Hochbegabt in der Kita: Wenn kleine Köpfe groß denken
Ob der leicht schrullige Erfinder Dr. Emmett Brown aus Zurück in die Zukunft, der sozial unbeholfene Sheldon Cooper aus The Big Bang Theory oder auch der exzentrische Sherlock Holmes aus der gleichnamigen Serie - sie alle verbindet ein bestimmtes Merkmal: Hochbegabung. Alle drei sind Charaktere mit einer außergewöhnlich hohen Intelligenz und verkörpern Archetypen für die mediale Darstellung von Hochbegabung: exzentrisch, eigenwillig, sozial etwas unbeholfen, meist einzelgängerisch und stets ein wenig zwischen Genie und Wahnsinn schwankend.
Ob der leicht schrullige Erfinder Dr. Emmett Brown aus Zurück in die Zukunft, der sozial unbeholfene Sheldon Cooper aus The Big Bang Theory oder auch der exzentrische Sherlock Holmes aus der gleichnamigen Serie - sie alle verbindet ein bestimmtes Merkmal: Hochbegabung. Alle drei sind Charaktere mit einer außergewöhnlich hohen Intelligenz und verkörpern Archetypen für die mediale Darstellung von Hochbegabung: exzentrisch, eigenwillig, sozial etwas unbeholfen, meist einzelgängerisch und stets ein wenig zwischen Genie und Wahnsinn schwankend.
Damit liefern uns die Medien ein sehr einseitiges Bild von Hochbegabung - ein Bild, das nicht unbedingt der Wirklichkeit entspricht, welches vielleicht humoristisch gut gelungen sein mag, der Hochbegabung jedoch nicht gerecht wird. Und ein Bild, das dennoch unsere Auffassung von Hochbegabung maßgeblich prägt. Wir möchten daher heute einen anderen, etwas weiteren Blick auf Hochbegabung werfen - mit einem Fokus auf Hochbegabung im frühen Kindesalter und natürlich der Frage, wie dies in der frühkindlichen Bildung erkannt und gefördert werden kann.
Hochbegabung: Definition, Dimensionen, Deutung
Wie der Begriff “Hochbegabung” schon nahelegt, beschreibt er die Eigenschaft, besonders begabt zu sein. Zumeist verbinden wir dies mit einem sehr hohen IQ, also einer ausgeprägten kognitiven Leistungsfähigkeit. Doch tatsächlich kann sich Hochbegabung in verschiedenen Dimensionen zeigen: Man kann etwa im künstlerischen, musischen, kreativen oder sportlichen Bereich hochbegabt sein, ebenso sind soziale, emotionale oder psychomotorische Hochbegabungen möglich. Eine Begabung in einem dieser Bereiche - beispielsweise im Künstlerischen - bedeutet dabei nicht automatisch, dass man auch in anderen Gebieten eine außergewöhnliche Begabung hat. Allen Formen der Hochbegabung ist jedoch gemeinsam, dass die betreffende Person besonders schnell und meist mühelos außergewöhnliche Leistungen im entsprechenden Bereich erzielt. Im Folgenden werden wir uns jedoch primär auf die kognitive Hochbegabung konzentrieren.
Um Hochbegabung zu definieren, wird meist eine psychometrische Definition herangezogen, die auf dem Intelligenzquotienten (IQ) basiert. Ein etablierter Grenzwert für die Diagnose von Hochbegabung ist ein IQ von über 130 - ein Wert, den nur etwa 2% einer Altersgruppe erreichen. Diese Definition ist jedoch umstritten, insbesondere in Bezug auf Kinder, denn zum einen gibt es im Alltag kaum merkliche Unterschiede zwischen Kindern mit einem IQ von 125 und solchen mit einem IQ von über 130. Zum anderen ist der Kreis der Kinder, die deutlich überdurchschnittliche Fähigkeiten aufzeigen, wesentlich größer als diese 2%. Und gerade für Kita-Kinder gilt zudem, dass sie sich noch ganz am Anfang ihrer Entwicklung befinden. Eine Messung des IQs ist in diesem Alter daher nur bedingt aussagekräftig. Aussagekräftiger sind hier viel eher ein klar erkennbarer Entwicklungsvorsprung gegenüber Gleichaltrigen sowie ein wahrgenommenes Potenzial, das auf eine mögliche Hochbegabung hindeutet.
Hochbegabung im Kita-Alter erkennen und verstehen
Wie also genau zeigt sich Hochbegabung im Kita-Alter und an welchen Punkten lässt sie sich festmachen?
Hochbegabung kann sich in diesem Alter auf ganz unterschiedlichen Ebenen bemerkbar machen. Entscheidend ist dabei stets der Vergleich zu Gleichaltrigen und zur alterstypischen Entwicklung. Beginnen wir zunächst einmal mit den kognitiven Merkmalen.
Anzeichen für Hochbegabung
Ein mögliches Anzeichen für Hochbegabung ist schnelles und effektives Lernen: Das Kind eignet sich neues Wissen in hoher Geschwindigkeit an, erfasst Informationen schnell, verarbeitet sie effizient und kann sich Inhalte - unabhängig von ihrer Komplexität - leicht merken. Dies kann sich beispielsweise darin zeigen, dass das Kind frühzeitig die Uhr lesen kann. Ein weiteres Merkmal kann ein ausgeprägtes logisches Verständnis sein. Dieses wird etwa in kognitiven Transferleistungen deutlich: dem Erkennen von Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen, der Übertragung von Denk- und Lösungsstrategien auf neue Fragestellungen, dem Verknüpfen von Informationen sowie der Fähigkeit, komplexe Probleme eigenständig zu lösen. So kann ein Kind beim Bauen eines Turms mit Klötzen erkennen, dass manche Klötze schwerer und größer sind als andere. Es versteht, dass der Turm umkippen wird, wenn diese schweren Klötze oben verbaut werden und entscheidet sich deshalb , zunächst ein stabiles Fundament zu legen und den Turm nach oben hin schmaler zu gestalten.
Nicht selten zeichnen sich hochbegabte Kinder zudem durch einen großen Wissensdurst und eine ausgeprägte Neugier aus. Sprachlich verfügen sie häufig über einen umfangreichen, altersuntypischen Wortschatz, verwenden komplexe Satzstrukturen und erkennen feine Bedeutungsnuancen in der Sprache. In Gesprächen können sie differenziert und logisch argumentieren. Manche zeigen bereits früh Interesse am Lesen und Schreiben oder beherrschen diese Fähigkeiten bereits. Allerdings ist hierbei hinzuzufügen, dass dies kein Alleinstellungsmerkmal für Hochbegabung ist. Denn viele Kinder entwickeln vor Schuleintritt ein solches Interesse und bringen sich Lesen und Schreiben teilweise selbst bei. Aber meistens basiert dies auf Imitation, indem sie etwa Buchstaben kopieren und nachzeichnen oder beim Lesen anhand bereits bekannter Buchstaben ganze Wörter erraten. Bei hochbegabten Kindern geschieht dieser Prozess jedoch oft sinnerfassend und selbstständig. Ähnliches gilt für mathematische Fähigkeiten: Zwar begeistern sich viele Kinder im Kita-Alter für Zahlen und Rechenaufgaben, doch hochbegabte Kinder zeigt hier in der Regel ein tieferes, altersuntypisches Verständnis mathematischer und logischer Zusammenhänge, welches sie eigenständig erworben haben.
Auch die Interessen des Kindes können sich deutlich von denen seiner Altersgenossen entscheiden. So zeigen hochbegabte Kinder oft schon früh eine Faszination für komplexe, ethische oder philosophische Fragestellungen - wie etwa zu Leben und Tod, Politik, Gerechtigkeit oder auch Umweltfragen.
Sozial-emotionale Aspekte
Nun wissen wir etwas mehr darüber, wie sich Hochbegabung im Kita-Alltag zeigen kann. Doch wie steht es eigentlich um die sozial-emotionalen Merkmale? Bringen hochbegabte Kinder - ähnlich wie die eingangs beschriebenen medialen Charaktere - tatsächlich auch eine gewisse Eigenwilligkeit, Exzentrik, soziale Unzulänglichkeit und Isolation mit sich?
In der Forschung wird ein solches Bild nicht bestätigt. Zwar kann es durchaus vorkommen, dass ihr Wissensdurst und ihre altersuntypische Ausdrucksweise bei anderen für Verwunderung und vielleicht auch Unverständnis sorgen. Manche hinterfragen zudem gerne Autoritäten - oft aus einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn heraus - oder haben einen starken Wunsch nach Mitbestimmung, besonders in eigenen Angelegenheiten. Ebenso ziehen es hochbegabte Kinder oft vor, sich lieber mit älteren Kindern oder Erwachsenen zu unterhalten und zu spielen als mit Gleichaltrigen, aufgrund einer besseren kognitiven Passung. Doch psychische oder soziale Auffälligkeiten im Zusammenhang mit Hochbegabung konnte die Forschung nicht nachweisen.
Wird einem hochbegabten Kind jedoch vermittelt, dass seine Hochbegabung und die damit verbundenen Fähigkeiten “nicht normal” seien, oder wird es nicht angemessen gefördert und in seinen Bedürfnisse unterstützt, kann dies mitunter zu Frustration, Unterforderung, geringem Selbstwertgefühl, Leistungsverweigerung, Isolation oder Rückzug führen. Aus diesem Grund ist es besonders wichtig, auch hochbegabte Kinder in ihren individuellen Bedürfnissen ernst zu nehmen und gezielt zu fördern.
Die asynchrone Entwicklung
Ebenfalls ist es eine falsche Annahme, dass eine hochbegabte Person - insbesondere im Kindesalter - in allen Bereichen überdurchschnittlich begabt ist. So kann ein Kind, das sprachlich weit voraus ist und vielleicht schon eigenständig lesen kann, gleichzeitig einen motorischen Förderbedarf haben. Dieses Phänomen wird als asynchrone Entwicklung bezeichnet. Oft werden solche Unterschiede als nicht stimmig und widersprüchlich empfunden: dem Kind wird vorgehalten, “es müsse das doch besser können”, oder seine besonderen Fähigkeiten werden relativiert. Beim Kind selbst können diese Entwicklungsunterschiede zu Frustration und Selbstzweifel führen, sei es aufgrund eigener Ansprüche an sich selbst oder wegen der Erwartungshaltung anderer. Wichtig ist daher, solche Unterschiede als normal zu akzeptieren, um das Kind in seiner Entwicklung nicht zu hemmen oder zu verunsichern.
Warum im Kita-Alter Beobachtung oft mehr verrät als ein Test
Besteht die Vermutung auf Hochbegabung, wird für eine genaue Diagnostik meist ein IQ-Test durchgeführt. Doch wie bereits erwähnt, ist dieser im Kita-Alter nur begrenzt aussagekräftig. Ein IQ-Test im frühen Kindesalter kann zwar durchaus aktuelle kognitive Stärken abbilden, liefert jedoch nur eingeschränkt Hinweise auf die langfristige Entwicklung. Und auch für die pädagogische Arbeit ist das Ergebnis eines IQ-Tests nur unzureichend gewinnbringend. Wesentlich hilfreicher sind gezielte Beobachtungen, Gespräche sowie ein Austausch zwischen Eltern, Kita und gegebenenfalls externe Fachleute wie Psycholog:innen, um das Kind umfassend zu verstehen und gezielt fördern zu können.
Bei der Beobachtung sollte der Fokus vor allem auf den Stärken des Kindes und den individuellen Bedürfnissen liegen, um nicht aufgrund einer asynchronen Entwicklung falsche Schlüsse zu ziehen. Sinnvoll ist es, das Kind in unterschiedlichen Situationen zu beobachten - möglichst unter Einbezug verschiedener Perspektiven und gegebenenfalls mithilfe einer videogestützten Analyse, mit anschließender kollegialer Fallberatung.
Für die Beobachtung können bewusst Anlässe geschaffen werden, die Rückschlüsse auf die kognitive Begabung des Kindes zulassen. Dies kann beispielsweise in Form von Problemlöseaufgaben geschehen, etwa wenn die Kinder Alltagsmaterialien, wie Papier, Stifte und Klebeband erhalten, mit der Aufgabe, daraus eine Brücke zu bauen, die ein Spielzeugauto tragen kann. Auch Projektarbeiten mit viel Freiraum zur Eigenständigkeit eignen sich - zum Beispiel der Bau eines Wasserfilters aus Naturmaterialien. Ebenso hilfreich sind Aktivitäten rund um ein besonderes Interessengebiet, wie etwa Dinosaurier.
In solchen Situationen lässt sich beobachten, wie das Kind mit den Aufgaben umgeht: ob es komplexe Aufgaben schnell begreift, selbstständig logische Schlussfolgerungen zieht, kreative Lösungen entwickelt, Ursache-Wirkung erkennt oder ob sein Wissen deutlich über dem altersgleichen Niveau liegt.
Auch Gespräche können wertvolle Hinweise auf die kognitiven Fähigkeiten liefern. Besonders hilfreich sind dabei offene Fragestellungen, die das Kind dazu anregen, Zusammenhänge zu erkennen, logisch zu argumentieren und seine Gedanken klar zu strukturieren. Solche Fragen können beispielsweise sein: “Warum denkst du, haben Ameisenbären so eine lange Nase?”, “Warum kippt der Turm, wenn wir den großen Holzklotz jetzt oben drauf legen?”, “Wie bist du auf diese Idee gekommen?” oder “Wie würdest du dieses Problem lösen, wenn wir jetzt kein Klebeband hätten?”
Zur Beobachtung eignen sich auch die gängigen Instrumente in Kitas, wie etwa Sprachlerntagebücher oder BeoKiz. Allerdings sind diese Verfahren meist stärker auf Entwicklungsrückstände ausgerichtet. Sie ermöglichen daher eine sehr gute Differenzierung im unteren Leistungsbereich, bieten jedoch kaum feine Unterscheidungsmöglichkeiten im oberen Bereich. Auch die allgemeine Beobachtung kann natürlich keine eindeutige Diagnose ersetzen - zumal sich die Kinder noch mitten in der Entwicklung befinden und viele zwar eine hohe Begabung und eine schnelle Aufgabenbewältigung zeigen,ohne tatsächlich hochbegabt zu sein. Dennoch sind solche Maßnahmen wertvoll, um die individuellen Bedürfnisse eines Kindes besser zu erkennen und eine stärkenorientierte Förderung zu ermöglichen - nicht nur für hochbegabte Kinder.
Wenn Hochbegabung unerkannt bleibt
Bleibt eine Hochbegabung bei einem Kind lange unentdeckt oder wird nicht angemessen gefördert, kann dies erhebliche Auswirkungen auf seine Entwicklung haben: Fehlt die Passung zwischen den Bedürfnissen des Kindes und den pädagogischen Angeboten, kann es sich unterfordert und gelangweilt fühlen. Häufig führt dies zu Frustration oder dem Druck, sich den anderen Kindern anpassen zu müssen. Ein Beispiel: Ein Kind verfügt aufgrund seiner Hochbegabung bereits über einen sehr großen Wortschatz und komplexe Satzstrukturen, die von den anderen Kindern jedoch nicht immer verstanden werden. Um dazuzugehören, passt es sich an, spricht nur noch in kurzen Sätzen und reduziert bewusst seine sprachlichen Fähigkeiten.
Langfristig können daraus negative Verstimmungen bis hin zu Depression, Entwicklungshemmungen und sogenanntes “Underachievement” entstehen. Unter “Underachievement” versteht man, wenn ein hochbegabtes Kind - oder allgemein eine überdurchschnittlich intelligente Person - deutlich unter seinen eigentlichen Möglichkeiten und Fähigkeiten bleibt. Meist zeigt sich dies im Schulalter, wenn eine dauerhafte Unterforderung besteht und die Leistungen messbar werden. Im Kita-Alter können sich erste Anzeichen von “Underachievement” durch Rückzug, Isolation, geringe Beteiligung an Aktivitäten, reduzierte Spielfreude und sinkende Motivation zeigen.
Inklusiv und partizipativ: Hochbegabte Kinder im Kita-Alltag fördern
Wie kann es also im Kita-Alltag sichergestellt werden, dass hochbegabte Kinder angemessen gefördert und unterstützt werden? Benötigt es dafür spezielle Konzepte?
Die gute Nachricht ist: Nein. Im Grunde genommen ist die Hochbegabtenförderung im Kita-Alter bereits Teil einer qualitativ hochwertigen frühkindlichen Bildung - vorausgesetzt sie wird inklusiv und partizipativ gestaltet.
Denn die Inklusionspädagogik basiert auf dem Prinzip, jedes Kind in seiner Einzigartigkeit zu sehen, seine individuellen Bedürfnisse und Fähigkeiten zu stärken und ihm die Möglichkeit zu geben, sein volles Potenzial zu entfalten. Das schließt alle Kinder ein - unabhängig davon, welchen Entwicklungsstand, Förderbedarf oder besondere Begabungen sie haben. Damit hochbegabte Kinder in diesem Rahmen qualitativ gefördert werden können, braucht es vor allem vier Voraussetzungen: Erstens eine fundierte Aufklärung über Hochbegabung, um Anzeichen frühzeitig zu erkennen und asynchrone Entwicklungen nicht fehlzudeuten. Zweitens eine reflektierte und wertschätzende Grundhaltung der pädagogischen Fachkräfte gegenüber den individuellen Fähigkeiten und Unterschieden der Kinder. Drittens eine gute Erziehungspartnerschaft mit den Eltern des Kindes sowie einen kontinuierlichen Austausch, um ein umfassendes Bild vom Kind zu erlangen. Und viertens eine stärkenorientierte Beobachtung, um Fördermaßnahmen passgenau und entwicklungsförderlich gestalten zu können.
Und ein erster wichtiger Ansatzpunkt für eine passgenaue Förderung ist die Partizipation. Durch den direkten und dialogischen Einbezug erhalten auch hochbegabte Kinder die Möglichkeit, ihre Bedürfnisse und Wünsche zu äußern und den Kita-Alltag aktiv mitzugestalten. Sie erleben, dass ihre Interessen und Perspektiven gehört und berücksichtigt werden, und werden gleichzeitig angeregt, über ihre eigenen Bedürfnisse zu reflektieren: Was möchte ich? Was ist umsetzbar? Was könnte auch den anderen Kindern gefallen? Zudem bietet eine partizipative Grundhaltung die optimale Voraussetzung für Offenheit gegenüber allen Themen, Fragen und Gesprächen. Wie bereits beschrieben, bieten sich gerade in solchen Gesprächs- und Diskussionsrunden hervorragende Möglichkeiten, Kinder mit gezielten, offenen Fragen zum Nachdenken, Schlussfolgern und Philosophieren anzuregen - etwa mit Fragen rund um das Thema Gerechtigkeit wie: “Was ist gerecht? Kann etwas für dich gerecht sein, aber für jemand anderen nicht?”.
Förderliche Aktivitäten und Rahmenbedingungen können darüber hinaus Projektarbeiten, Kleingruppenarbeiten, Aktivitäten rund um Interessensgebiete des Kindes sowie die Bereitstellung vielfältiger und unterschiedlich komplexer Materialien und Spiele sein. Doch die vielleicht wichtigste förderliche Aktivität ist das freie Spiel: Hier kann das Kind eigenständig auf seinem individuellen Niveau erkunden, erforschen und entdecken, eigene Ideen und Projekte entwickeln und das Spiel selbst an seine Bedürfnisse und Fähigkeiten anpassen. Für manche Kinder kann es zudem sinnvoll sein, zeitweise Kita-Gruppen mit älteren Kindern zu besuchen, um Spiel- und Gesprächspartner:innen zu haben, die sich auf einem ähnlichen kognitiven Niveau befinden. In Einzelfällen kann auch gemeinsam mit den Eltern eine frühere Einschulung erwogen werden - insbesondere, wenn das Kind bereits schulrelevante Fähigkeiten sicher beherrscht. Dennoch bietet gerade die Kita mit ihrem ganzheitlichen Bildungsansatz und der Ausrichtung auf individuelle Förderung den idealen Rahmen für hochbegabte Kinder.
So einfach und nahezu schon beiläufig dies klingen mag, ist es in der Praxis leider oft nicht. Denn wie bei der individuellen Förderung aller Kinder gilt auch hier: Gute Rahmenbedingungen sind entscheidend. Kleine Gruppen, ausreichend Personal und genügend Zeit sind Grundvoraussetzungen, um hochbegabte Kinder - ebenso wie alle anderen Kinder auch - angemessen fördern zu können. Sind diese gegeben, ist die Basis geschaffen, damit alle Kinder ihr volles Potenzial entfalten und ihren individuellen Lebens- und Bildungsweg bestmöglich beginnen können.
Quellen:
Arnold, D. & Preckel, F. (2011). Hochbegabte Kinder klug begleiten. Ein Handbuch für Eltern. Weinheim: Beltz.
begabt-hochbegabt.info - Hochbegabung bei Kindern. (n.d.). https://www.begabt-hochbegabt.info/hochbegabung/hochbegabung-erkennen/hochbegabung-bei-kindern/.
Dreger, B., & Thurmann, B. (2024). Wie es ist, hochbegabt zu sein. Herder.de. https://www.herder.de/kiga-heute/fachmagazin/archiv/2017-47-jg/11-12-2017/wie-es-ist-hochbegabt-zu-sein-kognitiv-begbate-kinder-erkennen-foerdern-begleiten-1/.
Koop, Christine (07.2017) Hochbegabte Kinder in der Kita – Grundlagen für die Elternberatung. KiTa Fachtexte. https://www.kita-fachtexte.de/fileadmin/Redaktion/Publikationen/KiTaFT_Koop_2017_HochbegabteKinder.pdf.
Maciejewski, C. (2023). Hochbegabung bei Kindern erkennen und begleiten. ndr.de. https://www.ndr.de/ratgeber/gesundheit/Hochbegabung-bei-Kindern-erkennen-und-begleiten%2Chochbegabung100.html?.
Riese, J. (2024). Woran Eltern erkennen, dass ihr Kind hochbegabt ist – und wann sie etwas unternehmen sollten. Sonntagsblatt. https://www.sonntagsblatt.de/artikel/familie/woran-eltern-erkennen-dass-ihr-kind-hochbegabt-ist-und-wann-sie-etwas-unternehmen.
Rost, D. H. (2013). Hochbegabte und hochleistende Kinder. Begabungsforschung und Förderung. Stuttgart: Kohlhammer Verlag.
Urban, M. (2007). Frühe Hochbegabung erkennen und fördern. München: Reinhardt Verlag.
Vock, H. (2021). Hochbegabung im Kindergarten. Das Kita-Handbuch. https://www.kindergartenpaedagogik.de/fachartikel/kinder-mit-besonderen-beduerfnissen-integration/hochbegabte-kinder/hochbegabung-im-kindergarten/.
Ziegler, A. & Stoeger, H. (2012). Diagnostik von Hochbegabung. In: Heller, K. A. et al. (Hrsg.), Begabungsdiagnostik.
Kita-Eingewöhnung: Die erste große Trennung und wie sie gut gelingt
Mal ist es ein Jobwechsel, mal ein Umzug in eine andere Stadt, ein neuer Freundeskreis oder auch der Übergang von der Schule ins Berufsleben: Das Leben ist voller Veränderungen und Eingewöhnungen in neue Lebenssituationen und -umstände. Manchmal fällt uns dieser Wandel leicht, manchmal schwer - doch ein kleiner, bestimmter Übergang prägt maßgeblich, wie wir im Laufe unseres Lebens solche Umstellungen bewältigen: Der Start in die Kita. Dieser Übergang steht vielen Kindern nun kurz bevor, manche befinden sich bereits mitten im Prozess.
Mal ist es ein Jobwechsel, mal ein Umzug in eine andere Stadt, ein neuer Freundeskreis oder auch der Übergang von der Schule ins Berufsleben: Das Leben ist voller Veränderungen und Eingewöhnungen in neue Lebenssituationen und -umstände. Manchmal fällt uns dieser Wandel leicht, manchmal schwer - doch ein kleiner, bestimmter Übergang prägt maßgeblich, wie wir im Laufe unseres Lebens solche Umstellungen bewältigen: Der Start in die Kita. Dieser Übergang steht vielen Kindern nun kurz bevor, manche befinden sich bereits mitten im Prozess. Dabei handelt es sich um eine besonders sensible Phase, in der sich viele Kinder erstmals außerhalb ihres gewohnten familiären Umfelds zurechtfinden müssen. “Die Eingewöhnung ist die Einführungs- und Bewältigungsphase in der Kinderbetreuung, in der sich Kinder an ihre Krippe beziehungsweise Kindertagesstätte als neue Umgebung gewöhnen und vertraut machen und Beziehungen und Bindungen zu den Pädagog:innen und anderen Kindern aufbauen. Die Eingewöhnung ist ein wichtiger Grundstein bei allen Übergängen und ist als ein gemeinsamer Prozess von Kita und Familie zu verstehen.” erklärt Claudia Thoma-Krüger, Fachberaterin des VKMK-Mitglieds kids in berlin kiB gUG, die Bedeutung dieser Phase. Um diesen wichtigen Schritt gut zu begleiten, sind sowohl Familien als auch Pädagog:innen auf vielen Ebenen gefordert.
Was Familien bei der Eingewöhnung beachten sollten, wie sie sich gemeinsam auf diese Phase vorbereiten können, welche Rolle eine starke Erziehungspartnerschaft dabei spielt und was alles zu einer gelungenen Eingewöhnung beiträgt - darüber hat der VKMK mit der Expertin Claudia Thoma-Krüger gesprochen.
Kindzentriert und bedürfnisorientiert: So gelingt die Eingewöhnung
Ein zentraler Faktor für eine gelingende Eingewöhnung ist der Aufbau einer sicheren Bindung. Claudia Thoma-Krüger beobachtet in ihrer Arbeit, dass “das Bewusstsein für die Bedeutung einer sicheren Bindung in der frühen Kindheit hat deutlich zugenommen.” Dies wird durch diverse Forschungsergebnisse untermauert: Während in diversen Studien bei Kindern in der außerfamiliären Kinderbetreuung generell ein Anstieg des Cortisolspiegels im Tagesverlauf beobachtet wurde, zeigte sich in einer Studie differenzierter, dass der Cortisolspiegel bei Kindern mit einer hohen Bindungssicherheit zu ihrer Hauptbetreuungsperson in der Kindertageseinrichtung im Laufe des Tages abfällt - unabhängig von anderen Faktoren, wie mütterliche Beziehung und Betreuungsqualität.* Dies verdeutlicht, welchen Einfluss die Qualität der Bindung und Beziehung zu den Pädagog:innen auf das Stresserleben der Kinder hat. Dieses gewachsene Bewusstsein für die Bedeutung emotionaler Sicherheit spiegelt sich natürlich auch in der Eingewöhnungspraxis wider: “In den vergangenen Jahren hat sich die Eingewöhnungspraxis in vielerlei Hinsicht weiterentwickelt. Sie wird nicht mehr nur als organisatorischer Start in die Betreuung gesehen, sondern als sensibler, bindungsrelevanter Übergang, der entscheidend für das Wohlbefinden und die Entwicklung des Kindes ist.”
Neben einer stärkeren bindungsorientierten Ausrichtung hat sich auch eine deutlich individualisierte Gestaltung des Eingewöhnungsprozesses etabliert: “Während früher häufig ein starrer Zeitplan verfolgt wurde, orientieren sich heutige Modelle zunehmend an den Bedürfnissen und dem Tempo des einzelnen Kindes – und auch an dem der Eltern. Das Berliner, Münchener und Tübinger Modell dienen dabei vielerorts als Grundlage, werden aber flexibel angepasst.” erläutert Claudia Thoma-Krüger. Alle drei Modelle basieren auf einem kindzentrierten Ansatz, dem Einbezug von Bezugsperson, dem Aufbau sicherer Bindungen und einer starken Erziehungspartnerschaft. Der Eingewöhnungsprozess wird dabei kontinuierlich beobachtet und bei Bedarf flexibel an die Bedürfnisse des Kindes angepasst.
Gerade diese Flexibilität und Bedürfnisorientierung machen die drei Modelle besonders praxistauglich - insbesondere in Zeiten, in denen sich die Anforderungen an die Eingewöhnung deutlich gewandelt haben. Claudia Thoma-Krüger berichtet von ihren Erfahrungen hierzu: “Zum einen zeigt sich, dass familiäre Strukturen vielfältiger geworden sind, was eine differenziertere Herangehensweise erfordert und ein hohes Maß an Austausch zwischen Elternschaft und Pädagog:innen erfordert. Zum anderen erleben wir in der Praxis häufiger kürzere Vorbereitungszeiten und einen erhöhten Druck auf Eltern, beruflich schnell wieder verfügbar zu sein. Das kann dazu führen, dass Eingewöhnungsphasen verkürzt werden sollen – was nicht immer mit dem tatsächlichen Bedarf des Kindes übereinstimmt.” Diese Entwicklungen machen deutlich, dass sich die Eingewöhnung nicht nur am Kind orientieren muss, sondern auch an den vielfältigen Lebensrealitäten der Familien. Fachkräfte und Kitas sind daher zunehmend gefordert, Eingewöhnungsprozesse sowohl kindzentriert als auch familienbezogen und zugleich institutionell umsetzbar zu gestalten. Claudia fasst zusammen: “Insgesamt lässt sich sagen, dass die Eingewöhnungspraxis sensibler, differenzierter und bindungsorientierter geworden ist – gleichzeitig aber auch unter neuen äußeren Rahmenbedingungen steht, die von Fachkräften ein hohes Maß an Flexibilität, Beobachtungsgabe und Kommunikation verlangen.”
Eingewöhnung braucht Zusammenarbeit: Die Bedeutung der Erziehungspartnerschaft
Nun haben wir erfahren, welche Bedeutung die Bindung und Beziehung zwischen Kind und Fachkraft für das Wohlbefinden des Kindes hat. Doch die Bindungsarbeit reicht noch viel weiter und beginnt im Grunde mit einer guten Beziehung zwischen Kita und Eltern. “Eine gute vertrauensvolle Erziehungspartnerschaft ist die wichtigste Voraussetzung für eine gelingende Eingewöhnung. Es ist die Basis für eine positive Zusammenarbeit.” macht Claudia Thoma-Krüger deutlich. Damit diese Erziehungspartnerschaft von Anfang an gut gelingen kann, werden Familien bereits vor dem eigentlichen Start der Eingewöhnung umfassend durch die Kita vorbereitet. “Ganz wichtig für die Erziehungsberechtigten sind umfassende Informationen der Kindertagesstätte zum Modell und Ablauf der Eingewöhnung. Diese werden im Idealfall in einem ersten Gespräch zwischen der Bezugserzieherin und den Eltern erläutert. Eltern erfahren, dass der Eingewöhnungsprozess zeitlich individuell auf das Kind abgestimmt wird und die einzelnen Phasen der Trennung mit den Eltern besprochen und in Orientierung am Kind erfolgen. In der Regel erhalten alle Eltern schriftliche Informationen, beispielsweise im Rahmen eines Willkommensbriefes, über das Eingewöhnungsmodell der Kindertagesstätte. Sie erfahren auch, dass sehr elternbezogene Kinder länger für die Eingewöhnung brauchen und Urlaub oder besondere Belastungssituationen - zum Beispiel Umzug, Geburt eines Geschwisterkindes - nicht in dieser Zeit liegen sollten”, erklärt Claudia und betont damit auch, inwiefern Familien ihren eigenen Alltag an die Eingewöhnungsphase anpassen müssen.
Im weiteren Verlauf stehen “Pädagog:innen und Eltern in einem regelmäßigen Austausch darüber stehen, wie sich das Kind in der Kindertagesstätte verhält und was es gegebenenfalls noch braucht, um sich weiterhin in die neue Umgebung zu integrieren. Informationen über Gepflogenheiten aus dem familiären Umfeld spielen dabei auch eine große Rolle. Ein stabiler Austausch zwischen Pädagog:innen trägt zu einer wertschätzenden Zusammenarbeit zwischen Kita und Eltern bei und begünstigt den Eingewöhnungsverlauf.” Dies klingt in der Theorie oft einfach, erfordert in der Praxis jedoch ein hohes Maß an Offenheit, Transparenz und gegenseitigem Vertrauen - sowohl vonseiten der Eltern als auch den pädagogischen Fachkräften. Damit diese anspruchsvolle Beziehung gelingen kann, braucht es ein einfühlsames, respektvolles und auch selbstreflexives Miteinander. “Zentral ist, dass Eltern sich ernst genommen und einbezogen fühlen – ihre Perspektiven, Sorgen und Anregungen sollten gehört und wertgeschätzt werden. Transparenz im pädagogischen Handeln sowie regelmäßige Gespräche auf Augenhöhe fördern Vertrauen und Verständnis. Verlässlichkeit, Empathie und eine wertschätzende Haltung gegenüber der Familie schaffen die Basis für eine stabile Zusammenarbeit, in der das Kind im Mittelpunkt steht”, beschreibt Claudia einen wichtigen Aspekt der pädagogischen Arbeit, der auch über die Eingewöhnungsphase hinaus von großer Bedeutung ist.
Gelingt es nicht, eine stabile und tragfähige Erziehungspartnerschaft aufzubauen, kann das zu Missverständnissen und Herausforderungen während der Eingewöhnung führen. Claudia weist darauf hin: “Insbesondere die Einhaltung von Absprachen zwischen Pädagog:innen und Erziehungsberechtigen sind ein wichtiger Bestandteil während der Eingewöhnung und die gesamte Zeit. Missverständnisse in der Eingewöhnung von Kindern in Kitas können sich auf verschiedene Aspekte beziehen, sowohl auf Seiten der Eltern als auch der Kinder und des pädagogischen Personals. Wichtig ist, dass Eltern und Pädagog:innen offen kommunizieren, um solche Missverständnisse zu vermeiden und eine positive Eingewöhnung zu ermöglichen. Eine fehlende Vorbereitung des Kindes und die fehlende Berücksichtigung der kindlichen Bedürfnisse führen zu Problemen in der Eingewöhnung. Es ist normal, dass es in der Eingewöhnung Rückschritte gibt. Diese sollten nicht als Misserfolg gewertet, sondern als Teil des Prozesses betrachtet werden. Unzureichende Berücksichtigung der Familiengeschichte und – kultur kann auf Seiten der pädagogischen Fachkräfte zu Missverständnissen führen. Es ist wichtig, die individuelle Familiengeschichte und -kultur der Kinder zu berücksichtigen, um eine kultursensible Eingewöhnung zu gewährleisten.”
Wie Eltern die Eingewöhnung mitgestalten
Angesichts der hohen Bedeutung einer gelungenen Erziehungspartnerschaft und Zusammenarbeit sind auch die Eltern in besonderer Weise gefordert. Claudia Thoma-Krüger beschreibt, was pädagogische Fachkräfte von Eltern benötigen, um das Kind bestmöglich in dem Prozess begleiten zu können: “In erster Linie benötigen pädagogische Fachkräfte die Unterstützung seitens der Eltern bei Absprachen zur Eingewöhnung, die durch eine positive Einstellung der Eltern und das Vertrauen in die Arbeit der Pädagog:innen geprägt ist. Während des Eingewöhnungsprozesses sollten Eltern geduldig sein und ihrem Kind die Zeit geben, die es braucht, um sich an die neue Umgebung zu gewöhnen. Eltern sollten sich aktiv am Eingewöhnungsprozess beteiligen, Fragen stellen und ihre Beobachtungen mit den Pädagog:innen im persönlichen Gespräch teilen. Wichtig sind Hinweise zu Gepflogenheiten des Kindes, beispielsweise wie lässt sich ein Kind trösten, wie sind die Schlafgewohnheiten des Kindes oder auch ob Allergien bestehen. Hilfreich sind das Mitgeben von persönlichen Gegenständen, wie zum Beispiel ein Lieblingsstofftier oder ähnliches. Sollten sich Schwierigkeiten bei der Eingewöhnung zeigen, ist es wichtig, offen mit den Pädagog:innen darüber zu sprechen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Auch Besonderheiten hinsichtlich der Familiengeschichte und – kultur erleichtern den Eingewöhnungsprozess, da auch kultursensible Faktoren berücksichtigt werden können.”
Trennungsschmerzen in der Eingewöhnung: Wenn Loslassen schwerfällt
Doch selbst wenn die Kita die Familien bestmöglich auf die Eingewöhnung vorbereitet und die Eltern wiederum die Kita mit allen notwendigen Informationen und ihrer Unterstützung begleiten, sind weder Kinder noch Eltern vor möglichen Trennungsschmerzen gefeit. In der Regel starten Familien in die Eingewöhnung mit dem Bewusstsein, dass Trennungsschmerzen vor allem beim Kind auftreten können. Deshalb sind sowohl das Berliner als auch das Münchener sowie das Tübinger Modell so gestaltet, dass sie individuell auf die Bedürfnisse des Kindes eingehen und sich an dessen Fähigkeiten, mit der Trennung umzugehen, orientieren. Wie sich ein solcher Trennungsschmerz äußern kann und wovon er abhängig ist, führt Claudia aus: “Die Reaktionen von Kindern in der Eingewöhnungsphase in einer Kita sind vielfältig und hängen von verschiedenen Faktoren ab, wie zum Beispiel dem Alter des Kindes, seiner bisherigen Betreuungserfahrung und seinem individuellen Temperament. Viele Kinder reagieren auf die Trennung von den Eltern mit Weinen und dem Wunsch, an den Eltern festzuhalten. Dies ist ein normales Bindungsverhalten und zeigt, dass das Kind seine Bezugspersonen vermisst und sich unsicher fühlt.” Im Sinne der Erziehungspartnerschaft stimmen sich Eltern und Fachkräfte dann dementsprechend zum weiteren Verlauf der Eingewöhnung ab: “Eltern und Pädagog:innen verständigen sich während der Eingewöhnung entsprechend zu den zeitlichen Trennungsversuchen und passen diese an. Eltern sollten ihren Kindern positiv begegnen und das Kind bestärken. Nachdem sich die anfängliche Aufregung gelegt hat, zeigen viele Kinder Interesse an den Spielmaterialien, der Umgebung und den anderen Kindern in der Gruppe. Indem die pädagogischen Fachkräfte das einzugewöhnende Kind beobachten, können sie auf das Kind eingehen und beispielsweise die Kontaktaufnahme mit anderen Kindern fördern.”
Worauf viele Eltern allerdings nicht vorbereitet sind, ist ihr eigener Trennungsschmerz. Denn auch für sie bedeutet die Eingewöhnung eine Phase der Umstellung, die für Erwachsene durchaus ebenso emotional herausfordernd sein kann. Viele Eltern geben ihr Kind zum ersten Mal für mehrere Stunden in die Obhut einer anderen Person, mit dem Bewusstsein, dass dies nun zum Alltag gehört. Um mit diesen Gefühlen gut umzugehen, rät Claudia Thoma-Krüger: “Eltern sollten ihre eigenen Gefühle ernst nehmen, aber zugleich reflektieren, wie sie damit umgehen. Unsicherheit und Trennungsschmerz sind ganz normal – besonders beim ersten Kita-Start. Wichtig ist, diese Emotionen nicht auf das Kind zu übertragen. Ein klarer, zugewandter Abschied gibt dem Kind Orientierung und Vertrauen. Gespräche mit den pädagogischen Fachkräften können helfen, Sorgen abzubauen und Sicherheit zu gewinnen. Auch der Austausch mit anderen Eltern wirkt oft entlastend. Es darf dabei Raum für Gefühle geben – aber ebenso, dass das Vertrauen, das Loslassen auch wachsen bedeutet: für das Kind und für die Eltern.” Gelingt es Eltern nicht, ihre eigenen Unsicherheiten und den eigenen Trennungsschmerz zu regulieren, kann sich das wiederum auf das Kind und den Eingewöhnungsprozess auswirken, erklärt Claudia weiter: “Unsicherheiten von Erziehungsberechtigten können sich auf verschiedene Weisen auf Kinder auswirken, oft in Form von erhöhter Ängstlichkeit, Unsicherheit im Verhalten oder Schwierigkeiten bei der Entwicklung von Selbstvertrauen und Selbstständigkeit. Kinder spiegeln oft die Emotionen ihrer Eltern wider und können deren Ängste und Unsicherheiten übernehmen. Überbehütende Eltern, die aus Angst vor Gefahren zu viel Kontrolle ausüben, können die Entwicklung von Selbstständigkeit und Entscheidungsfähigkeit des Kindes einschränken.”
Den Übergang bewusst gestalten: Vorbereitung auf die Kita-Eingewöhnung
Auch wenn die Eingewöhnung für Eltern und Kinder zunächst wie ein Sprung ins kalte Wasser erscheinen mag, bedeutet das nicht, dass man sich nicht darauf vorbereiten könnte. Eine gute Vorbereitung kann helfen, die neue Situation besser zu bewältigen. Wie diese aussehen kann, beschreibt Claudia: “Eltern können den Start in die Kita zuhause auf liebevolle und spielerische Weise vorbereiten. Auch vorab Besuche in der Kita ermöglichen es dem Kind, die Räumlichkeiten und Pädag:innen kennenzulernen. Abschiedsrituale können den Übergang erleichtern und dem Kind Sicherheit geben. Wichtig ist vor allem, dem Kind Sicherheit zu geben und positive Erwartungen zu wecken. Das kann durch Gespräche über die Kita, gemeinsame Bilderbuchbetrachtungen oder kleine Rollenspiele geschehen, in denen Alltagssituationen wie das Verabschieden, Spielen oder Essen nachgespielt werden. Auch der Aufbau eines stabilen Tagesrhythmus hilft, sich an neue Abläufe zu gewöhnen. Zudem stärkt es das Kind, wenn es im Alltag zunehmend kleine Aufgaben selbstständig übernehmen darf – etwa beim Anziehen oder Aufräumen. Abwechselnde Betreuung des Kindes und Unternehmungen durch ein Elternteil befördern das Aushalten von kurzen Trennungen. Die Überlegung zur Durchführung der Eingewöhnung durch das Elternteil, zu dem das Kind sich nicht so sehr hingezogen fühlt, kann die Eingewöhnung erleichtern. Vor allem aber brauchen Kinder die Zuversicht ihrer Eltern: Wer selbst Vertrauen in die neue Situation hat, vermittelt Sicherheit.”
Eingewöhnung bedeutet weit mehr, als ein Kind einfach in der Kita abzugeben. Es ist ein vielschichtiger, sensibler und sehr komplexer Prozess, der nicht nur das kindliche Erleben des Kita-Alltags beeinflusst, sondern auch langfristige Auswirkungen auf die Fähigkeit des Kindes hat, mit Übergängen, Stresssituationen und Veränderungen im weiteren Verlauf seines Lebens umzugehen. Es ist eine Phase, die nicht nur für Kinder herausfordernd ist, sondern ebenso für ihre Eltern und die pädagogischen Fachkräfte. Es ist ein Schritt, der von allen Beteiligten viel abverlangt: Vertrauen, Offenheit, Empathie, Feingefühl und gegenseitiges Verständnis. Mit der Zeit ist der Anspruch an eine gelingende Eingewöhnung gestiegen: Pädagog:innen sind gefordert, den Prozess zunehmend zu individualisieren, um den vielfältigen Bedürfnissen aller Familien gerecht zu werden. Gleichzeitig stehen Eltern vor der Aufgabe, die Eingewöhnung aktiv mitzugestalten - trotz eigener steigender Belastungen, möglichen Trennungsschmerzen und Unsicherheiten. Eingewöhnung ist eine Phase, die in ihrer Tiefe und Bedeutung nicht unterschätzt werden sollte, denn sie legt den Grundstein für sichere, außerfamiliäre Beziehungen, Bildungsprozesse, Resilienz und die weitere Entwicklung des Kindes.
Wir wünschen allen Familien, Kindern und Pädagog:innen gelingende Eingewöhnungen und einen guten Start in diese wichtige gemeinsame Zeit.
Mehr Informationen zu dem Berliner, Münchener und Tübinger Modell: https://vkmk.de/presse/2025/8/6/eingewhnungsmodelle-in-der-kita-berliner-mnchener-und-tbinger-ansatz-im-vergleich
*Badanes LS, Dmitrieva J, Watamura SE. Understanding Cortisol Reactivity across the Day at Child Care: The Potential Buffering Role of Secure Attachments to Caregivers. Early Child Res Q. 2012 Jan;27(1):156-165. doi: 10.1016/j.ecresq.2011.05.005. PMID: 22408288; PMCID: PMC3295236.
Eingewöhnungsmodelle in der Kita: Berliner, Münchener und Tübinger Ansatz im Vergleich
Die Eingewöhnung in eine Kindertageseinrichtung stellt für Kinder und ihre Familien eine bedeutende Übergangsphase dar. Sie markiert nicht nur den Beginn eines neuen Lebensabschnitts, sondern ist auch entscheidend für die weitere Entwicklung des Kindes. Um diesen Übergang so behutsam und kindgerecht wie möglich zu gestalten, haben sich verschiedene Modelle etabliert, die unterschiedliche Schwerpunkte setzen und jeweils eigene methodische Ansätze verfolgen. Zu den bekanntesten gehören das Berliner Modell, das Münchener Modell und das Tübinger Modell.
Die Eingewöhnung in eine Kindertageseinrichtung stellt für Kinder und ihre Familien eine bedeutende Übergangsphase dar. Sie markiert nicht nur den Beginn eines neuen Lebensabschnitts, sondern ist auch entscheidend für die weitere Entwicklung des Kindes. Um diesen Übergang so behutsam und kindgerecht wie möglich zu gestalten, haben sich verschiedene Modelle etabliert, die unterschiedliche Schwerpunkte setzen und jeweils eigene methodische Ansätze verfolgen. Zu den bekanntesten gehören das Berliner Modell, das Münchener Modell und das Tübinger Modell. Im Folgenden werden die Modelle näher vorgestellt und miteinander verglichen.
Das Berliner Modell
Das Berliner Eingewöhnungsmodell basiert auf der Bindungstheorie von John Bowlby. Es verfolgt einen kindzentrierten Ansatz, der sich an den individuellen Bedürfnissen und Fähigkeiten des Kindes orientiert. Die Dauer der Eingewöhnung wird entsprechend flexibel gestaltet und variiert je nach Reaktion und Verhalten des Kindes. In der Regel dauert sie ein bis drei Wochen, mindestens jedoch drei Tage.
1. Die Grundphase
Die Grundphase umfasst in der Regel drei Tage. Während dieser Zeit besucht das Kind gemeinsam mit einem Elternteil für etwa ein bis zwei Stunden täglich die Kita. Das Kind lernt die neue Umgebung kennen und die Fachkraft nimmt vorsichtig den ersten Kontakt auf. Das Elternteil bleibt im Hintergrund, übernimmt jedoch alle pflegerischen Aufgaben. Die Fachkraft beginnt bereits in dieser Phase mit der intensiven Beobachtung, um den weiteren Verlauf der Eingewöhnung einschätzen und gegebenenfalls anpassen zu können.
2. Der erste Trennungsversuch
Nach der Grundphase erfolgt der erste Trennungsversucht: Das Elternteil verabschiedet sich vom Kind und verlässt den Raum. Wenn das Kind ruhig bleibt oder sich schnell beruhigen lässt, kann die Trennung etwa 30 Minuten dauern. Zeigt das Kind jedoch starke Trennungsängste oder lässt sich nicht beruhigen, sollte die Trennung nur wenige Minuten andauern und ein weiterer Trennungsversuch frühestens in der zweiten Woche stattfinden.
3. Die Stabilisierungsphase
In der Stabilisierungsphase ist das Elternteil weiterhin in der Kita anwesend, zieht sich aber zunehmend zurück. Gleichzeitig intensiviert die Fachkraft den Kontakt zum Kind und übernimmt schrittweise nun auch pflegerische Aufgaben. Die Trennungszeiten werden je nach Reaktion und Bedürfnis des Kindes langsam ausgedehnt. In dieser Phase sollten alle Pflege- und Routinehandlungen, wie etwa Wickeln, Essen, Einschlafen, mindestens einmal durch die Fachkraft erfolgreich durchgeführt werden, damit das Kind Vertrauen in die Fachkraft aufbauen kann.
Das Münchener Modell
Das Münchener Eingewöhnungsmodell geht auf ein wissenschaftliches Projekt an Münchner Kinderkrippen unter der Leitung von Kuno Beller zurück. Es basiert auf einem entwicklungspsychologischen Verständnis von Kindern als kompetente Akteure ihrer eigenen Bildungsprozesse. Zentral ist der Gedanke, dass Kinder die Eingewöhnung aktiv mitgestalten und dass Übergänge - sogenannte Transitionen - dann besser bewältigt werden, wenn sie als bedeutsam und potenziell gewinnbringend erlebt werden. Daher legt das Modell großen Wert auf eine längere Kennenlernphase und eine individuell gestaltete Beziehungsentwicklung. Die Eingewöhnung dauert in der Regel vier bis fünf Wochen.
1. Kennenlernphase
In der Kennenlernphase besucht das Kind gemeinsam mit einem Elternteil täglich für mehrere Stunden die Kita. Es macht sich mit den neuen Räumen, Tagesabläufen, Materialien, den anderen Kindern und der Fachkraft vertraut. In dieser Zeit findet noch keine Trennung statt. Das Kind hat die Möglichkeit, im eigenen Tempo die neue Umgebung zu erkunden. Die Fachkraft beobachten dabei aufmerksam, wie sich das Kind verhält, was es interessiert und welche Bedürfnisse es zeigt.
2. Sicherheitsphase
Auf Grundlage der Beobachtungen aus der ersten Woche beginnt in der Sicherheitsphase der schrittweise Aufbau einer Beziehung zwischen Fachkraft und Kind. Die Fachkraft knüpft gezielt an die Interessen des Kindes an und bietet sich als verlässliche Bezugsperson an, indem die Fachkraft dem Kind zeigt, dass sie in der Lage ist, es gut zu begleiten und in seiner Entwicklung zu stärken. Sie übernimmt nach und nach pflegerische Aufgaben, denen die Eltern in der ersten Phase noch nachkamen. Das Elternteil ist weiterhin anwesend, zieht sich jedoch zunehmend zurück. Auch die anderen Kinder in der Kita werden in dieser Phase gezielt einbezogen, um dem Kind Erfahrungen zu ermöglichen, die Erwachsene ihm nicht in gleicher Weise vermitteln können.
3. Vertrauensphase
In dieser Phase hat das Kind inzwischen ein Grundvertrauen zur Fachkraft aufgebaut und fühlt sich in seiner neuen Umgebung sicher und geborgen. Auch die Eltern haben Vertrauen in die Kita und das pädagogische Personal entwickelt. Auf dieser Basis kann die erste Trennung stattfinden, ohne dass sie als Vertrauensbruch empfunden wird. Die Trennung erfolgt behutsam, individuell abgestimmt und stets unter enger Beobachtung der Reaktion des Kindes.
Das Tübinger Modell
Das Tübinger Modell ist im Gegensatz zum Berliner und Münchener Modell nicht in klar definierte Phasen unterteilt, sondern bietet viel eher ein flexibles Rahmenkonzept, welches sowohl an die Ressourcen der Einrichtung als auch an die individuellen Bedürfnisse der Kinder angepasst werden kann. Der Fokus liegt nicht auf dem Aufbau einer Bindung und Beziehung zu einer Fachkraft, sondern auf dem Kind als aktiver Teil einer Peergroup. Die Eingewöhnung in einer Peer bringt Kindern einen Mehrwert, den Erwachsene in dieser Form nicht leisten können: Sie treten in Interaktion mit Gleichaltrigen, lernen gemeinsam, bauen eigene Regeln und Strukturen auf, entwickeln soziale Kompetenzen und können sich gegenseitig trösten und unterstützen.
Die Eingewöhnung erfolgt in einer Peergroup von etwa drei bis fünf Kindern, begleitet von zwei Fachkräften sowie jeweils einer familiären Bezugsperson pro Kind, für ca. 1 bis 2 Stunden täglich. Die Eingewöhnung in der Peer wird in einem separaten Raum gestartet, der kindgerecht und anregend gestaltet ist. Dort können die Kinder gemeinsam die Umgebung erkunden, spielen und in Kontakt treten. Die familiären Bezugspersonen nehmen zu Beginn aktiv teil, ziehen sich jedoch nach und nach zurück. Dennoch bleiben sie auch weiterhin für ihr Kind als sicherer Rückzugsort anwesend und übernehmen die pflegerischen Aufgaben am Kind.
Die Fachkräfte beobachten kontinuierlich und intensiv die Kinder in der Peer. Sie reflektieren, analysieren das Verhalten der Kinder und bauen ein erstes Bild über deren Bindungsverhalten, Interessen und Bedürfnisse auf. Die Kinder können selbst entscheiden, zu welcher der beiden Fachkräfte es eine Bindung aufbauen möchte - oder ob es vielleicht auch zu beiden eine Beziehung eingehen möchte. Die Fachkräfte bleiben auch nach der Eingewöhnung noch als Bezugsfachkräfte der Kinder erhalten.
Erste kleine Trennungen können bereits in der zweiten Wochenhälfte erfolgen, allerdings nur, wenn das Kind entsprechende Signale gibt und bereits sichere Beziehungen aufgebaut hat. In der zweiten Woche kann der separate Raum teilweise geöffnet werden und die Kinder können über ihren Rückzugsraum hinaus die Einrichtung erkunden und andere Gruppen besuchen - allerdings stets orientiert an den individuellen Bedürfnissen des Kindes, dem Tempo, den Signalen und Reaktionen. Entsprechend kann es sein, dass nur einzelne Kinder ihren Aktionsradius in dieser Zeit ausweiten.
Die Eingewöhnung gilt als abgeschlossen, wenn das Kind Beziehungen zu einer oder beiden Fachkräften aufgebaut hat sowie zu anderen Kindern, sich von seiner familiären Bezugsperson lösen kann und vertraut ist mit den anderen Räumen, Regeln, Ritualen und dem Tagesablauf.
Systemstörungen ohne Ende: ISBJ-KiTa bleibt ein Problemfall
Bereits kurz nach der Produktivsetzung der neuen Fachanwendung ISBJ-KiTa sorgten Funktionsstörungen im System berlinweit für Schlagzeilen: Kita-Gutscheine konnten aufgrund Funktionsstörungen nicht mehr vergeben und bearbeitet werden. Die Folgen: Jugendämter waren mit einem erheblichen Mehraufwand konfrontiert, Eltern wussten nicht, wie oder ob sie ihre Kinder überhaupt in einer Kita anmelden können und Kita-Träger mussten aufgrund fehlender Gutscheine in finanzielle Vorleistung gehen. Auch einen Monat später - Anfang August - ist immer noch keine Besserung in Sicht.
Bereits kurz nach der Produktivsetzung der neuen Fachanwendung ISBJ-KiTa sorgten Funktionsstörungen im System berlinweit für Schlagzeilen: Kita-Gutscheine konnten aufgrund Funktionsstörungen nicht mehr vergeben und bearbeitet werden. Die Folgen: Jugendämter waren mit einem erheblichen Mehraufwand konfrontiert, Eltern wussten nicht, wie oder ob sie ihre Kinder überhaupt in einer Kita anmelden können und Kita-Träger mussten aufgrund fehlender Gutscheine in finanzielle Vorleistung gehen. Auch einen Monat später - Anfang August - ist immer noch keine Besserung in Sicht.
Über das ISBJ-KiTa werden unter anderem die An- und Abmeldung von Kindern in Kitas, die Beantragung und Abrechnung von Kita-Gutscheinen sowie die monatlichen Trägerabrechnungen abgewickelt. Doch technische Probleme bestehen nicht erst seit dem Update. Bereits seit März 2023 dokumentieren die Mitglieder des VKMK - Der Kitaverband regelmäßig Störungen, wie etwa fehlerhafte Abrechnungen. All diese Probleme wurden über Monate hinweg an die Senatsverwaltung weitergeleitet - eine Verbesserung blieb jedoch aus.
Nun, im August 2025, geht es unverändert weiter: Personaldaten werden teils nicht korrekt erfasst oder falsch berechnet. Auf Grundlage dieser Daten wird jedoch die Einhaltung der gesetzlichen Personalvorgaben bewertet - fehlerhafte Berechnungen können daher zu Problemen für die Träger führen.
Zudem erhalten Träger seit Juni keine Rückmeldung mehr darüber, ob die Registrierungen von Kita-Gutscheinen im System erfolgreich eingegangen sind. Oft bleibt tagelang unklar, ob die Datenübermittlung erfolgt ist. Träger müssen dies wiederholt nachprüfen - in vielen Fällen sogar den gesamten Prozess mehrfach durchlaufen.
Auch bei den Abrechnungen bestehen erhebliche Probleme: Häufig sind sie unvollständig oder können nicht fristgerecht gebucht werden, aufgrund falscher oder unvollständiger Daten im System.
Kita-Träger müssen teilweise in Vorleistung gehen, um trotz der Komplikationen frühkindliche Bildung für die Kinder sicherzustellen - wissen aber zugleich oft nicht, wann genau sie die dafür nötigen Mittel refinanziert bekommen.
“Diese Probleme sind nicht neu. Es kommt fortlaufend zu technischen Störungen oder Ausfällen. Gleichzeitig wird von den Kita-Trägern erwartet, dass sie sämtliche Daten stets korrekt und fristgerecht ins System einpflegen - was natürlich eine Selbstverständlichkeit ist. Doch auf der anderen Seite schafft das Land Berlin es nicht, seinerseits die eigene Selbstverständlichkeit zu erfüllen: die Funktionsfähigkeit des Systems sicherzustellen. Es ist schlicht nicht hinnehmbar, dass auf Seiten der Träger Verlässlichkeit eingefordert wird, während das Land selbst seiner eigenen Pflicht dauerhaft nicht nachkommt.” betont Lars Békési, Geschäftsführer des VKMK, und unterstreicht damit deutlich die Tragweite dieser anhaltenden Funktionsstörungen.
Die Berliner Kita-Träger leisten täglich einen unverzichtbaren Beitrag zur frühkindlichen Bildung - auch unter schwierigen Rahmenbedingungen. Sie brauchen endlich ein verlässliches System, das sie in ihrer Arbeit unterstützt, statt sie zusätzlich zu belasten.
Kita-Weltreise: Mit Kleiner Fratz nach Rumänien
Wie sieht frühkindliche Bildung in anderen Teilen der Welt aus? Wie gestalten andere Länder ihre Bildungssysteme? Welche Stellenwert nimmt frühkindliche Bildung dort ein? Welche pädagogischen Schwerpunkte und Ziele werden gesetzt? Welche Herausforderungen bewegen pädagogische Fachkräfte dort? Und welche inspirierenden Ansätze können wir vielleicht mitnehmen?
Wie sieht frühkindliche Bildung in anderen Teilen der Welt aus? Wie gestalten andere Länder ihre Bildungssysteme? Welchen Stellenwert nimmt frühkindliche Bildung dort ein? Welche pädagogischen Schwerpunkte und Ziele prägen den Kita-Alltag? Welche Herausforderungen bewegen pädagogische Fachkräfte dort? Und welche inspirierenden Ansätze können wir davon vielleicht mitnehmen?
Mit unserer “Kita-Weltreise” suchen wir regelmäßig Antworten auf genau diese Fragen und werfen dafür regelmäßig einen Blick über die Ländergrenzen hinweg.
Dieses Mal nehmen wir euch mit nach Rumänien - beziehungsweise: Unser Mitglied Kleiner Fratz nimmt euch mit. Denn das Leitungsteam von Kleiner Fratz war im Mai in der Stadt Oradea unterwegs und hat sich intensiv mit dem rumänischen Kita-System auseinandergesetzt. Ihre Reise haben sie in Kooperation mit der Asociatia Filantropia Oradea, einer gemeinnützigen diözesanen Organisation, umgesetzt, die das Team vor Ort begleitet hat. Gemeinsam wurden verschiedene Bildungseinrichtungen besucht - von Kindergärten und Schulen über Nachmittagsbetreuung bis hin zu einer Einrichtung für Menschen mit Behinderungen.
Deshalb: Seid gespannt auf die Reise nach Oradea - gemeinsam mit Kleiner Fratz.
Oradea - eine Stadt der Vielfalt
Oradea liegt im Nordwesten des Landes, nur etwa 13 km von der ungarischen Grenze entfernt. Die Stadt zählt rund 183.000 Einwohner, davon 70% Rumänen, 23% Ungarn, 2% Roma, Deutsche und Slowaken. Mit 50% ist die Bevölkerung überwiegend orthodox. 25% gehören dem römisch-katholischen Glauben an, 16% sind griechisch-katholisch, 8% protestantisch und etwa 1% gehören anderen Glaubensgemeinschaften an.
Mit klarer Struktur durch den Bildungsalltag
In Rumänien beginnt die Schulpflicht erst mit acht Jahren. Vorgeschaltet ist jedoch ein verpflichtendes Vorbereitungsjahr, eine sogenannte Beginnerklasse. Frühkindliche Bildung ist freiwillig, gilt jedoch als nahezu unverzichtbar für einen erfolgreichen Einstieg in die sogenannte Vorbereitungsklasse.
Bereits der erste Besuch einer rumänischen Bildungseinrichtung - einer Grundschule - machte deutlich: Struktur spielt eine zentrale Rolle. Mit jedem weiteren Besuch einer Bildungseinrichtung festigte sich dieser Eindruck: Von den Kindergärten bis zur Schule zeigt sich überall ein stark strukturierter Alltag. Grit Nierich, , Geschäftsführerin von Kleiner Fratz und erste Vorsitzende des VKMK, beschreibt: “Viele Aktivitäten sind eher frontal gestaltet, und es gibt regelmäßig Angebote, die stark an einen klassischen Lehrplan erinnern”. Ein wesentlicher Grund hierfür liegt im Betreuungsschlüssel, wie Grit weiter erklärt: “Das frontale Angebot ist vor allem dem Erzieherschlüssel von 1:20 geschuldet. Das stellt natürlich eine Herausforderung im Alltag dar - besonders, wenn es um die individuelle Begleitung und Unterstützung der Kinder geht.”. Denn obwohl frühkindliche Bildung in Rumänien als essentiell für einen gelungenen Schulstart gilt, mangelt es vielerorts an notwendigen Ressourcen - sowohl personell als auch materiell und finanziell. Eine klare Strukturierung scheint daher notwendig, um den pädagogischen Anforderungen dennoch gerecht werden zu können. Doch trotz des hohen Personalschlüssels und den damit einhergehenden Herausforderungen fiel Grit Niereich eines besonders auf: “Was mir besonders positiv aufgefallen ist, war die hohe Motivation für den Beruf der pädagogischen Fachkraft. Man hat ihnen den Spaß an ihrer Arbeit und am Umgang mit den Kindern wirklich gespürt und gesehen.“
Ein Gespräch über Qualifikation und Anspruch
Im Rahmen ihrer Reise traf das Leitungsteam von Kleiner Fratz auch eine Vertreterin der zuständigen Aufsichtsbehörde, die mit der Kita-Aufsicht vergleichbar ist. In einer gemeinsamen Austauschrunde erläuterte sie die Voraussetzungen und Rahmenbedingungen, die erfüllt sein müssen, um in Rumänien als pädagogische Fachkraft tätig zu werden. Für rumänische Staatsbürger:innen gibt es dabei grundsätzlich zwei Wege: Entweder über einen erfolgreichen Abschluss an einem pädagogischen Lyzeums mit Spezialisierung auf “Frühkindliche Bildung” oder über ein Hochschulstudium im Studienfach “Frühkindliche Bildung”. Wer im sonderpädagogischen Bereich arbeiten möchte, muss zusätzlich ein Sonderpädagogik-Modul mit Zertifikat absolvieren sowie ein einjähriges Praktikum unter der Anleitung eines erfahrenen Mentors im sonderpädagogischen Bereich.
Inklusion im Aufbau
“Inklusion steckt in Rumänien noch in den Anfängen.” beschreibt Grit Niereich ihre Eindrücke von diesem Aspekt der frühkindlichen Bildung in Rumänien. Die Auseinandersetzung mit beeinträchtigten Menschen und ihren Bedürfnissen findet offiziell vielerorts kaum bis gar nicht statt - das Thema ist nach wie vor häufig tabuisiert. Es gibt jedoch private, gemeinnützige Initiativen, die sich um Kinder , Jugendliche und Erwachsene mit Beeinträchtigungen kümmern, entstanden oftmals aus einem privaten, familiären Kontext. Zwar nehmen Kinder mit Behinderungen grundsätzlich an Bildungsangeboten teil, doch ihre individuellen Bedürfnisse werden dabei meist nicht ausreichend berücksichtigt. Erschwert wird Inklusion zusätzlich durch Lücken in der Diagnostik, wie Grit Nierich beobachtete: “Beeinträchtigungen werden häufig nicht differenziert genug erfasst, und besonders auffällig ist, dass in den meisten Fällen Autismus diagnostiziert wird.” Ohne präzise Diagnosen ist jedoch keine bedarfsgerechte Förderung möglich. Umso bedeutender ist das Engagement einzelner Eltern, die selbst Berührungspunkte oder Erfahrungen mit Beeinträchtigungen haben und sich aktiv für Inklusion einsetzen - etwa durch die Gründung einer Einrichtung für Kinder mit Down-Syndrom.
Trotz dieser Herausforderungen bei der Inklusion von Kindern mit Behinderungen gelingt es Rumänien zunehmend, die kulturelle Vielfalt des Landes in das Bildungssystem zu integrieren. Wie bereits deutlich wurde, ist das Land in dieser Hinsicht sehr divers. Doch auch hier zeigt sich, wie eng Inklusion mit kontinuierlicher Arbeit, Selbstreflexion und Empathie verbunden ist: “Insbesondere die Integration von Romafamilien ist nicht immer leicht und erfordert viel Engagement und Sensibilität.” erklärt Grit Nierich. Kulturelle Traditionen führen bei Roma-Kindern häufig zu unregelmäßigen Schulbesuchen. In der Folge drohen Sanktionen wie der Entzug von Sozialleistungen, was die oftmals ohnehin belasteten Lebenssituationen dieser Familien zusätzlich erschwert. Aus diesen Erkenntnissen zieht Grit Nierich wertvolle Impulse für ihre eigene Arbeit in Deutschland mit: “Meine Reise hat mir ein tieferes Verständnis für Familien aus Rumänien vermittelt - insbesondere auch für Romafamilien, die hier in Deutschland leben. Durch die Einblicke, die ich vor Ort gewinnen durfte, kann ich viele Hintergründe nun besser einordnen und dieses Wissen gezielt in meine Arbeit einfließen lassen.”
Sprachenvielfalt in der Kita
Die kulturelle Vielfalt spiegelt sich auch in der aktiven Förderung von Mehrsprachigkeit wider. Während ihrer Reise besuchte das Leitungsteam von Kleiner Fratz zwei Kindergärten, in denen es eigene deutschsprachige Gruppen gibt - in einem davon sogar auf expliziten Wunsch der Eltern. Das zeigt den hohen Stellenwert, welchen Mehrsprachigkeit im rumänischen Bildungssystem einnimmt, sowie den Wunsch, sie gezielt zu fördern.
Der Kindergarten Nr. 45 betreut und fördert rund 320 Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren. Die andere Einrichtung, der Kindergarten “Roman Ciorogariu”, zählt etwa 235 Kinder. Jede Gruppe besteht hier aus etwa 30 Kindern, die von jeweils zwei Erzieher:innen begleitet werden. Besonders bemerkenswert ist die Aufteilung der Arbeitszeit im “Roman Ciorogariu”: Alle Erzieher:innen arbeiten täglich acht Stunden, wovon sie fünf Stunden direkt mit den Kindern verbringen und die übrigen drei Stunden für Vor- und Nachbereitungen sowie Fortbildungen zur Verfügung stehen. Unterstützt werden die Erzieher:innen stundenweise von Psycholog:innen, wodurch die Qualität der frühkindlichen Bildung zusätzlich gestärkt wird.
Bildung auf dem Land - klein, aber fein
Neben den Bildungseinrichtungen in der Stadt nutzte das Leitungsteam von Kleiner Fratz auch die Gelegenheit, bei einem Ausflug aufs Land einen Eindruck davon zu gewinnen, wie Bildung in ländlichen Regionen Rumäniens gestaltet wird. Grit Nierich beschreibt diesen Besuch als “ein weiteres sehr beeindruckendes Erlebnis während der Erasmus-Reise.” Ziel war eine Dorfschule, etwa zwei Stunden von Oradea entfernt. In der Schule werden jeweils drei Jahrgänge gemeinsam unterrichtet - in kleinen Klassen mit nur acht bis zwölf Kindern. Diese überschaubare Gruppengröße ermöglicht eine sehr persönliche Lernatmosphäre sowie gezielte individuelle Förderung. Eine Schule, die zeigt, dass gute Bildung auch in ländlicheren Regionen mit begrenzten Ressourcen möglich ist.
Eine Begegnung, die bewegt
*Triggerwarnung: Schilderung von Gewalt und Vernachlässigung*
Ein besonders bewegender Programmpunkt - wenn man dies so überhaupt sagen kann, da jeder Programmpunkt auf seine Weise tief berührend war - stellte der Besuch einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung dar. Dort begegnete das Leitungsteam Simona. Grit beschreibt diese Begegnung: “Am meisten beeindruckt haben mich die Gespräche mit einer Überlebenden des Kinderheims Cighid aus der Zeit der Ceausescu-Diktatur. Ihre Geschichte war tief bewegend und sehr eindrucksvoll.” Das Kinderheim Cighid erlangte Anfang der 90er Jahre traurige Berühmtheit. Cighid war eines von vielen Heimen, in welche Kinder mit körperlichen oder geistigen Behinderungen, Entwicklungsverzögerungen oder weil sie unerwünscht waren, abgeschoben wurden. 1989 wurde Cighid von westeuropäischen Journalisten, die daraufhin die erschütternden Zustände in diesem Heim öffentlich machten. In Cighid, einem alten Jagdschloss, waren sechs Leute für 109 Kinder zuständig. Die Kinder waren teilweise halbnackt, unterkühlt, unterernährt, verwahrlost, in verdreckten Räumen, ohne medizinische Versorgung, teilweise ohne Bewegungsfreiheit eingesperrt. In den Medienberichten zu dem Heim wurde von “Euthanasie” und “Sterbelager” gesprochen. Cighid existierte nur etwa zwei Jahre. In diesen zwei Jahren sind 122 Kinder dort ums Leben gekommen. Viele der Überlebenden mussten danach erst lernen, zu laufen, zu weinen, zu lachen und zu sprechen. Im Anschluss an das Gespräch wurde das Leitungsteam von Simona zu sich und ihrer Familie nach Hause eingeladen. Es war “ein Erlebnis, das uns nachhaltig berührte.”
Diese Reise ermöglichte nicht nur einen Blick über den Tellerrand, sondern erweiterte den Horizont auf vielfältige Weise. Sie war bereichernd, lehrreich, berührend und wird nachhaltig in Erinnerung bleiben. Wie tief ein solcher kultureller Austausch wirkt, zeigt die persönliche Reflexion von Grit Nierich: “Für mich bedeuten Erasmus-Reisen vor allem den sprichwörtlichen Blick über den Tellerrand: Man bekommt die Möglichkeit, andere Bildungssysteme kennenzulernen und unterschiedliche Kulturen hautnah zu erleben. Das fördert nicht nur ein besseres Verständnis für andere Länder und ihre Kulturen, sondern hilft auch, Fluchtursachen besser nachvollziehen zu können - und damit auch die Hintergründe und Lebensrealitäten der bei uns betreuten Familien aus eben diesen Ländern besser zu verstehen.”. Ein Erlebnis, das weit über den fachlichen Austausch hinausreicht.
Wer Chancengleichheit sagt, darf beim Kita-Essen nicht schweigen
Herr Saleh hat Recht: Die Lebenshaltungskosten in dieser Stadt sind für viele Familien zu einer realen Belastung geworden. Die Angst vor dem sozialen Abstieg ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Doch wenn man auf diese Krise mit Symbolpolitik antwortet, riskiert man das Gegenteil von Gerechtigkeit.
Ein Beitrag von Lars Békési, Geschäftsführer VKMK – Der Kitaverband
Herr Saleh hat Recht: Die Lebenshaltungskosten in dieser Stadt sind für viele Familien zu einer realen Belastung geworden. Die Angst vor dem sozialen Abstieg ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Doch wenn man auf diese Krise mit Symbolpolitik antwortet, riskiert man das Gegenteil von Gerechtigkeit.
Im jüngsten Tagesspiegel-Beitrag verkündet der SPD-Fraktionsvorsitzende stolz den Fortbestand der Gebührenfreiheit für Kitas, Hortbetreuung und Schulessen. Was auf den ersten Blick nach sozialem Fortschritt klingt, zeigt bei genauerer Betrachtung gravierende Schwächen – vor allem im frühkindlichen Bereich.
Kita-Kinder zahlen weiter – Schulessen bleibt gratis?
Seit über einem Jahrzehnt zahlen Berliner Eltern monatlich 23 € für das Kita-Mittagessen hinzu – unabhängig von der Entwicklung der Lebensmittelpreise, der Inflation oder der Haushaltslage der Familien. Währenddessen ist das Schulessen vollständig beitragsfrei – auch für die Kinder von Besserverdienenden. Diese Regelung ist nicht nur inkonsequent, sondern ungerecht und geht zudem zu Lasten der Kitaträger, die allein die Kostensteigerungen bei der Verpflegung der Kita- Kinder auffangen müssen.
Die Kita ist die erste und wichtigste Bildungseinrichtung im Leben eines Kindes. Und das gemeinsame Mittagessen ist integraler Bestandteil des pädagogischen Alltags: Hier geht es um mehr als Sättigung – es geht um Teilhabe, Gemeinschaft, motorische Fähigkeiten, Sprache, soziale Regeln. Das Essen in der Kita ist Teil des Bildungsauftrags, nicht bloß ein „Verpflegungsmodul“.
Wenn das Land Berlin das Schulessen vollständig aus Steuergeldern finanziert, gleichzeitig aber im Kita-Bereich weiterhin von den Eltern das veraltete Teilentgelt von 23 € zur Mittagsversorgung des Kindes verlangt, entsteht ein gefährlicher Bruch in der bildungspolitischen Logik.
Fehlanreize und Ressourcenverschwendung
Ein pauschal beitragsfreies Schulessen ist eine sozialpolitische Maßnahme – keine bildungspolitische. Als solche müsste sie eigentlich zielgenau wirken. Doch was wir erleben, ist eine Gießkannenpolitik: In den Schulen profitieren viele Familien, die den Beitrag problemlos selbst leisten könnten. Gleichzeitig berichten Träger und Schulen von massenhaft weggeworfenem Essen. Das ist nicht nur ineffizient – es untergräbt die soziale Legitimation öffentlicher Leistungen.
Was wir brauchen: Treffsicherheit statt Symbolpolitik
Soziale Leistungen sollten dort ankommen, wo sie gebraucht werden. Der VKMK fordert daher ein sozial gestuftes Modell: Familien mit BerlinPass oder Anspruch auf BuT-Leistungen erhalten das Schul- und Kitaessen kostenfrei. Alle anderen beteiligen sich angemessen. Diese soziale Treffsicherheit ist sodann echte Gerechtigkeit für Kinder, Eltern und Kitas.
Gleichzeitig braucht es eine vollständige Neuberechnung der Kita-Verpflegungspauschalen. Derzeit bleiben nach Abzug aller Kosten oft nur etwa 3,60 € pro Kind und Tag für Lebensmittel übrig – ein Betrag, der mit den Anforderungen an gesunde, nachhaltige Ernährung und fairen Löhnen kaum mehr vereinbar ist.
Wer die hart arbeitende Mitte dieser Stadt entlasten will, muss dort ansetzen, wo reale Belastung entsteht – und das ist im frühkindlichen Bereich. Familien mit Kita-Kindern haben Anspruch auf gleiche Anerkennung, gleiche Unterstützung und gleiche Standards.
Und wenn der Koalitionspartner des aktuellen Berliner Senates Bildung wirklich als Investition in die Zukunft versteht, dann darf er die Kita nicht länger als nachgelagerten Versorgungsbereich behandeln.
Die Gebührenfreiheit darf kein Dogma sein. Sie braucht Zielgenauigkeit, soziale Fairness – und den Mut zur Differenzierung.Denn echte Chancengleichheit beginnt nicht in der Schulmensa – sondern am Mittagstisch der Kita.
Brand vor Berliner Kita: Rauch, Ruß und die Sorge um das Wohl der Kinder
Am 21.05.2025 geriet in Berlin Oberschöneweide direkt vor einer Kita ein parkendes Auto in Brand. Die Flammen griffen auf ein weiteres Fahrzeug sowie drei umstehende Bäume über. Die Brandursache ist bislang unklar - die Folgen für die Kita jedoch erheblich.
Am 21.05.2025 geriet in Berlin Oberschöneweide direkt vor einer Kita ein parkendes Auto in Brand. Die Flammen griffen auf ein weiteres Fahrzeug sowie drei umstehende Bäume über. Die Brandursache ist bislang unklar - die Folgen für die Kita jedoch erheblich.
Betroffen ist eine Kita des Trägers Berliner Traumzauberland, Mitglied im VKMK - Der Kitaverband. Durch geöffnete Fenster drangen Rauch und Ruß in die Innenräume der Kita. Zwar gab es keine Verletzte, doch die Sorgen sind dennoch groß: “Wir machen uns natürlich Gedanken um das gesundheitliche Wohlbefinden der Kinder sowie unserer Kolleginnen und Kollegen, da nach wie vor die Gefahr besteht, Schadstoffe, ausgelöst durch den Brand, einzuatmen und gesundheitliche Folgen wie Husten, Reizungen im Hals oder belegte Schleimhäute davonzutragen.” erklärt Ulli Pietsch, Leiterin der Kita.
Auch psychisch belastet das Ereignis Kinder wie Fachkräfte: “Wir spüren eine hohe psychische Anspannung. Viele Fragen sind noch offen und es herrscht Verunsicherung. Viele Kinder haben das Erlebte noch nicht vollständig verarbeitet - das Thema beschäftigt sie emotional sehr. Um diese Eindrücke aufzuarbeiten, ist intensive pädagogische Begleitung notwendig. Wir begleiten sie sensibel, stärken ihr Sicherheitsgefühl und geben Raum für Fragen, Sorgen und Gesprächen.” so Frau Pietsch weiter.
Die Räume der Kita waren in der Folge zunächst nicht mehr nutzbar. Am Tag des Brandes musste der Betrieb kurzfristig in den Garten verlegt werden, anschließend blieb die Einrichtung für fünf Tage - drei Werktage und das folgende Wochenende - geschlossen. Inzwischen ist die Kita wieder geöffnet. Zahlreiche Spiel- und Einrichtungsmaterialien, Bücher, langjährig gepflegte Dokumentationen sowie persönliche Gegenstände von Kindern und Mitarbeitenden wurden durch den Rauch stark beschädigt oder vollständig zerstört und mussten entsorgt werden.
Die Wiederaufnahme des pädagogischen Alltags stellt das Team vor große Herausforderungen: “Auch nach der Wiedereröffnung haben wir viele zusätzliche Aufgaben zu bewältigen.” berichtet Kitaleiterin Ulli Pietsch. “Wir koordinieren die Kommunikation mit Behörden, Versicherungen und Handwerksbetrieben. Wir müssen Wäsche reinigen, jedes einzelne Spielzeug, Böden, Decken, Fenster, Wände und Möbel. Gleichzeitig gilt es, Übergangslösungen zu schaffen, zerstörte Materialien zu ersetzen und die Kita im Grunde neu einzurichten.” Hinzu kommen viele Unsicherheiten: Es fehlen klare Orientierungshilfen seitens der Kita-Aufsicht, beispielsweise zu Anhaltspunkten oder Abläufen in solchen Krisensituationen. Auch bezüglich der Kostenübernahme durch die Versicherung herrschte lange Unklarheit. Nun hat sie in dieser Woche der Übernahme der Kosten für das entsorgte Inventar zugestimmt.
Gleichzeitig ist es der Kita ein großes Anliegen, den Kindern trotz der schwierigen Umstände einen stabilen und liebevollen Alltag zu ermöglichen. “Auch das erfordert viel Kraft, Flexibilität und zusätzliche Arbeit", betont Kita-Leiterin Ulli Pietsch. “Wir sind sehr dankbar, dass das gesamte Team mit großem persönlichen Einsatz weit über die reguläre pädagogische Arbeit hinausgeht - oft auch über die eigentliche Arbeitszeit hinaus.” Auch der Träger hat schnell und unbürokratisch reagiert: “Er war sofort ansprechbar, kam zur Beratung vor Ort und beauftragte umgehend eine Firma für die Brandsanierung.” Eine weitere wichtige Stütze ist die Elternschaft: “Das Verständnis, die Geduld und die Unterstützung der Familien bedeuten für uns eine große Erleichterung”, so Frau Pietsch.
Auch der VKMK - Der Kitaverband zeigt sich bestürzt über das Geschehene. Nachdem der Verband durch sein Mitglied Berliner Traumzauberland über den Vorfall informiert wurde, äußert sich Geschäftsführer Lars Békési: “Die Auswirkungen eines solchen Ereignisses sind nicht zu unterschätzen - weder für die Kinder noch für die Eltern, unsere Pädagoginnen und Pädagogen sowie den Träger. Wir wünschen allen Betroffenen viel Kraft und stehen ihnen in dieser herausfordernden Zeit zur Seite.”
Kita 2.0 - Digitales Update, reales Chaos
Die modernisierte Software ISBJ-KiTa der Berliner Jugendhilfe wurde Ende Juni neu ausgerollt. Das System ist für Jugendämter und Kita-Träger in Berlin verpflichtend und bildet zentrale Prozesse ab - von der An- und Abmeldung von Kindern in Kitas über die Beantragung und Abrechnung von Kita-Gutscheinen bis hin zur monatlichen Trägerabrechnung. Aktuell zeigt sich jedoch, dass die Software erhebliche Funktionsstörungen aufweist. Besonders betroffen ist die Vergabe und Bearbeitung von Kita-Gutscheinen: Berlinweit kommt es zu gravierenden Problemen und Verzögerungen, die Eltern, Kinder, Jugendämter und Kita-Träger vor erhebliche Herausforderungen stellen.
Die modernisierte Software ISBJ-KiTa der Berliner Jugendhilfe wurde Ende Juni neu ausgerollt. Das System ist für Jugendämter und Kita-Träger in Berlin verpflichtend und bildet zentrale Prozesse ab - von der An- und Abmeldung von Kindern in Kitas über die Beantragung und Abrechnung von Kita-Gutscheinen bis hin zur monatlichen Trägerabrechnung. Aktuell zeigt sich jedoch, dass die Software erhebliche Funktionsstörungen aufweist. Besonders betroffen ist die Vergabe und Bearbeitung von Kita-Gutscheinen: Berlinweit kommt es zu gravierenden Problemen und Verzögerungen, die Eltern, Kinder, Jugendämter und Kita-Träger vor erhebliche Herausforderungen stellen.
Die massiven Probleme mit der ISBJ-Software sind nicht neu: Bereits seit März 2023 dokumentieren die Mitglieder des VKMK - Der Kitaverband regelmäßig Störungen und Unstimmigkeiten im System, wie etwa fehlerhafte Abrechnungen, und melden diese an die Senatsverwaltung. Doch bislang trafen die Auswirkungen primär die Kita-Träger. Mit dem jüngsten Update weiten sich die Probleme jedoch nun auch auf Eltern, Kinder und Jugendämter aus - eine Entwicklung, die aus Sicht des Verbandes besonders alarmierend ist. “Dass sich die Fehler trotz aufwändiger Modernisierung weiter verschärfen, ist ein fatales Signal.” macht Lars Békési, Geschäftsführer des VKMK, deutlich.
Schon seit Langem kämpfen die Jugendämter in mehreren Berliner Bezirken mit Personalmangel - bei gleichzeitig hoher Arbeitsbelastung. Die aktuellen Einschränkungen im ISBJ-System treffen sie daher besonders hart. Gleichzeitig stehen viele Eltern nun vor der Frage, ob und wie sie ihre Kinder ohne Gutschein überhaupt in einer Kita anmelden können. “Jetzt trifft das Problem, welches unsere Träger schon seit Jahren erleiden und ertragen dürfen, auch Jugendämter und Eltern. Es entstehen unnötige Mehrbelastungen an allen Stellen, die vermeidbar wären, wenn das ISBJ technisch zuverlässig funktionieren würde.” so Lars Békési. Zur Einordnung der Ursachen ergänzt Békési: “Man muss sich das ISBJ vorstellen wie ein Einfamilienhaus, das vor über 20 Jahren gebaut wurde. Im Laufe der Zeit wurde immer wieder etwas Neues angebaut - um es zu verbessern, aber oft ohne Plan und manchmal mit wechselnden Verantwortlichen. Heute ist das Haus so verwinkelt und unübersichtlich, dass kaum noch jemand weiß, wo man eingreifen kann, ohne dabei an anderer Stelle Schaden anzurichten. ”
Auch Kita-Träger sind weiterhin und zunehmend massiv von den Störungen betroffen. Die Mitglieder des VKMK berichten von fehlerhaften Abrechnungen, verursacht durch falsche oder unvollständige Daten im System. Zusätzlich geraten viele Träger unter finanziellen Druck: Ohne ausgestellte Gutscheine erhalten sie keine Zahlungen vom Land Berlin und müssen in Vorleistung gehen - ohne Klarheit, wann eine Refinanzierung erfolgt. “Trotz dieser Herausforderungen ist es wichtig, dass Eltern wissen: Unsere Kita-Träger stehen weiterhin zuverlässig an der Seite der Familien. Auch ohne aktuell gültigen Kita-Gutschein werden Kinder aufgenommen - denn das Wohl der Kinder steht für uns an erster Stelle und sie können am wenigsten für eine nicht funktionierende Software.” unterstreicht Lars Békési.
KitaFöG-Entwurf: Kitaverband VKMK empfiehlt gezielte Nachbesserungen für mehr Teilhabe und Chancengerechtigkeit
Aktuell wird im Rahmen eines vorparlamentarischen und parlamentarischen Verfahrens das Gesetz zur Förderung von Kindern in Kindertagesstätten und Kindertagespflege (KitaFöG) überarbeitet. Ziel der Anpassung ist eine Implementierung des Kita-Chancenjahres (in das KitaFöG), welches besonders sprach-förderbedürftige Kinder besser in das Berliner Kita-System integrieren soll. Der entsprechende Entwurf liegt dem Kitaverband VKMK bereits vor und wurde verbandsintern bewertet. Aus Sicht des Verbandes stellt dieser einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung dar - bleibt stellenweise jedoch lückenhaft.
Aktuell wird im Rahmen eines vorparlamentarischen und parlamentarischen Verfahrens das Gesetz zur Förderung von Kindern in Tageseinrichtungen und Kindertagespflege (KitaFöG) überarbeitet. Ziel der Anpassung ist eine Implementierung des Kita-Chancenjahres (in das KitaFöG), welches besonders sprach-förderbedürftige Kinder besser in das Berliner Kita-System integrieren soll. Der entsprechende Entwurf liegt dem Kitaverband VKMK bereits vor und wurde verbandsintern bewertet. Aus Sicht des Verbandes stellt dieser einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung dar - bleibt stellenweise jedoch lückenhaft.
Ein Element des Entwurfs stellt die Neufassung des §13 KitaFöG dar, der die Vertragspartner für die verbindlichen Vereinbarungen über die Qualitätssicherung und Finanzierung der Tageseinrichtungen neu definiert. Neben “den Spitzenverbänden der Wohlfahrtspflege und dem Dachverband der Kinder- und Schülerläden” dürfen künftig auch weitere Verbände teilnehmen - sofern sie Träger der freien Jugendhilfe im Umfang von mindestens 10.000 Plätzen vertreten und seit mindestens zehn Jahren in Berlin tätig sind.
Lars Békési, Geschäftsführer des VKMKs, begrüßt diese Anpassung grundsätzlich: „Erstmals wird der bislang exklusive Kreis gesetzlich geöffnet – ein entscheidender Schritt zur Anerkennung langjähriger Forderungen des VKMK nach breiterer Teilhabe, einer pluralistischen Trägerlandschaft und mehr Finanzierungsgerechtigkeit.“ Gleichzeitig äußert er Kritik: „Die Hürde für eine Beteiligung ist mit 10.000 Plätzen und zehn Jahren Tätigkeit äußerst hoch. Für kleinere, spezialisierte Trägerverbände bleibt sie faktisch unüberwindbar, was die Zugangskriterien weiterhin exklusiv macht. Besonders problematisch ist die explizite Nennung eines einzelnen Verbandes – eine nicht nachvollziehbare Privilegierung, die aus Gründen der Neutralität des Gesetzgebers und des Gleichbehandlungsgrundsatzes gestrichen werden muss.“
Kritisch zu bewerten ist in der Novelle zum KitaFöG zudem, dass mit der geplanten Einführung des sogenannten Partizipationszuschlags künftig ausschließlich der Anspruch auf Leistungen für Bildung und Teilhabe (BuT) als Kriterium für Sprachförderung gilt. Lars Békési mahnt: „Diese Regelung greift zu kurz und birgt die Gefahr struktureller Diskriminierung. Kinder mit Sprachförderbedarf und nicht-deutscher Herkunft, die keinen BuT-Anspruch haben, werden von der notwendigen Förderung ausgeschlossen.“
Er warnt weiter: „Unterschiedliche Förderbedarfe werden gegeneinander ausgespielt, anstatt jedem Kind eine chancengerechte Förderung entsprechend seines individuellen Bedarfs zu gewährleisten. Deshalb muss im weiteren parlamentarischen Prozess dringend eine geeignete Überarbeitung im Bereich des angedachten Partizipationszuschlages erfolgen.“
Die vom Senat angekündigte kostenneutrale Umsetzung des Partizipationszuschlags erscheint vor dem Hintergrund kontinuierlich steigender Förderbedarfe ebenfalls fragwürdig. Békési macht klar: „Bleibt die Finanzierung trotz wachsender Bedarfe unverändert, bedeutet das Sparen auf Kosten der Kinder und ihrer Chancengerechtigkeit.“ Der VKMK hat den Berliner Senat bereits mehrfach auf diese Problematik hingewiesen, doch entsprechende Empfehlungen finden sich im aktuellen Entwurf nicht wieder.
Ein weiterer Punkt in der Neufassung betrifft die Verbesserung des Personalschlüssels im U3-Bereich - ein grundsätzlich richtiger Schritt hin zu besseren Bildungs- und Betreuungsbedingungen und einer Entlastung des Fachpersonals. Allerdings greift auch dieser Ansatz zu kurz: Die eigentliche Mehrbelastung liegt derzeit vor allem im Ü3-Bereich - etwa durch die längere Verweildauer der Kinder sowie durch den deutlichen Anstieg unterschiedlicher Förderbedarfen. In einem nächsten Schritt sollte daher auch der Ü3-Bereich in den Blick genommen und der Personalschlüssel entsprechend angepasst werden.
Der Entwurf stellt eine solide Grundlage für den weiteren parlamentarischen Prozess dar. Dennoch sind Nachbesserungen und die Konkretisierung einzelner Punkte erforderlich, um verbleibende Lücken zu schließen. Es ist jedoch davon auszugehen, dass im weiteren Verlauf entsprechende Optimierungen erfolgen - sodass eine gerechte, inklusive und vielfältige Kita-Landschaft nachhaltig gewahrt und widergespiegelt wird.