kindern. Wir wollen ja auch, dass sie uns ihre Gefühle mitteilen. Und das können sie nur, wenn wir das auch machen." Diese Ehrlichkeit schafft Vertrauen, eine sichere Bindung und fördert die Sprachentwicklung, da die Kinder sich sicher fühlen und ermutigt werden, ihre eigenen Gefühle auszudrücken.

Kleine Gruppen, große Fortschritte: Die gezielte Sprachförderung in der frühkindlichen Bildung 

Die gezielte Sprachförderung unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von der alltagsintegrierten Sprachförderung. Während im Alltag alle Kinder automatisch sprachlich gefördert werden, geht es bei der gezielten Sprachförderung explizit um jene Kinder, bei denen ein erhöhter Förderbedarf festgestellt wurde. Nathalie Henschel erklärt: „Bei der gezielten Sprachförderung wissen wir genau, dass ein Bedarf da ist, und dafür gibt es spezielle Sprachförderkräfte in einigen Einrichtungen." Im Vergleich zur alltagsintegrierten Sprachförderung zeigen sich die Erfolge der gezielten Sprachförderung deutlicher und schneller. „In einer Einrichtung mit 35 Kindern, was ja eher klein ist, geht vieles im Alltag unter", so Henschel. Besonders Kinder, die ruhig oder schüchtern sind, kommen oft nicht so häufig zu Wort, obwohl sie viel aufnehmen. Die Sprachförderkräfte arbeiten oft in kleinen Gruppen, um den Kindern gezielt Raum und Aufmerksamkeit zu geben. „Es gibt Kinder, die sehr wortstark sind und ständig das Wort ergreifen, während andere ruhiger sind und in größeren Gruppen kaum zu Wort kommen. In Kleingruppen haben auch die stilleren Kinder die Möglichkeit, sich mitzuteilen und neue Wörter zu lernen.“ Die gezielte Sprachförderung ist besonders vorteilhaft für schüchterne oder introvertierte Kinder, aber auch für jene, die schnell abgelenkt sind. Henschel erklärt: „Es gibt Kinder, die einen Sprachförderbedarf haben, aber durch ihre Freundeskreise schnell abgelenkt werden. In solchen Fällen versuchen wir, die Freundesgruppe in das Sprachförderangebot einzubinden, um die Kinder gezielt zu fördern, während sie sich in ihrer sozialen Umgebung wohlfühlen." Besonders wichtig bei der gezielten Sprachförderung ist die Beziehung zwischen Kind und Fachkraft. „Wenn es um Eins-zu-eins-Situationen geht, wie etwa bei den Sprachlehrtagebüchern oder Interviews, sollte die Fachkraft eine gute Bindung zum Kind haben“, betont Henschel. Das Vertrauen spielt eine wesentliche Rolle, damit sich das Kind wohlfühlt und in der Sprachförderung erfolgreich ist. Wenn es allerdings um Gruppensituationen geht, ist die Bindung weniger entscheidend, solange das Kind sich in der Gruppe sicher fühlt. Beim Kleinen Fratz wird für die gezielte Sprachförderung gerne auf das Medium „Polilyno“ zurückgegriffen, wie Nathalie hervorhebt. „Polilyno liest den Kindern in ihrer Muttersprache vor, und die pädagogische Fachkraft liest dann den Text auf Deutsch. So können die Kinder neue Wörter kennenlernen, ohne die Vertrautheit ihrer Muttersprache zu verlieren.“ Dieses Vorgehen hat in der Praxis bereits große Erfolge gezeigt: „Wir hatten Kinder mit Polnisch als Muttersprache, und schon nach zwei, drei Wochen kannten sie neue Wörter, selbst wenn es nur Katze, Hund und Maus waren. Man hat Erfolge gesehen. Und die Kinder freuen sich, weil es ihre Muttersprache ist, weil sie ihre Muttersprache in den Einrichtungen hören.“ 

Das Gespräch mit Nathalie Henschel verdeutlicht eindrucksvoll, wie zentral Sprache in der frühkindlichen Bildung ist – weit über das bloße Sprechen hinaus. Sprachförderung in der frühkindlichen Bildung ist ein komplexes, aber unverzichtbares Feld, das eine kontinuierliche Reflexion und Anpassung an die individuellen Bedürfnisse der Kinder und ihrer Familien und an die sich verändernden Zeiten erfordert.

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Eltern, Kitas und die Bedeutung der Kooperation in der frühkindlichen Bildung.

Die Wurzeln, die innerhalb der Familie geschaffen werden, bilden das Fundament für die Werte, Sozialisation und den emotionalen Halt, der für die Entwicklung von essenzieller Bedeutung ist. Doch blickt man über diesen Tellerrand hinaus, bemerkt man, dass der Rahmen, in dem sich unsere Kleinsten bewegen, gefüllt ist mit deutlich mehr Bezugspersonen, als nur jenen des familiären Kontextes. Bereits in den ersten Lebensjahren tritt die Kita - und mit ihr ihre pädagogischen Fachkräfte -  als eine entscheidende ergänzende Einrichtung hinzu.

Zwischen den feierlichen Tagen, wenn alle zusammenkommen, rückt die Bedeutung von Familie oftmals wieder stark in den Fokus. Es ist eine Zeit, in der wir uns bewusst werden, wie entscheidend das familiäre Umfeld für die Entwicklung von Kindern ist. Die Wurzeln, die innerhalb der Familie geschaffen werden, bilden das Fundament für die Werte, Sozialisation und den emotionalen Halt, der für die Entwicklung von essenzieller Bedeutung ist. Doch blickt man über diesen Tellerrand hinaus, bemerkt man, dass der Rahmen, in dem sich unsere Kleinsten bewegen, gefüllt ist mit deutlich mehr Bezugspersonen, als nur jenen des familiären Kontextes.

Während die Familie das erste und primäre Umfeld eines Kindes darstellt, tritt bereits in den ersten Lebensjahren die Kita - und mit ihr ihre pädagogischen Fachkräfte -  als eine entscheidende ergänzende Einrichtung hinzu. Das Kitapersonal verkörpert weit mehr als nur pädagogische Fachkräfte. Sie sind Anleiter, Unterstützer und Förderer, die sich mit Hingabe und gezielter Fürsorge der Entwicklung jedes einzelnen Kindes widmen. Ihre Rolle geht weit über das Unterrichten hinaus; sie schaffen eine unterstützende Umgebung, in der Kinder nicht nur lernen, sondern auch entdecken und wachsen können. Indem sie die Bedürfnisse jedes Kindes wahrnehmen und individuell darauf eingehen, prägen sie mit ihrer Arbeit nicht nur das Fundament der akademischen Kompetenzen eines Kindes, sondern auch die persönlichen und emotionalen Entfaltungsmöglichkeiten. Umso wichtiger ist es, dass Familien und Kitas hier im gegenseitig Verständnis der Kooperation miteinander agieren und kommunizieren und die essentielle Wichtigkeit des Austauschs wahrnehmen.

Der offene Austausch bietet nicht nur Nutzen für Eltern und pädagogische Fachkräfte, wie beispielsweise, eine erhöhte Vertrauensbasis, sondern weist auch diverse Vorteile für die Entwicklung des Kindes auf:

  1. Ganzheitliche Unterstützung des Kindes: Eine offene Kommunikation ermöglicht es dem Kitapersonal, die Bedürfnisse, Interessen und Entwicklungsfortschritte des Kindes besser zu verstehen. Dadurch können sie gezieltere Unterstützung und Förderung bieten, die sich an den individuellen Bedürfnissen des Kindes orientiert.

  2. Kontinuierlicher Informationsaustausch: Durch regelmäßige Gespräche und Informationen von beiden Seiten - Eltern und Kitapersonal - entsteht ein umfassendes Bild über das Kind. Dies hilft dabei, konsistente und koordinierte Ansätze für die Betreuung und Bildung des Kindes zu gewährleisten, sowohl zu Hause als auch in der Kita.

  3. Förderung der Kontinuität und des Übergangs: Eine gute Kommunikation erleichtert den Übergang des Kindes zwischen Kita und Zuhause. Kontinuierliche Informationen und Austausch über den Alltag des Kindes helfen dabei, eine konsistente Erfahrung zu schaffen und den Übergang zwischen den beiden Umgebungen zu erleichtern.

  4. Effektivere Lösungen für Herausforderungen: Wenn Eltern und Kitapersonal zusammenarbeiten, können sie gemeinsam Lösungen für Herausforderungen oder spezifische Bedürfnisse des Kindes entwickeln. Die Synergie aus verschiedenen Blickwinkeln und Erfahrungen kann helfen, besser auf individuelle Anliegen einzugehen und adäquate Lösungen zu finden.

Viele Augen sehen mehr.

Doch auch tiefere und komplexere Themen können schneller begriffen, erfasst und bearbeitet werden. Verhaltensauffälligkeiten können bemerkt, adressiert und im offenen Austausch abgeglichen und frühzeitig benannt werden. Dies bietet nicht nur einen Rahmen der optimalen Förderung, sondern, im Notfall, wie beispielsweise Auffälligkeiten, die auf Übergriffe hinweisen, auch einen Schutzrahmen für das Kind, der schnellstmöglich agieren kann. Gerade im noch non-verbalen Entwicklungsstadium des Kindes, kann es im Alltag eine Herausforderung für die Eltern darstellen, Auffälligkeiten frühzeitig zu erkennen. Doch durch den aktiven Austausch mit dem Kita-Personal wird ihr Auge hierfür deutlich stärker geschult und auf Verdachtsfälle kann schnell Klarheit folgen.

Oftmals betonen pädagogische Fachkräfte die Wertschätzung, die sie seitens der Kinder und der Eltern erfahren. Genau so vehement betonen sie jedoch auch die eigene Wertschätzung gegenüber denErziehungsberechtigten. Ein offener, gezielter Austausch mit den Eltern ermöglicht es den Fachkräften, nicht nur das Vertrauen der Familien zu gewinnen, sondern auch ein tieferes Verständnis für die individuellen Bedürfnisse und die Persönlichkeit jedes Kindes zu entwickeln.

Es braucht ein Dorf.

Wie sagt man so schön? “Es braucht ein Dorf, um ein Kind großzuziehen."

In unserer heutigen Zeit mag dieses Szenario oft außer Reichweite liegen. Viele Familien erleben nur wenig bis gar keine Unterstützung im privaten Umfeld, und alleinerziehende Eltern stehen vor noch größeren Herausforderungen. Daher ist es umso bedeutsamer, die verfügbaren Ressourcen zu nutzen, die wir haben; diejenigen, die mit Herz und Engagement an der bestmöglichen Entwicklung des Kindes interessiert sind.

Wie kann eine gute Kommunikation Seitens der Eltern aussehen, um die pädagogischen Fachkräften bei der Förderung der Kinder optimal zu unterstützen?

  1. Regelmäßiger Austausch: Es ist wichtig, regelmäßig Gespräche mit dem Kitapersonal zu führen, sei es bei der Abholung oder durch festgelegte Elternabende. Dadurch können Eltern aktuelle Entwicklungen, Bedürfnisse oder Anliegen ihres Kindes besprechen und Informationen von der Kita erhalten.

  2. Offenheit und Ehrlichkeit: Offene und ehrliche Kommunikation schafft eine vertrauensvolle Atmosphäre. Eltern sollten sich ermutigt fühlen, Fragen zu stellen, Bedenken anzusprechen und Informationen über das Kind mitzuteilen.

  3. Respektvolles Zuhören: Ein wichtiger Aspekt ist das aktive Zuhören. Die Perspektive des Kitapersonals zu verstehen und ihre Erfahrungen anzuerkennen, trägt zu einer konstruktiven Kommunikation bei.

  4. Anerkennung und Wertschätzung: Das Wertschätzen der Arbeit des Kitapersonals und das Zeigen von Anerkennung für ihre Bemühungen kann dazu beitragen, eine positive Beziehung aufzubauen.

  5. Kooperation und Unterstützung: Eine kooperative Haltung, bei der Eltern und Kitapersonal zusammenarbeiten, um das Wohlbefinden und die Entwicklung des Kindes zu fördern, ist von großem Wert. Eltern können das Kitapersonal bei der Umsetzung von Zielen oder spezifischen Bedürfnissen des Kindes unterstützen.

  6. Feedback geben: Die Eltern können auch konstruktives Feedback über die Aktivitäten und den Fortschritt ihres Kindes in der Kita geben. Dabei ist es wichtig, sowohl positive als auch konstruktive Kritik sachlich und respektvoll zu äußern.

Diese Verschmelzung von familiären Einflüssen und pädagogischem Fachwissen ermöglicht eine ganzheitliche Betreuung und Bildung, die über die Grenzen der Kita hinausgeht. Sie bietet den Kindern eine facettenreiche Erfahrung, in der sie von verschiedenen Blickwinkeln, Erziehungsmethoden und Werten profitieren können. Die Eltern bringen ihre individuelle Perspektive und die einzigartige Dynamik ihres familiären Umfelds ein, während das Kitapersonal sein spezialisiertes pädagogisches Fachwissen und seine Erfahrung einbringt. Die weihnachtliche Zeit des Miteinanders erinnert daran, dass die Entwicklung der Kinder nicht allein durch die Familie oder die Kita erfolgt, sondern durch die engagierte Zusammenarbeit beider Seiten. Es ist eine Gelegenheit die bedeutsame Rolle, die die Eltern-Kita-Partnerschaft spielt zu würdigen Diese partnerschaftliche Dynamik birgt den Schlüssel, um Kinder auf ihrem individuellen Bildungsweg bestmöglich zu unterstützen und zu fördern.

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Neuste OECD-Studie: eine hausgemachte Perspektivlosigkeit?

Die jüngsten Ergebnisse einer OECD-Studie haben Deutschland in Bezug auf Bildungsabschlüsse in ein zwielichtiges Licht gerückt. Während die Zahl der Abschlüsse auf höherem Niveau stieg, nahm die Kluft zwischen denen, die keinen Sekundarschulabschluss erreichen, und denen mit tertiären Bildungsabschlüssen zu. Die Fakten sind alarmierend, aber sie weisen auf ein tiefer liegendes Problem hin - die konstante Unterfinanzierung der frühkindlichen Bildung.

Die jüngsten Ergebnisse einer OECD-Studie haben Deutschland in Bezug auf Bildungsabschlüsse in ein zwielichtiges Licht gerückt. Während die Zahl der Abschlüsse auf höherem Niveau stieg, nahm die Kluft zwischen denen, die keinen Sekundarschulabschluss erreichen, und denen mit tertiären Bildungsabschlüssen zu. Die Fakten sind alarmierend, aber sie weisen auf ein tiefer liegendes Problem hin - die konstante Unterfinanzierung der frühkindlichen Bildung.

Die OECD-Studie, die kürzlich veröffentlicht wurde, zeigt, dass Deutschland eines der beiden untersuchten Länder ist, in denen der Anteil der 25- bis 34-jährigen Bevölkerung ohne Abschluss im Sekundarbereich II gestiegen ist. Dieser Anstieg von 13 auf 16 Prozent zwischen 2015 und 2022 verdeutlicht, dass viele junge Menschen den Bildungsweg nicht erfolgreich abschließen können. 

Aber warum ist das so?

Es ist von entscheidender Bedeutung zu erkennen, dass die alleinige Verantwortung für den Bildungserfolg nicht nur in den Schuljahren verankert werden sollte. Tatsächlich beginnt die entscheidende Phase für die Bildung eines Kindes viel früher, in den ersten Lebensjahren. Hier werden die Grundlagen für die Bildungslaufbahn gelegt, und diese Phase kann als eine Art Fundament betrachtet werden, auf dem der gesamte Bildungsaufbau erfolgen wird.

Erkennen von Herausforderungen und gezieltes Fördern von Stärken sind hier die Essenzen der späteren Entwicklung.

  1. Kognitive Entwicklung: In den frühen Jahren werden die kognitiven Fähigkeiten eines Kindes geformt. Dies umfasst grundlegende Fertigkeiten wie das Erkennen von Buchstaben, Zahlen und Formen. Diese Grundlagen sind entscheidend für das spätere Verständnis komplexerer Konzepte in den höheren Bildungsjahren.

  2. Sprachliche Entwicklung: Die Entwicklung der Sprache ist ein Schlüsselelement für den Bildungserfolg. In den ersten Lebensjahren erwerben Kinder nicht nur ihre Muttersprache, sondern legen auch den Grundstein für das Erlernen weiterer Sprachen. Frühzeitige Förderung in diesem Bereich kann die sprachlichen Fähigkeiten stärken, was sich positiv auf das spätere Lesen, Schreiben und Verstehen komplexer Texte auswirkt.

  3. Soziale und emotionale Kompetenzen: Die frühkindliche Phase ist entscheidend für die Entwicklung von sozialen Fähigkeiten wie Empathie, Kooperation und Konfliktlösung. Diese Kompetenzen sind nicht nur im schulischen Umfeld wichtig, sondern begleiten ein Individuum auch sein ganzes Leben lang und beeinflussen sein Verhalten und seine Beziehungen.

  4. Lernmotivation und Selbstvertrauen: In den frühen Jahren wird auch die Lernmotivation und das Selbstvertrauen eines Kindes geprägt. Kinder, die positive Erfahrungen mit dem Lernen und Entdecken machen, entwickeln oft eine innere Motivation, Wissen zu erwerben. Umgekehrt können negative Erfahrungen in dieser Phase das Lerninteresse beeinträchtigen.

  5. Fähigkeiten zur Problemlösung: Die Fähigkeit, Probleme zu erkennen und Lösungen zu finden, wird in den ersten Lebensjahren geschult. Diese Fähigkeiten sind entscheidend für die Bewältigung komplexer Aufgaben und Herausforderungen in der späteren Schullaufbahn und im Berufsleben.

Kinder, die in mehrsprachigen Haushalten aufwachsen, stehen oft vor besonderen Herausforderungen im Bildungssystem Deutschlands. Die OECD-Studie spricht von einem starken Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und dem anschließenden Bildungserfolg. Dieser Zusammenhang betrifft nicht nur den Zugang zu Bildungsressourcen, sondern auch die gesellschaftliche Wahrnehmung von kultureller Vielfalt. Die Fähigkeit, mehrere Sprachen zu beherrschen, ist eine bemerkenswerte Stärke, die aufgrund ihrer enormen Vorteile gefördert werden sollte. Leider wird diese Stärke in einem Bildungssystem, das primär auf die Dominanz der vorherrschenden Unterrichtssprache, in diesem Fall Deutsch, ausgerichtet ist, oft nicht entsprechend gewürdigt und daraus resultierende Herausforderungen werden nicht entsprechend berücksichtigt.

Es ist wichtig zu betonen, dass diese scheinbaren Verzögerungen im Spracherwerb in einem klaren Kontext stehen: Kinder aus mehrsprachigen Haushalten erwerben nicht nur eine, sondern mehrere Sprachen parallel. Dies erfordert zusätzliche geistige Anstrengungen und Ressourcen, die oft übersehen werden. Leider wird diesen Kindern häufig nicht die gezielte Förderung und Unterstützung gewährt, die sie benötigen, um auf dem gleichen Niveau wie ihre monolingualen Mitschülerinnen und Mitschüler zu sein. Die Folgen dieses Mangels an Förderung und letztendlich auch an Anerkennung sind tiefgreifend. Kinder aus mehrsprachigen Haushalten können sich unsicher fühlen und sich selbst als weniger fähig wahrnehmen, da sie im System frühzeitig die Botschaft erhalten, dass sie in bestimmten Bereichen nicht ausreichende Leistung vollbringen. Diese anhaltende Unsicherheit und das Gefühl der Unterlegenheit können sich negativ auf ihre Lernmotivation, ihr Selbstvertrauen und ihre schulische Leistung auswirken.

Das eigentliche Problem liegt jedoch nicht bei den Kindern, sondern im Bildungssystem selbst. Das System muss dringend umgestaltet werden, um die besonderen Bedürfnisse und Potenziale mehrsprachiger Kinder zu erkennen und zu fördern. Wenn dies nicht geschieht, setzen wir Kinder von Anfang an dem Risiko der Perspektivlosigkeit aus, da sie fälschlicherweise annehmen könnten, dass der Fehler bei ihnen oder gar ihrer Mehrsprachigkeit liegt, nicht aber bei dem ausgelegten Bildungssystem, das nicht in der Lage ist, angemessen auf die klaren Chancen zu reagieren, die die Multilingualität bietet.

In einer Zeit, in der die Globalisierung unsere Welt immer stärker vernetzt und die Bildung zunehmend zu einem entscheidenden Faktor für individuellen und gesellschaftlichen Erfolg wird, ist es zweifellos von unschätzbarem Wert, einen höheren Bildungsgrad zu erreichen. Ein solcher Abschluss eröffnet nicht nur Perspektiven in Deutschland, sondern auch international und ermöglicht den Zugang zu globalen Chancen. Doch dürfen wir nicht vergessen, dass unsere Gesellschaft vielfältig und facettenreich ist. Nicht alle streben nach den gleichen Zielen und Idealen und es ist von großer Wichtigkeit, die Bedürfnisse und Potenziale aller Individuen ausreichend zu berücksichtigen.

In dieser multikulturellen und multilingualen Gesellschaft ist es entscheidend, auch diejenigen zu motivieren und Perspektiven zu setzen, die nicht zwangsläufig einen höheren Bildungsgrad anstreben. Eine breite Palette von beruflichen Förderungen und Entfaltungsmöglichkeiten sollte perspektivisch zur Verfügung stehen, um den individuellen Interessen und Fähigkeiten gerecht zu werden. Nicht jede/r Schüler*in ist auf dem Weg zur Universität oder dem akademischen Erfolg, und das ist keineswegs ein Zeichen von Mangel an Ambition oder Fähigkeiten. Es gibt viele hochintelligente, talentierte Menschen, die andere Wege wählen, sei es in der beruflichen Bildung, kreativen Künsten oder anderen Bereichen, die gleichermaßen wertvoll und bedeutend für unsere Gesellschaft sind. Es ist an der Zeit, eine Bildungspolitik zu fördern, die Vielfalt und Inklusion schätzt und die unterschiedlichen Bildungsziele und Lebenswege gleichermaßen unterstützt. Wir müssen die individuellen Stärken und Potenziale aller erkennen und ihnen die Möglichkeit geben, ihr Bestes zu entfalten, unabhängig von ihrem gewählten Bildungsweg. 

Die ausreichende Bereitstellung von Ressourcen und finanziellen Mitteln für frühkindliche Bildungseinrichtungen ist von entscheidender Bedeutung. Die frühkindliche Bildung sollte nicht nur als Vorbereitung auf spätere Schuljahre angesehen werden, sondern als eine Institution, in der Kinder ihre Stärken erkennen und ausbauen sowie Herausforderungen selbstbewusst überkommen können. 

Die momentane Situation, der sich viele Kitas gegenüberstehen sehen, erschwert dies leider erheblich. Eine anhaltende Unterfinanzierung und der Personalmangel erschweren die individuelle Förderung jedes Kindes ungemein. Nicht selten bleiben Herausforderungen somit unentdeckt oder erhalten nicht die notwendige, individuelle Aufmerksamkeit. So können sie sich weiterentwickeln und ausbauen und werden oftmals erst in den schulischen Jahren deutlich sichtbar, bei erheblichen Leistungsdifferenzen zu den Mitschülerinnen und Mitschülern. Die nun notwendigen Förderungen, um die Defizite erfolgreich zu überkommen, sind mannigfaltig. Die Herausforderungen, die sich dadurch persönlich und im Selbstwert des Kindes verankern, werden von außen oftmals unterschätzt. Wir benötigen einen Rahmen, in dem die Einzigartigkeit der Kinder wahrgenommen und gefördert werden kann. Nur so können wir sicherstellen, dass Kinder ihren eigenen Bildungsweg gestalten, basierend auf persönlichen Entscheidungen und Stärken, nicht aber auf Begrenzungen und Perspektivlosigkeit. Es liegt an uns, diese Veränderungen in der Bildung zu bewirken, indem wir die Bedeutung der frühkindlichen Bildung anerkennen, die Vielfalt der Bildungswege schätzen und die Chancen für jedes Kind gleichermaßen öffnen. Nur so können wir sicherstellen, dass Bildung nicht eine Quelle der Begrenzung ist, sondern ein Weg zur Entfaltung des vollen Potenzials eines jeden Einzelnen, und damit zur Stärkung unserer Gesellschaft als Ganzes. 

Eine Gesellschaft, in der Menschen die Möglichkeit haben, sich in ihren Stärken zu entfalten, unabhängig von ihrem Bildungsgrad, würde eine unglaubliche Vielfalt an Talenten, Fähigkeiten und Ideen hervorbringen. Es ist an der Zeit, die frühkindliche Bildung und individuelle Förderung als Investition in unsere gemeinsame Zukunft zu betrachten, denn wenn jeder sein volles Potenzial ausschöpfen kann, werden wir alle davon profitieren.

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