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Tag der Kinderbetreuung? Wie aus Betreuung Bildung wurde – und was noch vor uns liegt

Vor wenigen Jahrzehnten sah die außerfamiliäre Kinderbetreuung noch etwas anders aus als heutzutage: Strukturen, pädagogische Konzepte, Schwerpunkte sowie die gesellschaftliche Wahrnehmung und Erwartung waren andere. Seitdem hat sich jedoch vieles verändert - Veränderungen, die auch einen Spiegel eines gewissen gesellschaftlichen, soziodemografischen und politischen Wandels darstellen. Und trotz vieler Veränderungen zum Positiven hin bleibt auch weiterhin einiges zu tun. 

Vor wenigen Jahrzehnten sah die außerfamiliäre Kinderbetreuung noch etwas anders aus als heutzutage: Strukturen, pädagogische Konzepte, Schwerpunkte sowie die gesellschaftliche Wahrnehmung und Erwartung waren andere. Seitdem hat sich jedoch vieles verändert - Veränderungen, die auch einen Spiegel eines gewissen gesellschaftlichen, soziodemografischen und politischen Wandels darstellen. Und trotz vieler Veränderungen zum Positiven hin bleibt auch weiterhin einiges zu tun. 

Anlässlich des Tags der Kinderbetreuung wollen wir einen genaueren Blick darauf werfen, wie sich die Kinderbetreuung im Laufe der Zeit entwickelt hat, welchen politischen und gesellschaftlichen Veränderungen der Wandel unterlegen war – und welchen Veränderungen die Kinderbetreuung in Deutschland vielleicht noch bevorsteht. Lasst uns also heute gemeinsam in den nächsten Zeilen eine kleine Zeitreise unternehmen.

Kinderbetreuung in der DDR: Ein sozialistisches Modell der frühkindlichen Bildung

Wenn wir rund 40-70 Jahre zurück in die deutsche Geschichte reisen - als Deutschland noch in zwei Staaten geteilt war - fällt ein markanter Unterschied in den Konzepten der Kinderbetreuung zwischen Ost- und Westdeutschland auf. 

Im Osten Deutschlands, der sogenannten DDR, war Kinderbetreuung ein zentrales Element der sozialistischen Familien- und Bildungspolitik - mit dem Ziel, Kinder zu sozialistischen Persönlichkeiten zu erziehen, sie systematisch auf die Schule vorzubereiten und Frauen in die Erwerbstätigkeit zu bringen. Die Zuständigkeit lag im Ministerium für Volksbildung, womit deutlich wird, dass Kindergärten hier nicht nur zur Betreuung dienten, sondern als vollständige Bildungseinrichtungen mit einem klaren Bildungsauftrag verstanden wurden. Und um diesen adäquat umzusetzen - ganz nach sozialistischen Leitlinien - gab es einen festen, einheitlichen Bildungs- und Erziehungsplan, dem alle Einrichtungen folgen sollten. Vielfalt war demnach nicht vorgesehen - weder bei der Trägerform noch bei pädagogischen Konzepten. Dafür aber in der Ausbildung: Es gab ein breit gefächertes Ausbildungssystem mit verschiedenen, differenzierten Qualifikationen für die Tätigkeit in diesem Bereich.

Kinderbetreuung hatte also in der DDR einen sehr hohen Stellenwert und ein Großteil der Kinder besuchte schon damals entsprechende Einrichtungen, sowohl im Ü3- als auch im U3-Bereich - und das nicht nur stundenweise, sondern ganztägig. 

Kinderbetreuung in der BRD: Von der Betreuung zur Bildung

Im Gegensatz zur DDR lag der Fokus in der Bundesrepublik Deutschland stärker auf der reinen Betreuung. Diese unterschiedliche Erwartungshaltung an die institutionelle Kinderbetreuung hatte ihren Ursprung in der Tradition der Kinderbetreuung zur Zeit der Weimarer Republik. Dort orientierten sich viele Einrichtungen eher an fürsorgerischen Aufgaben und richteten sich vorrangig an Kinder aus sozial benachteiligten Familien. Doch mit der Zeit wurde es für viele Familien immer dringlicher, Angebote der Kinderbetreuung wahrnehmen zu können, damit beide Elternteile arbeiten gehen konnten. Christliche Trägerverbände bemühten sich in der Folge um den Ausbau von Kindertagesstätten. Doch fehlende Infrastruktur, Personalmangel und unzureichende finanzielle Mittel erschwerten dies erheblich: Gruppen mit bis zu 50 Kindern pro Pädagog:in waren keine Seltenheit, und das Angebot konnte die Nachfrage bei weitem nicht decken. Die Pädagogik in den Einrichtungen war sehr autoritär und es war gesellschaftlich nach wie vor eher verpönt, seine Kinder in Betreuungseinrichtungen zu geben - insbesondere kleine Kinder unter drei Jahren. Die familiäre Betreuung hatte auch weiterhin Vorrang.

Der Bildungsaspekt spielte in westdeutschen Kindergärten somit zunächst kaum eine Rolle. Wenn überhaupt, dann primär, um die Kinder in den letzten Jahren auf die Schule vorzubereiten. Dementsprechend unterlag die Kinderbetreuung, anders als in der DDR, politisch dem Kinder- und Jugendhilfebereich und hatte auch bei weitem nicht ein so hohes gesellschaftliches Ansehen. 

Erst Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre wandelte sich der Blick auf Kindergärten sowie ihre gesellschaftliche und politische Wahrnehmung: Mit dem Strukturplan des Deutschen Bildungsrates wurde die frühkindliche Betreuung erstmals als Bestandteil des Bildungssystems anerkannt. Man plädierte für eine stärkere Verzahnung von Schule und Kindergarten – ein Ziel, das auch bis heute nur teilweise erreicht ist. Infolgedessen wurde die Infrastruktur schrittweise ausgebaut. Auf Landesebene wurden Kindertagesstättengesetze verabschiedet, in denen unter anderem Finanzierung und Ausstattung geregelt wurden. Auch neue pädagogische Konzepte entstanden – wie etwa der Situationsansatz, der bis heute eine wichtige Rolle spielt.

Zwei Systeme, ein Land: Kinderbetreuung nach der Wiedervereinigung

Mit der Wiedervereinigung prallten somit zwei grundverschiedene Konzepte der Kindertagesbetreuung aufeinander - und beide Teile Deutschlands hatten Schwierigkeiten, sich damit zu arrangieren. Das Konzept des Ostens wurde dem Kinder- und Jugendhilfegesetz unterstellt, war damit nicht länger Teil des Bildungsbereiches und auch nicht mehr staatliche Aufgabe, sondern lag fortan in der Verantwortung der Länder und Kommunen. Gleichzeitig sah sich Westdeutschland einer stetig wachsenden Nachfrage ausgesetzt - bei weiterhin unzureichender Infrastruktur. Und bis heute lassen sich noch Unterschiede zwischen Ost und West verzeichnen, die aus der sehr unterschiedlichen Geschichte resultieren: Während in Westdeutschland immer noch verhältnismäßig weniger Kinder die Kita besuchen - insbesondere im U3 Bereich - und der Bedarf an Kita-Plätzen nicht ausreichend gedeckt ist, ist die Inanspruchnahme von Kita-Plätzen im Osten höher – und der Ausbau konnte den großen Bedarf inzwischen weitgehend abdecken. Doch mit der Zeit nähern sich Ost und West auch in diesem Bereich an.

PISA 2000 und der Reformdruck: Der Weg zur frühkindlichen Bildung

Ein Wendepunkt für die Kinderbetreuung in Deutschland war wohl die PISA-Studie aus dem Jahr 2000. Deutschland lag in allen Bereichen unter dem OECD-Durchschnitt, Bildungsdefizite bei den 15-Jährigen wurden sichtbar und die Diskussion begann, wie diesen Defiziten begegnet werden könne. Ein zentraler Punkt in der Debatte zur Problemlösung war die frühkindliche Bildung. Dies wurde auch zunehmend von wissenschaftlichen Untersuchungen gestützt, die belegten, welche entscheidende Rolle die ersten Lebensjahre für den späteren Bildungs- und Lebensverlauf eines Kindern spielen. Doch gleichzeitig war man damit konfrontiert, dass die institutionelle Kinderbetreuung den wachsenden Anforderungen weit hinterher hinkte: Es gab zu wenig Kita-Plätze, die Öffnungszeiten waren unzureichend, Themen wie Inklusion und U3-Betreuung nahmen an Wichtigkeit zu und verlangten Konzepte. Unter anderem als Reaktion darauf entwickelten die Bundesländer erstmals Bildungs- und Erziehungspläne für die frühkindliche Bildung. Anders als in der DDR sollten diese jedoch keine verbindlichen Vorgaben sein, sondern als Empfehlungen und Leitlinien dienen. Der Bildungsaspekt rückte zunehmend in den Vordergrund und wurde auch in Dokumenten, Gesetzen und Beschlüssen fest als Bildungseinrichtungen mit einem Bildungsauftrag benannt. Einen großen Meilenstein in der gesamtgesellschaftlichen Etablierung von Kindertagesstätten stellt dabei auch der seit 2013 bestehende gesetzliche Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für Kinder ab dem 1. Geburtstag dar.

Frühkindliche Bildung 2025: Entwicklungen, Erfolge und Herausforderungen

Und heute?

Heute ist die Kita als erste Stufe des Bildungssystems fest etabliert und die Bedeutung der frühkindlichen Bildung - sowohl für die individuelle Entwicklung als auch für die Gesellschaft - ist allgemeiner Konsens. Es gibt konkret ausgearbeitete Bildungspläne, Evaluationen, Dokumentationen, Beobachtungsverfahren und eine Vielzahl an pädagogischen Konzepten - von Reggio und Waldorf über tiergestützte Pädagogik und offene Arbeit bis hin zum bereits erwähnten Situationsansatz. Partizipation, Teilhabe, Kindzentriertheit und Selbstwirksamkeit haben autoritäre Ansätze abgelöst. Viele Teams arbeiten heute multiprofessionell, um verschiedenste fachliche Expertisen in ihre Arbeit mit einbeziehen zu können und so Kinder in ihrer ganzheitlichen Entwicklung besser zu fördern. Die Qualität der frühkindlichen Bildung wird zunehmend in den Fokus gerückt - nicht zuletzt durch bundesweite Initiativen wie das Gute-KiTa-Gesetz oder das Kita-Qualitätsgesetz. 

Auch wissenschaftlich hat sich viel getan: Es wird umfangreich untersucht und analysiert, welchen Effekt frühkindliche Bildung hat. Und die Ergebnisse sind eindeutig: Frühkindliche Bildung kann gesellschaftliche Ungleichheit verringern, Kindern aus bildungsfernen Familien bessere Startchancen ermöglichen und so zu einem chancengerechteren Bildungsweg beitragen. Sie senkt das Armutsrisiko, unter anderem durch eine höhere Erwerbstätigkeit der Eltern. Zudem kann sie Förderbedarfe frühzeitig ausgleichen, den Gender Gap verringern und sowohl kurz- als auch langfristig zur wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit eines Landes beitragen.

Doch trotz all dieser positiven Entwicklungen bestehen natürlich auch weiter bestehende Herausforderungen: 

Denn gleichzeitig steigen die Ansprüche an die Pädagogik zunehmend: Es müssen immer mehr und immer intensiver Kompetenzen vermittelt sowie zunehmende Förderbedarfe ausgeglichen werden. Die zunehmende Heterogenität unserer Gesellschaft und die stärkere Ausrichtung auf Individualisierung verlangen von Pädagog:innen ein breites Fachwissen, hohe Anpassungsfähigkeit und vielfältige methodische Kompetenzen. Auch Elterngespräche werden immer komplexer - ebenso wie die Erwartungshaltung der Eltern gegenüber Pädagog:innen. Evaluationen, Test, Dokumentationen erfordern zusätzlich viel Zeit, Wissen und personelle Ressourcen. Mit dieser Entwicklung können auch heute die bildungspolitischen Anstrengungen von Ländern, Kommunen und Bund abermals nicht Schritt halten - und damit das tägliche Engagement in den Kitas nicht adäquat unterstützen und fördern. Und auch in der breiten Gesellschaft hinkt das Verständnis von frühkindlicher Bildung der tatsächlichen Bedeutung hinterher – trotz hoher Erwartungen. Noch immer ist in Berichten, Artikeln und Stellungnahmen zu oft von „Kinderbetreuung“ die Rede – und zu selten von Bildung. Allein der Name des heutigen Tags, der Tag der Kinderbetreuung, unterstreicht dieses Argument. 

Karin Priens Vision für die Kita-Zukunft: Ein neuer Kurs für die Zukunft?

Wie also könnte die Zukunft aussehen? Steht vielleicht der nächste Wandel schon unmittelbar bevor?

Die neue Ministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Karin Prien gibt uns Grund zu hoffen. Denn sie erkennt und benennt, was für die Bildungslandschaft zentral ist: Kitas als Schlüssel zu mehr Bildungserfolg und Chancengerechtigkeit. Kitas als erste Bildungseinrichtung, die konsequent als Teil der Bildungskette verstanden werden muss.

Ein erster Schritt in diese Richtung ist bereits vollzogen: Die Integration des Bildungsbereichs in das Ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Frühkindliche Bildung ist damit nicht mehr in einem separaten Ressort angesiedelt, sondern institutionell mit dem Bildungsbereich verbunden. Weiterhin untermauert Prien ihre Haltung diesbezüglich mit konkreten Reformvorschlägen - etwa einer nationalen Agenda für Kinder von 0-10 und einer besseren Verzahnung von Kita und Grundschule. 

Viele ihrer Ansätze und Überlegungen zur Gestaltung der Bildungspolitik aus der Zeit vor ihrer Ernennung zur Ministerin finden sich heute im Koalitionsvertrag wieder: Wie eine frühzeitige bundesweite Diagnostik, eine Kita-Pflicht bei Förderbedarfen, gezielte Förderung von Kindern aus benachteiligten Familien sowie Maßnahmen zur Qualitätssicherung und -steigerung in der frühkindlichen Bildung. Darüber hinaus plädiert Prien dafür, Bildungspolitik über die Wahlperiode hinauszudenken und setzt sich für einen kooperativen Bildungsföderalismus ein. All das sind Ansätze, die Hoffnung machen: auf nachhaltige, langfristige Reformen–statt kurzfristiger Strategien. 

Wir blicken auf jeden Fall gespannt auf die aktuelle Legislaturperiode und sehen großes Potenzial in Karin Priens bildungspolitischen Bestrebungen. Vielleicht markiert ihr Amtsantritt den Beginn eines echten Wandels – hin zu einer umfassenden Anerkennung von Kindertagesstätten als das, was sie längst sind: Bildungseinrichtungen. Und vielleicht heißt es in ein paar Jahren dann nicht mehr „Tag der Kinderbetreuung“, sondern „Tag der frühkindlichen Bildung“.

Quellen:

Berger, Manfred (2022, 7. Dezember). Geschichte des Kindergartens. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet. https://www.socialnet.de/lexikon/Geschichte-des-Kindergartens.

Franke-Meyer, D. (2023, 6. Dezember). Frühkindliche Bildung, Erziehung und Betreuung – eine Zeitleiste. bpb.de. https://www.bpb.de/themen/bildung/dossier-bildung/276523/fruehkindliche-bildung-erziehung-und-betreuung-eine-zeitleiste/.

Franke-Meyer, D. (2024, 5. September). Geschichte der frühkindlichen Bildung in Deutschland. bpb.de. https://www.bpb.de/themen/bildung/dossier-bildung/239356/geschichte-der-fruehkindlichen-bildung-in-deutschland/#:~:text=Erst%20einige%20Zeit%20sp%C3%A4ter%20erweiterte,achtete%20auf%20Kontinuit%C3%A4t%20zur%20Schule.

Gebauer, R. (2023, 5. April). Kitas und Kindererziehung in Ost und West. bpb.de. https://www.bpb.de/themen/deutsche-einheit/lange-wege-der-deutschen-einheit/47313/kitas-und-kindererziehung-in-ost-und-west/.

Warnke, M., Klopsch, B., Sliwka, A., Nicolaides, D., Hubig, S., Prien, K., Schopper, T. & Stiftung. (o. D.). BESSERE BILDUNG 2035.

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Der Kita-Platz-Ausbau: Städtebauliche Verträge und die Herausforderungen des demographischen Wandels

Diese Woche wurde im Tagesspiegel eine bisher unbekannte und diskussionswürdige Zahl zur Kita-Platz-Situation in Berlin veröffentlicht: Jugendstaatssekretär Falko Liecke (CDU) erwähnte am 5. September in der 42. Sitzung des Ausschusses für Bildung, Jugend und Familie im Abgeordnetenhaus, dass zu Beginn des Kita-Jahres 2024/2025 etwa 34.300 Kita-Plätze ungenutzt seien, wovon der Tagesspiegel am 07. Oktober berichtete.

Diese Woche wurde im Tagesspiegel eine bisher unbekannte und diskussionswürdige Zahl zur Kita-Platz-Situation in Berlin veröffentlicht: Jugendstaatssekretär Falko Liecke (CDU) erwähnte am 5. September in der 42. Sitzung des Ausschusses für Bildung, Jugend und Familie im Abgeordnetenhaus, dass zu Beginn des Kita-Jahres 2024/2025 etwa 34.300 Kita-Plätze ungenutzt seien, wovon der Tagesspiegel am 07. Oktober berichtete. Wie diese Zahl, die im Juni noch bei 9.000 lag, zustande kommt, ist bislang noch nicht geklärt. Trotz dieser Unklarheiten wirft die Aussage eines Überschusses an Kita-Plätzen Fragen auf, denn die Fakten sprechen für sich: Die Geburtenzahlen sinken seit Jahren, zahlreiche Kita-Träger berichten von einer rückläufigen Nachfrage, und viele Einrichtungen stehen bereits vor dem Problem unbesetzter Plätze. Einige Kitas sind nun bestrebt, ihre freien Plätze zu belegen, während vor allem Kleinstträger sich bereits Sorgen um ihre wirtschaftliche Zukunft machen müssen, sollten sie dauerhaft nicht mehr alle Plätze vergeben können. Doch anstatt auf diese Herausforderung mit angepassten Maßnahmen zu reagieren, setzt die Stadt Berlin den Kita-Ausbau weiter fort.

In Zeiten des Kita-Platz-Mangels wurde in städtebaulichen Verträgen festgelegt, Kitas in Neubauprojekte zu integrieren, um die wachsende Nachfrage nach Betreuungsplätzen zu decken. Doch trotz des inzwischen rückläufigen Bedarfs werden weiterhin im Rahmen solcher Verträge neue Kitas gebaut. Dies führte allein zwischen 2023 und 2024 zu einem Anstieg der Kita-Plätze um 1,3 %. Um das Platzangebot an den tatsächlichen Bedarf anzupassen, setzt das Land Berlin auf verschiedene Beobachtungs- und Steuerungsinstrumente: Der Kindertagesstättenentwicklungsplan (KEP) 2023/2024 bis 2027/2028 analysiert die voraussichtliche Bevölkerungsentwicklung im Vergleich zum verfügbaren Platzangebot, um daraus den zukünftigen Bedarf an Kita-Plätzen zu ermitteln. Ergänzend dazu teilt der Kita-Förderatlas die Bezirksregionen Berlins in fünf Kategorien nach Dringlichkeit des Platzausbaus ein, um die Verteilung der Fördermittel zielgerichtet und bedarfsgerecht zu steuern. Infolgedessen wurden die Mittelvergabe bereits angepasst und der Kita-Ausbau entsprechend reduziert. (Allerdings wird kritisiert, dass diese Steuerungsinstrumente nicht flächendeckend genug sind und noch präziser auf die regionalen Unterschiede eingehen müssen, um den Kita-Platzausbau effizienter zu gestalten.) 

Dennoch befinden sich aktuell Maßnahmen zur Schaffung von 11.000 zusätzlichen Betreuungsplätzen bis 2027 in der Umsetzung, darunter auch Projekte, die auf Basis städtebaulicher Verträge realisiert werden. Städtebauliche Verträge werden oft Jahre im Voraus ausgehandelt und sind rechtsverbindlich, was eine nachträgliche Revision erschwert. Wie im KEP zu lesen ist liegt “[D]ie gemäß neuer Bevölkerungsvorausberechnung 2021-2040 zu erwartende Anzahl der Kinder unter 7 Jahren [...] deutlich unter der bisherigen Prognose. Bis zum Jahr 2027 wird nunmehr eine um rund 14.700 geringere Zahl von Kindern im Alter 0 bis unter 7 Jahren erwartet.”. Diese Differenz verdeutlicht, dass bei Abschluss der heute noch gültigen städtebaulichen Verträge von einem deutlich höheren Bedarf an Kita-Plätzen ausgegangen wurde. 

Die Mitglieder des Kitaverbands VKMK beobachten den fortgesetzten Ausbau mit wachsendem Unverständnis. Statt die finanziellen Mittel in die mancherorts benötigte Sanierung und Instandhaltung bestehender Einrichtungen zu investieren, fließen die Gelder weiterhin in den Bau neuer Kitas, für die es inzwischen kaum Nachfrage mehr gibt. Aus den Reihen des Verbands wird daher verstärkt eine nachhaltigere Verwendung öffentlicher Mittel gefordert. Lars Békési, Geschäftsführer des Verbandes, betont nachdrücklich: “Die Anpassung der Maßnahmen erfolgt nicht schnell genug, was zu einem gegenwärtig ineffizienten Umgang mit Steuergeldern führt. Anstatt diese sinnvoll und nachhaltig einzusetzen, werden sie zum Fenster rausgeworfen. Es wäre weitaus effizienter, die vorhandene Infrastruktur zu stärken oder nach nachhaltigen Lösungen zu suchen.” Ein möglicher Ansatz, der innerhalb des VKMK diskutiert wird, ist die Etablierung von Mehrgenerationenkonzepten. Durch diese Konzepte könnte die im Rahmen städtebaulicher Verträge geschaffene soziale Infrastruktur flexibel an die Herausforderungen des demografischen Wandels angepasst werden. Dies würde eine proaktive Vorbereitung auf unvorhergesehene Geburtenrückgänge sowie auf mögliche Anstiege der Geburtenzahlen ermöglichen. Gleichzeitig würden sowohl Senioren als auch Kinder von einem generationenübergreifenden Miteinander profitieren.

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Politik versus Praxis: Die Wichtigkeit lokaler Expertise in der frühkindlichen Bildung.

Der jüngste Kitagipfel verdeutlichte erneut die kritische Diskrepanz zwischen politischen Entscheidungen und ihrer Umsetzung in der frühkindlichen Bildung. In den letzten Jahren wiederholte sich dieses Muster: Entscheidungen wurden ohne Konsultation derjenigen getroffen, die die täglichen Herausforderungen in der frühkindlichen Bildung hautnah erleben. Wir brauchen ehrliche, offene Dialoge, um zielgerichtete Lösungen umsetzen zu können!

Hinhören und Hinsehen, für die richtigen Lösungsansätze in der frühkindlichen Bildung.

Im Zuge des letzten Kitagipfels wurde dem VKMK eines wieder deutlich: Die Diskrepanz zwischen politischen Entscheidungen und praktischer Umsetzung in der frühkindlichen Bildung ist eine Thematik von entscheidender Bedeutung. Wir haben es in den letzten Jahren leider viel zu oft erleben müssen; Politische Entscheidungen werden getroffen, ohne diejenigen zu konsultieren, die die täglichen Herausforderungen und Möglichkeiten in der frühkindlichen Bildung aus erster Hand erleben. Die Folge sind Maßnahmen, die oft an den Bedürfnissen der Kinder, Eltern und des pädagogischen Personals vorbeigehen.

Die Kita-Experten, bestehend aus Erzieher:innen, Leiter:innen und anderen pädagogischen Fachkräften, sowie vertretenden Verbänden, wie dem VKMK, bringen eine unverzichtbare Perspektive ein. Ihre Erfahrungen sind ein unschätzbares Kapital, das bei der Gestaltung von Richtlinien und Programmen berücksichtigt werden muss. Ihre Kenntnisse über die Entwicklung von Kindern, pädagogischen Bedürfnissen und praktischen Herausforderungen sind von unschätzbarem Wert für die Schaffung effektiver, nachhaltiger Bildungsstrukturen.

Die Kluft zwischen Politik und Praxis führt seit Jahren zu Problemen auf mehreren Ebenen:

  • Unzureichende Ressourcenallokation: Oftmals sind politische Entscheidungen nicht im Einklang mit den tatsächlichen Bedürfnissen der Kitas. Sie konzentrieren sich auf die Behebung akuter Symptomatiken und übersehen dabei, teilweise gänzlich, die Wurzel des Problems. Dies führt zu unzureichenden Lösungsansätzen, wie mangelnder Finanzierung und begrenzten Entwicklungsmöglichkeiten für die Fachkräfte und letztendlich auch die Kinder.

  • Mangelnde Berücksichtigung von pädagogischen Bedürfnissen: Die Entwicklung von Bildungsprogrammen ohne Einbeziehung der Kita-Experten kann dazu führen, dass die pädagogischen Anforderungen nicht erfüllt werden. Dies kann die Qualität der Bildung beeinträchtigen und langfristig die Bildungschancen der Kinder mindern.

"Wenn Du eine weise Antwort verlangst, musst Du vernünftig fragen." - Johann Wolfgang von Goethe.

Die Hohe Kunst des Zuhören ist gefragt, bei der Entwicklung nachhaltiger Lösungen. Wie es sich manifestieren kann, wenn dies nicht entsprechend umgesetzt wird, zeigen diese beiden Beispiele der vergangenen Monate:

Beispiel 1: Fachkräftemangel in der frühkindlichen Bildung

Ein exemplarisches Missverständnis zeigt sich in der Forderung nach mehr Stellen in der frühkindlichen Bildung. Das eigentliche Problem liegt nicht in einem Mangel an Stellenausschreibungen, sondern viel mehr in der Tatsache, dass es an qualifizierten Fachkräften mangelt, die sich bewerben oder langfristig in diesen Positionen bleiben möchten. Hierbei spielt die Unterfinanzierung eine entscheidende Rolle, indem sie die Arbeit vor Ort unattraktiv gestaltet, dass viele potenzielle Fachkräfte abgeschreckt werden. Die eigentliche Lösung erfordert daher eine deutlich stärkere Finanzierung, die die tatsächlichen Herausforderungen der Kitas berücksichtigt und die Attraktivität des Berufsstandes durch angemessene Wertschätzung steigert, sodass wir mehr Personal anziehen und langfristig halten können Der simple Stellenausbau wäre somit nicht die vollumfängliche Lösung.

Beispiel 2: Mangelnde Sprachentwicklung bei Kleinkindern

Ein weiteres Beispiel betrifft die mangelnde Sprachentwicklung bei Kindern vor dem Eintritt in das Grundschulalter. Politiker:innen neigen dazu, dieses Problem mit der Multilingualität vor Ort zu verknüpfen und fordern zuletzt sogar teilweise Einschränkungen im Bereich der Migration. Allerdings weisen pädagogische Fachkräfte seit Jahren darauf hin, dass sie unter den aktuellen Bedingungen ihr Bildungsangebot teilweise nicht vollständig ausführen können. Das pädagogische Fachpersonal leidet unter der Unterfinanzierung, die zu personellen Problemen und Überlastung führt, was wiederum die gezielte Förderung einzelner Kinder beeinträchtigt. Das dies symptomatisch in den Förderungsständen der Kinder sichtbar wird, war lediglich eine Frage der Zeit. Die eigentliche Lösung liegt erneut in einer deutlich stärkeren Finanzierung, die die finanziellen Bedürfnisse an die tatsächlichen Herausforderungen anpasst, dem Fachkräftemangel entgegenwirkt und gezieltere Förderungen zulässt.

Diese Beispiele sind lediglich zwei von vielen, die verdeutlichen, wie eine unzureichende Kommunikation mit den betroffenen Akteuren zu Trugschlüssen, falschen Lösungsansätzen und letztlich auch Fehlinvestitionen führt. Diese Situation ähnelt dem schnellen Überstreichen einer maroden Wand, ohne den eigentlichen Schaden an der Struktur zu beheben. Obwohl einige Lösungsansätze zunächst vielversprechend erscheinen mögen, bleibt das zugrundeliegende Problem ungelöst. Das temporäre "Lösen" der Situation erlaubt der eigentlichen Problematik sich weiter auszubreiten, was langfristig zu weitaus größeren Schäden und umfangreicheren Kosten führen kann. Eine effektive Lösung erfordert eine tiefgreifende Zusammenarbeit zwischen politischen Entscheidungsträgern und den Kita-Experten. Die Schaffung von Plattformen für regelmäßigen Austausch, die direkte Einbindung der Fachkräfte in Entscheidungsprozesse und die aktive Integration ihrer Perspektiven in politische Diskussionen sind von entscheidender Bedeutung. Unser Verband setzt sich seit vielen Jahren dafür ein, dass die freien Kitaträger, die wir vertreten, in ihren Bedürfnissen wahrgenommen, gehört und anerkannt werden. Wir nehmen es positiv zur Kenntnis, dass wir nun mehr in entsprechende Dialoge eingebunden werden. Dies repräsentiert symbolisch einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung. Wir möchten an dieser Stelle jedoch ebenso vehement betonen, dass diese Dialoge weit über die Symbolik hinausgehen müssen, um hier tatsächlich etwas zu bewirken. Ein ehrlicher Austausch, und insbesondere die Offenheit sich hier mit den Herausforderungen tatsächlich zielgerichtet auseinandersetzen zu wollen, ist absolut von Nöten, um schlussendlich auch tatsächliche, realistische Lösungen zu formen.

Nur durch eine enge Zusammenarbeit kann eine frühkindliche Bildungspolitik entwickelt werden, die den Bedürfnissen der Kinder gerecht wird und langfristig positive Auswirkungen auf die Gesellschaft hat.

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10 Jahre Kita-Rechtsanspruch – Fortschritte, Optimierungsbedarf und Herausforderungen

Anlässlich des 10-jährigen Jubiläums des Kita-Rechtsanspruchs möchten wir die reale Situation in Berlin betrachten und hierbei die Erfahrungen unserer eigenen Mitglieder sowie die statistische Situation der gesamten Kitaträger in Berlin beleuchten. 

Berlin, 01. August 2023 – Der Verband der kleinen und Mittelgroßen Kitaträger, mitsamt seiner Mitglieder, blickt zurück auf 10 Jahre seit Einführung des gesetzlichen Anspruchs auf einen Kita-Platz.

Anlässlich des 10-jährigen Jubiläums des Kita-Rechtsanspruchs möchten wir die reale Situation in Berlin betrachten und hierbei die Erfahrungen unserer eigenen Mitglieder sowie die statistische Situation der gesamten Kitaträger in Berlin beleuchten. 

Was hat sich im vergangenen Jahrzehnt in Berlin verbessert?

Der Kita-Rechtsanspruch für Kinder hat in den letzten zehn Jahren in Berlin zu einigen erfreulichen Fortschritten geführt. Eines der signifikantesten Ergebnisse ist die Schaffung zusätzlicher Kita-Plätze, um der steigenden Nachfrage gerecht zu werden. Im Jahr 2013 lag die Betreuungsquote für unter dreijährige Kinder bei 24,9 Prozent (Statistiken: Statista). Doch dank der Bemühungen der Stadt und ihrer Kitaträger ist diese Zahl auf etwa 35 Prozent gestiegen (Stand März 2022.)

Diese Steigerung von mehr als zehn Prozentpunkten zeigt, dass es gelungen ist, mehr Eltern den Zugang zu Betreuungsplätzen für ihre Kleinkinder zu ermöglichen. Dadurch erhalten Familien in Berlin mehr Flexibilität bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Der VKMK begrüßt diese Entwicklung natürlich sehr und sieht darin einen großen Schritt in die richtige Richtung. Dennoch dürfen wir nicht vergessen, dass es weiterhin Herausforderungen gibt, die angegangen werden müssen, um eine optimale und hochwertige Betreuung für alle Kinder zu gewährleisten. 


Wo gibt es noch Immer Optimierungsbedarf?

Trotz der erzielten Fortschritte gibt es in der Kinderbetreuung Berlins weiterhin Herausforderungen, denen wir uns stellen müssen. Die letzte Bertelsmannstudie hat gezeigt, dass immer noch geschätzte 20.000 Kitaplätze und 35.000 Fachkräfte in Berlin fehlen. Dieser Mangel an Kapazitäten und qualifiziertem Personal führt dazu, dass es nach wie vor lange Wartelisten gibt und viele Eltern Schwierigkeiten haben, eine passende Betreuungsmöglichkeit für ihre Kinder zu finden. Diese Betreuungslücke ist bei armutsgefährdeten Familien insgesamt noch größer. Fast 17 Prozent dieser Kinder bekamen 2020 keinen Platz in einer Kita, wobei der tatsächlich in Anspruch genommene Betreuungssatz hier bei gerade einmal 23 Prozent liegt - deutlich weniger als im Schnitt aller Familien. Die Betreuungsquote der 3- bis unter 6-Jährigen in Berlin musste insgesamt sogar einen Rückschritt verzeichnen. Während sie 2015 noch bei 95,5% lag, lag sie im Jahr 2022 nur noch bei bei 92,2 Prozent. (Statistiken: Statista).

Wir möchten ausdrücklich betonen, dass die engagierten Kitaträger in Berlin sich mit voller Leidenschaft und Hingabe für eine qualitativ hochwertige Kinderbetreuung, sowie das Erfüllen des Bildungsauftrages, einsetzen. Ihre Arbeit ist von unschätzbarem Wert und bildet eine unverzichtbare Säule in der gesamten Kinderbetreuungslandschaft der Stadt. Sie tragen maßgeblich dazu bei, dass Kinder bestmöglich gefördert und betreut werden und eine positive Entwicklung erfahren können. Trotz des außerordentlichen Engagements unserer Mitglieder sehen sich einige Kitaträger zunehmend mit Herausforderungen konfrontiert, die ihre Arbeit beeinträchtigen. Der Mangel an Ressourcen und eine steigende Arbeitsbelastung stellen dabei gravierende Probleme dar. Der Bedarf an qualitativ hochwertigen Betreuungsplätzen ist weiterhin hoch, und unsere Mitglieder sind bemüht, diesem Bedarf gerecht zu werden. Jedoch sehen sie sich aufgrund begrenzter Ressourcen und personeller Engpässe in einigen Fällen nicht in der Lage, die Nachfrage in vollem Umfang zu decken. Es besteht daher - nach wie vor - dringender Handlungsbedarf, um die Rahmenbedingungen für unsere Kitaträger zu verbessern und sicherzustellen, dass sie ihre wertvolle Arbeit unter optimalen Bedingungen leisten können. Dazu gehört unter anderem eine angemessene finanzielle Unterstützung, um die nötigen Ressourcen bereitzustellen und eine qualitativ hochwertige Betreuung zu gewährleisten. Zudem müssen gezielte Maßnahmen ergriffen werden, um den Fachkräftemangel zu beheben und das pädagogische Personal zu entlasten.

Es ist wichtig, dass der Kita-Rechtsanspruch nicht nur auf dem Papier besteht, sondern auch in der Praxis vollumfänglich umgesetzt werden kann, damit Eltern in Berlin eine echte Wahl haben, wenn es um die Betreuung ihrer Kinder geht. Der VKMK wird sich auch weiterhin aktiv für die Interessen unserer Mitglieder einsetzen und gemeinsam mit den zuständigen Behörden nach Lösungen suchen, um die Situation in der Kinderbetreuung zu verbessern. Es ist uns ein Anliegen, dass unsere Kitaträger die Anerkennung und Unterstützung erhalten, die sie verdienen, damit sie ihre wichtige Aufgabe als verlässliche und qualitätsorientierte Betreuungseinrichtungen weiterhin erfolgreich erfüllen können.



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Ein großes B für Frühe Bildung ist nicht erkennbar

Der Doppelhaushalt 22/23 ist heute im Berliner Abgeordnetenhaus verabschiedet worden. Ein großes B für Frühe Bildung ist leider nicht erkennbar. Zum einen wurde im Bildungshaushalt gesparrt anstatt zu investieren. Zum anderen wurde die erste Bildungseinrichtung – Kita – in diesem Ressort wieder einmal vernachlässigt.

Der Doppelhaushalt 22/23 ist heute im Berliner Abgeordnetenhaus verabschiedet worden. Ein großes B für Frühe Bildung ist leider nicht erkennbar.

Koalition beglückwünscht sich

Die Linksfraktion zog ein zufriedenes Fazit: „Wir wollen allen, die in Berlin leben, gleiche Lebenschancen und Teilhabe bieten. Mit dem nun ausverhandelten Haushalt für die Jahre 2022/2023 wollen wir diesen Grundsatz in konkrete Politik umsetzen.“ Ebenso lobte die Fraktion der Bündnis-Grünen den Haushalt: „Wir sind sehr froh, so viele grüne Projekte damit pushen zu können. Mit diesem Haushalt bringen wir öko und sozial zusammen!“ Und auch die Sozialdemokraten fanden anerkennende Worte für das Verhandlungsergebnis: „Wir sparen uns nicht aus der Krise.“

Aus Sicht der Berliner Kita-Kinder, unserer Kita-Teams und der Freien Kita-Träger ergibt sich allerdings ein ganz anderes Bild. Zum einen wurde im Bildungshaushalt gesparrt anstatt zu investieren. Zum anderen wurde die erste Bildungseinrichtung – Kita – in diesem Ressort wieder einmal vernachlässigt.

Was fehlt im Haushalt für Bildung, Jugend und Familie?

Zwar wird der vorangegangene Kitaausbau von allen drei beteiligten Regierungsparteien im Bereich der Frühen Bildung ausdrücklich gelobt, doch hält selbst dieser Punkt einer genauen Betrachtung nicht Stand.

Keine Anpassung der Fördergelder für den Bau von Kitaplätzen

Seit Monaten und Wochen verweisen wir auf die tatsächlichen Kosten im Kita-Ausbau sowie die damit verbundene wachsende Herausforderung des Fachkräftemangels – die eben nicht nur in Schulen besteht.

Die zusätzlichen 15 Mio. Euro für den Kita-Ausbau können keine wesentliche Wirkung entfalten. Trotz steigender Baukosten hält der Senat bei der Planung an alten Baukosten fest. Hierbei wird in Gänze ignoriert, dass das Land Berlin für seine Modullbaukitas vor den Preisteigerungen der letzten Jahre einen Preis von über 60.000 Euro pro Kita-Platz bezahlen musste. Daher ist die veranschlagte durchschnittliche Baukostenförderung seitens des Senats für Freie Träger in Höhe von 20.000 Euro[1] in keiner Weise gerechtfertigt. Vielmehr erwarten wir hier eine Anpassung der Fördermittel und vorallem der Festschreibung einer regelmäßigen Anpassung gemäß dem Baukostenindex.

Kitasozialarbeit wird aufgeschoben

Für die Verbesserung der Rahmenbedingungen in der pädogoischen Arbeit fehlen gezielte Investitionen. So wollten die Regierungsparteien zum Beispiel im Koalitionsvertrag noch eine Kitasozialarbeit für alle Einrichtungen „prüfen“[2].Im Haushalt wurde jedoch nur ein bescheidenes Pilotprojekt verankert, als müssten noch Erkenntnisse zum Nutzen der Kitasozialarbeit gesammelt werden. Die Brennpunktzulage wird hingegen verlängert, die aufgrund ihrer lokal begrenzten Ausrichtung nicht alle Kinder erreicht. Hier wird eine notwendige Investition zu Lasten der Bildungschancen aller Kinder verschoben. Aus unserer Sicht ist eine Investition in eine flächendeckende Kitasozialarbeit zielführender, da spätere teure Folgekosten in der Schule erspart werden.

Mittelbare pädgogische Arbeit wird nicht voll angerechnet

Ebenso wird die komplette Anrechnung der mittelbaren pädagogischen Arbeit in den Betreuungsschlüssel in diesem Haushalt nicht berücksichtigt. Diese wichtige mittelbare pädagogische Arbeit muss aber auch notwendigerweise angerechnet werden. Hier hätten wir als wichtiges Signal an alle Kita-Teams eine weitere Verbesserung erwartet.

Ungerechte Hauptstadtzulage bleibt bestehen

Hinzu kommt die weiterhin bestehende ungleiche Bezahlung mittels der Hauptstadtzulage. Es werden nur die Fachkräfte in landeseigenen Einrichtungen mit dieser Zulage bedacht. Ohne spürbare Verbesserungen der Arbeitsbedingungen wird allerdings die Abwanderungen in andere Berufsfelder anhalten und sich somit der Fachkräftemangel weiter erhöhen.

Aktuelle Preissteigerungen werden nicht refinanziert

Zu den Rahmenbedingungen gehören auch die Sachkosten einer Kita, wie beispielsweise Gewerbemiet-, Energie- und Wasserkosten. Allerdings werden die aktuellen, massiven Kostensteigerungen für die Bewirtschaftung der Kitaräume in diesem Haushalt ebenso ignoriert, wie die seit Jahren bestehende Unterfinanzierung der Freien Träger. Neben den Preissteigerungen der übrigen Sachkosten sind hier vor allem die enormen Steigerungen der Energiekosten von 22,5% im März 2022 gegenüber dem Vorjahresmonat zu nennen. Insgesamt werden die 2021 beschlossenen Anpassungen von 6,66% über einen Zeitraum von vier Jahren allein von der aktuellen Inflation von 7,9% (Stand: Mai 2022) überboten.

Herstellungskosten für die Verpflegung sind nicht gedeckt

So reichen die veranschlagten Gesamtgelder inklusive das seit elf Jahren unveränderten Teilentgeld der Eltern i.H.v. 23 Euro für die ausgewogene und gesunde Verpflegung bei Weitem nicht mehr aus. In diesem Jahr sind die Preise innerhalb der Branche erneut gestiegen und einem unserer Träger wurde bereits eine Erhöhung der aktuellen Preise um weitere 9,2% angekündigt. Um die tatsächliche Preisexplosion abzufangen, müsste die Gesamtgelder seit spätestens Februar 2022 um min. 35% angepasst werden.

Fehlende Anpassungsverhandlung bedroht bestehende Kitaplätze

Trotz unserer frühzeitigen Hinweise (bspw. LINK), schnell zu reagieren, um schwere wirtschaftliche Schieflagen der Kleinen Kita-Trager abzuwenden, die  in letzter Konsequenz den Verlust von Kita-Plätzen bedeuten, werden die Freien Träger auf eine mögliche Anpassung zum 1.1.2023 vertröstet. Doch auch die Erhöhung im Januar 2023 wird die drastische Unterfinanzierung der Freien Träger nicht beheben.

Senat spart sich im Bereich der frühen Bildung in die Krise

Lars Békési, Geschäftsführer VKMK: „Die Berliner Kitas brauchen bessere Rahmenbedingungen, um die bestehenden Kitaplätze zu sichern zu können. Dazu gehören Entlastungen und Verbesserungen, wie die komplette Anrechnung der mittelbaren pädagogischen Arbeit, eine allgemeine Kitasozialarbeit sowie eine Sprachförderung für jedes Kind anstatt irgendwelcher Quoten zur nicht-deutschen Herkunft. Ebenso muss die weiter ansteigende Unterfinanzierung der Freien Kita-Träger durch das Land Berlin beendet werden. Dazu müssen jetzt Anpassungsverhandlungen zur RV-Tag aufgenommen werden, um den Preisexplosionen Rechnung zu tragen. Kurzfristig müssen die Berliner Kitas in das derzeit diskutierte Belastungsmoratorium aufgenommen werden, um Insolvenzen zu abzuwenden“.

[1] Max. 30.000 Euro Förderung pro zuschaffenden Kitaplatz

[2] „Die Koalition setzt Elternarbeit fort und prüft die Einführung von Kita-Sozialarbeit durch pädagogische Fachkräfte“. , Seite 103, Zukunftshauptstadt Berlin. Koalitionsvertrag 2021-2026

 

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Stellungnahme VKMK Stellungnahme VKMK

Anhörung des VKMK im Ausschuss für Bildung, Jugend und Familie des Abgeordnetenhauses

Am heutigen Donnerstag, den 2. Juni findet die 9.Sitzung des Ausschusses für Bildung, Jungend und Familie des Abgeordnetenhauses statt, zu der unser Geschäftsführer Lars Békési als Anzuhörender eingeladen wurde.

Am heutigen Donnerstag, den 2. Juni findet die 9.Sitzung des Ausschusses für Bildung, Jugend und Familie des Abgeordnetenhauses statt, zu der unser Geschäftsführer Lars Békési als Anzuhörender eingeladen wurde.

Kitaplatz-Ausbau

Dabei werden zwei Fragestellungen behandelt werden. Zuerst: „Voraussetzungen für die Umsetzung des Kitaentwicklungsplanung 2022/23: Was wird benötigt?“

Bei dieser Frage geht es im Wesentlichen um den Kita-Ausbau. Die Kosten im Baugewerbe sind bereits in den zehn Jahren vor der Pandemie kontinuierlich gestiegen. Das wird am Baupreis-Index deutlich, der in diesem Zeitraum einen Anstieg von 29 Prozentpunkte verzeichnete. 

Diese Situation hat sich in den vergangenen Monaten noch verschärft. Durch die Pandemie und zuletzt durch den Krieg in der Ukraine sind die Baupreise noch stärker als in den Vorjahren angestiegen. 

Im Vergleich zum Vorjahresmonat stiegen die Preise für Baumaterialien signifikant an: 

  • Bauholz: 39,4%

  • Kraftstoffe: 54,7%

  • Bitumen: 69%

  • Betonstahlmatten: 71,6%

  • Betonstahl (Stäbe): 79% 

Daraus folgt, dass die Kosten für den Bau eines Kitaplatzes um ein Vielfaches höher sind, als die vom Senat veranschlagten Gelder zur Förderung des Platzausbaues. Die kommenden Baukosten werden selbst die bisherigen Baukosten pro Kitaplatz des Landes Berlin für deren Modulbaukitas übersteigen. Deshalb werden die im derzeitigen Doppelhaushalt bereitgestellten Gelder von 56 Millionen Euro nicht ausreichen.

Neben den Baukosten sind zugleich auch die Kosten für die Verpflegung erheblich gestiegen, wie wir in der Vergangenheit mehrfach berichtet haben.

Um insbesondere kleinen und mittelgroßen Kitaträgern, die 50 % aller Kitaplätze in Berlin bereitstellen, die qualitätvolle Bildungsarbeit für Ihre Kinder zu sichern, bedarf es neben einer kurzfristigen Sonderzahlung auch einer langfristigen Anpassung der gesetzlichen definierten Obergrenze für pädagogische Zusatzleistungen.

Fachkräfte-Mangel

Das zweite Thema geht aus einer Frage der CDU-Fraktion hervor und betrifft die Benachteiligung der Beschäftigten Freier Kita-Träger durch den Senat. Diese wird durch Sonderzahlungen und Zulagen wie der „Hauptstadtzulage“ und ähnlichem verursacht. Es bleibt abzuwarten, wieviel Zeit der auf fünf Minuten begrenzten Anhörung für das zweite Thema übrigbleiben wird und ob die Abgeordneten die Chance für Nachfragen nach dem Vortrag nutzen werden.

Grundsätzlich gibt es keinen Kitaausbau ohne entsprechende Fachkräfte für ein multiprofessionelles Kita-Team. Das wird deutlich am Beispiel Lichtenbergs:

Bei der derzeitigen Baugeschwindigkeit im Bezirk könnten die benötigten Plätze fast komplett gebaut werden. Allerdings sind jetzt schon 1.144 Kitaplätze aufgrund fehlender Fachkräfte nicht besetzt, sodass die Zahl der in Betrieb stehenden Kitaplätze stagniert.

Wie dieses Beispiel deutlich zeigt, muss der Kita-Ausbau mit einem Anstieg der zur Verfügung stehenden qualifizierten Fachkräfte einhergehen.

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Kita nach Zahlen VKMK Kita nach Zahlen VKMK

KITA nach Zahlen #3

Wir fordern den Senat auf, ein schlüssiges Konzept für den Kitaplatz-Ausbau vorzulegen!

Derzeit verhandelte Doppelhaushalt 2022/2023 sieht nur 54 Mio. Euro für den Kitaplatz-Ausbau vor. Es ist für uns nicht ersichtlich, wie die benötigten Kitaplätze mit diesem Doppelhaushalt in den nächsten fünf Jahren geschaffen werden sollen und fordern den Senat auf, ein schlüssiges Konzept für den Kitaplatz-Ausbau vorzulegen.

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