Fünf Tage, viele Eindrücke: Unterwegs in Sloweniens Bildungslandschaft
“Es ist immer empfehlenswert, einen Blick über den Tellerrand zu wagen und in andere Länder zu schauen, Bildungssysteme in unterschiedlichen Teilen unserer Erde zu vergleichen und dabei das eigene Bildungssystem nicht als das ultimativ beste anzusehen. Wer sich diese Offenheit bewahrt, kann viel lernen und verbessern.“
Mit diesen Worten ermuntert Grit Nierich, Geschäftsführerin des VKMK-Mitglieds Kleiner Fratz und erste Vorsitzende des VKMK, regelmäßig dazu, das Angebot von Erasmus-Reisen wahrzunehmen - und bringt damit zugleich zum Ausdruck, was viele weitere Mitglieder des VKMK motiviert, weltweit in unterschiedliche Kita- und Bildungssysteme einzutauchen.
Und damit ihr ebenfalls einen Einblick in verschiedene Bildungssysteme erhalten könnt, hat uns Grit Nierich mit auf ihre Erasmus-Reise in die slowenische Stadt Maribor genommen, organisiert von der Gesellschaft für Europabildung. Zu ihren Erwartungen an die Reise sagte sie: “Mich hat natürlich besonders interessiert, wie das Bildungssystem - speziell die frühkindliche Bildung - organisiert ist, ebenso wie das Ausbildungssystem und wie sich diese Bereiche in den vergangenen 30 Jahren verändert haben.”
Über fünf Tage hinweg hat Grit gemeinsam mit weiteren Erasmus-Teilnehmer:innen Kitas, Universitäten und Museen in und um Maribor besucht und sich ein umfassendes Bild gemacht. Seid gespannt!
“Wie auch bei uns beginnt Bildung freiwillig bereits in der Kita”, erklärt sie. Die Betreuungsquote unterscheidet sich jedoch in Teilen deutlich von der in Deutschland. Bei den über Dreijährigen gibt es nur geringe Abweichungen: In Deutschland besuchen etwa 95% der Kinder eine Kita, in Slowenien liegt der Anteil bei rund 93%. Deutlich größer ist der Unterschied bei den unter Dreijährigen: In Slowenien besuchen etwa 72% der Kinder unter drei Jahren eine Kita, in Deutschland sind es rund 37%.
“Nach der Kita folgt die Schule, die obligatorisch bis zur 9. Klasse besucht werden muss und in drei Zyklen unterteilt ist.” Die Zyklen verfolgen eine ähnliche Struktur wie das Stufensystem in Deutschland: Basiswissen, Erweiterung des Basiswissens und fachliche Vertiefung. “Nach der 9. Klasse stehen dann unterschiedliche Möglichkeiten zur Verfügung. Entweder kann man eine weiterführende Schule besuchen, mit der Option auf ein anschließendes Studium, oder man entscheidet sich für den Ausbildungsweg”, beschreibt Grit das slowenische Schulsystem.
Auch im Kita-Alltag zeigen sich andere Strukturen als in Deutschland. Während hierzulande eine zunehmende Abkehr von klar strukturierten Gruppenangeboten hin zu offeneren - insbesondere teiloffenen - Konzepten zu beobachten ist, ist der Alltag in einer slowenischen Kita tendenziell durch fest verankerte Abläufe geprägt, wie Grit berichtet. “Sowohl das tägliche Bildungsangebot als auch der gesamte Kita-Alltag sind stark strukturiert. In den Innenräumen gab es wenig Freispiel. Beim täglichen Aufenthalt im Freien bestimmte hingegen das freie Spiel. Fest im Tagesablauf integriert sind neben den Zeiten im Freien auch Frühstück-, Mittagessen- und Vesper-Angebote, ergänzt durch ein tägliches Obstfrühstück.”
In einer Kita-Gruppe werden dabei in der Regel etwa 20 Kinder betreut. “Für jede Gruppe ist eine pädagogische Fachkraft zuständig, die von einer Assistenzkraft unterstützt wird”, erklärt Grit. Auch Kinder mit Integrationsbedarf werden in den Regelgruppen inklusiv betreut. “Meist erhalten sie zusätzlich noch individuelle Unterstützung und Einzelförderung. Es gibt jedoch auch Sondereinrichtungen speziell für Kinder mit Behinderungen, in denen ein tägliches Bildungsangebot für alle Kinder einer Gruppe gemeinsam geboten wird. Dabei decken die Bildungsangebote alle relevanten Bereiche der frühkindlichen Bildung und Entwicklung ab. Insgesamt ist die gesellschaftliche Wahrnehmung von Inklusion und Integration ähnlich wie bei uns”, schildert sie die Integrationsarbeit in Sloweniens Kitas.
Neben der pädagogischen Arbeit innerhalb der Einrichtungen unterscheidet sich auch die Zusammenarbeit mit den Eltern von der in Deutschland, wie uns Grit erläutert: “Erziehungspartnerschaften nehmen in der frühkindlichen Bildungsarbeit keine allzu große Rolle ein. Es gibt keine enge Verflechtung zwischen Kitas und Eltern. Die Eltern sind nicht so nah dran am Geschehen.”
Besonders positiv bewertet Grit ihre Einblicke in die pädagogische Ausbildung in Slowenien: “Das Curriculum für die Ausbildung ist sehr gut. Für jeden Bereich wird auch Methodik und Didaktik gelehrt. Ein Aspekt, den ich auf jeden Fall mit nach Deutschland nehmen werde.”
Rückblickend auf ihre Reise nimmt Grit noch viele weitere Impulse mit: “Zunächst einmal muss ich sagen, dass Hospitationen in Kitas - so wie wir es in Slowenien gemacht haben - deutlich mehr Einblicke liefern als reine Besuche. Das hat mir in der Organisation der Erasmus-Reise sehr gut gefallen.” Auch für sich selbst und ihre Arbeit konnte Grit wertvolle Inspirationen gewinnen, die sie zurück in Deutschland umsetzen möchte: “Die Struktur und die Regelangebote, die in den slowenischen Kitas zu finden waren, möchte ich stärker in meine Arbeit integrieren. Denn wenn man sich beispielsweise die Pisa-Ergebnisse in Deutschland ansieht, bringt unsere aktuelle Bildungsarbeit - sowohl in Schulen als auch in Kitas - nicht die besten Ergebnisse. Ich denke, eine ausgewogene Mischung aus selbstbestimmtem Lernen und Lernen in der Gruppe würde die Bedarfe der Kinder eher abdecken, als es bislang der Fall ist. Abgesehen davon möchte ich auch den täglichen Aufenthalt im Freien stärker in unseren Kitas etablieren.”
Neben den fachlichen Eindrücken hat sie noch eine weitere Beobachtung besonders überrascht: “Viele Menschen können Deutsch - entweder haben sie es über das Fernsehen gelernt oder durch ihre Arbeit in Österreich.“
Damit wird deutlich, dass die Reise für Grit weit über die pädagogischen Einblicke hinausging und ein Blick über den Tellerrand auf vielen Ebenen bereichern kann - sei es, um neue Kulturen kennenzulernen, sprachliche Besonderheiten anderer Länder zu erleben, Bildungssysteme zu vergleichen oder konkrete Impulse für die eigene Praxis zu gewinnen.