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Mit Bildung aus der Armut: Warum frühe Förderung über Chancen entscheidet

Jedes Jahr wird weltweit am 17. Oktober der Internationale Tag zur Überwindung von Armut begangen – und daran erinnert, dass Armut auch weiterhin ein ungelöstes globales Problem darstellt. Ein Problem, das sich selbst in den reichen Industrienationen findet und ein Problem, das auch in Deutschland viele Kinder und Jugendliche betrifft. Laut offiziellen Zahlen ist jedes fünfte Kind unter 18 Jahren von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. Kinderarmut ist damit ein drängendes gesellschaftliches Problem.

Jedes Jahr wird weltweit am 17. Oktober der Internationale Tag zur Überwindung von Armut begangen – und daran erinnert, dass Armut auch weiterhin ein ungelöstes globales Problem darstellt. Ein Problem, das sich selbst in den reichen Industrienationen findet und ein Problem, das auch in Deutschland viele Kinder und Jugendliche betrifft. Laut offiziellen Zahlen ist jedes fünfte Kind unter 18 Jahren von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. Kinderarmut ist damit ein drängendes gesellschaftliches Problem.

Dimensionen und Aspekte von Armut

Armut kann in ihrer Form und Dimension sehr unterschiedlich aussehen. So werden bei der Definition von Armut drei verschiedene Grade unterschieden: einmal die absolute Armut, bei der die wesentlichen Grundbedürfnisse – wie Ernährung und ein Dach über dem Kopf – nicht erfüllt werden. Dann gibt es die relative Armut, die eine Form der Armut im Verhältnis zum Durchschnitt eines Landes beschreibt: Man gilt als relativ arm, wenn das Einkommen unter 60 % des mittleren Einkommens im Land liegt. Und schließlich beschreibt die gefühlte Armut, welche auf einem subjektiven Empfinden basiert – etwa, wenn man sich sozial ausgegrenzt fühlt, keine soziale Teilhabe erlebt oder mit dem Wohlstand des Umfelds nicht mithalten kann.

Kinderarmut resultiert in der Regel aus der Armut des elterlichen Haushalts und kann sich in verschiedenen Aspekten und Dimensionen zeigen: von einer unzureichenden Grundausstattung – wie Kleidung, Ernährung sowie Lern- und Spielmaterialien – über gesundheitliche Beeinträchtigungen aufgrund unzureichender Gesundheitsvorsorge bis hin zu psychischen Belastungen, die beispielsweise aus beengten Wohnverhältnissen entstehen, wenn sich die Eltern keine größere Wohnung leisten können. Kinderarmut kann sich weiterhin auch in sozialer Ausgeschlossenheit, wenigen sozialen Kontakten, mangelnder Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und einem eingeschränkten Zugang zu Bildung äußern.

Die Folgen von Kinderarmut

Armutserfahrungen bereits in der Kindheit zu machen, kann einen ein Leben lang verfolgen und – statistisch gesehen – über Generationen hinweg fortsetzen. Weshalb ist das so? Eine der Hauptursachen hierfür liegt in der Bildung, beziehungsweise den Bildungschancen.

In Deutschland wird der Zusammenhang zwischen sozioökonomischem Status und Bildungsleistungen zunehmend stärker, wie unter anderem der IQB-Bildungstrend regelmäßig aufzeigt. Im IQB-Bildungstrend 2021 wurde diese Korrelation zwischen sozialer Herkunft und Leistungen bei Schüler:innen der Primarstufe in allen getesteten Kompetenzbereichen zuletzt besonders deutlich: Kinder aus Familien mit niedrigem sozialem Status erzielten signifikant schlechtere Ergebnisse in den Bereichen Lesen, Zuhören und Mathematik im Vergleich zu Gleichaltrigen aus Familien mit höherem sozialem Status. Auch in der Häufigkeit der besuchten Schulformen zeigt sich damit ein deutliches Ungleichgewicht: Nur 26,7 % der Kinder aus Familien mit niedrigem sozialem Status besuchen ein Gymnasium, während der Anteil bei Kindern aus privilegierteren Familien mit 59,8 % mehr als doppelt so hoch ist.

Wer also aus einem sozioökonomisch gut aufgestellten Haushalt stammt und Eltern mit einem höheren Bildungsgrad hat, hat deutlich größere Chancen, selbst einen erfolgreichen Bildungs- und Karriereweg einzuschlagen – und infolgedessen ein höheres Lebenseinkommen zu erzielen als Kindern aus sozioökonomisch schwachen und/oder bildungsfernen Haushalten. Und so ergibt sich das ernüchternde Bild, dass die Wahrscheinlichkeit einer Verfestigung von Armut relativ hoch ist.  Drastisch formuliert: Die Herkunft entscheidet über den Bildungsweg und der Bildungsweg darüber, welche Herkunft man seinen eigenen Kindern weitergibt.

Mit frühkindlicher Bildung zu mehr Chancengerechtigkeit

Doch die Studien und Statistiken zeigen auch, dass es Mittel und Wege gibt, diese Wahrscheinlichkeiten zu durchbrechen. Denn: Frühkindliche Bildung beeinflusst langfristig das Bildungsniveau von Kindern und damit ihre Schulleistungen, beruflichen Chancen und nicht zuletzt ihr Lebenseinkommen. So zeigt die BiKS-Studie, dass qualitativ hochwertige frühkindliche Bildung nicht nur mit guten mathematischen und sprachlichen Kompetenzen in der Grundschule in Zusammenhang steht, sondern sich auch in der weiterführenden Schule durch bessere Leistungen sowie eine positive sozial-emotionale Entwicklung bemerkbar macht. Darüber hinaus haben Fritschi und Oesch in ihrer Studie „Volkswirtschaftlicher Nutzen von frühkindlicher Bildung in Deutschland“ modellhaft berechnet, dass die Wahrscheinlichkeit eines Gymnasialbesuchs durch den Besuch eines frühkindlichen Bildungsangebots im Durchschnitt von etwa 38 % auf 50 % steigt – bei Kindern aus Familien mit niedrigem sozialem Status sogar auf rund 65 %.

Frühe Sprachbildung und -förderung als Schlüssel für Bildungserfolg und soziale Teilhabe

Mehrere Studien konzentrieren sich dabei besonders auf einen Aspekt der frühkindlichen Entwicklung und Bildung, der zunehmend an Bedeutung gewinnt und inzwischen bundesweit einen Schwerpunkt bildungspolitischer Bemühungen darstellt: die Sprachbildung und -förderung. Sprachliche Kompetenzen gelten als zentral für die individuelle Entwicklung, den Bildungserfolg und die soziale Teilhabe. Über Sprache treten wir in Beziehung – mit anderen und mit uns selbst. Durch Sprache können wir uns ausdrücken, unsere Gefühle, Erfahrungen und Gedanken mitteilen. Je besser wir Sprache beherrschen, desto komplexere Sachverhalte können wir intellektuell erfassen. Sprache ist die Grundlage aller weiteren Wissensbereiche. Nur über Sprache können wir lernen, unser Wissen erweitern und uns die Welt erschließen. Der Grundstein für sprachliche Fähigkeiten wird bereits in den ersten Lebensjahren gelegt. Die BiKS-Studie zeigt dass sich bereits im Alter von zwei Jahren erhebliche Unterschiede in den sprachlichen Fähigkeiten von Kindern zeigen – je nach sozialer Herkunft. Kinder aus einkommensschwachen Familien verfügen im Durchschnitt über einen geringeren Wortschatz sowie ein eingeschränkteres grammatikalisches Wissen. Wenn sich diese sprachlichen Defizite über den Bildungsweg hinweg fortsetzen, belegen die Ergebnisse der LEO-Studie, dass die Wahrscheinlichkeit, einen Schulabschluss zu erreichen, bei geringer Literalität deutlich sinkt – ebenso wie die Chance auf eine stabile Erwerbsbiografie. Darüber hinaus verdienen Erwachsene mit niedrigeren Lesekompetenzen im Durchschnitt rund 1.100 Euro weniger im Monat als Personen mit höheren Lesekompetenzen.

Die ersten Lebensjahre sind prägend für die gesamte Entwicklung eines Kindes. Die in dieser Zeit gemachten Erfahrungen und erlernten Fähigkeiten begleiten es ein Leben lang. Gerade hier liegt die größte Chance, ungleiche Startbedingungen auszugleichen und Chancengerechtigkeit zu fördern. Frühkindliche Bildung kann damit entscheidend dazu beitragen, den Kreislauf von Armut und sozialer Benachteiligung zu durchbrechen. Soll Armut wirksam und präventiv bekämpft werden, muss daher bei der frühkindlichen Bildung angesetzt und diese gezielt gefördert werden.

Quellen:

Attig, M., & Weinert, S. (2012). Wie frühe Eltern-Kind-Interaktionen die Entwicklung von Kindern beeinflussen. In FORSCHUNG KOMPAKT. https://www.lifbi.de/Portals/2/Publikationen/Transferberichte/NEPS%20Forschung%20kompakt/NEPS_Forschung-kompakt_02_Fr%C3%BChe%20Einfl%C3%BCsse%20auf%20die%20Bildung.pdf.

Autor:innengruppe Bildungsberichterstattung. (2024). Bildung in Deutschland 2024 [Report]. In wbv Publikation. wbv Publikation. https://doi.org/10.3278/6001820iw.

Children - material deprivation. (2025). Eurostat. https://ec.europa.eu/eurostat/statistics-explained/index.php?title=Children_-_material_deprivation.

Fritschi, T., Oesch, T., BASS – Büro für Arbeits- und Sozialpolitische Studien BASS AG, & Bertelsmann Stiftung. (2008). Volkswirtschaftlicher Nutzen von frühkindlicher Bildung in Deutschland. https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/GP_Volkswirtschaftlicher_Nutzen_von_fruehkindlicher_Bildung_in_Deutschland.pdf.

Jedes siebte Kind in Deutschland armutsgefährdet. (n.d.). Statistisches Bundesamt. https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2024/07/PD24_N033_63.html.

Kinderarmut in Deutschland | Save the Children Deutschland. (n.d.). https://www.savethechildren.de/informieren/themen/kinderarmut-in-deutschland/.

Stanat, P., Schipolowski, S., Schneider, R., Sachse, K. A., Weirich, S., & Henschel, S. (2022). IQB-Bildungstrend 2021 – erste Ergebnisse. https://www.iqb.hu-berlin.de/documents/37/IQB_BT2021_ErsteErgebnisse_Kurzbericht.pdf.

Weßler-Poßberg, D., Ambros, J., Schönmüller, C., Willer, E., Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, & Prognos. (2024). Ökonomische und volkswirtschaftliche Effekte von Kindertagesbetreuung. In Expertise (p. III–VI). https://www.fruehe-chancen.de/fileadmin/user_upload/PDF-Dateien/Expertisen_und_Studien/Expertise_%C3%96konomische_und_volkswirtschaftliche_Effekte_von_Kindertagesbetreuung_Prognos.pdf.

Wößmann, L., Ph. D., Schoner, F., Freundl, V., & Pfaehler, F. (2024). Ungleiche Bildungschancen: Ein Blick in die Bundesländer. In BILD hilft e.V. »Ein Herz für Kinder«, Ifo Schnelldienst (Vol. 77, Issue 5). https://www.ifo.de/DocDL/sd-2024-05-ungleiche-bildungschancen-woessmann-etal-.pdf.

Zander, M. (2020) Kinderarmut | socialnet Lexikon. https://www.socialnet.de/lexikon/Kinderarmut#toc_2.

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Kita-Weltreise: Mit Kleiner Fratz nach Rumänien

Wie sieht frühkindliche Bildung in anderen Teilen der Welt aus? Wie gestalten andere Länder ihre Bildungssysteme? Welche Stellenwert nimmt frühkindliche Bildung dort ein? Welche pädagogischen Schwerpunkte und Ziele werden gesetzt? Welche Herausforderungen bewegen pädagogische Fachkräfte dort? Und welche inspirierenden Ansätze können wir vielleicht mitnehmen?

Wie sieht frühkindliche Bildung in anderen Teilen der Welt aus? Wie gestalten andere Länder ihre Bildungssysteme? Welchen Stellenwert nimmt frühkindliche Bildung dort ein? Welche pädagogischen Schwerpunkte und Ziele prägen den Kita-Alltag? Welche Herausforderungen bewegen pädagogische Fachkräfte dort? Und welche inspirierenden Ansätze können wir davon vielleicht mitnehmen?

Mit unserer “Kita-Weltreise” suchen wir regelmäßig Antworten auf genau diese Fragen und werfen dafür regelmäßig einen Blick über die Ländergrenzen hinweg. 

Dieses Mal nehmen wir euch mit nach Rumänien - beziehungsweise: Unser Mitglied Kleiner Fratz nimmt euch mit. Denn das Leitungsteam von Kleiner Fratz war im Mai in der Stadt Oradea unterwegs und hat sich intensiv mit dem rumänischen Kita-System auseinandergesetzt. Ihre Reise haben sie in Kooperation mit der Asociatia Filantropia Oradea, einer gemeinnützigen diözesanen Organisation, umgesetzt, die das Team vor Ort begleitet hat. Gemeinsam wurden verschiedene Bildungseinrichtungen besucht - von Kindergärten und Schulen über Nachmittagsbetreuung bis hin zu einer Einrichtung für Menschen mit Behinderungen. 

Deshalb: Seid gespannt auf die Reise nach Oradea - gemeinsam mit Kleiner Fratz.

Oradea - eine Stadt der Vielfalt

Oradea liegt im Nordwesten des Landes, nur etwa 13 km von der ungarischen Grenze entfernt. Die Stadt zählt rund 183.000 Einwohner, davon 70% Rumänen, 23% Ungarn, 2% Roma, Deutsche und Slowaken. Mit 50% ist die Bevölkerung überwiegend orthodox. 25% gehören dem römisch-katholischen Glauben an, 16% sind griechisch-katholisch, 8% protestantisch und etwa 1% gehören anderen Glaubensgemeinschaften an. 

Mit klarer Struktur durch den Bildungsalltag

In Rumänien beginnt die Schulpflicht erst mit acht Jahren. Vorgeschaltet ist jedoch ein verpflichtendes Vorbereitungsjahr, eine sogenannte Beginnerklasse. Frühkindliche Bildung ist freiwillig, gilt jedoch als nahezu unverzichtbar für einen erfolgreichen Einstieg in die sogenannte Vorbereitungsklasse.

Bereits der erste Besuch einer rumänischen Bildungseinrichtung - einer Grundschule - machte deutlich: Struktur spielt eine zentrale Rolle. Mit jedem weiteren Besuch einer Bildungseinrichtung festigte sich dieser Eindruck: Von den Kindergärten bis zur Schule zeigt sich überall ein stark strukturierter Alltag. Grit Nierich, , Geschäftsführerin von Kleiner Fratz und erste Vorsitzende des VKMK, beschreibt: “Viele Aktivitäten sind eher frontal gestaltet, und es gibt regelmäßig Angebote, die stark an einen klassischen Lehrplan erinnern”. Ein wesentlicher Grund hierfür liegt im Betreuungsschlüssel, wie Grit weiter erklärt: “Das frontale Angebot ist vor allem dem Erzieherschlüssel von 1:20 geschuldet. Das stellt natürlich eine Herausforderung im Alltag dar - besonders, wenn es um die individuelle Begleitung und Unterstützung der Kinder geht.”. Denn obwohl frühkindliche Bildung in Rumänien als essentiell für einen gelungenen Schulstart gilt, mangelt es vielerorts an notwendigen Ressourcen - sowohl personell als auch materiell und finanziell. Eine klare Strukturierung scheint daher notwendig, um den pädagogischen Anforderungen dennoch gerecht werden zu können. Doch trotz des hohen Personalschlüssels und den damit einhergehenden Herausforderungen fiel Grit Niereich eines besonders auf: “Was mir besonders positiv aufgefallen ist, war die hohe Motivation für den Beruf der pädagogischen Fachkraft. Man hat ihnen den Spaß an ihrer Arbeit und am Umgang mit den Kindern wirklich gespürt und gesehen.“ 

Ein Gespräch über Qualifikation und Anspruch

Im Rahmen ihrer Reise traf das Leitungsteam von Kleiner Fratz auch eine Vertreterin der zuständigen Aufsichtsbehörde, die mit der Kita-Aufsicht vergleichbar ist. In einer gemeinsamen Austauschrunde erläuterte sie die Voraussetzungen und Rahmenbedingungen, die erfüllt sein müssen, um in Rumänien als pädagogische Fachkraft tätig zu werden. Für rumänische Staatsbürger:innen gibt es dabei grundsätzlich zwei Wege: Entweder über einen erfolgreichen Abschluss an einem pädagogischen Lyzeums mit Spezialisierung auf “Frühkindliche Bildung” oder über ein Hochschulstudium im Studienfach “Frühkindliche Bildung”. Wer im sonderpädagogischen Bereich arbeiten möchte, muss zusätzlich ein Sonderpädagogik-Modul mit Zertifikat absolvieren sowie ein einjähriges Praktikum unter der Anleitung eines erfahrenen Mentors im sonderpädagogischen Bereich. 

Inklusion im Aufbau

Inklusion steckt in Rumänien noch in den Anfängen.” beschreibt Grit Niereich ihre Eindrücke von diesem Aspekt der frühkindlichen Bildung in Rumänien. Die Auseinandersetzung mit beeinträchtigten Menschen und ihren Bedürfnissen findet offiziell vielerorts kaum bis gar nicht statt - das Thema ist nach wie vor häufig tabuisiert. Es gibt jedoch private, gemeinnützige Initiativen, die sich um Kinder , Jugendliche und Erwachsene mit Beeinträchtigungen kümmern, entstanden oftmals aus einem privaten, familiären Kontext. Zwar nehmen Kinder mit Behinderungen grundsätzlich an Bildungsangeboten teil, doch ihre individuellen Bedürfnisse werden dabei meist nicht ausreichend berücksichtigt. Erschwert wird Inklusion zusätzlich durch Lücken in der Diagnostik, wie Grit Nierich beobachtete: “Beeinträchtigungen werden häufig nicht differenziert genug erfasst, und besonders auffällig ist, dass in den meisten Fällen Autismus diagnostiziert wird.” Ohne präzise Diagnosen ist jedoch keine bedarfsgerechte Förderung möglich. Umso bedeutender ist das Engagement einzelner Eltern, die selbst Berührungspunkte oder Erfahrungen mit Beeinträchtigungen haben und sich aktiv für Inklusion einsetzen - etwa durch die Gründung einer Einrichtung für Kinder mit Down-Syndrom. 

Trotz dieser Herausforderungen bei der Inklusion von Kindern mit Behinderungen gelingt es Rumänien zunehmend, die kulturelle Vielfalt des Landes in das Bildungssystem zu integrieren. Wie bereits deutlich wurde, ist das Land in dieser Hinsicht sehr divers. Doch auch hier zeigt sich, wie eng Inklusion mit kontinuierlicher Arbeit, Selbstreflexion und Empathie verbunden ist: “Insbesondere die Integration von Romafamilien ist nicht immer leicht und erfordert viel Engagement und Sensibilität.” erklärt Grit Nierich. Kulturelle Traditionen führen bei Roma-Kindern häufig zu unregelmäßigen Schulbesuchen. In der Folge drohen Sanktionen wie der Entzug von Sozialleistungen, was die oftmals ohnehin belasteten Lebenssituationen dieser Familien zusätzlich erschwert. Aus diesen Erkenntnissen zieht Grit Nierich wertvolle Impulse für ihre eigene Arbeit in Deutschland mit: “Meine Reise hat mir ein tieferes Verständnis für Familien aus Rumänien vermittelt - insbesondere auch für Romafamilien, die hier in Deutschland leben. Durch die Einblicke, die ich vor Ort gewinnen durfte, kann ich viele Hintergründe nun besser einordnen und dieses Wissen gezielt in meine Arbeit einfließen lassen.”

Sprachenvielfalt in der Kita

Die kulturelle Vielfalt spiegelt sich auch in der aktiven Förderung von Mehrsprachigkeit wider. Während ihrer Reise besuchte das Leitungsteam von Kleiner Fratz zwei Kindergärten, in denen es eigene deutschsprachige Gruppen gibt - in einem davon sogar auf expliziten Wunsch der Eltern. Das zeigt den hohen Stellenwert, welchen Mehrsprachigkeit im rumänischen Bildungssystem einnimmt, sowie den Wunsch, sie gezielt zu fördern. 

Der Kindergarten Nr. 45 betreut und fördert rund 320 Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren. Die andere Einrichtung, der Kindergarten “Roman Ciorogariu”, zählt etwa 235 Kinder. Jede Gruppe besteht hier aus etwa 30 Kindern, die von jeweils zwei Erzieher:innen begleitet werden. Besonders bemerkenswert ist die Aufteilung der Arbeitszeit im “Roman Ciorogariu”: Alle Erzieher:innen arbeiten täglich acht Stunden, wovon sie fünf Stunden direkt mit den Kindern verbringen und die übrigen drei Stunden für Vor- und Nachbereitungen sowie Fortbildungen zur Verfügung stehen. Unterstützt werden die Erzieher:innen stundenweise von Psycholog:innen, wodurch die Qualität der frühkindlichen Bildung zusätzlich gestärkt wird. 

Bildung auf dem Land - klein, aber fein

Neben den Bildungseinrichtungen in der Stadt nutzte das Leitungsteam von Kleiner Fratz auch die Gelegenheit, bei einem Ausflug aufs Land einen Eindruck davon zu gewinnen, wie Bildung in ländlichen Regionen Rumäniens gestaltet wird. Grit Nierich beschreibt diesen Besuch als “ein weiteres sehr beeindruckendes Erlebnis während der Erasmus-Reise.” Ziel war eine Dorfschule, etwa zwei Stunden von Oradea entfernt. In der Schule werden jeweils drei Jahrgänge gemeinsam unterrichtet - in kleinen Klassen mit nur acht bis zwölf Kindern. Diese überschaubare Gruppengröße ermöglicht eine sehr persönliche Lernatmosphäre sowie gezielte individuelle Förderung. Eine Schule, die zeigt, dass gute Bildung auch in ländlicheren Regionen mit begrenzten Ressourcen möglich ist. 

Eine Begegnung, die bewegt

*Triggerwarnung: Schilderung von Gewalt und Vernachlässigung*

Ein besonders bewegender Programmpunkt - wenn man dies so überhaupt sagen kann, da jeder Programmpunkt auf seine Weise tief berührend war - stellte der Besuch einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung dar. Dort begegnete das Leitungsteam Simona. Grit beschreibt diese Begegnung: “Am meisten beeindruckt haben mich die Gespräche mit einer Überlebenden des Kinderheims Cighid aus der Zeit der Ceausescu-Diktatur. Ihre Geschichte war tief bewegend und sehr eindrucksvoll.” Das Kinderheim Cighid erlangte Anfang der 90er Jahre traurige Berühmtheit. Cighid war eines von vielen Heimen, in welche Kinder mit körperlichen oder geistigen Behinderungen, Entwicklungsverzögerungen oder weil sie unerwünscht waren, abgeschoben wurden. 1989 wurde Cighid von westeuropäischen Journalisten, die daraufhin die erschütternden Zustände in diesem Heim öffentlich machten. In Cighid, einem alten Jagdschloss, waren sechs Leute für 109 Kinder zuständig. Die Kinder waren teilweise halbnackt, unterkühlt, unterernährt, verwahrlost, in verdreckten Räumen, ohne medizinische Versorgung, teilweise ohne Bewegungsfreiheit eingesperrt. In den Medienberichten zu dem Heim wurde von “Euthanasie” und “Sterbelager” gesprochen. Cighid existierte nur etwa zwei Jahre. In diesen zwei Jahren sind 122 Kinder dort ums Leben gekommen. Viele der Überlebenden mussten danach erst lernen, zu laufen, zu weinen, zu lachen und zu sprechen. Im Anschluss an das Gespräch wurde das Leitungsteam von Simona zu sich und ihrer Familie nach Hause eingeladen. Es war “ein Erlebnis, das uns nachhaltig berührte.” 

Diese Reise ermöglichte nicht nur einen Blick über den Tellerrand, sondern erweiterte den Horizont auf vielfältige Weise. Sie war bereichernd, lehrreich, berührend und wird nachhaltig in Erinnerung bleiben. Wie tief ein solcher kultureller Austausch wirkt, zeigt die persönliche Reflexion von Grit Nierich: “Für mich bedeuten Erasmus-Reisen vor allem den sprichwörtlichen Blick über den Tellerrand: Man bekommt die Möglichkeit, andere Bildungssysteme kennenzulernen und unterschiedliche Kulturen hautnah zu erleben. Das fördert nicht nur ein besseres Verständnis für andere Länder und ihre Kulturen, sondern hilft auch, Fluchtursachen besser nachvollziehen zu können - und damit auch die Hintergründe und Lebensrealitäten der bei uns betreuten Familien aus eben diesen Ländern besser zu verstehen.”. Ein Erlebnis, das weit über den fachlichen Austausch hinausreicht. 

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