Tag der Kinderbetreuung? Wie aus Betreuung Bildung wurde – und was noch vor uns liegt
Vor wenigen Jahrzehnten sah die außerfamiliäre Kinderbetreuung noch etwas anders aus als heutzutage: Strukturen, pädagogische Konzepte, Schwerpunkte sowie die gesellschaftliche Wahrnehmung und Erwartung waren andere. Seitdem hat sich jedoch vieles verändert - Veränderungen, die auch einen Spiegel eines gewissen gesellschaftlichen, soziodemografischen und politischen Wandels darstellen. Und trotz vieler Veränderungen zum Positiven hin bleibt auch weiterhin einiges zu tun.
Vor wenigen Jahrzehnten sah die außerfamiliäre Kinderbetreuung noch etwas anders aus als heutzutage: Strukturen, pädagogische Konzepte, Schwerpunkte sowie die gesellschaftliche Wahrnehmung und Erwartung waren andere. Seitdem hat sich jedoch vieles verändert - Veränderungen, die auch einen Spiegel eines gewissen gesellschaftlichen, soziodemografischen und politischen Wandels darstellen. Und trotz vieler Veränderungen zum Positiven hin bleibt auch weiterhin einiges zu tun.
Anlässlich des Tags der Kinderbetreuung wollen wir einen genaueren Blick darauf werfen, wie sich die Kinderbetreuung im Laufe der Zeit entwickelt hat, welchen politischen und gesellschaftlichen Veränderungen der Wandel unterlegen war – und welchen Veränderungen die Kinderbetreuung in Deutschland vielleicht noch bevorsteht. Lasst uns also heute gemeinsam in den nächsten Zeilen eine kleine Zeitreise unternehmen.
Kinderbetreuung in der DDR: Ein sozialistisches Modell der frühkindlichen Bildung
Wenn wir rund 40-70 Jahre zurück in die deutsche Geschichte reisen - als Deutschland noch in zwei Staaten geteilt war - fällt ein markanter Unterschied in den Konzepten der Kinderbetreuung zwischen Ost- und Westdeutschland auf.
Im Osten Deutschlands, der sogenannten DDR, war Kinderbetreuung ein zentrales Element der sozialistischen Familien- und Bildungspolitik - mit dem Ziel, Kinder zu sozialistischen Persönlichkeiten zu erziehen, sie systematisch auf die Schule vorzubereiten und Frauen in die Erwerbstätigkeit zu bringen. Die Zuständigkeit lag im Ministerium für Volksbildung, womit deutlich wird, dass Kindergärten hier nicht nur zur Betreuung dienten, sondern als vollständige Bildungseinrichtungen mit einem klaren Bildungsauftrag verstanden wurden. Und um diesen adäquat umzusetzen - ganz nach sozialistischen Leitlinien - gab es einen festen, einheitlichen Bildungs- und Erziehungsplan, dem alle Einrichtungen folgen sollten. Vielfalt war demnach nicht vorgesehen - weder bei der Trägerform noch bei pädagogischen Konzepten. Dafür aber in der Ausbildung: Es gab ein breit gefächertes Ausbildungssystem mit verschiedenen, differenzierten Qualifikationen für die Tätigkeit in diesem Bereich.
Kinderbetreuung hatte also in der DDR einen sehr hohen Stellenwert und ein Großteil der Kinder besuchte schon damals entsprechende Einrichtungen, sowohl im Ü3- als auch im U3-Bereich - und das nicht nur stundenweise, sondern ganztägig.
Kinderbetreuung in der BRD: Von der Betreuung zur Bildung
Im Gegensatz zur DDR lag der Fokus in der Bundesrepublik Deutschland stärker auf der reinen Betreuung. Diese unterschiedliche Erwartungshaltung an die institutionelle Kinderbetreuung hatte ihren Ursprung in der Tradition der Kinderbetreuung zur Zeit der Weimarer Republik. Dort orientierten sich viele Einrichtungen eher an fürsorgerischen Aufgaben und richteten sich vorrangig an Kinder aus sozial benachteiligten Familien. Doch mit der Zeit wurde es für viele Familien immer dringlicher, Angebote der Kinderbetreuung wahrnehmen zu können, damit beide Elternteile arbeiten gehen konnten. Christliche Trägerverbände bemühten sich in der Folge um den Ausbau von Kindertagesstätten. Doch fehlende Infrastruktur, Personalmangel und unzureichende finanzielle Mittel erschwerten dies erheblich: Gruppen mit bis zu 50 Kindern pro Pädagog:in waren keine Seltenheit, und das Angebot konnte die Nachfrage bei weitem nicht decken. Die Pädagogik in den Einrichtungen war sehr autoritär und es war gesellschaftlich nach wie vor eher verpönt, seine Kinder in Betreuungseinrichtungen zu geben - insbesondere kleine Kinder unter drei Jahren. Die familiäre Betreuung hatte auch weiterhin Vorrang.
Der Bildungsaspekt spielte in westdeutschen Kindergärten somit zunächst kaum eine Rolle. Wenn überhaupt, dann primär, um die Kinder in den letzten Jahren auf die Schule vorzubereiten. Dementsprechend unterlag die Kinderbetreuung, anders als in der DDR, politisch dem Kinder- und Jugendhilfebereich und hatte auch bei weitem nicht ein so hohes gesellschaftliches Ansehen.
Erst Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre wandelte sich der Blick auf Kindergärten sowie ihre gesellschaftliche und politische Wahrnehmung: Mit dem Strukturplan des Deutschen Bildungsrates wurde die frühkindliche Betreuung erstmals als Bestandteil des Bildungssystems anerkannt. Man plädierte für eine stärkere Verzahnung von Schule und Kindergarten – ein Ziel, das auch bis heute nur teilweise erreicht ist. Infolgedessen wurde die Infrastruktur schrittweise ausgebaut. Auf Landesebene wurden Kindertagesstättengesetze verabschiedet, in denen unter anderem Finanzierung und Ausstattung geregelt wurden. Auch neue pädagogische Konzepte entstanden – wie etwa der Situationsansatz, der bis heute eine wichtige Rolle spielt.
Zwei Systeme, ein Land: Kinderbetreuung nach der Wiedervereinigung
Mit der Wiedervereinigung prallten somit zwei grundverschiedene Konzepte der Kindertagesbetreuung aufeinander - und beide Teile Deutschlands hatten Schwierigkeiten, sich damit zu arrangieren. Das Konzept des Ostens wurde dem Kinder- und Jugendhilfegesetz unterstellt, war damit nicht länger Teil des Bildungsbereiches und auch nicht mehr staatliche Aufgabe, sondern lag fortan in der Verantwortung der Länder und Kommunen. Gleichzeitig sah sich Westdeutschland einer stetig wachsenden Nachfrage ausgesetzt - bei weiterhin unzureichender Infrastruktur. Und bis heute lassen sich noch Unterschiede zwischen Ost und West verzeichnen, die aus der sehr unterschiedlichen Geschichte resultieren: Während in Westdeutschland immer noch verhältnismäßig weniger Kinder die Kita besuchen - insbesondere im U3 Bereich - und der Bedarf an Kita-Plätzen nicht ausreichend gedeckt ist, ist die Inanspruchnahme von Kita-Plätzen im Osten höher – und der Ausbau konnte den großen Bedarf inzwischen weitgehend abdecken. Doch mit der Zeit nähern sich Ost und West auch in diesem Bereich an.
PISA 2000 und der Reformdruck: Der Weg zur frühkindlichen Bildung
Ein Wendepunkt für die Kinderbetreuung in Deutschland war wohl die PISA-Studie aus dem Jahr 2000. Deutschland lag in allen Bereichen unter dem OECD-Durchschnitt, Bildungsdefizite bei den 15-Jährigen wurden sichtbar und die Diskussion begann, wie diesen Defiziten begegnet werden könne. Ein zentraler Punkt in der Debatte zur Problemlösung war die frühkindliche Bildung. Dies wurde auch zunehmend von wissenschaftlichen Untersuchungen gestützt, die belegten, welche entscheidende Rolle die ersten Lebensjahre für den späteren Bildungs- und Lebensverlauf eines Kindern spielen. Doch gleichzeitig war man damit konfrontiert, dass die institutionelle Kinderbetreuung den wachsenden Anforderungen weit hinterher hinkte: Es gab zu wenig Kita-Plätze, die Öffnungszeiten waren unzureichend, Themen wie Inklusion und U3-Betreuung nahmen an Wichtigkeit zu und verlangten Konzepte. Unter anderem als Reaktion darauf entwickelten die Bundesländer erstmals Bildungs- und Erziehungspläne für die frühkindliche Bildung. Anders als in der DDR sollten diese jedoch keine verbindlichen Vorgaben sein, sondern als Empfehlungen und Leitlinien dienen. Der Bildungsaspekt rückte zunehmend in den Vordergrund und wurde auch in Dokumenten, Gesetzen und Beschlüssen fest als Bildungseinrichtungen mit einem Bildungsauftrag benannt. Einen großen Meilenstein in der gesamtgesellschaftlichen Etablierung von Kindertagesstätten stellt dabei auch der seit 2013 bestehende gesetzliche Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für Kinder ab dem 1. Geburtstag dar.
Frühkindliche Bildung 2025: Entwicklungen, Erfolge und Herausforderungen
Und heute?
Heute ist die Kita als erste Stufe des Bildungssystems fest etabliert und die Bedeutung der frühkindlichen Bildung - sowohl für die individuelle Entwicklung als auch für die Gesellschaft - ist allgemeiner Konsens. Es gibt konkret ausgearbeitete Bildungspläne, Evaluationen, Dokumentationen, Beobachtungsverfahren und eine Vielzahl an pädagogischen Konzepten - von Reggio und Waldorf über tiergestützte Pädagogik und offene Arbeit bis hin zum bereits erwähnten Situationsansatz. Partizipation, Teilhabe, Kindzentriertheit und Selbstwirksamkeit haben autoritäre Ansätze abgelöst. Viele Teams arbeiten heute multiprofessionell, um verschiedenste fachliche Expertisen in ihre Arbeit mit einbeziehen zu können und so Kinder in ihrer ganzheitlichen Entwicklung besser zu fördern. Die Qualität der frühkindlichen Bildung wird zunehmend in den Fokus gerückt - nicht zuletzt durch bundesweite Initiativen wie das Gute-KiTa-Gesetz oder das Kita-Qualitätsgesetz.
Auch wissenschaftlich hat sich viel getan: Es wird umfangreich untersucht und analysiert, welchen Effekt frühkindliche Bildung hat. Und die Ergebnisse sind eindeutig: Frühkindliche Bildung kann gesellschaftliche Ungleichheit verringern, Kindern aus bildungsfernen Familien bessere Startchancen ermöglichen und so zu einem chancengerechteren Bildungsweg beitragen. Sie senkt das Armutsrisiko, unter anderem durch eine höhere Erwerbstätigkeit der Eltern. Zudem kann sie Förderbedarfe frühzeitig ausgleichen, den Gender Gap verringern und sowohl kurz- als auch langfristig zur wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit eines Landes beitragen.
Doch trotz all dieser positiven Entwicklungen bestehen natürlich auch weiter bestehende Herausforderungen:
Denn gleichzeitig steigen die Ansprüche an die Pädagogik zunehmend: Es müssen immer mehr und immer intensiver Kompetenzen vermittelt sowie zunehmende Förderbedarfe ausgeglichen werden. Die zunehmende Heterogenität unserer Gesellschaft und die stärkere Ausrichtung auf Individualisierung verlangen von Pädagog:innen ein breites Fachwissen, hohe Anpassungsfähigkeit und vielfältige methodische Kompetenzen. Auch Elterngespräche werden immer komplexer - ebenso wie die Erwartungshaltung der Eltern gegenüber Pädagog:innen. Evaluationen, Test, Dokumentationen erfordern zusätzlich viel Zeit, Wissen und personelle Ressourcen. Mit dieser Entwicklung können auch heute die bildungspolitischen Anstrengungen von Ländern, Kommunen und Bund abermals nicht Schritt halten - und damit das tägliche Engagement in den Kitas nicht adäquat unterstützen und fördern. Und auch in der breiten Gesellschaft hinkt das Verständnis von frühkindlicher Bildung der tatsächlichen Bedeutung hinterher – trotz hoher Erwartungen. Noch immer ist in Berichten, Artikeln und Stellungnahmen zu oft von „Kinderbetreuung“ die Rede – und zu selten von Bildung. Allein der Name des heutigen Tags, der Tag der Kinderbetreuung, unterstreicht dieses Argument.
Karin Priens Vision für die Kita-Zukunft: Ein neuer Kurs für die Zukunft?
Wie also könnte die Zukunft aussehen? Steht vielleicht der nächste Wandel schon unmittelbar bevor?
Die neue Ministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Karin Prien gibt uns Grund zu hoffen. Denn sie erkennt und benennt, was für die Bildungslandschaft zentral ist: Kitas als Schlüssel zu mehr Bildungserfolg und Chancengerechtigkeit. Kitas als erste Bildungseinrichtung, die konsequent als Teil der Bildungskette verstanden werden muss.
Ein erster Schritt in diese Richtung ist bereits vollzogen: Die Integration des Bildungsbereichs in das Ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Frühkindliche Bildung ist damit nicht mehr in einem separaten Ressort angesiedelt, sondern institutionell mit dem Bildungsbereich verbunden. Weiterhin untermauert Prien ihre Haltung diesbezüglich mit konkreten Reformvorschlägen - etwa einer nationalen Agenda für Kinder von 0-10 und einer besseren Verzahnung von Kita und Grundschule.
Viele ihrer Ansätze und Überlegungen zur Gestaltung der Bildungspolitik aus der Zeit vor ihrer Ernennung zur Ministerin finden sich heute im Koalitionsvertrag wieder: Wie eine frühzeitige bundesweite Diagnostik, eine Kita-Pflicht bei Förderbedarfen, gezielte Förderung von Kindern aus benachteiligten Familien sowie Maßnahmen zur Qualitätssicherung und -steigerung in der frühkindlichen Bildung. Darüber hinaus plädiert Prien dafür, Bildungspolitik über die Wahlperiode hinauszudenken und setzt sich für einen kooperativen Bildungsföderalismus ein. All das sind Ansätze, die Hoffnung machen: auf nachhaltige, langfristige Reformen–statt kurzfristiger Strategien.
Wir blicken auf jeden Fall gespannt auf die aktuelle Legislaturperiode und sehen großes Potenzial in Karin Priens bildungspolitischen Bestrebungen. Vielleicht markiert ihr Amtsantritt den Beginn eines echten Wandels – hin zu einer umfassenden Anerkennung von Kindertagesstätten als das, was sie längst sind: Bildungseinrichtungen. Und vielleicht heißt es in ein paar Jahren dann nicht mehr „Tag der Kinderbetreuung“, sondern „Tag der frühkindlichen Bildung“.
Quellen:
Berger, Manfred (2022, 7. Dezember). Geschichte des Kindergartens. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet. https://www.socialnet.de/lexikon/Geschichte-des-Kindergartens.
Franke-Meyer, D. (2023, 6. Dezember). Frühkindliche Bildung, Erziehung und Betreuung – eine Zeitleiste. bpb.de. https://www.bpb.de/themen/bildung/dossier-bildung/276523/fruehkindliche-bildung-erziehung-und-betreuung-eine-zeitleiste/.
Franke-Meyer, D. (2024, 5. September). Geschichte der frühkindlichen Bildung in Deutschland. bpb.de. https://www.bpb.de/themen/bildung/dossier-bildung/239356/geschichte-der-fruehkindlichen-bildung-in-deutschland/#:~:text=Erst%20einige%20Zeit%20sp%C3%A4ter%20erweiterte,achtete%20auf%20Kontinuit%C3%A4t%20zur%20Schule.
Gebauer, R. (2023, 5. April). Kitas und Kindererziehung in Ost und West. bpb.de. https://www.bpb.de/themen/deutsche-einheit/lange-wege-der-deutschen-einheit/47313/kitas-und-kindererziehung-in-ost-und-west/.
Warnke, M., Klopsch, B., Sliwka, A., Nicolaides, D., Hubig, S., Prien, K., Schopper, T. & Stiftung. (o. D.). BESSERE BILDUNG 2035.
Die transformative Rolle der Digitalisierung in deutschen Kitas.
Insbesondere der Einzug der Digitalisierung in den frühkindlichen Institutionen löst teilweise bei Personal und Eltern noch Fragezeichen aus. Blicken wir gemeinsam auf die vielen Möglichkeiten, die sich in der Digitalisierung verbergen, für Eltern, Kinder und Fachpersonal.
Die fortschreitende Digitalisierung trifft vielerorts noch auf gespaltene Meinungen. Während die einen händeringend schon seit Jahren darauf gewartet haben, stehen die anderen dem Ganzen mit einigen Bedenken gegenüber. Insbesondere der Einzug in den frühkindlichen Institutionen löst teilweise bei Personal und Eltern noch Fragezeichen aus. Blicken wir gemeinsam auf die vielen Möglichkeiten, die sich in der Digitalisierung verbergen.
Wie sieht eine digitalisierte Kita überhaupt aus?
Kinder, die vor einem Touchscreen Bildschirm sitzen und für sich alleine lernen? Ein Bild, das viele besorgte Eltern letztlich doch noch haben. Die Wahrheit sieht, ein Glück, aber anders aus.
Digitale Medien können und sollen vielmehr als Ergänzung zu traditionellen pädagogischen Ansätzen fungieren und das Bildungserlebnis der Kinder bereichern, nicht aber das pädagogische Fachpersonal ersetzen. Im Gegenteil. Viel mehr kann und soll es dabei unterstützen, das Personal zu entlasten.
Die digitalen Lösungen bieten unter anderem Möglichkeiten, das pädagogische Personal bei administrativen Aufgaben zu unterstützen und Raum für persönliche Betreuung und Förderung zu schaffen. Digitale Lösungen erleichtern die Bewältigung von Papierarbeit, Bürokratie und organisatorischen Aufgaben. Durch die Automatisierung von Routineaufgaben können Erzieher*innen mehr Zeit für individuelle Förderung und die Bedürfnisse der Kinder aufbringen. Digitale Medien ermöglichen auch eine effizientere Kommunikation und Zusammenarbeit mit den Eltern, indem sie digitale Plattformen und Apps für den Austausch von Informationen und die Organisation von Elterngesprächen nutzen.
Eine ausgewogene Nutzung und ein verantwortungsvoller Umgang sind hierbei entscheidend. Eine umfassende Medienbildung, sowohl für Kinder als auch für Pädagog*innen und Eltern, kann dabei helfen, einen bewussten und sinnvollen Umgang mit digitalen Medien zu gewährleisten.
Wie kann eine gezielte Förderung in den frühkindlichen Institutionen mittels Digitalisierung aussehen?
Eine Reihe von Studien belegt, dass der gezielte Einsatz digitaler Medien einen positiven Einfluss auf die kognitive, sprachliche und motorische Entwicklung junger Kinder haben kann.
So hat beispielsweise eine Studie von Kabali (2015) aufgezeigt, dass der Einsatz von Lern-Apps bei Vorschulkindern das Alphabetwissen und das phonologische Bewusstsein verbessert. Eine Meta-Analyse von Hirsh-Pasek (2016) ergab, dass das Verwenden von interaktiven E-Books bei Kindern im Vorschulalter, dabei helfen kann, ihren Wortschatz zu erweitern und ihre Fähigkeit zur narrativen Gestaltung zu intensivieren. Die Pionierarbeit der Universität Oslo (2017) demonstrierte, dass digitale Spiele, die eine körperliche Aktivität erfordern, die motorischen Fertigkeiten sowie die Hand-Auge-Koordination von Vorschulkindern erheblich verbessern können.
Diese akademischen Studien, zusammen mit vielen weiteren, verdeutlichen eindrücklich den positiven Einfluss digitaler Medien auf verschiedene Aspekte der frühkindlichen Entwicklung. Durch die individuelle Anpassung von Lerninhalten und -geschwindigkeiten können digitale Medien auf die Bedürfnisse und das Entwicklungstempo jedes einzelnen Kindes eingehen. Vernünftig und durch das Fachpersonal überwacht eingesetzt, kann die Digitalisierung dabei helfen, die frühkindliche Förderung noch persönlicher zu gestalten.
Interkulturelles Verständnis
Digitale Lösungen können helfen este Brücken zu schlagen, für jene Kinder, die beispielsweise neu in einem Land angekommen sind und sich vor den ersten Startschwierigkeiten sehen aufgrund der Sprachdefizite. Wir waren bereits im Gespräch mit einer Software (Polylino), die genau hier unterstützen kann.
Selektiver Inhalt für die Kinder mit personalisierten Auswahlmöglichkeiten bezüglich der Sprache, kann Integration vereinfachen und interkulturelles Verständnis kreieren. Ein Prozess, der für die Kinder alleine oftmals durchaus schwieriger gestaltet ist..
Die Rolle der Digitalisierung in Zeiten der Kitakrise
Insbesondere in Zeiten der Kitakrise, in denen Personalmangel herrscht und die Betreuungssituation herausfordernd ist, kann eine vorangeschrittene Digitalisierung eine entscheidende Rolle spielen. Digitale Lösungen können dabei unterstützen, dem staatlichen Förderauftrag nachzugehen, trotz begrenzter personeller Ressourcen. Die Digitalisierung kann aber nicht nur in der Krise Abhilfe schaffen, sondern auch als wichtiges Instrument genutzt werden, in der Umsetzung der Ziele des Gute-Kita-Gesetzes. Durch den gezielten Einsatz digitaler Medien können die Qualitätsstandards erhöht, Bildungsprozesse unterstützt und die pädagogische Arbeit weiterentwickelt werden. Die Digitalisierung bietet das Potenzial, die Entfaltungsmöglichkeiten jedes einzelnen Kindes zu unterstützen und eine inklusive Bildung zu gewährleisten.
Fazit:
Digitalisierung ist viel mehr als nur ein Touchscreen-Bildschirm, vielmehr spielt sie eine transformative Rolle in den deutschen Kitas. Es soll als Hilfestellung dienen für das Fachpersonal, als Brücke für interkulturelles Verständnis, als persönliche Unterstützung bei Förderungsbedarf und als Sprachtool, das Integration vereinfachen kann. Es ist wichtig, die Potenziale der Digitalisierung zu erkennen und sie verantwortungsbewusst einzusetzen. Dies betrifft nicht nur die Bildungsinstitutionen selbst, sondern auch den Gebrauch zuhause. Gezielte Schulungen des Fachpersonals, nicht nur bezüglich der Förderungsmöglichkeiten, sondern auch bezüglich der Mediennutzung allgemein sind hier unabdingbar, um eine erfolgreiche, sinnvolle, lösungsorientierte Umsetzung zu gewährleisten. Genauso sollte den Eltern Weiterbildungsmaterial zur Verfügung gestellt werden, um auch in den eigenen vier Wänden den richtigen Zugang zu den richtigen Tools zu finden.
Indem wir die Chancen der Digitalisierung nutzen und etwaigen Bedenken einfühlsam begegnen, können wir eine zukunftsweisende und ganzheitliche frühkindliche Bildung gewährleisten, die individuelle Förderung erleichtern und Chancengleichheit in den Bildungswegen zugänglicher machen.
KITA nach Zahlen #9
Die Zahlen entnehmen wir der Beantwortung der schriftlichen Anfrage der CDU im Ausschuss für Bildung, Jugend und Familie vom 27.05.2022: “über Förderrichtlinien zur Umsetzung des KiTa-Qualitäts-und Teilhabeverbesserungsgesetzes (KiQuTG) –wie sieht die Praxis bei Rot-Grün-Rot aus?”
Die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie muss die Förderprogramme effizienter verwalten, um deren Potenzial voll auszuschöpfen.
Fördermittel erreichen kaum Kita-Teams
Auf die Anfrage der Berliner FDP im Abgeordnetenhaus zum Thema „Das Gute-Kita-Gesetz in der Praxis des Landes Berlin“ wurde nun eine schriftliche Antwort (19/11025) gegeben. Das nehmen wir zum Anlass, uns bei den Freien Demokraten für die Anfrage und deren damit verbundenes Interesse an einer besseren Ausgestaltung der Rahmenbedingungen für unsere Kitateams zu bedanken sowie über die Probleme bei der Fördergeldervergabe zu reden.
Auf die Anfrage der Berliner FDP im Abgeordnetenhaus zum Thema „Das Gute-Kita-Gesetz in der Praxis des Landes Berlin“ wurde nun eine schriftliche Antwort (19/11025) gegeben. Das nehmen wir zum Anlass, uns bei den Freien Demokraten für die Anfrage und deren damit verbundenes Interesse an einer besseren Ausgestaltung der Rahmenbedingungen für unsere Kitateams zu bedanken sowie über die Probleme bei der Fördergeldervergabe zu reden.
Zu wenig und zu langsam
So wurde der Senat gebeten, das Gesamtvermögen der Förderrichtlinie über die Gewährung von Zuwendungen für Maßnahmen zur räumlichen Gestaltung im Rahmen des KiTa-Qualitäts- und - Teilhabeverbesserungsgesetzes (KiQuTG)1 sowie die Zahl der Anträge, Bearbeitungen und Auszahlungen zu nennen. Das in diesem Jahr auslaufende Programm verfügte insgesamt über 21 Millionen Euro und es wurden bisher (Stand 20.2.22) 718 Anträge gestellt. Hierbei sind weiterhin noch 270 Anträge, also 37,6% in Gänze unbeantwortet. Bei der Förderhöhe der durchschnittlich gewährten Anträge ist dabei gerade die Hälfte des Gesamtvolumens des Programms beantragt worden, wobei von den bewilligten 11,5 Millionen Euro nur 6,7 Millionen Euro bisher ausgezahlt wurden.
Schnellere Bearbeitung, personelle Aufstockung
Um die insgesamt 15 Maßnahmen und Programme aus dem Gute-Kita-Gesetz umzusetzen, wurde in der Senatsverwaltung eine Geschäftsstelle eingerichtet. Allerdings arbeiteten dort nur zwei Vollzeit-Äquivalente, die durch Praktikanten:innen begleitet wurden. Diese Praktikat:innen können allerdings ohne Befugnisse und mitten in der Ausbildung keine wirkungsvolle Unterstützung in der Geschäftsstelle sein. Das bedeutet für die oben genannten Anträge eine durchschnittliche Bearbeitungszeit von vier Monaten, während die Einzelfälle von einem bis zu dreizehn Monaten schwanken.
Es werden also zu wenige Anträge gestellt und diese wiederum zu lange bearbeitet. Es müssten als in einem ersten Schritt die Anträge derart vereinfacht werden, dass es der Verwaltung des Trägers auch möglich ist, den entsprechenden Antrag stellen zu können. Und in einem weiteren Schritt müsste die Bearbeitungszeit drastisch gesenkt werden – das geht allerdings nur bei einer adäquaten personellen Aufstockung der entsprechenden Geschäftsstelle in der Senatsverwaltung.