Kita-Weltreise: Einblicke in die frühkindliche Bildung Wiens
Vor knapp einem Monat war der VKMK im Rahmen einer Erasmus-Reise mit der Gesellschaft für Europabildung in Wien unterwegs und ist dort über mehrere Tage hinweg in die frühkindliche Bildung eingetaucht.
Vor knapp einem Monat war der VKMK im Rahmen einer Erasmus-Reise mit der Gesellschaft für Europabildung in Wien unterwegs und ist dort über mehrere Tage hinweg in die frühkindliche Bildung eingetaucht. In Gesprächen mit einem Politiker, einer Vertreterin der Verwaltung, Pädagoginnen sowie einer Vertreterin einer Schule durften wir uns ein Bild der frühkindlichen Bildung aus unterschiedlichsten Perspektiven machen: Wie ist sie in Wien gestaltet? Welchen Stellenwert nimmt sie ein? Welche Herausforderungen gibt es? Und wie sehen die Rahmenbedingungen aus?
Kommt in den nächsten Zeilen mit uns auf eine kleine, spannende und informative Reise in die österreichische Hauptstadt.
So funktionieren Wiener Kitas: Zahlen, Fakten und Rahmenbedingungen
Unser erster Programmtag in Wien begann mit einem Ausflug in das Wiener Parlament und einem Austausch mit Christian Oxonitsch von der Sozialdemokratischen Partei Österreich. Er ist Abgeordneter zum Nationalrat sowie Mitglied unter anderem im Ausschuss für Familie und Jugend und im Bildungsausschuss.
Nachdem wir zunächst mit der Straßenbahn in die gänzlich entgegengesetzte Richtung gefahren waren, erreichten wir schließlich doch noch pünktlich das Parlament. Im Gespräch mit Herrn Oxonitsch wurde schnell deutlich, dass Deutschland und Österreich eine große Gemeinsamkeit teilen: den Föderalismus in Bildungsangelegenheiten. Bildung ist Ländersache und damit in allen neun österreichischen Bundesländern unterschiedlich gestaltet. Dennoch gibt es einige Aspekte, die sich über ganz Österreich erstrecken. Dazu zählt etwa das verpflichtende letzte Kita-Jahr, in dem Kinder mindestens 20 Stunden pro Woche an mindestens vier Tagen eine frühkindliche Bildungseinrichtung besuchen müssen. Ein weiterer – mehr oder weniger ausgeprägt vorhandener - Aspekt ist das Ansehen und der Stellenwert der frühkindlichen Bildung. Dieser zeigt sich bereits in der Frage, seit wann Kindertageseinrichtungen in Österreich gesetzlich als vollwertige Bildungseinrichtungen verankert sind – und das ist erst seit knapp zehn Jahren der Fall. Auch das Wording der Berufsbezeichnung gibt darüber Aufschluss: Die Bezeichnung „Elementarpädagogik“ ist in Österreich noch relativ neu, zuvor wurde allgemein von „Kindergärtner:innen“ gesprochen.
Im Austausch mit einer Elementarpädagogin eines freien Kita-Trägers wurde zudem deutlich, dass der Stellenwert der frühkindlichen Bildung in Teilen Österreichs noch immer hinterherhinkt. Kinder werden - insbesondere auf dem Land - häufig erst relativ spät in einer Kita angemeldet, da es weiterhin als verpönt gilt, Kinder in eine Betreuungseinrichtung zu geben. Im Vergleich zur Betreuungsquote in Deutschland zeigen sich jedoch nur marginale Unterschiede. So lag die Betreuungsquote der Unter-Dreijährigen in Österreich im Jahr 2024 bei 34,8 % (Deutschland: 37,8 %), bei den Über-Dreijährigen bei 94,3 % (Deutschland: 95,0 %). In Wien liegen die Quoten etwas höher: 46,4 % bei den Unter-Dreijährigen (Berlin: 49,4 %) und 93,5 % bei den Über-Dreijährigen (Berlin: 99,0 %).
Doch nun richten wir den Blick wieder auf Wien und insbesondere auf die Rahmenbedingungen, die wir am letzten Tag unseres Aufenthalts im Austausch mit einer Vertreterin der Verwaltung kennenlernen durften.
Der Großteil der Kindertageseinrichtungen in Wien ist in privater Trägerschaft, nur 37 % der Kita-Plätze werden von der Stadt Wien gestellt. Um ein Kind in einer Kita anmelden zu können, erhält jedes Kind eine sogenannte Kindergartennummer - vergleichbar mit dem Kita-Gutschein in Berlin. In den städtischen Kitas ist ein Platz grundsätzlich kostenfrei, lediglich die Kosten für das Mittagessen in Höhe von 90 € pro Monat müssen vollständig übernommen werden. Eltern müssen jedoch einen Nachweis darüber erbringen, ob sie berufstätig sind. Ist dies der Fall, hat ihr Kind einen Anspruch auf einen Betreuungsplatz. In privaten Kitas können Eltern ihr Kind hingegen auch ohne Arbeitsnachweis anmelden. Diese Einrichtungen erhalten von der Stadt Wien eine Pro-Kopf-Finanzierung in Höhe von 280 € pro Kind und Monat - unabhängig von der Betreuungsdauer. Alle darüber hinausgehenden Kosten, etwa für Miete, Instandhaltung oder Ähnliches, werden über Elternbeiträge finanziert.
Pro Woche stehen den Pädagog:innen 34 Stunden für die direkte pädagogische Arbeit zur Verfügung. Die übrigen Stunden entfallen auf Vor- und Nachbereitungszeiten. Der Personalschlüssel ist in Wien tatsächlich anders ausgestaltet als in Deutschland - was nicht zuletzt einem massiven Personalmangel geschuldet ist, den wir selbst vor etwa zwei Jahren noch erlebt haben. In Gruppen für Kinder unter drei Jahren liegt das gesetzlich vorgeschriebene Verhältnis bei 1:15, in Gruppen für Kinder über drei Jahren bei 1:25 und in altersübergreifenden Gruppen bei 1,5:20. Dabei wird jede:r Pädagog:in von einer Assistenzkraft unterstützt. Die Voraussetzungen, um als Assistenzkraft tätig zu sein, beschränken sich auf den Nachweis eines B2-Niveaus in der deutschen Sprache. Im Kita-Alltag übernehmen Assistenzkräfte neben Aufgaben in den Gruppen häufig auch hauswirtschaftliche Tätigkeiten, etwa Reinigungsarbeiten. Im Gespräch mit einer Pädagogin aus einer privaten Kita wurde deutlich, dass die Fachkräfte den Personalschlüssel grundsätzlich als angemessen empfinden. Als größeres Problem wird jedoch die Gruppengröße benannt, viele wünschen sich kleinere Gruppen.
Inklusion unter Druck: Zwischen Anspruch und Ressourcen
Während bereits ein erheblicher Mangel an ausgebildeten pädagogischen Fachkräften besteht, ist der Mangel an Inklusionsfachkräften noch deutlich größer. Dies hat zur Folge, dass Kinder mit Inklusionsstatus häufig in regulären Gruppen betreut werden - oft auch ohne zusätzliche Inklusionsfachkräfte. In einer kommunalen Kita, die wir besucht haben, wurde uns berichtet, dass private Kita-Träger häufig keine Kinder mit Inklusionsstatus aufnehmen. Grund dafür ist, dass sie aufgrund des Mangels an Inklusionsfachkräften eine bedarfsgerechte Bildung, Betreuung und Förderung nicht gewährleisten können. Da jedoch jedes Kind mit Förderbedarf - auch Kinder, deren Eltern nicht erwerbstätig sind - einen Anspruch auf 30 Stunden Betreuung pro Woche hat, werden Kinder mit Inklusionsstatus überwiegend in kommunalen Kitas aufgenommen. In der Folge werden rund 98 % aller Kita-Kinder mit Inklusionsstatus in kommunalen Einrichtungen betreut.
In einer privaten Kita wurde uns erklärt, wie dort vorgegangen wird, wenn ein Kind mit Inklusionsstatus angemeldet wird. Gemeinsam mit dem Team und den Eltern wird das weitere Vorgehen besprochen: Was braucht das Kind? Welche Unterstützung können die Eltern leisten? Was können die pädagogischen Fachkräfte übernehmen? Trauen sie sich diese Aufgabe - trotz fehlender Ausbildung zur Inklusionsfachkraft - zu? Und verfügen sie über ausreichend Kapazitäten, um sich eigenständig weiterzubilden? Auf dieser Grundlage wird das pädagogische Konzept der Kita entsprechend angepasst und der Stadt vorgelegt. Für die Betreuung von Kindern mit Inklusionsstatus erhalten Kitas nur eine geringe zusätzliche Finanzierung, die meist in die Reduktion der Gruppengröße investiert wird. Die Betreuung und Förderung funktioniert dabei jedoch nur dann gut, wenn auch die Eltern aktiv mitarbeiten und ihr Kind zusätzlich im privaten Umfeld fördern.
In eben dieser privaten Kita wurden wir zudem auf eine weitere Herausforderung aufmerksam gemacht, die sich auch in Deutschland zeigt: Viele Kinder mit Förderbedarf verfügen noch über keine Diagnose, wenn sie in die Kita kommen. Gleichzeitig bringen Kinder zunehmend psychische Belastungen mit. Große Themen sind dabei unter anderem der hohe Medienkonsum und dessen Folgen sowie die Auswirkungen der Pandemie. In der Folge werden faktisch in nahezu jeder Gruppe Kinder mit besonderen Förderbedarfen betreut. Zur Dokumentation und Bewertung der Entwicklungsfortschritte sind Kitas verpflichtet, Kinder zu beobachten und zu dokumentieren; konkrete Beobachtungsinstrumente - wie etwa BeoKiz in Berlin - sind dabei jedoch nicht vorgeschrieben. Wird während der Kita-Zeit ein besonderer Förderbedarf vermutet und eine Entwicklungsdiagnostik angestoßen, kann es bis zu anderthalb Jahre dauern, bis eine Diagnose vorliegt - kaum Zeit, um in der verbleibenden Kita-Zeit noch angemessen reagieren zu können. Wird ein Kind bei der Einschulung noch nicht als schulfähig eingeschätzt, kann es zurückgestellt werden. Es besucht dann jedoch keine Kita mehr, sondern eine Vorschule, die direkt an eine Schule angebunden ist. Dort werden die Kinder von Volksschullehrer:innen betreut, mit einem Schwerpunkt auf Sprachförderung und Sprachbildung.
Ausbildungswege in der Elementarpädagogik
Nun wissen wir, wie die Rahmenbedingungen der frühkindlichen Bildung in Wien in etwa aussehen und dass insbesondere der Personalmangel eine große Herausforderung darstellt. Daher richten wir den Blick nun auf die Ausbildung pädagogischer Fachkräfte. Eine entsprechende Ausbildungsstätte durften wir bereits am ersten Tag nach unserem Parlamentsbesuch kennenlernen.
In Österreich tragen diese Ausbildungsstätten die Bezeichnung „Bildungsanstalt für Elementarpädagogik“. Bereits der Name verdeutlicht, dass die Ausbildung gezielt auf den frühkindlichen Bereich ausgerichtet ist. Denn anders als in Deutschland dürfen in österreichischen Kindertageseinrichtungen ausschließlich ausgebildete Elementarpädagog:innen als Fachkräfte arbeiten. Sozialpädagog:innen müssen, sofern sie in der frühkindlichen Bildung tätig sein möchten, einen zusätzlichen einjährigen Lehrgang absolvieren, der sich ausschließlich mit dem Elementarbereich befasst. Die Ausbildung zur Elementarpädagogik liegt in Österreich grundsätzlich in der Zuständigkeit des Bundes - mit Ausnahme von Wien, das über eigene kommunale Bildungsanstalten verfügt. Neben der „klassischen“ Ausbildung an einer Bildungsanstalt haben sich in den vergangenen Jahren - nicht zuletzt aufgrund des Fachkräftemangels - zahlreiche alternative Ausbildungswege entwickelt, etwa an pädagogischen Hochschulen oder Fachhochschulen. Zudem besteht die Möglichkeit, die Matura direkt an einer Bildungsanstalt für Elementarpädagogik zu absolvieren. Diese Ausbildung beginnt nach dem achten Schuljahr und erstreckt sich über fünf Jahre. Neben elementarpädagogischen Inhalten wird auch Allgemeinbildung vermittelt, sodass Absolvent:innen nach Abschluss der Matura sowohl direkt in die Praxis einsteigen können als auch die Zugangsvoraussetzung für ein Studium erwerben. Die Erfahrungen aus den Bildungsanstalten zeigen jedoch, dass rund 97 % der Matura-Absolvent:innen letztlich nicht in einer Kita tätig werden. Die Einführung der Matura-Ausbildung stellt damit einen wesentlichen Faktor im bestehenden Personalmangel dar. Grundsätzlich ist die Ausbildung zur Elementarpädagogik entgeltfrei, mit Ausnahme der kommunalen Bildungsanstalten der Stadt Wien. Dort erhalten die Studierenden während ihrer Ausbildung ein kleines Gehalt, verpflichten sich im Gegenzug jedoch, im Anschluss für fünf Jahre im Dienst der Stadt Wien zu arbeiten.
In der von uns besuchten Bildungsanstalt für Elementarpädagogik wurde uns zudem erklärt, dass jede Bildungsanstalt über einen Praxiskindergarten verfügen muss, in dem Auszubildende ihre Praxisphasen absolvieren. Da die Platzkapazitäten dieser Praxiskindergärten in der Regel nicht ausreichen, um alle Auszubildenden aufzunehmen, absolvieren viele ihre Praxisphasen auch in anderen Kindergärten im gesamten Wiener Stadtgebiet. Neben den Auszubildenden sind in den Praxiskindergärten auch Lehrkräfte der Bildungsanstalt tätig, wodurch die Personalkapazität dort deutlich höher ist als in anderen Kindergärten. Für Kinder und Familien bringt ein Praxiskindergarten jedoch auch besondere Herausforderungen mit sich: So kommt es zu einem häufigen Wechsel der Bezugspersonen sowie zu einer vergleichsweise hohen Anzahl an Schließtagen, da die Einrichtungen während der Schulferien geschlossen sind. Dennoch entscheiden sich viele Eltern bewusst dafür, ihr Kind in einem Praxiskindergarten anzumelden.
Die von uns besuchte Bildungsanstalt für Elementarpädagogik legt in der Ausbildung einen sehr hohen Stellenwert auf Biografie- und Reflexionsarbeit als wichtige Voraussetzung für qualitativ hochwertige Bildungsarbeit. So gibt es neben einer Reihe von Seminaren im ersten Semester die sogenannte „Ich-Werkstatt“, in der sich Studierende intensiv mit der eigenen Biografie und Selbstreflexion beschäftigen. Im zweiten Semester wird darauf mit einer „Wir-Werkstatt“ aufgebaut, in der der Fokus auf Gemeinschaft und Zusammenarbeit liegt.
Frühkindliche Bildung in der Praxis: Drei Kitas, drei Wege
Wie also wird frühkindliche Bildung in der Praxis gestaltet? Dies durften wir bei Besuchen von insgesamt drei unterschiedlichen Kindertagesstätten erfahren.
Zweisprachig, nachhaltig und draußen
Am zweiten Tag unserer Wien-Reise besuchten wir einen privaten Kindergarten, der ein bilinguales Konzept - Deutsch und Englisch - verfolgt und zugleich einen großen Schwerpunkt auf Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein legt. Zur Umsetzung des bilingualen Konzepts sind in dieser Kita pro Fachkraft zwei Assistenzkräfte tätig: eine deutsch- und eine englischsprachige. Ihre zentrale Aufgabe besteht darin, den Spracherwerb der Kinder in der jeweiligen Sprache gezielt zu unterstützen. Der Umwelt- und Nachhaltigkeitsaspekt ist in dieser Kita auf vielfältige Weise in den Alltag integriert. Dazu zählen unter anderem nachhaltiges und allergiefreundliches Essen, ein bewusster Umgang mit Müll sowie größere Projekte wie sogenannte Umweltwochen, in denen sich die Kinder intensiv mit entsprechenden Themen auseinandersetzen. Ein besonderes Highlight stellt zudem eine Outdoorgruppe dar: eine Gruppe, die den ganzen Tag - bei Regen, Matsch und Sonnenschein - im Freien auf dem großzügigen Außengelände der Kita verbringt. Für ihr Engagement im Bereich Nachhaltigkeit wurde die Kita sogar mit dem Österreichischen Umweltzeichen ausgezeichnet.
Bewegung von Anfang an
Die zweite Kita, die wir besucht haben, war ebenfalls in privater Trägerschaft und setzte einen klaren Schwerpunkt auf Sport und Bewegung. Ziel der Einrichtung ist es, die Entwicklung der Kinder von Beginn an ganzheitlich durch Bewegung zu fördern. Dies geschieht unter anderem durch Ausflüge, bewegungsorientierte Spiele sowie die Zusammenarbeit mit Physiotherapeut:innen. Während unseres Besuchs in dieser Kita lag der Fokus des Austauschs jedoch vor allem auf den allgemeinen Rahmenbedingungen der frühkindlichen Bildung sowie auf politischen und gesellschaftlichen Themen - es handelt sich dabei um jene Kita, die im Text bereits mehrfach erwähnt wurde. Daher erhielten wir im Vergleich zu den anderen beiden Einrichtungen weniger spezifische Informationen zum pädagogischen Konzept vor Ort.
Inklusion mit Geschichte
Unser dritter und letzter Kita-Besuch führte uns in eine kommunale Einrichtung, die in einem Gebäude von großer historischer Bedeutung untergebracht ist. Bereits 1948 wurde hier der Grundstein gelegt, und 1949 eröffnete an diesem Ort der erste Sonderkindergarten Europas - ermöglicht durch finanzielle Unterstützung aus der Schweiz. Der Sonderkindergarten war offen für Kinder der Nachkriegsjahre mit unterschiedlichen Förderbedarfen, darunter körperliche, soziale und ökonomische. Insgesamt gab es sechs Gruppen: eine für körperbehinderte Kinder, eine für sehbehinderte und blinde Kinder, eine für hörbehinderte und taube Kinder, eine für geistig schwerstbehinderte Kinder, eine für schwererziehbare Kinder sowie eine Gruppe für Kinder ohne Behinderung. Bereits bei der Planung der Architektur wurden die besonderen Bedarfe der Kinder berücksichtigt. Die Decken wurden bewusst niedriger gestaltet, um eine heimelige Atmosphäre zu schaffen. Lediglich ein Raum verfügte über eine hohe Decke: der Gruppenraum der sehbehinderten Kinder, um mehr Tageslicht hereinzulassen und das Sehen zu erleichtern. Zudem wurde schon damals ein Schwimmbecken in das Gebäude integriert, das der Förderung der körperlichen Mobilität diente. Die Kinder erhielten in diesem Kindergarten vielfältige therapeutische Unterstützung. Gleichzeitig war der Sonderkindergarten auch ein Ort wissenschaftlicher Forschung. Zu diesem Zweck wurden neben den Gruppenräumen kleine Beobachtungsräume mit Fenstern eingerichtet, durch die Wissenschaftler:innen das Gruppengeschehen für Studien beobachten konnten. Heute verfügt der Kindergarten über insgesamt neun Gruppen, davon drei heilpädagogische Gruppen und sechs Integrationsgruppen. In den heilpädagogischen Gruppen werden jeweils bis zu zwölf Kinder von zwei (inklusiven) Elementarpädagog:innen sowie zwei Assistent:innen betreut. In den Integrationsgruppen werden jeweils 20 Kinder von einer inklusiven Elementarpädagog:in, einer weiteren Elementarpädagog:in und zwei Assistent:innen begleitet. Das Schwimmbad ist - inzwischen modernisiert - weiterhin Teil des Förderangebots. Darüber hinaus gibt es Rückzugsräume für Kinder, denen der Gruppenalltag zeitweise zu viel wird, ein großes Außengelände zum Austoben sowie zahlreiche weitere Unterstützungsangebote, darunter physiotherapeutische Begleitung und gebärdenunterstützende Kommunikation.
Alles in allem war es eine unglaublich spannende Erasmus-Reise, die deutlich gemacht hat, dass frühkindliche Bildung - auch in Nachbarländern wie Österreich - in manchen Punkten sehr verschieden und in vielen Aspekten doch erstaunlich ähnlich ist. Im Mittelpunkt steht dabei stets das gemeinsame Ziel aller Beteiligten: Kindern trotz herausfordernder Rahmenbedingungen die bestmögliche Unterstützung und Förderung für eine ganzheitliche Entwicklung zu ermöglichen.
Tag 1
Parlamentsbesuch & Besuch einer Bildungsanstalt für Elementarpädagogik
Tag 2
Besuch zweier privater Kindergärten
Tag 3
Austausch mit einer Vertreterin der Verwaltung & Besuch eines kommunalen Kindergartens
Sparen auf dem Rücken der Kleinsten: Berliner Senat streicht Sprachförderung für zehntausende Kinder
Immer mehr Kinder haben Probleme mit der Sprache – doch statt die Sprachförderung zu intensivieren, setzt das Land Berlin genau hier den Rotstift an: Ab 2026 sollen auf dem Rücken der Kleinsten unserer Gesellschaft 40 Millionen Euro eingespart werden – mit dramatischen Folgen für Kitas, Kinder und Schulen.
Immer mehr Kinder haben Probleme mit der Sprache – doch statt die Sprachförderung zu intensivieren, setzt das Land Berlin genau hier den Rotstift an: Ab 2026 sollen auf dem Rücken der Kleinsten unserer Gesellschaft 40 Millionen Euro eingespart werden – mit dramatischen Folgen für Kitas, Kinder und Schulen.
Konkret geht es um den sogenannten Partizipationszuschlag, der ab 2026 an Berliner Kitas eingeführt werden soll. „Der Name ‚Partizipationszuschlag‘ ist gänzlich irreführend, denn unter Partizipation versteht man eigentlich, dass alle teilhaben und mitwirken können. Der Partizipationszuschlag jedoch schließt de facto mehrere zehntausend Kinder von dringend benötigter Sprachförderung aus. Er hat also nichts mit Partizipation, sondern vielmehr mit Exklusion zu tun.“, betont Lars Békési, Geschäftsführer des VKMK - Der Kitaverband, mit Nachdruck.
Mit dem sogenannten Partizipationszuschlag soll künftig die Sprachförderung für Kinder nichtdeutscher Herkunft sowie für Kinder aus sozialen Brennpunkten gestrichen werden. In Summe betrifft das rund 85.000 Kinder. Stattdessen soll Sprachförderung künftig nur noch denjenigen Kindern zustehen, die Leistungen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket beziehen – aktuell etwa 22.300. Und auch das nur, wenn in ihrer Kita mindestens 20 Prozent der Kinder Leistungen aus diesem Paket erhalten. Dies verkauft der Senat als wichtigen Schritt hin zu mehr Chancengerechtigkeit. Doch wer nachrechnet, erkennt schnell: Künftig werden tausende Kinder bei der Förderung auf der Strecke bleiben, mit drastischen Auswirkungen auf ihren gesamten Bildungs- und Lebensweg. “Der Berliner Senat nimmt hier in Kauf, die Startbedingungen einer großen Gruppe an Kinder für Einsparungen im Haushalt zu opfern – das ist bildungspolitisch kurzsichtig und gesellschaftlich fatal.”
Die Folgen dieser Sparmaßnahme bei der frühkindlichen Sprachförderung werden insbesondere die Schulen in zwei bis drei Jahren massiv zu spüren bekommen. Schon jetzt ist vielerorts von Überlastung und drohenden Burnouts unter Lehrkräften die Rede. „Wenn die Schulen künftig auch noch die Sprachdefizite ausgleichen müssen, die aufgrund des Partizipationszuschlags nicht frühzeitig angegangen werden konnten, wird das Schulsystem auf kurz oder lang an seine Grenzen kommen. Wir fragen uns, wie das funktionieren soll. Das Land verlagert hier eindeutig das Problem auf die Schultern der Grundschullehrkräfte – sie müssen künftig die Folgen einer zu kurz gedachten Berliner Sparpolitik tragen“, so Lars Békési.
Doch auch in den Kitas wird es unmittelbare Auswirkungen geben: Durch die Kürzung der Sprachförderung werden zwangsläufig auch Stellen wegfallen. Manche Einrichtungen können dies möglicherweise noch kompensieren, weil sie personell und finanziell gut aufgestellt sind. Andere hingegen werden Fachkräfte entlassen müssen – und das in einer Zeit, in der ohnehin bereits viele Pädagog:innen aufgrund des Geburtenrückgangs um ihre Jobs bangen. Der Senat hat zwar groß angekündigt, alle Fachkräfte im System halten zu wollen – doch die Gesetze, die er beschließt, sprechen eine andere Sprache. Der VKMK – Der Kitaverband fordert daher den Berliner Senat auf, die geplanten Kürzungen zurückzunehmen und stattdessen ein System zu etablieren, das Kinder mit Förderbedarf auch tatsächlich unterstützt. Nur so kann verhindert werden, dass Kindergruppen gegeneinander ausgespielt werden, mehrere zehntausend Kinder durchs Raster fallen und ihre Startbedingungen weiter verschlechtert werden.
KitaFöG-Entwurf: Kitaverband VKMK empfiehlt gezielte Nachbesserungen für mehr Teilhabe und Chancengerechtigkeit
Aktuell wird im Rahmen eines vorparlamentarischen und parlamentarischen Verfahrens das Gesetz zur Förderung von Kindern in Kindertagesstätten und Kindertagespflege (KitaFöG) überarbeitet. Ziel der Anpassung ist eine Implementierung des Kita-Chancenjahres (in das KitaFöG), welches besonders sprach-förderbedürftige Kinder besser in das Berliner Kita-System integrieren soll. Der entsprechende Entwurf liegt dem Kitaverband VKMK bereits vor und wurde verbandsintern bewertet. Aus Sicht des Verbandes stellt dieser einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung dar - bleibt stellenweise jedoch lückenhaft.
Aktuell wird im Rahmen eines vorparlamentarischen und parlamentarischen Verfahrens das Gesetz zur Förderung von Kindern in Tageseinrichtungen und Kindertagespflege (KitaFöG) überarbeitet. Ziel der Anpassung ist eine Implementierung des Kita-Chancenjahres (in das KitaFöG), welches besonders sprach-förderbedürftige Kinder besser in das Berliner Kita-System integrieren soll. Der entsprechende Entwurf liegt dem Kitaverband VKMK bereits vor und wurde verbandsintern bewertet. Aus Sicht des Verbandes stellt dieser einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung dar - bleibt stellenweise jedoch lückenhaft.
Ein Element des Entwurfs stellt die Neufassung des §13 KitaFöG dar, der die Vertragspartner für die verbindlichen Vereinbarungen über die Qualitätssicherung und Finanzierung der Tageseinrichtungen neu definiert. Neben “den Spitzenverbänden der Wohlfahrtspflege und dem Dachverband der Kinder- und Schülerläden” dürfen künftig auch weitere Verbände teilnehmen - sofern sie Träger der freien Jugendhilfe im Umfang von mindestens 10.000 Plätzen vertreten und seit mindestens zehn Jahren in Berlin tätig sind.
Lars Békési, Geschäftsführer des VKMKs, begrüßt diese Anpassung grundsätzlich: „Erstmals wird der bislang exklusive Kreis gesetzlich geöffnet – ein entscheidender Schritt zur Anerkennung langjähriger Forderungen des VKMK nach breiterer Teilhabe, einer pluralistischen Trägerlandschaft und mehr Finanzierungsgerechtigkeit.“ Gleichzeitig äußert er Kritik: „Die Hürde für eine Beteiligung ist mit 10.000 Plätzen und zehn Jahren Tätigkeit äußerst hoch. Für kleinere, spezialisierte Trägerverbände bleibt sie faktisch unüberwindbar, was die Zugangskriterien weiterhin exklusiv macht. Besonders problematisch ist die explizite Nennung eines einzelnen Verbandes – eine nicht nachvollziehbare Privilegierung, die aus Gründen der Neutralität des Gesetzgebers und des Gleichbehandlungsgrundsatzes gestrichen werden muss.“
Kritisch zu bewerten ist in der Novelle zum KitaFöG zudem, dass mit der geplanten Einführung des sogenannten Partizipationszuschlags künftig ausschließlich der Anspruch auf Leistungen für Bildung und Teilhabe (BuT) als Kriterium für Sprachförderung gilt. Lars Békési mahnt: „Diese Regelung greift zu kurz und birgt die Gefahr struktureller Diskriminierung. Kinder mit Sprachförderbedarf und nicht-deutscher Herkunft, die keinen BuT-Anspruch haben, werden von der notwendigen Förderung ausgeschlossen.“
Er warnt weiter: „Unterschiedliche Förderbedarfe werden gegeneinander ausgespielt, anstatt jedem Kind eine chancengerechte Förderung entsprechend seines individuellen Bedarfs zu gewährleisten. Deshalb muss im weiteren parlamentarischen Prozess dringend eine geeignete Überarbeitung im Bereich des angedachten Partizipationszuschlages erfolgen.“
Die vom Senat angekündigte kostenneutrale Umsetzung des Partizipationszuschlags erscheint vor dem Hintergrund kontinuierlich steigender Förderbedarfe ebenfalls fragwürdig. Békési macht klar: „Bleibt die Finanzierung trotz wachsender Bedarfe unverändert, bedeutet das Sparen auf Kosten der Kinder und ihrer Chancengerechtigkeit.“ Der VKMK hat den Berliner Senat bereits mehrfach auf diese Problematik hingewiesen, doch entsprechende Empfehlungen finden sich im aktuellen Entwurf nicht wieder.
Ein weiterer Punkt in der Neufassung betrifft die Verbesserung des Personalschlüssels im U3-Bereich - ein grundsätzlich richtiger Schritt hin zu besseren Bildungs- und Betreuungsbedingungen und einer Entlastung des Fachpersonals. Allerdings greift auch dieser Ansatz zu kurz: Die eigentliche Mehrbelastung liegt derzeit vor allem im Ü3-Bereich - etwa durch die längere Verweildauer der Kinder sowie durch den deutlichen Anstieg unterschiedlicher Förderbedarfen. In einem nächsten Schritt sollte daher auch der Ü3-Bereich in den Blick genommen und der Personalschlüssel entsprechend angepasst werden.
Der Entwurf stellt eine solide Grundlage für den weiteren parlamentarischen Prozess dar. Dennoch sind Nachbesserungen und die Konkretisierung einzelner Punkte erforderlich, um verbleibende Lücken zu schließen. Es ist jedoch davon auszugehen, dass im weiteren Verlauf entsprechende Optimierungen erfolgen - sodass eine gerechte, inklusive und vielfältige Kita-Landschaft nachhaltig gewahrt und widergespiegelt wird.
Kleine Schritte, große Lücken: Kitas brauchen mehr als kosmetische Verbesserung
Während die Berliner Morgenpost die Kita-Politik des Senats auf der Ampel-Skala optimistisch zwischen Grün und Gelb einordnet, weist der VKMK mit Nachdruck auf die weiterhin gravierenden Herausforderungen in der frühkindlichen Bildung hin.
Während die Berliner Morgenpost die Kita-Politik des Senats auf der Ampel-Skala optimistisch zwischen Grün und Gelb einordnet, weist der VKMK mit Nachdruck auf die weiterhin gravierenden Herausforderungen in der frühkindlichen Bildung hin.
„Die geplante Anpassung des Personalschlüssels im U3-Bereich auf nahezu des Bundesdurchschnittes ist ein Schritt – mehr aber auch nicht“, erklärt Lars Békési, Geschäftsführer des VKMK. „Der wissenschaftlich empfohlene Wert von 1:3 wird weiterhin deutlich verfehlt. Gleichzeitig steigen die Anforderungen im Ü3-Bereich – durch zusätzliche Förderbedarfe der Kinder und zunehmend komplexe Elterngespräche.“ Diese erhebliche Mehrbelastung der Fachkräfte im Ü3-Bereich wird jedoch bei den geplanten Maßnahmen nicht ausreichend berücksichtigt.
Hinzu kommt: Sinkende Kinderzahlen bedeuten zugleich weniger Mittel aus der öffentlichen Finanzierung. Da die Kita-Betriebskosten in Berlin über eine Sachkostenpauschale pro Kind gedeckt werden, verringern sich mit jedem fehlenden Kind auch die Beiträge zur Deckung laufender Fixkosten wie Miete, Unterhalt und Ausstattung. Die wirtschaftliche Belastung der Träger wächst dadurch erheblich. Wird dies in der Sachkostenpauschale nicht ausreichend berücksichtigt und entsprechend angepasst, werden die Rahmenbedingungen für qualitativ hochwertige frühkindliche Bildung zunehmend gefährdet.
„Von einer grünen Bewertung zu sprechen, verkennt die tatsächlichen Herausforderungen in den Kitas.“, betont Békési. „Berlin braucht jetzt ein umfassendes Personal- und Finanzierungspaket, das den realen Anforderungen gerecht wird.”
Der VKMK fordert daher weiterhin eine Anpassung der Sachkostenpauschale, um die gestiegenen Miet-, Betriebs- und Energiekosten zu decken. Aktuell reichen die Pauschalen nicht aus, um die Kitas finanziell tragfähig zu halten. Zudem muss die Kita-Sozialarbeit flächendeckend eingeführt werden, um benachteiligte Kinder und solche mit besonderem Förderbedarf sowie deren Eltern besser zu unterstützen.
Nur durch entschlossenes Handeln können die Fachkräfte endlich wieder den Raum erhalten, den sie für ihre wichtige pädagogische Arbeit brauchen – und allen Kindern wird die Förderung zuteil, die sie verdienen.
2 Schließtage mehr in Berliner Kitas: VKMK wirbt für Verständnis und plädiert für diese erforderliche Erhöhung
Die jüngsten Pressemitteilungen des Landeselternausschusses Kita Berlin (LEAK) und des Bezirkselternausschusses Marzahn-Hellersdorf (BEAK Ma-He) vom 19.02.2025 zeigen:
Die geplante Anpassung der Kita-Schließtage ist ein sensibles Thema, das Eltern bewegt. Der VKMK- Der Kitaverband nimmt die Sorgen der Eltern ernst, betont jedoch gleichzeitig die Notwendigkeit, eine tragfähige Balance zwischen den berechtigten Betreuungsbedarfen der Familien und den Qualitätsansprüchen an frühkindliche Bildung zu wahren.
Die jüngsten Pressemitteilungen des Landeselternausschusses Kita Berlin (LEAK) und des Bezirkselternausschusses Marzahn-Hellersdorf (BEAK Ma-He) vom 19.02.2025 zeigen:
Die geplante Anpassung der Kita-Schließtage ist ein sensibles Thema, das Eltern bewegt. Der VKMK- Der Kitaverband nimmt die Sorgen der Eltern ernst, betont jedoch gleichzeitig die Notwendigkeit, eine tragfähige Balance zwischen den berechtigten Betreuungsbedarfen der Familien und den Qualitätsansprüchen an frühkindliche Bildung zu wahren.
Aktuell sind gesetzlich maximal 25 Schließtage pro Jahr in Berlin vorgesehen (§3 Abs. 4, RV-Tag), die nicht überschritten werden dürfen. Während dieser Zeit müssen Träger eine angemessene Notbetreuung sicherstellen – beispielsweise durch Kooperationen mit anderen Einrichtungen.
Die Elternvertretungen weisen darauf hin, dass diese Notbetreuung nicht immer reibungslos funktioniere. „Diese Erfahrungen nehmen wir ernst“, betont Lars Békési, Geschäftsführer des VKMK. „Gleichzeitig möchten wir darauf hinweisen, dass diese Einschätzungen bislang nicht durch umfassende Datenerhebungen belegt sind.“
„Fortbildungen sind keine zusätzliche Belastung für das System, sondern eine zentrale Investition in die Qualität der frühkindlichen Bildung“.
„Wir teilen das Anliegen der Eltern: Jedes Kind hat ein Recht auf bestmögliche frühkindliche Bildung. Doch um diesem Anspruch gerecht zu werden, benötigen unsere Kita-Teams auch die notwendige Zeit für Fortbildungen– insbesondere in einer Zeit, in der die Anforderungen an die frühkindliche Bildung stetig wachsen und immer mehr Kinder besondere Förderbedarfe haben“, erklärt Békési.
Derzeit stehen den Fachkräften im Schnitt nur 3,8 Fortbildungstage pro Jahr zur Verfügung. Der VKMK setzt sich dafür ein, dass der gesetzlich verankerte Mindestanspruch von fünf Fortbildungstagen pro Jahr (§2 Abs. 1 Berliner Bildungszeitgesetz) wieder gewährleistet wird. „Fortbildungen sind keine zusätzliche Belastung für das System, sondern eine zentrale Investition in die Qualität der frühkindlichen Bildung“, so Békési.
Die vorgeschlagene moderate Anpassung um zwei zusätzliche Schließtage ist eine pragmatische Lösung, um trotz Personalknappheit weiterhin hochwertige Bildung und Betreuung zu gewährleisten. „Wir verstehen, dass jede Einschränkung der Betreuungszeiten eine Herausforderung für zahlreiche Familien darstellt. Gleichzeitig müssen wir auch an die langfristige Qualitätssicherung denken – denn gut qualifizierte Fachkräfte sind der Schlüssel zu guter Bildung”, erklärt Békési.
Grundsätzlich unterstützt der VKMK die Forderungen der Elternvertreter nach einer besseren Personalausstattung und einer verlässlichen Finanzierung der Berliner Kitas. Doch diese Herausforderungen lassen sich nicht kurzfristig lösen. „Bis ausreichende Ressourcen zur Verfügung stehen, müssen wir tragfähige schnell umsetzbare Lösungen finden, die sowohl den Bedürfnissen der Kinder als auch den Anforderungen an die Bildungsqualität gerecht werden“, so Békési abschließend.
Die Kunst der Eingewöhnung
Das neue Kita-Jahr ist gestartet und viele Eltern bringen ihren Nachwuchs nun das erste Mal in eine Kindertageseinrichtung. Für viele Familien stellt dies einen großen Schritt und eine sehr sensible Zeit dar: Das Kind verlässt oftmals zum ersten Mal für eine längere Zeit das gewohnte Umfeld familiärer Geborgenheit.
Das neue Kita-Jahr ist gestartet und viele Eltern bringen ihren Nachwuchs nun das erste Mal in eine Kindertageseinrichtung. Für viele Familien stellt dies einen großen Schritt und eine sehr sensible Zeit dar: Das Kind verlässt oftmals zum ersten Mal für eine längere Zeit das gewohnte Umfeld familiärer Geborgenheit. Es lernt viele fremde Menschen kennen, zu denen es neue Beziehungen aufbauen darf, und muss gleichzeitig lernen, sich an eine komplett neue Umgebung, mit anderen Regeln, Routinen und Tagesabläufen zu gewöhnen. Doch nicht nur für Kinder ist dies eine Herausforderung. Auch Eltern befinden sich zu dieser Zeit in einem Lern- und Umgewöhnungsprozess: Sie lassen ihr Kind nun das erste Mal los und übergeben es in die Hand einer anderen Person. Da dies eine solch emotionale und sensible Phase ist, die viele Chancen, aber auch Risiken in sich birgt, bedarf es eines besonderen Feingefühls und einer bedachten Herangehensweise, um den Prozess der Eingewöhnung erfolgreich zu gestalten.
Transitionsprozesse in der Eingewöhnung
Eine erfolgreiche Eingewöhnung ist nicht nur entscheidend für den unmittelbaren Kita-Aufenthalt, sondern auch für das zukünftige Leben des Kindes. Es ist für die meisten Kinder die erste größere Transition, die sie erleben. Nach dem IFP Transitionsmodell von Griebel und Niesel vollzieht sich dieser Übergang auf drei Ebenen: Auf der individuellen Ebene bewältigen Kinder starke Gefühle und entwickeln ein verändertes Selbstbild. Auf der interaktionellen Ebene erleben sie die Trennung von vertrauten Bezugspersonen und müssen neue Beziehungen aufbauen. Auf der kontextuellen Ebene geht es darum, sich in einer neuen, ungewohnten Umgebung zurechtzufinden. Dieser gesamte Prozess ist natürlicherweise mit Stress und Unsicherheiten verbunden. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigten beispielsweise einen deutlichen Anstieg des Stresshormons Cortisol bei Kleinkindern, die von ihren Eltern getrennt werden. Es gibt Wissenschaftler:innen, die sogar von dem Erleben einer echten Krise sprechen. Dabei wird von den Kindern viel Bewältigungsfähigkeit und Resilienz abverlangt. Die Art und Weise, wie Kinder diese erste größere Transition erleben, wie viel Unterstützung und Sicherheit sie dabei erhalten, kann langfristige Auswirkungen auf ihren Umgang mit zukünftigen Übergängen, Stresssituationen und Veränderungen haben. Wichtig ist deshalb, dass das Kind schnell lernt, sichere Bindungen zu seinen neuen Bezugspersonen in der Kita aufzubauen, den Fachkräften. Daher ist es entscheidend, dass das Kind in den Fachkräften Menschen findet, die seine Bedürfnisse wahrnehmen und ihm Verständnis und Unterstützung, vor allem in unangenehmen Situationen, entgegenbringen. Doch nicht nur die Kinder erleben bei der Eingewöhnung eine Transition, sondern auch die Eltern, wie Isabell Springmann, Kindheitspädagogin und Pädagogische Gesamtleiterin und Fachberatung bei W & W Wunderkids Berlin, betont. Sie müssen sich zunächst an die neue Situation gewöhnen, die damit verbundenen Gefühle wie Trauer und Sorge verarbeiten und ein vertrauensvolles Verhältnis zu den Fachkräften sowie zu den neuen Lebensumständen aufbauen. Die Fachkräfte haben daher die verantwortungsvolle Aufgabe, nicht nur die Kinder einzugewöhnen, sondern auch die Eltern in diesem Prozess einfühlsam zu unterstützen. Wie Eltern mit diesem Übergang umgehen, hat einen erheblichen Einfluss auf den Eingewöhnungsprozess ihrer Kinder. Isabell erklärt: „Eltern sind nicht nur Unterstützer des Übergangs ihrer Kinder, sondern erleben dabei einen eigenen Übergang und haben maßgeblich Einfluss auf eine gelungene Eingewöhnung. Trennungsängste der Eltern können nur durch den Vertrauensaufbau in die Kita und das Fachpersonal abgebaut werden. Dies bildet eine wesentliche Grundlage dafür, dass Kinder dann Bindungen zu den Erzieherinnen aufbauen können.” In diesem Zusammenhang verweist Isabell auch auf das IFP-Transitionsmodell: „Transitionskompetenz ist nach Griebel und Niesel die Kompetenz des gesamten sozialen Systems, sprich aller am Prozess Beteiligten.“ Dies unterstreicht, dass eine erfolgreiche Eingewöhnung nicht nur von den Kindern abhängt, sondern auch von der aktiven Teilnahme und Unterstützung der Eltern sowie der Fachkräfte. Eine gelungene Eingewöhnungsphase, in der alle Parteien harmonisch kooperieren, bildet die Basis für eine starke Bildungs- und Erziehungspartnerschaft und ist entscheidend für einen erfolgreichen frühkindlichen Bildungsprozess.
Ziele einer erfolgreichen Eingewöhnung
Wie gut die Eingewöhnung funktioniert hat, kann sich unter anderem darin zeigen, ob sich das Kind nach der Trennung von den Eltern von der Fachkraft trösten lässt, ob es sich bereitwillig schlafen legen lässt und ob es sich von der Fachkraft wickeln lässt. Neben dem Erleben von sicheren Beziehungen ist ein weiteres Ziel, dass das Kind sich in seiner neuen Umgebung lernt, zurechtzufinden und sich wohlfühlen kann, dass es die Kita als einen sicheren, geschützten Raum wahrnimmt. Dies bedeutet, dass das Kind Neugierde zeigt, die Räumlichkeiten erkundet, mit anderen Kindern spielt, am Gruppengeschehen teilnimmt und sich an die neuen Regeln und Routinen anpasst. In diesem Kontext betont Isabell Springmann auch die entscheidende Rolle einer gelungenen Eingewöhnung für die weiteren Bildungsprozesse der Kinder: “Kinder benötigen das Gefühl der Sicherheit, das durch eine gute und sichere Bindung zu den pädagogischen Fachkräften entsteht, um sich so frei und sicher zu fühlen, dass sie sich explorieren die Welt aneignen und Bildungsimpulse aufgreifen können. Kurzum, eine gelungene Eingewöhnung ist die essentielle Basis für Bildungsprozesse.” Eine gelungene Eingewöhnung bildet somit nicht nur den Startpunkt, sondern auch das Fundament für eine positive und nachhaltige Entwicklung der Kinder.
Die Folgen mangelnder Eingewöhnung
Wie wichtig eine sanfte Eingewöhnung ist, konnten bereits verschiedene Studien aufzeigen, darunter auch Untersuchungen eines Berliner Forschungsteams um H. J. Laewen und B. Andres. In ihrer Studie wiesen sie nach, dass eine unzureichende Eingewöhnung erhebliche gesundheitliche, verhaltensbezogene und entwicklungspsychologische Folgen für Kinder haben kann. Kinder, die ohne angemessene Eingewöhnung in die Kita kommen, waren demnach in den ersten Monaten ihres Kita-Besuchs bis zu viermal häufiger krank. Zusätzlich zeigten Kinder, die nicht ausreichend eingewöhnt werden, verstärkt ängstliches Verhalten. Diese Kinder hatten Schwierigkeiten, sich in ihre neue Umgebung einzufinden und Bindungen aufzubauen. Besonders gravierende machten sich diese Auswirkungen bei Kindern unter zwei Jahren bemerkbar.
Der Weg zur gelungenen Eingewöhnung
Die Eingewöhnung ist von Kita zu Kita meist unterschiedlich und auch abhängig von den der Kita zur Verfügung stehenden Ressourcen. Dennoch gibt es ein paar allgemeingültige Faktoren, die essentiell für eine gelungene Eingewöhnung sind. In den meisten Fällen ist zu Beginn eine, beziehungsweise nur wenige Fachkräfte für das Kind zuständig, damit es nicht überfordert wird und erstmal eine sichere und stabile Bindung zu einer fremden Person aufbauen kann, bevor weitere Personen ins Spiel kommen. Dabei sind intensive Gespräche und eine enge Zusammenarbeit mit der Familie wichtig, damit die Fachkraft sowohl das Familienkonzept, als auch die Form der bisher erlebten Beziehungen und die individuellen Bedürfnisse des Kindes kennen und verstehen lernt. Insbesondere in Berlin ist dabei der Umgang mit der Vielfalt von Familien ein sehr wichtiger Aspekt in diesem Prozess, da unsere Gesellschaft eine breite Palette an unterschiedlichsten Familienkonzepten aufzuweisen hat. Die Reflexion über das eigene Bild von Familien und die Offenheit gegenüber verschiedenen kulturellen Hintergründen sind entscheidend, um die unterschiedlichen Lebenswelten der Familien besser zu verstehen und anzuerkennen. Mit diesen Erkenntnissen kann dann der Eingewöhnungsprozess in der Kita an die jeweiligen Bedürfnisse angepasst werden. Die Eingewöhnung selbst ist ein strukturierter Prozess, der vom pädagogischen Team sorgfältig geplant und ausgeführt wird. Optimalerweise werden pro Woche nur wenige Kinder neu aufgenommen, um das Team nicht zu überlasten und den Kindern genügend individuelle Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Dies ist jedoch nur möglich, wenn die Personalressourcen dafür zur Verfügung stehen. In den ersten Tagen sollte dann das Kind von einem Elternteil begleitet werden. Nach und nach wird diese Zeit reduziert, bis das Kind das erste Mal alleine Zeit in der Kita verbringt.
Modelle der Eingewöhnung
Um die Eingewöhnung gut zu strukturieren, wird in sehr vielen Kitas auf zwei etablierte Eingewöhnungmodelle zurückgegriffen: Das Berliner und das Münchener Eingewöhnungmodell.
Das Berliner Eingewöhnungsmodell wurde von dem bereits erwähnten Forschungsteam um Laewen und Andres entwickelt. Es umfasst fünf Phasen, die einen sanften, bedürfnisorientierten, strukturierten und gleichzeitig flexiblen Übergang in die Kindertagesstätte ermöglichen.
1. Informationsphase: Zu Beginn tauschen sich Eltern, bzw. die Bezugspersonen, und Fachkräfte über die Bedürfnisse, Gewohnheiten und Vorlieben des Kindes aus. Gleichzeitig wird der Ablauf der Eingewöhnung erklärt, um Transparenz und Vertrauen zu schaffen.
2. Grundphase: Das Kind besucht für ein bis zwei Stunden täglich mit einem Elternteil die Kita, um die Umgebung und Routinen, wie den Morgenkreis, kennenzulernen. Die Fachkraft nimmt behutsam Kontakt zum Kind auf, während das Elternteil sich im Hintergrund hält, aber bei pflegerischen Aufgaben aktiv bleibt. Das Modell legt dabei großen Wert auf die Bedürfnisse der Kinder: Wenn das Kind zunächst alles aus der Nähe seiner Bezugsperson beobachten möchte, wird dies dementsprechend respektiert und unterstützt.
3. Erster Trennungsversuch: Nach der Grundphase erfolgt der erste Trennungsversuch, bei dem sich das entsprechende Elternteil für etwa eine halbe Stunde verabschiedet. Die Reaktion des Kindes spielt dabei eine entscheidende Rolle für den weiteren Verlauf der Eingewöhnung. Zeigt das Kind wenig Trennungsangst oder lässt sich schnell beruhigen, kann die Eingewöhnung in etwa einer Woche abgeschlossen werden. Andernfalls wird die Eingewöhnung auf zwei Wochen oder länger verlängert. Nach dem Berliner Eingewöhnungsmodell geht das Verhalten der Kinder auf ihren Bindungstyp zurück: Einem sicher gebundenen Kind wird die Trennung schwerer fallen, während ein unsicher gebundenes Kind sich schneller in der neuen Umgebung zurechtfindet. In dieser Phase ist es für die Bezugsperson wichtig, ihrem Kind Sicherheit zu vermitteln, auch wenn ihnen dieser Schritt ebenfalls schwerfällt.
4. Stabilisierungsphase: In dieser Zeit zieht sich das Elternteil zunehmend zurück, während die Fachkraft den Kontakt zum Kind intensiviert und es stärker in den Kita-Alltag einbindet. Je nach Reaktion des Kindes wird die Anwesenheit der Bezugsperson weiter reduziert, bis es nur noch gebracht und abgeholt wird. Bei Kindern, bei denen der Trennungsversuch nicht erfolgreich war, wird diese Phase verlängert, bis ein erneuter Trennungsversuch nach einer Woche unternommen wird.
5. Schlussphase: Das Kind kann nun mehrere Stunden täglich allein in der Kita verbringen, ist integriert und hat bereits stabile Beziehungen zu den Fachkräften und anderen Kindern aufgebaut. Die Eltern sind nur noch für Notfälle erreichbar. Für die Fachkräfte bedeutet dies jedoch nicht das Ende der Eingewöhnung, denn sie müssen weiterhin das Vertrauen des Kindes festigen.
Das Münchener Eingewöhnungsmodell wurde von dem Entwicklungspsychologen Kuno Beller und seinem Team entwickelt. Auch dieses Modell zielt darauf ab, den Übergang des Kindes in die Kindertagesstätte möglichst sanft und auf die individuellen Bedürfnisse abgestimmt zu gestalten. Allerdings legt es einen stärkeren Fokus auf die Einbeziehung der Eltern, bzw. der Bezugspersonen, in den Kita-Alltag in den ersten Phasen und ist auf einen Zeitraum von vier bis fünf Wochen angelegt:
1. Vorbereitungsphase: Ähnlich wie im Berliner Modell findet zu Beginn ein Austausch zwischen den Fachkräften und den Eltern des Kindes über wichtige Informationen zum Kind und zur Gestaltung der Eingewöhnung statt.
2. Kennenlernphase: Das Kind verbringt eine Woche täglich mehrere Stunden mit einem Elternteil in der Kita, um die Abläufe und Routinen kennenzulernen, ohne dass eine Trennung stattfindet. Die Fachkraft hält sich zunächst zurück.
3. Sicherheitsphase: Das Elternteil bleibt weiterhin mehrere Stunden mit dem Kind in der Kita, jedoch zieht es sich zunehmend zurück. Währenddessen übernimmt die zuständige Fachkraft allmählich immer mehr pflegerische Aufgaben und beginnt, einen vertrauensvollen Kontakt zum Kind aufzubauen.
4. Vertrauensphase: Der erste Trennungsversuch erfolgt in der dritten oder vierten Woche. Reagiert das Kind positiv, wird die Trennungszeit schrittweise verlängert. Hat das Kind Schwierigkeiten, wird der Versuch nach einigen Tagen wiederholt..
5. Reflexionsphase: In der letzten Phase reflektieren Fachkraft und Eltern den gesamten Eingewöhnungsprozess und besprechen Aspekte, die in Zukunft weiterhin beachtet werden sollten. Im Münchener Modell finden solche Gespräche während des gesamten Prozesses regelmäßig statt, um eine solide Bildungs- und Erziehungspartnerschaft zwischen der Kita und den Eltern/Bezugspersonen zu etablieren.
Die Eingewöhnung ist ein überaus anspruchsvoller und vielschichtiger Prozess, der Geduld, Feingefühl, Empathie und Vertrauen von allen Beteiligten erfordert. In diesen sensiblen Wochen wird der Grundstein für Bildungsprozesse und zukünftige Übergänge im Leben der Kinder gelegt. Die Art und Weise, wie Kinder, Eltern und Fachkräfte miteinander interagieren, hat nachhaltige Auswirkungen auf die Entwicklung der Kinder und ihren Umgang mit Veränderungen. Der VKMK möchte sich daher bei allen Fachkräften bedanken, die mit ihrem Engagement dafür sorgen, dass jedes Jahr neue Kinder erfolgreich in unsere Kitas eingewöhnt werden und positive Bindungserfahrungen machen dürfen. Ihre Arbeit trägt maßgeblich dazu bei, dass die neuen Kita-Kinder bestens auf ihren weiteren Lebensweg und zukünftige Übergangssituationen vorbereitet werden. Gleichzeitig fordert der VKMK von der Politik eine stärkere Unterstützung für diese essenzielle Arbeit. Es ist dringend erforderlich, die Rahmenbedingungen durch eine verbesserte Personalausstattung zu optimieren, um den Fachkräften die Entlastung und Zeit zu bieten, die sie benötigen, um ihre Arbeit qualitativ hochwertig ausführen zu können. Nur durch eine starke Zusammenarbeit und das Verständnis für die Komplexität der Eingewöhnung kann sichergestellt werden, dass Kinder in einem Umfeld aufwachsen, in dem sie positive Erfahrungen sammeln können.
Quellen:
Ahnert, L. et. al. (2004): Transition to Child Care: Association With Infant-Mother Attachement, Infant Negative Emotion and Cortisol Elevation. In: Child Development. 75.
Braukhane, K. & Knobeloch, J. (2003). Das Berliner Eingewöhnungsmodell – Theoretische Grundlagen und praktische Umsetzung. In KiTa Fachtexte [Journal-article]. https://www.kita-fachtexte.de/fileadmin/Redaktion/Publikationen/KiTaFT_Braukhane_Knobeloch_2011.pdf.
Griebel, Wilfried und Renate Niesel, 2017. Übergänge verstehen und begleiten: Transitionen in der Bildungslaufbahn von Kindern. 4. Auflage. Berlin: Cornelsen.
Laewen, H. J. (1989), Nichtlineare Effekte einer Beteiligung von Eltern am Eingewöhnungsprozeß von Krippenkindern. In: Psychologie in Erziehung und Unterricht. 36(2).
Laewen, H. J.; Andres, B. & Hédervári, É. (2006): Ohne Eltern geht es nicht. Die Eingewöhnung von Kindern in Krippen und Tagespflegestellen. Berlin: Cornelsen Scriptor, 4. Auflage.
S, Christiane. (2024, 11. Juli). Eingewöhnungsmodelle: das Münchener und das Berliner Modell. Wissen. https://www.kita.de/wissen/eingewoehnungsmodelle/#google_vignette.
Wustmann, C., 2004. Resilienz: Widerstandsfähigkeit von Kindern in Tageseinrichtungen fördern. Weinheim und Basel: Beltz.
Abwanderung von Kita-Fachkräften: Ein flächendeckendes Problem mit Folgen
Ende August veröffentlichte das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung Niedersachsen-Bremen eine Studie zur Beschäftigungssituation in den Berufen der Kinderbetreuung und -erziehung in Niedersachsen. Unter anderem wird aus dieser Studie die Diskrepanz zwischen Fachkräfte-Zuwachs und der ungedeckte Bedarf an Fachkräften in der frühkindlichen Bildung ersichtlich. Eine Diskrepanz, die sich nicht nur auf Niedersachsen beschränkt, sondern die in allen Bundesländern vorzufinden ist und erhebliche Folgen für die Qualität der frühkindlichen Bildung mit sich bringen kann.
Ende August veröffentlichte das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung Niedersachsen-Bremen eine Studie zur Beschäftigungssituation in den Berufen der Kinderbetreuung und -erziehung in Niedersachsen. Unter anderem wird aus dieser Studie die Diskrepanz zwischen Fachkräfte-Zuwachs und der ungedeckte Bedarf an Fachkräften in der frühkindlichen Bildung ersichtlich. Eine Diskrepanz, die sich nicht nur auf Niedersachsen beschränkt, sondern die in allen Bundesländern vorzufinden ist und erhebliche Folgen für die Qualität der frühkindlichen Bildung mit sich bringen kann.
In den vergangenen zehn Jahren ist die Anzahl an pädagogischen Fachkräften in Kitas um über 50% gestiegen. Daraus könnte geschlussfolgert werden, die Kitas hätten genügend Personal. Doch neben dem hohen Anteil an Teilzeitbeschäftigten von über 40%, erschwert auch die anhaltende Fachkräfteabwanderung die Deckung des Personalbedarfs, wodurch die Gewährleistung einer stabilen Bildungs- und Betreuungssituation wesentlich erschwert wird. Nach Angaben des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung wenden sich 20% der pädagogischen Fachkräfte in Niedersachsen im Laufe ihrer Berufslaufbahn von der Arbeit in der Kita dauerhaft ab. Eine etwas ältere Längsschnittstudie des Leibniz-Instituts für Bildungsforschung und Bildungsinformation aus dem Jahr 2019 kam ebenfalls zu dem Ergebnis, dass bundesweit 20% der pädagogischen Fachkräfte in den ersten fünf Jahren ihrer Berufskarriere den Kitas den Rücken zukehren.
Die Zahlen zeigen, dass sehr viele Personen am Berufsbild der pädagogischen Fachkraft interessiert sind und gewillt wären, diesen Berufsweg zu beschreiten. Jedoch gibt es erhebliche Schwierigkeiten, die Fachkräfte langfristig an das Arbeitsfeld Kita zu binden. Als Gründe hierfür nennt die Autorengruppe der Studie unter anderem schlechte Rahmenbedingungen, wie eine ungünstige Personalausstattung, sowie Arbeit unter Stress und Druck. Auch andere Studien, wie die OECD-Fachkräftebefragung (2018), kommen zu dem Ergebnis, dass die Fachkräfte mit der pädagogischen Arbeit im Grunde sehr zufrieden sind, jedoch begrenzte Personalressourcen mehrheitlich für Unzufriedenheit und Stress im Personal führt. Nach der DKLK-Studie (2024) sind, neben der Unzufriedenheit, auch erhöhte Ausfälle im Personal Folgen einer unzureichenden Personalausstattung, was die Situation wiederum zusätzlich verschärft.
Es ist von entscheidender Bedeutung, dass wir, in gemeinsamer Anstrengung, Rahmenbedingungen schaffen, um unsere pädagogischen Fachkräfte langfristig an das Arbeitsfeld Kita zu binden. Einer der ausschlaggebendsten Faktoren hierfür ist unter anderem eine bessere Personalausstattung, damit wieder mehr Zeit für die pädagogische Arbeit bleibt, unsere Pädagog:innen ohne Stress und Druck ihrer Tätigkeit nachgehen können und somit besser auf die individuellen Bedürfnisse unserer Kinder eingegangen werden kann. Der Kitaverband VKMK sieht gerade jetzt, wo mit dem Geburtenrückgang die Zahl der Kinder sinkt, die optimale Chance, dies in die Tat umzusetzen. Daher fordert der Verband die Bundesländer dazu auf, in ihren Gesetzen die Finanzierung der Personalressourcen anzupassen, damit die Kitas eine höhere Personalausstattung ermöglichen können und eine stabile Bildung und Betreuung für alle Kinder sichergestellt werden kann.
Quellen:
Kita-Betreuung: 51 % mehr pädagogisches Personal im März 2023 als zehn Jahre zuvor: in: Statistisches Bundesamt, o. D., [online] https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2024/01/PD24_N004_p002.html.
Fischer, Florence/Tomi Neckov/FLEET Education Events GmbH/VBE Bundesverband/VBE Landesverband/Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV)/VBE Baden-Württemberg/VBE Hessen/VBE Nordrhein-Westfalen/Andy Schieler: DKLK-Studie 2023, in: DKLK-Studie 2023, 21.03.2023, [online] https://deutscher-kitaleitungskongress.de/wp-content/uploads/2023/03/DKLK_Studie_2023_210x297_A4_V07_RZ-1.pdf.
Wrobel, Martin/Uwe Harten/Amelie Berisha: Beschäftigungssituation in den Berufen der Kinderbetreuung und -erziehung in Niedersachsen, in: Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit, 27.08.2024, [online] doi:10.48720/IAB.RENSB.2401.
Bader, Samuel/Birgit Riedel/Carolyn Seybel/Daniel Turani/Deutsches Jugendinstitut: Kita-Fachkräfte im internationalen Vergleich: Ergebnisse der OECD-Fachkräftebefragung 2018, Band II, in: Forschung zu Kindern, Jugendlichen und Familien an der Schnittstelle von Wissenschaft, Politik und Fachpraxis, Deutsches Jugendinstitut, 2021.
Neue Studie zeigt: Kita-Personal leidet unter besonders hohen Fehlzeiten – VKMK fordert Maßnahmen
Eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung in Zusammenarbeit mit der Krankenversicherung DAK offenbart neue Zahlen zu krankheitsbedingten Ausfällen im Kita-Personal. Demnach sind die Ausfallzeiten in dieser Berufsgruppe im Vergleich zu anderen Berufsgruppen deutlich höher. Besonders besorgniserregend sieht die Situation in Berlin aus: Hier liegt die durchschnittliche Zahl der krankheitsbedingten Fehltage bei 35,7 Tagen pro Jahr.
Eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung in Zusammenarbeit mit der Krankenversicherung DAK offenbart neue Zahlen zu krankheitsbedingten Ausfällen im Kita-Personal. Demnach sind die Ausfallzeiten in dieser Berufsgruppe im Vergleich zu anderen Berufsgruppen deutlich höher. Besonders besorgniserregend sieht die Situation in Berlin aus: Hier liegt die durchschnittliche Zahl der krankheitsbedingten Fehltage bei 35,7 Tagen pro Jahr. Das sind 15,3 Tage mehr als im Durchschnitt anderer Berufsgruppen und 6,1 Tage mehr als im bundesweiten Durchschnitt des Kita-Personals. Diese Zahlen verdeutlichen eine Entwicklung im Kita-Bereich, insbesondere in der Hauptstadt, welche auch der Kita-Verband VKMK seit geraumer Zeit intern bei seinen Mitgliedern beobachtet.
Mitglieder des VKMK berichten insbesondere von einem drastischen Anstieg der Atmenwegsinfektionen im Vergleich zu den Vorjahren. Diese Beobachtung wird durch die Studie der Bertelsmann-Stiftung bestätigt, in welcher Atemwegsinfektionen als häufigste Ursache für krankheitsbedingte Ausfalltage identifiziert wurden. Die zweithäufigste Ursache sind laut Studie psychische Erkrankungen. In Berlin machen diese 20,5% aller krankheitsbedingten Fehltage im Kita-Personal aus. In einem Interview mit dem rbb Inforadio erklärt Lars Békési, Geschäftsführer des VKMK, dass dieser Trend unter anderem auf eine Vielzahl von zunehmenden Belastungen zurückzuführen ist, die in der Metropole Berlin besonders stark zusammenwirken, darunter sozioökonomisch schwache Herkunft, mangelnde Deutschkenntnisse und ein allgemeiner Anstieg an Verhaltensauffälligkeiten vieler Kinder.
Die neue Studie bestätigt die internen Beobachtungen des VKMK. Auch die Schlussfolgerung der Bertelsmann-Stiftung, dass die bereits ungünstigen Rahmenbedingungen im Kita-Bereich maßgeblich zu den erhöhten Fehlzeiten beitragen, teilt der Verband. „Wir befinden uns in einem klassischen Kreislauf“, so Békési. „Die hohe Arbeitsbelastung führt zu mehr Ausfällen, die wiederum die Belastung des verbleibenden Personals weiter erhöhen.“ Um diesen Kreislauf zu durchbrechen, fordert der VKMK dringend Maßnahmen. „Eine Entlastung der Pädagoginnen und Pädagogen muss durch zusätzliches Personal, wie kaufmännische Verwaltungskräfte und unterstützendes Personal, erfolgen“, betont Békési, “Langfristig muss die Personalausstattung auf 120 % angehoben werden, um sicherzustellen, dass Kitas ausreichend personelle Kapazitäten haben, um Ausfälle zu kompensieren, ohne die Belastung der Fachkräfte weiter zu erhöhen.” Trotz der aktuellen Herausforderungen blickt Békési optimistisch in die Zukunft: „Wenn es uns gelingt, diese bereits bekannten Stellschrauben zu justieren, können wir unsere Pädagoginnen und Pädagogen deutlich entlasten und ihnen attraktivere Arbeitsbedingungen bieten. Dies würde nicht nur die derzeitige Situation entschärfen, sondern auch dazu beitragen, zukünftige Fachkräfte zu gewinnen und langfristig zu sichern.“
Zwischen Theorie und Praxis: Warum die gesetzlich vorgeschriebene Personalausstattung in Berliner Kitas nicht mehr ausreicht
Zur Bewertung der Qualität der frühkindlichen Bildung wird oftmals die Fachkraft-Kind-Relation herangezogen. Diese Kennzahl gibt an, wie viele Kinder von einer einzelnen Fachkraft betreut werden. Wissenschaftliche Empfehlungen für diese Relation variieren dabei je nach Alter der Kinder und der Gruppenzusammensetzung.
Zur Bewertung der Qualität der frühkindlichen Bildung wird oftmals die Fachkraft-Kind-Relation herangezogen. Diese Kennzahl gibt an, wie viele Kinder von einer einzelnen Fachkraft betreut werden. Wissenschaftliche Empfehlungen für diese Relation variieren dabei je nach Alter der Kinder und der Gruppenzusammensetzung.
Laut der Bertelsmann Stiftung sollte das Verhältnis in einer Gruppe mit ausschließlich Kindern unter drei Jahren (U3) bei 1:3 liegen, um eine hochwertige Bildung und Betreuung zu gewährleisten. In der Realität sieht es jedoch anders aus. So liegt das derzeitige Fachkraft-Kind-Verhältnis in U3-Gruppen in Berlin bei 1:5,2 (Stand 01.03.2022). Unter Berücksichtigung der mittelbaren pädagogischen Arbeit, die etwa im Durchschnitt 25% der Arbeitszeit beansprucht, verschlechtert sich das Verhältnis auf 1:6,9. Mittelbare pädagogische Arbeit umfasst Aufgaben wie das Erstellen von Dokumentationen, Vorbereitungen und Elterngespräche. Für Gruppen mit Kindern über drei Jahre (Ü3) empfiehlt die Bertelsmann Stiftung eine Fachkraft-Kind-Relation von 1:7,5. Das aktuelle Verhältnis in Berlin beträgt 1:7,6, was den empfohlenen Standards nahezu vollständig entspricht. Nach Berücksichtigung der mittelbaren pädagogischen Arbeit sinkt das Verhältnis jedoch auf 1:10 Diese Zahlen verdeutlichen, dass die tatsächliche Arbeitslast für Pädagog*innen erheblich höher ist, als es das nominale Personal-Kind-Verhältnis vermuten lässt.
Obwohl die Fachkraft-Kind-Relation, insbesondere im Ü3-Bereich, nahe an den wissenschaftlichen Empfehlungen liegt, wird bei der Berechnung die mittelbare pädagogische Arbeit nicht angemessen berücksichtigt und mit einberechnet. Die Zunahme administrativer Aufgaben und Dokumentationen in den letzten Jahren hat die Arbeitsbelastung der pädagogischen Fachkräfte in diesem Bereich jedoch erheblich erhöht. Dies führt dazu, dass die Zeit für die direkte Arbeit mit den Kindern oft reduziert werden muss. Um dem entgegenzuwirken, muss der Mehraufwand für diese mittelbare pädagogische Arbeit realistisch in die Personalberechnung einfließen. Eine angemessene und realistische Berücksichtigung von Personalausfällen durch Krankheiten, Schwangerschaften oder Urlaubstagen ist ebenso erforderlich.
Die Personalausstattung, aus der die Personal-Kind-Relation hervorgeht, ist gesetzlich im Kindertagesförderungsgesetz (KitaFöG) verankert und schreibt eine Personalausstattung von 100% vor. Jedoch ist dies aufgrund der oben genannten Faktoren inzwischen unzureichend. Lars Békési, Geschäftsführer des VKMK, erklärt: “Angesichts der steigenden Anforderungen an pädagogische Fachkräfte ist eine 100%-Personalausstattung nicht mehr ausreichend. Diese Regelung ist veraltet und entspricht nicht den aktuellen Ansprüchen und Herausforderungen der frühkindlichen Bildung. Um eine stabile und qualitativ hochwertige Bildungsarbeit in Berliner Kitas zu gewährleisten und den Betreuungswünschen der Eltern gerecht zu werden, ist die Einführung und dauerhafte Sicherung einer 120%-Personalausstattung zwingend erforderlich.” Der Kitaverband VKMK fordert bereits seit langem eine Erhöhung und Anpassung der Personalausstattung in der frühkindlichen Bildung. Nun ist der Zeitpunkt gekommen, diese Forderungen in die Tat umzusetzen. Die bevorstehenden Verhandlungen der “Rahmenvereinbarung über die Finanzierung und Leistungssicherstellung der Tageseinrichtungen für Kinder” (RV Tag) bieten eine bedeutende Gelegenheit, konkrete Maßnahmen zur Verbesserung der Personalausstattung zu beschließen und somit die Qualität der frühkindlichen Bildung nachhaltig zu sichern.