Kita-Träger: Politik liefert Placebos statt Lösungen
Das neue Kita-Jahr ist bereits angelaufen, die politische Sommerpause nimmt allmählich ihr Ende und Berlin startet mit einem politischen Placebo in das neue Kitajahr. Was als Qualitätsoffensive verkauft wird, entpuppt sich als Flickwerk: finanziell unsicher, pädagogisch unzureichend und digital blockiert.
Das neue Kita-Jahr ist bereits angelaufen, die politische Sommerpause nimmt allmählich ihr Ende und Berlin startet mit einem politischen Placebo in das neue Kitajahr. Was als Qualitätsoffensive verkauft wird, entpuppt sich als Flickwerk: finanziell unsicher, pädagogisch unzureichend und digital blockiert.
U3-Schlüssel: Mogelpackung statt Qualitätssteigerung
“Die groß angekündigte Verbesserung im U3-Bereich (Kinder unter 3 Jahren) entpuppt sich als Mogelpackung. Statt echter Qualitätssteigerung wird lediglich auf den bundesweiten Durchschnitt angepasst – weit entfernt von wissenschaftlich empfohlenen Standards. Und zusätzlich wirft die Finanzierung erhebliche Fragen auf.” kritisiert Lars Békési, Geschäftsführer des VKMK - Der Kitaverband. Der Senat kündigte an, dass mit dieser Maßnahme eingesparte Mittel durch sinkende Kinderzahlen im System verbleiben und zur Entlastung pädagogischer Fachkräfte beitragen sollen. Fakt ist jedoch: Die Maßnahme kostet laut Senatsverwaltung rund 125 Millionen Euro. 48 Millionen Euro davon werden 2026 durch den Bund im Rahmen des Kita-Qualitätsgesetzes kofinanziert. Gleichzeitig belaufen sich die Einsparungen durch den Rückgang der Kinderzahlen auf etwa 270 Millionen Euro. Problematisch dabei: Das Kita-Qualitätsgesetz läuft Ende 2026 aus. “Es gibt keine Antwort, wie Berlin die Millionen danach finanzieren will. Damit droht ein Rückschlag für die gesamte frühkindliche Bildung.“, erklärt Békési. Doch auch unabhängig von der Finanzierungsfrage bleibt die Verbesserung des U3-Schlüssels ein lose geklebtes Pflaster auf einer Platzwunde. Schon von Beginn an hat die Branche kommuniziert, dass die Hauptbelastung der Fachkräfte im Ü3-Bereich (Kinder von 3-6 Jahren) liegt - bedingt durch eine längere Verweildauer der Kinder, gestiegene Ansprüche an die frühkindliche Bildung, wachsende Förderbedarfe und zunehmende soziale Herausforderungen. In diesem Bereich bleibt die Politik jedoch untätig.
Mit dem Partizipationszuschlag gegen Chancengerechtigkeit
Diese Mehrbelastung wird sich zudem durch eine weitere geplante Maßnahme noch intensivieren: Ab dem 01. Januar 2026 soll der sogenannte Partizipationszuschlag eingeführt werden. Kitas erhalten darüber zusätzliches Personal finanziert, wenn besonders viele Kinder aus sozioökonomisch prekären Verhältnissen kommen. Doch anstatt Chancengerechtigkeit zu schaffen, öffnet der Partizipationszuschlag Lücken: Die Zuschläge werden ausschließlich an den Anspruch auf Leistungen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket (BuT) gekoppelt. Damit profitieren nur Kinder aus Familien mit Sozialtransferleistungen - Kinder aus Minijob- oder Niedriglohnfamilien fallen durchs Raster. Zudem wird der Zuschlag erst gezahlt, wenn mindestens 20% der Kinder in einer Einrichtung BuT-Leistungen beziehen. Gleichzeitig werden bisherige Zuschläge für Kinder nicht deutscher Herkunft gestrichen sowie die Brennpunktzulage.
“Unter dem Strich bedeutet dies: 60.400 Kinder nicht deutscher Herkunft werden künftig bei der Förderung ebenso auf der Strecke bleiben wie Kinder, deren Familien nicht arm genug für BuT-Leistungen sind, aber auch nicht reich genug, um Förderung privat zu finanzieren - oder auch Kinder in einer Einrichtung mit nur 19,9% BuT-Anteil. Das hat mit Chancengerechtigkeit nichts zu tun. Das ist schlicht eine Sparmaßnahme auf dem Rücken der Kinder.” so Lars Békési. Darüber hinaus bleibt offen, wie der Partizipationszuschlag finanziert werden soll, wenn die Zahl der BuT-Kinder steigt und erheblich vom Basisjahr 2024 abweicht.
Dauerprovisorium statt Digitalisierung
Seit mindestens 30 Monaten begleitet Kita-Träger, Jugendämter und Kita-Aufsicht zudem das grandiose Scheitern der vom Land Berlin vorgehaltenen ISBJ-Software. Statt funktionierender Digitalisierung erleben Träger, Jugendämter und Kitaaufsichten ein Dauerprovisorium: Versprechungen, Ankündigungen – und dann doch wieder Systeme, die nicht stabil laufen. Die Leidtragenden sind die Beschäftigten, die sich längst wie Versuchskaninchen fühlen. „Wir reden hier nicht über kleine technische Probleme, sondern über ein strukturelles Versagen: Eine Verwaltung, die an unzureichende Dienstleister gebunden ist, weil offenbar schlecht verhandelte Verträge keinen Ausstieg zulassen – und eine Politik, die es hinnimmt.“, erklärt Lars Békési. Die Folge: Anstatt sich auf ihr Kerngeschäft - die Sorge um das Kindeswohl - konzentrieren zu können, müssen sich Träger, Jugendämter und Kitaaufsicht regelmäßig mit Fehlermeldungen herumschlagen.
Berlins Kitas brauchen dringend echte Verbesserungen, keine politischen Placebos. Notwendig sind eine verlässliche Finanzierung von Maßnahmen, verbesserte Personalschlüssel, die sich an wissenschaftlichen Standards orientieren - auch im Ü3-Bereich - , eine Förderung, die tatsächlich chancengerecht ist und endlich eine funktionierende digitale Infrastruktur.
Weniger Kinder, mehr Qualität? VKMK warnt vor Kürzungen, die Chancen verbauen
Am heutigen Tag findet im Abgeordnetenhaus im Rahmen der 53. Sitzung des Ausschusses für Bildung, Jugend und Familie unter Tagesordnungspunkt 2 eine Anhörung zum Thema “Weniger Kinder, mehr Qualität” statt. Unter anderem wurde Lars Békési, Geschäftsführer des Kitaverbands VKMK, als Experte eingeladen, in der Sitzung zu diesem Thema zu sprechen.
Am heutigen Tag findet im Abgeordnetenhaus im Rahmen der 53. Sitzung des Ausschusses für Bildung, Jugend und Familie unter Tagesordnungspunkt 2 eine Anhörung zum Thema “Weniger Kinder, mehr Qualität” statt. Unter anderem wurde Lars Békési, Geschäftsführer des Kitaverbands VKMK, als Experte eingeladen, in der Sitzung zu diesem Thema zu sprechen.
Der VKMK betont in diesem Kontext, dass weniger Kinder allein nicht automatisch zu mehr Qualität in der frühkindlichen Bildung führen - insbesondere dann nicht, wenn gleichzeitig indirekte Sparmaßnahmen vollzogen werden. Zwar wird die im Rahmen des Runden Tisch Kita geplante Verbesserung des Personalschlüssels im U3-Bereich punktuell Entlastung und Qualitätssteigerung bringen, doch gleichzeitig wird die zunehmende Mehrbelastung im Ü3-Bereich - unter anderem durch den massiven Anstieg an zusätzlichen Förderbedarfen - außer Acht gelassen. Stattdessen plant der Senat Kürzungen im Bereich der Sprachförderung.
“Besonders alarmierend ist die geplante Umstellung der Personalzuschläge. Bislang gab es gezielte Förderungen für Kinder mit nichtdeutscher Herkunftssprache (ndH). Diese sollen nun beendet werden. Mit einem sogenannten Partizipationszuschlag sollen diese Gelder gebündelt werden und künftig nur noch nach den Kriterien des Bildungs- und Teilhabepaketes (BuT) vergeben werden. Das bedeutet faktisch, dass zwei Gruppen mit besonderem Förderbedarf gegeneinander ausgespielt werden. Kinder, die eine gezielte Sprachförderung benötigen, stehen damit in Konkurrenz zu Kindern aus wirtschaftlich benachteiligten Familien. Das kann nicht unser Anspruch sein. Sprachförderung ist essentiell für Chancengleichheit und muss als eigenständige Aufgabe erhalten bleiben.”, betont Lars Békési.
In einer Stadt wie Berlin, in der jede:r Vierte einen Migrationshintergrund hat, 180 verschiedene Herkunftsländer vertreten sind und 120 Muttersprachen gesprochen werden, wäre diese Kürzung ein herber Rückschlag für die Bildungs- und Chancengerechtigkeit.
“Weniger Kinder bedeutet nicht automatisch mehr Qualität, wenn gleichzeitig wichtige Fördermaßnahmen für Kinder gekürzt werden sollen”, so Békési weiter. Eine Qualitätssteigerung kann nur erreicht werden, wenn alle relevanten Faktoren in einem ganzheitlichen Konzept berücksichtigt werden - von den Arbeitsbedingungen des pädagogischen Personals über die strukturellen und finanziellen Rahmenbedingungen der Kita-Träger bis hin zu den Voraussetzungen für eine exzellente frühkindliche Förderung. “Kürzungen durch die Hintertür dürfen nicht dazu führen, dass zentrale Bildungsaufgaben und pädagogische Qualität geschwächt werden.” mahnt Békési abschließend.
VKMK fordert dringende Maßnahmen zur gezielten Sprachförderung neu zugewanderter Kinder
In ihrer Stellungnahme “Sprachliche Bildung für neu zugewanderte Kinder und Jugendliche gestalten - Maßnahmen zur Förderung der Zielsprache Deutsch” erörtert die Ständige Wissenschaftliche Kommission (SWK), wie eine Förderung der deutschen Sprache für neu zugewanderte Kinder und Jugendliche erfolgreich gestaltet werden kann und formuliert entsprechende Empfehlungen für die Etablierung geeigneter Rahmenbedingungen in den Schulen. Die in der Stellungnahme der SWK identifizierten Herausforderungen betreffen jedoch nicht nur den schulischen Bereich, sondern sind ebenso in der frühkindlichen Bildung relevant.
In ihrer Stellungnahme “Sprachliche Bildung für neu zugewanderte Kinder und Jugendliche gestalten - Maßnahmen zur Förderung der Zielsprache Deutsch” erörtert die Ständige Wissenschaftliche Kommission (SWK), wie eine Förderung der deutschen Sprache für neu zugewanderte Kinder und Jugendliche erfolgreich gestaltet werden kann und formuliert entsprechende Empfehlungen für die Etablierung geeigneter Rahmenbedingungen in den Schulen. Hintergrund dieser Stellungnahme stellt eine signifikante Differenz der schulischen Leistungen im Vergleich zu Mitschüler:innen ohne Migrationshintergrund dar, welche bereits in verschiedenen Studien belegt wurde. Im Zuge dessen hebt die SWK auch die hohe Heterogenität der Gruppe der neu zugewanderten Kinder und Jugendlichen hervor, weshalb Sprachfördermaßnahmen flexibel und an individuelle sowie schulische Kontextbedingungen angepasst werden müssen.
Lars Békési, Geschäftsführer des VKMK:
„Die in der Stellungnahme der SWK identifizierten Herausforderungen betreffen nicht nur den schulischen Bereich, sondern sind ebenso in der frühkindlichen Bildung relevant. Gerade hier werden die entscheidenden Grundlagen für den späteren Bildungserfolg gelegt. Frühkindliche Bildung ermöglicht gezielte Sprachförderung bereits vor der Einschulung und bereitet Kinder optimal auf den Schulstart vor. Die SWK unterstreicht diese Bedeutung in ihrer Situationsanalyse:
‚Für neu zugewanderte Kinder mit geringen Deutschkenntnissen im Elementarbereich ist der Besuch einer Kita essenziell – insbesondere einer Kita, die eine hohe sprachliche Anregungsqualität bietet, Mehrsprachigkeit als Ressource betrachtet, gezielte Sprachförderansätze umsetzt und die Familien unterstützt.‘
Wie aus der Stellungnahme der SWK hervorgeht, ist die Etablierung wirksamer Sprachfördermaßnahmen äußerst komplex – sowohl in der Schule als auch in der Kita und erfordert geeignete Rahmenbedingungen. Die aktuellen Sparmaßnahmen sowie bereits in ersten Bundesländern umgesetzte Kürzungen in der Bildung gefährden jedoch zunehmend genau diese Rahmenbedingungen, die eine wirksame Sprachförderung ermöglichen. Sollte es Kitas künftig nicht mehr möglich sein, eine adäquate Sprachförderung sicherzustellen, wird die Verantwortung umso stärker auf die Schulen übergehen – mit weitreichenden Konsequenzen für die Bildungsbiografien der betroffenen Kinder.
Damit die Kitas auch künftig diese Anforderung an die frühkindliche Bildung erfüllen können, müssen sich die Koalitionspartner nach der Bundestagswahl nicht nur mit der Umsetzung des Kitaqualitätsentwicklungsgesetzes befassen - welches unter anderem die Förderung der sprachlichen Bildung sowie bundesweit einheitliche Qualitätsstandards vorsieht -, sondern sich vor allem verbindlich auf die Einführung eines bundesweiten Start-Chancen-Programms für Kitas einigen, das gezielt Einrichtungen mit einem hohen Anteil sozial benachteiligter Kinder sowie Kinder mit nicht ausreichenden Sprachkenntnissen unterstützt. Dieses Programm muss die Erkenntnisse aus dem erfolgreichen Modell „Sprach-Kitas“ aufgreifen und durch hervorragend ausgebildete Fachkräfte sowie qualitativ hochwertige Rahmenbedingungen ergänzt werden. Nur so kann eine gezielte und nachhaltige Sprachförderung in Zusammenarbeit mit den Ländern erfolgreich umgesetzt werden.
Wir schließen uns daher den Empfehlungen der SWK an und fordern, auch in der frühkindlichen Bildung Maßnahmen zu ergreifen, um die Sprachförderung weiter auszubauen und langfristig zu sichern. Unterschiedliche Programme und Maßnahmen der Länder, wie beispielsweise das Kita-Chancenjahr im Land Berlin, können dieser Herausforderung langfristig nicht gerecht werden. Vielmehr bedarf es eines abgestimmten Handelns von Bund und Ländern.“
Quelle: Sprachliche Bildung für neu zugewanderte Kinder und Jugendliche gestalten – Maßnahmen zur Förderung der Zielsprache Deutsch. (2025). In Stellungnahme der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz. https://www.swk-bildung.org/content/uploads/2024/12/SWK-2025-Stellungnahme-SprachlicheBildung.pdf.
Die Magie des Vorlesens: Mehr als nur Unterhaltung
Beim Vorlesen erwachen Texte durch die Stimme des Erzählers zum Leben. Sie entführen uns in ferne Welten und lassen uns in spannende, entspannende oder auch lehrreiche Geschichten eintauchen. Besonders in der Winterzeit, wenn die Tage kürzer, die Nächte länger und der Himmel grauer wird, kann das Vorlesen eine Atmosphäre der Wärme, Besinnlichkeit und Geborgenheit schaffen, die uns für den Moment der Geschichte die Kälte vergessen lässt.
Beim Vorlesen erwachen Texte durch die Stimme des Erzählers zum Leben. Sie entführen uns in ferne Welten und lassen uns in spannende, entspannende oder auch lehrreiche Geschichten eintauchen. Besonders in der Winterzeit, wenn die Tage kürzer, die Nächte länger und der Himmel grauer wird, kann das Vorlesen eine Atmosphäre der Wärme, Besinnlichkeit und Geborgenheit schaffen, die uns für den Moment der Geschichte die Kälte vergessen lässt.
Wie Vorlesen die Zukunft unserer Kinder prägt
Für Kinder ist diese Magie des Vorlesens noch viel intensiver und hat das Potenzial, ihre Entwicklung nachhaltig zu prägen. Es erschafft für sie einen Raum der Vertrautheit, der Verbundenheit und der Entspannung, während es gleichzeitig viel Konzentrationsfähigkeit und Aufmerksamkeit von den Kindern abverlangt. Beim Zuhören entdecken sie neue Wörter, müssen komplexe Satzstrukturen begreifen und lernen, Inhalte miteinander zu verbinden und zu verstehen. Was sich zunächst wie anstrengende Arbeit anhören mag, geschieht beim Vorlesen ganz spielerisch und unbemerkt - es fördert die Sprachentwicklung und bereitet somit Kinder ganz nebenbei auf das Lesenlernen und alle ihnen bevorstehenden Herausforderungen im Umgang mit Texten vor.
Doch nicht nur die Begegnung mit neuen Wörtern und Satzstrukturen unterstützt die Kinder in ihrer Entwicklung, auch die Geschichten selbst fördern sie auf vielfältige Weise. Die Reise in andere Welten, das Mitfühlen und Hineinversetzen in andere Charaktere, zeigt Kindern, dass es ganz viele verschiedene Lebensrealitäten gibt. Sie lernen, Empathie zu entwickeln und ein besseres Verständnis für andere Welten, Menschen und deren Perspektiven aufzubauen. Gleichzeitig werden sie durch das Vorlesen inspiriert, neugierig und kreativ zu werden, ihre eigenen Ideen zu entwickeln und neue Interessen zu entdecken.
Dieses Potenzial des Vorlesens wird am heutigen Tag gefeiert, am bundesweiten Vorlesetag, einer Initiative der Zeit, Stiftung Lesen und der Deutschen Bahn Stiftung. Unter dem Motto “Vorlesen schafft Zukunft” wird die Bedeutung des Vorlesens für die kindliche Entwicklung in den Mittelpunkt gestellt. Vorlesen ist weit mehr als nur ein Moment der Unterhaltung, es ist ein Moment, der wichtige Grundlagen für das spätere Leben legt und die Kinder auf die vielen Abenteuer vorbereitet, die noch vor ihnen liegen.
Mit Polylino in die Zukunft des Vorlesens eintauchen
Bei Polylino schafft Vorlesen nicht nur Zukunft, sondern das Vorlesen ist hier bereits in der Zukunft angekommen, indem es die Magie des Vorlesens mit modernen, digitalen Möglichkeiten kombiniert. Als marktführender digitaler Bilderbuchservice bietet Polylino Zugriff auf eine umfangreiche Sammlung von über 1.500 Büchern, die sich auf jedem Endgerät – sei es Smartphone, Tablet oder ein anderes – durchstöbern lassen. Das Besondere daran: Polylino macht keinen Stopp vor Sprachbarrieren und eröffnet dadurch neue Horizonte. Nach dem Prinzip “Solide Muttersprachkenntnisse sind der Schlüssel zum erfolgreichen Lernen.” bietet Polylino über 70 Audiosprachen, 40 Schriftsprachen und Gebärdensprache an. Damit wird nicht nur die deutsche Sprache gefördert, sondern auch die verschiedenen Muttersprachen der Kinder in Kitas berücksichtigt. Polylino ermöglicht es den Kindern, ihre eigene Muttersprache mit anderen zu teilen und weckt früh das Interesse an anderen Sprachen – eine einzigartige Gelegenheit, kulturelle Vielfalt zu erleben und voneinander zu lernen. Einige Mitglieder des VKMK setzen Polylino bereits seit einiger Zeit erfolgreich in ihrem Kita-Alltag ein und berichten voller Begeisterung von ihren Erfahrungen. Passend zur Winterzeit möchten wir daher einen kleinen Einblick geben, wie Polylino dabei helfen kann, eine warme, besinnliche Winteratmosphäre durch die Magie des Vorlesens in der Kita zu schaffen.
Jeden Monat stellt Polylino auf seiner Website neue Buchtipps vor – im November stehen die Themen „Winter“, „Weihnachten“ und „Freundschaft“ im Mittelpunkt. So wird beispielsweise in der Buchempfehlung “Von Bratäpfeln und Winterpunsch” die Geschichte eines Igelchens erzählt, der Gastgeber für das Jahresende-Abschiedsfest mit seinen Freunden ist - ein Abschiedsfest für den Winterschlaf, den Igelchen und seine Freunde halten werden. In dem Buch “Sprich darüber” dagegen erfahren Kinder durch Kaninchen und Igel, wie es ist, ein richtig guter Freund zu sein. Und am 29. November um 10:30 Uhr lädt Polylino Kitas zu einem digitalem Vorlese-Event ein, bei dem Elisabet Granlund vom Verlag Bok-Makaren die Geschichte „Gute Nacht, Willi Wiberg“ vorliest – eine liebevolle Erzählung über einen Jungen, der abends einfach nicht einschlafen möchte. Für die besondere Weihnachtsstimmung sorgt auch der magische Polylino Adventskalender, bei dem jeden Tag ein neues Kapitel eines winterlichen Abenteuers hinter den Türchen auf die Kinder wartet. Begleitet wird das Ganze von kreativen Aktivitäten und Lesetipps zu passenden Büchern aus der Polylino-Bibliothek. Darüber hinaus gibt es einen Leitfaden mit Anregungen zu Weihnachtsliedern, Aktionen und weiteren Ideen, um die Adventszeit in der Kita noch schöner zu gestalten. Auch Kitas, die Polylino aktuell noch nicht nutzen, können sich ganz unverbindlich auf der Website von Polylino für den Adventskalender anmelden. Sie erhalten dann bis zum Ende des Jahres eine kostenlose Testphase, um den magischen Adventskalender mit all seinen Überraschungen ebenfalls voll und ganz genießen zu können. Alle weiteren Infos dazu gibt es in der Bestätigungs-Mail bei Anmeldung zum Kalender.
Wir wünschen euch viel Freude beim gemeinsamen Vorlesen und beim Eintauchen in ferne Welten und abenteuerreiche Geschichten!
Sprache als Schlüssel zur Welt: Einblicke in die frühkindliche Sprachförderung
In der Welt der frühkindlichen Bildung ist Sprache weit mehr als nur ein Kommunikationsmittel – sie ist ein Schlüssel zur Entwicklung, Inklusion und der sozialen Integration. Nathalie Henschel, Fachberaterin für Diversität und Nachhaltigkeit beim Kita-Träger Kleiner Fratz nimmt uns in einem Gespräch mit auf eine Reise durch ihre vielseitige Berufserfahrung.
In der Welt der frühkindlichen Bildung ist Sprache weit mehr als nur ein Kommunikationsmittel – sie ist ein Schlüssel zur Entwicklung, Inklusion und der sozialen Integration. Nathalie Henschel, Fachberaterin für Diversität und Nachhaltigkeit beim Kita-Träger Kleiner Fratz nimmt uns in einem Gespräch mit auf eine Reise durch ihre vielseitige Berufserfahrung. In ihrem Werdegang spiegeln sich die Herausforderungen und Chancen wider, die mit der sprachlichen Förderung von Kindern verbunden sind. Von den vielseitigen Formen der Sprache über die Bedeutung der Sprache für die emotionale und soziale Entwicklung bis hin zu den unentdeckten Sprachförderbedarfen – Henschel bietet fundierte Einblicke in die komplexe Welt der frühkindlichen Sprachförderung.
„Ich bin seit zehn Jahren bei dem Träger und habe als Erzieherin angefangen“, beginnt Nathalie Henschel. Doch zu Beginn ihrer Berufslaufbahn war ihr noch nicht bewusst, welchen Weg ihre Entwicklung einnehmen würde. Vielmehr wuchs ihre Leidenschaft für die Arbeit mit Kindern und das Thema Inklusion im Laufe der Zeit. „Das kam erst nach und nach. Es ist wirklich schwierig, nach der zehnten Klasse zu wissen, was man später machen möchte. Ich meine, in der Regel ist man da 15, 16 Jahre alt und hat ganz andere Gedanken im Kopf.“, reflektiert sie, “Ich habe zuerst die Ausbildung zur Sozialassistentin gemacht, weil man da ja relativ viele Möglichkeiten hat, weiterzugehen.” Besonders prägend waren für Henschel die vielen praktischen Einblicke während dieser Zeit. „Ich habe damals gemerkt, dass ich ein Händchen für Kinder habe, das hat gut funktioniert. Und so habe ich mich entschieden, den Weg in die Erzieherausbildung einzuschlagen. Dann wurde ich im Verlaufe meiner Karriere beim Kleinen Fratz Kita-Leitung und habe auch die Zusatzqualifikation als Fachkraft für Integration gemacht, die heute als Fachkraft für Inklusion und Teilhabe bezeichnet wird. Daraufhin habe ich eine Weiterbildung gemacht, der Titel ist sehr lang, als Fachkraft zur Begleitung diskriminierungskritischer Prozesse im Handlungsfeld Kindertagesstätte.“ Auf die Frage, wie sich ihre Rolle im Laufe der Jahre entwickelt hat, erklärt Henschel: „Ich bin letztlich zur Geschäftsführung gegangen und habe gesagt, dass ich diesen Bereich unglaublich wichtig finde und ihn gerne übernehmen möchte. Dabei stieß ich auf offene Türen.“
Mehr als Worte: Die Bedeutung von Sprache in all ihren Formen für die frühkindliche Entwicklung
In Nathalies täglicher Arbeit spielt Sprache eine essenzielle Rolle. Sprache, so Henschel, sei der Schlüssel zu einem gelungenen Miteinander. „Sprache bringt Menschen zusammen“, sagt sie. Besonders in der sozial-emotionalen Entwicklung spielt Sprache eine tragende Rolle. „Es geht darum, die Kinder bei ihren Gefühlen zu begleiten“, erklärt Henschel. „Sie müssen lernen, ihre Gefühle zu benennen und zu wissen, dass es in Ordnung ist, diese Gefühle zu haben.“ Dabei ist es weniger wichtig, ob dies verbal oder nonverbal geschieht – entscheidend ist, dass Kinder Ausdrucksmöglichkeiten haben. „Alles, was vermittelt wird, muss irgendwie über Sprache vermittelt werden“, so Henschel. Gerade die Fähigkeit, Grenzen zu kommunizieren und die Grenzen anderer durch Kommunikation zu erkennen, ist essentiell für ein harmonisches Miteinander. „Sprache hilft dabei, Konflikte zu reduzieren, weil Kinder durch Sprache lernen, was Grenzen sind und wie sie mit den Gefühlen anderer umgehen können. Und ab einem gewissen Alter, meistens ab drei Jahren, hängt fast alles von der Sprache ab“, erklärt Henschel. „Viele kognitive Fähigkeiten können erst richtig erfasst werden, wenn die sprachlichen Fähigkeiten vorhanden sind.“ Dies wird in der pädagogischen Praxis durch verschiedene Beobachtungsinstrumente, wie zum Beispiel die Kuno Beller-Tabelle, erhoben. Doch Henschel warnt davor, die Sprache nur auf die verbale Kommunikation zu reduzieren. „Menschen, die nicht verbal kommunizieren können, haben ja auch eine Art von Sprache. Das hat ja dann nichts mit den kognitiven Fähigkeiten dieser Menschen zu tun. Ich finde, das muss man auseinanderhalten und ich glaube, da muss auch ein Umdenken stattfinden“, betont sie. Ein Umdenken ist notwendig, um jegliche Form der Kommunikation – sei es durch Gestik, Mimik oder Gebärden – als Sprache anzuerkennen. Gerade in der frühkindlichen Bildung sollte es selbstverständlich sein, dass Pädagog:innen auch in der Nutzung von Gebärden oder gebärdenunterstützender Kommunikation geschult werden. „Man kann so viele Dinge auch nonverbal vermitteln, und das sollte stärker in den Fokus rücken“, fordert Nathalie. „Wir hatten eine Familie mit einem gehörlosen Kind in meiner damaligen Kita“, erinnert sich Henschel. „Gebärdensprache konnten wir damals nicht, aber wir haben mit GUK gearbeitet, also mit gebärdenunterstützender Kommunikation.“ Diese Methode verwendet nur zentrale Schlüsselwörter, um die Kommunikation zu erleichtern, was sich als äußerst hilfreich für alle Kinder erwies. „Das ist besonders gut auch für Kinder, die Deutsch als Zweitsprache haben, weil man so eine gemeinsame Kommunikationsebene schafft“, betont Henschel. Durch einfache Zeichen wird dabei für alle eine klare und verständliche Struktur geschaffen. „Nach dem Mittagessen hatten wir immer eine Bücherrunde. Das war ein festes Ritual, und wir haben dafür die Gebärden für 'Buch' und 'Runde' verwendet. So wussten die Kinder sofort, was als Nächstes passiert“, berichtet Henschel. Auf die Frage, ob sie sich eine breitere Integration der Gebärdensprache in Kitas vorstellen könne, antwortet Henschel begeistert: „Strukturell wäre es großartig, wenn alle Kinder von klein auf Gebärdensprache lernen könnten.“ Sie betont, wie viel Druck dadurch von manchen Menschen genommen werden könnte, die im Alltag oft mit Barrieren konfrontiert sind. „Behördengänge zum Beispiel sind für viele Menschen ohne Gebärdensprache unglaublich herausfordernd. Wenn mehr Menschen Gebärdensprache beherrschen würden, wäre das ein Riesenschritt in Richtung Inklusion.“ Doch nonverbale Kommunikation geht über Gebärdensprache hinaus. Gerade bei sehr kleinen Kindern, die noch keinen vollständigen Wortschatz besitzen, ist es oft die einzige Möglichkeit, sich verständlich zu machen. „Nehmen wir die Krippenkinder, die mit einem Jahr zu uns kommen“, beginnt Henschel. „Die haben noch keinen voll ausgebildeten Wortschatz, aber im Laufe der Eingewöhnung und durch die Bindungsarbeit lernt man das Kind kennen. Es ist letztlich wie in einer Partnerschaft. Irgendwann sieht man seinem Partner oder seiner Partnerin an, was er oder sie gerade fühlt oder möchte. Und nichts anderes ist es. Es ist ganz viel Beziehungsarbeit, die stattfinden muss. Man muss die Kinder beobachten und was sonst auch immer funktioniert, sind kleine Bildkärtchen, wo sie dann draufzeigen können, was sie möchten.“ Diese intensive Beziehungsarbeit, die darauf basiert, die Bedürfnisse und Gefühle eines Kindes durch Beobachtung zu erkennen, ist zentral in der Arbeit mit kleinen Kindern. Es ist ein Mittel, um emotionale Sicherheit und Teilhabe zu gewährleisten. „So können Kinder, die noch nicht sprechen können, trotzdem klar machen, was sie brauchen“, erklärt Henschel.
Undiagnostizierte Sprachförderbedarfe: Die versteckten Herausforderungen für die frühkindliche Bildung
Nathalie Henschel betont in ihrem Gespräch nicht nur die zentrale Rolle der Sprache für das soziale Miteinander und die kindliche Entwicklung, sondern verweist auch auf die wachsende Zahl von Kindern mit Sprachförderbedarf und die damit verbundenen Herausforderungen, denen sich Kitas zunehmend gegenübersehen. Besonders unerkannte Sprachdefizite sowie veränderte Lebensgewohnheiten und Mediennutzung verschärfen die Situation erheblich. “Allgemein ist Sprachförderung ein großes Thema.“ Henschel äußert sich dabei besorgt darüber, dass viele Kinder mit einem nicht diagnostizierten Sprachförderbedarf in die Kitas kommen. „Es gibt verschiedene Methoden und Beobachtungsinstrumente, um den Sprachstand zu evaluieren, aber ich denke, es gibt viele Kinder, bei denen der Sprachförderbedarf nicht erkannt wird.“ Diese Kinder sind dann auf die Unterstützung der Erzieher:innen angewiesen, die versuchen, die sprachlichen Defizite im Kita-Alltag aufzufangen. Unter anderem führt Nathalie diesen Anstieg an Sprachförderbedarfen auf veränderte Lebensgewohnheiten und Mediennutzung zurück: „Früher waren wir viel draußen, haben uns mit anderen Kindern und Erwachsenen unterhalten. Heutzutage werden viele Kinder schon im ersten Lebensjahr vor den Fernseher oder YouTube gesetzt, wo sie teilweise Inhalte in verschiedenen Sprachen sehen, mitunter Videos auf Russisch, Japanisch, Spanisch, Englisch. Das kann so ein kleines Gehirn alles gar nicht verarbeiten“ Gleichzeitig beobachtet Henschel, dass manche Familien ihre Kinder vermehrt vor Medien „parken“, anstatt aktiv mit ihnen zu kommunizieren. „Man sieht Kinder, die im Kinderwagen sitzen und auf dem Weg zur Kita ein Handy in der Hand haben, anstatt mit den Eltern über die Umgebung zu sprechen – über die Bäume, die Straße oder die Käfer.“ Henschel hebt hervor, dass Kinder Bewegung brauchen, um zu lernen. Doch durch die zunehmende Bildschirmnutzung wird dieser natürliche Lernprozess oft eingeschränkt. „Wenn Kinder den Großteil ihrer Zeit zu Hause vor Bildschirmen verbringen, ohne ausreichend Bewegung und direkte Kommunikation, ist es schwierig für sie, ihre sprachlichen Fähigkeiten zu entwickeln“, betont sie. Henschel berichtet, dass viele dieser Kinder undeutlich sprechen. In vielen Fällen geht das auch auf unerkannte Hörprobleme zurück. „Es gibt relativ viele Kinder, bei denen sich Wasser im Ohr sammelt, das nicht richtig ablaufen kann. Da braucht es Röhrchen, die eingesetzt werden. Das ist ein kleiner Eingriff, meistens noch mit Polypenentfernung dazu. Das ist ein sehr langer Prozess, weil die meisten Kinderärzte das nicht so sehen. Wir schicken die Eltern dann zum HNO-Arzt, dort wird ein Hörtest gemacht. Aber das zieht sich so lange, dass die Kinder mit unter drei, vier Jahren alt sind und dann drei, vier Jahre alt gehört haben, als wenn sie unter Wasser wären.“ Die Folge dieser Hörprobleme ist nicht nur eine undeutliche Aussprache, sondern auch ein eingeschränkter Wortschatz. „Solche Kinder brauchen dringend logopädische Unterstützung“, erklärt Henschel. „Das kann keine Kita leisten. Wir sind nicht dafür ausgebildet, Kindern beizubringen, wie sie deutlich sprechen sollen.“
Brücken bauen: Wie Kitas erfolgreich mit Sprachunterschieden umgehen
Neben den Herausforderungen durch unerkannte Sprachförderbedarfe und veränderte Lebensgewohnheiten sieht Nathalie Henschel eine weitere zentrale Frage: Wie kann in einer multikulturellen und mehrsprachigen Umgebung eine erfolgreiche, gemeinsame Kommunikation gelingen? „Man muss erst mal schauen, dass man einen gemeinsamen Kommunikationsweg findet“, erklärt sie. Glücklicherweise sind viele Kitas beim Kleinen Fratz gut ausgestattet, etwa mit Bildkärtchen, die für eine grundlegende Verständigung genutzt werden. Auch digitale Hilfsmittel wie Übersetzungs-Apps kommen zum Einsatz. „Viele Einrichtungen haben Google, aber die Herausforderung besteht darin, herauszufinden, ob die Kinder ihre Muttersprache altersgerecht beherrschen.“ Denn die Sprachkompetenz in der Muttersprache spielt eine Schlüsselrolle für den Spracherwerb der deutschen Sprache. Henschel betont: „Wenn die Kinder die Muttersprache noch nicht altersgerecht sprechen, ist es schwierig, dass sie sich auf Deutsch fokussieren.“ In den Einrichtungen vom Kleinen Fratz sind die Teams sehr divers und können viele Sprachen abdecken. „Englisch funktioniert in den meisten Einrichtungen gut, Türkisch und Arabisch sind auch gut abgedeckt, und mittlerweile auch Ukrainisch“, berichtet Henschel. Doch es gibt Sprachen, die nicht repräsentiert sind. In solchen Fällen wird auf die Zusammenarbeit mit den Eltern zurückgegriffen, um den Sprachstand in der Muttersprache zu ermitteln. In den Kitas, die besonders erfolgreich bei der Sprachförderung sind, hat sich gezeigt, dass eine solche ganzheitliche Vorgehensweise besonders wirksam ist. Nathalie Henschel beschreibt dies folgendermaßen: „In den Einrichtungen, in denen sich das gesamte Team intensiv mit dem Thema Sprachförderung auseinandergesetzt hat, und wo die Eltern aktiv eingebunden wurden, konnte oft ein großer Erfolg erzielt werden. Wenn die Kinder ihre Muttersprache in der Einrichtung gefunden haben – sei es durch Musik oder durch Schriftarten wie Arabisch – und wenn Eltern Bücher auf Deutsch und in einer anderen Sprache vorlesen, hat sich das positiv ausgewirkt. Solche umfassenden Ansätze führen dazu, dass die Kinder die deutsche Sprache schneller aufnehmen.“ In Bezug auf die Zusammenarbeit mit den Eltern im Rahmen der Sprachförderung betont Henschel besonders einen zentralen Appell: „Das Wichtigste, was wir den Eltern mitgeben, ist, dass sie konsequent in ihrer Muttersprache bleiben.“Oft hätten Eltern das berechtigte Interesse, dass ihre Kinder möglichst schnell Deutsch lernen, vor allem mit Blick auf die Schule. „Das ist natürlich völlig verständlich, aber es ist wichtig zu betonen, dass die Eltern keine Muttersprachler sind. Sie machen unbewusst kleine Fehler, wenn sie versuchen, Deutsch zu sprechen“, so Henschel. „Das ist absolut in Ordnung, wenn sie mit uns sprechen und sie wollen es ja auch lernen. Sie können mit ihren Kindern die deutschen Wörter immer wieder üben, aber letztendlich bleibt ihre Muttersprache das Fundament.“ Sie unterstreicht: „Es ist entscheidend, dass die Kinder ihre Muttersprache richtig erlernen, und wir sind dann für das Deutsch verantwortlich.“
Sprachliche Förderung im Kita-Chancenjahr: Möglichkeiten und Grenzen
Nachdem Nathalie Henschel die Bedeutung einer ganzheitlichen Sprachförderung in mehrsprachigen Kitas hervorgehoben hat, richtet sie den Fokus auf ein weiteres zentrales Thema: die Chancengleichheit. Besonders deutlich wird dieser Aspekt bei Kindern, die Deutsch als Zweitsprache sprechen oder erst spät in die Kita kommen. Henschel reflektiert dabei, wie herausfordernd es ist, allen Kindern die gleichen sprachlichen Startbedingungen zu ermöglichen. „Viele Kinder, die Deutsch als Zweitsprache sprechen oder erst spät in die Kita kommen, haben es schwer, bis zum Schuleintritt denselben sprachlichen Stand wie ihre deutschsprachigen Altersgenossen zu erreichen“, gibt sie zu bedenken. Es sei zwar wünschenswert, dass alle Kinder die gleichen Voraussetzungen hätten, aber dies sei momentan „relativ utopisch“. Das Kita-Chancenjahr, das den Kindern das letzte Jahr vor Schuleintritt in den Kitas ermöglichen soll, wird als eine wichtige Maßnahme zur Verbesserung der Sprachförderung und Chancen- und Bildungsgleichheit gesehen. Doch Henschel weist auf zahlreiche Schwierigkeiten hin, die in der Umsetzung dieses Konzepts bestehen. „Es ist ein guter Schritt, dass die Kinder das letzte Jahr vor der Schule in die Kitas kommen sollen“, beginnt Henschel ihre Überlegungen. „Das ist nicht nur für die Sprachentwicklung wichtig, sondern auch für das soziale Umfeld. Kinder lernen, wie man miteinander umgeht und gewöhnen sich so langsam an die Struktur einer größeren Gruppe, was den Übergang in die Schule erleichtert.“ Doch trotz der positiven Grundidee sieht Henschel auch erhebliche Probleme: „Ich finde es schwierig, dass die Pädagogen und Pädagoginnen innerhalb von einem Jahr den Kindern die deutsche Sprache vermitteln sollen. Das ist eine riesige Aufgabe, die einfach nicht in der aktuellen Struktur leistbar ist. Also es wird den Pädagogen und Pädagoginnen in den Kindertageseinrichtungen immer mehr auferlegt, was aber gar nicht machbar ist.“ Die Erwartungen an die Erzieher:innen sind enorm hoch, ohne dass gleichzeitig ausreichend Unterstützung oder Personal bereitgestellt wird. „Dafür bräuchte es logopädische Fachkräfte, weil es sind ja nicht nur die Kinder, die das letzte Jahr vor der Schule kommen. Es sind ja auch die Kinder, die schon in den Einrichtungen sind.“, sagt Henschel. Zwar gibt es speziell weitergebildete Spracherzieher:innen, doch auch diese können die Arbeit nicht alleine tragen. „Es ist uns allen klar, dass Sprachförderung eine Teamaufgabe ist, aber es sind einfach zu viele Themen, die gleichzeitig bewältigt werden müssen. Das klappt so nicht“, fügt sie hinzu. Henschel plädiert daher für die Einbindung von multiprofessionellen Teams in den Kitas, um den steigenden Anforderungen gerecht zu werden. „Es bräuchte eigentlich in jeder Einrichtung eine logopädische Fachkraft“, betont sie. „Diese könnte das Team anleiten und genau sagen, was in der Sprachförderung zu tun ist. Uns fehlt da einfach auch das nötige Fachwissen.“ Die Aufgabe, den Sprachstand innerhalb eines Jahres anzuheben, sei ohne externe Expertise und Unterstützung kaum realisierbar. Multiprofessionelle Teams, die Logopäd:innen, Pädagog:innen und weitere Fachkräfte umfassen, wären ein wichtiger Schritt, um den Kindern die bestmögliche Unterstützung zu bieten.
Bewegung, Musik und Empathie: Wie alltagsintegrierte Sprachförderung aussehen kann
Um die vielschichtigen Herausforderungen und Aspekte der Sprachförderung im Kita-Alltag zu bewältigen, kommen beim Kleinen Fratz ganz unterschiedliche Methoden zum Einsatz. Ein überraschend wirksames Mittel zur Integration von Kindern mit besonderem Sprachförderbedarf ist die Unterstützung durch andere Kinder. „Die Kinder werden tatsächlich am meisten von anderen Kindern unterstützt“, berichtet Henschel. Beim Kleinen Fratz ist es zum Beispiel üblich, dass ein weiteres Kind bei der Eingewöhnung hilft. „Normalerweise macht die Eingewöhnung ja ein Erzieher oder eine Erzieherin. Und wir hatten immer noch ein Kind dabei, was uns unterstützt hat bei der Eingewöhnung. Weil letztendlich wird das Kind ja in die Kita eingewöhnt. Natürlich braucht es Bindungsarbeit ohne Frage. Aber es ist viel einfacher, wenn man das Kind schon mit einem anderen Kind connectet. Und die Kinder kennen sich bestens aus in den Einrichtungen. Die wissen, wie der Ablauf ist. Und dann nehmen sie das Kind an die Hand und dann geht's los.“, erklärt sie. „Für Kinder spielt die Sprache gar nicht so eine große Rolle. Kinder spielen einfach miteinander.“ Im weiteren Kita-Alltag wird die Sprachförderung durch verschiedene Strategien unterstützt. Dabei setzten die PädagogInnen auf eine Kombination aus Gesten, Bildkarten und Handlungen. „Es gibt keine festgelegte Strategie für die alltagsintegrierte Sprachförderung“, sagt Henschel. „Wenn wir sagen, es geht jetzt zum Zähneputzen, dann zeigen wir dem Kind die Zahnbürste und Zahnpasta.“ Auch haptische Hilfsmittel wie ein Bär, der jeden Morgen von den Kindern wettergerecht angezogen wird, helfen den Kindern, den Alltag zu verstehen und sich sprachlich zu orientieren. Diese alltagsnahen Methoden werden durch den gezielten Einsatz von Materialien ergänzt. Neben traditionellen Hilfsmitteln wie Büchern und Lernspielen betont Henschel besonders die Bedeutung von Musik. „Musik ist definitiv ein wichtiges Element. Alles an Bewegungsliedern, wie zum Beispiel ‚Grün, Grün, Grün sind alle meine Farben‘ oder ‚Kopf, Schulter, Knie und Fuß‘, ist entscheidend. Lieder, die Bewegung und Sprache verknüpfen, sind eines der wichtigsten Dinge, um Sprache zu vermitteln.“ Der Zusammenhang zwischen Bewegung und Sprache ist ein zentrales Thema in der Sprachförderung und beginnt bereits bei der Grundlage für eine erfolgreiche Sprachförderung: der Konzentrationsfähigkeit. Henschel erklärt: „Bewegung ist allgemein wichtig. Ein Kind, das sich nicht körperlich betätigt hat, wird Schwierigkeiten haben, sich zu konzentrieren. Wenn ein Kind unruhig ist oder einen hohen Bewegungsdrang hat, ist es wenig sinnvoll, es zum Sitzen und Buchlesen zu bringen.“ Neben der allgemeinen Bewegung betont Henschel, dass der Körper des Kindes bereits grundlegende Formen lernen muss, bevor diese durch die Feinmotorik nachgebildet werden können. „Wenn ein Kind sich nicht rollen kann auf dem Boden, dann fällt es dem Kind schwer, ein ‘O’ zu schreiben. Es lernt immer zuerst der Körper, also die Grobmotorik, und dann kommt die Feinmotorik. Und wenn Kinder anfangen, sich hinzustellen, bildet ihr Körper ein Dreieck. Genau das gleiche Dreieck lernen sie dann auch mit der Hand. Die körperlichen Lernprozesse sind also die Basis für die sprachlichen und motorischen Fertigkeiten.“ Obwohl es viele Beispiele gibt, wie Bewegung und Sprache miteinander verknüpft sind, hebt Henschel hervor: „Es gibt Kinder, die sich mit einem Rollstuhl fortbewegen und trotzdem schreiben können, wenn ihre Hände es erlauben. Es ist nur einfacher, wenn der Körper bestimmte Bewegungsabläufe schon vorher gelernt hat.“ Diese Ansätze zur Sprachförderung erfordern eine besondere Haltung von den pädagogischen Fachkräften. Henschel unterstreicht die zentrale Rolle von Geduld und Empathie im Umgang mit den Kindern. "Geduld und Empahtie ist das A und O", sagt sie, denn der stressige Kita-Alltag könne oft fordernd sein. „Also wenn wir laut werden, dann sprechen sie irgendwann genauso mit uns. Wenn wir anfangen, nur noch Zwei-Wort-Sätze zu benutzen, weil uns der Alltag zu stressig ist, dann machen die Kinder das irgendwann genauso." Neben Geduld und Empathie sind Selbstregulation und Reflexionsfähigkeit essenziell. „Man muss sich jeden Tag neu bewusst machen, wie man mit anderen umgeht“, erklärt Henschel. Offenheit und Transparenz in der Kommunikation mit den Kindern sind ebenfalls entscheidend: „Das wollen wir ja auch von den Kindern. Wir wollen ja auch, dass sie uns ihre Gefühle mitteilen. Und das können sie nur, wenn wir das auch machen." Diese Ehrlichkeit schafft Vertrauen, eine sichere Bindung und fördert die Sprachentwicklung, da die Kinder sich sicher fühlen und ermutigt werden, ihre eigenen Gefühle auszudrücken.
Kleine Gruppen, große Fortschritte: Die gezielte Sprachförderung in der frühkindlichen Bildung
Die gezielte Sprachförderung unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von der alltagsintegrierten Sprachförderung. Während im Alltag alle Kinder automatisch sprachlich gefördert werden, geht es bei der gezielten Sprachförderung explizit um jene Kinder, bei denen ein erhöhter Förderbedarf festgestellt wurde. Nathalie Henschel erklärt: „Bei der gezielten Sprachförderung wissen wir genau, dass ein Bedarf da ist, und dafür gibt es spezielle Sprachförderkräfte in einigen Einrichtungen." Im Vergleich zur alltagsintegrierten Sprachförderung zeigen sich die Erfolge der gezielten Sprachförderung deutlicher und schneller. „In einer Einrichtung mit 35 Kindern, was ja eher klein ist, geht vieles im Alltag unter", so Henschel. Besonders Kinder, die ruhig oder schüchtern sind, kommen oft nicht so häufig zu Wort, obwohl sie viel aufnehmen. Die Sprachförderkräfte arbeiten oft in kleinen Gruppen, um den Kindern gezielt Raum und Aufmerksamkeit zu geben. „Es gibt Kinder, die sehr wortstark sind und ständig das Wort ergreifen, während andere ruhiger sind und in größeren Gruppen kaum zu Wort kommen. In Kleingruppen haben auch die stilleren Kinder die Möglichkeit, sich mitzuteilen und neue Wörter zu lernen.“ Die gezielte Sprachförderung ist besonders vorteilhaft für schüchterne oder introvertierte Kinder, aber auch für jene, die schnell abgelenkt sind. Henschel erklärt: „Es gibt Kinder, die einen Sprachförderbedarf haben, aber durch ihre Freundeskreise schnell abgelenkt werden. In solchen Fällen versuchen wir, die Freundesgruppe in das Sprachförderangebot einzubinden, um die Kinder gezielt zu fördern, während sie sich in ihrer sozialen Umgebung wohlfühlen." Besonders wichtig bei der gezielten Sprachförderung ist die Beziehung zwischen Kind und Fachkraft. „Wenn es um Eins-zu-eins-Situationen geht, wie etwa bei den Sprachlehrtagebüchern oder Interviews, sollte die Fachkraft eine gute Bindung zum Kind haben“, betont Henschel. Das Vertrauen spielt eine wesentliche Rolle, damit sich das Kind wohlfühlt und in der Sprachförderung erfolgreich ist. Wenn es allerdings um Gruppensituationen geht, ist die Bindung weniger entscheidend, solange das Kind sich in der Gruppe sicher fühlt. Beim Kleinen Fratz wird für die gezielte Sprachförderung gerne auf das Medium „Polilyno“ zurückgegriffen, wie Nathalie hervorhebt. „Polilyno liest den Kindern in ihrer Muttersprache vor, und die pädagogische Fachkraft liest dann den Text auf Deutsch. So können die Kinder neue Wörter kennenlernen, ohne die Vertrautheit ihrer Muttersprache zu verlieren.“ Dieses Vorgehen hat in der Praxis bereits große Erfolge gezeigt: „Wir hatten Kinder mit Polnisch als Muttersprache, und schon nach zwei, drei Wochen kannten sie neue Wörter, selbst wenn es nur Katze, Hund und Maus waren. Man hat Erfolge gesehen. Und die Kinder freuen sich, weil es ihre Muttersprache ist, weil sie ihre Muttersprache in den Einrichtungen hören.“
Das Gespräch mit Nathalie Henschel verdeutlicht eindrucksvoll, wie zentral Sprache in der frühkindlichen Bildung ist – weit über das bloße Sprechen hinaus. Sprachförderung in der frühkindlichen Bildung ist ein komplexes, aber unverzichtbares Feld, das eine kontinuierliche Reflexion und Anpassung an die individuellen Bedürfnisse der Kinder und ihrer Familien und an die sich verändernden Zeiten erfordert.
Neuste OECD-Studie: eine hausgemachte Perspektivlosigkeit?
Die jüngsten Ergebnisse einer OECD-Studie haben Deutschland in Bezug auf Bildungsabschlüsse in ein zwielichtiges Licht gerückt. Während die Zahl der Abschlüsse auf höherem Niveau stieg, nahm die Kluft zwischen denen, die keinen Sekundarschulabschluss erreichen, und denen mit tertiären Bildungsabschlüssen zu. Die Fakten sind alarmierend, aber sie weisen auf ein tiefer liegendes Problem hin - die konstante Unterfinanzierung der frühkindlichen Bildung.
Die jüngsten Ergebnisse einer OECD-Studie haben Deutschland in Bezug auf Bildungsabschlüsse in ein zwielichtiges Licht gerückt. Während die Zahl der Abschlüsse auf höherem Niveau stieg, nahm die Kluft zwischen denen, die keinen Sekundarschulabschluss erreichen, und denen mit tertiären Bildungsabschlüssen zu. Die Fakten sind alarmierend, aber sie weisen auf ein tiefer liegendes Problem hin - die konstante Unterfinanzierung der frühkindlichen Bildung.
Die OECD-Studie, die kürzlich veröffentlicht wurde, zeigt, dass Deutschland eines der beiden untersuchten Länder ist, in denen der Anteil der 25- bis 34-jährigen Bevölkerung ohne Abschluss im Sekundarbereich II gestiegen ist. Dieser Anstieg von 13 auf 16 Prozent zwischen 2015 und 2022 verdeutlicht, dass viele junge Menschen den Bildungsweg nicht erfolgreich abschließen können.
Aber warum ist das so?
Es ist von entscheidender Bedeutung zu erkennen, dass die alleinige Verantwortung für den Bildungserfolg nicht nur in den Schuljahren verankert werden sollte. Tatsächlich beginnt die entscheidende Phase für die Bildung eines Kindes viel früher, in den ersten Lebensjahren. Hier werden die Grundlagen für die Bildungslaufbahn gelegt, und diese Phase kann als eine Art Fundament betrachtet werden, auf dem der gesamte Bildungsaufbau erfolgen wird.
Erkennen von Herausforderungen und gezieltes Fördern von Stärken sind hier die Essenzen der späteren Entwicklung.
Kognitive Entwicklung: In den frühen Jahren werden die kognitiven Fähigkeiten eines Kindes geformt. Dies umfasst grundlegende Fertigkeiten wie das Erkennen von Buchstaben, Zahlen und Formen. Diese Grundlagen sind entscheidend für das spätere Verständnis komplexerer Konzepte in den höheren Bildungsjahren.
Sprachliche Entwicklung: Die Entwicklung der Sprache ist ein Schlüsselelement für den Bildungserfolg. In den ersten Lebensjahren erwerben Kinder nicht nur ihre Muttersprache, sondern legen auch den Grundstein für das Erlernen weiterer Sprachen. Frühzeitige Förderung in diesem Bereich kann die sprachlichen Fähigkeiten stärken, was sich positiv auf das spätere Lesen, Schreiben und Verstehen komplexer Texte auswirkt.
Soziale und emotionale Kompetenzen: Die frühkindliche Phase ist entscheidend für die Entwicklung von sozialen Fähigkeiten wie Empathie, Kooperation und Konfliktlösung. Diese Kompetenzen sind nicht nur im schulischen Umfeld wichtig, sondern begleiten ein Individuum auch sein ganzes Leben lang und beeinflussen sein Verhalten und seine Beziehungen.
Lernmotivation und Selbstvertrauen: In den frühen Jahren wird auch die Lernmotivation und das Selbstvertrauen eines Kindes geprägt. Kinder, die positive Erfahrungen mit dem Lernen und Entdecken machen, entwickeln oft eine innere Motivation, Wissen zu erwerben. Umgekehrt können negative Erfahrungen in dieser Phase das Lerninteresse beeinträchtigen.
Fähigkeiten zur Problemlösung: Die Fähigkeit, Probleme zu erkennen und Lösungen zu finden, wird in den ersten Lebensjahren geschult. Diese Fähigkeiten sind entscheidend für die Bewältigung komplexer Aufgaben und Herausforderungen in der späteren Schullaufbahn und im Berufsleben.
Kinder, die in mehrsprachigen Haushalten aufwachsen, stehen oft vor besonderen Herausforderungen im Bildungssystem Deutschlands. Die OECD-Studie spricht von einem starken Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und dem anschließenden Bildungserfolg. Dieser Zusammenhang betrifft nicht nur den Zugang zu Bildungsressourcen, sondern auch die gesellschaftliche Wahrnehmung von kultureller Vielfalt. Die Fähigkeit, mehrere Sprachen zu beherrschen, ist eine bemerkenswerte Stärke, die aufgrund ihrer enormen Vorteile gefördert werden sollte. Leider wird diese Stärke in einem Bildungssystem, das primär auf die Dominanz der vorherrschenden Unterrichtssprache, in diesem Fall Deutsch, ausgerichtet ist, oft nicht entsprechend gewürdigt und daraus resultierende Herausforderungen werden nicht entsprechend berücksichtigt.
Es ist wichtig zu betonen, dass diese scheinbaren Verzögerungen im Spracherwerb in einem klaren Kontext stehen: Kinder aus mehrsprachigen Haushalten erwerben nicht nur eine, sondern mehrere Sprachen parallel. Dies erfordert zusätzliche geistige Anstrengungen und Ressourcen, die oft übersehen werden. Leider wird diesen Kindern häufig nicht die gezielte Förderung und Unterstützung gewährt, die sie benötigen, um auf dem gleichen Niveau wie ihre monolingualen Mitschülerinnen und Mitschüler zu sein. Die Folgen dieses Mangels an Förderung und letztendlich auch an Anerkennung sind tiefgreifend. Kinder aus mehrsprachigen Haushalten können sich unsicher fühlen und sich selbst als weniger fähig wahrnehmen, da sie im System frühzeitig die Botschaft erhalten, dass sie in bestimmten Bereichen nicht ausreichende Leistung vollbringen. Diese anhaltende Unsicherheit und das Gefühl der Unterlegenheit können sich negativ auf ihre Lernmotivation, ihr Selbstvertrauen und ihre schulische Leistung auswirken.
Das eigentliche Problem liegt jedoch nicht bei den Kindern, sondern im Bildungssystem selbst. Das System muss dringend umgestaltet werden, um die besonderen Bedürfnisse und Potenziale mehrsprachiger Kinder zu erkennen und zu fördern. Wenn dies nicht geschieht, setzen wir Kinder von Anfang an dem Risiko der Perspektivlosigkeit aus, da sie fälschlicherweise annehmen könnten, dass der Fehler bei ihnen oder gar ihrer Mehrsprachigkeit liegt, nicht aber bei dem ausgelegten Bildungssystem, das nicht in der Lage ist, angemessen auf die klaren Chancen zu reagieren, die die Multilingualität bietet.
In einer Zeit, in der die Globalisierung unsere Welt immer stärker vernetzt und die Bildung zunehmend zu einem entscheidenden Faktor für individuellen und gesellschaftlichen Erfolg wird, ist es zweifellos von unschätzbarem Wert, einen höheren Bildungsgrad zu erreichen. Ein solcher Abschluss eröffnet nicht nur Perspektiven in Deutschland, sondern auch international und ermöglicht den Zugang zu globalen Chancen. Doch dürfen wir nicht vergessen, dass unsere Gesellschaft vielfältig und facettenreich ist. Nicht alle streben nach den gleichen Zielen und Idealen und es ist von großer Wichtigkeit, die Bedürfnisse und Potenziale aller Individuen ausreichend zu berücksichtigen.
In dieser multikulturellen und multilingualen Gesellschaft ist es entscheidend, auch diejenigen zu motivieren und Perspektiven zu setzen, die nicht zwangsläufig einen höheren Bildungsgrad anstreben. Eine breite Palette von beruflichen Förderungen und Entfaltungsmöglichkeiten sollte perspektivisch zur Verfügung stehen, um den individuellen Interessen und Fähigkeiten gerecht zu werden. Nicht jede/r Schüler*in ist auf dem Weg zur Universität oder dem akademischen Erfolg, und das ist keineswegs ein Zeichen von Mangel an Ambition oder Fähigkeiten. Es gibt viele hochintelligente, talentierte Menschen, die andere Wege wählen, sei es in der beruflichen Bildung, kreativen Künsten oder anderen Bereichen, die gleichermaßen wertvoll und bedeutend für unsere Gesellschaft sind. Es ist an der Zeit, eine Bildungspolitik zu fördern, die Vielfalt und Inklusion schätzt und die unterschiedlichen Bildungsziele und Lebenswege gleichermaßen unterstützt. Wir müssen die individuellen Stärken und Potenziale aller erkennen und ihnen die Möglichkeit geben, ihr Bestes zu entfalten, unabhängig von ihrem gewählten Bildungsweg.
Die ausreichende Bereitstellung von Ressourcen und finanziellen Mitteln für frühkindliche Bildungseinrichtungen ist von entscheidender Bedeutung. Die frühkindliche Bildung sollte nicht nur als Vorbereitung auf spätere Schuljahre angesehen werden, sondern als eine Institution, in der Kinder ihre Stärken erkennen und ausbauen sowie Herausforderungen selbstbewusst überkommen können.
Die momentane Situation, der sich viele Kitas gegenüberstehen sehen, erschwert dies leider erheblich. Eine anhaltende Unterfinanzierung und der Personalmangel erschweren die individuelle Förderung jedes Kindes ungemein. Nicht selten bleiben Herausforderungen somit unentdeckt oder erhalten nicht die notwendige, individuelle Aufmerksamkeit. So können sie sich weiterentwickeln und ausbauen und werden oftmals erst in den schulischen Jahren deutlich sichtbar, bei erheblichen Leistungsdifferenzen zu den Mitschülerinnen und Mitschülern. Die nun notwendigen Förderungen, um die Defizite erfolgreich zu überkommen, sind mannigfaltig. Die Herausforderungen, die sich dadurch persönlich und im Selbstwert des Kindes verankern, werden von außen oftmals unterschätzt. Wir benötigen einen Rahmen, in dem die Einzigartigkeit der Kinder wahrgenommen und gefördert werden kann. Nur so können wir sicherstellen, dass Kinder ihren eigenen Bildungsweg gestalten, basierend auf persönlichen Entscheidungen und Stärken, nicht aber auf Begrenzungen und Perspektivlosigkeit. Es liegt an uns, diese Veränderungen in der Bildung zu bewirken, indem wir die Bedeutung der frühkindlichen Bildung anerkennen, die Vielfalt der Bildungswege schätzen und die Chancen für jedes Kind gleichermaßen öffnen. Nur so können wir sicherstellen, dass Bildung nicht eine Quelle der Begrenzung ist, sondern ein Weg zur Entfaltung des vollen Potenzials eines jeden Einzelnen, und damit zur Stärkung unserer Gesellschaft als Ganzes.
Eine Gesellschaft, in der Menschen die Möglichkeit haben, sich in ihren Stärken zu entfalten, unabhängig von ihrem Bildungsgrad, würde eine unglaubliche Vielfalt an Talenten, Fähigkeiten und Ideen hervorbringen. Es ist an der Zeit, die frühkindliche Bildung und individuelle Förderung als Investition in unsere gemeinsame Zukunft zu betrachten, denn wenn jeder sein volles Potenzial ausschöpfen kann, werden wir alle davon profitieren.