Beitragsfreiheit ist nicht gleich Bildungsgerechtigkeit: Weshalb Qualität priorisiert werden sollte
Ist die Beitragsfreiheit die Lösung unserer Bildungsprobleme in Deutschland?
Diese Frage stellt sich der VKMK - Der Kitaverband angesichts des am Montag veröffentlichten Beschlusses des SPD-Parteivorstands und des gestrig veröffentlichten PISA-Berichts 2025.
Mit dem Beschluss plädiert die SPD für die schrittweise Einführung der Beitragsfreiheit mit dem Ziel, mehr Bildungsgerechtigkeit zu schaffen. Gleichzeitig soll die Beitragsfreiheit als Qualitätsmerkmal verankert werden und damit auch im geplanten Startchancen- und Qualitätsentwicklungsgesetz als förderfähige Maßnahme Berücksichtigung finden.
Übersehen wird dabei, dass Beitragsfreiheit und Qualität zwei unterschiedliche Dimensionen sind. Beitragsfreiheit kann den Zugang zu frühkindlicher Bildung erleichtern, sie ist jedoch weder ein Qualitätsmerkmal an sich noch eine Garantie für Bildungsgerechtigkeit.
Dies wird etwa in den Forschungen des Bildungsökonomen James J. Heckman deutlich: Frühkindliche Bildung hat das Potenzial, Bildungsungleichheiten frühzeitig zu reduzieren und insbesondere die Bildungschancen von Kindern aus benachteiligten Verhältnissen zu verbessern. Zentrale Voraussetzung, um dieses Potenzial auszuschöpfen, ist jedoch eine hohe Qualität der frühkindlichen Bildung. Entscheidend ist also nicht allein, ob Kinder frühkindliche Bildungsangebote besuchen, sondern auch, welche Qualität sie dort erfahren.
PISA 2025 zeigt, dass dieses Potenzial in Deutschland dringend ausgeschöpft werden muss. Seit Beginn der PISA-Erhebungen im Jahr 2000 waren die Kompetenzunterschiede nach sozialer Herkunft in Deutschland noch nie so ausgeprägt wie heute. Der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Kompetenz liegt dabei deutlich über dem OECD- und dem EU-Durchschnitt.
Währenddessen erreicht Deutschland in den einzelnen Kompetenzbereichen zwar Werte im OECD-Durchschnitt, doch auch hier markiert PISA 2025 einen historischen Tiefstand: Sowohl in den Naturwissenschaften als auch im Lesen und in der Mathematik sind die Kompetenzen der 15-Jährigen so niedrig wie nie zuvor seit Beginn der PISA-Erhebungen.
Die Frage ist also nicht nur, wie alle Kinder frühzeitig in die frühkindliche Bildung integriert werden können, sondern vor allem: Wie kann die Qualität frühkindlicher Bildung so weiterentwickelt werden, dass Bildungsungleichheiten effektiv reduziert werden?
Und hier zeigt beispielsweise ein Blick auf zwei unterschiedliche Länder in der aktuellen PISA-Studie, dass vollständige Beitragsfreiheit zumindest keine notwendige Voraussetzung für gute Bildungsergebnisse und vergleichsweise geringe soziale Disparitäten ist: Estland und Irland. Beide Länder erzielen in den Kompetenzbereichen sehr gute Ergebnisse und schneiden auch beim Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Kompetenzen vergleichsweise gut ab. Gleichzeitig besteht in keinem der beiden Länder eine vollständige Beitragsfreiheit. In Estland können Eltern für einen Platz in einer kommunalen Kita mit einem Beitrag von bis zu 20% des gesetzlichen Mindestlohns beteiligt werden. In Irland sind im Rahmen des Early Childhood Care and Education Programme (ECCE) für zwei Jahre vor dem Schuleintritt 15 Stunden pro Woche beitragsfrei. Darüber hinausgehende Betreuungszeiten sind nicht Bestandteil dieser kostenlosen Leistung.
Die Lösung für mehr Bildungsgerechtigkeit liegt somit nicht allein in der Beitragsfreiheit. Wenn öffentliche Mittel begrenzt sind, sollten Investitionen daher dort priorisiert werden, wo sie einen möglichst großen Beitrag zu mehr Bildungsgerechtigkeit leisten - in die Qualität der frühkindlichen Bildung.
Selbstverständlich dürfen Beiträge nicht so hoch ausfallen, dass Kinder aufgrund dessen keinen Zugang zur frühkindlichen Bildung haben oder sich eine Erwerbstätigkeit für sozioökonomisch benachteiligte Familien aufgrund der Kita-Gebühren finanziell kaum lohnt. Aus diesem Grund muss die Bildungszeit beitragsfrei sein. Für alles, was darüber hinausgeht, kann hingegen ein sozial gestaffelter Beitrag eingeführt werden. Denn weder Bildungsqualität noch Bildungsgerechtigkeit sind mit Beitragsfreiheit gleichzusetzen. Wer Bildungsgerechtigkeit tatsächlich fördern möchte, sollte Investitionen in die Bildungsqualität priorisieren.
Quellen:
Elango, S., García, J. L., Heckman, J. J. & Hojman, A. (2015): Early Childhood Education. NBER Working Paper No. 21766. Cambridge, MA: National Bureau of Economic Research. DOI: 10.3386/w21766.
Greiff, S., Diedrich, J., Kastorff, T., Goldhammer, F. & Köller, O. (Hrsg.) (2026): PISA 2025. Bildung im Spannungsfeld von Innovation und Transformation. Münster/New York: Waxmann. https://www.zib.education/fileadmin/Dokumente/PISA/PISA_2025/PISA2025-Nationaler-Berichtsband.pdf.
Köppe, J. (2017): „Vorbild Estland: So wird Lernen gerechter“. DER SPIEGEL, 29.12.2017. https://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/estland-als-schul-vorbild-so-wird-lernen-gerechter-a-1184360.html.
SaolnuaPlan (o. J.): Kinderbetreuung. https://saolnuaplan.com/de/familie/kinderbetreuung/.
Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) (2026): Zukunftsmodell statt Auslaufmodell: Beste Bildung – nachhaltig gemeinsam finanziert! Beschluss des SPD-Parteivorstandes vom 07.09.2026. Berlin: SPD-Parteivorstand. https://www.spd.de/fileadmin/Dokumente/Beschluesse/Parteispitze/PV_2026/260907_Beschluss_PV_Beste_Bildung.pdf.