Kita-Eingewöhnung: Die erste große Trennung und wie sie gut gelingt
Mal ist es ein Jobwechsel, mal ein Umzug in eine andere Stadt, ein neuer Freundeskreis oder auch der Übergang von der Schule ins Berufsleben: Das Leben ist voller Veränderungen und Eingewöhnungen in neue Lebenssituationen und -umstände. Manchmal fällt uns dieser Wandel leicht, manchmal schwer - doch ein kleiner, bestimmter Übergang prägt maßgeblich, wie wir im Laufe unseres Lebens solche Umstellungen bewältigen: Der Start in die Kita. Dieser Übergang steht vielen Kindern nun kurz bevor, manche befinden sich bereits mitten im Prozess.
Mal ist es ein Jobwechsel, mal ein Umzug in eine andere Stadt, ein neuer Freundeskreis oder auch der Übergang von der Schule ins Berufsleben: Das Leben ist voller Veränderungen und Eingewöhnungen in neue Lebenssituationen und -umstände. Manchmal fällt uns dieser Wandel leicht, manchmal schwer - doch ein kleiner, bestimmter Übergang prägt maßgeblich, wie wir im Laufe unseres Lebens solche Umstellungen bewältigen: Der Start in die Kita. Dieser Übergang steht vielen Kindern nun kurz bevor, manche befinden sich bereits mitten im Prozess. Dabei handelt es sich um eine besonders sensible Phase, in der sich viele Kinder erstmals außerhalb ihres gewohnten familiären Umfelds zurechtfinden müssen. “Die Eingewöhnung ist die Einführungs- und Bewältigungsphase in der Kinderbetreuung, in der sich Kinder an ihre Krippe beziehungsweise Kindertagesstätte als neue Umgebung gewöhnen und vertraut machen und Beziehungen und Bindungen zu den Pädagog:innen und anderen Kindern aufbauen. Die Eingewöhnung ist ein wichtiger Grundstein bei allen Übergängen und ist als ein gemeinsamer Prozess von Kita und Familie zu verstehen.” erklärt Claudia Thoma-Krüger, Fachberaterin des VKMK-Mitglieds kids in berlin kiB gUG, die Bedeutung dieser Phase. Um diesen wichtigen Schritt gut zu begleiten, sind sowohl Familien als auch Pädagog:innen auf vielen Ebenen gefordert.
Was Familien bei der Eingewöhnung beachten sollten, wie sie sich gemeinsam auf diese Phase vorbereiten können, welche Rolle eine starke Erziehungspartnerschaft dabei spielt und was alles zu einer gelungenen Eingewöhnung beiträgt - darüber hat der VKMK mit der Expertin Claudia Thoma-Krüger gesprochen.
Kindzentriert und bedürfnisorientiert: So gelingt die Eingewöhnung
Ein zentraler Faktor für eine gelingende Eingewöhnung ist der Aufbau einer sicheren Bindung. Claudia Thoma-Krüger beobachtet in ihrer Arbeit, dass “das Bewusstsein für die Bedeutung einer sicheren Bindung in der frühen Kindheit hat deutlich zugenommen.” Dies wird durch diverse Forschungsergebnisse untermauert: Während in diversen Studien bei Kindern in der außerfamiliären Kinderbetreuung generell ein Anstieg des Cortisolspiegels im Tagesverlauf beobachtet wurde, zeigte sich in einer Studie differenzierter, dass der Cortisolspiegel bei Kindern mit einer hohen Bindungssicherheit zu ihrer Hauptbetreuungsperson in der Kindertageseinrichtung im Laufe des Tages abfällt - unabhängig von anderen Faktoren, wie mütterliche Beziehung und Betreuungsqualität.* Dies verdeutlicht, welchen Einfluss die Qualität der Bindung und Beziehung zu den Pädagog:innen auf das Stresserleben der Kinder hat. Dieses gewachsene Bewusstsein für die Bedeutung emotionaler Sicherheit spiegelt sich natürlich auch in der Eingewöhnungspraxis wider: “In den vergangenen Jahren hat sich die Eingewöhnungspraxis in vielerlei Hinsicht weiterentwickelt. Sie wird nicht mehr nur als organisatorischer Start in die Betreuung gesehen, sondern als sensibler, bindungsrelevanter Übergang, der entscheidend für das Wohlbefinden und die Entwicklung des Kindes ist.”
Neben einer stärkeren bindungsorientierten Ausrichtung hat sich auch eine deutlich individualisierte Gestaltung des Eingewöhnungsprozesses etabliert: “Während früher häufig ein starrer Zeitplan verfolgt wurde, orientieren sich heutige Modelle zunehmend an den Bedürfnissen und dem Tempo des einzelnen Kindes – und auch an dem der Eltern. Das Berliner, Münchener und Tübinger Modell dienen dabei vielerorts als Grundlage, werden aber flexibel angepasst.” erläutert Claudia Thoma-Krüger. Alle drei Modelle basieren auf einem kindzentrierten Ansatz, dem Einbezug von Bezugsperson, dem Aufbau sicherer Bindungen und einer starken Erziehungspartnerschaft. Der Eingewöhnungsprozess wird dabei kontinuierlich beobachtet und bei Bedarf flexibel an die Bedürfnisse des Kindes angepasst.
Gerade diese Flexibilität und Bedürfnisorientierung machen die drei Modelle besonders praxistauglich - insbesondere in Zeiten, in denen sich die Anforderungen an die Eingewöhnung deutlich gewandelt haben. Claudia Thoma-Krüger berichtet von ihren Erfahrungen hierzu: “Zum einen zeigt sich, dass familiäre Strukturen vielfältiger geworden sind, was eine differenziertere Herangehensweise erfordert und ein hohes Maß an Austausch zwischen Elternschaft und Pädagog:innen erfordert. Zum anderen erleben wir in der Praxis häufiger kürzere Vorbereitungszeiten und einen erhöhten Druck auf Eltern, beruflich schnell wieder verfügbar zu sein. Das kann dazu führen, dass Eingewöhnungsphasen verkürzt werden sollen – was nicht immer mit dem tatsächlichen Bedarf des Kindes übereinstimmt.” Diese Entwicklungen machen deutlich, dass sich die Eingewöhnung nicht nur am Kind orientieren muss, sondern auch an den vielfältigen Lebensrealitäten der Familien. Fachkräfte und Kitas sind daher zunehmend gefordert, Eingewöhnungsprozesse sowohl kindzentriert als auch familienbezogen und zugleich institutionell umsetzbar zu gestalten. Claudia fasst zusammen: “Insgesamt lässt sich sagen, dass die Eingewöhnungspraxis sensibler, differenzierter und bindungsorientierter geworden ist – gleichzeitig aber auch unter neuen äußeren Rahmenbedingungen steht, die von Fachkräften ein hohes Maß an Flexibilität, Beobachtungsgabe und Kommunikation verlangen.”
Eingewöhnung braucht Zusammenarbeit: Die Bedeutung der Erziehungspartnerschaft
Nun haben wir erfahren, welche Bedeutung die Bindung und Beziehung zwischen Kind und Fachkraft für das Wohlbefinden des Kindes hat. Doch die Bindungsarbeit reicht noch viel weiter und beginnt im Grunde mit einer guten Beziehung zwischen Kita und Eltern. “Eine gute vertrauensvolle Erziehungspartnerschaft ist die wichtigste Voraussetzung für eine gelingende Eingewöhnung. Es ist die Basis für eine positive Zusammenarbeit.” macht Claudia Thoma-Krüger deutlich. Damit diese Erziehungspartnerschaft von Anfang an gut gelingen kann, werden Familien bereits vor dem eigentlichen Start der Eingewöhnung umfassend durch die Kita vorbereitet. “Ganz wichtig für die Erziehungsberechtigten sind umfassende Informationen der Kindertagesstätte zum Modell und Ablauf der Eingewöhnung. Diese werden im Idealfall in einem ersten Gespräch zwischen der Bezugserzieherin und den Eltern erläutert. Eltern erfahren, dass der Eingewöhnungsprozess zeitlich individuell auf das Kind abgestimmt wird und die einzelnen Phasen der Trennung mit den Eltern besprochen und in Orientierung am Kind erfolgen. In der Regel erhalten alle Eltern schriftliche Informationen, beispielsweise im Rahmen eines Willkommensbriefes, über das Eingewöhnungsmodell der Kindertagesstätte. Sie erfahren auch, dass sehr elternbezogene Kinder länger für die Eingewöhnung brauchen und Urlaub oder besondere Belastungssituationen - zum Beispiel Umzug, Geburt eines Geschwisterkindes - nicht in dieser Zeit liegen sollten”, erklärt Claudia und betont damit auch, inwiefern Familien ihren eigenen Alltag an die Eingewöhnungsphase anpassen müssen.
Im weiteren Verlauf stehen “Pädagog:innen und Eltern in einem regelmäßigen Austausch darüber stehen, wie sich das Kind in der Kindertagesstätte verhält und was es gegebenenfalls noch braucht, um sich weiterhin in die neue Umgebung zu integrieren. Informationen über Gepflogenheiten aus dem familiären Umfeld spielen dabei auch eine große Rolle. Ein stabiler Austausch zwischen Pädagog:innen trägt zu einer wertschätzenden Zusammenarbeit zwischen Kita und Eltern bei und begünstigt den Eingewöhnungsverlauf.” Dies klingt in der Theorie oft einfach, erfordert in der Praxis jedoch ein hohes Maß an Offenheit, Transparenz und gegenseitigem Vertrauen - sowohl vonseiten der Eltern als auch den pädagogischen Fachkräften. Damit diese anspruchsvolle Beziehung gelingen kann, braucht es ein einfühlsames, respektvolles und auch selbstreflexives Miteinander. “Zentral ist, dass Eltern sich ernst genommen und einbezogen fühlen – ihre Perspektiven, Sorgen und Anregungen sollten gehört und wertgeschätzt werden. Transparenz im pädagogischen Handeln sowie regelmäßige Gespräche auf Augenhöhe fördern Vertrauen und Verständnis. Verlässlichkeit, Empathie und eine wertschätzende Haltung gegenüber der Familie schaffen die Basis für eine stabile Zusammenarbeit, in der das Kind im Mittelpunkt steht”, beschreibt Claudia einen wichtigen Aspekt der pädagogischen Arbeit, der auch über die Eingewöhnungsphase hinaus von großer Bedeutung ist.
Gelingt es nicht, eine stabile und tragfähige Erziehungspartnerschaft aufzubauen, kann das zu Missverständnissen und Herausforderungen während der Eingewöhnung führen. Claudia weist darauf hin: “Insbesondere die Einhaltung von Absprachen zwischen Pädagog:innen und Erziehungsberechtigen sind ein wichtiger Bestandteil während der Eingewöhnung und die gesamte Zeit. Missverständnisse in der Eingewöhnung von Kindern in Kitas können sich auf verschiedene Aspekte beziehen, sowohl auf Seiten der Eltern als auch der Kinder und des pädagogischen Personals. Wichtig ist, dass Eltern und Pädagog:innen offen kommunizieren, um solche Missverständnisse zu vermeiden und eine positive Eingewöhnung zu ermöglichen. Eine fehlende Vorbereitung des Kindes und die fehlende Berücksichtigung der kindlichen Bedürfnisse führen zu Problemen in der Eingewöhnung. Es ist normal, dass es in der Eingewöhnung Rückschritte gibt. Diese sollten nicht als Misserfolg gewertet, sondern als Teil des Prozesses betrachtet werden. Unzureichende Berücksichtigung der Familiengeschichte und – kultur kann auf Seiten der pädagogischen Fachkräfte zu Missverständnissen führen. Es ist wichtig, die individuelle Familiengeschichte und -kultur der Kinder zu berücksichtigen, um eine kultursensible Eingewöhnung zu gewährleisten.”
Wie Eltern die Eingewöhnung mitgestalten
Angesichts der hohen Bedeutung einer gelungenen Erziehungspartnerschaft und Zusammenarbeit sind auch die Eltern in besonderer Weise gefordert. Claudia Thoma-Krüger beschreibt, was pädagogische Fachkräfte von Eltern benötigen, um das Kind bestmöglich in dem Prozess begleiten zu können: “In erster Linie benötigen pädagogische Fachkräfte die Unterstützung seitens der Eltern bei Absprachen zur Eingewöhnung, die durch eine positive Einstellung der Eltern und das Vertrauen in die Arbeit der Pädagog:innen geprägt ist. Während des Eingewöhnungsprozesses sollten Eltern geduldig sein und ihrem Kind die Zeit geben, die es braucht, um sich an die neue Umgebung zu gewöhnen. Eltern sollten sich aktiv am Eingewöhnungsprozess beteiligen, Fragen stellen und ihre Beobachtungen mit den Pädagog:innen im persönlichen Gespräch teilen. Wichtig sind Hinweise zu Gepflogenheiten des Kindes, beispielsweise wie lässt sich ein Kind trösten, wie sind die Schlafgewohnheiten des Kindes oder auch ob Allergien bestehen. Hilfreich sind das Mitgeben von persönlichen Gegenständen, wie zum Beispiel ein Lieblingsstofftier oder ähnliches. Sollten sich Schwierigkeiten bei der Eingewöhnung zeigen, ist es wichtig, offen mit den Pädagog:innen darüber zu sprechen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Auch Besonderheiten hinsichtlich der Familiengeschichte und – kultur erleichtern den Eingewöhnungsprozess, da auch kultursensible Faktoren berücksichtigt werden können.”
Trennungsschmerzen in der Eingewöhnung: Wenn Loslassen schwerfällt
Doch selbst wenn die Kita die Familien bestmöglich auf die Eingewöhnung vorbereitet und die Eltern wiederum die Kita mit allen notwendigen Informationen und ihrer Unterstützung begleiten, sind weder Kinder noch Eltern vor möglichen Trennungsschmerzen gefeit. In der Regel starten Familien in die Eingewöhnung mit dem Bewusstsein, dass Trennungsschmerzen vor allem beim Kind auftreten können. Deshalb sind sowohl das Berliner als auch das Münchener sowie das Tübinger Modell so gestaltet, dass sie individuell auf die Bedürfnisse des Kindes eingehen und sich an dessen Fähigkeiten, mit der Trennung umzugehen, orientieren. Wie sich ein solcher Trennungsschmerz äußern kann und wovon er abhängig ist, führt Claudia aus: “Die Reaktionen von Kindern in der Eingewöhnungsphase in einer Kita sind vielfältig und hängen von verschiedenen Faktoren ab, wie zum Beispiel dem Alter des Kindes, seiner bisherigen Betreuungserfahrung und seinem individuellen Temperament. Viele Kinder reagieren auf die Trennung von den Eltern mit Weinen und dem Wunsch, an den Eltern festzuhalten. Dies ist ein normales Bindungsverhalten und zeigt, dass das Kind seine Bezugspersonen vermisst und sich unsicher fühlt.” Im Sinne der Erziehungspartnerschaft stimmen sich Eltern und Fachkräfte dann dementsprechend zum weiteren Verlauf der Eingewöhnung ab: “Eltern und Pädagog:innen verständigen sich während der Eingewöhnung entsprechend zu den zeitlichen Trennungsversuchen und passen diese an. Eltern sollten ihren Kindern positiv begegnen und das Kind bestärken. Nachdem sich die anfängliche Aufregung gelegt hat, zeigen viele Kinder Interesse an den Spielmaterialien, der Umgebung und den anderen Kindern in der Gruppe. Indem die pädagogischen Fachkräfte das einzugewöhnende Kind beobachten, können sie auf das Kind eingehen und beispielsweise die Kontaktaufnahme mit anderen Kindern fördern.”
Worauf viele Eltern allerdings nicht vorbereitet sind, ist ihr eigener Trennungsschmerz. Denn auch für sie bedeutet die Eingewöhnung eine Phase der Umstellung, die für Erwachsene durchaus ebenso emotional herausfordernd sein kann. Viele Eltern geben ihr Kind zum ersten Mal für mehrere Stunden in die Obhut einer anderen Person, mit dem Bewusstsein, dass dies nun zum Alltag gehört. Um mit diesen Gefühlen gut umzugehen, rät Claudia Thoma-Krüger: “Eltern sollten ihre eigenen Gefühle ernst nehmen, aber zugleich reflektieren, wie sie damit umgehen. Unsicherheit und Trennungsschmerz sind ganz normal – besonders beim ersten Kita-Start. Wichtig ist, diese Emotionen nicht auf das Kind zu übertragen. Ein klarer, zugewandter Abschied gibt dem Kind Orientierung und Vertrauen. Gespräche mit den pädagogischen Fachkräften können helfen, Sorgen abzubauen und Sicherheit zu gewinnen. Auch der Austausch mit anderen Eltern wirkt oft entlastend. Es darf dabei Raum für Gefühle geben – aber ebenso, dass das Vertrauen, das Loslassen auch wachsen bedeutet: für das Kind und für die Eltern.” Gelingt es Eltern nicht, ihre eigenen Unsicherheiten und den eigenen Trennungsschmerz zu regulieren, kann sich das wiederum auf das Kind und den Eingewöhnungsprozess auswirken, erklärt Claudia weiter: “Unsicherheiten von Erziehungsberechtigten können sich auf verschiedene Weisen auf Kinder auswirken, oft in Form von erhöhter Ängstlichkeit, Unsicherheit im Verhalten oder Schwierigkeiten bei der Entwicklung von Selbstvertrauen und Selbstständigkeit. Kinder spiegeln oft die Emotionen ihrer Eltern wider und können deren Ängste und Unsicherheiten übernehmen. Überbehütende Eltern, die aus Angst vor Gefahren zu viel Kontrolle ausüben, können die Entwicklung von Selbstständigkeit und Entscheidungsfähigkeit des Kindes einschränken.”
Den Übergang bewusst gestalten: Vorbereitung auf die Kita-Eingewöhnung
Auch wenn die Eingewöhnung für Eltern und Kinder zunächst wie ein Sprung ins kalte Wasser erscheinen mag, bedeutet das nicht, dass man sich nicht darauf vorbereiten könnte. Eine gute Vorbereitung kann helfen, die neue Situation besser zu bewältigen. Wie diese aussehen kann, beschreibt Claudia: “Eltern können den Start in die Kita zuhause auf liebevolle und spielerische Weise vorbereiten. Auch vorab Besuche in der Kita ermöglichen es dem Kind, die Räumlichkeiten und Pädag:innen kennenzulernen. Abschiedsrituale können den Übergang erleichtern und dem Kind Sicherheit geben. Wichtig ist vor allem, dem Kind Sicherheit zu geben und positive Erwartungen zu wecken. Das kann durch Gespräche über die Kita, gemeinsame Bilderbuchbetrachtungen oder kleine Rollenspiele geschehen, in denen Alltagssituationen wie das Verabschieden, Spielen oder Essen nachgespielt werden. Auch der Aufbau eines stabilen Tagesrhythmus hilft, sich an neue Abläufe zu gewöhnen. Zudem stärkt es das Kind, wenn es im Alltag zunehmend kleine Aufgaben selbstständig übernehmen darf – etwa beim Anziehen oder Aufräumen. Abwechselnde Betreuung des Kindes und Unternehmungen durch ein Elternteil befördern das Aushalten von kurzen Trennungen. Die Überlegung zur Durchführung der Eingewöhnung durch das Elternteil, zu dem das Kind sich nicht so sehr hingezogen fühlt, kann die Eingewöhnung erleichtern. Vor allem aber brauchen Kinder die Zuversicht ihrer Eltern: Wer selbst Vertrauen in die neue Situation hat, vermittelt Sicherheit.”
Eingewöhnung bedeutet weit mehr, als ein Kind einfach in der Kita abzugeben. Es ist ein vielschichtiger, sensibler und sehr komplexer Prozess, der nicht nur das kindliche Erleben des Kita-Alltags beeinflusst, sondern auch langfristige Auswirkungen auf die Fähigkeit des Kindes hat, mit Übergängen, Stresssituationen und Veränderungen im weiteren Verlauf seines Lebens umzugehen. Es ist eine Phase, die nicht nur für Kinder herausfordernd ist, sondern ebenso für ihre Eltern und die pädagogischen Fachkräfte. Es ist ein Schritt, der von allen Beteiligten viel abverlangt: Vertrauen, Offenheit, Empathie, Feingefühl und gegenseitiges Verständnis. Mit der Zeit ist der Anspruch an eine gelingende Eingewöhnung gestiegen: Pädagog:innen sind gefordert, den Prozess zunehmend zu individualisieren, um den vielfältigen Bedürfnissen aller Familien gerecht zu werden. Gleichzeitig stehen Eltern vor der Aufgabe, die Eingewöhnung aktiv mitzugestalten - trotz eigener steigender Belastungen, möglichen Trennungsschmerzen und Unsicherheiten. Eingewöhnung ist eine Phase, die in ihrer Tiefe und Bedeutung nicht unterschätzt werden sollte, denn sie legt den Grundstein für sichere, außerfamiliäre Beziehungen, Bildungsprozesse, Resilienz und die weitere Entwicklung des Kindes.
Wir wünschen allen Familien, Kindern und Pädagog:innen gelingende Eingewöhnungen und einen guten Start in diese wichtige gemeinsame Zeit.
Mehr Informationen zu dem Berliner, Münchener und Tübinger Modell: https://vkmk.de/presse/2025/8/6/eingewhnungsmodelle-in-der-kita-berliner-mnchener-und-tbinger-ansatz-im-vergleich
*Badanes LS, Dmitrieva J, Watamura SE. Understanding Cortisol Reactivity across the Day at Child Care: The Potential Buffering Role of Secure Attachments to Caregivers. Early Child Res Q. 2012 Jan;27(1):156-165. doi: 10.1016/j.ecresq.2011.05.005. PMID: 22408288; PMCID: PMC3295236.
Stark fürs Leben: Soft Skills von klein auf fördern
Unsere Welt wandelt sich stetig - und das mit einer zunehmenden Geschwindigkeit. Technologisierung, Globalisierung und geopolitische Spannungen scheinen die Welt immer komplexer werden zu lassen. Und ein Blick auf die Gesellschaft zeigt, dass der Umgang mit diesem Wandel ebenfalls eine Herausforderung darzustellen scheint: Die mentale Gesundheit leidet, Förderbedarfe steigen - und die Reaktion darauf? Die bleibt oft auf die Bekämpfung von Symptomen beschränkt. Betroffen sind nicht nur wir Erwachsene, sondern auch Kinder, die in diesem rasanten, komplexen Wandel aufwachsen.
Unsere Welt wandelt sich stetig - und das mit einer zunehmenden Geschwindigkeit. Technologisierung, Globalisierung und geopolitische Spannungen scheinen die Welt immer komplexer werden zu lassen. Und ein Blick auf die Gesellschaft zeigt, dass der Umgang mit diesem Wandel ebenfalls eine Herausforderung darzustellen scheint: Die mentale Gesundheit leidet, Förderbedarfe steigen - und die Reaktion darauf? Die bleibt oft auf die Bekämpfung von Symptomen beschränkt. Betroffen sind nicht nur wir Erwachsene, sondern auch Kinder, die in diesem rasanten, komplexen Wandel aufwachsen.
Daher möchten wir heute, am internationalen Kindertag, unseren Fokus darauf legen, wie wir Kinder besser auf einen gesunden Umgang mit der Welt vorbereiten können: Mit Prävention, mit Soft Skills, mit der Stärkung ihrer Persönlichkeit.
Was sind Soft Skills - und warum sind sie so wichtig?
Soft Skills beschreiben persönliche Fähigkeiten und stellen damit das Gegenteil von Hard Skills - also fachlicher Kompetenz - dar. Zu den Soft Skills zählen beispielsweise soziale, emotionale und kognitive Kompetenzen - aber auch Resilienz, Adaptionsfähigkeit, Problemlösungsfindung, Medienkompetenz, Lernfreude, .. - und die Liste könnte noch sehr viel weiter gehen. Kurzum: Es handelt sich um Fähigkeiten, die Selbstvertrauen, Selbstbewusstsein und Selbstwirksamkeit stärken und dabei helfen, sich in der Welt, in der Gesellschaft und im Berufsleben zurechtzufinden. Und genau diese Fähigkeiten sind essentiell in einer Zeit, in welcher aufgrund der stetigen und schnellen Veränderungen nicht klar abschätzbar ist, wie die Zukunft aussehen könnte. Wir können nicht genau wissen, welche Hard Skills in 10-20 Jahren gefragt sein werden, doch wir wissen, dass Soft Skills entscheidend dabei helfen werden, mit verschiedenen Zukunftsszenarien souverän umzugehen und sich auf Veränderungen einzulassen. Während in der Schule - insbesondere in der weiterführenden Schule - die Vermittlung von Hard Skills im Vordergrund steht, legt die frühkindliche Bildung den Grundstein für die Entwicklung von Soft Skills. Hier wird das Fundament für die Entwicklung persönlicher Kompetenzen gelegt, welche Kinder auf die Zukunft vorbereiten. Doch wie genau kann das im Alltag aussehen?
Mit Gefühl und Gemeinschaft: Soziale und emotionale Kompetenzen in der frühkindlichen Bildung
Soziale und emotionale Kompetenzen beziehen sich vor allem auf den Umgang mit anderen und mit sich selbst. Teamfähigkeit, Empathie und emotionale Selbstregulation zählen hier beispielsweise dazu. Beginnen wir mit dem Umgang mit anderen. Kinder bringen in der Kita häufig eine wertvolle Grundlage mit: vorurteilsfreie Offenheit. Kinder erkennen Unterschiede, kennen aber keine trennenden Unterschiede. Durch den Besuch einer Kita, in der Kinder mit ganz unterschiedlichen Lebensrealitäten und Hintergründen zusammenkommen, wird die Vielfalt für sie zur Normalität und Selbstverständlichkeit – und ihre Offenheit gegenüber Unterschieden wird weiter gestärkt. Empathie können Kinder in der frühkindlichen Bildung auf vielfältige Weise entwickeln und vertiefen. Zentral dafür ist die Fähigkeit zum Perspektivwechsel – und genau diese kann durch Rollenspiele, Theaterspielen oder auch das Erzählen und Erleben von Geschichten gefördert werden. Kinder schlüpfen dabei in die Rolle einer anderen Person, erleben eine andere Lebensrealität als ihre eigene – und tauchen so in eine neue Gefühlswelt ein. Auch der Morgenkreis ist ein wichtiger Schlüssel zur Förderung von Empathie: Hier erfahren Kinder, was andere beschäftigt und wie es ihnen geht. Gleichzeitig bietet der Morgenkreis die Möglichkeit, emotionale Selbstregulation zu erlernen – etwa durch das Reflektieren und Benennen eigener Gefühle. In diesem geschützten Rahmen, begleitet durch pädagogisches Fachpersonal, lernen Kinder, ihre eigenen Emotionen besser einzuordnen und mit ihnen umzugehen. Auch Rückzugsorte – wie Kuschelecken – und Bewegungsspiele zur Entspannung können Kinder dabei unterstützen, ihre Gefühle bewusst wahrzunehmen und wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Emotionale Selbstregulation kann jedoch auch ganz unmittelbar im Miteinander geübt werden – etwa durch Gruppenspiele. Dabei lernen Kinder, die Gefühle anderer zu respektieren, ihre eigenen Emotionen auch einmal zurückzustellen, Regeln zu befolgen, Frustration auszuhalten, Impulse zu kontrollieren und Kompromisse auszuhandeln. All das stellt auch die Basis für Teamfähigkeit dar.
Mit Kreativität die Zukunft gestalten: Von der Selbstentfaltung zur Problemlösungskompetenz
Kreativität ist leider eine in der Gesellschaft sehr unterschätzte Schlüsselkompetenz für die persönliche Entwicklung - wie man bereits daran erkennen kann, dass der Kunstunterricht an den Schulen im Laufe der Jahre im Schnitt zunehmend reduziert wurde - zugunsten leistungsorientierter Kernfächer. Aber weshalb ist Kreativität so wichtig? Das beginnt bei der Selbstentfaltung und Selbstwirksamkeit. Kreativ zu sein bedeutet, etwas Eigenes zu erschaffen: Gedanken, Geschichten, Ideen, Szenarien, Kunst. Dieser schöpferische Akt ist ein Ausdruck des individuellen Selbst, eine Möglichkeit, die eigene Perspektive sichtbar und wirksam werden zu lassen. Kreativität bringt einen in die Lage, in unterschiedlichste Richtungen zu denken, spielerisch Möglichen zu erforschen, scheinbar Unzusammenhängendes zu verknüpfen und neue Perspektiven zu entdecken. Es lehrt uns, kritisch zu hinterfragen, Ideen und Innovationen zu entwickeln sowie Lösungen für Probleme zu finden. Man könnte schon fast sagen, dass Kreativität dadurch eine der wichtigsten Zukunftskompetenzen ist. Gleichzeitig bringt uns Kreativität bei, mit Unsicherheiten umzugehen und resilient zu werden, denn bei der Umsetzung von Ideen werden wir gerne auch mal mit Rückschlägen konfrontiert, die Überwindung erfordern. Und wie lässt sich Kreativität in der frühkindlichen Bildung fördern? Indem man Kindern Räume zum Erkunden, Erforschen und Gestalten eröffnet. Wenn Kinder über ausreichend Zeit und Raum verfügen, um sich auszuprobieren, legen sie das Fundament für kreatives Denken. Das kann in vielfältiger Weise verfestigt werden - etwa durch Malen, Basteln, Bauen, Singen, Tanzen und vielem mehr. Dabei können unterschiedlichste Materialien zum Einsatz kommen und verschiedenste Themen als Anlass dienen, ganz gleich ob im Rahmen eines Motto-Themas oder eines ganz besonderen Projekts wie etwa Upcycling. Ein besonderes Beispiel für die Förderung von Kreativität wollen wir aus Singapur - einem Land, in dem Soft Skills ganz oben auf der Agenda der frühkindlichen Bildung stehen - vorstellen: Dort entwickeln Kinder spielerisch und kindgerecht eigene kleine Business-Ideen. Was zunächst nach einer Überforderung klingen mag, ist in Wahrheit eine kreative Übung, die viele Kompetenzen verbindet: Ideenfindung, Umsetzung, Problemlösung, Teamarbeit und Präsentation. All das sind Bestandteile kreativen Denkens - angewendet in einem Kontext, der spielerisch bleibt, aber Zukunftsrelevanz hat.
Digital lernen, sicher wachsen: Medienkompetenzen von klein auf
Kommen wir nun zur Medienkompetenz - einer Fähigkeit, die exemplarisch zeigt, wie sich auch die Anforderungen an unsere Kompetenzen im Laufe der Zeit verändert haben. Denn noch vor wenigen Jahrzehnten galt Medienkompetenz bei weitem nicht als Schlüsselkompetenz. Doch nun sind wir in einer Zeit angekommen, in welcher sie zu den wichtigsten Zukunftskompetenzen zählt - nicht nur, um in der Arbeitswelt Schritt halten zu können, sondern auch im Hinblick auf unsere mentale Gesundheit. Dabei handelt es sich um eine Kompetenz, die längst nicht mehr nur Erwachsenen vorbehalten ist, sondern vor allem auch Kindern frühzeitig vermittelt werden sollte. Denn so viele Chancen die Digitalisierung und Technologisierung auch bieten, ebenso viele Risiken bergen sie. Dies verdeutlichte erst kürzlich eine Auswertung von jugendschutz.net, in welcher deutlich wurde, dass Kinder und Jugendliche zunehmend Hass-Inhalten und sexualisierter Gewalt im Internet ausgesetzt sind. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt insbesondere vor dem übermäßigen Konsum sozialer Medien, da dieser sich negativ auf die mentale Gesundheit auswirken kann. Sie empfiehlt daher, Medienkompetenzen frühzeitig zu fördern. UNICEF wiederum macht in ihrem kürzlich erschienenen Ranking zum Wohlbefinden von Kindern deutlich, dass eine ausgewogene Nutzung sogar zu einer höheren Lebenszufriedenheit beitragen kann. Dies macht deutlich: Die Frage ist nicht ob, sondern wie Medien genutzt werden - und genau hier setzt Medienkompetenz an. Doch weshalb sollte man damit bereits in der frühkindlichen Bildung beginnen? Ganz einfach: Weil der Medienkonsum auch bei Kleinkindern drastisch gestiegen ist, wie die Studie miniKIM 2023 verdeutlichte. Demnach verfügt inzwischen jedes zehnte Kind im Alter von zwei bis fünf Jahren über ein eigenes Handy oder Smartphone - jedes fünfte Kind sogar über ein eigenes Tablet. 23% der Kinder in dieser Altersgruppe nutzen täglich ein Gerät mit Internetzugang. Umso wichtiger wird es also, bereits im frühen Kindesalter Medienkompetenzen zu fördern. Doch wie kann das konkret aussehen? Zunächst sollte klar sein: Es geht dabei keineswegs darum, Kinder einfach vor digitale Geräte zu “parken”, sondern vielmehr, um Medien spielerisch, altersgerecht und pädagogisch begleitet in den Alltag einzubinden. Besonders wichtig dabei ist, aufgrund des hohen Suchtpotenzials digitaler Medien klare Nutzungszeiten festzulegen. Beispielsweise können Tablets gezielt genutzt werden, um gemeinsam mit den Kindern altersgerechte Lernvideos anzusehen, in digitalen Bilderbüchern zu schmökern oder interaktive Geschichten zu entdecken. So lernen die Kinder ganz nebenbei, dass Medien Hilfsmittel zum Lernen und Erforschen sein können. Auch die kreative Anwendung von Medien lässt sich gut in den Kita-Alltag integrieren: durch kleine Audioaufnahmen, das Erstellen von Fotogeschichten oder kurzen Videos - etwa als digitale Ergänzung zu einem gemeinsamen Ausflug oder Projektthema. Ebenso zentral ist die gemeinsame Reflexion über Medienerlebnisse. Gespräche darüber, was Kinder zu Hause sehen, welche Apps sie nutzen oder ob sie Werbung erkennen können, hilfen ihnen, Inhalte besser einzuordnen und erste kritische Fragen zu stellen.
Soft Skills bereiten Kinder von klein auf auf das Leben vor. Sie bilden die Basis dafür, dass Kinder später ein glückliches und erfolgreiches Leben führen können - und helfen ihnen schon im Hier und Jetzt gut im Leben, mit Veränderungen, Herausforderungen, mit sich selbst und mit anderen zurechtkommen. Während die Bedeutung von Soft Skills kein Geheimnis ist und in den Kitas viel dafür getan wird, diese zu fördern, ist es dennoch im Kita-Alltag oft schwierig, auf die individuellen Bedürfnisse der Kinder einzugehen. Die dafür notwendigen Ressourcen - wie Personal, Zeit, Geld, Raum und Materialien - stehen häufig nur eingeschränkt zur Verfügung. Für die Entwicklung von Medienkompetenzen wäre zum Beispiel die Einführung eines Digitalpakts für Kitas ein wichtiger Schritt. Zur Förderung von Kreativität könnten Programme wie das Schulprojekt “MAX - Artists in Residence”, bei dem Künstler:innen ein Atelier in einer Schule erhalten und gemeinsam mit Kindern arbeiten, auch für Kitas modellhaft sein. Darüber hinaus könnte die gezielte Förderung mulitprofessioneller Teams - ergänzt etwa durch Theater-, Kunst- und Medienpädagog:innen - einen wichtigen Beitrag zur Förderung von Soft Skills leisten.
Wenn wir Kinder stark für die Zukunft machen und ihnen die bestmöglichen Startchancen bieten wollen, müssen jetzt die Bedingungen geschaffen werden, in denen sie ihre individuellen Stärken erkennen, entfalten und vertiefen können - und das beginnt bei einer qualitativ hochwertigen frühkindlichen Bildung.
Kreativität fördern, Zukunft gestalten: Wie kreative Denkfähigkeiten in der frühkindlichen Bildung geweckt werden
Vergangene Woche setzte sich ein Artikel im Tagesspiegel mit dem Bildungserfolg Estlands auseinander, der im PISA-Test 2022 deutlich wurde – demselben Test, der in Deutschland für einen großen Schock sorgte. Estland schnitt im Test als europäischer Spitzenreiter ab und lag in vielen Bereichen deutlich vor Deutschland – unter anderem auch in der noch jungen Disziplin des kreativen Denkens. Während Deutschland in diesem Bereich lediglich im OECD-Durchschnitt verweilt und der Erfolg stark von der sozioökonomischen Herkunft der Kinder abhängt – sozioökonomisch privilegierte Schüler:innen erzielten im Durchschnitt 11 Punkte mehr als ihre weniger privilegierten Mitschüler:innen –, liegt Estland über dem Durchschnitt.
Vergangene Woche setzte sich ein Artikel im Tagesspiegel mit dem Bildungserfolg Estlands auseinander, der im PISA-Test 2022 deutlich wurde – demselben Test, der in Deutschland für einen großen Schock sorgte. Estland schnitt im Test als europäischer Spitzenreiter ab und lag in vielen Bereichen deutlich vor Deutschland – unter anderem auch in der noch jungen Disziplin des kreativen Denkens. Während Deutschland in diesem Bereich lediglich im OECD-Durchschnitt verweilt und der Erfolg stark von der sozioökonomischen Herkunft der Kinder abhängt – sozioökonomisch privilegierte Schüler:innen erzielten im Durchschnitt 11 Punkte mehr als ihre weniger privilegierten Mitschüler:innen –, liegt Estland über dem Durchschnitt. Zudem beträgt der Unterschied im kreativen Denken zwischen sozioökonomisch besser und schlechter gestellten Schüler:innen lediglich 6,6 Punkte, womit die Chancengleichheit im kreativen Denken in Estland fast doppelt so hoch ist wie in Deutschland.
Doch weshalb ist kreatives Denken überhaupt wichtig? Und wie kann das bereits in der frühkindlichen Bildung nachhaltig gefördert werden? Diesen Fragen gehen wir heute – am Geburtstag eines Genies des kreativen Denkens, Leonardo da Vinci – etwas genauer auf den Grund!
Kreatives Denken als essentielle Fähigkeit für die Zukunft
Anders als Mathematik, Schreiben oder Lesen wird uns kreatives Denken nicht im Rahmen eines Schulfachs beigebracht – und dennoch bildet es die Basis für viele verschiedene Kompetenzen: Kreativität hilft uns, mit Veränderungen umzugehen, uns anzupassen und offen auf neue, unbekannte Situationen zu reagieren. Sie ist die Grundlage für Problemlösungen: Wenn wir vor Herausforderungen stehen, unterstützt uns kreatives Denken dabei, die bestmöglichen Lösungen zu finden. Zugleich ist Kreativität die treibende Kraft hinter Innovation und Fortschritt: Wer kreativ ist, trägt einen ganzen Fundus an Ideen in sich, die nur darauf warten, umgesetzt zu werden - siehe Leonardo Da Vincis Werk. Auch im zwischenmenschlichen Miteinander spielt kreatives Denken eine entscheidende Rolle – etwa wenn es darum geht, sich in andere hineinzuversetzen und unterschiedliche Perspektiven einzunehmen. So stärkt Kreativität unsere emotionale und soziale Intelligenz. Kurz gesagt: Kreatives Denken ist die Grundlage für ein echtes analytisches, offenes Out-of-the-Box-Denken.
Kreativität im Gehirn
Kreativität entsteht in unserem Gehirn – jedoch nicht in einem einzelnen Bereich, sondern als Ergebnis echter Teamarbeit verschiedener Gehirnregionen und zahlreicher neuronaler Schaltkreise. Je nachdem, auf welchen Gegenstand oder welche Situation sich das kreative Denken richtet, werden unterschiedliche Areale aktiviert. Das bedeutet, nur weil Kreativität gefordert ist, läuft nicht immer auch der gleiche Prozess in unserem Gehirn ab. Und dadurch, dass unser Gehirn nicht statisch ist, sondern neuroplastisch - sprich veränderbar und anpassungsfähig - können wir unser Gehirn trainieren kreativ zu denken.
Von der Wahrnehmung zur Kreativität: Wie Kunst und ästhetische Bildung in der frühkindlichen Bildung Kinder fördern
Diese Frage lässt sich nicht mit einem Teilbereich der frühkindlichen Bildung beantworten, da im Grunde nahezu jede Aktivität - insbesondere in jungen Jahren - ein gewisses Maß an Kreativität erfordert. Doch besonders im Rahmen ästhetischer Bildung und Kunst kann Kreativität ganz gezielt gefördert werden. Beginnen wir zunächst mit der ästhetischen Bildung, denn im Grunde ist sie die Voraussetzung dafür, dass Kinder künstlerisch aktiv werden und ihre Kreativität entfalten. Was also bedeutet und beinhaltet ästhetische Bildung?
Ästhetische Bildung
Ästhetik kommt von dem altgriechischen Wort “aísthēsis” und bedeutet so viel wie Wahrnehmung und Empfindung. In der Philosophie gibt es auch eine ganze Praxis dazu, die sich mit Ästhetik als Theorie sinnlicher Wahrnehmung auseinandersetzt. Und genau hier haken wir ein, denn: Ästhetische Bildung bedeutet so viel wie die Entwicklung unserer individuellen Wahrnehmung durch unsere Sinne. Das ist ein Prozess, der bei Kleinkindern ganz automatisch passiert. Kleinkinder haben in ihren jungen Jahren noch kein vorgeprägtes Wissen über unsere Welt, unsere Kultur, unsere Gesellschaft. Sie gehen noch vollkommen unbefangen in den Prozess des Wahrnehmens und Empfindens und entdecken so die Welt durch ihre Sinne. Durch dieses sehr individuelle, subjektive, sinnliche Entdecken, eignen sich Kinder die Welt auf ihre ganz eigene Art und Weise an. Es hilft ihnen, sich in der Welt zu orientieren, Verbindungen sowie Differenzen zu erkennen und ein erstes Welt- und Selbstbild aufzubauen. Kinder lernen dabei, ihre Wahrnehmungen und Empfindungen einzuordnen, zu reflektieren und im Gehirn neuronale Verknüpfungen herzustellen – und genau das bildet die Grundlage für ihre soziale, kognitive und kreative Entwicklung und für das weitere Lernen.
Ästhetische Bildung in der Kita: Sinnliche Wahrnehmung und kreative Förderung
Aber wenn dieser Prozess in jungen Jahren ohnehin automatisch geschieht – was kann dann die frühkindliche Bildung dabei überhaupt fördern? Die Antwort lautet: Sehr viel. Kindertagesstätten bieten den optimalen Raum, um Kinder in ihrer ästhetischen Bildung zu fördern. Denn je vielfältiger die Umgebung – je mehr Materialien, Spielzeuge, Aktivitäten, Menschen, Eindrücke und Reize – desto stärker werden die Sinne und die Wahrnehmung der Kinder angeregt und gefördert. Die Kita und die Fachkräfte geben dabei den Rahmen vor, in dem die Kinder sinnlich entdecken und wahrnehmen können - zwischen selbstbestimmten Freiraum und sicheren Grenzen. Durch besondere Aktivitäten wie Musizieren, Bewegung, Malen, Theaterspielen oder Erlebnistage in der Natur können Fachkräfte zusätzliche sinnliche Impulse setzen – Impulse, mit denen manche Kinder im Alltag nur selten in Kontakt kommen. Auch gezielte, offene pädagogische Fragen, wie “Was hast du gerade gehört/gesehen/gefühlt und wie hat sich das für dich angefühlt?”, “Was gefällt dir daran besonders und warum?” oder “Was war heute dein Lieblingsmoment und warum gerade der?” können diesen Prozess verstärken und Kindern beim Reflektieren und Einordnen ihrer sinnlichen Wahrnehmungen helfen. Auf diese Weise wird die ästhetische Bildung weiter vertieft und bewusst gefördert. Besonders das offene oder teiloffene Konzept, wie es in vielen Kitas umgesetzt wird, bietet hier einen idealen Rahmen: In diesen Konzepten haben Kinder sehr viel Freiraum in ihren eigenen Entscheidungen - vom Aufenthalt in verschiedenst gestalteten Räumen bis hin zur Wahl ihrer Aktivitäten. So geschieht die ästhetische Bildung sehr individuell, selbstbestimmt und selbstwirksam - und wird gleichzeitig durch die vielfältigen Möglichkeiten in der Kita intensiv begleitet und unterstützt.
Somit wird deutlich: Ästhetische Bildung bildet das Fundament für die Entwicklung kreativen Denkens – denn bereits im Prozess des sinnlichen Wahrnehmens und Erkundens wird kreatives Denken angeregt. Kitas fördern diesen Prozess besonders intensiv und schaffen für alle Kinder – unabhängig von Herkunft oder Familiensituation – Möglichkeiten, ihre Entwicklung darin zu stärken. Doch wo genau kommt nun die Kunst ins Spiel?
Kunst
Blickt man Jahrtausende zurück in die Geschichte der Menschheit – in eine Zeit, in der noch nicht mit Sprache und Schrift, wie wir sie heute kennen, kommuniziert wurde –, findet man Kunst - Kunst als Mittel zur Kommunikation. Es war damals eine Möglichkeit, sich zu äußern und Erlebtes und Wahrgenommenes mitzuteilen, auch ohne Worte. Und diese Funktion kann Kunst auch für Kinder haben. Es ist eine altersgemäße Ausdrucksform, durch die Kinder sich mitteilen können. Da Kinder in jungen Jahren noch wenig beeinflusst sind von sozialen oder kulturellen Normen, entsteht ihre Kunst nicht aus einer bewussten Intention heraus, sondern aus einer Intuition: Sie verarbeiten in Kunst, was sie beschäftigt. Es ist ein Ausdruck ihrer Wahrnehmungen, Empfindungen und Erlebnisse. Wer also genau hinschaut, kann durch die Kunst einen Blick in das Innenleben der Kinder erhaschen. Gleichzeitig hilft Kindern der künstlerische Ausdruck, all das zu reflektieren, einzuordnen – und besser zu verstehen. Ästhetische Bildung befähigt Kinder also dazu, künstlerisch und kreativ aktiv zu werden. Kunst kann damit sowohl Ausdruck ästhetischer Bildung sein als auch deren Impulsgeber, da durch Kunst die ästhetische Bildung immer wieder neu angeregt und vertieft wird.
Doch die Wirkungsmacht von Kunst geht noch sehr viel weiter: Sobald Kinder künstlerisch aktiv sind, gelangen sie in einen schöpferischen Prozess. Sie erschaffen etwas, das es vorher nicht gab – etwas, das zunächst nur in ihrem Kopf existierte und durch ihre Hände Wirklichkeit wird. Sie lassen Ideen und Visionen Wirklichkeit werden. Kunst ist somit eine Form der Selbstverwirklichung. Wird dieser Prozess gezielt gefördert, stärkt das nicht nur das selbstständige Denken und Handeln, sondern auch das Selbstvertrauen der Kinder und ihre Persönlichkeitsentwicklung. Und wenn ihre Ideen einmal nicht so aufgehen, wie sie es sich vorgestellt haben? Dann lernen sie, mit Fehlern und Unsicherheiten umzugehen – eine wichtige Grundlage für Resilienz und Problemlösekompetenz. Ganz nebenbei werden bei künstlerischen Aktivitäten auch grundlegende Fähigkeiten trainiert: die Fein- und Grobmotorik, die Auge-Hand-Koordination, die visuell-räumliche Wahrnehmung, das Körpergefühl, kognitive und mathematische Fähigkeiten – und natürlich die Kreativität.
Kunst als Schlüssel zur Kreativität: Wie Kitas den kreativen Prozess anregen
Und wie wird nun Kunst in der Kita gefördert? Ganz einfach: durch das Bereitstellen der notwendigen Ressourcen, des Raums und pädagogischer Begleitung. In der Kita haben Kinder oft die Möglichkeit sich gestalterisch auszutoben - mit Knete, Fingermalfarben, Wassermalfarben, Blatt und Stift, Schere und Papier, vielleicht wird auch mal getont. Die Kitas geben den Kindern unglaublich viele Möglichkeiten, sich kreativ und künstlerisch zu entfalten und mit den unterschiedlichsten Materialien, Techniken und Ausdrucksformen zu experimentieren. Vorab lernen die Kinder den sicheren Umgang mit den entsprechenden Materialien und Werkzeugen - der sichere, pädagogische Rahmen - wodurch Kinder in ihrer Eigenverantwortung und Selbstständigkeit gestärkt werden. Ist dieser Rahmen einmal geschaffen, können sie in einer ruhigen, wertschätzenden Atmosphäre und mit genügend Zeit ganz in ihren kreativen Prozess eintauchen. Besonders förderlich für die Entwicklung kreativen Denkens ist es, wenn dieser Prozess offen gestaltet ist – also wenn es keine konkrete Anleitung gibt, sondern vielleicht nur Impulse, die die Kinder eher in ihrer Ideenfindung anregen als leiten. Beispielsweise durch das Vorlesen einer Geschichte, zu der die Kinder anschließend frei malen, was sie dabei empfunden oder sich vorgestellt haben. Wichtig ist dabei ein wertfreier Raum – ein Ort, an dem die kindliche Kunst nicht bewertet, sondern offen angenommen wird. Denn solche Reaktionen fördern Neugierde, Mut zur Gestaltung und kreative Weiterentwicklung. Negative Bewertungen hingegen können Kinder verunsichern und einschränken – nicht nur in ihrer Kreativität, sondern auch in ihrer sinnlichen Wahrnehmung.
Gerade in einer Zeit, in der der Fortschritt immer schneller voranschreitet und wir vor großen politischen, gesellschaftlichen und ökologischen Veränderungen stehen, wird eines immer deutlicher: Wir brauchen kreatives Denken – mehr denn je. Denn um mit diesen Entwicklungen nicht nur Schritt zu halten, sondern sie aktiv mitzugestalten, braucht es kreative Köpfe, Visionär:innen, Ideenfinder:innen und Problemlöser:innen - kleine Leonardo Da Vincis. Und genau hier legt die frühkindliche Bildung die Basis - durch ästhetische Bildung und Kunst. Zwei Bereiche, die häufig in ihrer Wichtigkeit und Wirkung unterschätzt werden. Kitas schaffen Zugänge zu genau diesen Feldern – für alle Kinder, unabhängig von Herkunft oder sozioökonomischen Voraussetzungen. Sie geben Raum für Kreativität, fördern Wahrnehmung, Kognition, Verständnis, Ausdruck, Gestaltungskraft und noch so viel mehr – und legen damit das Fundament dafür, dass Kinder auch später noch offen, selbstbewusst und kreativ denken können. So wird einmal mehr deutlich, wie essentiell die frühkindliche Bildung für unsere Gesellschaft ist – für die individuelle Entwicklung ebenso wie für den Zusammenhalt, für Wirtschaft und Wissenschaft ebenso wie für Innovation, Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit. Und um zukünftig im PISA-Test im Bereich kreatives Denken ebenso erfolgreich abzuschneiden wie Estland, sollte die Politik die frühkindliche Bildung noch stärker fördern, um Kitas und Pädagog:innen die Ressourcen zu geben, diese wichtigen Kompetenzen zu entwickeln.
Quellen:
Ästhetische Bildung | socialnet Lexikon. https://www.socialnet.de/lexikon/Aesthetische-Bildung.
Bulander, Y. (2025, 31. März). Ästhetische Bildung in der frühen Kindheit - nifbe e.V. Nifbe e.V. https://nifbe.de/fachbeitraege/aesthetische-bildung-in-der-fruehen-kindheit/.
Celina. (2024, 19. August). Die neurologische Kraft der Kunst: Wie Kreativität das Gehirn formt. WiPub - We Publish! https://www.wipub.net/die-neurologische-kraft-der-kunst-wie-kreativitaet-das-gehirn-formt/.
Karl. (2023, 8. Februar). Kreativität im Gehirn – 4 Blickwinkel aus der Neurowissenschaft. Karl Hosang. https://karlhosang.de/kreativitaet-im-gehirn/.
Kinder – Kunst – Kita. Wie passt das zusammen? – Westermann. (o. D.). https://www.westermann.de/landing/kompetent-erziehen/Kunst.
OECD (2024), PISA 2022 Results (Volume III): Creative Minds, Creative Schools, PISA, OECD Publishing, Paris, https://doi.org/10.1787/765ee8c2-en.
Uhrig, S. (2022, 1. Februar). Kreativität: Mehr als "nur“ Kunst. quarks.de. https://www.quarks.de/gesellschaft/psychologie/kreativitaet-mehr-als-nur-kunst/.
Von Herausforderungen und Glücksmomenten - Geschichten aus dem Kita-Alltag
Unsere Kitas sind voller wunderschöner, inspirierender Geschichten – Geschichten von engagierten Fachkräften, die sich tagtäglich mit Herzblut und Leidenschaft für unsere Kinder einsetzen, und Geschichten von Kindern, die mit staunenden und leuchtenden Augen jeden Tag etwas Neues lernen und erleben. Doch bleiben uns diese Geschichten leider zumeist verwehrt. Denn statt dieser positiven Erlebnisse sind es oft die Horrorgeschichten, die in den Medien verbreitet werden – Geschichten von Überlastung, Kindeswohlgefährdung und Aufbewahrung statt Bildung.
Unsere Kitas sind voller wunderschöner, inspirierender Geschichten – Geschichten von engagierten Fachkräften, die sich tagtäglich mit Herzblut und Leidenschaft für unsere Kinder einsetzen, und Geschichten von Kindern, die mit staunenden und leuchtenden Augen jeden Tag etwas Neues lernen und erleben. Doch bleiben uns diese Geschichten leider zumeist verwehrt. Denn statt dieser positiven Erlebnisse sind es oft die Horrorgeschichten, die in den Medien verbreitet werden – Geschichten von Überlastung, Kindeswohlgefährdung und Aufbewahrung statt Bildung. Szenarien, die jedoch nicht der allgemeinen Realität in den Kitas und der Arbeit unserer Fachkräfte entsprechen. Aus diesem Grund möchten wir heute den schönen kleinen und großen Erlebnisse, die sich jeden Tag in unseren Kitas ereignen, Raum geben und sie in den Vordergrund stellen. Wir haben hierfür einige Pädagog:innen aus unserem Verband gebeten, ihre Erfahrungen und Erlebnisse mit uns zu teilen. Ihre Geschichten zeigen, wie wertvoll und bereichernd die Arbeit in einer Kita wirklich ist.
Eine starke Erziehungspartnerschaft
Die Erziehungspartnerschaft mit den Eltern spielt eine zentrale Rolle in der pädagogischen Arbeit. Nicht immer kann es einfach sein, eine starke Partnerschaft mit den Eltern aufzubauen, da sie viel Vertrauen erfordert. Umso schöner ist es, zu hören, wie stark die Zusammenarbeit, das Vertrauen und die Wertschätzung zwischen Eltern und Fachkräften in den Kitas unserer Mitglieder ist. Sie berichten von gemeinsamen Gartentagen, bei denen Eltern und Fachkräfte zusammen anpacken, Eltern, die bei den Fachkräften um Rat für besondere Situationen im Familienalltag fragen, Eltern, die zu den Geburtstagen von Teammitgliedern liebevoll Kuchen backen und Eltern, die auch mal den Fachkräften ein offenes Ohr schenken, wenn sie merken, dass sie etwas belastet.
Doch die Erziehungspartnerschaft verlangt oft nicht nur viel Vertrauen, sondern auch Verständnis in schwierigen Zeiten, wie der Pandemie: “Jegliche Unterstützung während und nach Corona – das Verständnis und die Geduld der Eltern bei Reduzierungen, Kürzungen der Öffnungszeiten und ähnlichem – waren entscheidend. Statt Vorwürfen, Schuldzuweisungen und Demütigungen hatten wir offene, konstruktive Gespräche und gemeinsame Lösungsfindungen.”, erinnert sich eine Fachkraft.
Wie wichtig eine starke Erziehungspartnerschaft auch für die Entwicklung der Kinder ist, zeigt uns auch eine ganz besondere Geschichte aus einer Kita. Eine Pädagogin erzählt von zwei Kindern, die von Schwerstmehrfachbehinderung betroffen waren. „Zu Beginn hörten wir von den Eltern oft Sätze wie ‚Mein Kind kann nichts‘ oder ‚Ich habe Angst, wie es in der Schule werden soll und was passiert, wenn ich nicht mehr da bin‘. Spätestens als am Ende der Kita-Zeit für diese zwei Kinder feststand, dass sie in Regelschulen eingeschult werden - wenn auch mit Assistenz - , konnte man zweimal mehr davon sprechen, dass die Partnerschaft zwischen Kita und Eltern und Therapeut:innen gelungen ist.“
Gemeinsam stark im Team
Doch natürlich ist nicht nur die Zusammenarbeit mit den Eltern von großer Bedeutung, sondern ebenso das Miteinander im Team. Kollegialität und Zusammenhalt im Team sind wichtige Bestandteile, um gemeinsam Herausforderungen und schwierige Zeiten gut meistern zu können. Wie dies in der Praxis aussehen kann, berichtet eine Fachkraft aus ihrem Alltag: “Offenheit, Ehrlichkeit, Respekt und Fürsorge gegenüber jedem Einzelnen – sei es durch das Abnehmen von Kindern mit Auffälligkeiten, um mal durchzuatmen, das Verzichten auf Vorbereitungszeiten oder Freiräume, um andere nicht allein stehen zu lassen - es könnte einem selbst ja auch einmal so ergehen - , oder kleine Aufmerksamkeiten der Kitaleitung zur Motivation und Anerkennung.“ Insgesamt wird häufig große Wertschätzung für die Unterstützung durch den Träger oder das Leitungsteam geäußert: “Wir haben ein gut funktionierendes Leitungsteam, welches das gesamte Team in regelmäßigen Teamsitzungen unterstützt und an allen Herausforderungen gemeinsam arbeitet.” In einer weiteren Kita sorgt der Träger dafür, dass sich das Team auf das Wesentliche konzentrieren kann: „Unser Träger kümmert sich um sehr viele Pflichten jenseits der Pädagogik und der "Arbeit am Kind", damit unser Team die "wirkliche" Arbeit leisten kann.” Und auch wenn einmal nicht alles rund läuft, gibt es Wege damit konstruktiv umzugehen: ”Reden und sehen. Wir versuchen eine positive Fehlerkultur zu leben.”
Dies zeigt, dass trotz der Herausforderungen im Kita-Alltag ein starkes Miteinander, Vertrauen, Respekt und gegenseitige Unterstützung der Schlüssel sind, um Lösungen zu finden und gemeinsam bestmöglich für die Kinder da zu sein.
Leuchtende Kinderaugen: Besondere Erlebnisse in der Kita
Der Kita-Alltag besteht aus lauter kleinen und großen besonderen Momenten, die Kinderaugen zum Leuchten bringen und es gibt immer wundervolle Erlebnisse, die die Kinder zum strahlen bringen: von spannenden Waldtagen und kreativen Musikprojekten über besondere Ausflüge bis hin zu jeglichen Aktivitäten, bei denen sie sich bewegen, fühlen und experimentieren können. Erst kürzlich, zur Faschingszeit, fand ein solches besonderes Ereignis statt: “Die Kinder präsentierten sich stolz in ihren Kostümen, wie auf einem roten Teppich.”, erzählt eine Fachkraft. Ein weiteres Highlight, das in einer Kita regelmäßig stattfindet, ist das „Kinderhotel“: Einmal im Monat übernachten die Kinder unter einem bestimmten Motto von Freitag auf Samstag in der Kita.
Doch nicht nur diese großen Ereignisse bereiten Kindern eine besondere Freude, auch die kleinen Momente können Großes bewegen. Es sind die Augenblicke, in denen sich die Kinder gehört, gesehen und anerkannt fühlen – sei es im Morgenkreis oder bei allem was situationsbedingt direkt aufgegriffen und umgesetzt wird. „Die leuchtenden Augen der Kinder beobachten wir nicht nur bei besonderen Ideen oder Aktivitäten“, sagt eine Fachkraft. “Das Bemerkenswerte ist vielmehr, dass wir bereits in vielen - scheinbar nicht besonderen - Kita-Alltagssituationen mit glücklichen Kinderaugen erfreut werden. Auch und gerade dies zeigt, dass die wertvolle Tätigkeit von Pädagog:innen nicht zuletzt aus den Alltagssituationen einen Zauber entfalten kann.”
Berührende Geschichten aus dem Kita-Alltag
Wie wertvoll die Arbeit unserer Fachkräfte und Kitas ist, zeigt sich in den vielen berührenden und beeindruckenden Geschichten aus dem Alltag. Geschichten, die zeigen, dass die pädagogische Arbeit weit über die Bildung und Betreuung hinausgeht und essentiell für die Entwicklung, die Startchancen und das Wohlbefinden der Kinder ist. Ein besonderes Beispiel hierfür kommt von einer Fachkraft, die von ihrer Arbeit mit einem Kind mit Trisomie 21 berichtete: “Wir betreuen ein Kind mit Trisomie 21 und am Anfang war eine Kommunikation mit dem Kind so gut wie unmöglich. Es war zwei Jahre alt, rumänischer Herkunft, verstand kein Wort deutsch, weinte viel, biss und schubste andere Kinder. Jetzt ist das Kind 4 Jahre und mit Unterstützung einer Heilpädagogin konnten Strukturen, Kommunikationshilfsmittel und vieles mehr erarbeitet werden, die ein entspanntes Umgehen mit diesem Kind in der Gemeinschaft möglich machen. Spielen mit anderen Kindern war bis vor Kurzem nicht möglich. Jetzt spielt sie, beziehungsweise auch andere Kinder mit ihr zusammen. Sie umarmt andere Kinder und Erzieher:innen. Sie zeigt auf Bilder, wenn sie etwas möchte und auch wenn sie nur lautiert, nimmt sie auf eine angenehme Art mit allen Kontakt auf. Es ist so schön zu sehen, wie dieses Kind sich entwickelt hat und wir es auch in einer schwierigen und personell engen Situation geschafft haben, so etwas Wundervolles zu erreichen.”
Eine weitere Fachkraft berichtet von den Momenten, in denen deutlich wird, wie wichtige die Arbeit nicht nur für die Kinder, sondern für die ganze Familie ist: “Die wiederholte rührende Dankbarkeit der Eltern, insbesondere der Eltern von Kindern, die von Behinderung betroffenen - auch mehrfach schwerstbehinderten - betroffen sind, wenn diese Kinder unabhängig von Herkunft, Religion oder sozialem Status, nicht nur in unserer Kita aufgenommen werden, sondern über die Zeit hinweg kontinuierlich - teils sehr erstaunliche - Fortschritte machen. Nicht selten haben diese Eltern kafkaeske 'Kämpfe' auch und gerade mit Behörden hinter sich und freuen sich, wenn sie bei den entsprechenden Behörden- und Verwaltungsverfahren von unserer Kita, beziehungsweise von unserem Träger Unterstützung erhalten. Nicht selten haben Eltern - auch und gerade aus diesem Kreis - bei landeseigenen Betrieben erfahren müssen, dass ihre Kinder dort nicht aufgenommen oder nicht weiter betreut werden können, etwa wegen Überlastung oder Überforderung. In die Gesichter dieser Kinder - egal aus welchen anderen Kulturen sowie Regionen dieser Erde sie stammen - und deren Eltern zu schauen, ist eine besondere Freude.” Die Auswirkungen der inklusiven Arbeit reichen jedoch weit über das individuelle hinaus: “In unserer mehrsprachigen und inklusiven Kita haben wir solche Bilder häufiger, dass Kinder sich um einander kümmern; besonders rührend ist, wenn Kinder mit Diagnosen aus dem autistischen Spektrum zusammen mit Kindern ohne besondere Herausforderungen sich um unsere schwerstmehrfachbehinderten Kinder kümmern und mit ihnen gemeinsam feiern.” Solch inklusive Arbeit in den Kitas ist nicht nur der Grundstein für die individuelle Entwicklung und den späteren Lebensweg der Kinder von großer Bedeutung, sondern für unsere gesamte, zukünftige Gesellschaft. Sie trägt wesentlich dazu bei, dass Respekt, Toleranz und Zusammenhalt bereits in jungen Jahren selbstverständlich werden - etwas, wovon so mancher Erwachsene sich eine Scheibe abschneiden kann.
Von kleinen Gesten und großer Wirkung – Warum die Kita-Arbeit so bereichernd ist
In dieser Arbeit fließt nicht nur viel Energie und Hingabe von den Pädagog:innen zu den Kindern, sondern auch von den Kindern zurück. Sie zeigen ihre Dankbarkeit und Wertschätzung auf ihre ganz eigene, berührende Weise. Eine Pädagogin erinnert sich an einen besonderen Tag, an dem viele Kinder krank waren: „Zur Mittagsruhe blieben nur noch drei Kinder übrig – eine äußerst seltene Situation. Zwei Kinder waren der Meinung, dass es nun endlich genug Platz gibt, damit auch Ihre Erzieherin sich zur Mittagszeit hinlegen kann und holten sogleich zwei Matratzen für sie.” Ein weiteres rührendes Erlebnis aus dem Kita-Alltag berichtet eine weitere Fachkraft: „Als ich nach einer längeren Auszeit wegen eines Trauerfalls wieder in die Kita kam, war die Freude der Kinder so groß, dass sie mich fast umgerannt haben.”
Jeder Tag in der Kita hält neue Überraschungen bereit. Es gibt Herausforderungen, Momente der Erschöpfung, aber auch Augenblicke voller Wärme und Glück: “Es ist sehr anstrengend und herausfordernd. Manchmal weiß man nicht, wie man die Dinge schaffen soll. Wenn einer krank wird, kann es schonmal sehr sehr herausfordernd sein. Aber wir sind ein gutes Team, das sich möglichst gegenseitig zu unterstützen versucht. Wir haben wundervolle Kinder und wir haben sehr entspannte Eltern. Wenn dich ein Kind in den Arm nimmt und sagt ‘nur noch mal kurz drücken’, damit es gut in den Tag starten kann und du merkst, dass das ein Moment ist, der dich glücklich macht, dann bist du hier richtig. Egal wie schlecht es dir geht, wenn ein Kind dich anstrahlt oder Quatsch mit dir macht, wird es dir besser gehen. Die Arbeit mit Kindern ist der beste Trost und der beste emotionale Aufbau, den ich selbst je erlebt habe.”
Diese Geschichten zeigen, wie besonders, wundervoll und facettenreich die pädagogische Arbeit ist. Es sind Geschichten von Erfolg, Zusammenarbeit, Dankbarkeit und Freude – Geschichten, die jeden Tag in der Kita passieren. Und es sind die Geschichten, die erzählt werden sollten. Natürlich gibt es zahlreiche Herausforderungen im Kita-Alltag - nicht zuletzt aufgrund struktureller Defizite, die einer unzureichenden Bildungspolitik in der frühkindlichen Bildung zugrunde liegen und dringend einer Verbesserung bedürfen. Doch trotz schwieriger Rahmenbedingungen, personeller Engpässe und anderer Hürden setzen sich unsere Fachkräfte und Kitas mit unermüdlichem Einsatz dafür ein, den Kindern ein sicheres und förderliches Umfeld für ihre Entwicklung zu schaffen. Und wer darüber nachdenkt, in der Kita zu arbeiten, dem sei ein Satz einer Fachkraft besonders ans Herz gelegt: „Einfach machen!“.