Starke Kinder, starke Zukunft: Ein Appell an die Politik
„Starke Kinder, starke Zukunft“ - ein starkes Motto für den Weltkindertag. Und kaum wichtiger könnte diese Botschaft gerade jetzt sein. Denn während starke Kinder als Basis einer starken Zukunft zumindest auf verbaler Ebene gesellschaftlicher und politischer Konsens sind, scheinen die öffentlichen Bekenntnisse für bessere Bedingungen für Kinder oft an der Übersetzung in konkretes Handeln zu scheitern.
Exemplarisch schreitet hier das geplante Startchancen- und Qualitätsentwicklungsgesetz voran. Der Gesetzentwurf liest sich nahezu kritikfrei, die Argumentation Karin Priens hört sich an, als hätten die Forderungen der Praxis endlich weitgehend vollends Gehör gefunden. Doch ein Blick auf die Zahlen zeigt eben jene Diskrepanz zwischen anschlussfähigen, auf der sprachlichen Ebene geäußerten Zielen und dem Aufwand, welcher der Bund bereit ist zu betreiben, um diese tatsächlich umzusetzen. Denn während der Bund für das aktuell noch geltende KiTa-Qualitätsgesetz über vier Jahre rund 8 Milliarden Euro und damit rund 2 Milliarden Euro jährlich bereitgestellt hat, sind für das neue Gesetz über acht Jahre lediglich rund 9,2 Milliarden Euro vorgesehen. Schrittweise sinkt damit die Bundesbeteiligung, bis sie ab 2030 nur noch rund 993 Millionen Euro jährlich betragen wird. Dem hohen Stellenwert, der der frühkindlichen Bildung in politischen Reden beigemessen wird, und den Ankündigungen, Milliarden in ihre Qualität zu investieren, stehen damit eine faktisch sinkende jährliche Bundesbeteiligung und eine abnehmende Verantwortungsübernahme des Bundes diametral gegenüber.
Ähnliches zeigt sich auch auf Landesebene in Berlin. Nachvollziehbarerweise möchte der Senat die Startchancen eben jener Kinder verbessern, die statistisch gesehen besonders häufig von Bildungsungleichheiten betroffen sind: Kinder aus sozial belasteten Familien. Ein vollauf unterstützenswertes Ziel, das mit dem sogenannten Partizipationszuschlag erreicht werden soll. Doch verdeckt von der inklusiven Wortwahl „Partizipationszuschlag“ und der Ankündigung auf der Seite des Senats, „Mit dem Partizipationszuschlag erhalten Kinder aus sozial belasteten Familien mehr Unterstützung“, wird leicht übersehen, wie eng die Kriterien bei der Übersetzung dieses Ziels in konkrete Maßnahmen geschnürt wurden. Denn für den Partizipationszuschlag wird die soziale Belastung ausschließlich über den Bezug von berlinpass-BuT bemessen. Damit wird der weit gefasste Begriff „sozial belastet“ auf ein konkretes sozialrechtliches Kriterium verengt, das die Lebensrealität und den tatsächlichen Förderbedarf vieler Kinder nicht zwangsläufig adäquat abbildet.
Kinder aus Familien, die trotz finanzieller Belastungen keinen Anspruch auf die entsprechenden Sozialleistungen haben, werden darüber nicht erfasst. Ebenso bleiben Kinder unberücksichtigt, deren Familien zwar anspruchsberechtigt sind, die Leistungen jedoch nicht in Anspruch nehmen. Auch Kinder aus Familien, deren soziale Belastung nicht primär einkommensbezogen ist, fallen aus dem Raster. Doch selbst ein vorhandener berlinpass-BuT garantiert nicht, dass ein Kind von den zusätzlichen Personalressourcen profitiert. Besucht es eine Kita, in der die Quote von mindestens 20% der Kinder mit berlinpass-BuT beziehungsweise Sprachfördergutschein nicht erreicht wird, löst sein BuT-Status auch keinen Partizipationszuschlag aus.
Und so werden aus guten Zielen Maßnahmen, die in ihrer konkreten Ausgestaltung den eigenen Ansprüchen nicht vollauf gerecht werden können. Dass begrenzte öffentliche Mittel, sowohl auf Bundes- als auch auf Landes- und Kommunalebene, hierbei einen begrenzenden Faktor darstellen, muss bei der Bewertung der Maßnahmen selbstverständlich berücksichtigt werden. Doch ebenso muss bei der Verteilung öffentlicher Mittel berücksichtigt werden, dass unsere Zukunft - wie es das heutige Motto nicht besser ausdrücken könnte - maßgeblich davon abhängt, welche Bildung, Unterstützung und Förderung wir unseren Kindern heute ermöglichen.
Und mit den PISA-Ergebnissen für 2025 könnte das Urteil über die Verteilung der Gelder kaum deutlicher ausfallen: Die Kompetenzen der 15-Jährigen sind so niedrig wie nie zuvor seit Beginn der PISA-Erhebungen im Jahr 2000. Doch dem Abstieg bei den Kompetenzen steht zugleich ein Anstieg gegenüber - allerdings an einer gänzlich falschen Stelle: Der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Kompetenzen ist in Deutschland heute so ausgeprägt wie nie zuvor seit Beginn der PISA-Erhebungen. Ein wirkungsvolles Startchancen- und Qualitätsentwicklungsgesetz, das genau hier frühzeitig ansetzt, Bildungsungleichheiten bereits zu Beginn reduziert und bessere Voraussetzungen für den weiteren Bildungsweg schafft, wird damit immer dringlicher. Ein Gesetz, welches nicht nur ambitionierte Ziele formuliert, sondern deren Relevanz sich auch in seiner Ausfinanzierung widerspiegelt.
Denn Kinder brauchen nicht nur starke Worte, sie brauchen starke Taten, starke Rahmenbedingungen und starke Unterstützung. Heute sitzen in unseren Kitas die Forscher, Denker, Entwickler, Kreativen und Diplomaten von morgen, die unsere Zukunft gestalten werden. Doch werden die Fähigkeiten, die in jedem Kind schlummern, nicht angemessen gefördert und wird Kindern nicht die Möglichkeit geboten, ihr volles Potenzial zu entfalten, bleiben nicht nur individuelle Chancen ungenutzt - auch unsere Gesellschaft verzichtet auf Potenziale, die sie für ihre Zukunft dringend braucht.
„Starke Kinder, starke Zukunft“ ist daher nicht nur ein Motto. Es ist der Handlungsauftrag an die Politik, Zukunft zu ermöglichen.