Kita-Weltreise: Einblicke in die frühkindliche Bildung Wiens
Vor knapp einem Monat war der VKMK im Rahmen einer Erasmus-Reise mit der Gesellschaft für Europabildung in Wien unterwegs und ist dort über mehrere Tage hinweg in die frühkindliche Bildung eingetaucht.
Vor knapp einem Monat war der VKMK im Rahmen einer Erasmus-Reise mit der Gesellschaft für Europabildung in Wien unterwegs und ist dort über mehrere Tage hinweg in die frühkindliche Bildung eingetaucht. In Gesprächen mit einem Politiker, einer Vertreterin der Verwaltung, Pädagoginnen sowie einer Vertreterin einer Schule durften wir uns ein Bild der frühkindlichen Bildung aus unterschiedlichsten Perspektiven machen: Wie ist sie in Wien gestaltet? Welchen Stellenwert nimmt sie ein? Welche Herausforderungen gibt es? Und wie sehen die Rahmenbedingungen aus?
Kommt in den nächsten Zeilen mit uns auf eine kleine, spannende und informative Reise in die österreichische Hauptstadt.
So funktionieren Wiener Kitas: Zahlen, Fakten und Rahmenbedingungen
Unser erster Programmtag in Wien begann mit einem Ausflug in das Wiener Parlament und einem Austausch mit Christian Oxonitsch von der Sozialdemokratischen Partei Österreich. Er ist Abgeordneter zum Nationalrat sowie Mitglied unter anderem im Ausschuss für Familie und Jugend und im Bildungsausschuss.
Nachdem wir zunächst mit der Straßenbahn in die gänzlich entgegengesetzte Richtung gefahren waren, erreichten wir schließlich doch noch pünktlich das Parlament. Im Gespräch mit Herrn Oxonitsch wurde schnell deutlich, dass Deutschland und Österreich eine große Gemeinsamkeit teilen: den Föderalismus in Bildungsangelegenheiten. Bildung ist Ländersache und damit in allen neun österreichischen Bundesländern unterschiedlich gestaltet. Dennoch gibt es einige Aspekte, die sich über ganz Österreich erstrecken. Dazu zählt etwa das verpflichtende letzte Kita-Jahr, in dem Kinder mindestens 20 Stunden pro Woche an mindestens vier Tagen eine frühkindliche Bildungseinrichtung besuchen müssen. Ein weiterer – mehr oder weniger ausgeprägt vorhandener - Aspekt ist das Ansehen und der Stellenwert der frühkindlichen Bildung. Dieser zeigt sich bereits in der Frage, seit wann Kindertageseinrichtungen in Österreich gesetzlich als vollwertige Bildungseinrichtungen verankert sind – und das ist erst seit knapp zehn Jahren der Fall. Auch das Wording der Berufsbezeichnung gibt darüber Aufschluss: Die Bezeichnung „Elementarpädagogik“ ist in Österreich noch relativ neu, zuvor wurde allgemein von „Kindergärtner:innen“ gesprochen.
Im Austausch mit einer Elementarpädagogin eines freien Kita-Trägers wurde zudem deutlich, dass der Stellenwert der frühkindlichen Bildung in Teilen Österreichs noch immer hinterherhinkt. Kinder werden - insbesondere auf dem Land - häufig erst relativ spät in einer Kita angemeldet, da es weiterhin als verpönt gilt, Kinder in eine Betreuungseinrichtung zu geben. Im Vergleich zur Betreuungsquote in Deutschland zeigen sich jedoch nur marginale Unterschiede. So lag die Betreuungsquote der Unter-Dreijährigen in Österreich im Jahr 2024 bei 34,8 % (Deutschland: 37,8 %), bei den Über-Dreijährigen bei 94,3 % (Deutschland: 95,0 %). In Wien liegen die Quoten etwas höher: 46,4 % bei den Unter-Dreijährigen (Berlin: 49,4 %) und 93,5 % bei den Über-Dreijährigen (Berlin: 99,0 %).
Doch nun richten wir den Blick wieder auf Wien und insbesondere auf die Rahmenbedingungen, die wir am letzten Tag unseres Aufenthalts im Austausch mit einer Vertreterin der Verwaltung kennenlernen durften.
Der Großteil der Kindertageseinrichtungen in Wien ist in privater Trägerschaft, nur 37 % der Kita-Plätze werden von der Stadt Wien gestellt. Um ein Kind in einer Kita anmelden zu können, erhält jedes Kind eine sogenannte Kindergartennummer - vergleichbar mit dem Kita-Gutschein in Berlin. In den städtischen Kitas ist ein Platz grundsätzlich kostenfrei, lediglich die Kosten für das Mittagessen in Höhe von 90 € pro Monat müssen vollständig übernommen werden. Eltern müssen jedoch einen Nachweis darüber erbringen, ob sie berufstätig sind. Ist dies der Fall, hat ihr Kind einen Anspruch auf einen Betreuungsplatz. In privaten Kitas können Eltern ihr Kind hingegen auch ohne Arbeitsnachweis anmelden. Diese Einrichtungen erhalten von der Stadt Wien eine Pro-Kopf-Finanzierung in Höhe von 280 € pro Kind und Monat - unabhängig von der Betreuungsdauer. Alle darüber hinausgehenden Kosten, etwa für Miete, Instandhaltung oder Ähnliches, werden über Elternbeiträge finanziert.
Pro Woche stehen den Pädagog:innen 34 Stunden für die direkte pädagogische Arbeit zur Verfügung. Die übrigen Stunden entfallen auf Vor- und Nachbereitungszeiten. Der Personalschlüssel ist in Wien tatsächlich anders ausgestaltet als in Deutschland - was nicht zuletzt einem massiven Personalmangel geschuldet ist, den wir selbst vor etwa zwei Jahren noch erlebt haben. In Gruppen für Kinder unter drei Jahren liegt das gesetzlich vorgeschriebene Verhältnis bei 1:15, in Gruppen für Kinder über drei Jahren bei 1:25 und in altersübergreifenden Gruppen bei 1,5:20. Dabei wird jede:r Pädagog:in von einer Assistenzkraft unterstützt. Die Voraussetzungen, um als Assistenzkraft tätig zu sein, beschränken sich auf den Nachweis eines B2-Niveaus in der deutschen Sprache. Im Kita-Alltag übernehmen Assistenzkräfte neben Aufgaben in den Gruppen häufig auch hauswirtschaftliche Tätigkeiten, etwa Reinigungsarbeiten. Im Gespräch mit einer Pädagogin aus einer privaten Kita wurde deutlich, dass die Fachkräfte den Personalschlüssel grundsätzlich als angemessen empfinden. Als größeres Problem wird jedoch die Gruppengröße benannt, viele wünschen sich kleinere Gruppen.
Inklusion unter Druck: Zwischen Anspruch und Ressourcen
Während bereits ein erheblicher Mangel an ausgebildeten pädagogischen Fachkräften besteht, ist der Mangel an Inklusionsfachkräften noch deutlich größer. Dies hat zur Folge, dass Kinder mit Inklusionsstatus häufig in regulären Gruppen betreut werden - oft auch ohne zusätzliche Inklusionsfachkräfte. In einer kommunalen Kita, die wir besucht haben, wurde uns berichtet, dass private Kita-Träger häufig keine Kinder mit Inklusionsstatus aufnehmen. Grund dafür ist, dass sie aufgrund des Mangels an Inklusionsfachkräften eine bedarfsgerechte Bildung, Betreuung und Förderung nicht gewährleisten können. Da jedoch jedes Kind mit Förderbedarf - auch Kinder, deren Eltern nicht erwerbstätig sind - einen Anspruch auf 30 Stunden Betreuung pro Woche hat, werden Kinder mit Inklusionsstatus überwiegend in kommunalen Kitas aufgenommen. In der Folge werden rund 98 % aller Kita-Kinder mit Inklusionsstatus in kommunalen Einrichtungen betreut.
In einer privaten Kita wurde uns erklärt, wie dort vorgegangen wird, wenn ein Kind mit Inklusionsstatus angemeldet wird. Gemeinsam mit dem Team und den Eltern wird das weitere Vorgehen besprochen: Was braucht das Kind? Welche Unterstützung können die Eltern leisten? Was können die pädagogischen Fachkräfte übernehmen? Trauen sie sich diese Aufgabe - trotz fehlender Ausbildung zur Inklusionsfachkraft - zu? Und verfügen sie über ausreichend Kapazitäten, um sich eigenständig weiterzubilden? Auf dieser Grundlage wird das pädagogische Konzept der Kita entsprechend angepasst und der Stadt vorgelegt. Für die Betreuung von Kindern mit Inklusionsstatus erhalten Kitas nur eine geringe zusätzliche Finanzierung, die meist in die Reduktion der Gruppengröße investiert wird. Die Betreuung und Förderung funktioniert dabei jedoch nur dann gut, wenn auch die Eltern aktiv mitarbeiten und ihr Kind zusätzlich im privaten Umfeld fördern.
In eben dieser privaten Kita wurden wir zudem auf eine weitere Herausforderung aufmerksam gemacht, die sich auch in Deutschland zeigt: Viele Kinder mit Förderbedarf verfügen noch über keine Diagnose, wenn sie in die Kita kommen. Gleichzeitig bringen Kinder zunehmend psychische Belastungen mit. Große Themen sind dabei unter anderem der hohe Medienkonsum und dessen Folgen sowie die Auswirkungen der Pandemie. In der Folge werden faktisch in nahezu jeder Gruppe Kinder mit besonderen Förderbedarfen betreut. Zur Dokumentation und Bewertung der Entwicklungsfortschritte sind Kitas verpflichtet, Kinder zu beobachten und zu dokumentieren; konkrete Beobachtungsinstrumente - wie etwa BeoKiz in Berlin - sind dabei jedoch nicht vorgeschrieben. Wird während der Kita-Zeit ein besonderer Förderbedarf vermutet und eine Entwicklungsdiagnostik angestoßen, kann es bis zu anderthalb Jahre dauern, bis eine Diagnose vorliegt - kaum Zeit, um in der verbleibenden Kita-Zeit noch angemessen reagieren zu können. Wird ein Kind bei der Einschulung noch nicht als schulfähig eingeschätzt, kann es zurückgestellt werden. Es besucht dann jedoch keine Kita mehr, sondern eine Vorschule, die direkt an eine Schule angebunden ist. Dort werden die Kinder von Volksschullehrer:innen betreut, mit einem Schwerpunkt auf Sprachförderung und Sprachbildung.
Ausbildungswege in der Elementarpädagogik
Nun wissen wir, wie die Rahmenbedingungen der frühkindlichen Bildung in Wien in etwa aussehen und dass insbesondere der Personalmangel eine große Herausforderung darstellt. Daher richten wir den Blick nun auf die Ausbildung pädagogischer Fachkräfte. Eine entsprechende Ausbildungsstätte durften wir bereits am ersten Tag nach unserem Parlamentsbesuch kennenlernen.
In Österreich tragen diese Ausbildungsstätten die Bezeichnung „Bildungsanstalt für Elementarpädagogik“. Bereits der Name verdeutlicht, dass die Ausbildung gezielt auf den frühkindlichen Bereich ausgerichtet ist. Denn anders als in Deutschland dürfen in österreichischen Kindertageseinrichtungen ausschließlich ausgebildete Elementarpädagog:innen als Fachkräfte arbeiten. Sozialpädagog:innen müssen, sofern sie in der frühkindlichen Bildung tätig sein möchten, einen zusätzlichen einjährigen Lehrgang absolvieren, der sich ausschließlich mit dem Elementarbereich befasst. Die Ausbildung zur Elementarpädagogik liegt in Österreich grundsätzlich in der Zuständigkeit des Bundes - mit Ausnahme von Wien, das über eigene kommunale Bildungsanstalten verfügt. Neben der „klassischen“ Ausbildung an einer Bildungsanstalt haben sich in den vergangenen Jahren - nicht zuletzt aufgrund des Fachkräftemangels - zahlreiche alternative Ausbildungswege entwickelt, etwa an pädagogischen Hochschulen oder Fachhochschulen. Zudem besteht die Möglichkeit, die Matura direkt an einer Bildungsanstalt für Elementarpädagogik zu absolvieren. Diese Ausbildung beginnt nach dem achten Schuljahr und erstreckt sich über fünf Jahre. Neben elementarpädagogischen Inhalten wird auch Allgemeinbildung vermittelt, sodass Absolvent:innen nach Abschluss der Matura sowohl direkt in die Praxis einsteigen können als auch die Zugangsvoraussetzung für ein Studium erwerben. Die Erfahrungen aus den Bildungsanstalten zeigen jedoch, dass rund 97 % der Matura-Absolvent:innen letztlich nicht in einer Kita tätig werden. Die Einführung der Matura-Ausbildung stellt damit einen wesentlichen Faktor im bestehenden Personalmangel dar. Grundsätzlich ist die Ausbildung zur Elementarpädagogik entgeltfrei, mit Ausnahme der kommunalen Bildungsanstalten der Stadt Wien. Dort erhalten die Studierenden während ihrer Ausbildung ein kleines Gehalt, verpflichten sich im Gegenzug jedoch, im Anschluss für fünf Jahre im Dienst der Stadt Wien zu arbeiten.
In der von uns besuchten Bildungsanstalt für Elementarpädagogik wurde uns zudem erklärt, dass jede Bildungsanstalt über einen Praxiskindergarten verfügen muss, in dem Auszubildende ihre Praxisphasen absolvieren. Da die Platzkapazitäten dieser Praxiskindergärten in der Regel nicht ausreichen, um alle Auszubildenden aufzunehmen, absolvieren viele ihre Praxisphasen auch in anderen Kindergärten im gesamten Wiener Stadtgebiet. Neben den Auszubildenden sind in den Praxiskindergärten auch Lehrkräfte der Bildungsanstalt tätig, wodurch die Personalkapazität dort deutlich höher ist als in anderen Kindergärten. Für Kinder und Familien bringt ein Praxiskindergarten jedoch auch besondere Herausforderungen mit sich: So kommt es zu einem häufigen Wechsel der Bezugspersonen sowie zu einer vergleichsweise hohen Anzahl an Schließtagen, da die Einrichtungen während der Schulferien geschlossen sind. Dennoch entscheiden sich viele Eltern bewusst dafür, ihr Kind in einem Praxiskindergarten anzumelden.
Die von uns besuchte Bildungsanstalt für Elementarpädagogik legt in der Ausbildung einen sehr hohen Stellenwert auf Biografie- und Reflexionsarbeit als wichtige Voraussetzung für qualitativ hochwertige Bildungsarbeit. So gibt es neben einer Reihe von Seminaren im ersten Semester die sogenannte „Ich-Werkstatt“, in der sich Studierende intensiv mit der eigenen Biografie und Selbstreflexion beschäftigen. Im zweiten Semester wird darauf mit einer „Wir-Werkstatt“ aufgebaut, in der der Fokus auf Gemeinschaft und Zusammenarbeit liegt.
Frühkindliche Bildung in der Praxis: Drei Kitas, drei Wege
Wie also wird frühkindliche Bildung in der Praxis gestaltet? Dies durften wir bei Besuchen von insgesamt drei unterschiedlichen Kindertagesstätten erfahren.
Zweisprachig, nachhaltig und draußen
Am zweiten Tag unserer Wien-Reise besuchten wir einen privaten Kindergarten, der ein bilinguales Konzept - Deutsch und Englisch - verfolgt und zugleich einen großen Schwerpunkt auf Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein legt. Zur Umsetzung des bilingualen Konzepts sind in dieser Kita pro Fachkraft zwei Assistenzkräfte tätig: eine deutsch- und eine englischsprachige. Ihre zentrale Aufgabe besteht darin, den Spracherwerb der Kinder in der jeweiligen Sprache gezielt zu unterstützen. Der Umwelt- und Nachhaltigkeitsaspekt ist in dieser Kita auf vielfältige Weise in den Alltag integriert. Dazu zählen unter anderem nachhaltiges und allergiefreundliches Essen, ein bewusster Umgang mit Müll sowie größere Projekte wie sogenannte Umweltwochen, in denen sich die Kinder intensiv mit entsprechenden Themen auseinandersetzen. Ein besonderes Highlight stellt zudem eine Outdoorgruppe dar: eine Gruppe, die den ganzen Tag - bei Regen, Matsch und Sonnenschein - im Freien auf dem großzügigen Außengelände der Kita verbringt. Für ihr Engagement im Bereich Nachhaltigkeit wurde die Kita sogar mit dem Österreichischen Umweltzeichen ausgezeichnet.
Bewegung von Anfang an
Die zweite Kita, die wir besucht haben, war ebenfalls in privater Trägerschaft und setzte einen klaren Schwerpunkt auf Sport und Bewegung. Ziel der Einrichtung ist es, die Entwicklung der Kinder von Beginn an ganzheitlich durch Bewegung zu fördern. Dies geschieht unter anderem durch Ausflüge, bewegungsorientierte Spiele sowie die Zusammenarbeit mit Physiotherapeut:innen. Während unseres Besuchs in dieser Kita lag der Fokus des Austauschs jedoch vor allem auf den allgemeinen Rahmenbedingungen der frühkindlichen Bildung sowie auf politischen und gesellschaftlichen Themen - es handelt sich dabei um jene Kita, die im Text bereits mehrfach erwähnt wurde. Daher erhielten wir im Vergleich zu den anderen beiden Einrichtungen weniger spezifische Informationen zum pädagogischen Konzept vor Ort.
Inklusion mit Geschichte
Unser dritter und letzter Kita-Besuch führte uns in eine kommunale Einrichtung, die in einem Gebäude von großer historischer Bedeutung untergebracht ist. Bereits 1948 wurde hier der Grundstein gelegt, und 1949 eröffnete an diesem Ort der erste Sonderkindergarten Europas - ermöglicht durch finanzielle Unterstützung aus der Schweiz. Der Sonderkindergarten war offen für Kinder der Nachkriegsjahre mit unterschiedlichen Förderbedarfen, darunter körperliche, soziale und ökonomische. Insgesamt gab es sechs Gruppen: eine für körperbehinderte Kinder, eine für sehbehinderte und blinde Kinder, eine für hörbehinderte und taube Kinder, eine für geistig schwerstbehinderte Kinder, eine für schwererziehbare Kinder sowie eine Gruppe für Kinder ohne Behinderung. Bereits bei der Planung der Architektur wurden die besonderen Bedarfe der Kinder berücksichtigt. Die Decken wurden bewusst niedriger gestaltet, um eine heimelige Atmosphäre zu schaffen. Lediglich ein Raum verfügte über eine hohe Decke: der Gruppenraum der sehbehinderten Kinder, um mehr Tageslicht hereinzulassen und das Sehen zu erleichtern. Zudem wurde schon damals ein Schwimmbecken in das Gebäude integriert, das der Förderung der körperlichen Mobilität diente. Die Kinder erhielten in diesem Kindergarten vielfältige therapeutische Unterstützung. Gleichzeitig war der Sonderkindergarten auch ein Ort wissenschaftlicher Forschung. Zu diesem Zweck wurden neben den Gruppenräumen kleine Beobachtungsräume mit Fenstern eingerichtet, durch die Wissenschaftler:innen das Gruppengeschehen für Studien beobachten konnten. Heute verfügt der Kindergarten über insgesamt neun Gruppen, davon drei heilpädagogische Gruppen und sechs Integrationsgruppen. In den heilpädagogischen Gruppen werden jeweils bis zu zwölf Kinder von zwei (inklusiven) Elementarpädagog:innen sowie zwei Assistent:innen betreut. In den Integrationsgruppen werden jeweils 20 Kinder von einer inklusiven Elementarpädagog:in, einer weiteren Elementarpädagog:in und zwei Assistent:innen begleitet. Das Schwimmbad ist - inzwischen modernisiert - weiterhin Teil des Förderangebots. Darüber hinaus gibt es Rückzugsräume für Kinder, denen der Gruppenalltag zeitweise zu viel wird, ein großes Außengelände zum Austoben sowie zahlreiche weitere Unterstützungsangebote, darunter physiotherapeutische Begleitung und gebärdenunterstützende Kommunikation.
Alles in allem war es eine unglaublich spannende Erasmus-Reise, die deutlich gemacht hat, dass frühkindliche Bildung - auch in Nachbarländern wie Österreich - in manchen Punkten sehr verschieden und in vielen Aspekten doch erstaunlich ähnlich ist. Im Mittelpunkt steht dabei stets das gemeinsame Ziel aller Beteiligten: Kindern trotz herausfordernder Rahmenbedingungen die bestmögliche Unterstützung und Förderung für eine ganzheitliche Entwicklung zu ermöglichen.
Tag 1
Parlamentsbesuch & Besuch einer Bildungsanstalt für Elementarpädagogik
Tag 2
Besuch zweier privater Kindergärten
Tag 3
Austausch mit einer Vertreterin der Verwaltung & Besuch eines kommunalen Kindergartens
Hochbegabt in der Kita: Wenn kleine Köpfe groß denken
Ob der leicht schrullige Erfinder Dr. Emmett Brown aus Zurück in die Zukunft, der sozial unbeholfene Sheldon Cooper aus The Big Bang Theory oder auch der exzentrische Sherlock Holmes aus der gleichnamigen Serie - sie alle verbindet ein bestimmtes Merkmal: Hochbegabung. Alle drei sind Charaktere mit einer außergewöhnlich hohen Intelligenz und verkörpern Archetypen für die mediale Darstellung von Hochbegabung: exzentrisch, eigenwillig, sozial etwas unbeholfen, meist einzelgängerisch und stets ein wenig zwischen Genie und Wahnsinn schwankend.
Ob der leicht schrullige Erfinder Dr. Emmett Brown aus Zurück in die Zukunft, der sozial unbeholfene Sheldon Cooper aus The Big Bang Theory oder auch der exzentrische Sherlock Holmes aus der gleichnamigen Serie - sie alle verbindet ein bestimmtes Merkmal: Hochbegabung. Alle drei sind Charaktere mit einer außergewöhnlich hohen Intelligenz und verkörpern Archetypen für die mediale Darstellung von Hochbegabung: exzentrisch, eigenwillig, sozial etwas unbeholfen, meist einzelgängerisch und stets ein wenig zwischen Genie und Wahnsinn schwankend.
Damit liefern uns die Medien ein sehr einseitiges Bild von Hochbegabung - ein Bild, das nicht unbedingt der Wirklichkeit entspricht, welches vielleicht humoristisch gut gelungen sein mag, der Hochbegabung jedoch nicht gerecht wird. Und ein Bild, das dennoch unsere Auffassung von Hochbegabung maßgeblich prägt. Wir möchten daher heute einen anderen, etwas weiteren Blick auf Hochbegabung werfen - mit einem Fokus auf Hochbegabung im frühen Kindesalter und natürlich der Frage, wie dies in der frühkindlichen Bildung erkannt und gefördert werden kann.
Hochbegabung: Definition, Dimensionen, Deutung
Wie der Begriff “Hochbegabung” schon nahelegt, beschreibt er die Eigenschaft, besonders begabt zu sein. Zumeist verbinden wir dies mit einem sehr hohen IQ, also einer ausgeprägten kognitiven Leistungsfähigkeit. Doch tatsächlich kann sich Hochbegabung in verschiedenen Dimensionen zeigen: Man kann etwa im künstlerischen, musischen, kreativen oder sportlichen Bereich hochbegabt sein, ebenso sind soziale, emotionale oder psychomotorische Hochbegabungen möglich. Eine Begabung in einem dieser Bereiche - beispielsweise im Künstlerischen - bedeutet dabei nicht automatisch, dass man auch in anderen Gebieten eine außergewöhnliche Begabung hat. Allen Formen der Hochbegabung ist jedoch gemeinsam, dass die betreffende Person besonders schnell und meist mühelos außergewöhnliche Leistungen im entsprechenden Bereich erzielt. Im Folgenden werden wir uns jedoch primär auf die kognitive Hochbegabung konzentrieren.
Um Hochbegabung zu definieren, wird meist eine psychometrische Definition herangezogen, die auf dem Intelligenzquotienten (IQ) basiert. Ein etablierter Grenzwert für die Diagnose von Hochbegabung ist ein IQ von über 130 - ein Wert, den nur etwa 2% einer Altersgruppe erreichen. Diese Definition ist jedoch umstritten, insbesondere in Bezug auf Kinder, denn zum einen gibt es im Alltag kaum merkliche Unterschiede zwischen Kindern mit einem IQ von 125 und solchen mit einem IQ von über 130. Zum anderen ist der Kreis der Kinder, die deutlich überdurchschnittliche Fähigkeiten aufzeigen, wesentlich größer als diese 2%. Und gerade für Kita-Kinder gilt zudem, dass sie sich noch ganz am Anfang ihrer Entwicklung befinden. Eine Messung des IQs ist in diesem Alter daher nur bedingt aussagekräftig. Aussagekräftiger sind hier viel eher ein klar erkennbarer Entwicklungsvorsprung gegenüber Gleichaltrigen sowie ein wahrgenommenes Potenzial, das auf eine mögliche Hochbegabung hindeutet.
Hochbegabung im Kita-Alter erkennen und verstehen
Wie also genau zeigt sich Hochbegabung im Kita-Alter und an welchen Punkten lässt sie sich festmachen?
Hochbegabung kann sich in diesem Alter auf ganz unterschiedlichen Ebenen bemerkbar machen. Entscheidend ist dabei stets der Vergleich zu Gleichaltrigen und zur alterstypischen Entwicklung. Beginnen wir zunächst einmal mit den kognitiven Merkmalen.
Anzeichen für Hochbegabung
Ein mögliches Anzeichen für Hochbegabung ist schnelles und effektives Lernen: Das Kind eignet sich neues Wissen in hoher Geschwindigkeit an, erfasst Informationen schnell, verarbeitet sie effizient und kann sich Inhalte - unabhängig von ihrer Komplexität - leicht merken. Dies kann sich beispielsweise darin zeigen, dass das Kind frühzeitig die Uhr lesen kann. Ein weiteres Merkmal kann ein ausgeprägtes logisches Verständnis sein. Dieses wird etwa in kognitiven Transferleistungen deutlich: dem Erkennen von Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen, der Übertragung von Denk- und Lösungsstrategien auf neue Fragestellungen, dem Verknüpfen von Informationen sowie der Fähigkeit, komplexe Probleme eigenständig zu lösen. So kann ein Kind beim Bauen eines Turms mit Klötzen erkennen, dass manche Klötze schwerer und größer sind als andere. Es versteht, dass der Turm umkippen wird, wenn diese schweren Klötze oben verbaut werden und entscheidet sich deshalb , zunächst ein stabiles Fundament zu legen und den Turm nach oben hin schmaler zu gestalten.
Nicht selten zeichnen sich hochbegabte Kinder zudem durch einen großen Wissensdurst und eine ausgeprägte Neugier aus. Sprachlich verfügen sie häufig über einen umfangreichen, altersuntypischen Wortschatz, verwenden komplexe Satzstrukturen und erkennen feine Bedeutungsnuancen in der Sprache. In Gesprächen können sie differenziert und logisch argumentieren. Manche zeigen bereits früh Interesse am Lesen und Schreiben oder beherrschen diese Fähigkeiten bereits. Allerdings ist hierbei hinzuzufügen, dass dies kein Alleinstellungsmerkmal für Hochbegabung ist. Denn viele Kinder entwickeln vor Schuleintritt ein solches Interesse und bringen sich Lesen und Schreiben teilweise selbst bei. Aber meistens basiert dies auf Imitation, indem sie etwa Buchstaben kopieren und nachzeichnen oder beim Lesen anhand bereits bekannter Buchstaben ganze Wörter erraten. Bei hochbegabten Kindern geschieht dieser Prozess jedoch oft sinnerfassend und selbstständig. Ähnliches gilt für mathematische Fähigkeiten: Zwar begeistern sich viele Kinder im Kita-Alter für Zahlen und Rechenaufgaben, doch hochbegabte Kinder zeigt hier in der Regel ein tieferes, altersuntypisches Verständnis mathematischer und logischer Zusammenhänge, welches sie eigenständig erworben haben.
Auch die Interessen des Kindes können sich deutlich von denen seiner Altersgenossen entscheiden. So zeigen hochbegabte Kinder oft schon früh eine Faszination für komplexe, ethische oder philosophische Fragestellungen - wie etwa zu Leben und Tod, Politik, Gerechtigkeit oder auch Umweltfragen.
Sozial-emotionale Aspekte
Nun wissen wir etwas mehr darüber, wie sich Hochbegabung im Kita-Alltag zeigen kann. Doch wie steht es eigentlich um die sozial-emotionalen Merkmale? Bringen hochbegabte Kinder - ähnlich wie die eingangs beschriebenen medialen Charaktere - tatsächlich auch eine gewisse Eigenwilligkeit, Exzentrik, soziale Unzulänglichkeit und Isolation mit sich?
In der Forschung wird ein solches Bild nicht bestätigt. Zwar kann es durchaus vorkommen, dass ihr Wissensdurst und ihre altersuntypische Ausdrucksweise bei anderen für Verwunderung und vielleicht auch Unverständnis sorgen. Manche hinterfragen zudem gerne Autoritäten - oft aus einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn heraus - oder haben einen starken Wunsch nach Mitbestimmung, besonders in eigenen Angelegenheiten. Ebenso ziehen es hochbegabte Kinder oft vor, sich lieber mit älteren Kindern oder Erwachsenen zu unterhalten und zu spielen als mit Gleichaltrigen, aufgrund einer besseren kognitiven Passung. Doch psychische oder soziale Auffälligkeiten im Zusammenhang mit Hochbegabung konnte die Forschung nicht nachweisen.
Wird einem hochbegabten Kind jedoch vermittelt, dass seine Hochbegabung und die damit verbundenen Fähigkeiten “nicht normal” seien, oder wird es nicht angemessen gefördert und in seinen Bedürfnisse unterstützt, kann dies mitunter zu Frustration, Unterforderung, geringem Selbstwertgefühl, Leistungsverweigerung, Isolation oder Rückzug führen. Aus diesem Grund ist es besonders wichtig, auch hochbegabte Kinder in ihren individuellen Bedürfnissen ernst zu nehmen und gezielt zu fördern.
Die asynchrone Entwicklung
Ebenfalls ist es eine falsche Annahme, dass eine hochbegabte Person - insbesondere im Kindesalter - in allen Bereichen überdurchschnittlich begabt ist. So kann ein Kind, das sprachlich weit voraus ist und vielleicht schon eigenständig lesen kann, gleichzeitig einen motorischen Förderbedarf haben. Dieses Phänomen wird als asynchrone Entwicklung bezeichnet. Oft werden solche Unterschiede als nicht stimmig und widersprüchlich empfunden: dem Kind wird vorgehalten, “es müsse das doch besser können”, oder seine besonderen Fähigkeiten werden relativiert. Beim Kind selbst können diese Entwicklungsunterschiede zu Frustration und Selbstzweifel führen, sei es aufgrund eigener Ansprüche an sich selbst oder wegen der Erwartungshaltung anderer. Wichtig ist daher, solche Unterschiede als normal zu akzeptieren, um das Kind in seiner Entwicklung nicht zu hemmen oder zu verunsichern.
Warum im Kita-Alter Beobachtung oft mehr verrät als ein Test
Besteht die Vermutung auf Hochbegabung, wird für eine genaue Diagnostik meist ein IQ-Test durchgeführt. Doch wie bereits erwähnt, ist dieser im Kita-Alter nur begrenzt aussagekräftig. Ein IQ-Test im frühen Kindesalter kann zwar durchaus aktuelle kognitive Stärken abbilden, liefert jedoch nur eingeschränkt Hinweise auf die langfristige Entwicklung. Und auch für die pädagogische Arbeit ist das Ergebnis eines IQ-Tests nur unzureichend gewinnbringend. Wesentlich hilfreicher sind gezielte Beobachtungen, Gespräche sowie ein Austausch zwischen Eltern, Kita und gegebenenfalls externe Fachleute wie Psycholog:innen, um das Kind umfassend zu verstehen und gezielt fördern zu können.
Bei der Beobachtung sollte der Fokus vor allem auf den Stärken des Kindes und den individuellen Bedürfnissen liegen, um nicht aufgrund einer asynchronen Entwicklung falsche Schlüsse zu ziehen. Sinnvoll ist es, das Kind in unterschiedlichen Situationen zu beobachten - möglichst unter Einbezug verschiedener Perspektiven und gegebenenfalls mithilfe einer videogestützten Analyse, mit anschließender kollegialer Fallberatung.
Für die Beobachtung können bewusst Anlässe geschaffen werden, die Rückschlüsse auf die kognitive Begabung des Kindes zulassen. Dies kann beispielsweise in Form von Problemlöseaufgaben geschehen, etwa wenn die Kinder Alltagsmaterialien, wie Papier, Stifte und Klebeband erhalten, mit der Aufgabe, daraus eine Brücke zu bauen, die ein Spielzeugauto tragen kann. Auch Projektarbeiten mit viel Freiraum zur Eigenständigkeit eignen sich - zum Beispiel der Bau eines Wasserfilters aus Naturmaterialien. Ebenso hilfreich sind Aktivitäten rund um ein besonderes Interessengebiet, wie etwa Dinosaurier.
In solchen Situationen lässt sich beobachten, wie das Kind mit den Aufgaben umgeht: ob es komplexe Aufgaben schnell begreift, selbstständig logische Schlussfolgerungen zieht, kreative Lösungen entwickelt, Ursache-Wirkung erkennt oder ob sein Wissen deutlich über dem altersgleichen Niveau liegt.
Auch Gespräche können wertvolle Hinweise auf die kognitiven Fähigkeiten liefern. Besonders hilfreich sind dabei offene Fragestellungen, die das Kind dazu anregen, Zusammenhänge zu erkennen, logisch zu argumentieren und seine Gedanken klar zu strukturieren. Solche Fragen können beispielsweise sein: “Warum denkst du, haben Ameisenbären so eine lange Nase?”, “Warum kippt der Turm, wenn wir den großen Holzklotz jetzt oben drauf legen?”, “Wie bist du auf diese Idee gekommen?” oder “Wie würdest du dieses Problem lösen, wenn wir jetzt kein Klebeband hätten?”
Zur Beobachtung eignen sich auch die gängigen Instrumente in Kitas, wie etwa Sprachlerntagebücher oder BeoKiz. Allerdings sind diese Verfahren meist stärker auf Entwicklungsrückstände ausgerichtet. Sie ermöglichen daher eine sehr gute Differenzierung im unteren Leistungsbereich, bieten jedoch kaum feine Unterscheidungsmöglichkeiten im oberen Bereich. Auch die allgemeine Beobachtung kann natürlich keine eindeutige Diagnose ersetzen - zumal sich die Kinder noch mitten in der Entwicklung befinden und viele zwar eine hohe Begabung und eine schnelle Aufgabenbewältigung zeigen,ohne tatsächlich hochbegabt zu sein. Dennoch sind solche Maßnahmen wertvoll, um die individuellen Bedürfnisse eines Kindes besser zu erkennen und eine stärkenorientierte Förderung zu ermöglichen - nicht nur für hochbegabte Kinder.
Wenn Hochbegabung unerkannt bleibt
Bleibt eine Hochbegabung bei einem Kind lange unentdeckt oder wird nicht angemessen gefördert, kann dies erhebliche Auswirkungen auf seine Entwicklung haben: Fehlt die Passung zwischen den Bedürfnissen des Kindes und den pädagogischen Angeboten, kann es sich unterfordert und gelangweilt fühlen. Häufig führt dies zu Frustration oder dem Druck, sich den anderen Kindern anpassen zu müssen. Ein Beispiel: Ein Kind verfügt aufgrund seiner Hochbegabung bereits über einen sehr großen Wortschatz und komplexe Satzstrukturen, die von den anderen Kindern jedoch nicht immer verstanden werden. Um dazuzugehören, passt es sich an, spricht nur noch in kurzen Sätzen und reduziert bewusst seine sprachlichen Fähigkeiten.
Langfristig können daraus negative Verstimmungen bis hin zu Depression, Entwicklungshemmungen und sogenanntes “Underachievement” entstehen. Unter “Underachievement” versteht man, wenn ein hochbegabtes Kind - oder allgemein eine überdurchschnittlich intelligente Person - deutlich unter seinen eigentlichen Möglichkeiten und Fähigkeiten bleibt. Meist zeigt sich dies im Schulalter, wenn eine dauerhafte Unterforderung besteht und die Leistungen messbar werden. Im Kita-Alter können sich erste Anzeichen von “Underachievement” durch Rückzug, Isolation, geringe Beteiligung an Aktivitäten, reduzierte Spielfreude und sinkende Motivation zeigen.
Inklusiv und partizipativ: Hochbegabte Kinder im Kita-Alltag fördern
Wie kann es also im Kita-Alltag sichergestellt werden, dass hochbegabte Kinder angemessen gefördert und unterstützt werden? Benötigt es dafür spezielle Konzepte?
Die gute Nachricht ist: Nein. Im Grunde genommen ist die Hochbegabtenförderung im Kita-Alter bereits Teil einer qualitativ hochwertigen frühkindlichen Bildung - vorausgesetzt sie wird inklusiv und partizipativ gestaltet.
Denn die Inklusionspädagogik basiert auf dem Prinzip, jedes Kind in seiner Einzigartigkeit zu sehen, seine individuellen Bedürfnisse und Fähigkeiten zu stärken und ihm die Möglichkeit zu geben, sein volles Potenzial zu entfalten. Das schließt alle Kinder ein - unabhängig davon, welchen Entwicklungsstand, Förderbedarf oder besondere Begabungen sie haben. Damit hochbegabte Kinder in diesem Rahmen qualitativ gefördert werden können, braucht es vor allem vier Voraussetzungen: Erstens eine fundierte Aufklärung über Hochbegabung, um Anzeichen frühzeitig zu erkennen und asynchrone Entwicklungen nicht fehlzudeuten. Zweitens eine reflektierte und wertschätzende Grundhaltung der pädagogischen Fachkräfte gegenüber den individuellen Fähigkeiten und Unterschieden der Kinder. Drittens eine gute Erziehungspartnerschaft mit den Eltern des Kindes sowie einen kontinuierlichen Austausch, um ein umfassendes Bild vom Kind zu erlangen. Und viertens eine stärkenorientierte Beobachtung, um Fördermaßnahmen passgenau und entwicklungsförderlich gestalten zu können.
Und ein erster wichtiger Ansatzpunkt für eine passgenaue Förderung ist die Partizipation. Durch den direkten und dialogischen Einbezug erhalten auch hochbegabte Kinder die Möglichkeit, ihre Bedürfnisse und Wünsche zu äußern und den Kita-Alltag aktiv mitzugestalten. Sie erleben, dass ihre Interessen und Perspektiven gehört und berücksichtigt werden, und werden gleichzeitig angeregt, über ihre eigenen Bedürfnisse zu reflektieren: Was möchte ich? Was ist umsetzbar? Was könnte auch den anderen Kindern gefallen? Zudem bietet eine partizipative Grundhaltung die optimale Voraussetzung für Offenheit gegenüber allen Themen, Fragen und Gesprächen. Wie bereits beschrieben, bieten sich gerade in solchen Gesprächs- und Diskussionsrunden hervorragende Möglichkeiten, Kinder mit gezielten, offenen Fragen zum Nachdenken, Schlussfolgern und Philosophieren anzuregen - etwa mit Fragen rund um das Thema Gerechtigkeit wie: “Was ist gerecht? Kann etwas für dich gerecht sein, aber für jemand anderen nicht?”.
Förderliche Aktivitäten und Rahmenbedingungen können darüber hinaus Projektarbeiten, Kleingruppenarbeiten, Aktivitäten rund um Interessensgebiete des Kindes sowie die Bereitstellung vielfältiger und unterschiedlich komplexer Materialien und Spiele sein. Doch die vielleicht wichtigste förderliche Aktivität ist das freie Spiel: Hier kann das Kind eigenständig auf seinem individuellen Niveau erkunden, erforschen und entdecken, eigene Ideen und Projekte entwickeln und das Spiel selbst an seine Bedürfnisse und Fähigkeiten anpassen. Für manche Kinder kann es zudem sinnvoll sein, zeitweise Kita-Gruppen mit älteren Kindern zu besuchen, um Spiel- und Gesprächspartner:innen zu haben, die sich auf einem ähnlichen kognitiven Niveau befinden. In Einzelfällen kann auch gemeinsam mit den Eltern eine frühere Einschulung erwogen werden - insbesondere, wenn das Kind bereits schulrelevante Fähigkeiten sicher beherrscht. Dennoch bietet gerade die Kita mit ihrem ganzheitlichen Bildungsansatz und der Ausrichtung auf individuelle Förderung den idealen Rahmen für hochbegabte Kinder.
So einfach und nahezu schon beiläufig dies klingen mag, ist es in der Praxis leider oft nicht. Denn wie bei der individuellen Förderung aller Kinder gilt auch hier: Gute Rahmenbedingungen sind entscheidend. Kleine Gruppen, ausreichend Personal und genügend Zeit sind Grundvoraussetzungen, um hochbegabte Kinder - ebenso wie alle anderen Kinder auch - angemessen fördern zu können. Sind diese gegeben, ist die Basis geschaffen, damit alle Kinder ihr volles Potenzial entfalten und ihren individuellen Lebens- und Bildungsweg bestmöglich beginnen können.
Quellen:
Arnold, D. & Preckel, F. (2011). Hochbegabte Kinder klug begleiten. Ein Handbuch für Eltern. Weinheim: Beltz.
begabt-hochbegabt.info - Hochbegabung bei Kindern. (n.d.). https://www.begabt-hochbegabt.info/hochbegabung/hochbegabung-erkennen/hochbegabung-bei-kindern/.
Dreger, B., & Thurmann, B. (2024). Wie es ist, hochbegabt zu sein. Herder.de. https://www.herder.de/kiga-heute/fachmagazin/archiv/2017-47-jg/11-12-2017/wie-es-ist-hochbegabt-zu-sein-kognitiv-begbate-kinder-erkennen-foerdern-begleiten-1/.
Koop, Christine (07.2017) Hochbegabte Kinder in der Kita – Grundlagen für die Elternberatung. KiTa Fachtexte. https://www.kita-fachtexte.de/fileadmin/Redaktion/Publikationen/KiTaFT_Koop_2017_HochbegabteKinder.pdf.
Maciejewski, C. (2023). Hochbegabung bei Kindern erkennen und begleiten. ndr.de. https://www.ndr.de/ratgeber/gesundheit/Hochbegabung-bei-Kindern-erkennen-und-begleiten%2Chochbegabung100.html?.
Riese, J. (2024). Woran Eltern erkennen, dass ihr Kind hochbegabt ist – und wann sie etwas unternehmen sollten. Sonntagsblatt. https://www.sonntagsblatt.de/artikel/familie/woran-eltern-erkennen-dass-ihr-kind-hochbegabt-ist-und-wann-sie-etwas-unternehmen.
Rost, D. H. (2013). Hochbegabte und hochleistende Kinder. Begabungsforschung und Förderung. Stuttgart: Kohlhammer Verlag.
Urban, M. (2007). Frühe Hochbegabung erkennen und fördern. München: Reinhardt Verlag.
Vock, H. (2021). Hochbegabung im Kindergarten. Das Kita-Handbuch. https://www.kindergartenpaedagogik.de/fachartikel/kinder-mit-besonderen-beduerfnissen-integration/hochbegabte-kinder/hochbegabung-im-kindergarten/.
Ziegler, A. & Stoeger, H. (2012). Diagnostik von Hochbegabung. In: Heller, K. A. et al. (Hrsg.), Begabungsdiagnostik.
Kita-Weltreise: Mit Kleiner Fratz nach Rumänien
Wie sieht frühkindliche Bildung in anderen Teilen der Welt aus? Wie gestalten andere Länder ihre Bildungssysteme? Welche Stellenwert nimmt frühkindliche Bildung dort ein? Welche pädagogischen Schwerpunkte und Ziele werden gesetzt? Welche Herausforderungen bewegen pädagogische Fachkräfte dort? Und welche inspirierenden Ansätze können wir vielleicht mitnehmen?
Wie sieht frühkindliche Bildung in anderen Teilen der Welt aus? Wie gestalten andere Länder ihre Bildungssysteme? Welchen Stellenwert nimmt frühkindliche Bildung dort ein? Welche pädagogischen Schwerpunkte und Ziele prägen den Kita-Alltag? Welche Herausforderungen bewegen pädagogische Fachkräfte dort? Und welche inspirierenden Ansätze können wir davon vielleicht mitnehmen?
Mit unserer “Kita-Weltreise” suchen wir regelmäßig Antworten auf genau diese Fragen und werfen dafür regelmäßig einen Blick über die Ländergrenzen hinweg.
Dieses Mal nehmen wir euch mit nach Rumänien - beziehungsweise: Unser Mitglied Kleiner Fratz nimmt euch mit. Denn das Leitungsteam von Kleiner Fratz war im Mai in der Stadt Oradea unterwegs und hat sich intensiv mit dem rumänischen Kita-System auseinandergesetzt. Ihre Reise haben sie in Kooperation mit der Asociatia Filantropia Oradea, einer gemeinnützigen diözesanen Organisation, umgesetzt, die das Team vor Ort begleitet hat. Gemeinsam wurden verschiedene Bildungseinrichtungen besucht - von Kindergärten und Schulen über Nachmittagsbetreuung bis hin zu einer Einrichtung für Menschen mit Behinderungen.
Deshalb: Seid gespannt auf die Reise nach Oradea - gemeinsam mit Kleiner Fratz.
Oradea - eine Stadt der Vielfalt
Oradea liegt im Nordwesten des Landes, nur etwa 13 km von der ungarischen Grenze entfernt. Die Stadt zählt rund 183.000 Einwohner, davon 70% Rumänen, 23% Ungarn, 2% Roma, Deutsche und Slowaken. Mit 50% ist die Bevölkerung überwiegend orthodox. 25% gehören dem römisch-katholischen Glauben an, 16% sind griechisch-katholisch, 8% protestantisch und etwa 1% gehören anderen Glaubensgemeinschaften an.
Mit klarer Struktur durch den Bildungsalltag
In Rumänien beginnt die Schulpflicht erst mit acht Jahren. Vorgeschaltet ist jedoch ein verpflichtendes Vorbereitungsjahr, eine sogenannte Beginnerklasse. Frühkindliche Bildung ist freiwillig, gilt jedoch als nahezu unverzichtbar für einen erfolgreichen Einstieg in die sogenannte Vorbereitungsklasse.
Bereits der erste Besuch einer rumänischen Bildungseinrichtung - einer Grundschule - machte deutlich: Struktur spielt eine zentrale Rolle. Mit jedem weiteren Besuch einer Bildungseinrichtung festigte sich dieser Eindruck: Von den Kindergärten bis zur Schule zeigt sich überall ein stark strukturierter Alltag. Grit Nierich, , Geschäftsführerin von Kleiner Fratz und erste Vorsitzende des VKMK, beschreibt: “Viele Aktivitäten sind eher frontal gestaltet, und es gibt regelmäßig Angebote, die stark an einen klassischen Lehrplan erinnern”. Ein wesentlicher Grund hierfür liegt im Betreuungsschlüssel, wie Grit weiter erklärt: “Das frontale Angebot ist vor allem dem Erzieherschlüssel von 1:20 geschuldet. Das stellt natürlich eine Herausforderung im Alltag dar - besonders, wenn es um die individuelle Begleitung und Unterstützung der Kinder geht.”. Denn obwohl frühkindliche Bildung in Rumänien als essentiell für einen gelungenen Schulstart gilt, mangelt es vielerorts an notwendigen Ressourcen - sowohl personell als auch materiell und finanziell. Eine klare Strukturierung scheint daher notwendig, um den pädagogischen Anforderungen dennoch gerecht werden zu können. Doch trotz des hohen Personalschlüssels und den damit einhergehenden Herausforderungen fiel Grit Niereich eines besonders auf: “Was mir besonders positiv aufgefallen ist, war die hohe Motivation für den Beruf der pädagogischen Fachkraft. Man hat ihnen den Spaß an ihrer Arbeit und am Umgang mit den Kindern wirklich gespürt und gesehen.“
Ein Gespräch über Qualifikation und Anspruch
Im Rahmen ihrer Reise traf das Leitungsteam von Kleiner Fratz auch eine Vertreterin der zuständigen Aufsichtsbehörde, die mit der Kita-Aufsicht vergleichbar ist. In einer gemeinsamen Austauschrunde erläuterte sie die Voraussetzungen und Rahmenbedingungen, die erfüllt sein müssen, um in Rumänien als pädagogische Fachkraft tätig zu werden. Für rumänische Staatsbürger:innen gibt es dabei grundsätzlich zwei Wege: Entweder über einen erfolgreichen Abschluss an einem pädagogischen Lyzeums mit Spezialisierung auf “Frühkindliche Bildung” oder über ein Hochschulstudium im Studienfach “Frühkindliche Bildung”. Wer im sonderpädagogischen Bereich arbeiten möchte, muss zusätzlich ein Sonderpädagogik-Modul mit Zertifikat absolvieren sowie ein einjähriges Praktikum unter der Anleitung eines erfahrenen Mentors im sonderpädagogischen Bereich.
Inklusion im Aufbau
“Inklusion steckt in Rumänien noch in den Anfängen.” beschreibt Grit Niereich ihre Eindrücke von diesem Aspekt der frühkindlichen Bildung in Rumänien. Die Auseinandersetzung mit beeinträchtigten Menschen und ihren Bedürfnissen findet offiziell vielerorts kaum bis gar nicht statt - das Thema ist nach wie vor häufig tabuisiert. Es gibt jedoch private, gemeinnützige Initiativen, die sich um Kinder , Jugendliche und Erwachsene mit Beeinträchtigungen kümmern, entstanden oftmals aus einem privaten, familiären Kontext. Zwar nehmen Kinder mit Behinderungen grundsätzlich an Bildungsangeboten teil, doch ihre individuellen Bedürfnisse werden dabei meist nicht ausreichend berücksichtigt. Erschwert wird Inklusion zusätzlich durch Lücken in der Diagnostik, wie Grit Nierich beobachtete: “Beeinträchtigungen werden häufig nicht differenziert genug erfasst, und besonders auffällig ist, dass in den meisten Fällen Autismus diagnostiziert wird.” Ohne präzise Diagnosen ist jedoch keine bedarfsgerechte Förderung möglich. Umso bedeutender ist das Engagement einzelner Eltern, die selbst Berührungspunkte oder Erfahrungen mit Beeinträchtigungen haben und sich aktiv für Inklusion einsetzen - etwa durch die Gründung einer Einrichtung für Kinder mit Down-Syndrom.
Trotz dieser Herausforderungen bei der Inklusion von Kindern mit Behinderungen gelingt es Rumänien zunehmend, die kulturelle Vielfalt des Landes in das Bildungssystem zu integrieren. Wie bereits deutlich wurde, ist das Land in dieser Hinsicht sehr divers. Doch auch hier zeigt sich, wie eng Inklusion mit kontinuierlicher Arbeit, Selbstreflexion und Empathie verbunden ist: “Insbesondere die Integration von Romafamilien ist nicht immer leicht und erfordert viel Engagement und Sensibilität.” erklärt Grit Nierich. Kulturelle Traditionen führen bei Roma-Kindern häufig zu unregelmäßigen Schulbesuchen. In der Folge drohen Sanktionen wie der Entzug von Sozialleistungen, was die oftmals ohnehin belasteten Lebenssituationen dieser Familien zusätzlich erschwert. Aus diesen Erkenntnissen zieht Grit Nierich wertvolle Impulse für ihre eigene Arbeit in Deutschland mit: “Meine Reise hat mir ein tieferes Verständnis für Familien aus Rumänien vermittelt - insbesondere auch für Romafamilien, die hier in Deutschland leben. Durch die Einblicke, die ich vor Ort gewinnen durfte, kann ich viele Hintergründe nun besser einordnen und dieses Wissen gezielt in meine Arbeit einfließen lassen.”
Sprachenvielfalt in der Kita
Die kulturelle Vielfalt spiegelt sich auch in der aktiven Förderung von Mehrsprachigkeit wider. Während ihrer Reise besuchte das Leitungsteam von Kleiner Fratz zwei Kindergärten, in denen es eigene deutschsprachige Gruppen gibt - in einem davon sogar auf expliziten Wunsch der Eltern. Das zeigt den hohen Stellenwert, welchen Mehrsprachigkeit im rumänischen Bildungssystem einnimmt, sowie den Wunsch, sie gezielt zu fördern.
Der Kindergarten Nr. 45 betreut und fördert rund 320 Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren. Die andere Einrichtung, der Kindergarten “Roman Ciorogariu”, zählt etwa 235 Kinder. Jede Gruppe besteht hier aus etwa 30 Kindern, die von jeweils zwei Erzieher:innen begleitet werden. Besonders bemerkenswert ist die Aufteilung der Arbeitszeit im “Roman Ciorogariu”: Alle Erzieher:innen arbeiten täglich acht Stunden, wovon sie fünf Stunden direkt mit den Kindern verbringen und die übrigen drei Stunden für Vor- und Nachbereitungen sowie Fortbildungen zur Verfügung stehen. Unterstützt werden die Erzieher:innen stundenweise von Psycholog:innen, wodurch die Qualität der frühkindlichen Bildung zusätzlich gestärkt wird.
Bildung auf dem Land - klein, aber fein
Neben den Bildungseinrichtungen in der Stadt nutzte das Leitungsteam von Kleiner Fratz auch die Gelegenheit, bei einem Ausflug aufs Land einen Eindruck davon zu gewinnen, wie Bildung in ländlichen Regionen Rumäniens gestaltet wird. Grit Nierich beschreibt diesen Besuch als “ein weiteres sehr beeindruckendes Erlebnis während der Erasmus-Reise.” Ziel war eine Dorfschule, etwa zwei Stunden von Oradea entfernt. In der Schule werden jeweils drei Jahrgänge gemeinsam unterrichtet - in kleinen Klassen mit nur acht bis zwölf Kindern. Diese überschaubare Gruppengröße ermöglicht eine sehr persönliche Lernatmosphäre sowie gezielte individuelle Förderung. Eine Schule, die zeigt, dass gute Bildung auch in ländlicheren Regionen mit begrenzten Ressourcen möglich ist.
Eine Begegnung, die bewegt
*Triggerwarnung: Schilderung von Gewalt und Vernachlässigung*
Ein besonders bewegender Programmpunkt - wenn man dies so überhaupt sagen kann, da jeder Programmpunkt auf seine Weise tief berührend war - stellte der Besuch einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung dar. Dort begegnete das Leitungsteam Simona. Grit beschreibt diese Begegnung: “Am meisten beeindruckt haben mich die Gespräche mit einer Überlebenden des Kinderheims Cighid aus der Zeit der Ceausescu-Diktatur. Ihre Geschichte war tief bewegend und sehr eindrucksvoll.” Das Kinderheim Cighid erlangte Anfang der 90er Jahre traurige Berühmtheit. Cighid war eines von vielen Heimen, in welche Kinder mit körperlichen oder geistigen Behinderungen, Entwicklungsverzögerungen oder weil sie unerwünscht waren, abgeschoben wurden. 1989 wurde Cighid von westeuropäischen Journalisten, die daraufhin die erschütternden Zustände in diesem Heim öffentlich machten. In Cighid, einem alten Jagdschloss, waren sechs Leute für 109 Kinder zuständig. Die Kinder waren teilweise halbnackt, unterkühlt, unterernährt, verwahrlost, in verdreckten Räumen, ohne medizinische Versorgung, teilweise ohne Bewegungsfreiheit eingesperrt. In den Medienberichten zu dem Heim wurde von “Euthanasie” und “Sterbelager” gesprochen. Cighid existierte nur etwa zwei Jahre. In diesen zwei Jahren sind 122 Kinder dort ums Leben gekommen. Viele der Überlebenden mussten danach erst lernen, zu laufen, zu weinen, zu lachen und zu sprechen. Im Anschluss an das Gespräch wurde das Leitungsteam von Simona zu sich und ihrer Familie nach Hause eingeladen. Es war “ein Erlebnis, das uns nachhaltig berührte.”
Diese Reise ermöglichte nicht nur einen Blick über den Tellerrand, sondern erweiterte den Horizont auf vielfältige Weise. Sie war bereichernd, lehrreich, berührend und wird nachhaltig in Erinnerung bleiben. Wie tief ein solcher kultureller Austausch wirkt, zeigt die persönliche Reflexion von Grit Nierich: “Für mich bedeuten Erasmus-Reisen vor allem den sprichwörtlichen Blick über den Tellerrand: Man bekommt die Möglichkeit, andere Bildungssysteme kennenzulernen und unterschiedliche Kulturen hautnah zu erleben. Das fördert nicht nur ein besseres Verständnis für andere Länder und ihre Kulturen, sondern hilft auch, Fluchtursachen besser nachvollziehen zu können - und damit auch die Hintergründe und Lebensrealitäten der bei uns betreuten Familien aus eben diesen Ländern besser zu verstehen.”. Ein Erlebnis, das weit über den fachlichen Austausch hinausreicht.
Jedes Kind zählt: Für Vielfalt und Inklusion in der frühkindlichen Bildung
Inklusion ist mehr als nur ein pädagogisches Konzept – sie sollte eine Selbstverständlichkeit und Normalität sein, sagt Monika Lapinski, Fachberaterin für Inklusion beim Kitaträger "Kleiner Fratz" in Berlin. In einem aufschlussreichen Interview spricht Lapinski über ihre langjährige Arbeit in der frühkindlichen Bildung und die tief verwurzelte Überzeugung, dass jeder Mensch, unabhängig von seinen Fähigkeiten oder seiner Herkunft, wertvolle Beiträge leisten kann.
Inklusion ist mehr als nur ein pädagogisches Konzept – sie sollte eine Selbstverständlichkeit und Normalität sein, sagt Monika Lapinski, Fachberaterin für Inklusion beim Kitaträger "Kleiner Fratz" in Berlin. In einem aufschlussreichen Interview spricht Lapinski über ihre langjährige Arbeit in der frühkindlichen Bildung und die tief verwurzelte Überzeugung, dass jeder Mensch, unabhängig von seinen Fähigkeiten oder seiner Herkunft, wertvolle Beiträge leisten kann. Lapinski teilt ihre Erfahrungen und Erfolge, wie sie Kindern, die sich schwer taten, zu kommunizieren, neue Kommunikationsfähigkeiten vermittelte, und wie sie durch die Einführung offener Strukturen und individueller Angebote die Selbstständigkeit und das Wohlbefinden der Kinder förderte. Dieses Interview beleuchtet nicht nur die Herausforderungen und Erfolge ihrer Arbeit, sondern auch ihre visionäre Herangehensweise an Inklusion, die sie als eine Herzensangelegenheit und eine gemeinschaftliche Verantwortung aller Beteiligten betrachtet.
Inklusion als Herzstück: Monika Lapinskis Weg zur Vielfalt in der frühkindlichen Bildung
„Ich habe Erziehungswissenschaften auf Magister studiert vor langen, langen Jahren,“ erinnert sich Lapinski. „Das war ein ziemlich trockenes Studium und dann bin ich irgendwann in der offenen Jugendarbeit gelandet.“ Schon früh zeigte sich ihre Affinität zur Beratung, die sich durch ihre gesamte Karriere zog. In der Jugendarbeit unterstützte sie Jugendliche und junge Erwachsene unterschiedlichster Herkunft bei Anträgen, Amtstelefonaten und Gesprächen. Doch Lapinski wollte mehr. „Irgendwann hat mir das nicht ausgereicht und ich wollte in den Kita-Bereich gehen,“ erzählt sie. Trotz anfänglicher Schwierigkeiten, da sie damals als überqualifiziert galt, fand sie schließlich eine Anstellung in einem Kindergarten in Spandau. Dort arbeitete sie mit Kindern und Familien aus diversen Lebenswelten und mit unterschiedlichen Ressourcen und Ängsten. Ihr Wechsel zum Kitaträger Kleiner Fratz markierte einen bedeutenden Schritt in ihrem Berufsweg. Dort machte sie eine Weiterbildung zur Sprachförderkraft über das Deutsche Jugendinstitut und war dann als Sprachförderkraft in der Krippe tätig. „Ich konnte Kinder dazu bringen, die im Kita-Alltag nicht wirklich offen waren für eine Kommunikation, zu sprechen,“ berichtet sie stolz. Dabei war ihr besonders wichtig, dass die Kinder sich wohlfühlten und keinen Druck verspürten. „Das Kind muss sich gut fühlen in der Kita-Gemeinschaft, in der Gruppe mit den Kindern, mit allen Erwachsenen. Es muss Zeit haben, es darf keinen Druck verspüren. All das sind natürlich die Vorteile, um das Kind zur Sprache zu bringen.“ Ihre Bemühungen trugen Früchte: Kinder, die zuvor Schwierigkeiten hatten, sich sprachlich auszudrücken, entwickelten neue Kommunikationsfähigkeiten. Nach ihrer Zeit in der Sprachförderung übernahm sie die Leitung einer Kita des Kleinen Fratz` in Spandau. Dort stellte sie schnell fest, dass das bestehende System der strengen Gruppenarbeit und der zeitlich getakteten Angebote nicht den Bedürfnissen der Kinder entsprach. „Manche Kinder, die in die Kita kamen, wollten nicht gleich frühstücken. Sie mussten erst mal ankommen, sich orientieren,“ erklärt sie. Ihr erster Schritt als Leitung war die Einführung eines offenen Frühstücks, um den Kindern mehr Flexibilität und Selbstständigkeit zu ermöglichen. Diese Veränderung war nur der Anfang ihrer Vision einer offenen Arbeit in der Kita. „Ich war immer ein Fan von einer offenen Arbeit mit Funktionsräumen, mit unterschiedlichen Angeboten, die die Kinder nutzen können.“ Durch behutsame, aber stetige Veränderungen führte Lapinski ihr Team zur offenen Arbeit. „Wir haben erst einmal mit einem offenen Tag in der Woche angefangen. Irgendwann waren es zwei und dann fünf Tage.“ Diese Methode ermöglichte es den Kindern, selbstbestimmt zu entscheiden, welches Angebot sie nutzen wollten und bei welcher Fachkraft sie sein wollten. Die offene Struktur förderte nicht nur die Selbstständigkeit der Kinder, sondern auch ihre Kommunikation untereinander und mit den Erwachsenen. „Die Kinder konnten sich gut orientieren, weil wir mit ihnen sehr viel kommuniziert haben,“ betont Lapinski. Dabei spielten auch technische Hilfsmittel wie Bilder und Walkie-Talkies eine Rolle, die die Kommunikation zwischen den Fachkräften über die verschiedenen Räume hinweg erleichterten und die die Kinder ab einem gewissen Zeitpunkt auch selbst nutzten, um ihre Wünsche zu äußern. Schließlich erreichte Lapinski alle Ziele, die sie sich in der Kita gesetzt hatte. „Ich habe jetzt in der Kita alle Ziele erreicht, die ich mir gesetzt habe. Wir haben das offene Konzept, das super funktioniert.“ Ihr Erfolgsrezept? Eine flexible, kinderzentrierte Herangehensweise, die sowohl das pädagogische Personal als auch die Kinder unterstützt und fördert.
Kreativer Freiraum: Der Tagesablauf einer inklusiven Kita
Diese flexible und kinderzentrierte Herangehensweise spiegelt sich auch im täglichen Ablauf der inklusiven Kita wider. „Die Kinder kommen erstmal in der Kita an, verabschieden sich von den Eltern und gehen zu den Fachkräften,“ beginnt Lapinski. Je nach Bedürfnis können die Kinder entweder frühstücken oder direkt ins Freispiel gehen. „Die Kinder, die frühstücken wollen, gehen frühstücken, die nicht frühstücken wollen, weil sie es vielleicht schon zu Hause gemacht haben, können erstmal in einem Raum ins Freispiel gehen.“ Der Morgenkreis ist ebenfalls flexibel gestaltet und findet je nach Lust der Kinder in unterschiedlichen Räumen oder im Garten statt. Er wird auch thematisch variabel gestaltet, sei es als Bewegungs- oder Musik-Morgenkreis oder um über ein bestimmtes Thema zu sprechen. Parallel zum Morgenkreis gibt es verschiedene Angebote und das Freispiel. „Die Kinder entscheiden, je nachdem, was an dem Tag angeboten wird, wozu sie Lust haben. Manchmal kamen die Kinder auch mit eigenen Ideen.“ Kein Kind wird gezwungen, eine bestimmte Zeit in einem Raum zu bleiben, was ihnen die Freiheit gibt, sich nach ihren Interessen zu orientieren. Die Angebote werden in Kleingruppen durchgeführt, was eine intensivere Betreuung ermöglicht. „Die Fachkraft ist nochmal anders im Sein mit den Kindern.“ erläutert Lapinski. Dadurch fühlen sich die Kinder mehr gesehen und geschätzt. Das Mittagessen ist ebenfalls flexibel gestaltet, mit einem Zeitfenster von ein bis zwei Stunden, in dem die Kinder selbst entscheiden können, wann sie essen möchten. „Manche Kinder sind schon ziemlich früh essen gegangen und blieben an dem Tisch sitzen, bis das Essen gänzlich vorbei war, weil sich die Gesprächspartner immer gewechselt haben und sie immer neue Themen hatten.“ Am Nachmittag liegt der Fokus mehr auf dem Freispiel, wobei je nach Wetterlage unterschiedliche Aktivitäten angeboten werden. „Entweder geht es dann in den Bewegungsraum, wo Bewegungsparcours aufgebaut sind, oder bei gutem Wetter in den Buddelkasten. Es gibt Fußballangebote und verschiedene Ausflüge.“ Besondere Angebote wie das Reiten und tiergestützte Pädagogik spielen eine wichtige Rolle in der Inklusion. „Die Kinder sind damals, ich glaube zweimal in der Woche, zum Reiten gegangen, dort lernten sie den Umgang mit den Pferden,“ berichtet Lapinski. Außerdem gibt es eine Kollegin, die mit einem Therapiehund arbeitet und kleine Einheiten mit ausgewählten Kindern durchführt. Lapinski betont die Wichtigkeit von Flexibilität und guter Absprache unter den Fachkräften, um den Bedürfnissen der Kinder gerecht zu werden. „Oftmals wird argumentiert, dass offene Arbeit nicht für Kinder mit Teilhabebedarfen geeignet ist, weil die Kinder da verloren gehen. Oder dass offene Arbeit pures Chaos bedeutet. Nein! Natürlich muss da eine gute Struktur herrschen und gute Absprachen müssen auch gegeben sein, aber es funktioniert.“ Zum Schluss des Tages erfolgt die Abholzeit. „Die Kinder haben dann, wenn die Eltern kamen, ganz schnell erzählt, was sie so alles gemacht haben. Oder es gab ein kurzes Tür- und Angelgespräch zwischen Fachkraft und Eltern.“
Inklusion als Selbstverständlichkeit und Normalität
Der strukturierte, aber flexible Tagesablauf in der Kita spiegelt die Grundsätze wider, die Lapinski in ihrer inklusiven Arbeit umsetzt. Dabei geht ihre Auffassung von Inklusion als Normalität weit über die organisatorischen Aspekte hinaus und prägt die gesamte pädagogische Philosophie. „Für mich ist es wichtig, dass sich jeder wohlfühlt,“ beginnt Lapinski. Sie sieht Inklusion nicht als ein spezifisches pädagogisches Konzept, sondern als eine grundlegende Selbstverständlichkeit. „Ich habe immer die Welt als Ganzes gesehen. Ich habe mir nie dabei gedacht, dass dies jetzt ein Aspekt der Inklusion ist,“ beginnt Lapinski. „Es sollte eine natürliche Akzeptanz dafür gegeben sein, dass jeder eigene Bedürfnisse hat, eigene Wünsche hat und einfach jeder auf seine Art besonders ist.“ Ihre eigenen Erfahrungen als Jugendliche, die mit 14 Jahren aus Polen nach Deutschland kam und kein Deutsch sprach, haben ihre Empathie und ihr Verständnis für Kinder und Familien in ähnlichen Situationen tief geprägt. „Ich weiß, was dieser Druck bedeutet. Ich weiß, was diese Ausgrenzung bedeuten kann, dieses sich nicht zugehörig fühlen und sich immer anpassen zu müssen, um akzeptiert zu werden.“ Diese persönlichen Erlebnisse führten dazu, dass Lapinskis Herangehensweise geprägt von tiefem Einfühlungsvermögen ist und der Überzeugung, dass jeder Mensch, unabhängig von seinen Fähigkeiten oder seiner Herkunft, wertvolle Beiträge leisten kann. „Wir sind ja alle anders, wir sind ja alle verschieden und trotzdem haben wir Gemeinsamkeiten.“ Sie stellte sich stets eine Welt vor, in der alle voneinander lernen und sich bereichern. „Alle gemeinsam und alle schöpfen voneinander, alle lernen voneinander. Dass jeder sich bereichert fühlt durch diesen gemeinsamen Kontakt, dass Ängste abgebaut werden und die Lust auf den Kontakt gefördert wird,“ betont sie. Lapinskis Verständnis von Inklusion geht weit über gesetzliche Grundlagen hinaus. „Ich habe die Welt einfach mit dem Herzen gesehen. Und so habe ich gearbeitet,“ sagt sie. Lapinski betont dabei, dass es fatal wäre, etwas als „Normalität“ zu betrachten und von jedem zu erwarten, sich anzupassen. „Was macht das mit einem Menschen? Das führt zu dem Gefühl, man ist nicht richtig, man ist nicht genug, man ist fehl am Platz, man ist falsch.“ In ihrer Rolle als Fachberaterin setzt Lapinski sich vehement gegen Ausgrenzung ein, auch wenn sie von pädagogischen Fachkräften ausgeht. „Ich habe es immer sehr abgelehnt, wenn ich merkte oder mitbekommen habe, dass es zu Ausgrenzung kam. Da habe ich sofort eingegriffen, weil ich diese Ungerechtigkeit einfach nicht ertragen habe.“ Ihre Vision von Inklusion erfordert eine gemeinschaftliche Verantwortung aller Beteiligten. „Es geht darum, dass es eine Gleichberechtigung gibt, dass jedes Kind die gleichen Zugangsmöglichkeiten bekommt, dass kein Kind ausgegrenzt wird.“ Diese Verantwortung schließt die Sensibilisierung für die Bedürfnisse und Barrieren aller ein, um eine faire und inklusive Umgebung zu schaffen. „Es geht darum, die Bedürfnisse aller Beteiligten zu berücksichtigen und zu schauen, was wir tun können, damit diese Bedürfnisse oder die Besonderheiten, die wir ja alle haben, gut in den Alltag eingebunden werden. Ich versuche mich dabei immer in den Menschen hineinzuversetzen, in seine Umwelt, mit seinen Barrieren, um zu verstehen.“ Dabei ist Flexibilität entscheidend. “Man kann Inklusion nicht als ein festgeschriebenes Konzept sehen. Das Konzept Inklusion muss immer flexibel sein.” Sie gibt Beispiele aus der Praxis, wie die Bereitstellung von Gebetsräumen für Kolleginnen oder die Anpassung der Ernährung für Kinder: „Wenn eine Kollegin zu einer bestimmten Tageszeit beten möchte oder vielleicht auch beten muss, dann bekommt sie natürlich den Raum und die Zeit, um das tun zu können.“ Lapinski betont die Wichtigkeit, auch finanzielle Barrieren zu überwinden, um Teilhabe zu ermöglichen. „Wenn eine Kita-Fahrt geplant ist und wir eine Familie haben, die sich die Kosten nicht leisten kann, dann bezahlt die Kita das.“ Sie erinnert sich an einen Fall, bei dem die Kita die Reisekosten für einen Jungen mit hohen Teilhabebedarfen übernommen hat, um seine Ausgrenzung zu verhindern. Ein weiteres Beispiel für diese Flexibilität ist die Gestaltung des Kita-Tages für Kinder mit Gesundheitsproblemen. „Man muss immer gucken, wie kann ich das gestalten, damit das Kind gut reinkommt, damit das Kind die Zeit, die es in der Kita hat, auch gut verbringen kann.“ Sie schlägt vor, Kinder bei Bedarf zunächst in einem separaten Raum ankommen zu lassen und dann erst zu den Angeboten zu begleiten. Manchmal ist es notwendig, die Betreuungszeiten an die Bedarfe des Kindes anzupassen und sich nicht ganz starr an die Stunden gemäß des Kitagutscheins zu halten, um Überforderung zu vermeiden. Auch hier ist ein sehr intensiver Austausch mit den Eltern und gemeinsame Überlegungen von höchster Bedeutung. Lapinski betont, dass die Bedürfnisse der Kinder im Mittelpunkt stehen und dass diese oft selbst die besten Lösungen bieten. „Die Kinder geben immer sehr viel Vorlage. Sie sprechen ja sehr viel mit dem Kita-Personal.“ Durch regelmäßige Kinderkonferenzen werden die Wünsche und Ideen der Kinder gesammelt und ernst genommen. „Wir haben mit den Kindern auch regelmäßig besprochen, wie sie die Kita sehen, was sie sich wünschen. Wir haben das immer verschriftlicht und an die Eltern kommuniziert.“ Diese partizipative Herangehensweise trägt nicht nur zur Zufriedenheit der Kinder bei, sondern erleichtert auch die Akzeptanz von Entscheidungen durch die Eltern. „Das Schöne dabei war, dass wir festgestellt haben, dass die Eltern die Entscheidungen dann besser annehmen konnten, wenn sie von den Kindern kamen. Also wir haben sehr viel Wert auf das Recht des Kindes gelegt.“
Hürden, mit denen inklusive Kitas konfrontiert sind
Doch obwohl diese Herangehensweise innerhalb der Kita erfolgreich umgesetzt wird, stoßen Lapinski und ihr Team immer wieder auf Schwierigkeiten. "Das Recht auf Inklusion ist ein Menschenrecht, und dennoch wird es oft nicht umgesetzt", erklärt Monika Lapinski nachdenklich. Ihre Arbeit in den Einrichtungen zeigt ihr täglich, dass die Herausforderungen weit über die theoretische Anerkennung hinausgehen. "Es ist frustrierend zu sehen, wie Ämter sich gegen die Unterstützung von Kitas und Trägern sträuben", sagt sie und fügt hinzu: "Warum müssen wir immer noch über die Grundlagen von Inklusion diskutieren? Es ist doch nichts Neues daran, dass Kinder mit unterschiedlichen Bedürfnissen da sind." Lapinski betont die dringende Notwendigkeit einer Unterstützung durch Politik und Verwaltung. "Wenn jetzt ein Amt aufgesucht wird und wir sagen, das Kind bräuchte eine Eins-zu-Eins-Betreuung, und klar, das Kind hat diesen Paragraphen und da gibt es beispielsweise auch eine Fachkraft für Inklusion und trotzdem ist es nicht zu leisten, nicht bei einer Eins-zu-Eins-Betreuung. Das ist ja mit Inklusion auch nicht gemeint. Und trotzdem brauchen manche Kinder eine Eins-zu-Eins-Beobachtung oder -Begleitung. Ich spreche jetzt nicht von der pädagogischen Arbeit, für die ist ja die Fachkraft für Inklusion natürlich zuständig, beziehungsweise das gesamte Team eigentlich. Dann wird das oft mit dem Argument der Doppel-Finanzierung abgewehrt. Ja das geht nicht, weil das wäre ja dann die Doppel-Finanzierung, wo wir uns fragen, wo wäre da die Doppel-Finanzierung. Und im Umkehrschluss ist es oft so, dass die Betreuungszeiten von Kindern gekürzt werden müssen, weil das Kita-Personal das dann einfach nicht mehr schafft. Ich verstehe nicht, warum sich Ämter dagegen sträuben, dass eine Kita-Begleitung über die Eingliederungshilfe dem Kind zur Seite gestellt wird. Das Kind hat ja einen Anspruch darauf. Das Kind hat einen Anspruch auf Bildung, oder ein Recht auf Bildung, und ein Recht auf soziale Teilhabe. Und beides wird behindert, indem die Hilfen ausbleiben. Und die Kitas und die Träger werden meistens allein gelassen.", stellt sie klar. „Warum arbeiten die Ämter nicht mit den Einrichtungen zusammen? Warum gibt es da kein Miteinander? Warum sieht man da diese Hierarchie so stark?“ Ein zentraler Punkt in Lapinskis Argumentation ist die Notwendigkeit einer gerechten Budgetierung. "Warum können wir nicht ein flexibles Budget haben, das es Kitas ermöglicht, individuelle Bedarfe zu decken? Jede Kita sollte die Mittel haben, um auf die spezifischen Bedürfnisse der Kinder einzugehen, weil im Grunde jede Kita eine Inklusionskita ist", fordert sie. Sie hinterfragt auch die Ausbildung der Fachkräfte: "Warum wird die Zusatzqualifikation für Inklusion nicht bereits in die Ausbildung integriert? Jede Fachkraft sollte in der Lage sein, mit Vielfalt umzugehen." Ein weiterer kritischer Punkt ist die finanzielle Belastung für Träger und Fachkräfte, die sich zusätzliche Qualifikationen leisten müssen. "Die Kosten für Weiterbildungen sind mit dem neuen Curriculum prohibitiv hoch. Hier brauchen wir dringend Unterstützung durch staatliche Zuschüsse oder eine vollständige Finanzierung", betont sie nachdrücklich. Trotz der Herausforderungen sieht Lapinski auch positive Entwicklungen, wie die Überarbeitung des Berliner Teilhabe- und Förderplans. "Das war eine großartige Arbeit, die Sie da gemacht haben. Und auch noch mal dieses Signal zu senden an die Träger, an die Einrichtung, dass diese Arbeit eine gemeinschaftliche Arbeit des Kita-Personals ist.", lobt sie. Dennoch mahnt sie zur Einheitlichkeit in den Verwaltungsprozessen, um die Last der Bürokratie zu verringern. Ihr Engagement für Inklusion ist nicht nur beruflich motiviert, sondern von einer tiefen Überzeugung geprägt, dass jede Kita ein Ort der Inklusion sein sollte. "Es geht nicht nur um die rechtliche Verpflichtung, sondern um eine Frage der Gerechtigkeit und Menschlichkeit", sagt sie abschließend.
Barrieren überwinden und Teilhaberechte stärken
Die Notwendigkeit, die Umsetzung von Inklusion zu unterstützen, wird immer dringlicher angesichts des kontinuierlich steigenden Bedarfs. Monika Lapinski erläutert: "Der Bedarf an Inklusion ist steigend, und die Anforderungen an das Personal nehmen kontinuierlich zu.” Ein möglicher Grund hierfür: “Ein Aspekt ist sicherlich die veränderte Elternschaft. Viele Eltern übertragen die Erziehungsverantwortung zunehmend auf die Kitas, nutzen jedoch die zahlreichen Angebote für Eltern nicht ausreichend. Die Verantwortlichkeit liegt aber hauptsächlich bei den Eltern. Die Kita sollte nur ergänzend und beratend tätig sein." Die Corona-Pandemie hat diese Entwicklungen verstärkt. "Kinder kamen nach der Pandemie mit zusätzlichen Bedarfen zurück. Es war eine Ausnahmesituation, die das Verhalten vieler Kinder verändert hat. Wir beobachten vermehrt herausforderndes Verhalten, und die Diagnose von Autismus-Spektrum-Störungen oder ADHS nimmt zu. Oft fragen wir uns, ob es wirklich Autismus ist oder vielleicht etwas anderes, das bislang unentdeckt blieb." Ein zentraler Punkt in Lapinskis Ansatz ist die Ablehnung der Etikettierung von Kindern. "Jedes Kind hat einen Förderbedarf, jedes Kind ist besonders. Die Etikettierung als 'Integrationskind' oder 'I-Kind' lenkt die Aufmerksamkeit auf die Unzulänglichkeiten und setzt die Kinder unter Druck. Behinderungen im Alltag des Kindes sind das Ergebnis von Barrieren, sei es räumlich oder strukturell, und nicht das Problem des Kindes selbst." Auch im Gespräch mit Eltern klärt Lapinski häufig Missverständnisse über den Begriff "Behinderung" auf. "Behinderung ist ein Symptom von gesellschaftlichen und systemischen Unzulänglichkeiten, nicht ein Makel des Kindes. Wenn Eltern verstehen, dass die Herausforderungen ihrer Kinder in den Barrieren der Umgebung begründet liegen, ändert sich oft ihre Wahrnehmung." Lapinski betont, dass Inklusion nicht nur eine Frage der gesetzlichen Voraussetzungen ist, sondern vor allem eine der Haltung. "Die Haltung im Team ist entscheidend. Ein offenes Team entwickelt Ideen und Lösungswege, um alle Kinder aufzunehmen, unabhängig von ihren Beeinträchtigungen. Inklusion bedeutet, Barrieren zu überwinden und jedem Kind sein Teilhaberecht zu ermöglichen."
Über die Stille sprechen: Nonverbale Kommunikation als Zeichen wahrnehmen
Lapinski betont, dass Inklusion mehr bedeutet, als nur Kinder aus verschiedenen Ländern aufzunehmen oder deren unterschiedliche Fähigkeiten anzuerkennen. "Inklusion bedeutet, auf die individuellen Bedürfnisse der Kinder einzugehen, diese zu erkennen und darauf zu reagieren. Das gilt besonders für Kinder, die die verbale Sprache nicht beherrschen. Oft wird aus Hilflosigkeit oder Unsicherheit weggeguckt, wenn ein Kind sich nicht verbal äußern kann. Dabei kommunizieren diese Kinder so viel über Blickkontakt, Mimik, Gestik und Körpersprache. Wir müssen uns die Zeit nehmen, diese Zeichen zu erkennen und zu verstehen." Ein wichtiger Bestandteil ihrer Arbeit ist die Videographie. "Wir haben in unserer Kita Videosequenzen von den Kindern gemacht und diese gemeinsam ausgewertet. Dadurch sieht man so viel mehr und kann einen Perspektivwechsel erreichen. Es hilft, das Bild vom Kind zu überdenken und zu hinterfragen, ob das Kind wirklich immer den Morgenkreis oder das Mittagessen stört oder ob wir die guten Situationen übersehen. Wir tendieren oft dazu, zu urteilen und zu werten. Davon müssen wir wegkommen und stattdessen auf die nonverbale Kommunikation der Kinder achten." Lapinski erläutert weiter, dass auch aggressive Verhaltensweisen oft Missverständnisse sind. "Kinder senden Signale, dass etwas für sie nicht stimmt. Anstatt das Verhalten als aggressiv zu werten, sollten wir versuchen zu verstehen, was das Kind uns mitteilen möchte. Oft sind wir hilflos und verlassen die Situation, lassen das Kind allein. Aber wir müssen hinschauen und erkennen, wann das Kind kooperieren möchte und es in diesen Momenten begleiten. Das führt zu einem anderen Kontakt und das vermeintlich negative Verhalten nimmt ab." Bei herausforderndem Verhalten sind Gespräche mit den Eltern unerlässlich. "Die Eltern sind wichtige Gesprächspartner. Wenn ein Kind uns herausfordert, schauen wir zuerst, was im Kita-Alltag geändert werden kann. Wenn das Verhalten anhält oder intensiver wird, brauchen wir Experten wie Ärzte oder Therapeuten. Wir unterstützen die Familien, sich auf den Weg zu machen, indem wir Entwicklungsberichte schreiben und die Eltern beraten, wohin sie sich wenden können. Manchmal stellen wir auch den Kontakt her, wenn die Eltern unsicher sind." Die enge Zusammenarbeit mit den Eltern und anderen Akteuren ist essenziell. "Es ist ein ganzes System, das zusammenarbeitet, um das Beste für das Kind zu erreichen. Nur so kann Inklusion funktionieren. Auch wenn Eltern anfangs Schwierigkeiten haben, zu akzeptieren, dass ihr Kind Teilhabebedarfe hat, sind sie am Ende oft dankbar, dass die Kita hartnäckig war und Unterstützung initiiert hat." Abschließend betont Lapinski, dass Inklusion bereits in der frühkindlichen Bildung beginnen muss, um langfristig positive Auswirkungen auf den Bildungs- und Lebensweg der Kinder zu haben. "Ein inklusives Konzept in der frühkindlichen Bildung kann präventiv wirken und dazu beitragen, dass Kinder später weniger Schwierigkeiten haben. Wir müssen die Strukturen und Haltungen in unseren Kitas so gestalten, dass alle Kinder die Unterstützung und Anerkennung erhalten, die sie brauchen." Lapinski sieht die Kita als optimalen Ort für Inklusion und Prävention späterer sozialer Probleme. „Die Kinder sind so achtsam mit allem, was um sie herum passiert,“ sagt sie. „Dieses vielfältige Miteinander fördert unglaublich stark das soziale Verhalten der Kinder.“ Sie hebt hervor, dass Kinder in den frühen Jahren sehr offen und anpassungsfähig sind und dass Vorurteile und Ausgrenzungen erst später, oft beeinflusst durch das Elternhaus, entstehen. „Die Inklusion in der Kita ist aus meiner Sicht am besten möglich, weil für die Kinder ist ja alles so selbstverständlich.“
Sprungbrett zur Vielfalt: Wie eine Kita geflüchteten Kindern den Start erleichtert
Im Rahmen des Gespräches hob Monika Lapinski auch ein herausragendes Projekt hervor, bei dem Inklusion erfolgreich in ihrer Kita umgesetzt wurde. "Als ich die Leitungsposition übernahm, erhielten wir eine Anfrage vom Bezirksamt Spandau für ein sogenanntes Sprungbrett-Angebot. Ziel war es, geflüchtete Kinder mit Kita-Kindern in Kontakt zu bringen, um ihnen den Alltag zu erleichtern und soziale Kontakte zu fördern," erzählt Lapinski. "Meine erste Reaktion war einfach zu sagen: Ja, das machen wir. Ich hatte viele Ideen und Vorstellungen, wie das funktionieren könnte, und teilte diese mit meinem Team." Zu Lapinskis Überraschung stieß ihr Vorschlag auf große Zustimmung und Kreativität innerhalb des Teams. "Das Team war begeistert und brachte viele eigene Ideen ein. Sie schlugen vor, Räume zu öffnen, Leseangebote zu machen, Theater zu spielen, zu tanzen und zu basteln. Die positive Reaktion des Teams war überwältigend und zeigte, dass wir auf dem richtigen Weg waren." Die Umsetzung des Angebots begann bald, und die geflüchteten Kinder nahmen an drei Nachmittagen pro Woche für zwei bis drei Stunden an den Kita-Aktivitäten teil, zunächst in Begleitung ihrer Eltern und später von Betreuern. "Die Kinder haben gemeinsam mit unseren Kita-Kindern gespielt, gegessen, gelacht und sich integriert. Besonders beeindruckend war, wie schnell sie die deutsche Sprache lernten und sich in die Gruppe einfügten," berichtet Lapinski. Einige dieser Kinder erhielten später auch reguläre Kita-Plätze. "Es brauchte keine große Eingewöhnung, weil die Kinder schon da waren und sich wohlfühlten. Anfangs hatten wir Schwierigkeiten mit der Akzeptanz der Elternschaft. Viele Eltern hatten Vorurteile und Ängste, dass Dinge gestohlen oder kaputt gemacht würden," erinnert sich Lapinski. Durch offene Gespräche und Elterncafés, die die Interaktion und den Austausch förderten, gelang es Lapinski und ihrem Team, diese Vorbehalte zu überwinden. "Ich habe den Eltern erklärt, dass diese geflüchteten Familien Schutz und Akzeptanz suchen, genauso wie wir es uns wünschen würden, wenn wir ins Ausland gingen. Diese Offenheit hat schließlich dazu geführt, dass die Eltern die Vielfalt und die Vorteile der Inklusion erkannten." Mit der Zeit entwickelten sich die Elterncafés zu Selbstläufern, organisiert und begleitet von den Elternvertretern selbst. "Die Elterncafés führten zu schönen Gesprächen und stärkten das gegenseitige Verständnis und den Respekt," berichtet Lapinski. "Bei unseren Festen waren die geflüchteten Kinder und ihre Familien immer eingeladen und fühlten sich zunehmend wohler." Ein besonderer Erfolg des Sprungbrett-Angebots war die Integration eines Betreuers der geflüchteten Kinder, der später als Erzieherhelfer in der Kita anfing und sich mittlerweile als fester Bestandteil im Träger etabliert hat. "Es freut mich sehr, dass aus dieser Initiative langfristige Verbindungen und berufliche Perspektiven entstanden sind," sagt Lapinski abschließend.
Gemeinsam stark für Inklusion
Bei der Betrachtung der Erfolge des Zentrums beschreibt Monika leidenschaftlich entscheidende Momente, in denen inklusive Prinzipien in die Tat umgesetzt wurden. "Ich freue mich immer, wenn ein Team mir von einer Familie berichtet, die Betreuung für ein Kind mit spezifischen Bedarfen sucht. Selbst wenn uns eine spezialisierte Fachkraft fehlt, nehmen wir das Kind mit offenen Armen auf. Das verkörpert für mich unsere Mission. Es geht darum jedes Kind so anzunehmen, wie es ist." Sie betont die nahtlose Integration inklusiver Praktiken durch das Team, trotz unterschiedlicher Expertisen. "Teams, die diese Ethik verkörpern, benötigen möglicherweise immer noch Unterstützung von Behörden, aber sie setzen sich mit einer unerschütterlichen Hingabe für Inklusion ein", bemerkt Monika und unterstreicht die Widerstandsfähigkeit des Teams im Umgang mit bürokratischen Herausforderungen. Sie erzählt von prägenden Momenten mit ihren Kollegen. "Der Moment, in dem ich sehe, wie sehr sich meine Kollegen über die Entwicklungsschritte eines Kindes freuen, hat immer einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen. Ihr Stolz und ihre empathische Kommunikation sind wirklich ermutigend", teilt sie mit, ihre Stimme voller Bewunderung für das Engagement des Teams und deren Leistungen im Kita-Setting. Sie erinnert sich daran, wie gemeinsame Reflexionen unter Kollegen zu innovativen Lösungen geführt haben. "Diese Diskussionen entfachen oft lebhafte Debatten, die in Lösungen voller Hoffnung münden. Es ist unglaublich befriedigend, unseren gemeinsamen Weg hin zu mehr Inklusion zu beobachten", reflektiert Monika herzlich. Im Hinblick auf ihre Zukunftswünsche für die Inklusion drücken Monikas Worte Dringlichkeit und Hoffnung aus. "Mein Wunsch ist es, dass Gesellschaft und Kita-Profis jeden Einzelnen mit all seiner Einzigartigkeit offen und ohne Angst annehmen", betont sie. An die Politik gerichtet, unterstreicht sie die Notwendigkeit einer echten Anerkennung der Herausforderungen, denen Familien mit Kindern mit Behinderungen gegenüberstehen. "Familien müssen oft ein Labyrinth durchqueren, um auf essentielle Dienste zuzugreifen. Sie verdienen klare Wege und uneingeschränkte Unterstützung, nicht finanzielle Barrieren", stellt sie bestimmt fest. Monika fordert eine Überprüfung der Personalquoten und betrachtet die Investition in Kita-Einrichtungen als Bildungsinstitutionen als wesentlich. "Es sollte nicht dem Glück überlassen sein, in welche Einrichtung ein Kind gelangt. Jedes Kind verdient Zugang zu qualitativ hochwertiger Betreuung und Bildung. Kinder können nicht fünf oder zehn Jahre auf angemessene Unterstützung warten. Diese brauchen sie sofort. Die Kita-Jahre sind prägend und legen den Grundstein für ihre Zukunft", betont sie leidenschaftlich. Mit dem Ende unseres Gesprächs strahlt Monikas unerschütterliches Engagement für eine inklusive frühkindliche Bildung durch. "Lasst uns diese entscheidenden Jahre der Kindheit wertschätzen, indem wir unsere Kitas mit vollem Herzen unterstützen", schließt sie und hinterlässt einen nachhallenden Appell zum Handeln, der über unser Interview hinaus nachklingt.