Zwischen Kinderwunsch und Geburtenrückgang
Die Anzahl der Geburten geht von Jahr zu Jahr zurück: Während 2021 die Geburtenzahl noch bei 1,58 Kindern pro Frau lag, sank sie 2024 auf 1,35 - und damit auf den niedrigsten Wert seit 30 Jahren. Berlin bildet dabei mit 1,21 Kindern pro Frau das bundesweite Schlusslicht. Das wirft natürlich die Frage auf, ob sich junge Erwachsene ein Leben mit Kind immer weniger vorstellen können. Dass diese Entwicklung jedoch kein Spiegel des tatsächlichen Kinderwunsches unter jungen Erwachsenen ist, zeigen Daten des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung aus den Jahren 2023 und 2024. Laut diesen hat sich der Kinderwunsch in den vergangenen Jahren kaum verändert: Im Schnitt wünschten sich Frauen 1,76 Kinder und Männer 1,74 Kinder.
Die Anzahl der Geburten geht von Jahr zu Jahr zurück: Während 2021 die Geburtenzahl noch bei 1,58 Kindern pro Frau lag, sank sie 2024 auf 1,35 - und damit auf den niedrigsten Wert seit 30 Jahren. Berlin bildet dabei mit 1,21 Kindern pro Frau das bundesweite Schlusslicht. Das wirft natürlich die Frage auf, ob sich junge Erwachsene ein Leben mit Kind immer weniger vorstellen können. Dass diese Entwicklung jedoch kein Spiegel des tatsächlichen Kinderwunsches unter jungen Erwachsenen ist, zeigen Daten des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung aus den Jahren 2023 und 2024. Laut diesen hat sich der Kinderwunsch in den vergangenen Jahren kaum verändert: Im Schnitt wünschten sich Frauen 1,76 Kinder und Männer 1,74 Kinder.
Heute, am Weltkindertag, möchten wir uns genau mit diesem Thema beschäftigen: Warum entscheiden sich immer mehr junge Erwachsene gegen ein Kind, obwohl der Wunsch für ein Leben mit Kind eigentlich vorhanden ist? Was bedarf es, um die oft offensichtliche Differenz zwischen Kinderwunsch und gelebter Realität zu überbrücken? Und was kann Deutschland - und insbesondere Berlin - tun, damit Kinder sicher und wohlbehütet aufwachsen können?
Warum Wohnraum über Kinderwünsche entscheidet
Die Gründe, weshalb sich immer mehr junge Menschen gegen ein Leben mit Kindern entscheiden, sind zwar natürlich sehr individuell, doch es gibt einige zentrale Faktoren, die bei vielen eine Rolle spielen - allen voran die Wohnsituation. Denn: Wohnen - insbesondere in Großstädten wie Berlin - ist längst nicht mehr familiengerecht. So beträgt die Fläche einer durchschnittlichen Mietwohnung in Berlin 68,2 m2 und verfügt über 2,5 Zimmer. Lediglich 17,4% der Wohnungen in Berlin haben mehr als vier Zimmer. Dies hat zur Folge, dass fast die Hälfte der Vier-Personen-Haushalte in einer zu kleinen Wohnung leben. Neben dem Platzmangel erschweren auch die Mietpreise in Berlin die Realisierung eines Kinderwunsches, denn diese steigen seit Jahren nahezu exorbitant an. Allein im vergangenen Jahr erhöhte sich die durchschnittliche Nettokaltmiete um 5,5% auf 13,03€ pro Quadratmeter - bundesweit betrug diese Steigerung “nur” 4,5% auf 9,00€. Besonders betroffen sind Haushalte mit mittlerem oder geringem Einkommen, Alleinerziehende, Mehrkindfamilien und zugewanderte Familien. In Extremfällen führt diese Situation zur Wohnungslosigkeit: 2025 waren mehr als die Hälfte aller untergebrachten Wohnungslosen in Berlin Familienmitglieder. Und so kommt es, dass immer mehr Familien sich dazu entscheiden, aus Berlin ins Umland zu ziehen oder junge Paare ihren Kinderwunsch aufgrund der Wohnsituation aufgeben.
Kinderwunsch in unsicheren Zeiten
Neben der angespannten Wohnsituation tragen auch die aktuellen Krisen ihren Teil zum Geburtenrückgang bei. Während es in der Anfangszeit der Corona-Pandemie noch einen kleinen Anstieg der Geburten in Deutschland gab, kehrte sich dieser Trend seit 2022 ins Gegenteil und die Zahlen sinken seither kontinuierlich. Zusätzlich zu den Unsicherheiten, die die Pandemie mit sich brachte, kam der Krieg in der Ukraine hinzu - ein Krieg, der auch in Deutschland viele Fragen zur Sicherheit aufwarf. Gleichzeitig macht sich der Klimawandel zunehmend in Deutschland, unter anderem durch Überschwemmungen und Waldbrände, bemerkbar. Begleitet werden diese Krisen von steigenden Lebenshaltungskosten und der wachsenden Angst vor Armut, insbesondere vor Altersarmut. Diese Sorge trifft vor allem Mütter: Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung verdienen Mütter von einem Kind im Laufe ihres Lebens im Schnitt 40% weniger als kinderlose Frauen. Bei mehreren Kindern können die Einbußen sogar bis zu 70% betragen.
Die unsichtbare Mehrarbeit von Eltern
Um die hohen Mieten und gestiegenen Lebenshaltungskosten bezahlen zu können und zugleich für das Alter vorzusorgen, sind viele Eltern beide berufstätig. Die Mehrheit der Mütter arbeitet dabei in Teilzeit, leistet gleichzeitig jedoch mehr Aufwand für Care-Arbeit. Dass die Teilzeitarbeit dennoch kaum Entlastung im Familienalltag bringt, zeigen Zahlen des Statistischen Bundesamts: Mütter und Väter leisten im Schnitt 57,5 Stunden Arbeit pro Woche und damit rund 10 Stunden mehr als kinderlose Männer und Frauen. Verschärft wird diese Belastung in Berlin zusätzlich durch lange Wegzeiten zu Kitas, Schulen, Freizeitangeboten und Ämtern aufgrund des knappen Wohnraums sowie einer überlasteten Infrastruktur. Dadurch fehlt vielen Eltern wertvolle Zeit mit ihren Kindern. Erschwerlich kommt hinzu, dass Care-Arbeit in der Gesellschaft nach wie vor zu wenig anerkannt wird und die dahinterstehende Belastung oft übersehen bleibt. Kaum verwunderlich also, dass sich 70% der Eltern erschöpft oder ausgebrannt fühlen, laut einer von der Kaufmännischen Krankenkasse in Auftrag gegebenen forsa-Umfrage. Zwei Drittel der befragten Eltern gaben dabei an, dass der Stress insbesondere in den vergangenen Jahren zugenommen hat.
Es darf jedoch nicht sein, dass Familien - und damit auch Kinder - solchen Belastungen ausgesetzt sind und junge Erwachsene aufgrund dieser Faktoren ihren Kinderwunsch aufgeben. Was braucht es also, um ein kind- und familiengerechtes Leben zu ermöglichen und Wunsch und Realität zusammenzuführen?
Von Wohnraum bis Elternzeit: Rahmenbedingungen für Familien verbessern
Insbesondere in Berlin ist dringend ein Ausbau von bezahlbarem und familiengerechten Wohnraum notwendig. Das bedeutet: größere Wohnungen, flexible Grundrisse, eine Stärkung des sozialen Wohnungsbaus und vor allem faire Mietpreise. Familien sollten nicht mehr in beengten Räumlichkeiten wohnen müssen - Kinder brauchen ihre eigenen Zimmer und Rückzugsorte. Dies sollte kein Luxus, sondern eine Selbstverständlichkeit sein, da die Wohnsituation nicht nur das aktuelle Wohlbefinden beeinflusst, sondern auch langfristig die Psyche, die Gesundheit und die schulischen Leistungen.
Ebenso wichtig sind kindgerechte Wohnumfelder mit ausreichend Grünflächen, Spielplätzen und einer guten Infrastruktur, damit Schulen und Kitas leicht erreichbar sind. Dabei gilt es auch zu verhindern, dass Kitas aufgrund des Geburtenrückgangs schließen müssen - nur so bleibt eine flächendeckende Kita-Versorgung garantiert und Eltern werden von langen Wegzeiten entlastet.
Um finanzielle Belastungen und damit verbundene Sorgen zu mindern, braucht es zudem eine Weiterentwicklung von Elterngeld und Elternzeit sowie die Förderung einer partnerschaftlichen Aufteilung von Erwerbs- und Care-Arbeit. Für Frauen darf es kein finanzielles Risiko sein, Kinder zu bekommen. Schweden beispielsweise zeigt, wie es gehen kann: Dort stehen Eltern pro Kind 480 Tage Elternzeit zu, davon je 90 Tage exklusiv für jedes Elternteil. Während 390 Tagen erhalten Eltern rund 80% ihres Einkommens. Flexible Arbeitszeitmodelle und eine gute Kita-Infrastruktur ergänzen das System - mit dem Ergebnis, dass Mütter in Schweden überdurchschnittlich häufig und umfangreich erwerbstätig sind.
Auch bei der Bewältigung alltäglicher Aufgaben können Familien entlastet werden: Durch weniger Bürokratie und bessere, funktionierende digitale Services. Die dadurch gewonnene Zeit können Eltern sinnvoller mit ihren Kindern verbringen.
Der Geburtenrückgang ist kein Spiegel eines fehlenden Kinderwunschs unter jungen Menschen, sondern die Folge struktureller Probleme. Sie erschweren die Familiengründung und lassen viele junge Menschen in eine unsichere Situation versetzen, ob sie sich Kinder überhaupt leisten können und ob sie Kindern überhaupt ein gutes Aufwachsen garantieren können. Besonders in Berlin verdichten sich diese Probleme durch Wohnungsknappheit, hohe Mieten und eine hohe Belastung durch doppelte Berufstätigkeit. Der Weltkindertag sollte nun Anlass sein, nicht nur heute, sondern an jedem anderen Tag auch, eine Gesellschaft zu gestalten, in der Kinderbekommen kein Risiko mehr darstellt. Kinder müssen in einer sicheren, schützenden, kind- und familiengerechten Umgebung aufwachsen können - und dafür braucht es eine mutige Familien-, Sozial- und Bildungspolitik. Denn Kinder sind unsere Zukunft, und es sollte außer Frage stehen, jedem Kind ein gutes Aufwachsen zu ermöglichen.
Quellen:
BERLINER BEIRAT FÜR FAMILIENFRAGEN, Schmitz, G., & Erdoğan, K. (2025). FAMILIEN IM ZEITENWANDEL STÄRKEN BERLINER FAMILIENBERICHT 2025. https://www.familienbeirat-berlin.de/fileadmin/Berliner%20Familienberichte/Familienbericht_2025/BBFF_FB2025_web.pdf.
Eltern-Burnout statt Familienglück? (n.d.). KKH. https://www.kkh.de/presse/pressemeldungen/elternstress2024.
Ergebnisse des Mikrozensus in Berlin und Brandenburg – Wohnsituation. (n.d.). https://www.statistik-berlin-brandenburg.de/f-i-2-4j.
Mietspiegel für Berlin 2025. (2025). Immobilienscout24. https://www.immobilienscout24.de/immobilienpreise/berlin/berlin/mietspiegel?mapCenter=52.507023%2C13.424545%2C10.091951738445271.
Pannen, A. (2024, December 8). Hohe Mieten, marode Schulen, fehlende Radwege: Berlin vergrault seine Familien. Tagesspiegel. https://www.tagesspiegel.de/berlin/hohe-mieten-marode-schulen-fehlende-radwege-berlin-vergrault-seine-familien-12785951.html.
Rückgang der Geburtenziffer schwächte sich 2024 deutlich ab. (n.d.). Statistisches Bundesamt. https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2025/07/PD25_259_12.html.
Schweden führt Elterngeld für Grosseltern ein. (2024). Pro Familia Schweiz. https://www.profamilia.ch/aktuelles/aktuell?view=article&id=2835:schweden-fuehrt-elterngeld-fuer-grosseltern-ein&catid=9#:~:text=So%20bekommen%20Eltern%20in%20Schweden,bekommen%20gerade%20einmal%202%20Wochen..
Trotz Geburtenrückgang: Lust auf Nachwuchs bleibt groß. (2025, July 30). tagesschau.de. https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/kinderwunsch-100.html.
Wetter, B., Bönke, Glaubitz, Göbler, Harnack, Pape, Manuela Barišić, & Valentina Sara Consiglio. (2020). Was es sie kostet, Mutter zu sein. Beschäftigung Im Wandel. https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/user_upload/200616_Kurzexpertise_MotherhoodLifetimePenaltyFINAL.pdf.
Vergleich: Elternzeit Schweden + Deutschland. (n.d.). Hannoversche Lebensversicherung AG. https://www.hannoversche.de/wissenswert/elternzeit-in-schweden.
Zahlen, Daten, Fakten. (n.d.). Berlin.de. https://www.berlin.de/sen/soziales/besondere-lebenssituationen/wohnungslose/statistik/.
Zeitverwendungserhebung 2022. (n.d.). Statistisches Bundesamt. https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Einkommen-Konsum-Lebensbedingungen/Zeitverwendung/Ergebnisse/_inhalt.html.
Familien heute: Vielfalt, Herausforderungen und die Rolle von Kitas
Heute ist der internationale Tag der Familie. Ein Tag, um Familien in den Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit zu rücken. Ein Tag, um auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen, ihr tägliches Engagement zu würdigen und die Herausforderungen, mit denen Familien heutzutage konfrontiert sind, sichtbar zu machen.
Heute ist der internationale Tag der Familie. Ein Tag, um Familien in den Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit zu rücken. Ein Tag, um auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen, ihr tägliches Engagement zu würdigen und die Herausforderungen, mit denen Familien heutzutage konfrontiert sind, sichtbar zu machen.
Um dem gerecht werden zu können, möchten wir vorab zunächst den Begriff ‚Familie‘ definieren. Denn allzu oft entsteht dabei noch immer in unseren Köpfen das Bild der traditionellen Normfamilie – also Mutter und Vater mit ein bis zwei Kindern. Doch es gibt nicht ‘die eine’ Familie. Familien sind so bunt wie unsere Gesellschaft und diese Vielfalt anzuerkennen, ist ein erster wichtiger Schritt, um die unterschiedlichen Bedürfnisse besser zu verstehen und gezielter darauf eingehen zu können.
Familie: So bunt wie unsere Gesellschaft
In großen Kategorien gesprochen gibt es neben der traditionellen Normfamilie beispielsweise die Patchworkfamilie – ein Familienmodell, in dem mindestens ein Elternteil ein oder mehrere Kinder aus einer früheren Beziehung mitbringt. Dies kann insbesondere in der Rollenverteilung und der Familiendynamik herausfordernd sein, da man sich gewissermaßen auf eine neue Familie und neue Charaktere in der Familie einstellen muss. Doch ebenso kann es bereichernd sein, wenn aus einer kleinen eine große Familie wird.
Daneben gibt es die Regenbogenfamilien - Familien, in denen mindestens ein Elternteil queer ist. Häufig sind diese Familien mit Stigmatisierung, Vorurteilen und Diskriminierung konfrontiert, was zu sozialer Isolation führen und sich negativ auf das Wohlbefinden der Eltern sowie der Kinder auswirken kann. Zudem haben Regenbogenfamilien juristisch oft nicht dieselben Rechte wie heteronormative Familien, und auch der Weg von einem Kinderwunsch bis hin zur finalen Familiengründung ist mit zahlreichen Hürden verbunden. Gleichzeitig zeigen Regenbogenfamilien, dass ‘Familie’ nicht mehr an traditionelle Geschlechterrollen oder Vorstellungen gebunden ist.
Ein weiteres Familienmodell sind Pflege- und Adoptivfamilien – also Familien, die ein nicht leibliches Kind für eine gewisse Zeit (Pflegefamilie) oder dauerhaft (Adoptivfamilie) in ihre Mitte aufnehmen. Auch hier können besondere Herausforderungen entstehen, etwa durch die Eingewöhnung, eine neue Familiendynamik oder die vergangenen traumatischen Erfahrungen des Kindes. Gleichzeitig zeigen Pflege- und Adoptivfamilien eindrucksvoll, dass familiäre Liebe und Zusammenhalt weit über biologische Verbindungen hinausgehen kann.
Und zu guter Letzt möchten wir die Mehrkindfamilien sowie Einelternfamilien erwähnen – jedoch zunächst nur kurz am Rande, da wir in den folgenden Zeilen noch etwas genauer auf diese Familienmodelle eingehen werden.
Familienleben heute: Enger Wohnraum, volle Terminkalender
So schön das Familienleben auch sein kann und so viel Freude Kinder bereiten – viele Familien stehen heutzutage vor großen Herausforderungen. Besonders in Großstädten ist der Wohnungsmarkt ein zentrales Problem: Es fehlt oft an ausreichendem Wohnraum für Familien, die Mietkosten sind hoch, und Familien werden bei der Wohnungssuche nicht selten strukturell benachteiligt. Das zeigt auch der in dieser Woche veröffentlichte Berliner Familienbericht, in welchem die dramatische Lage auf dem Wohnungsmarkt in Berlin für Familien eindrücklich geschildert wird. In kurzen Statements kommen Eltern zu Wort, die von beengten Wohnverhältnissen berichten – mit negativen Folgen für schulische Leistungen, das Wohlbefinden und die familiäre Dynamik. Neben dem Wohnraum ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein zentrales Thema. In vielen Haushalten müssen beide Elternteile arbeiten. Der lang anhaltende Mangel an Kita-Plätzen hat dies zusätzlich erschwert, ebenso wie Krankheitswellen bei Kindern oder zusätzliche Termine, wie Behördengänge, Arzttermine oder Ähnliches. Allerdings wandelt sich der Kita-Platz-Mangel inzwischen mancherorts in ein Überangebot, und während der Corona-Pandemie haben sich zunehmend flexible Arbeitsmodelle wie das Remote-Arbeiten etabliert – ein Vorteil und ein Stück Entlastung für viele Familien.
Wie bereits erwähnt fehlen in unserer Definition von Familien noch zwei Familienmodelle, die wir nun in ihren Herausforderungen etwas detaillierter betrachten werden.
Große Familie, große Belastungen
Beginnen wir zunächst mit den Mehrkindfamilien - Haushalte mit drei oder mehr Kindern. Im Jahr 2023 traf das auf 12,7 % aller Familien in Deutschland zu – ein vergleichsweise kleiner Anteil, jedoch mit großen Herausforderungen. Denn: 32 % dieser Familien gelten als einkommensarm, 18 % beziehen Sozialleistungen. Doch warum ist das so? Mit jedem Kind steigt der Aufwand für Care-Arbeit, Kinderbetreuung und Haushalt. Das wirkt sich auf die Erwerbstätigkeit aus: Nur 56,6 % der Eltern in Mehrkindfamilien sind erwerbstätig, bei Familien mit zwei Kindern liegt dieser Wert bei 68,9 %. Meist reduziert vor allem die Mutter ihre Arbeitszeit erheblich – obwohl rund 70 % der Mütter von drei oder mehr Kindern gut bis sehr gut ausgebildet sind und damit über gute Karriere- und Verdienstchancen verfügen. Diese Zahl ist nicht nur im Hinblick auf die Erwerbsbeteiligung interessant, sondern auch in Bezug auf gesellschaftliche Vorurteile: Noch immer hält sich das Bild, Mehrkindfamilien seien tendenziell bildungsfern. Die Daten sprechen jedoch eine andere Sprache. Oft steht in diesen Familien einfach der Wunsch nach Kindern und einem Familienleben über dem Wunsch nach beruflichem Aufstieg. Neben der zeitlichen Belastung spielen finanzielle Aspekte eine zentrale Rolle. Weniger Zeit für Erwerbsarbeit bedeutet weniger Einkommen – bei gleichzeitig höheren Ausgaben: Miete, Ausflüge, Schwimmbadbesuche oder eine einfache Zugfahrt kosten für Mehrkindfamilien überproportional viel. Alltägliche Dinge werden zur finanziellen Herausforderung. Eltern mit mehreren Kindern stellen ihre eigenen Bedürfnisse oft hinten an, tragen viel und geben noch mehr.
Große Last auf wenigen Schultern
Allein- und getrennterziehende Familien sind dagegen sehr häufig in unserer Gesellschaft vertreten und machen etwa jede fünfte Familie aus. Trotz gesellschaftlicher Entwicklungen liegt die Hauptverantwortung für die Kindererziehung nach wie vor überwiegend bei den Müttern: Im Jahr 2023 lag der Anteil der alleinerziehenden Väter bei lediglich 18 %. Zwar ist das eine leichte Steigerung im Vergleich zu früheren Jahren, doch es verdeutlicht, wie ungleich es weiterhin verteilt ist. Der Bildungsgrad allein- und getrennterziehender Eltern ist überwiegend mittel bis hoch. 71 % der Mütter und 87 % der Väter in dieser Familienform sind erwerbstätig – etwas weniger als in traditionellen Paarfamilien (Frauen: 77 %, Männer: 93 %). Interessant ist jedoch: Alleinerziehende Mütter arbeiten häufiger in größerem Umfang als Mütter in Paarbeziehungen – 41,4 % von ihnen sind in Vollzeit beschäftigt, verglichen mit nur 31,1 % bei Müttern in Paarfamilien. Trotz hoher Belastung und Erwerbstätigkeit ist diese Familienform jedoch am stärksten von Armut betroffen: 41 % der allein- und getrennterziehenden Haushalte gelten als armutsgefährdet, 37,2 % beziehen Sozialleistungen. Wie auch bei Mehrkindfamilien stellt die Vereinbarkeit von Beruf und Familie eine enorme Herausforderung dar, ebenso wie der Wohnungsmarkt. Der aktuelle Familienbericht zeigt außerdem deutlich: Allein- und getrennterziehende Eltern sind häufiger von Überforderung und sozialer Isolation betroffen. Sie tragen große Verantwortung – oft ohne ein stabiles unterstützendes Umfeld.
Kitas: Unverzichtbare Partner für Familien
Doch warum greifen wir dieses Thema so intensiv auf – als Verband, der in erster Linie die Interessen von Kita-Trägern vertritt? Ganz einfach: Weil das Wohl der Familien inzwischen nahezu untrennbar mit dem Auftrag von Kitas verbunden ist. Familien liegt die Entwicklung ihrer Kinder am Herzen – ebenso wie Kitas. Kitas spielen eine zentrale Schlüsselrolle dabei, die Interessen und Bedürfnisse von Familien zu unterstützen. Sie ermöglichen es, Familie und Beruf besser miteinander zu vereinbaren – ein entscheidender Faktor, um das Armutsrisiko zu senken. Darüber hinaus schaffen Kitas Räume für soziale Teilhabe, Inklusion und Stabilität – für Kinder ebenso wie für ihre Eltern, unabhängig von deren Lebenslage. Vor allem aber leisten Kitas einen bedeutenden Beitrag zur Chancengerechtigkeit. Frühkindliche Bildung und Förderung eröffnen insbesondere Kindern aus sozioökonomisch benachteiligten oder anderweitig herausfordernden Verhältnissen bessere Startchancen ins Leben. Kitas sind somit wichtige Ankerpunkte für Familien. Diese Relevanz wird auch von dem Berliner Familienbericht deutlich unterstrichen. Und nicht zuletzt verdeutlicht das aktuelle Kindeswohl-Ranking von UNICEF - in dem Deutschland von Platz 14 auf Platz 25 abgerutscht ist -, wie entscheidend Bildung, Teilhabe sowie körperliche und mentale Gesundheit für das Wohl von Kindern sind. All diese Aspekte nehmen in der frühkindlichen Bildung einen besonderen Stellenwert ein.
Deshalb wollen wir am Internationalen Tag der Familie nicht nur auf die Herausforderungen aufmerksam machen, mit denen Familien täglich konfrontiert sind – sondern auch betonen, welche zentrale Rolle Kitas dabei spielen, Familien zu entlasten und zu stärken. Sie sind nicht nur ein elementarer Baustein der Bildungspolitik, sondern auch ein Schlüssel zu mehr sozialer Gerechtigkeit in der Familienpolitik. Familien leisten einen großen Beitrag für unsere Gesellschaft. Allein schon im Hinblick auf den demografischen Wandel und die damit einhergehenden Herausforderungen sollten Familien verstärkt unterstützt werden – und dazu gehört auch, allen Familien den Zugang zu qualitativ hochwertiger frühkindlicher Bildung zu ermöglichen.
Quellen:
BERLINER BEIRAT FÜR FAMILIENFRAGEN, Schmitz, G. & Erdoğan, K. (2025). FAMILIEN IM ZEITENWANDEL STÄRKEN BERLINER FAMILIENBERICHT 2025. https://www.familienbeirat-berlin.de/fileadmin/Berliner%20Familienberichte/Familienbericht_2025/BBFF_FB2025_web.pdf.
BUNDESMINISTERIUM FÜR FAMILIE, SENIOREN, FRAUEN, JUGEND (2024). Familienreport 2024. https://www.bmfsfj.de/resource/blob/239468/a09d21ecd295be59a9aced5b10d7c5b7/familienreport-2024-data.pdf.
Erwerbsbeteiligung von Eltern. (o. D.). Statistisches Bundesamt. https://www.destatis.de/DE/Themen/Arbeit/Arbeitsmarkt/Qualitaet-Arbeit/Dimension-3/erwerbsbeteiligung-eltern.html#:~:text=Die%20Erwerbsbeteiligung%20von%20Eltern%20mit,der%20Anteil%2056%2C6%20%25..
Kinderarmut zeigt sich besonders bei Mehrkindfamilien. (2024, 6. Februar). https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/themen/aktuelle-meldungen/2022/november/kinderarmut-zeigt-sich-besonders-bei-mehrkindfamilien.
Menne, S. & Funcke, A. (o. D.). Factsheet Alleinerziehende in Deutschland. https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/user_upload/Factsheet_Alleinerziehende_2024.pdf.
UNICEF. (2025, 14. Mai). Wohlbefinden Kinder: Deutschland zurückgefallen | UNICEF. Deutsches Komitee für UNICEF e.V.https://www.unicef.de/informieren/aktuelles/presse/-/wohlbefinden-kinder-deutschland-zurueckgefallen-/374986.
Unterstützung für Allein- und Getrennterziehende. (o. D.). BMFSFJ. https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/themen/familie/chancen-und-teilhabe-fuer-familien/alleinerziehende.