Presse, Blog VKMK Presse, Blog VKMK

Kita-Weltreise: Mit Kleiner Fratz nach Rumänien

Wie sieht frühkindliche Bildung in anderen Teilen der Welt aus? Wie gestalten andere Länder ihre Bildungssysteme? Welche Stellenwert nimmt frühkindliche Bildung dort ein? Welche pädagogischen Schwerpunkte und Ziele werden gesetzt? Welche Herausforderungen bewegen pädagogische Fachkräfte dort? Und welche inspirierenden Ansätze können wir vielleicht mitnehmen?

Wie sieht frühkindliche Bildung in anderen Teilen der Welt aus? Wie gestalten andere Länder ihre Bildungssysteme? Welchen Stellenwert nimmt frühkindliche Bildung dort ein? Welche pädagogischen Schwerpunkte und Ziele prägen den Kita-Alltag? Welche Herausforderungen bewegen pädagogische Fachkräfte dort? Und welche inspirierenden Ansätze können wir davon vielleicht mitnehmen?

Mit unserer “Kita-Weltreise” suchen wir regelmäßig Antworten auf genau diese Fragen und werfen dafür regelmäßig einen Blick über die Ländergrenzen hinweg. 

Dieses Mal nehmen wir euch mit nach Rumänien - beziehungsweise: Unser Mitglied Kleiner Fratz nimmt euch mit. Denn das Leitungsteam von Kleiner Fratz war im Mai in der Stadt Oradea unterwegs und hat sich intensiv mit dem rumänischen Kita-System auseinandergesetzt. Ihre Reise haben sie in Kooperation mit der Asociatia Filantropia Oradea, einer gemeinnützigen diözesanen Organisation, umgesetzt, die das Team vor Ort begleitet hat. Gemeinsam wurden verschiedene Bildungseinrichtungen besucht - von Kindergärten und Schulen über Nachmittagsbetreuung bis hin zu einer Einrichtung für Menschen mit Behinderungen. 

Deshalb: Seid gespannt auf die Reise nach Oradea - gemeinsam mit Kleiner Fratz.

Oradea - eine Stadt der Vielfalt

Oradea liegt im Nordwesten des Landes, nur etwa 13 km von der ungarischen Grenze entfernt. Die Stadt zählt rund 183.000 Einwohner, davon 70% Rumänen, 23% Ungarn, 2% Roma, Deutsche und Slowaken. Mit 50% ist die Bevölkerung überwiegend orthodox. 25% gehören dem römisch-katholischen Glauben an, 16% sind griechisch-katholisch, 8% protestantisch und etwa 1% gehören anderen Glaubensgemeinschaften an. 

Mit klarer Struktur durch den Bildungsalltag

In Rumänien beginnt die Schulpflicht erst mit acht Jahren. Vorgeschaltet ist jedoch ein verpflichtendes Vorbereitungsjahr, eine sogenannte Beginnerklasse. Frühkindliche Bildung ist freiwillig, gilt jedoch als nahezu unverzichtbar für einen erfolgreichen Einstieg in die sogenannte Vorbereitungsklasse.

Bereits der erste Besuch einer rumänischen Bildungseinrichtung - einer Grundschule - machte deutlich: Struktur spielt eine zentrale Rolle. Mit jedem weiteren Besuch einer Bildungseinrichtung festigte sich dieser Eindruck: Von den Kindergärten bis zur Schule zeigt sich überall ein stark strukturierter Alltag. Grit Nierich, , Geschäftsführerin von Kleiner Fratz und erste Vorsitzende des VKMK, beschreibt: “Viele Aktivitäten sind eher frontal gestaltet, und es gibt regelmäßig Angebote, die stark an einen klassischen Lehrplan erinnern”. Ein wesentlicher Grund hierfür liegt im Betreuungsschlüssel, wie Grit weiter erklärt: “Das frontale Angebot ist vor allem dem Erzieherschlüssel von 1:20 geschuldet. Das stellt natürlich eine Herausforderung im Alltag dar - besonders, wenn es um die individuelle Begleitung und Unterstützung der Kinder geht.”. Denn obwohl frühkindliche Bildung in Rumänien als essentiell für einen gelungenen Schulstart gilt, mangelt es vielerorts an notwendigen Ressourcen - sowohl personell als auch materiell und finanziell. Eine klare Strukturierung scheint daher notwendig, um den pädagogischen Anforderungen dennoch gerecht werden zu können. Doch trotz des hohen Personalschlüssels und den damit einhergehenden Herausforderungen fiel Grit Niereich eines besonders auf: “Was mir besonders positiv aufgefallen ist, war die hohe Motivation für den Beruf der pädagogischen Fachkraft. Man hat ihnen den Spaß an ihrer Arbeit und am Umgang mit den Kindern wirklich gespürt und gesehen.“ 

Ein Gespräch über Qualifikation und Anspruch

Im Rahmen ihrer Reise traf das Leitungsteam von Kleiner Fratz auch eine Vertreterin der zuständigen Aufsichtsbehörde, die mit der Kita-Aufsicht vergleichbar ist. In einer gemeinsamen Austauschrunde erläuterte sie die Voraussetzungen und Rahmenbedingungen, die erfüllt sein müssen, um in Rumänien als pädagogische Fachkraft tätig zu werden. Für rumänische Staatsbürger:innen gibt es dabei grundsätzlich zwei Wege: Entweder über einen erfolgreichen Abschluss an einem pädagogischen Lyzeums mit Spezialisierung auf “Frühkindliche Bildung” oder über ein Hochschulstudium im Studienfach “Frühkindliche Bildung”. Wer im sonderpädagogischen Bereich arbeiten möchte, muss zusätzlich ein Sonderpädagogik-Modul mit Zertifikat absolvieren sowie ein einjähriges Praktikum unter der Anleitung eines erfahrenen Mentors im sonderpädagogischen Bereich. 

Inklusion im Aufbau

Inklusion steckt in Rumänien noch in den Anfängen.” beschreibt Grit Niereich ihre Eindrücke von diesem Aspekt der frühkindlichen Bildung in Rumänien. Die Auseinandersetzung mit beeinträchtigten Menschen und ihren Bedürfnissen findet offiziell vielerorts kaum bis gar nicht statt - das Thema ist nach wie vor häufig tabuisiert. Es gibt jedoch private, gemeinnützige Initiativen, die sich um Kinder , Jugendliche und Erwachsene mit Beeinträchtigungen kümmern, entstanden oftmals aus einem privaten, familiären Kontext. Zwar nehmen Kinder mit Behinderungen grundsätzlich an Bildungsangeboten teil, doch ihre individuellen Bedürfnisse werden dabei meist nicht ausreichend berücksichtigt. Erschwert wird Inklusion zusätzlich durch Lücken in der Diagnostik, wie Grit Nierich beobachtete: “Beeinträchtigungen werden häufig nicht differenziert genug erfasst, und besonders auffällig ist, dass in den meisten Fällen Autismus diagnostiziert wird.” Ohne präzise Diagnosen ist jedoch keine bedarfsgerechte Förderung möglich. Umso bedeutender ist das Engagement einzelner Eltern, die selbst Berührungspunkte oder Erfahrungen mit Beeinträchtigungen haben und sich aktiv für Inklusion einsetzen - etwa durch die Gründung einer Einrichtung für Kinder mit Down-Syndrom. 

Trotz dieser Herausforderungen bei der Inklusion von Kindern mit Behinderungen gelingt es Rumänien zunehmend, die kulturelle Vielfalt des Landes in das Bildungssystem zu integrieren. Wie bereits deutlich wurde, ist das Land in dieser Hinsicht sehr divers. Doch auch hier zeigt sich, wie eng Inklusion mit kontinuierlicher Arbeit, Selbstreflexion und Empathie verbunden ist: “Insbesondere die Integration von Romafamilien ist nicht immer leicht und erfordert viel Engagement und Sensibilität.” erklärt Grit Nierich. Kulturelle Traditionen führen bei Roma-Kindern häufig zu unregelmäßigen Schulbesuchen. In der Folge drohen Sanktionen wie der Entzug von Sozialleistungen, was die oftmals ohnehin belasteten Lebenssituationen dieser Familien zusätzlich erschwert. Aus diesen Erkenntnissen zieht Grit Nierich wertvolle Impulse für ihre eigene Arbeit in Deutschland mit: “Meine Reise hat mir ein tieferes Verständnis für Familien aus Rumänien vermittelt - insbesondere auch für Romafamilien, die hier in Deutschland leben. Durch die Einblicke, die ich vor Ort gewinnen durfte, kann ich viele Hintergründe nun besser einordnen und dieses Wissen gezielt in meine Arbeit einfließen lassen.”

Sprachenvielfalt in der Kita

Die kulturelle Vielfalt spiegelt sich auch in der aktiven Förderung von Mehrsprachigkeit wider. Während ihrer Reise besuchte das Leitungsteam von Kleiner Fratz zwei Kindergärten, in denen es eigene deutschsprachige Gruppen gibt - in einem davon sogar auf expliziten Wunsch der Eltern. Das zeigt den hohen Stellenwert, welchen Mehrsprachigkeit im rumänischen Bildungssystem einnimmt, sowie den Wunsch, sie gezielt zu fördern. 

Der Kindergarten Nr. 45 betreut und fördert rund 320 Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren. Die andere Einrichtung, der Kindergarten “Roman Ciorogariu”, zählt etwa 235 Kinder. Jede Gruppe besteht hier aus etwa 30 Kindern, die von jeweils zwei Erzieher:innen begleitet werden. Besonders bemerkenswert ist die Aufteilung der Arbeitszeit im “Roman Ciorogariu”: Alle Erzieher:innen arbeiten täglich acht Stunden, wovon sie fünf Stunden direkt mit den Kindern verbringen und die übrigen drei Stunden für Vor- und Nachbereitungen sowie Fortbildungen zur Verfügung stehen. Unterstützt werden die Erzieher:innen stundenweise von Psycholog:innen, wodurch die Qualität der frühkindlichen Bildung zusätzlich gestärkt wird. 

Bildung auf dem Land - klein, aber fein

Neben den Bildungseinrichtungen in der Stadt nutzte das Leitungsteam von Kleiner Fratz auch die Gelegenheit, bei einem Ausflug aufs Land einen Eindruck davon zu gewinnen, wie Bildung in ländlichen Regionen Rumäniens gestaltet wird. Grit Nierich beschreibt diesen Besuch als “ein weiteres sehr beeindruckendes Erlebnis während der Erasmus-Reise.” Ziel war eine Dorfschule, etwa zwei Stunden von Oradea entfernt. In der Schule werden jeweils drei Jahrgänge gemeinsam unterrichtet - in kleinen Klassen mit nur acht bis zwölf Kindern. Diese überschaubare Gruppengröße ermöglicht eine sehr persönliche Lernatmosphäre sowie gezielte individuelle Förderung. Eine Schule, die zeigt, dass gute Bildung auch in ländlicheren Regionen mit begrenzten Ressourcen möglich ist. 

Eine Begegnung, die bewegt

*Triggerwarnung: Schilderung von Gewalt und Vernachlässigung*

Ein besonders bewegender Programmpunkt - wenn man dies so überhaupt sagen kann, da jeder Programmpunkt auf seine Weise tief berührend war - stellte der Besuch einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung dar. Dort begegnete das Leitungsteam Simona. Grit beschreibt diese Begegnung: “Am meisten beeindruckt haben mich die Gespräche mit einer Überlebenden des Kinderheims Cighid aus der Zeit der Ceausescu-Diktatur. Ihre Geschichte war tief bewegend und sehr eindrucksvoll.” Das Kinderheim Cighid erlangte Anfang der 90er Jahre traurige Berühmtheit. Cighid war eines von vielen Heimen, in welche Kinder mit körperlichen oder geistigen Behinderungen, Entwicklungsverzögerungen oder weil sie unerwünscht waren, abgeschoben wurden. 1989 wurde Cighid von westeuropäischen Journalisten, die daraufhin die erschütternden Zustände in diesem Heim öffentlich machten. In Cighid, einem alten Jagdschloss, waren sechs Leute für 109 Kinder zuständig. Die Kinder waren teilweise halbnackt, unterkühlt, unterernährt, verwahrlost, in verdreckten Räumen, ohne medizinische Versorgung, teilweise ohne Bewegungsfreiheit eingesperrt. In den Medienberichten zu dem Heim wurde von “Euthanasie” und “Sterbelager” gesprochen. Cighid existierte nur etwa zwei Jahre. In diesen zwei Jahren sind 122 Kinder dort ums Leben gekommen. Viele der Überlebenden mussten danach erst lernen, zu laufen, zu weinen, zu lachen und zu sprechen. Im Anschluss an das Gespräch wurde das Leitungsteam von Simona zu sich und ihrer Familie nach Hause eingeladen. Es war “ein Erlebnis, das uns nachhaltig berührte.” 

Diese Reise ermöglichte nicht nur einen Blick über den Tellerrand, sondern erweiterte den Horizont auf vielfältige Weise. Sie war bereichernd, lehrreich, berührend und wird nachhaltig in Erinnerung bleiben. Wie tief ein solcher kultureller Austausch wirkt, zeigt die persönliche Reflexion von Grit Nierich: “Für mich bedeuten Erasmus-Reisen vor allem den sprichwörtlichen Blick über den Tellerrand: Man bekommt die Möglichkeit, andere Bildungssysteme kennenzulernen und unterschiedliche Kulturen hautnah zu erleben. Das fördert nicht nur ein besseres Verständnis für andere Länder und ihre Kulturen, sondern hilft auch, Fluchtursachen besser nachvollziehen zu können - und damit auch die Hintergründe und Lebensrealitäten der bei uns betreuten Familien aus eben diesen Ländern besser zu verstehen.”. Ein Erlebnis, das weit über den fachlichen Austausch hinausreicht. 

Weiterlesen
Presse VKMK Presse VKMK

Weniger Kinder, mehr Qualität? VKMK warnt vor Kürzungen, die Chancen verbauen

Am heutigen Tag findet im Abgeordnetenhaus im Rahmen der 53. Sitzung des Ausschusses für Bildung, Jugend und Familie unter Tagesordnungspunkt 2 eine Anhörung zum Thema “Weniger Kinder, mehr Qualität” statt. Unter anderem wurde Lars Békési, Geschäftsführer des Kitaverbands VKMK, als Experte eingeladen, in der Sitzung zu diesem Thema zu sprechen.

Am heutigen Tag findet im Abgeordnetenhaus im Rahmen der 53. Sitzung des Ausschusses für Bildung, Jugend und Familie unter Tagesordnungspunkt 2 eine Anhörung zum Thema “Weniger Kinder, mehr Qualität” statt. Unter anderem wurde Lars Békési, Geschäftsführer des Kitaverbands VKMK, als Experte eingeladen, in der Sitzung zu diesem Thema zu sprechen.

Der VKMK betont in diesem Kontext, dass weniger Kinder allein nicht automatisch zu mehr Qualität in der frühkindlichen Bildung führen - insbesondere dann nicht, wenn gleichzeitig indirekte Sparmaßnahmen vollzogen werden. Zwar wird die im Rahmen des Runden Tisch Kita geplante Verbesserung des Personalschlüssels im U3-Bereich punktuell Entlastung und Qualitätssteigerung bringen, doch gleichzeitig wird die zunehmende Mehrbelastung im Ü3-Bereich - unter anderem durch den massiven Anstieg an zusätzlichen Förderbedarfen - außer Acht gelassen. Stattdessen plant der Senat Kürzungen im Bereich der Sprachförderung. 

“Besonders alarmierend ist die geplante Umstellung der Personalzuschläge. Bislang gab es gezielte Förderungen für Kinder mit nichtdeutscher Herkunftssprache (ndH). Diese sollen nun beendet werden. Mit einem sogenannten Partizipationszuschlag sollen diese Gelder gebündelt werden und künftig nur noch nach den Kriterien des Bildungs- und Teilhabepaketes (BuT) vergeben werden. Das bedeutet faktisch, dass zwei Gruppen mit besonderem Förderbedarf gegeneinander ausgespielt werden. Kinder, die eine gezielte Sprachförderung benötigen, stehen damit in Konkurrenz zu Kindern aus wirtschaftlich benachteiligten Familien. Das kann nicht unser Anspruch sein. Sprachförderung ist essentiell für Chancengleichheit und muss als eigenständige Aufgabe erhalten bleiben.”, betont Lars Békési.

In einer Stadt wie Berlin, in der jede:r Vierte einen Migrationshintergrund hat, 180 verschiedene Herkunftsländer vertreten sind und 120 Muttersprachen gesprochen werden, wäre diese Kürzung ein herber Rückschlag für die Bildungs- und Chancengerechtigkeit.

Weniger Kinder bedeutet nicht automatisch mehr Qualität, wenn gleichzeitig wichtige Fördermaßnahmen für Kinder gekürzt werden sollen”, so Békési weiter. Eine Qualitätssteigerung kann nur erreicht werden, wenn alle relevanten Faktoren in einem ganzheitlichen Konzept berücksichtigt werden - von den Arbeitsbedingungen des pädagogischen Personals über die strukturellen und finanziellen Rahmenbedingungen der Kita-Träger bis hin zu den Voraussetzungen für eine exzellente frühkindliche Förderung. “Kürzungen durch die Hintertür dürfen nicht dazu führen, dass zentrale Bildungsaufgaben und pädagogische Qualität geschwächt werden.” mahnt Békési abschließend.

Weiterlesen
Presse VKMK Presse VKMK

Für Vielfalt statt Feindbilder

7. Oktober 2024 - Heute vor genau einem Jahr begann für viele Menschen in Israel und der Welt ein unvorstellbarer Albtraum. Mit einem Schlag änderte sich ihr Leben unwiderruflich. Heute vor einem Jahr erfolgte der brutale Terrorangriff der Hamas auf israelische Zivilist:innen; auf Frauen, Kinder, Junge wie Alte. Sie wurden in ihren Häusern, in Ihren Siedlungen und im öffentlichen Raum abgeschlachtet, verstümmelt, vergewaltigt und als Geisel  verschleppt.

7. Oktober 2024 - Heute vor genau einem Jahr begann für viele Menschen in Israel und der Welt ein unvorstellbarer Albtraum. Mit einem Schlag änderte sich ihr Leben unwiderruflich. Heute vor einem Jahr erfolgte der brutale Terrorangriff der Hamas auf israelische Zivilist:innen; auf Frauen, Kinder, Junge wie Alte. Sie wurden in ihren Häusern, in Ihren Siedlungen und im öffentlichen Raum abgeschlachtet, verstümmelt, vergewaltigt und als Geisel  verschleppt.

Was als grausamer Terrorakt begann, führte zu einer unaufhaltsamen Kette von Gewalt, Vergeltung, Zerstörung und Leid. Eine Welle der Gewalt aus, die bis heute anhält.

Premierminister Netanjahu erklärte nach dem Anschlag der Hamas den Kriegszustand und startete eine militärische Offensive im Gazastreifen, die auf die Zerschlagung der Hamas abzielt. Doch der Konflikt blieb nicht auf diese beiden Akteure beschränkt. Die Hisbollah solidarisierte sich mit der Hamas und die Spannungen an der Grenze zu Israel nahmen gefährlich zu. Der Iran, langjähriger Verbündeter der Hamas und der Hisbollah, verstärkte seine Unterstützung, finanziell und militärisch, und startete Raketenangriffe auf Israel. Israel antwortete mit massiven Gegenangriffen. Ein Konflikt, der auf historisch tief verwurzelte Spannungen zurückgeht und sich immer weiter ausbreitet. Die Opfer: primär Zivilist:innen auf allen Seiten, denen ein Krieg aufgezwungen wurde, für den sie nicht verantwortlich sind. Es ist ein Krieg, der auf dem Rücken der Bevölkerung, von Familien, Kindern und unschuldigen Menschen ausgetragen wird.

An diesem Tag möchten wir an all die Opfer dieses grausamen Konflikts gedenken, uns mit ihnen solidarisch zeigen und unsere Stimme gegen Radikalisierung und Extremismus erheben. Es ist ein Tag, der daran erinnert, dass Extremismus - gleich in welcher Form oder Ideologie, niemals eine Lösung ist - dass Extremismus nur Leid unschuldiger Menschen hervorruft und dass es in einem Krieg keine Gewinner gibt. Wir leben in einer Welt voller Vielfalt, in der jeder Mensch einzigartig ist. Jeder hat seine eigenen Überzeugungen, Werte, Gedanken und Glaubensrichtungen. Statt unsere Vielfalt zu bekämpfen oder als Bedrohung zu sehen, sollten wir sie schätzen und respektieren. Es ist entscheidend, dass wir lernen, andere Denk- und Lebensweisen zu tolerieren und bereit sind, den Dialog zu suchen, anstatt in den Konflikt zu treten. Indem wir aufhören, in anderen den Feind zu sehen, eröffnen wir die Möglichkeit, friedlich zusammenzuleben. Lasst uns deshalb gemeinsam für Frieden, Respekt und Verständnis eintreten, um eine Zukunft zu schaffen, die von Miteinander und nicht Gegeneinander geprägt ist.

Weiterlesen
Presse VKMK Presse VKMK

Demokratie im frühen Kindesalter: Einblicke in gelebte Werte

Anlässlich des Tages der Demokratie am 15. September gab Antje Stutz, Gesamtleiterin der Kindertagesstätte Stubs & Fridolin, Einblicke in ihre pädagogische Arbeit und ihre Überzeugungen. In dem gemeinsamen Gespräch erzählte sie nicht nur von ihren beruflichen Wurzeln und ihrer Entwicklung in der frühkindlichen Pädagogik, sondern auch von der zentralen Rolle der Demokratiebildung in ihrer Arbeit.

Anlässlich des Tages der Demokratie am 15. September gab Antje Stutz, Leiterin der Kindertagesstätte Stubs & Fridolin, einer Einrichtung des Trägers CJD Berlin-Brandenburg, Einblicke in ihre pädagogische Arbeit und ihre Überzeugungen. In dem gemeinsamen Gespräch erzählte sie nicht nur von ihren beruflichen Wurzeln und ihrer Entwicklung in der frühkindlichen Pädagogik, sondern auch von der zentralen Rolle der Demokratiebildung in ihrer Arbeit. Ihre Leidenschaft für die Kinder und ihr unermüdliches Engagement, ihnen Werte wie Respekt und Mitbestimmung zu vermitteln, prägen den Alltag der Einrichtung.

„Ich habe noch zu DDR-Zeiten ein Fachschulstudium für Krippenpädagogik gemacht, also für Kinder von null bis drei Jahren“, erzählt Antje Stutz und beginnt damit ihre Geschichte. Nach der Wende entschied sie sich, eine Weiterbildung zur Erzieherin für ältere Kinder zu machen. Schon früh übernahm sie leitende Funktionen in der Kinderbetreuung und bemerkte schnell, dass ihre damalige Ausbildung nicht ausreichte, um den wachsenden Anforderungen gerecht zu werden. „Damals gab es noch keine speziellen Qualifikationen für Leiterinnen, also habe ich eine zweijährige Qualifizierung gemacht für sozialpädagogische Familienhilfen. Da ging es um Fragetechnik, um Elternberatung und um die Zusammenarbeit mit dem Jugendamt. Das hat mir unglaublich viel geholfen.“ Diese Erfahrungen weckten in ihr den Wunsch, sich noch weiter zu qualifizieren. Sie setzte ihre berufliche Entwicklung fort: „Ein paar Jahre später habe ich meinen Bachelor in sozialer Arbeit in Potsdam gemacht, dann meinen Master in Bildung und Beratung an der katholischen Hochschule in Berlin. Nebenbei habe ich ein Studium zur Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin begonnen, das ich gerade abschließe. Ich habe noch meine mündliche Prüfung, dann bin ich approbiert.“ Ursprünglich hatte Antje Stutz ganz andere Lebenspläne. „Ich wollte eigentlich Schauspielerin werden“, gesteht sie mit einem Lachen. „Aber ich bin sehr konservativ erzogen worden und wusste, das würden meine Eltern nicht erlauben. Ich habe aber relativ schnell gemerkt, wie schön es ist, mit Kindern zu arbeiten. Wenn man morgens in die Kita kommt und die Kinder einen fröhlich begrüßen – es gibt nichts Schöneres.“ Mit großer Begeisterung spricht sie über ihre Arbeit mit Kindern. „Kinder haben eine ganz eigene Art, die Welt zu sehen, und wenn wir die Welt mit ihren Augen betrachten, lernen wir so viel dazu. Wir werden an unsere eigene Kindheit erinnert. Es ist eine sehr wertvolle Arbeit“, sagt sie nachdenklich. Antje ist fest davon überzeugt, dass die ersten Lebensjahre entscheidend für die Entwicklung eines Kindes sind. „Gerade in den ersten Jahren wird so viel an Grundlagen für die Kinder gelegt. Da ist es einfach total wichtig, dass sie freudvolle Erfahrungen machen, hinterfragen dürfen und auch mit Freude lernen können.“

Respekt und Kommunikation von Anfang an

Antje Stutz sieht sich in ihrer Arbeit als „Wegbegleiterin und Behüterin“ der Kinder, die ihr in der Kita anvertraut werden. Ihr ist die immense Verantwortung bewusst, die diese Aufgabe mit sich bringt. „Wir dürfen nie vergessen, dass die Eltern uns ihr Liebstes in die Kita geben. Und da fängt schon Demokratie an – bei dem ersten Schritt, den die Eltern mit ihrem Kind in die Kita machen. Sie dürfen alle Fragen stellen, Wünsche äußern und werden von Anfang an mit einbezogen“, erklärt sie. Die Zusammenarbeit mit den Eltern ist für Stutz ein zentrales Element des Kita-Alltags. Ihr Anspruch ist es, die Eltern als Bildungs- und Erziehungspartner zu sehen, die aktiv am Leben der Kita teilhaben. „Ich sage immer zu den Eltern: ‚Bitte kommen Sie zu unseren Treffen – ob Elterncafé, Elternabend oder in den Elternbeirat.‘“ Dieses Miteinander stärkt das Vertrauen und schafft ein gemeinsames Verständnis für die Entwicklung der Kinder. Ein besonderes Beispiel für die Einbindung der Eltern ist das Feiern von Festen, die verschiedene Kulturen und Traditionen widerspiegeln. „Wir haben viele Kinder mit Migrationshintergrund in unserer Kita. Seit einigen Jahren kommt beispielsweise immer ein Elternteil zum Zuckerfest und erklärt den Kindern, warum dieses Fest gefeiert wird.“ Für Stutz ist es entscheidend, dass Kinder in der Kita lernen, dass alle Feste und Traditionen gleichermaßen wertgeschätzt werden. Diese Offenheit fördert nicht nur den interkulturellen Austausch, sondern stärkt auch das Gemeinschaftsgefühl. „Meine Mitarbeitenden waren anfangs skeptisch, aber dann beeindruckt von den Parallelen zwischen den Religionen. Es geht darum, das Gemeinsame zu betonen und gleichzeitig das Andere zu akzeptieren.“ Dieses Miteinander und die gegenseitige Wertschätzung zeigen sich auch in der täglichen Kommunikation mit den Eltern. „Wir führen regelmäßig Umfragen und Interviews mit den Eltern durch, um zu erfahren, wie wir sie bestmöglich unterstützen können“, berichtet sie, „Eine Mutter sagte mir einmal, wie dankbar sie war, dass wir nach einer langen Krankheit ihres Kindes die Eingewöhnung noch einmal neu begonnen haben.“ Diese enge Zusammenarbeit zwischen Pädagogen und Eltern dient auch den Kindern als Vorbild. „Die Kinder sollen merken, dass ihre Eltern mit den Pädagog:innen zusammenarbeiten, und dass es wichtig ist, gemeinsame Entscheidungen zu treffen.“ Doch auch den Kindern selbst wird Raum für Mitsprache eingeräumt. „Sie sollen wissen und erfahren, dass darauf geachtet wird, was ich sage. Ich darf und soll mich hier einbringen“, beschreibt Stutz die demokratische Atmosphäre, die sie in der Kita etabliert hat. Für die Kinder bedeutet das, dass ihre Meinung zählt, dass sie gehört werden – aber auch, dass sie lernen, dass Mitsprache Verantwortung mit sich bringt. „Es geht nicht darum, den Kindern etwas aufzudrücken“, betont sie. „Sie sollen wissen, wenn ich etwas sagen möchte, dann kann ich das. Und wenn ich heute keine Lust habe, etwas zu sagen, dann ist das auch in Ordnung. Aber vielleicht kann ich dann beim nächsten Mal nicht so gut mitentscheiden.“ Demokratie ist für Stutz ein zentrales Prinzip ihrer pädagogischen Arbeit. Sie beginnt damit, den Kindern Freiraum zu geben, sich zu entfalten und gleichzeitig klare Strukturen und Regeln anzubieten. „In der Pädagogik ist es wichtig, dass die Kinder einen Rahmen haben, an dem sie sich orientieren können“, erklärt sie. Diese Regeln, wie „Wir lassen den anderen ausreden“, „Wir schlagen uns nicht“ oder „Wir nehmen uns nichts weg“, werden altersgerecht mit den Kindern gemeinsam entwickelt. Sie fördern ein respektvolles Miteinander und lehren die Kinder, Absprachen einzuhalten. 

Die Bedeutung von Vorbildern, Macht, Reflexion und Zusammenarbeit

In dem Gespräch beschreibt Antje, wie wichtig es ist, dass Kinder täglich von den Erwachsenen in ihrer Umgebung lernen, was Demokratie bedeutet – durch Beobachtung und gelebtes Beispiel. „Die Kinder beobachten uns jeden Tag. Sie sehen, wie wir miteinander umgehen“, erklärt sie und betont, wie wichtig es ist, Machtverhältnisse dabei bewusst zu reflektieren. „In der Kita gibt es auch das Thema Macht. Wir sind den Kindern alleine durch unsere Körpergröße, unser Alter und unser Wissen überlegen. Doch es liegt an uns, diese Macht nicht auszuspielen, sondern partnerschaftlich und respektvoll zu handeln.“ Für Stutz ist es entscheidend, dass Pädagog:innen sich regelmäßig selbst reflektieren. „Es ist eine tägliche Aufgabe, sich selbst zu hinterfragen und sich bewusst zu machen, wie man mit seiner Macht umgeht.“ Diese Haltung prägt nicht nur den Umgang mit den Kindern, sondern auch die Zusammenarbeit im Team. Jeden Morgen gibt es einen Jour-Fix, bei dem sich alle Teammitglieder über den Tag austauschen. „Wir machen jeden Morgen einen Jour-Fix, in dem wir uns austauschen, wie es uns geht, wer welche Aufgaben übernimmt und wer Unterstützung braucht. Es ist wichtig, dass niemand allein die Kontrolle hat, sondern wir uns gegenseitig unterstützen.“ Diese demokratische Zusammenarbeit wird von den Kindern wahrgenommen und übernommen. „Wenn ich sehe, dass eine Kollegin im Gespräch ist, warte ich – und das Kind sieht, dass auch ich warten muss. So lernt es, ebenfalls zu warten.“ Für Stutz ist dies eine Form von Wertschätzung, die unmittelbar mit der Demokratie verknüpft ist. Diese Wertschätzung ist besonders in der frühkindlichen Erziehung sehr wichtig und beginnt damit, auf die Signale der Kinder zu achten und ihre Bedürfnisse ernst zu nehmen. „Das fängt schon beim achtsamen Wickeln in der Krippe an. Die Kinder signalisieren uns, wann sie bereit sind, gewickelt zu werden. Es geht darum, ihre Körpersprache zu lesen und ihnen Respekt entgegenzubringen.“ Wenn Kinder diese Wertschätzung erfahren, stärkt das gleichzeitig das Vertrauen der Kinder. Ein weiterer Aspekt der Vorbildfunktion von Pädagogen ist der Umgang mit Fehlern. „Fehler zuzugeben, ist ein Zeichen von Stärke. Das gehört zu demokratischen Prozessen, und das lebe ich auch mit meinem Team. Der Pädagoge ist nicht der Allwissende, der alles kann und weiß, sondern er macht genauso Fehler.“ Dazu zählt auch, dass die Pädagog:innen auch mal von den Kindern in Frage gestellt werden: „Die Kinder dürfen mich in Frage stellen, sie dürfen auch Dinge, die wir tun, hinterfragen. Das ist für uns ganz wichtig.” Für Stutz ist es wichtig, eine gelebte Fehlerkultur zu pflegen. „Alles im Leben verläuft wie in der Natur in Wellen. Hundertwasser sagte: ‘Die gerade Linie ist gottlos.’ und er hat recht. Wenn wir unsere Kreativität in die Demokratie einfließen lassen, wird sie noch schöner. Denn Wissen ist endlich, aber Kreativität ist es nicht und diese sehen wir auch immer wieder bei den Kindern, wenn wir es zulassen und so können wir gemeinsam demokratische Orte gestalten. Demokratie bedeutet, dass es Diskussionen gibt, aber auch Momente, in denen sich alles beruhigt und wir gemeinsam Lösungen finden.“ Sie erinnert sich an eine Situation, bei der es darum ging, die Ausruhsituation für die Kinder individueller zu gestalten. Der Gedanke war, die Kinder zu beobachten und nach ihrem Bedürfnis schlafen oder aufbleiben zu lassen, denn Schlaf ist individuell und orientiert sich nicht grundsätzlich am Alter des Kindes. Das Team war sich jedoch dabei uneinig. „Ich merkte, dass ich emotional zu dicht dran war. Ich wollte etwas durchsetzen und war nicht mehr demokratisch.“ In diesem Moment entschied sie, einen Supervisor hinzuzuziehen, um gemeinsam eine Lösung zu finden. Dieser Prozess zeigte ihr, wie wichtig es ist, demokratische Prinzipien im Blick zu behalten. Auch im Alltag mit den Kindern spiegelt sich dieser Umgang mit Fehlern wider. „Bei uns essen die Kinder mit richtigem Geschirr, auch in der Krippe. Es ist kein Drama, wenn etwas kaputtgeht. Wir bestrafen Kinder nicht für Fehler, sondern ermutigen sie, daraus zu lernen.“ Für Stutz ist es essenziell, den Kindern zu vermitteln, dass Fehler zum Leben dazugehören und eine Chance zum Wachsen bieten. Antje Stutz sieht die Rolle der Pädagog:innen klar: „Es geht darum, den Kindern zu zeigen, dass ihre Meinung zählt, dass Fehler erlaubt sind und dass man immer respektvoll miteinander umgehen muss. Wenn Kinder erleben, dass ihre Stimme wichtig ist und dass sie in Entscheidungen einbezogen werden, dann haben wir als Pädagogen eine wichtige Grundlage für ihr späteres Leben gelegt.”

Demokratische Grundsätze in der Kita

„Unser Grundsatz lautet: Jeder hat das Recht, gehört zu werden, und du hast eine Stimme, du kannst mitentscheiden“, erklärt sie. “Die Kinder spüren sehr genau, ob sie respektiert und gehört werden.” Dies zeigt sich in der Kita Stubs & Fridolin vor allem in der aktiven Mitbestimmung der Kinder. Ein wichtiger Bestandteil dabei ist der Kinderrat, ein Gremium, das von den Kindern selbst gewählt wird. „Der Kinderrat trifft sich regelmäßig mit mir, und wir besprechen Themen, die den Kindern wichtig sind – sei es die Planung von Festen oder Dinge, die sie im Alltag verändert haben möchten.“ Diese aktive Mitbestimmung stärkt das Selbstbewusstsein der Kinder und zeigt ihnen, dass ihre Meinungen ernst genommen werden. In der Kita übernimmt jedes Kind Verantwortung, denn auch das ist Teil der Demokratie. „Jedes Kind bekommt eine Aufgabe“, erklärt Stutz. „Das gehört zur Demokratie: Es gibt kein Machtmonopol, sondern die Aufgaben und Verantwortlichkeiten werden auf alle verteilt. Wenn eine Aufgabe nicht richtig erfüllt wird, sprechen die Kinder ihre Mitspieler darauf an. So übernehmen sie Verantwortung und erleben Selbstwirksamkeit.“, erklärt Antje. Die Kinder erfahren dadurch auch, dass sie ein wichtiger Teil der Gemeinschaft sind, sie lernen, sich in der Gemeinschaft zu orientieren, aufeinander Rücksicht zu nehmen und dass ihre individuellen Fähigkeiten und Stärken einen Beitrag zum Wohl der Gruppe leisten. „Unser Trägerslogan ‚Das Zusammen wirkt’ bringt es auf den Punkt“, erklärt Stutz. „Jeder bringt seine individuellen Stärken ein. Wir ergänzen uns. So sind wir gemeinsam stark. Diese Erkenntnis stärkt die Kinder und bereitet sie darauf vor, respektvolle und verantwortungsvolle Mitglieder der Gesellschaft zu werden“. Ein weiteres Prinzip demokratischer Erziehung in der Kita ist das Abstimmen. „Wir stimmen ab, und das bedeutet manchmal, dass nicht jeder genau das bekommt, was er sich wünscht. Aber es geht darum, das Beste für alle zu finden“, erläutert Stutz. Diese Prozesse fördern das Verständnis für das Wohl der Gruppe und lehren die Kinder, Kompromisse zu akzeptieren. Ein Beispiel dafür war das Sommerfest, bei dem der Kinderrat viele Wünsche äußerte. „Die Kinder wollten eine riesige Torte und einen Seifenblasenkünstler. Die Torte war finanziell nicht möglich, aber wir haben zwei kleine Torten gebacken, und die Kinder haben sich trotzdem über den Seifenblasenkünstler gefreut. Es ging nicht darum, immer das Größte zu bekommen, sondern darum, auch die kleineren Dinge zu schätzen.“ Kinder lernen, dass ihre Wünsche ernst genommen werden, auch wenn sie nicht immer vollständig erfüllt werden können. Stutz betont, dass diese Erfahrungen für die Kinder prägend sind: „Es ist ein Lernprozess. Kinder sind von Natur aus soziale Wesen, und sie verstehen oft schneller, als wir erwarten, warum nicht alles möglich ist. Sie lernen, dass sie trotzdem Teil des Entscheidungsprozesses sind und dass ihre Meinung wichtig ist.“ Stutz beschreibt weiter, wie wichtig es ist, den Kindern auch im Alltag genügend Freiräume für eigene Entscheidungen zu geben. „Wenn ein Kind länger am Waschbecken bleiben möchte, um mit dem Seifenschaum zu spielen, dann müssen wir das ermöglichen.“ Es gehe darum, den Kindern eigene Erfahrungen zuzugestehen, damit sie lernen, selbst Entscheidungen zu treffen. Neben den alltäglichen Entscheidungen fördert die Kita auch das Verständnis für gesellschaftliche Themen. „Wir sprechen mit den Kindern über alles, was sie beschäftigt – sei es der Krieg in der Ukraine oder die verschiedenen Religionen in unserer Kita“, erklärt Stutz. Trotz des christlichen Hintergrunds der Einrichtung wird die Vielfalt der Religionen respektiert. „Wichtig ist, dass wir den Kindern vermitteln, sich gegenseitig zu respektieren und Wertschätzung entgegenzubringen und dass, das eine darf neben dem anderen stehen. Es geht darum, zu erkennen, was uns verbindet, unabhängig von unseren Unterschieden.“ Dieses Verständnis für Vielfalt wird durch eine bewusste Wissensvermittlung gefördert. Für Stutz ist klar, dass Bildung ein Schlüsselfaktor für Demokratie ist. „Wissen baut Vorurteile ab. Wenn die Kinder lernen, warum manche Kinder in der Kita bestimmte Speisen nicht essen oder warum sich ihre Mutter anders kleidet, dann entwickeln sie Verständnis und Respekt.“ Die Darstellung von Diversität spielt eine große Rolle in der Kita. „Wir achten darauf, dass die Kinder ihre Wurzeln in unseren Räumen wiederfinden“, betont Stutz. „Sei es durch Bücher über Kinderrechte, Schriftzeichen oder Spielzeug – es ist wichtig, dass die Kinder die Vielfalt unserer Welt reflektiert sehen.“ Besonders einprägsam war die Einführung von Puppen mit Behinderungen. „Die Kinder waren begeistert, als sie sahen, dass es auch Barbie-Puppen im Rollstuhl gibt. Für Kinder, deren Eltern im Rollstuhl sitzen, war das besonders berührend. Es hilft ihnen, ihre Realität zu verarbeiten und darüber zu sprechen.“ Durch diese vielfältigen Ansätze wird in der Kita ein Rahmen geschaffen, der es Kindern ermöglicht, demokratische Werte zu erleben, zu verstehen und in ihr tägliches Handeln zu integrieren. „Es geht nicht nur darum, den Kindern Wahlmöglichkeiten zu geben, sondern auch darum, sie im täglichen Miteinander zu respektieren, ihnen zuzuhören und sie ernst zu nehmen. Wenn wir das schaffen, legen wir eine starke Grundlage für ein demokratisches Miteinander – nicht nur in der Kita, sondern auch für das spätere Leben.“

Wie Demokratie im Kita-Alltag lebendig wird

Der Tagesablauf in der Kita ist flexibel gestaltet, um den Bedürfnissen und Wünschen der Kinder gerecht zu werden, wie Antje Stutz erklärt: „Unser Tagesablauf ist nicht in Stein gemeißelt, aber wir orientieren uns auf jeden Fall daran.“ Diese Flexibilität ist ein zentraler Aspekt der Demokratiebildung, denn sie zeigt den Kindern, dass ihre Meinungen Einfluss auf den Alltag haben können. Eine wichtige Gelegenheit, um diese Mitbestimmung zu erleben, bietet der tägliche Morgenkreis. „Der Morgenkreis ist eine wertvolle Zeit, in der wir gemeinsam besprechen, wie der Tag gestaltet wird und was die Kinder bewegt“, erläutert Stutz. Dabei beteiligen sich die Kinder aktiv an Entscheidungen, sei es durch Abstimmungen per Handzeichen oder indirekte Methoden, etwa wenn es um sensible Themen geht. „Zu Beginn sind die meisten Kinder im Morgenkreis noch sehr zurückhaltend“, sagt Stutz. „Wir nutzen Hilfsmittel wie unsere kleine Puppe, Lilo Lausch, um den Kindern Mut zu machen, ihre Gedanken und Gefühle auszudrücken.“ Diese Puppe, ein Elefant aus Filz, hilft den Kindern, sich sicherer zu fühlen und unterstützt sie dabei, sich in der Gruppe Gehör zu verschaffen. Auch bei den Jüngsten in der Krippe dient der Morgenkreis dazu, die Kinder aktiv in Entscheidungsprozesse einzubeziehen und sie darin zu stärken. „Im Morgenkreis gibt es eine Holzschale mit verschiedenen Elementen, wie Figuren, die mit Liedern oder Gedichten assoziiert sind. Zwei Kinder dürfen jeden Morgen etwas aus der Schale wählen und entscheiden, welches Lied oder Gedicht wir heute machen“, erklärt Stutz. „Das ist eine kleine, aber bedeutende Form der Partizipation, die auch den jüngsten Kindern Demokratieerfahrungen ermöglicht.“ Die partizipative Haltung, die Stutz und ihr Team vermitteln, ist allerdings nicht an bestimmte Materialien gebunden, sondern an das grundlegende Verständnis, den Kindern Raum zur Teilhabe und Teilgabe zu bieten. „Es gibt nicht das eine Mittel für Demokratiebildung“, sagt sie. „Viel wichtiger ist die Grundhaltung, die wir in unsere Arbeit einbringen.“ So lernen die Kinder, den Kita-Alltag aktiv mitzugestalten. Ein Beispiel dafür ist die Entscheidungsfindung im Morgenkreis: „Wenn es zum Beispiel eine Hochebene gibt, die nur von drei Kindern gleichzeitig genutzt werden kann, besprechen wir im Morgenkreis, wer darauf möchte und wie wir das organisieren. Manchmal gibt es auch Situationen, die sich plötzlich ändern. Zum Beispiel hatten wir tagelang Regen, und als wir endlich den Sportraum nutzen konnten, fragten wir die Kinder: Möchtet ihr im Sportraum Sport machen oder lieber rausgehen? Wir stimmen dann gemeinsam ab.“ Solche Abstimmungen fördern das Verständnis der Kinder für Gruppenentscheidungen und lehren sie, Kompromisse zu finden. Auch emotionale Themen haben im Morgenkreis ihren Platz. Stutz berichtet: „Manchmal kommen Kinder traurig in die Kita, weil ihr Haustier gestorben ist. Solche Themen wie Tod und Trauer werden im Kreis besprochen.“ Dies ermöglicht den Kindern, über ihre Gefühle zu sprechen und Empathie für andere zu entwickeln. „Es ist wichtig, dass Kinder lernen, unterschiedliche Meinungen und Empfindungen zu akzeptieren. Das fördert Empathie und Verständnis.“, betont Stutz. Eine wesentliche Rolle spielt dabei, dass niemand für seine Vorlieben oder Ansichten beschämt wird. „Niemand darf abgewertet werden, das ist ein wesentlicher Aspekt der Demokratie. Es geht darum, eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich jeder wohlfühlen kann, ohne abgewertet zu werden.“ Demokratiebildung umfasst auch die Arbeit in Projekten. „Wir geben den Kindern die Möglichkeit, selbst zu wählen, an welchen Projekten sie teilnehmen möchten“, erklärt Stutz. „Wir arbeiten in Projekten, die durch den situativen Ansatz in der Beobachtung der Kinder, aber auch durch Impulse von außen angeregt werden“, erläutert Stutz. „Ein Kind kann sich nicht für Kunst interessieren, wenn es nicht mit Kunst in Berührung kommt. Ebenso kann es sich nicht für klassische Musik interessieren, wenn es nicht damit konfrontiert wird.“ Die Beobachtung der Kinderinteressen und die gemeinsame Planung von Projekten sind wesentliche Bestandteile dieses Ansatzes. Stutz berichtet von einem Beispiel, das die Begeisterung und Kreativität der Kinder verdeutlicht: „Wir hatten zufällig ein Buch von der ‚Zauberflöte‘ für Kinder, das einfach nur da lag. Die Kinder waren fasziniert von Papageno, und so entstand ein großes Projekt, das sich über viele Monate erstreckte. Wir arbeiteten in verschiedenen Bildungsbereichen daran und schauten uns schließlich die ‚Zauberflöte‘ an. Die Kinder waren enttäuscht, weil es nicht wie im Buch war, aber es war auch spannend, diese Erfahrung zu reflektieren.“ Ein weiteres herausragendes Beispiel für langjährige Demokratiebildung ist das Projekt „Panorama“, bei dem die Kinder klassische Musik und das Spielen der Geige erlernten. Einmal wöchentlich trafen sich die Kinder in einer „Tutti“-Orchesterformation. „Die Höhepunkte waren die Aufführungen, etwa in der Berliner Philharmonie, bei denen die Kinder ihre Selbstwirksamkeit erlebten und die Eltern stolz ihre Kinder auf der großen Bühne sehen konnten“, erinnert sich Stutz. Bei solchen Projekten ist nicht nur die kreative Auseinandersetzung der Kinder mit den Themen essentiell, sondern auch die Reflexion über ihre Erlebnisse. „Es ist wichtig, regelmäßig mit den Kindern über ihre Erfahrungen zu sprechen“, sagt Stutz. So können sie mitteilen, was ihnen gefallen hat und was sie sich anders gewünscht hätten. Diese Rückmeldungen tragen dazu bei, den demokratischen Austausch kontinuierlich zu fördern und zu verbessern. Diese praktischen Erfahrungen der Kinder in der Demokratiebildung sind wertvoll, doch für Antje Stutz ist klar, dass es noch einen tieferen Schlüssel für den Erfolg gibt: die innere Haltung der Pädagog:innen. „Es gibt immer viele Gründe, warum etwas nicht funktioniert“, erklärt sie. „Aber es gibt nur einen einzigen Grund, warum es trotzdem gelingen kann: Liebe. Die Haltung, die ich selbst habe – Wertschätzung und Liebe zu dem, was ich tue – ist entscheidend.“ Diese innere Haltung beschreibt sie als den Schlüssel zur erfolgreichen Demokratiebildung. „Es kann anstrengend sein“, gibt sie zu, „weil man lernen muss, den Raum für andere zu öffnen und dabei Respekt und Toleranz zu wahren.“ Genau dieses Verständnis möchte sie den Kindern vermitteln: dass demokratisches Zusammenleben auf gegenseitiger Achtung und dem respektvollen Umgang miteinander beruht. Die Demokratiebildung in der Kita Stubs und Fridolin zeigt, wie essentiell frühzeitige Werte wie Respekt, Mitsprache und Akzeptanz für die Entwicklung der Kinder sind. Durch ein gelebtes Vorbild und eine wertschätzende Atmosphäre wird die beste Grundlage für ein demokratisches Miteinander gelegt, das die Kinder auf ihr späteres Leben vorbereitet.

Weiterlesen
Presse VKMK Presse VKMK

Jedes Kind zählt: Für Vielfalt und Inklusion in der frühkindlichen Bildung

Inklusion ist mehr als nur ein pädagogisches Konzept – sie sollte eine Selbstverständlichkeit und Normalität sein, sagt Monika Lapinski, Fachberaterin für Inklusion beim Kitaträger "Kleiner Fratz" in Berlin. In einem aufschlussreichen Interview spricht Lapinski über ihre langjährige Arbeit in der frühkindlichen Bildung und die tief verwurzelte Überzeugung, dass jeder Mensch, unabhängig von seinen Fähigkeiten oder seiner Herkunft, wertvolle Beiträge leisten kann.

Inklusion ist mehr als nur ein pädagogisches Konzept – sie sollte eine Selbstverständlichkeit und Normalität sein, sagt Monika Lapinski, Fachberaterin für Inklusion beim Kitaträger "Kleiner Fratz" in Berlin. In einem aufschlussreichen Interview spricht Lapinski über ihre langjährige Arbeit in der frühkindlichen Bildung und die tief verwurzelte Überzeugung, dass jeder Mensch, unabhängig von seinen Fähigkeiten oder seiner Herkunft, wertvolle Beiträge leisten kann. Lapinski teilt ihre Erfahrungen und Erfolge, wie sie Kindern, die sich schwer taten, zu kommunizieren, neue Kommunikationsfähigkeiten vermittelte, und wie sie durch die Einführung offener Strukturen und individueller Angebote die Selbstständigkeit und das Wohlbefinden der Kinder förderte. Dieses Interview beleuchtet nicht nur die Herausforderungen und Erfolge ihrer Arbeit, sondern auch ihre visionäre Herangehensweise an Inklusion, die sie als eine Herzensangelegenheit und eine gemeinschaftliche Verantwortung aller Beteiligten betrachtet.

Inklusion als Herzstück: Monika Lapinskis Weg zur Vielfalt in der frühkindlichen Bildung

„Ich habe Erziehungswissenschaften auf Magister studiert vor langen, langen Jahren,“ erinnert sich Lapinski. „Das war ein ziemlich trockenes Studium und dann bin ich irgendwann in der offenen Jugendarbeit gelandet.“ Schon früh zeigte sich ihre Affinität zur Beratung, die sich durch ihre gesamte Karriere zog. In der Jugendarbeit unterstützte sie Jugendliche und junge Erwachsene unterschiedlichster Herkunft bei Anträgen, Amtstelefonaten und Gesprächen. Doch Lapinski wollte mehr. „Irgendwann hat mir das nicht ausgereicht und ich wollte in den Kita-Bereich gehen,“ erzählt sie. Trotz anfänglicher Schwierigkeiten, da sie damals als überqualifiziert galt, fand sie schließlich eine Anstellung in einem Kindergarten in Spandau. Dort arbeitete sie mit Kindern und Familien aus diversen Lebenswelten und mit unterschiedlichen Ressourcen und Ängsten. Ihr Wechsel zum Kitaträger Kleiner Fratz markierte einen bedeutenden Schritt in ihrem Berufsweg. Dort machte sie eine Weiterbildung zur Sprachförderkraft über das Deutsche Jugendinstitut und war dann als Sprachförderkraft in der Krippe tätig. „Ich konnte Kinder dazu bringen, die im Kita-Alltag nicht wirklich offen waren für eine Kommunikation, zu sprechen,“ berichtet sie stolz. Dabei war ihr besonders wichtig, dass die Kinder sich wohlfühlten und keinen Druck verspürten. „Das Kind muss sich gut fühlen in der Kita-Gemeinschaft, in der Gruppe mit den Kindern, mit allen Erwachsenen. Es muss Zeit haben, es darf keinen Druck verspüren. All das sind natürlich die Vorteile, um das Kind zur Sprache zu bringen.“ Ihre Bemühungen trugen Früchte: Kinder, die zuvor Schwierigkeiten hatten, sich sprachlich auszudrücken, entwickelten neue Kommunikationsfähigkeiten. Nach ihrer Zeit in der Sprachförderung übernahm sie die Leitung einer Kita des Kleinen Fratz` in Spandau. Dort stellte sie schnell fest, dass das bestehende System der strengen Gruppenarbeit und der zeitlich getakteten Angebote nicht den Bedürfnissen der Kinder entsprach. „Manche Kinder, die in die Kita kamen, wollten nicht gleich frühstücken. Sie mussten erst mal ankommen, sich orientieren,“ erklärt sie. Ihr erster Schritt als Leitung war die Einführung eines offenen Frühstücks, um den Kindern mehr Flexibilität und Selbstständigkeit zu ermöglichen. Diese Veränderung war nur der Anfang ihrer Vision einer offenen Arbeit in der Kita. „Ich war immer ein Fan von einer offenen Arbeit mit Funktionsräumen, mit unterschiedlichen Angeboten, die die Kinder nutzen können.“ Durch behutsame, aber stetige Veränderungen führte Lapinski ihr Team zur offenen Arbeit. „Wir haben erst einmal mit einem offenen Tag in der Woche angefangen. Irgendwann waren es zwei und dann fünf Tage.“ Diese Methode ermöglichte es den Kindern, selbstbestimmt zu entscheiden, welches Angebot sie nutzen wollten und bei welcher Fachkraft sie sein wollten. Die offene Struktur förderte nicht nur die Selbstständigkeit der Kinder, sondern auch ihre Kommunikation untereinander und mit den Erwachsenen. „Die Kinder konnten sich gut orientieren, weil wir mit ihnen sehr viel kommuniziert haben,“ betont Lapinski. Dabei spielten auch technische Hilfsmittel wie Bilder und Walkie-Talkies eine Rolle, die die Kommunikation zwischen den Fachkräften über die verschiedenen Räume hinweg erleichterten und die die Kinder ab einem gewissen Zeitpunkt auch selbst nutzten, um ihre Wünsche zu äußern. Schließlich erreichte Lapinski alle Ziele, die sie sich in der Kita gesetzt hatte. „Ich habe jetzt in der Kita alle Ziele erreicht, die ich mir gesetzt habe. Wir haben das offene Konzept, das super funktioniert.“ Ihr Erfolgsrezept? Eine flexible, kinderzentrierte Herangehensweise, die sowohl das pädagogische Personal als auch die Kinder unterstützt und fördert.

Kreativer Freiraum: Der Tagesablauf einer inklusiven Kita

Diese flexible und kinderzentrierte Herangehensweise spiegelt sich auch im täglichen Ablauf der inklusiven Kita wider. „Die Kinder kommen erstmal in der Kita an, verabschieden sich von den Eltern und gehen zu den Fachkräften,“ beginnt Lapinski. Je nach Bedürfnis können die Kinder entweder frühstücken oder direkt ins Freispiel gehen. „Die Kinder, die frühstücken wollen, gehen frühstücken, die nicht frühstücken wollen, weil sie es vielleicht schon zu Hause gemacht haben, können erstmal in einem Raum ins Freispiel gehen.“ Der Morgenkreis ist ebenfalls flexibel gestaltet und findet je nach Lust der Kinder in unterschiedlichen Räumen oder im Garten statt. Er wird auch thematisch variabel gestaltet, sei es als Bewegungs- oder Musik-Morgenkreis oder um über ein bestimmtes Thema zu sprechen. Parallel zum Morgenkreis gibt es verschiedene Angebote und das Freispiel. „Die Kinder entscheiden, je nachdem, was an dem Tag angeboten wird, wozu sie Lust haben. Manchmal kamen die Kinder auch mit eigenen Ideen.“ Kein Kind wird gezwungen, eine bestimmte Zeit in einem Raum zu bleiben, was ihnen die Freiheit gibt, sich nach ihren Interessen zu orientieren. Die Angebote werden in Kleingruppen durchgeführt, was eine intensivere Betreuung ermöglicht. „Die Fachkraft ist nochmal anders im Sein mit den Kindern.“ erläutert Lapinski. Dadurch fühlen sich die Kinder mehr gesehen und geschätzt. Das Mittagessen ist ebenfalls flexibel gestaltet, mit einem Zeitfenster von ein bis zwei Stunden, in dem die Kinder selbst entscheiden können, wann sie essen möchten. „Manche Kinder sind schon ziemlich früh essen gegangen und blieben an dem Tisch sitzen, bis das Essen gänzlich vorbei war, weil sich die Gesprächspartner immer gewechselt haben und sie immer neue Themen hatten.“ Am Nachmittag liegt der Fokus mehr auf dem Freispiel, wobei je nach Wetterlage unterschiedliche Aktivitäten angeboten werden. „Entweder geht es dann in den Bewegungsraum, wo Bewegungsparcours aufgebaut sind, oder bei gutem Wetter in den Buddelkasten. Es gibt Fußballangebote und verschiedene Ausflüge.“ Besondere Angebote wie das Reiten und tiergestützte Pädagogik spielen eine wichtige Rolle in der Inklusion. „Die Kinder sind damals, ich glaube zweimal in der Woche, zum Reiten gegangen, dort lernten sie den Umgang mit den Pferden,“ berichtet Lapinski. Außerdem gibt es eine Kollegin, die mit einem Therapiehund arbeitet und kleine Einheiten mit ausgewählten Kindern durchführt. Lapinski betont die Wichtigkeit von Flexibilität und guter Absprache unter den Fachkräften, um den Bedürfnissen der Kinder gerecht zu werden. „Oftmals wird argumentiert, dass offene Arbeit nicht für Kinder mit Teilhabebedarfen geeignet ist, weil die Kinder da verloren gehen. Oder dass offene Arbeit pures Chaos bedeutet. Nein! Natürlich muss da eine gute Struktur herrschen und gute Absprachen müssen auch gegeben sein, aber es funktioniert.“ Zum Schluss des Tages erfolgt die Abholzeit. „Die Kinder haben dann, wenn die Eltern kamen, ganz schnell erzählt, was sie so alles gemacht haben. Oder es gab ein kurzes Tür- und Angelgespräch zwischen Fachkraft und Eltern.“

Inklusion als Selbstverständlichkeit und Normalität

Der strukturierte, aber flexible Tagesablauf in der Kita spiegelt die Grundsätze wider, die Lapinski in ihrer inklusiven Arbeit umsetzt. Dabei geht ihre Auffassung von Inklusion als Normalität weit über die organisatorischen Aspekte hinaus und prägt die gesamte pädagogische Philosophie. „Für mich ist es wichtig, dass sich jeder wohlfühlt,“ beginnt Lapinski. Sie sieht Inklusion nicht als ein spezifisches pädagogisches Konzept, sondern als eine grundlegende Selbstverständlichkeit. „Ich habe immer die Welt als Ganzes gesehen. Ich habe mir nie dabei gedacht, dass dies jetzt ein Aspekt der Inklusion ist,“ beginnt Lapinski. „Es sollte eine natürliche Akzeptanz dafür gegeben sein, dass jeder eigene Bedürfnisse hat, eigene Wünsche hat und einfach jeder auf seine Art besonders ist.“ Ihre eigenen Erfahrungen als Jugendliche, die mit 14 Jahren aus Polen nach Deutschland kam und kein Deutsch sprach, haben ihre Empathie und ihr Verständnis für Kinder und Familien in ähnlichen Situationen tief geprägt. „Ich weiß, was dieser Druck bedeutet. Ich weiß, was diese Ausgrenzung bedeuten kann, dieses sich nicht zugehörig fühlen und sich immer anpassen zu müssen, um akzeptiert zu werden.“ Diese persönlichen Erlebnisse führten dazu, dass Lapinskis Herangehensweise geprägt von tiefem Einfühlungsvermögen ist und der Überzeugung, dass jeder Mensch, unabhängig von seinen Fähigkeiten oder seiner Herkunft, wertvolle Beiträge leisten kann. „Wir sind ja alle anders, wir sind ja alle verschieden und trotzdem haben wir Gemeinsamkeiten.“ Sie stellte sich stets eine Welt vor, in der alle voneinander lernen und sich bereichern. „Alle gemeinsam und alle schöpfen voneinander, alle lernen voneinander. Dass jeder sich bereichert fühlt durch diesen gemeinsamen Kontakt, dass Ängste abgebaut werden und die Lust auf den Kontakt gefördert wird,“ betont sie. Lapinskis Verständnis von Inklusion geht weit über gesetzliche Grundlagen hinaus. „Ich habe die Welt einfach mit dem Herzen gesehen. Und so habe ich gearbeitet,“ sagt sie. Lapinski betont dabei, dass es fatal wäre, etwas als „Normalität“ zu betrachten und von jedem zu erwarten, sich anzupassen. „Was macht das mit einem Menschen? Das führt zu dem Gefühl, man ist nicht richtig, man ist nicht genug, man ist fehl am Platz, man ist falsch.“ In ihrer Rolle als Fachberaterin setzt Lapinski sich vehement gegen Ausgrenzung ein, auch wenn sie von pädagogischen Fachkräften ausgeht. „Ich habe es immer sehr abgelehnt, wenn ich merkte oder mitbekommen habe, dass es zu Ausgrenzung kam. Da habe ich sofort eingegriffen, weil ich diese Ungerechtigkeit einfach nicht ertragen habe.“ Ihre Vision von Inklusion erfordert eine gemeinschaftliche Verantwortung aller Beteiligten. „Es geht darum, dass es eine Gleichberechtigung gibt, dass jedes Kind die gleichen Zugangsmöglichkeiten bekommt, dass kein Kind ausgegrenzt wird.“ Diese Verantwortung schließt die Sensibilisierung für die Bedürfnisse und Barrieren aller ein, um eine faire und inklusive Umgebung zu schaffen. „Es geht darum, die Bedürfnisse aller Beteiligten zu berücksichtigen und zu schauen, was wir tun können, damit diese Bedürfnisse oder die Besonderheiten, die wir ja alle haben, gut in den Alltag eingebunden werden. Ich versuche mich dabei immer in den Menschen hineinzuversetzen, in seine Umwelt, mit seinen Barrieren, um zu verstehen.“ Dabei ist Flexibilität entscheidend. “Man kann Inklusion nicht als ein festgeschriebenes Konzept sehen. Das Konzept Inklusion muss immer flexibel sein.” Sie gibt Beispiele aus der Praxis, wie die Bereitstellung von Gebetsräumen für Kolleginnen oder die Anpassung der Ernährung für Kinder: „Wenn eine Kollegin zu einer bestimmten Tageszeit beten möchte oder vielleicht auch beten muss, dann bekommt sie natürlich den Raum und die Zeit, um das tun zu können.“ Lapinski betont die Wichtigkeit, auch finanzielle Barrieren zu überwinden, um Teilhabe zu ermöglichen. „Wenn eine Kita-Fahrt geplant ist und wir eine Familie haben, die sich die Kosten nicht leisten kann, dann bezahlt die Kita das.“ Sie erinnert sich an einen Fall, bei dem die Kita die Reisekosten für einen Jungen mit hohen Teilhabebedarfen übernommen hat, um seine Ausgrenzung zu verhindern. Ein weiteres Beispiel für diese Flexibilität ist die Gestaltung des Kita-Tages für Kinder mit Gesundheitsproblemen. „Man muss immer gucken, wie kann ich das gestalten, damit das Kind gut reinkommt, damit das Kind die Zeit, die es in der Kita hat, auch gut verbringen kann.“ Sie schlägt vor, Kinder bei Bedarf zunächst in einem separaten Raum ankommen zu lassen und dann erst zu den Angeboten zu begleiten. Manchmal ist es notwendig, die Betreuungszeiten an die Bedarfe des Kindes anzupassen und sich nicht ganz starr an die Stunden gemäß des Kitagutscheins zu halten, um Überforderung zu vermeiden. Auch hier ist ein sehr intensiver Austausch mit den Eltern und gemeinsame Überlegungen von höchster Bedeutung. Lapinski betont, dass die Bedürfnisse der Kinder im Mittelpunkt stehen und dass diese oft selbst die besten Lösungen bieten. „Die Kinder geben immer sehr viel Vorlage. Sie sprechen ja sehr viel mit dem Kita-Personal.“ Durch regelmäßige Kinderkonferenzen werden die Wünsche und Ideen der Kinder gesammelt und ernst genommen. „Wir haben mit den Kindern auch regelmäßig besprochen, wie sie die Kita sehen, was sie sich wünschen. Wir haben das immer verschriftlicht und an die Eltern kommuniziert.“ Diese partizipative Herangehensweise trägt nicht nur zur Zufriedenheit der Kinder bei, sondern erleichtert auch die Akzeptanz von Entscheidungen durch die Eltern. „Das Schöne dabei war, dass wir festgestellt haben, dass die Eltern die Entscheidungen dann besser annehmen konnten, wenn sie von den Kindern kamen. Also wir haben sehr viel Wert auf das Recht des Kindes gelegt.“

Hürden, mit denen inklusive Kitas konfrontiert sind

Doch obwohl diese Herangehensweise innerhalb der Kita erfolgreich umgesetzt wird, stoßen Lapinski und ihr Team immer wieder auf Schwierigkeiten. "Das Recht auf Inklusion ist ein Menschenrecht, und dennoch wird es oft nicht umgesetzt", erklärt Monika Lapinski nachdenklich. Ihre Arbeit in den Einrichtungen zeigt ihr täglich, dass die Herausforderungen weit über die theoretische Anerkennung hinausgehen. "Es ist frustrierend zu sehen, wie Ämter sich gegen die Unterstützung von Kitas und Trägern sträuben", sagt sie und fügt hinzu: "Warum müssen wir immer noch über die Grundlagen von Inklusion diskutieren? Es ist doch nichts Neues daran, dass Kinder mit unterschiedlichen Bedürfnissen da sind." Lapinski betont die dringende Notwendigkeit einer Unterstützung durch Politik und Verwaltung. "Wenn jetzt ein Amt aufgesucht wird und wir sagen, das Kind bräuchte eine Eins-zu-Eins-Betreuung, und klar, das Kind hat diesen Paragraphen und da gibt es beispielsweise auch eine Fachkraft für Inklusion und trotzdem ist es nicht zu leisten, nicht bei einer Eins-zu-Eins-Betreuung. Das ist ja mit Inklusion auch nicht gemeint. Und trotzdem brauchen manche Kinder eine Eins-zu-Eins-Beobachtung oder -Begleitung. Ich spreche jetzt nicht von der pädagogischen Arbeit, für die ist ja die Fachkraft für Inklusion natürlich zuständig, beziehungsweise das gesamte Team eigentlich. Dann wird das oft mit dem Argument der Doppel-Finanzierung abgewehrt. Ja das geht nicht, weil das wäre ja dann die Doppel-Finanzierung, wo wir uns fragen, wo wäre da die Doppel-Finanzierung. Und im Umkehrschluss ist es oft so, dass die Betreuungszeiten von Kindern gekürzt werden müssen, weil das Kita-Personal das dann einfach nicht mehr schafft. Ich verstehe nicht, warum sich Ämter dagegen sträuben, dass eine Kita-Begleitung über die Eingliederungshilfe dem Kind zur Seite gestellt wird. Das Kind hat ja einen Anspruch darauf. Das Kind hat einen Anspruch auf Bildung, oder ein Recht auf Bildung, und ein Recht auf soziale Teilhabe. Und beides wird behindert, indem die Hilfen ausbleiben. Und die Kitas und die Träger werden meistens allein gelassen.", stellt sie klar. „Warum arbeiten die Ämter nicht mit den Einrichtungen zusammen? Warum gibt es da kein Miteinander? Warum sieht man da diese Hierarchie so stark?“ Ein zentraler Punkt in Lapinskis Argumentation ist die Notwendigkeit einer gerechten Budgetierung. "Warum können wir nicht ein flexibles Budget haben, das es Kitas ermöglicht, individuelle Bedarfe zu decken? Jede Kita sollte die Mittel haben, um auf die spezifischen Bedürfnisse der Kinder einzugehen, weil im Grunde jede Kita eine Inklusionskita ist", fordert sie. Sie hinterfragt auch die Ausbildung der Fachkräfte: "Warum wird die Zusatzqualifikation für Inklusion nicht bereits in die Ausbildung integriert? Jede Fachkraft sollte in der Lage sein, mit Vielfalt umzugehen." Ein weiterer kritischer Punkt ist die finanzielle Belastung für Träger und Fachkräfte, die sich zusätzliche Qualifikationen leisten müssen. "Die Kosten für Weiterbildungen sind mit dem neuen Curriculum prohibitiv hoch. Hier brauchen wir dringend Unterstützung durch staatliche Zuschüsse oder eine vollständige Finanzierung", betont sie nachdrücklich. Trotz der Herausforderungen sieht Lapinski auch positive Entwicklungen, wie die Überarbeitung des Berliner Teilhabe- und Förderplans. "Das war eine großartige Arbeit, die Sie da gemacht haben. Und auch noch mal dieses Signal zu senden an die Träger, an die Einrichtung, dass diese Arbeit eine gemeinschaftliche Arbeit des Kita-Personals ist.", lobt sie. Dennoch mahnt sie zur Einheitlichkeit in den Verwaltungsprozessen, um die Last der Bürokratie zu verringern. Ihr Engagement für Inklusion ist nicht nur beruflich motiviert, sondern von einer tiefen Überzeugung geprägt, dass jede Kita ein Ort der Inklusion sein sollte. "Es geht nicht nur um die rechtliche Verpflichtung, sondern um eine Frage der Gerechtigkeit und Menschlichkeit", sagt sie abschließend.

Barrieren überwinden und Teilhaberechte stärken

Die Notwendigkeit, die Umsetzung von Inklusion zu unterstützen, wird immer dringlicher angesichts des kontinuierlich steigenden Bedarfs. Monika Lapinski erläutert: "Der Bedarf an Inklusion ist steigend, und die Anforderungen an das Personal nehmen kontinuierlich zu.” Ein möglicher Grund hierfür: “Ein Aspekt ist sicherlich die veränderte Elternschaft. Viele Eltern übertragen die Erziehungsverantwortung zunehmend auf die Kitas, nutzen jedoch die zahlreichen Angebote für Eltern nicht ausreichend. Die Verantwortlichkeit liegt aber hauptsächlich bei den Eltern. Die Kita sollte nur ergänzend und beratend tätig sein." Die Corona-Pandemie hat diese Entwicklungen verstärkt. "Kinder kamen nach der Pandemie mit zusätzlichen Bedarfen zurück. Es war eine Ausnahmesituation, die das Verhalten vieler Kinder verändert hat. Wir beobachten vermehrt herausforderndes Verhalten, und die Diagnose von Autismus-Spektrum-Störungen oder ADHS nimmt zu. Oft fragen wir uns, ob es wirklich Autismus ist oder vielleicht etwas anderes, das bislang unentdeckt blieb." Ein zentraler Punkt in Lapinskis Ansatz ist die Ablehnung der Etikettierung von Kindern. "Jedes Kind hat einen Förderbedarf, jedes Kind ist besonders. Die Etikettierung als 'Integrationskind' oder 'I-Kind' lenkt die Aufmerksamkeit auf die Unzulänglichkeiten und setzt die Kinder unter Druck. Behinderungen im Alltag des Kindes sind das Ergebnis von Barrieren, sei es räumlich oder strukturell, und nicht das Problem des Kindes selbst." Auch im Gespräch mit Eltern klärt Lapinski häufig Missverständnisse über den Begriff "Behinderung" auf. "Behinderung ist ein Symptom von gesellschaftlichen und systemischen Unzulänglichkeiten, nicht ein Makel des Kindes. Wenn Eltern verstehen, dass die Herausforderungen ihrer Kinder in den Barrieren der Umgebung begründet liegen, ändert sich oft ihre Wahrnehmung." Lapinski betont, dass Inklusion nicht nur eine Frage der gesetzlichen Voraussetzungen ist, sondern vor allem eine der Haltung. "Die Haltung im Team ist entscheidend. Ein offenes Team entwickelt Ideen und Lösungswege, um alle Kinder aufzunehmen, unabhängig von ihren Beeinträchtigungen. Inklusion bedeutet, Barrieren zu überwinden und jedem Kind sein Teilhaberecht zu ermöglichen." 

Über die Stille sprechen: Nonverbale Kommunikation als Zeichen wahrnehmen

Lapinski betont, dass Inklusion mehr bedeutet, als nur Kinder aus verschiedenen Ländern aufzunehmen oder deren unterschiedliche Fähigkeiten anzuerkennen. "Inklusion bedeutet, auf die individuellen Bedürfnisse der Kinder einzugehen, diese zu erkennen und darauf zu reagieren. Das gilt besonders für Kinder, die die verbale Sprache nicht beherrschen. Oft wird aus Hilflosigkeit oder Unsicherheit weggeguckt, wenn ein Kind sich nicht verbal äußern kann. Dabei kommunizieren diese Kinder so viel über Blickkontakt, Mimik, Gestik und Körpersprache. Wir müssen uns die Zeit nehmen, diese Zeichen zu erkennen und zu verstehen." Ein wichtiger Bestandteil ihrer Arbeit ist die Videographie. "Wir haben in unserer Kita Videosequenzen von den Kindern gemacht und diese gemeinsam ausgewertet. Dadurch sieht man so viel mehr und kann einen Perspektivwechsel erreichen. Es hilft, das Bild vom Kind zu überdenken und zu hinterfragen, ob das Kind wirklich immer den Morgenkreis oder das Mittagessen stört oder ob wir die guten Situationen übersehen. Wir tendieren oft dazu, zu urteilen und zu werten. Davon müssen wir wegkommen und stattdessen auf die nonverbale Kommunikation der Kinder achten." Lapinski erläutert weiter, dass auch aggressive Verhaltensweisen oft Missverständnisse sind. "Kinder senden Signale, dass etwas für sie nicht stimmt. Anstatt das Verhalten als aggressiv zu werten, sollten wir versuchen zu verstehen, was das Kind uns mitteilen möchte. Oft sind wir hilflos und verlassen die Situation, lassen das Kind allein. Aber wir müssen hinschauen und erkennen, wann das Kind kooperieren möchte und es in diesen Momenten begleiten. Das führt zu einem anderen Kontakt und das vermeintlich negative Verhalten nimmt ab." Bei herausforderndem Verhalten sind Gespräche mit den Eltern unerlässlich. "Die Eltern sind wichtige Gesprächspartner. Wenn ein Kind uns herausfordert, schauen wir zuerst, was im Kita-Alltag geändert werden kann. Wenn das Verhalten anhält oder intensiver wird, brauchen wir Experten wie Ärzte oder Therapeuten. Wir unterstützen die Familien, sich auf den Weg zu machen, indem wir Entwicklungsberichte schreiben und die Eltern beraten, wohin sie sich wenden können. Manchmal stellen wir auch den Kontakt her, wenn die Eltern unsicher sind." Die enge Zusammenarbeit mit den Eltern und anderen Akteuren ist essenziell. "Es ist ein ganzes System, das zusammenarbeitet, um das Beste für das Kind zu erreichen. Nur so kann Inklusion funktionieren. Auch wenn Eltern anfangs Schwierigkeiten haben, zu akzeptieren, dass ihr Kind Teilhabebedarfe hat, sind sie am Ende oft dankbar, dass die Kita hartnäckig war und Unterstützung initiiert hat." Abschließend betont Lapinski, dass Inklusion bereits in der frühkindlichen Bildung beginnen muss, um langfristig positive Auswirkungen auf den Bildungs- und Lebensweg der Kinder zu haben. "Ein inklusives Konzept in der frühkindlichen Bildung kann präventiv wirken und dazu beitragen, dass Kinder später weniger Schwierigkeiten haben. Wir müssen die Strukturen und Haltungen in unseren Kitas so gestalten, dass alle Kinder die Unterstützung und Anerkennung erhalten, die sie brauchen." Lapinski sieht die Kita als optimalen Ort für Inklusion und Prävention späterer sozialer Probleme. „Die Kinder sind so achtsam mit allem, was um sie herum passiert,“ sagt sie. „Dieses vielfältige Miteinander fördert unglaublich stark das soziale Verhalten der Kinder.“ Sie hebt hervor, dass Kinder in den frühen Jahren sehr offen und anpassungsfähig sind und dass Vorurteile und Ausgrenzungen erst später, oft beeinflusst durch das Elternhaus, entstehen. „Die Inklusion in der Kita ist aus meiner Sicht am besten möglich, weil für die Kinder ist ja alles so selbstverständlich.“

Sprungbrett zur Vielfalt: Wie eine Kita geflüchteten Kindern den Start erleichtert

Im Rahmen des Gespräches hob Monika Lapinski auch ein herausragendes Projekt hervor, bei dem Inklusion erfolgreich in ihrer Kita umgesetzt wurde. "Als ich die Leitungsposition übernahm, erhielten wir eine Anfrage vom Bezirksamt Spandau für ein sogenanntes Sprungbrett-Angebot. Ziel war es, geflüchtete Kinder mit Kita-Kindern in Kontakt zu bringen, um ihnen den Alltag zu erleichtern und soziale Kontakte zu fördern," erzählt Lapinski. "Meine erste Reaktion war einfach zu sagen: Ja, das machen wir. Ich hatte viele Ideen und Vorstellungen, wie das funktionieren könnte, und teilte diese mit meinem Team." Zu Lapinskis Überraschung stieß ihr Vorschlag auf große Zustimmung und Kreativität innerhalb des Teams. "Das Team war begeistert und brachte viele eigene Ideen ein. Sie schlugen vor, Räume zu öffnen, Leseangebote zu machen, Theater zu spielen, zu tanzen und zu basteln. Die positive Reaktion des Teams war überwältigend und zeigte, dass wir auf dem richtigen Weg waren." Die Umsetzung des Angebots begann bald, und die geflüchteten Kinder nahmen an drei Nachmittagen pro Woche für zwei bis drei Stunden an den Kita-Aktivitäten teil, zunächst in Begleitung ihrer Eltern und später von Betreuern. "Die Kinder haben gemeinsam mit unseren Kita-Kindern gespielt, gegessen, gelacht und sich integriert. Besonders beeindruckend war, wie schnell sie die deutsche Sprache lernten und sich in die Gruppe einfügten," berichtet Lapinski. Einige dieser Kinder erhielten später auch reguläre Kita-Plätze. "Es brauchte keine große Eingewöhnung, weil die Kinder schon da waren und sich wohlfühlten. Anfangs hatten wir Schwierigkeiten mit der Akzeptanz der Elternschaft. Viele Eltern hatten Vorurteile und Ängste, dass Dinge gestohlen oder kaputt gemacht würden," erinnert sich Lapinski. Durch offene Gespräche und Elterncafés, die die Interaktion und den Austausch förderten, gelang es Lapinski und ihrem Team, diese Vorbehalte zu überwinden. "Ich habe den Eltern erklärt, dass diese geflüchteten Familien Schutz und Akzeptanz suchen, genauso wie wir es uns wünschen würden, wenn wir ins Ausland gingen. Diese Offenheit hat schließlich dazu geführt, dass die Eltern die Vielfalt und die Vorteile der Inklusion erkannten." Mit der Zeit entwickelten sich die Elterncafés zu Selbstläufern, organisiert und begleitet von den Elternvertretern selbst. "Die Elterncafés führten zu schönen Gesprächen und stärkten das gegenseitige Verständnis und den Respekt," berichtet Lapinski. "Bei unseren Festen waren die geflüchteten Kinder und ihre Familien immer eingeladen und fühlten sich zunehmend wohler." Ein besonderer Erfolg des Sprungbrett-Angebots war die Integration eines Betreuers der geflüchteten Kinder, der später als Erzieherhelfer in der Kita anfing und sich mittlerweile als fester Bestandteil im Träger etabliert hat. "Es freut mich sehr, dass aus dieser Initiative langfristige Verbindungen und berufliche Perspektiven entstanden sind," sagt Lapinski abschließend.

Gemeinsam stark für Inklusion 

Bei der Betrachtung der Erfolge des Zentrums beschreibt Monika leidenschaftlich entscheidende Momente, in denen inklusive Prinzipien in die Tat umgesetzt wurden. "Ich freue mich immer, wenn ein Team mir von einer Familie berichtet, die Betreuung für ein Kind mit spezifischen Bedarfen sucht. Selbst wenn uns eine spezialisierte Fachkraft fehlt, nehmen wir das Kind mit offenen Armen auf. Das verkörpert für mich unsere Mission. Es geht darum jedes Kind so anzunehmen, wie es ist." Sie betont die nahtlose Integration inklusiver Praktiken durch das Team, trotz unterschiedlicher Expertisen. "Teams, die diese Ethik verkörpern, benötigen möglicherweise immer noch Unterstützung von Behörden, aber sie setzen sich mit einer unerschütterlichen Hingabe für Inklusion ein", bemerkt Monika und unterstreicht die Widerstandsfähigkeit des Teams im Umgang mit bürokratischen Herausforderungen. Sie erzählt von prägenden Momenten mit ihren Kollegen. "Der Moment, in dem ich sehe, wie sehr sich meine Kollegen über die Entwicklungsschritte eines Kindes freuen, hat immer einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen. Ihr Stolz und ihre empathische Kommunikation sind wirklich ermutigend", teilt sie mit, ihre Stimme voller Bewunderung für das Engagement des Teams und deren Leistungen im Kita-Setting. Sie erinnert sich daran, wie gemeinsame Reflexionen unter Kollegen zu innovativen Lösungen geführt haben. "Diese Diskussionen entfachen oft lebhafte Debatten, die in Lösungen voller Hoffnung münden. Es ist unglaublich befriedigend, unseren gemeinsamen Weg hin zu mehr Inklusion zu beobachten", reflektiert Monika herzlich. Im Hinblick auf ihre Zukunftswünsche für die Inklusion drücken Monikas Worte Dringlichkeit und Hoffnung aus. "Mein Wunsch ist es, dass Gesellschaft und Kita-Profis jeden Einzelnen mit all seiner Einzigartigkeit offen und ohne Angst annehmen", betont sie. An die Politik gerichtet, unterstreicht sie die Notwendigkeit einer echten Anerkennung der Herausforderungen, denen Familien mit Kindern mit Behinderungen gegenüberstehen. "Familien müssen oft ein Labyrinth durchqueren, um auf essentielle Dienste zuzugreifen. Sie verdienen klare Wege und uneingeschränkte Unterstützung, nicht finanzielle Barrieren", stellt sie bestimmt fest. Monika fordert eine Überprüfung der Personalquoten und betrachtet die Investition in Kita-Einrichtungen als Bildungsinstitutionen als wesentlich. "Es sollte nicht dem Glück überlassen sein, in welche Einrichtung ein Kind gelangt. Jedes Kind verdient Zugang zu qualitativ hochwertiger Betreuung und Bildung. Kinder können nicht fünf oder zehn Jahre auf angemessene Unterstützung warten. Diese brauchen sie sofort. Die Kita-Jahre sind prägend und legen den Grundstein für ihre Zukunft", betont sie leidenschaftlich. Mit dem Ende unseres Gesprächs strahlt Monikas unerschütterliches Engagement für eine inklusive frühkindliche Bildung durch. "Lasst uns diese entscheidenden Jahre der Kindheit wertschätzen, indem wir unsere Kitas mit vollem Herzen unterstützen", schließt sie und hinterlässt einen nachhallenden Appell zum Handeln, der über unser Interview hinaus nachklingt.

Weiterlesen
Presse VKMK Presse VKMK

Von Anfang an harmonisch: Wie Musik in der frühkindlichen Bildung die soziale und sprachliche Entwicklung fördert


Egal, ob in Europa, Afrika oder Asien, ob jung oder alt, arm oder reich, es gibt etwas, das uns alle verbindet: die Musik. Musik ist ein universelles Ausdrucksmedium, das Kommunikation, Kooperation und ein ganzheitliches Erleben der Sinne ermöglicht. Jeder Mensch ist von Natur aus mit einer gewissen musikalischen Fähigkeit ausgestattet. Schon in jungen Jahren werden musikalische Grundkompetenzen entwickelt. Wird diese Fähigkeit frühzeitig aktiviert und gefördert, kann sie eine Vielzahl positiver Auswirkungen auf die ganzheitliche Entwicklung des Menschen haben, wodurch Musik zu einem elementaren Bestandteil der frühkindlichen Bildung wird.

"Es ist eigenartig, aber aus neurowissenschaftlicher Sicht spricht alles dafür, dass die nutzloseste Leistung, zu der Menschen befähigt sind – und das ist unzweifelhaft das unbekümmerte, absichtslose Singen – den größten Nutzeffekt für die Entwicklung von Kindergehirnen hat."

- Prof. Dr. Gerald Hüther, Leiter der Zentralstelle für Neurobiologische Präventionsforschung der Universität Göttingen und Mannheim/Heidelberg


Egal, ob in Europa, Afrika oder Asien, ob jung oder alt, arm oder reich, es gibt etwas, das uns alle verbindet: die Musik. Musik ist ein universelles Ausdrucksmedium, das Kommunikation, Kooperation und ein ganzheitliches Erleben der Sinne ermöglicht. Jeder Mensch ist von Natur aus mit einer gewissen musikalischen Fähigkeit ausgestattet. Schon in jungen Jahren werden musikalische Grundkompetenzen entwickelt. Wird diese Fähigkeit frühzeitig aktiviert und gefördert, kann sie eine Vielzahl positiver Auswirkungen auf die ganzheitliche Entwicklung des Menschen haben, wodurch Musik zu einem elementaren Bestandteil der frühkindlichen Bildung wird.

Die Magie der Musik: Wie frühe Klänge die Entwicklung von Kindern fördern

Lange Zeit wurde der sogenannte Mozart-Effekt in der Diskussion um die Auswirkung von Musik auf die Entwicklung und den IQ von Kindern angeführt. Das führte dazu, dass manche Eltern ihre Kinder bereits während der Schwangerschaft mit Sonaten und Symphonien berieselten. Dass klassische Musik einen direkten Einfluss auf den IQ hat, wurde inzwischen weitestgehend widerlegt. Dennoch ist die Rolle von Musik unbestreitbar für die Entwicklung der Kinder. Bereits während der Schwangerschaft konnten Untersuchungen belegen, dass Babys auf Musik und Klänge reagieren. Im ersten Lebensjahr beginnen Kinder dann bereits Rhythmen, Melodik, Tempo und Tonhöhe wahrzunehmen und auf deren Veränderungen zu reagieren. Sie zeigen sich sehr empfänglich für musikalische Eigenschaften und verstehen Kommunikation als eben solche. So geht die intuitive, elterliche Kommunikation automatisch auf diese Fähigkeiten und Bedürfnisse von Kleinkindern ein, da sie von besonders ausgeprägten musikalischer Qualität geprägt ist: Sie kennzeichnet sich durch Wiederholungen, Melodik, Rhythmik und Tempo. Die Kommunikation der Kleinkinder weist ebenfalls wesentliche musikalische Eigenschaften auf, sowohl vor als auch nach dem Erwerb der Sprache. Musik ermöglicht ihnen somit bereits in jungen Jahren, sozial zu interagieren und ihre Verfassung auszudrücken. Ein Grund hierfür ist, dass Musik und Sprache eng miteinander zusammenhängen und viele übereinstimmende Areale in unserem Gehirn teilen. Musik erleichtert nicht nur von klein auf soziale Interaktionen und den emotionalen Ausdruck, sondern fördert auch den Spracherwerb. Durch Singen und Musizieren lernen Kinder spielerisch Sprachelemente kennen, vertiefen ihr phonologisches Bewusstsein und ihr Verständnis für Wortbedeutungen und Satzstrukturen. Da in den meisten Kindertagesstätten regelmäßig musiziert und gesungen wird, sei es im Rahmen eines Morgenkreises, bei speziellen Musikstunden oder als kurze musikalische Zwischeneinlage im Tagesablauf, unterstützt die frühkindliche Bildung die Entwicklung der Kinder auf vielfältige und spielerische Weise. Die Kinder profitieren dabei nicht nur von der Freude und dem Spaß am Musizieren, sondern erweitern dadurch ihre Sprachfähigkeit zunehmend.

Musik als universelle Sprache

Musik hilft nicht nur Kindern beim Erwerb der Sprache, sondern dient gleichzeitig auch als universelle Sprache, die Menschen aller Altersgruppen, Herkünfte und Bildungsniveaus verbindet und keine Barrieren kennt. Melodien können jeden emotional berühren, selbst ohne den Text zu verstehen. Beim gemeinsamen Singen und Musizieren in einer Kita lernen Kinder zudem aufeinander zu achten und einander zuzuhören. Dabei werden das Miteinander, das Gemeinschaftsgefühl sowie die sozialen Fähigkeiten von Kindern gefördert. Da Musik so vielfältig ist wie unsere Welt, ermöglicht das Erlernen von Musik aus unterschiedlichen Kulturen in der Kita den Kindern bereits in jungen Jahren, ein breites kulturelles Bewusstsein zu entwickeln. Durch diese musikalische Vielfalt lernen sie, kulturelle Unterschiede zu schätzen und zu respektieren. Musik fördert Toleranz, Integration und Inklusion, indem sie eine wortlose Weltsprache darstellt, die universell verstanden wird und Menschen weltweit verbindet. Die emotionalen Zustände, die durch Musik ausgelöst werden, tragen zur Bildung von Gemeinschaftsgefühl, kultureller Identität, Spiel und Kooperation bei und unterstützen somit das soziale Miteinander auf vielfältige Weise.

Musik ist ein Interesse, eine Fähigkeit, die wir bereits vor der Geburt entwickeln und die uns später dabei hilft, wesentliche Grundlagen des sozialen Miteinanders und kognitive Fähigkeiten zu entwickeln. Das Musizieren und Singen ist in den meisten Kitas selbstverständlicher Bestandteil des Alltags. Hierdurch leisten Kitas einen bedeutenden Beitrag dazu, dass Kinder durch die Kraft der Musik ihre sozialen Fähigkeiten erweitern, ein Verständnis für kulturelle Vielfalt entwickeln und ihre sprachlichen Fähigkeiten nachhaltig fördern können. Die Bedeutung der frühkindlichen Bildung bei der musikalischen Förderung kann daher nicht genug betont werden, da sie die Grundlage für eine umfassende und inklusive Entwicklung der Kinder legt.

Weiterlesen
Presse VKMK Presse VKMK

Lebendige Vielfalt: Einblick in die Welt des 'Kleinen Fratz' und die Kraft der kulturellen Diversität in der frühkindlichen Bildung

Am Tag der kulturellen Vielfalt hatten wir das Vergnügen, mit Grit Nierich zu sprechen, der Geschäftsführerin des Kita-Trägers "Kleiner Fratz" in Berlin. In unserem Gespräch tauchten wir ein in die faszinierende Welt der gelebten kulturellen Vielfalt innerhalb ihrer Einrichtungen. Dabei erklärte sie nicht nur, wie sie in den Kitas aktiv die kulturelle Diversität fördern, sondern auch, wie sie Sensibilität im Umgang damit kultivieren und mit den Herausforderungen umgehen, die sich möglicherweise ergeben können. Grits Worte sind durchdrungen von einer tiefen Überzeugung und Leidenschaft für dieses Thema, die sich tagtäglich in den Kitas manifestieren. Insbesondere für Kinder kann gelebte kulturelle Vielfalt eine große Bereicherung sein.

Am Tag der kulturellen Vielfalt hatten wir das Vergnügen, mit Grit Nierich zu sprechen, der Geschäftsführerin des Kita-Trägers "Kleiner Fratz" in Berlin. In unserem Gespräch tauchten wir ein in die faszinierende Welt der gelebten kulturellen Vielfalt innerhalb ihrer Einrichtungen. Dabei erklärte sie nicht nur, wie sie in den Kitas aktiv die kulturelle Diversität fördern, sondern auch, wie sie Sensibilität im Umgang damit kultivieren und mit den Herausforderungen umgehen, die sich möglicherweise ergeben können. Grits Worte sind durchdrungen von einer tiefen Überzeugung und Leidenschaft für dieses Thema, die sich tagtäglich in den Kitas manifestieren. Insbesondere für Kinder kann gelebte kulturelle Vielfalt eine große Bereicherung sein. Durch den Kontakt mit unterschiedlichen Kulturen und Traditionen erfahren die Kinder eine Bereicherung für ihren Intellekt und gleichzeitig wird ihre Toleranz gefördert. "Kulturelle Vielfalt macht das Denken weit," erklärt Nierich. Ein zentrales Anliegen beim Kleinen Fratz ist es, Kindern von Anfang an Toleranz und Empathie zu vermitteln. "Kinder gehen unbefangen miteinander um und haben noch keine Klischees," fährt Nierich fort. Die Aufgabe der pädagogischen Fachkräfte sei es, diese unvoreingenommene Haltung zu unterstützen und Klischees abzubauen. 

Die Vielfalt im Team beim Kleinen Fratz

Die multikulturelle Zusammensetzung der Teams ist ein wesentlicher Bestandteil der Arbeit bei "Kleiner Fratz". "Unsere Teams sind so weit wie möglich multikulturell aufgestellt," erklärt Nierich. Dieser Ansatz entstand aus Wertschätzung und Toleranz gegenüber den Menschen selbst. "Wichtig ist uns der Mensch, und so sind wir multikulturell geworden, ohne dass es unsere Absicht war." Diese unbewusste Entwicklung spiegelt sich auch in der Verwaltung wider, die ebenfalls multikulturell aufgestellt ist. Die Herausforderung besteht darin, eine ausgewogene Mischung in den Teams all ihrer Kitas in Berlin zu gewährleisten, damit Kinder vielfältige Perspektiven kennenlernen. "Es ist uns wichtig, dass Kinder verschiedene Kulturen kennenlernen und nicht nur in ihren eigenen gefangen bleiben," betont Nierich. 

Über Grenzen hinaus: Interkultureller Austausch und Weiterbildung

Um die Sensibilität der Mitarbeiter zu stärken, werden regelmäßige Weiterbildungen und internationale Besuche organisiert. "Wir waren bereits in verschiedenen Ländern wie Polen, der Ukraine, Nordirland, Chile, Frankreich, Costa Rica und Peru", erzählt Grit stolz. Bei den Besuchen in anderen Einrichtungen können wertvolle Erkenntnisse gewonnen und internationale Bildungsansätze in die eigenen Kitas integriert werden. "Es ist wichtig, über den Tellerrand zu schauen und von anderen Kulturen zu lernen."  betont sie. Auch bei Dingen, die auf den ersten Blick vielleicht unverständlich oder seltsam wirken, wird im Kleinen Fratz hinterfragt und diskutiert. "Wir wollen eine Sensibilisierung der Menschen für andere Werte erreichen. Wir wollen ihnen zeigen, dass nicht nur das eigene Wertgefühl zählt, sondern auch die anderen", erklärt Nierich. Anstatt über andere hinweg zu urteilen, wird der Austausch gesucht. Die Weiterbildungen des Kleinen Fratz reichen von Schulungen mit der Roma-Vereinigung Amaro Foro bis hin zu Fachtagen und Demonstrationen. "Wir schauen immer, wo Problemlagen liegen und gucken dann, welche Träger in diesen Bereichen Weiterbildungen anbieten", erklärt Nierich. Auf diese Weise stärken die pädagogischen Fachkräfte kontinuierlich ihre interkulturelle Kompetenz und erweitern ihren Horizont.

Ein Höhepunkt des interkulturellen Austauschs war die Zusammenarbeit mit einer Partnerkita in Cayamarca, Peru. "Was wir geschafft haben, ist, die Peruaner, unsere Partnerkita aus Cayamarca, nach Deutschland, nach Berlin zu holen," erzählt Nierich. "da haben wir Kost und Logis gestellt." Die Partnerkita ist Bestandteil der Städtepartnerschft Treptow/Köpenick-Cajamarca. Diese gegenseitigen Besuche haben zu einem intensiven Austausch von Wissen und Erfahrungen geführt. "Vier Kollegen sind jetzt nach Peru gereist und haben dort mitgearbeitet in den Einrichtungen. Sie sind richtig eingetaucht und konnten sehen, was die Peruaner aus dem gemacht haben, was sie aus Deutschland mitgenommen haben. Das war zum Beispiel das freie Spiel, das kannten sie nicht. Genauso wie Funktionsräume, die sie sich jetzt eingerichtet haben. Und genauso haben wir viel aus Peru mitgenommen. Das System ist dort sehr verschult. Lehrer sind in den Kitas mit den pädagogischen Fachkräften gleichgestellt. Dort bedeutet Kita wirklich Bildung." Trotz finanzieller Herausforderungen bemüht sich der Kleine Fratz weiterhin, den interkulturellen Austausch zu fördern. "Ich würde wahnsinnig gerne alle Erasmus-Länder hier zu uns nach Deutschland einladen", gesteht Nierich. "Wir versuchen es immer wieder, aber meistens fehlt es an finanziellen Mitteln, vor allem für die Flugtickets."

Der Kleine Fratz bei den Lakota

Eine besondere Inspiration für Nierichs pädagogische Arbeit ist ihre ehrenamtliche Tätigkeit für die Lakota: "Unser Engagement kommt ehrlicherweise durch unsere ehrenamtliche Arbeit im Reservat in Nordamerika, bei den indigenen Völkern," erklärt sie weiter. "Der Besuch vor Ort hat einfach die Augen geöffnet. Die Lebensbedingungen dort... und dann sitzt man hier in Deutschland und schimpft über irgendetwas. Man wird dadurch gut geerdet." Die ehrenamtliche Arbeit des Kleinen Fratz umfasst Besuche von Festen wie den Karl-May-Festspielen und Indianer- und Trapper-Festivals, wo sie indianischen Schmuck verkaufen und im wahrsten Sinne des Wortes für das Projekt trommeln, um Unterstützer und Spender zu finden. "Unser Ziel ist es, das Bewusstsein für die Situation der indigenen Völker zu schärfen und ihre Traditionen zu unterstützen", erklärt Nierich. "Dort geht es wirklich um harte Lebensbedingungen, um Holz und Propan für den Winter, also eher um Überlebensbedingungen. Vielen Familien fehlt es von der Socke, über die Unterwäsche bis hin zur Mütze, einfach an allem. Es ist leider wirklich ein Dritte-Welt-Bereich in den USA." Sie und ihr Team setzen sich auch vor Ort in South Dakota für die Bedürfnisse der Gemeinden ein: "Wir sind auch vor Ort in South Dakota, so dass man sie direkt unterstützen kann." 

Überwindung von Herausforderungen und Förderung des Verständnisses

"Manchmal bedeutet kulturelle Vielfalt für mich aber auch einfach aushalten. Dass man diese aushalten muss, wenn man zwar die Hintergründe kennt, sich schon belesen hat, Weiterbildung gemacht hat, aber es trotzdem nicht versteht oder nicht in seinen Kontext hineinbringen kann", beginnt Grit Nierich nachdenklich. Sie beschreibt die Herausforderungen, die damit einhergehen, die Vielschichtigkeit verschiedener Kulturen zu verstehen und anzunehmen. Besonders in der Bildung können Hindernisse auftreten, die es zu überwinden gilt. Grit Nierich führt an, dass es manchmal schwierig sein könne, Entscheidungen zu akzeptieren, die sich negativ auf die Bildungschancen von Kindern auswirken. Sie erklärt: "Ich verstehe ganz einfach nicht, warum das Kind nicht in die Kita geschickt wird, obwohl es die deutsche Sprache noch nicht kann." Für Pädagogen kann es frustrierend sein, wenn andere Prioritäten gesetzt werden und dadurch die Bedeutung frühkindlicher Bildung vernachlässigt wird. Dennoch betont Grit, dass es wichtig sei, mit den Eltern zusammenzuarbeiten, um die Situation zu verbessern. "Wir arbeiten definitiv mit den Eltern daran, dass dieser Zustand nicht so bleibt", erklärt sie entschieden.

Um effektiv kommunizieren zu können, ist es für Grit von großer Bedeutung, die Hintergründe und Lebensumstände der Familien zu verstehen. Weiterbildungen spielen dabei eine zentrale Rolle. "Als erstes ist die Weiterbildung wichtig: Woher kommen diese Menschen, warum haben sie genau diese Rituale und Familienkonstellationen? Wie sehen diese überhaupt aus, wie leben sie in ihrer Gemeinschaft und wie leben sie innerhalb der Familie", erklärt sie. Durch dieses erweiterte Wissen kann sie auf Augenhöhe kommunizieren und den Dialog mit den Familien auf eine fundierte Basis stellen. Damit die entsprechenden Familien erreicht werden, hat der Kleine Fratz verschiedene Projekte initiiert, unter anderem für die Beratung von Familien aus Südosteuropa. Diese Projekte dienen als niederschwellige Anlaufstelle, um den Familien direkte und unkomplizierte Unterstützung zu bieten. "Wir schauen, dass wir die Familien unterstützen können, also gerade die Familie, die sonst nicht in der normalen Beratungsstelle ankommen", erklärt Grit. Darüber hinaus betreibt das Kleine Fratz ein Familienzentrum, in dem Familien von einem multikulturellen Team beraten werden können. Diese Projekte ermöglichen es den Familien, ihre Anliegen anzusprechen und Lösungen für ihre individuellen Herausforderungen zu finden.

Ein weiteres Thema, das im Kleinen Fratz sensibel behandelt wird, ist das Aufkommen von rechtem Gedankengut: "Rechtes Gedankengut haben wir auch manchmal in der Kita, über die Eltern," erläutert Nierich besorgt. Diese sensiblen Themen werden beim Kleinen Fratz intensiv behandelt:  "Das wird erst mal von den pädagogischen Fachkräften aufbereitet und dann wird mit den Kindern ins Gespräch gegangen," erklärt sie und betont die Bedeutung, solche Vorfälle nicht unbehandelt zu lassen. Ein zentraler Ansatz dafür ist die Nutzung von Literatur und die Schaffung von offenen Diskussionsräumen. "Der erste Weg ist, wo kommen wir denn alle her? Wir hängen eine Weltkarte auf und jeder schaut, ob er es weiß. Dann machen wir eine Pinnnadel dort rein und schauen, wie weit das von Berlin weg ist", beschreibt Grit. Dabei werden Fragen gestellt wie: Warst du schon einmal dort? Kommen deine Eltern von dort? Wie ist das Leben in anderen Ländern? Was sind typische Rituale und Feste dieses Landes? Durch spielerische Annäherungen an das Thema lernen die Kinder, die Vielfalt der Welt zu schätzen und kulturelle Unterschiede zu respektieren. "Für Kinder machen diese kleinen Unterschiede nichts am gemeinsamen Spielen oder Lernen aus. Es ist egal, wie du aussiehst, ob blaue Augen oder braune. Das Wichtigste ist, dass wir alle Menschen sind und miteinander spielen können.", betont Grit. Abschließend fasst sie es mit einer Weisheit der Lakota zusammen: "Wir sind alle miteinander verwandt."

Kulturelle Vielfalt als Bereicherung in der frühkindlichen Bildung 

Im Kleinen Fratz, wird kulturelle Vielfalt nicht nur gelebt, sondern auch als eine Bereicherung für die frühkindliche Bildung gesehen. Eine Besonderheit, die sich in einer Vielzahl von gesprochenen Sprachen widerspiegelt. "Durch die Bank bestimmt 30 Sprachen", schätzt Grit Nierich. "Das Spektrum reicht von europäischen Sprachen bis hin zu den verschiedensten Dialekten und Stammessprachen. Ich glaube, aus Europa ist alles vertreten bei uns. Dann die arabischen Sprachen, auch mit den ganz verschiedenen Ausrichtungen, von Hocharabisch bis zu allen anderen Kombinationen. Kinder mit afrikanischem Hintergrund sprechen oftmals Französisch, dann noch eine indigene Sprache oder Stammessprache, manchmal noch Englisch, also es gibt wirklich Kinder, die schon dreisprachig aufwachsen." Um diese Vielfalt zu unterstützen, werden im Kleinen Fratz verschiedene Ressourcen eingesetzt. So nutzen sie beispielsweise die Vorlese-App Polylino, um den Kindern Geschichten in ihrer Muttersprache zu präsentieren. "Das Kind, das jetzt Deutsch spricht, hört Arabisch und findet das total interessant und das Kind, das arabisch spricht, ist total stolz, dass jetzt in seiner Muttersprache vorgelesen wird.", beschreibt Grit. Diese Interaktionen zwischen den Kindern fördern eine Atmosphäre der Neugierde und Toleranz. Das Zusammensein mit Kindern aus unterschiedlichen Kulturen kann auch positive Auswirkungen auf den Erwerb weiterer Sprachen haben. "Ich kann mir vorstellen, dass es eine Offenheit gegenüber dem Erlernen anderer Sprachen gibt", erklärt Grit. "Weil man in der Kita schon sieht, dass es viele verschiedene Sprachen gibt, weil man vielleicht auch mit Kindern in der Kita war, die zweisprachig aufwachsen. So findet man vielleicht selbst einen Gefallen an der Vielfalt der Sprache und entwickelt eine höhere Bereitschaft, eine andere Sprache zu lernen."

Die kulturelle Vielfalt wirkt sich jedoch nicht nur auf den Erwerb von Sprachfähigkeiten aus, sondern hat auch Auswirkungen auf andere Bereiche der Bildung. So werden durch das Kennenlernen anderer Kulturen geographische und gesellschaftskundliche Kenntnisse gefördert: "Dann natürlich auch das Wissen über Geographie und Gesellschaftskunde. Dadurch, dass man viele andere Kinder aus anderen Ländern kennt, hat man vielleicht schon mal von Nigeria oder Peru gehört, weiß wo das in etwa liegt und was besonders für dieses Land ist. So entsteht eben eine Offenheit diesen Fächern gegenüber, weil sie keine fremden Themen anbringen. Man hat ja schon Berührungspunkte damit gehabt." betont Grit. Die Vielfalt in den Kitas bereitet Kinder auf neue soziale Umgebungen vor. "Wenn man schon die Toleranz aus der Kita mitbringt, kann man auch in der Schule eine große Toleranz beweisen, gegenüber den Mitschülern und den Lehrern." betont Grit.

Einen entscheidenden Beitrag zur Förderung der kulturellen Vielfalt leisten ausgewählte Materialien: "Spielzeug und Bücher nehmen mit die größte Rolle bei der Förderung der kulturellen Vielfalt ein, weil es genau die Dinge sind, womit die Kinder den ganzen Tag umgehen und womit sie lernen," erklärt Grit mit Nachdruck. "Beispielsweise wenn sie Familie spielen, in der Puppenecke mit Puppen, die verschiedene Hautfarben haben." Die Vielfalt in den Spielmaterialien und Büchern ermöglicht es den Kindern, verschiedene Kulturen optisch zu erkunden. "Am besten kann man das ja wirklich auch über Bücher vermitteln.” Die Auswahl an Literatur spielt eine entscheidende Rolle, um Kindern die Vielfalt der Welt näherzubringen. "Wichtig ist wirklich die Literatur und nicht nur vorzulesen, sondern über die Bücher zu sprechen," betont Grit. "Es gibt beispielsweise viele Bücher über Flucht, geschrieben für Kleine, für Dreijährige. Und diese Bücher beschreiben dann, was es mit Kindern macht, wenn sie in ein fremdes Land kommen, wenn sie feststellen, dass dort die Menschen alle anders aussehen und auch noch komisch sprechen. Solche Bücher sensibilisieren Kinder schon in frühen Jahren für die Hintergründe anderer Menschen."

Auch Eltern, deren Kinder eine kulturell vielfältige Kita besuchen, können viel aus dieser Erfahrung mitnehmen und lernen. "Wenn es darum geht, kulturelle Vielfalt im Kleinen Fratz zu leben und umzusetzen, reagieren die Eltern sehr positiv", berichtet Grit Nierich. Die Einbeziehung der Eltern bei Aktivitäten wie Festen, dem Vorlesen in ihrer Muttersprache oder dem Teilen traditioneller Gerichte wird von den Eltern begrüßt. Alle tragen dazu bei, dass diese Feste zu einem besonderen Erlebnis werden. Durch solche Veranstaltungen können Vorurteile abgebaut und das Verständnis füreinander gefördert werden. Selbst in Bezirken mit geringerer kultureller Vielfalt, wie beispielsweise Pankow, ist die Offenheit groß.

Von Erfahrungen lernen: Empfehlungen für Kitas auf dem Weg zur kulturellen Vielfalt

Für Kitas, die gerade erst ihre ersten Schritte in Richtung kulturelle Vielfalt unternehmen, empfiehlt Grit den Austausch mit anderen Einrichtungen. Durch den Besuch von Modellprojekten oder Konsultationskitas können wertvolle Einblicke gewonnen werden. "Dort hineinzuschauen und zu fragen, wie habt ihr das gemacht?", ermutigt sie. Es geht darum, von den Erfahrungen anderer zu lernen und Fehler zu vermeiden. "Die Fehler, die man selbst schon einmal gemacht hat, muss ja nicht ein anderer wiederholen", betont sie. Durch den Dialog mit anderen Einrichtungen können bewährte Praktiken erörtert werden, um gemeinsam bessere Lösungen zu finden. "Der offene Austausch mit anderen Kitas und Trägern ist für uns ein wesentlicher Bestandteil unserer Arbeit", betont Grit. Gemeinsam kann man an der Weiterentwicklung der Fachpraxis arbeiten und die Potenziale der kulturellen Vielfalt noch besser nutzen.

Im Kleinen Fratz wird die Vielfalt der Kulturen nicht nur als Bereicherung betrachtet, sondern aktiv gelebt. Es ist ein lebendiger Ort, an dem Kinder und ihre Familien unterschiedlicher Herkunft zusammenkommen, um voneinander zu lernen und sich gegenseitig zu bereichern. Hierbei steht das Ziel im Vordergrund, den Kindern eine offene und tolerante Haltung mit auf den Weg zu geben und ihnen die Schönheit und Vielfalt der Welt näherzubringen, wie Grit betont.

Die Erfolgsgeschichte des Kleinen Fratz dient als leuchtendes Beispiel für andere Kitas und Träger. Sie zeigt eindrucksvoll, wie die Förderung kultureller Vielfalt eine inklusive Gemeinschaft schaffen kann. Nur durch einen respektvollen und wertschätzenden Umgang mit verschiedenen Kulturen können wir eine Umgebung schaffen, in der jedes Kind die Möglichkeit hat, sich optimal zu entwickeln und zu entfalten.

Weiterlesen
Presse VKMK Presse VKMK

Wendepunkt: Ende der starren Obergrenze für Pädagogische Zusatzleistungen in Berliner Kitas

Die jüngste gerichtliche Entscheidung hat die bisherige starre Obergrenze von 90 Euro für pädagogische Zusatzleistungen in Berliner Kitas für null und nichtig erklärt. Dieses Urteil hat Fragen über die direkten Auswirkungen auf Kitas, Eltern und die Qualität der Bildungsangebote aufgeworfen. Aber warum ist dieses Urteil als ein Fortschritt zu betrachten? Die nachfolgenden Abschnitte beleuchten die Gründe dafür.

Die jüngste gerichtliche Entscheidung hat die bisherige starre Obergrenze von 90 Euro für pädagogische Zusatzleistungen in Berliner Kitas für null und nichtig erklärt. Dieses Urteil hat Fragen über die direkten Auswirkungen auf Kitas, Eltern und die Qualität der Bildungsangebote aufgeworfen. Aber warum ist dieses Urteil als ein Fortschritt zu betrachten? Die nachfolgenden Abschnitte beleuchten die Gründe dafür.

Es ist entscheidend zu verstehen, dass die Diskussion über eine Obergrenze für pädagogische Zusatzleistungen weitreichender ist als finanzielle Fragen. Es geht darum, wie die frühkindliche Bildung gestaltet wird, wie Kitas effektiv arbeiten können und wie die Bedürfnisse von Familien und ihren Kindern am besten erfüllt werden können. Wir werden die Hintergründe der Obergrenze untersuchen, warum sie angefochten wurde und welche positiven Auswirkungen die Aufhebung dieser Grenze hat. Außerdem werden wir einen Blick darauf werfen, wie es nun weitergehen sollte und welche Herausforderungen und Chancen sich für die Politik und die Akteure der frühkindlichen Bildung ergeben.

Entstehung der starren Obergrenze für pädagogische Zusatzleistungen

Die Einführung der starren Obergrenze von 90 Euro für freiwillige Elternbeiträge in Berliner Kitas im Jahr 2018 war Teil einer politisch motivierten Entscheidung des damaligen rot-rot-grünen Senates. Dieser Schritt sollte in allen Berliner Kindertageseinrichtungen gleiche Betreuungs- und Bildungsangebote schaffen, ohne eine Segregation bei den Kindern entstehen zu lassen. Das Ziel hinter dieser Grenze war die Festschreibung der finanziellen Belastung für alle Eltern.

Gründe für das Scheitern der Obergrenze

Schon im Rahmen einer Expertenanhörung im Fachausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses für Bildung, Jugend und Familie im Jahr 2017 wurde klar, dass die zuständige Senatsverwaltung keine ausreichende Begründung für die Notwendigkeit einer Obergrenze vorlegen konnte. Die damalige Senatorin ignorierte profunde rechtliche Einschätzungen zur Verfassungswidrigkeit des Vorhabens. Zudem wurde die Festsetzung der Obergrenze ohne offenen Dialog mit den betroffenen Kitaträgern und ihrem maßgeblichen Verband getroffen, sondern intransparent hinter verschlossenen Türen. Dieses Vorgehen stellte eine Herausforderung dar, da viele Kitaträger gezwungen waren, ihre pädagogischen Angebote zu reduzieren oder sogar einzustellen, um innerhalb dieser Grenze zu agieren. Die Obergrenze ignorierte die verfassungsrechtlich geschützte Vielfalt der Träger und deren Autonomie in der Gestaltung pädagogischer Leistungsangebote. Ein weiterer Grund für das Scheitern war die unzureichende Berücksichtigung des Wunsch- und Wahlrechts der Eltern, das aus Artikel 6 des Grundgesetzes abgeleitet und im Sozialgesetzbuch VIII verankert ist.

Anfechtung der willkürlichen Obergrenze

Im Verlauf der Verbandsarbeit des VKMK wurde im Rahmen eines umfassenden Austauschs mit namhaften juristischen Experten:innen eine eingehende rechtliche Bewertung durchgeführt. Diese führte dazu, dass eine Reihe von Kitaträgern gemeinschaftlich Klage gegen die starre Obergrenze beim Berliner Verwaltungsgericht einreichten. Die Träger sahen sich in einer direkten Betroffenheit, da sie infolge dieser Einschränkung nicht mehr in der Lage waren, die von den Eltern gewünschten pädagogischen Zusatzleistungen, wie beispielsweise zusätzliches mehrsprachiges Fachpersonal, aufrechtzuerhalten.

Letztendlich wurde im Rahmen eines Revisionsverfahrens vor dem Bundesverwaltungsgericht in Leipzig über diesen Streit verhandelt. Das Grundsatzurteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 26.10.2023 bestätigte die Unzulässigkeit der Obergrenze. Dieser Schritt stellt einen wesentlichen Beitrag dar, um dem Wunsch- und Wahlrecht der Eltern gerecht zu werden und den Handlungsspielraum für Bildungseinrichtungen wiederherzustellen, um die Vielfalt und Qualität der Bildungsangebote für Kinder in Berlin zu erhalten und zwischenzeitlich verlorene Angebote wieder aufzubauen.

Bedarf an angemessener Finanzierung und Flexibilität

Die frühkindliche Bildungslandschaft steht vor einer Vielzahl von Herausforderungen, die ihre Stabilität und Effektivität beeinträchtigen. Dazu zählen strukturelle Unterfinanzierung sowie eine mangelnde Anpassung an die realen Gewerbemietkosten. Die unmittelbaren Auswirkungen dieser Probleme sind alarmierend: Jahr für Jahr verlassen mehr pädagogische Fachkräfte ihren Beruf, als neue hinzukommen. Ein beunruhigender Trend zeigt sich zudem in einem kontinuierlichen Anstieg von Überlastungen und krankheitsbedingten Ausfällen in diesem Sektor. Diese Entwicklungen unterstreichen dringlich die Notwendigkeit einer substantiellen Verbesserung der Unterstützung und Ausstattung für frühkindliche Bildungseinrichtungen. Eine adäquate finanzielle Basis ist hierbei von entscheidender Bedeutung, um den pädagogischen Fachkräften ein gesundes und förderliches Arbeitsumfeld zu bieten und somit die Qualität der frühkindlichen Bildung auf einem hohen Niveau zu halten. Zusätzlich zu diesen finanziellen Herausforderungen ist es gleichermaßen bedeutend, den individuellen Handlungsspielraum der Eltern zu betonen. Gemäß ihrem Wunsch- und Wahlrecht sollten sie Zugang zu einer breiten Palette von qualitativ hochwertigen pädagogischen Bildungsangeboten erhalten. Diese Flexibilität stellt sicher, dass die Bedürfnisse und Vorlieben der Eltern und ihrer Kinder berücksichtigt werden, was letztlich zu einer vielfältigen und bereichernden Bildungsumgebung für die Kinder führt.

Rolle der Gelder für pädagogische Zusatzleistungen

Es ist sinnvoll anzuerkennen, dass das frühkindliche Bildungssystem eine angemessene finanzielle Ausstattung und stabile Rahmenbedingungen benötigt, um eine vielfältige und qualitativ hochwertige frühkindliche Bildung zu gewährleisten. Die Flexibilität für Kitaträger mittels entsprechenden pädagogischen Zusatzleistungen dem Wunsch -& Wahlrecht der Eltern zu entsprechen und für deren Deckung dafür Zusatzbeiträge bei diesen Eltern zu erheben ist nicht nur ökonomisch geboten, sondern es befördert zugleich die Fortentwicklung der Qualität der frühkindlichen Bildung für alle Kinder. Denn diese Möglichkeit eröffnet den Bildungseinrichtungen und Eltern die Chance, sich an die sich wandelnden Bedürfnisse anzupassen. Diese Möglichkeit eröffnet Bildungseinrichtungen und Eltern die Chance, sich an wandelnde Bedürfnisse anzupassen. Sie schafft Spielraum für Innovation und Anpassungsfähigkeit in einer schnelllebigen Umgebung, in der starre Regelungen oft hinderlich sind. Somit ist von großer Bedeutung zu verstehen, dass die Aufhebung der starren Obergrenze gleichzusetzen ist mit einer potenziellen Verbesserung der Bildungsqualität für alle Kinder, unabhängig vom finanziellen Rahmen.

Ausblick und weiteres Vorgehen

Die Berliner Jugendsenatorin steht vor der Aufgabe, eine neue Regelung zu erarbeiten, die das Wunsch- und Wahlrecht der Eltern, die Chancengerechtigkeit aller Kinder und die Autonomie der Kitaträger berücksichtigt, auch in Bezug auf Zusatzbeiträge von Eltern. Zudem ist es zwingend erforderlich, dass neben den bisherigen Vertragspartnern auch jene endlich ihr Mitspracherecht erhalten, die es durch ihren engagierten Kampf um ihre Rechte erreicht haben, dass das hohe Rechtsgut der Trägerpluralität ein neues Gewicht erhält und mit der Chancengleichheit abgewogen werden muss.

Unsere Bereitschaft

Als Verband der kleinen und mittelgroßen Kitaträger sind wir bereit, unser Fachwissen und die vielfältigen Erfahrungen unserer Mitglieder aktiv einzubringen. Wir streben offene und konstruktive Dialoge an, um gemeinsam praxisorientierte Lösungswege zu erarbeiten, die den Bedürfnissen der frühkindlichen Bildung gerecht werden. Es ist von grundlegender Bedeutung, dass wir als Akteure zusammenarbeiten, um eine optimale Entwicklungsumgebung für unsere Kinder sicherzustellen.

Weiterlesen