Investieren, um zu sparen: Warum frühkindliche Bildung Priorität haben muss
Seit 2015 sind in Deutschland die bereitgestellten öffentlichen Mittel für die frühkindliche Bildung im Verhältnis zum BIP um 42% gestiegen. Deutschland ist im OECD-Ländervergleich damit unter den Top 10! Und besonders Berlin glänzt als Spitzenreiter bei den Ausgaben für Bildungseinrichtungen. Im Bundesländervergleich belegt die Hauptstadt den ersten Platz und übertrifft auch den OECD-Durchschnitt locker. Doch warum thematisieren wir das am Weltspartag?
Seit 2015 sind in Deutschland die bereitgestellten öffentlichen Mittel für die frühkindliche Bildung im Verhältnis zum BIP um 42% gestiegen. Deutschland ist im OECD-Ländervergleich damit unter den Top 10! Und besonders Berlin glänzt als Spitzenreiter bei den Ausgaben für Bildungseinrichtungen. Im Bundesländervergleich belegt die Hauptstadt den ersten Platz und übertrifft auch den OECD-Durchschnitt locker. Doch warum thematisieren wir das am Weltspartag? Kann man dann überhaupt von einem “Sparen” in der Bildung reden? Unsere Antwort lautet: Ja! Denn wer weiter die Tabellen der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder durch scrollt, entdeckt, dass die Ausgaben gar nicht so gut verteilt sind und dass es einen Bereich in Berlin gibt, in dem meisterhaft gespart wird. Und ausgerechnet dabei handelt es sich um den wohl elementarsten Bildungsbereich, der maßgeblich alle weiteren Bildungsbereiche beeinflusst: Die frühkindliche Bildung. Hier liegen die jährlichen Ausgaben für eine Bildungseinrichtung pro Bildungsteilnehmer:in bei 8.800 Euro, womit es Berlin schafft, unter jedem relevanten Durchschnitt zu liegen. Zum Vergleich: Der deutschlandweite Durchschnitt beträgt 11.600 Euro, der OECD-Durchschnitt 8.900 Euro. Zwar sind die Ausgaben in Berlin seit der letzten OECD-Evaluation deutlich angestiegen - von 2019 bis 2023 um 26% (wobei dies im Verhältnis zur gestiegenen Anzahl von Kindern im Bildungssystem betrachtet werden muss) - dennoch wird Berlin damit auch weiterhin nicht den bundesweiten Durchschnitt knacken. Was bedeutet das nun genau für die frühkindliche Bildung?
Die öffentlichen Mittel für die frühkindliche Bildung fließen in zahlreiche unterschiedliche Posten, von Personalkosten bis hin zu Sachkosten, welche unter anderem für Verpflegung, Verwaltung, Miete, Spiel- und Lernmaterialien verwendet werden sollen. Während die Personalkosten durch den letzten Tarifvertrag eine spürbare Erhöhung erfahren haben, hinken die Sachkosten fröhlich hinterher. Anpassungen? Gab es – doch die konnten mit der Inflation natürlich nicht mithalten. Eine 2017 durchgeführte Analyse der Gestehungskosten zeigte bereits, dass Kitas im Schnitt um 30 % unterfinanziert sind – eine Zahl, die sich seither kaum verändert hat.
In der vergangenen Woche haben wir beleuchtet, wie stark die Kitas in Berlin bei der Bereitstellung von Verpflegung unterfinanziert sind. Heute wollen wir den Fokus auf die Mieten legen, um exemplarisch zu zeigen, wie groß die Lücke in der Finanzierung ist. Derzeit erhalten Kitas in Berlin rund 46 Euro pro Kind und Monat zur Bewirtschaftung bzw. Erhaltung der Gewerbeflächen. Für eine Kita mit 50 Plätzen entspräche dies einem Betrag von 2.300 Euro pro Monat. Gemäß den baulichen Mindeststandards für Kitas müsste diese Einrichtung mindestens 283 Quadratmeter umfassen. Bei einem aktuellen Gewerbemietpreis von durchschnittlich 29 Euro pro Quadratmeter in Berlin ergäbe sich ein realer Brutto-Mietzins von 8.207 Euro. Dies bedeutet, dass das Land Berlin derzeit nur 28 % der realen Kosten des Gewerbemietzinses abdeckt.
Und hier wird die chronische Unterfinanzierung zur pädagogischen Herausforderung. Denn die Qualität der frühkindlichen Bildung hängt, natürlich neben anderen Faktoren, auch von den verfügbaren Ressourcen und Rahmenbedingungen ab. Unsere Kitas sind voller kluger, kreativer Köpfe, die das Beste aus der frühkindlichen Bildung für unsere Kinder, für Chancen- und Bildungsgerechtigkeit herausholen wollen, doch machen es ihnen die Rahmenbedingungen nicht gerade leicht. Und all das, was im frühkindlichen Bereich aufgrund der knappen Finanzierung heute nicht möglich ist, muss später teuer nachgeholt werden. Dies zeigt sich in höheren Kosten für spätere Bildungs- und Sozialsysteme, geringeren Bildungserfolge und langfristig sogar in weniger wirtschaftlicher Produktivität. Die Kluft zwischen den finanziellen Möglichkeiten und den pädagogischen Anforderungen gefährdet damit nicht nur die Zukunft unserer Kinder, sondern auch das gesamte Bildungssystem und letztlich die gesellschaftliche und wirtschaftliche Stabilität.
Politische Entscheidungsträger:innen wissen das – dennoch wird die Priorisierung der frühkindlichen Bildung in der Politik immer wieder verschoben. Dabei ist längst klar, dass die Investition in diesen Bereich langfristig das effektivste und sparsamste Mittel ist, um später Kosten zu vermeiden und gleichzeitig Bildungschancen zu verbessern. Die klügste Investition, die wir heute tätigen können, ist die in unsere Kinder. Jeder in die frühkindliche Bildung investierte Euro ist langfristig eine Ersparnis. Daher unser dringender Appell am heutigen Weltspartag: Spart, indem ihr investiert – in die Zukunft unserer Kinder!
Quellen:
Bildung auf einen Blick 2024 OECD-Indikatoren. (2024). In Oecd. https://www.oecd.org/content/dam/oecd/de/publications/reports/2024/09/education-at-a-glance-2024_5ea68448/e7565ada-de.pdf.
Statistische Ämter des Bundes und der Länder, Brugger, P., et al. (2024). Internationale Bildungsindikatoren im Ländervergleich Ausgabe 2024 – Tabellenband (Statistisches Bundesamt, Hrsg.). https://statistik.thueringen.de/webshop/pdf/2024/60120_2024_01.pdf.
Themenseite: Gewerbeimmobilien in Berlin. (2024, 18. März). Statista. https://de.statista.com/themen/2518/gewerbeimmobilien-in-berlin/#topicOverview.
Kinderarmut in Deutschland: Mit frühkindlicher Bildung Chancen schaffen
Die am stärksten von Armut betroffene Gruppe in Deutschland sind junge Erwachsene im Alter von 18 bis 25 Jahren, jedoch folgt unmittelbar die alarmierende Zahl von betroffenen Kindern: Jedes vierte Kind in Deutschland ist armutsgefährdet. Dies ist nicht nur eine statistische Erkenntnis, sondern stellt im wahrsten Sinne des Wortes ein Armutszeugnis für Deutschland dar.
Die am stärksten von Armut betroffene Altersgruppe in Deutschland sind junge Erwachsene im Alter von 18 bis 25 Jahren, jedoch folgt unmittelbar die alarmierende Zahl von betroffenen Kindern: Jedes vierte Kind in Deutschland ist armutsgefährdet. Dies ist nicht nur eine statistische Erkenntnis, sondern stellt im wahrsten Sinne des Wortes ein Armutszeugnis für Deutschland dar. Besonders betroffen sind Kinder aus kinderreichen Familien (30 %), Kinder aus Alleinerziehenden-Haushalten (41 %) und Kinder von Eltern mit niedrigem Bildungsabschluss (36,8 %). Zum Vergleich: Nur 5,8 % der Kinder aus Haushalten mit höherem Bildungsabschluss sind von Armut bedroht.
Die weitreichenden Auswirkungen von Armut in der Kindheit
Die Auswirkungen von Armut im Kindesalter sind weitreichend. Eine Langzeitstudie der AWO zeigt, dass 40 bis 57 % der Kinder, die in Armut aufwachsen, materiell unterversorgt sind. Oftmals führen beengte Wohnverhältnisse zu einem Mangel an Rückzugsorten, die sowohl für das Lernen als auch für soziale Interaktionen essentiell sind. Auch die Gesundheit der Kinder ist im Schnitt schlechter als die ihrer Altersgenossen aus sozioökonomisch stabilen Familien. Darüber hinaus hat das ständige Erleben von Armut tiefgreifende psychologische Folgen: Forschungen belegen, dass Kinder aus armen Verhältnissen doppelt so häufig soziale und emotionale Auffälligkeiten zeigen wie Kinder aus sozioökonomisch stabilen Familien. Diese durch Armut begünstigten Lebensumstände führen häufig zu einer multiplen Belastung der Kinder, was sich wiederum negativ auf die Bildungsbiographie auswirken kann. Kinder aus einkommensschwachen Verhältnissen kämpfen häufiger mit Rückschlägen in ihrer schulischen Laufbahn, erleben die Schule als überfordernd und schließen ihre Bildungskarriere oft mit einem niedrigeren Abschluss ab. Dies führt dazu, dass viele in einen Teufelskreis der Armut geraten: Die AWO-Studie hat nachgewiesen, dass 36 % der Kinder, die im Alter von sechs Jahren arm waren, auch im Erwachsenenleben arm bleiben.
Wege aus der Armut
Dennoch zeigen die Zahlen, dass nicht alle von diesem Schicksal betroffen sind. Schlüsselkomponenten, die einen Ausbruch aus der Armut ermöglichen können, sind unter anderem die bestehende innere familiäre Unterstützung, die Resilienz und Bewältigungsfähigkeit der Eltern sowie externe Fördermaßnahmen. Besonders hervorzuheben ist bei dem letzten Punkt die entscheidende Rolle der frühkindlichen Bildung und Betreuung. Die ersten Lebensjahre sind für die spätere Entwicklung und den Bildungsweg unserer Kinder von zentraler Bedeutung. Kinder, die in armen Verhältnissen aufwachsen und deren familiäre Umgebung aus sozioökonomischen Gründen nicht die erforderlichen Kapazitäten oder Ressourcen zur Förderung besitzen, benötigen außerhalb der Familie Unterstützung, um ihre Fähigkeiten zu entdecken, ein gesundes Selbstbewusstsein zu entwickeln und die Herausforderungen, die durch sozioökonomische Ungleichheiten bedingt sind, zu überwinden. In der öffentlichen Diskussion wird frühkindlicher Bildung eine essentielle Bedeutung zugeschrieben: Es wird argumentiert, dass sie frühzeitige Ungleichheiten abbaut und Kindern aus bedürftigen Verhältnissen einen chancengerechten Start in ihr Leben ermöglicht.
Wie frühkindliche Bildung den Unterschied macht
Die Frage, wie sich diese Effekte konkret bestimmen lassen, haben viele Wissenschaftler:innen untersucht. Eine exemplarische Analyse für Nordrhein-Westfalen belegt, dass der Besuch von Kindertagesstätten die Teilhabe- und Entwicklungschancen von Kindern aus sozial benachteiligten Verhältnissen erheblich verbessert. Noch deutlicher wird der Erfolg der frühkindlichen Bildung zum Ausgleich von Ungleichheiten in einer weiteren Studie. Diese zeigt auf, dass ein Kita-Besuch für Kinder aus sozioökonomisch schwachen Familien zu höheren kognitiven Kompetenzen, unter anderem im Bereich Mathematik, Wortschatz und Kategorisierung führt. Im Vergleich dazu profitieren Kinder aus höhergestellten Haushalten von einem Kita-Besuch gleichermaßen oder sogar weniger stark als von ihrem familiären Umfeld. Allgemein konnte die Studie zeigen, dass sich die sozial-emotionalen Kompetenzen bei jedem Kind, unabhängig von der Herkunft, bei einem Kita-Besuch verbessern.
Eine Investition in die Zukunft unserer Gesellschaft
Diese Erkenntnisse verdeutlichen das immense Potenzial von Kitas, um frühe Ungleichheiten abzumildern. Zwar werden sie niemals in der Lage sein, Armut und deren Folgen vollständig zu beseitigen, doch spielen sie eine wesentliche Rolle in der Prävention. Langfristig wirkt sich dies auch positiv auf unsere Volkswirtschaft aus: Durch bessere Qualifikationen und höhere Bildungsabschlüsse steigt das Gesamteinkommen der Bevölkerung, während die Ausgaben für Nachqualifizierungen und staatliche Hilfeleistungen gesenkt werden können. Eine Kosten-Nutzen-Analyse zeigt daher, dass Investitionen in frühkindliche Bildung stets einen hohen Gewinn bringen und deutlich effektiver sind als spätere Bildungsinvestitionen.
Zahlreiche Expertinnen und Experten betonen immer wieder die entscheidende Rolle, die frühkindliche Bildung für Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit einnimmt. Gleichzeitig wurde die Politik bereits oft dazu aufgefordert, mehr in die frühkindliche Bildung zu investieren, damit dieses Potenzial alle erreicht und dementsprechend genutzt werden kann. Auch der Kitaverband VKMK appelliert bereits seit geraumer Zeit an den Senat, die Qualitätsoffensive in der frühkindlichen Bildung konsequent weiter auszubauen. Die Zusicherung des dritten Kita-Qualitätsgesetzes mit einer finanziellen Unterstützung des Bundes für die nächsten zwei Jahre, bewertet der VKMK bereits als großen Erfolg. Dennoch bedarf es weiterhin eines stärkeren und insbesondere langfristigen Fokus auf die frühkindliche Bildung. Frühkindliche Bildung kann nur effektiv gelingen, wenn sie qualitativ hochwertig ist. Neben der Sprachförderung und -bildung, der Fachkraft-Kind-Relation und der Fachkraftgewinnung und -bindung fordert der VKMK, die bereits mit dem dritten Kita-Qualitätsgesetz versprochenen, aber nicht umgesetzten, bundesweit einheitlichen und verpflichtenden Qualitätsstandards festzulegen und ein bundesweites Monitoring einzuführen. Darüber hinaus fordert der VKMK vom Senat, im Hinblick auf die Qualität der frühkindlichen Bildung und die Schaffung von Chancengleichheit in den kommenden Jahren keine Einsparungen bei den Personalzuschlägen vorzunehmen. Solche Einsparungen könnten die Unterstützung der Kinder mit besonderen Förderbedarfen erheblich einschränken und langfristige Auswirkungen auf ihren Bildungsweg haben.
Quellen:
Chassé, Karl August; Zander, Margherita & Rasch, Konstanze (2003): Meine Familie ist arm. Wie Kinder im Grundschulalter Armut erleben und bewältigen. Opladen: Leske + Budrich.
Groos, T., Jehles, N., Bertelsmann Stiftung & ZEFIR. (2015). Der Einfluss von Armut auf die Entwicklung von Kindern. In Schriftenreihe Arbeitspapiere Wissenschaftliche Begleitforschung „Kein Kind Zurücklassen!“ (3. korrigierte Auflage). Bertelsmann Stiftung. https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/03_Werkstattbericht_Einfluss_von_Armut_final_Auflage3_mU.pdf.
Hock, Beate; Holz, Gerda & Wüstendörfer, Werner (2000b): Frühe Folgen – langfristige Konsequenzen? Armut und Benachteiligung im Vorschulalter. Studie im Auftrag des Bundesverbandes der Arbeiterwohlfahrt. Frankfurt am Main: ISS e.V.
Holz, Gerda; Richter, Antje; Wüstendörfer, Werner & Giering, Dietrich (2006): Zukunftschancen für Kinder!? - Wirkung von Armut bis zum Ende der Grundschulzeit. Endbericht der 3. AWO-ISS-Studie im Auftrag des Bundesverbandes der Arbeiterwohlfahrt e.V. Frankfurt am Main: ISS e.V.
Kahl, R. (2012, 6. Februar). Bildung wirkt langsam, aber mächtig. ZEIT ONLINE. https://www.zeit.de/gesellschaft/schule/2010-01/oecd-bildungsausgaben/seite-2.
Kleinert, C., Baier, T., Ghirardi, G. & Triventi, M. (2024). Auswirkungen des Kitabesuchs auf kognitive und sozial-emotionale Kompetenzen von Kindern. In Leibniz-Institut für Bildungsverläufe, Oslo University, European University Institute & University of Milan, Forschung Kompakt(S. 2). Leibniz-Institut für Bildungsverläufe. https://www.lifbi.de/Portals/2/Publikationen/Transferberichte/LIfBi%20Forschung%20kompakt/LIfBi-Forschung-kompakt_05_Kita.pdf.
Laubstein, Claudia; Holz, Gerda; Dittmann, Jörg & Sthamer, Evelyn (2012): Von alleine wächst sich nichts aus. Lebenslagen von (armen) Kindern und Jugendlichen und gesellschaftliches Handeln bis zum Ende der Sekundarstufe I. Abschlussbericht der 4. Phase der Langzeitstudie im Auftrag des Bundesverbandes der Arbeiterwohlfahrt. Frankfurt am Main: ISS e.V.
Laubstein, C., Holz, G., Seddig, N. & Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e.V. (2015). Armutsfolgen für Kinder und Jugendliche: Erkenntnisse aus empirischen Studien in Deutschland. https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/Studie_WB_Armutsfolgen_fuer_Kinder_und_Jugendliche_2016.pdf
Statista. (2024a, Juni 19). Von Armut bedrohte Kinder in den EU-Ländern nach Bildungsgrad der Eltern 2023. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1220616/umfrage/kinderarmut-in-der-eu-nach-bildungsgrad-der-eltern/.
Statista. (2024b, September 11). Armutsgefährdungsquote in Deutschland nach Alter 2023. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/419433/umfrage/armutsgefaehrdungsquote-in-deutschland-nach-alter/.
Statista. (2024c, September 16). Armutsgefährdungsquote in Deutschland nach Haushaltstypen 2023. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/436185/umfrage/armutsgefaehrdungsquote-in-deutschland-nach-haushaltstyp/.
Mehr als nur Essen: Kita-Verpflegung als Schlüssel zur Zukunft unserer Kinder
Die Ernährung in der frühen Kindheit ist weit mehr als bloße Notwendigkeit – sie bildet einen Grundpfeiler der frühkindlichen Bildung. Dies ist unbestritten. Doch in der jüngsten Plenardebatte des Berliner Abgeordnetenhauses am 26. September 2024 zur „Kitasituation in Berlin“ wurde erneut nur das kostenlose Schulmittagessen als entscheidendes Element für „gesunde Entwicklung und Chancengerechtigkeit in der Bildung“ betont. Die Forderung nach einem kostenfreien Kita-Mittagessen hingegen bleibt unerhört, was den Eindruck erweckt, dass dieses essenzielle Thema in der politischen Diskussion nicht die nötige Aufmerksamkeit erhält.
Die Ernährung in der frühen Kindheit ist weit mehr als bloße Notwendigkeit – sie bildet einen Grundpfeiler der frühkindlichen Bildung. Dies ist unbestritten. Doch in der jüngsten Plenardebatte des Berliner Abgeordnetenhauses am 26. September 2024 zur „Kitasituation in Berlin“ wurde erneut nur das kostenlose Schulmittagessen als entscheidendes Element für „gesunde Entwicklung und Chancengerechtigkeit in der Bildung“ betont. Die Forderung nach einem kostenfreien Kita-Mittagessen hingegen bleibt unerhört, was den Eindruck erweckt, dass dieses essenzielle Thema in der politischen Diskussion nicht die nötige Aufmerksamkeit erhält.
Die Rolle gesunder Ernährung in der kindlichen Entwicklung
Die Weichen für eine gesunde Ernährung werden bereits in der Kindheit gestellt. Eine ausgewogene Ernährung versorgt den Körper mit unverzichtbaren Vitaminen, Mineralien und Nährstoffen, stärkt das Immunsystem und wirkt präventiv gegen akute Erkrankungen. Langfristig schützt sie vor Problemen wie Übergewicht oder Nährstoffmangel im Jugendalter. Zudem ist eine gesunde Ernährung unerlässlich für die körperliche und geistige Entwicklung von Kindern. Studien zeigen, dass das Gehirn eines fünfjährigen Kindes im Ruhezustand etwa 66% der gesamten Körperenergie beansprucht – in aktiven Phasen sind es noch immer rund 43%. Neben den physischen Vorteilen unterstützt eine ausgewogene Ernährung auch die motorische und soziale Entwicklung der Kinder. Das Nationale Qualitätszentrum für Ernährung in Kita und Schule hebt diesen Zusammenhang klar hervor.
Ernährungsbildung in der Kita: Schlüssel zur Chancengleichheit
In der Kita lernen Kinder nicht nur, welche Lebensmittel gesund sind, sondern auch, wie wichtig ausgewogene Ernährung für ihr Wohlbefinden ist. Hier werden Grundlagen für ein gesundes Essverhalten gelegt, die ihnen im weiteren Leben zugutekommen. Das gemeinsame Mittagessen fördert zudem Selbstständigkeit, Selbstwirksamkeit und soziale Fähigkeiten – wichtige Kompetenzen für den späteren Schulalltag. Gleichzeitig bietet die Kita-Verpflegung allen Kindern, unabhängig von ihrer familiären Lebenssituation, die Chance, Zugang zu gesunden Mahlzeiten zu haben. In Berlin sichern Qualitätsvereinbarungen, wie die „QVTag“, diese Standards: Träger sind verpflichtet, eine gesunde und ausgewogene Ernährung bereitzustellen, die den Bedürfnissen aller Kinder gerecht wird.
Initiativen zur Förderung gesunder Ernährung in Kitas
Die Bedeutung einer gesunden Ernährung in Kindertagesstätten wird auch von Krankenkassen anerkannt, die verschiedene Sonderprogramme ins Leben gerufen haben, um dieses Ziel zu fördern. Beispielsweise engagieren sich die AOK mit ihrem Programm „JolinchenKids“ und die Barmer mit „Ich kann kochen!“ aktiv für die Ernährungsbildung der Kinder. Zudem hat die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) Qualitätsstandards entwickelt, die als Leitlinien für die Kita-Verpflegung dienen. Diese Standards stellen sicher, dass Kinder bis zu 40% ihres täglichen Energiebedarfs über die Kita-Verpflegung decken können.
Herausforderungen: Hohe Standards, knappe Mittel
Die Umsetzung dieser hohen Ansprüche an die Kita-Verpflegung steht jedoch vor großen finanziellen Herausforderungen. In Berlin stehen den Einrichtungen rund 76,48 Euro pro Kind und Monat für die Verpflegung zur Verfügung - das entspricht etwa 3,60 Euro. Mit dieser Summe sollen nicht nur die Kosten für Lebensmittel, sondern auch für Personal und Infrastruktur gedeckt werden. Eine wissenschaftliche Modellrechnung zeigt jedoch, dass ein gesundes Mittagessen nach den Standards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) je nach Verpflegungssystem und Alter der Kinder zwischen 3,09 und 5,87 Euro pro Tag kostet. Die realen Kosten für konventionelle Ernährung in einer Frisch- und Mischküche liegen demnach bei einer kleinen Einrichtung mit 25 Mahlzeiten für Kinder im Alter von 1 bis 3 Jahren bei 5,36 Euro und für Kinder im Alter von 4 bis 6 Jahren bei 5,58 Euro. In mittelgroßen Kitas (50 Mahlzeiten) liegen die Kosten bei 3,97 Euro für 1- bis 3-Jährige und 4,19 Euro für 4- bis 6-Jährige. Angesichts kontinuierlich steigender Lebensmittelpreise und der Inflationsrate wird damit klar, dass die aktuellen Pauschalen nicht ausreichen, um den notwendigen Qualitätsansprüchen gerecht zu werden.
Fazit: Politisches Handeln gefordert
Die Bedeutung einer gesunden Ernährung für die kindliche Entwicklung ist unbestritten. Doch diese kann nur mit ausreichenden finanziellen Mitteln gewährleistet werden. Es liegt nun an der Politik, die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen, damit die Träger die Ressourcen erhalten, die sie benötigen, um eine qualitativ hochwertige Verpflegung anzubieten, die den Bedürfnissen aller Kinder gerecht wird.
Quellen:
Arens-Azevêdo, U., Pfannes, U., Tecklenburg, M. E. & Bertelsmann Stiftung. (2013). Is(s)t KiTa gut? KiTa-Verpflegung in Deutschland: Status quo und Handlungsbedarfe. In Im Auftrag der Bertelsmann Stiftung. https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/GP_Isst_Kita_gut.pdf.
Kuzawa, C. W., et al. (2014). Metabolic costs and evolutionary implications of human brain development. Proceedings Of The National Academy Of Sciences, 111(36), 13010–13015. https://doi.org/10.1073/pnas.1323099111.
Ernährungsbildung in der Kita. (o. D.). Nationales Qualitätszentrum für Ernährung in Kita und Schule. https://www.nqz.de/kita/ernaehrungsbildung.
Ernährung in der Kita. (o. D.). Nationales Qualitätszentrum für Ernährung in Kita und Schule. https://www.nqz.de/kita/ernaehrung.
Mehr Verbindlichkeit - Neues Kita-Qualitätsgesetz stärkt Fachkräftesicherung und Sprachförderung
Am gestrigen Abend verabschiedete der Bundestag das dritte Kita-Qualitätsgesetz. Das Gesetz definiert sieben Handlungsfelder, von denen drei – im Gegensatz zu bisher einem – für die Bundesländer verpflichtend sind. Diese Felder müssen erfüllt werden, damit die Länder finanzielle Unterstützung des Bundes in Anspruch nehmen können. Die verpflichtenden Bereiche umfassen die Gewinnung und Bindung von Fachkräften, die sprachliche Bildung sowie die Verbesserung der Fachkraft-Kind-Relation.
Am gestrigen Abend verabschiedete der Bundestag das dritte Kita-Qualitätsgesetz. Das Gesetz definiert sieben Handlungsfelder, von denen zwei – im Gegensatz zu bisher einem – für die Bundesländer verpflichtend sind. Diese Felder müssen erfüllt werden, damit die Länder finanzielle Unterstützung des Bundes in Anspruch nehmen können. Die verpflichtenden Bereiche umfassen die Gewinnung und Bindung von Fachkräften sowie die Förderung der sprachlichen Bildung. Ein besonderes Augenmerk liegt im Punkt sprachliche Bildung auf der gezielten Sprachförderung für Kinder in schwierigen Lebenslagen. In Bezug auf das Handlungsfeld Verbesserung der Fachkraft-Kind-Relation soll durch Berücksichtigung von Ausfallzeiten und mittelbarer pädagogischer Arbeit die Personalsituation stabilisiert werden. Bisher fehlende Regelungen zu Krankheitstagen haben das System stark belastet, was nun mit dem neuen Gesetz behoben werden soll. Bevor das Gesetz in Kraft tritt, muss es noch den Bundesrat passieren. Geplant ist, dass es am 1. Januar 2025 rechtskräftig wird.
Der Kitaverband VKMK begrüßt die Verabschiedung des dritten Kita-Qualitätsgesetzes ausdrücklich und hebt besonders die auf den letzten Metern errungene Verbindlichkeit zur Fachkräftegewinnung und -bindung als entscheidende Neuerung hervor. Lars Békési, Geschäftsführer des VKMK, betont, dass das Gesetz das Resultat intensiver Vorarbeit ist: „Es ist erfreulich, dass diese umfangreiche Vorbereitung der AG frühkindliche Bildung, der Expertengremien und Expertendialoge im Gesetz Berücksichtigung findet und diese Bemühungen anerkennt.“ Allerdings bringt die Novellierung des Gesetzes auch klare Erwartungen an die jeweiligen Bundesländer mit sich. Angesichts der angespannten Haushaltssituation und der geplanten Sparmaßnahmen, die auch den frühkindlichen Bereich betreffen, sieht Békési den Senat in der Verantwortung, trotz finanzieller Engpässe weiterhin aktiv zur Qualitätsverbesserung beizutragen. „Berlin darf sich nicht hinter der jüngst verhängten Haushaltssperre verstecken, während der Bund aktiv handelt. Wir erwarten vom Senat, dass er weiterhin schrittweise Maßnahmen zur Verbesserung der Kita-Qualität umsetzt, statt einen Stillstand mit dem Verweis auf unzureichende Bundesmittel zu rechtfertigen“, mahnt Lars Békési. Er fordert das Land Berlin auf, unverzüglich den Dialog mit allen relevanten Akteuren aufzunehmen. “Gleichzeitig markiert das Kita-Qualitätsgesetz einen entscheidenden Schritt hin zu bundesweit einheitlichen Standards. Nun ist es auch Aufgabe des Berliner Abgeordnetenhauses, das Berliner KitaFöG – insbesondere im Bereich des Personalschlüssels – anzupassen, um in den anstehenden Finanzierungsverhandlungen verbindliche und konkrete Vereinbarungen zu ermöglichen.“, erklärt Békési.
Der Kita-Platz-Ausbau: Städtebauliche Verträge und die Herausforderungen des demographischen Wandels
Diese Woche wurde im Tagesspiegel eine bisher unbekannte und diskussionswürdige Zahl zur Kita-Platz-Situation in Berlin veröffentlicht: Jugendstaatssekretär Falko Liecke (CDU) erwähnte am 5. September in der 42. Sitzung des Ausschusses für Bildung, Jugend und Familie im Abgeordnetenhaus, dass zu Beginn des Kita-Jahres 2024/2025 etwa 34.300 Kita-Plätze ungenutzt seien, wovon der Tagesspiegel am 07. Oktober berichtete.
Diese Woche wurde im Tagesspiegel eine bisher unbekannte und diskussionswürdige Zahl zur Kita-Platz-Situation in Berlin veröffentlicht: Jugendstaatssekretär Falko Liecke (CDU) erwähnte am 5. September in der 42. Sitzung des Ausschusses für Bildung, Jugend und Familie im Abgeordnetenhaus, dass zu Beginn des Kita-Jahres 2024/2025 etwa 34.300 Kita-Plätze ungenutzt seien, wovon der Tagesspiegel am 07. Oktober berichtete. Wie diese Zahl, die im Juni noch bei 9.000 lag, zustande kommt, ist bislang noch nicht geklärt. Trotz dieser Unklarheiten wirft die Aussage eines Überschusses an Kita-Plätzen Fragen auf, denn die Fakten sprechen für sich: Die Geburtenzahlen sinken seit Jahren, zahlreiche Kita-Träger berichten von einer rückläufigen Nachfrage, und viele Einrichtungen stehen bereits vor dem Problem unbesetzter Plätze. Einige Kitas sind nun bestrebt, ihre freien Plätze zu belegen, während vor allem Kleinstträger sich bereits Sorgen um ihre wirtschaftliche Zukunft machen müssen, sollten sie dauerhaft nicht mehr alle Plätze vergeben können. Doch anstatt auf diese Herausforderung mit angepassten Maßnahmen zu reagieren, setzt die Stadt Berlin den Kita-Ausbau weiter fort.
In Zeiten des Kita-Platz-Mangels wurde in städtebaulichen Verträgen festgelegt, Kitas in Neubauprojekte zu integrieren, um die wachsende Nachfrage nach Betreuungsplätzen zu decken. Doch trotz des inzwischen rückläufigen Bedarfs werden weiterhin im Rahmen solcher Verträge neue Kitas gebaut. Dies führte allein zwischen 2023 und 2024 zu einem Anstieg der Kita-Plätze um 1,3 %. Um das Platzangebot an den tatsächlichen Bedarf anzupassen, setzt das Land Berlin auf verschiedene Beobachtungs- und Steuerungsinstrumente: Der Kindertagesstättenentwicklungsplan (KEP) 2023/2024 bis 2027/2028 analysiert die voraussichtliche Bevölkerungsentwicklung im Vergleich zum verfügbaren Platzangebot, um daraus den zukünftigen Bedarf an Kita-Plätzen zu ermitteln. Ergänzend dazu teilt der Kita-Förderatlas die Bezirksregionen Berlins in fünf Kategorien nach Dringlichkeit des Platzausbaus ein, um die Verteilung der Fördermittel zielgerichtet und bedarfsgerecht zu steuern. Infolgedessen wurden die Mittelvergabe bereits angepasst und der Kita-Ausbau entsprechend reduziert. (Allerdings wird kritisiert, dass diese Steuerungsinstrumente nicht flächendeckend genug sind und noch präziser auf die regionalen Unterschiede eingehen müssen, um den Kita-Platzausbau effizienter zu gestalten.)
Dennoch befinden sich aktuell Maßnahmen zur Schaffung von 11.000 zusätzlichen Betreuungsplätzen bis 2027 in der Umsetzung, darunter auch Projekte, die auf Basis städtebaulicher Verträge realisiert werden. Städtebauliche Verträge werden oft Jahre im Voraus ausgehandelt und sind rechtsverbindlich, was eine nachträgliche Revision erschwert. Wie im KEP zu lesen ist liegt “[D]ie gemäß neuer Bevölkerungsvorausberechnung 2021-2040 zu erwartende Anzahl der Kinder unter 7 Jahren [...] deutlich unter der bisherigen Prognose. Bis zum Jahr 2027 wird nunmehr eine um rund 14.700 geringere Zahl von Kindern im Alter 0 bis unter 7 Jahren erwartet.”. Diese Differenz verdeutlicht, dass bei Abschluss der heute noch gültigen städtebaulichen Verträge von einem deutlich höheren Bedarf an Kita-Plätzen ausgegangen wurde.
Die Mitglieder des Kitaverbands VKMK beobachten den fortgesetzten Ausbau mit wachsendem Unverständnis. Statt die finanziellen Mittel in die mancherorts benötigte Sanierung und Instandhaltung bestehender Einrichtungen zu investieren, fließen die Gelder weiterhin in den Bau neuer Kitas, für die es inzwischen kaum Nachfrage mehr gibt. Aus den Reihen des Verbands wird daher verstärkt eine nachhaltigere Verwendung öffentlicher Mittel gefordert. Lars Békési, Geschäftsführer des Verbandes, betont nachdrücklich: “Die Anpassung der Maßnahmen erfolgt nicht schnell genug, was zu einem gegenwärtig ineffizienten Umgang mit Steuergeldern führt. Anstatt diese sinnvoll und nachhaltig einzusetzen, werden sie zum Fenster rausgeworfen. Es wäre weitaus effizienter, die vorhandene Infrastruktur zu stärken oder nach nachhaltigen Lösungen zu suchen.” Ein möglicher Ansatz, der innerhalb des VKMK diskutiert wird, ist die Etablierung von Mehrgenerationenkonzepten. Durch diese Konzepte könnte die im Rahmen städtebaulicher Verträge geschaffene soziale Infrastruktur flexibel an die Herausforderungen des demografischen Wandels angepasst werden. Dies würde eine proaktive Vorbereitung auf unvorhergesehene Geburtenrückgänge sowie auf mögliche Anstiege der Geburtenzahlen ermöglichen. Gleichzeitig würden sowohl Senioren als auch Kinder von einem generationenübergreifenden Miteinander profitieren.
Die Kunst der Eingewöhnung
Das neue Kita-Jahr ist gestartet und viele Eltern bringen ihren Nachwuchs nun das erste Mal in eine Kindertageseinrichtung. Für viele Familien stellt dies einen großen Schritt und eine sehr sensible Zeit dar: Das Kind verlässt oftmals zum ersten Mal für eine längere Zeit das gewohnte Umfeld familiärer Geborgenheit.
Das neue Kita-Jahr ist gestartet und viele Eltern bringen ihren Nachwuchs nun das erste Mal in eine Kindertageseinrichtung. Für viele Familien stellt dies einen großen Schritt und eine sehr sensible Zeit dar: Das Kind verlässt oftmals zum ersten Mal für eine längere Zeit das gewohnte Umfeld familiärer Geborgenheit. Es lernt viele fremde Menschen kennen, zu denen es neue Beziehungen aufbauen darf, und muss gleichzeitig lernen, sich an eine komplett neue Umgebung, mit anderen Regeln, Routinen und Tagesabläufen zu gewöhnen. Doch nicht nur für Kinder ist dies eine Herausforderung. Auch Eltern befinden sich zu dieser Zeit in einem Lern- und Umgewöhnungsprozess: Sie lassen ihr Kind nun das erste Mal los und übergeben es in die Hand einer anderen Person. Da dies eine solch emotionale und sensible Phase ist, die viele Chancen, aber auch Risiken in sich birgt, bedarf es eines besonderen Feingefühls und einer bedachten Herangehensweise, um den Prozess der Eingewöhnung erfolgreich zu gestalten.
Transitionsprozesse in der Eingewöhnung
Eine erfolgreiche Eingewöhnung ist nicht nur entscheidend für den unmittelbaren Kita-Aufenthalt, sondern auch für das zukünftige Leben des Kindes. Es ist für die meisten Kinder die erste größere Transition, die sie erleben. Nach dem IFP Transitionsmodell von Griebel und Niesel vollzieht sich dieser Übergang auf drei Ebenen: Auf der individuellen Ebene bewältigen Kinder starke Gefühle und entwickeln ein verändertes Selbstbild. Auf der interaktionellen Ebene erleben sie die Trennung von vertrauten Bezugspersonen und müssen neue Beziehungen aufbauen. Auf der kontextuellen Ebene geht es darum, sich in einer neuen, ungewohnten Umgebung zurechtzufinden. Dieser gesamte Prozess ist natürlicherweise mit Stress und Unsicherheiten verbunden. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigten beispielsweise einen deutlichen Anstieg des Stresshormons Cortisol bei Kleinkindern, die von ihren Eltern getrennt werden. Es gibt Wissenschaftler:innen, die sogar von dem Erleben einer echten Krise sprechen. Dabei wird von den Kindern viel Bewältigungsfähigkeit und Resilienz abverlangt. Die Art und Weise, wie Kinder diese erste größere Transition erleben, wie viel Unterstützung und Sicherheit sie dabei erhalten, kann langfristige Auswirkungen auf ihren Umgang mit zukünftigen Übergängen, Stresssituationen und Veränderungen haben. Wichtig ist deshalb, dass das Kind schnell lernt, sichere Bindungen zu seinen neuen Bezugspersonen in der Kita aufzubauen, den Fachkräften. Daher ist es entscheidend, dass das Kind in den Fachkräften Menschen findet, die seine Bedürfnisse wahrnehmen und ihm Verständnis und Unterstützung, vor allem in unangenehmen Situationen, entgegenbringen. Doch nicht nur die Kinder erleben bei der Eingewöhnung eine Transition, sondern auch die Eltern, wie Isabell Springmann, Kindheitspädagogin und Pädagogische Gesamtleiterin und Fachberatung bei W & W Wunderkids Berlin, betont. Sie müssen sich zunächst an die neue Situation gewöhnen, die damit verbundenen Gefühle wie Trauer und Sorge verarbeiten und ein vertrauensvolles Verhältnis zu den Fachkräften sowie zu den neuen Lebensumständen aufbauen. Die Fachkräfte haben daher die verantwortungsvolle Aufgabe, nicht nur die Kinder einzugewöhnen, sondern auch die Eltern in diesem Prozess einfühlsam zu unterstützen. Wie Eltern mit diesem Übergang umgehen, hat einen erheblichen Einfluss auf den Eingewöhnungsprozess ihrer Kinder. Isabell erklärt: „Eltern sind nicht nur Unterstützer des Übergangs ihrer Kinder, sondern erleben dabei einen eigenen Übergang und haben maßgeblich Einfluss auf eine gelungene Eingewöhnung. Trennungsängste der Eltern können nur durch den Vertrauensaufbau in die Kita und das Fachpersonal abgebaut werden. Dies bildet eine wesentliche Grundlage dafür, dass Kinder dann Bindungen zu den Erzieherinnen aufbauen können.” In diesem Zusammenhang verweist Isabell auch auf das IFP-Transitionsmodell: „Transitionskompetenz ist nach Griebel und Niesel die Kompetenz des gesamten sozialen Systems, sprich aller am Prozess Beteiligten.“ Dies unterstreicht, dass eine erfolgreiche Eingewöhnung nicht nur von den Kindern abhängt, sondern auch von der aktiven Teilnahme und Unterstützung der Eltern sowie der Fachkräfte. Eine gelungene Eingewöhnungsphase, in der alle Parteien harmonisch kooperieren, bildet die Basis für eine starke Bildungs- und Erziehungspartnerschaft und ist entscheidend für einen erfolgreichen frühkindlichen Bildungsprozess.
Ziele einer erfolgreichen Eingewöhnung
Wie gut die Eingewöhnung funktioniert hat, kann sich unter anderem darin zeigen, ob sich das Kind nach der Trennung von den Eltern von der Fachkraft trösten lässt, ob es sich bereitwillig schlafen legen lässt und ob es sich von der Fachkraft wickeln lässt. Neben dem Erleben von sicheren Beziehungen ist ein weiteres Ziel, dass das Kind sich in seiner neuen Umgebung lernt, zurechtzufinden und sich wohlfühlen kann, dass es die Kita als einen sicheren, geschützten Raum wahrnimmt. Dies bedeutet, dass das Kind Neugierde zeigt, die Räumlichkeiten erkundet, mit anderen Kindern spielt, am Gruppengeschehen teilnimmt und sich an die neuen Regeln und Routinen anpasst. In diesem Kontext betont Isabell Springmann auch die entscheidende Rolle einer gelungenen Eingewöhnung für die weiteren Bildungsprozesse der Kinder: “Kinder benötigen das Gefühl der Sicherheit, das durch eine gute und sichere Bindung zu den pädagogischen Fachkräften entsteht, um sich so frei und sicher zu fühlen, dass sie sich explorieren die Welt aneignen und Bildungsimpulse aufgreifen können. Kurzum, eine gelungene Eingewöhnung ist die essentielle Basis für Bildungsprozesse.” Eine gelungene Eingewöhnung bildet somit nicht nur den Startpunkt, sondern auch das Fundament für eine positive und nachhaltige Entwicklung der Kinder.
Die Folgen mangelnder Eingewöhnung
Wie wichtig eine sanfte Eingewöhnung ist, konnten bereits verschiedene Studien aufzeigen, darunter auch Untersuchungen eines Berliner Forschungsteams um H. J. Laewen und B. Andres. In ihrer Studie wiesen sie nach, dass eine unzureichende Eingewöhnung erhebliche gesundheitliche, verhaltensbezogene und entwicklungspsychologische Folgen für Kinder haben kann. Kinder, die ohne angemessene Eingewöhnung in die Kita kommen, waren demnach in den ersten Monaten ihres Kita-Besuchs bis zu viermal häufiger krank. Zusätzlich zeigten Kinder, die nicht ausreichend eingewöhnt werden, verstärkt ängstliches Verhalten. Diese Kinder hatten Schwierigkeiten, sich in ihre neue Umgebung einzufinden und Bindungen aufzubauen. Besonders gravierende machten sich diese Auswirkungen bei Kindern unter zwei Jahren bemerkbar.
Der Weg zur gelungenen Eingewöhnung
Die Eingewöhnung ist von Kita zu Kita meist unterschiedlich und auch abhängig von den der Kita zur Verfügung stehenden Ressourcen. Dennoch gibt es ein paar allgemeingültige Faktoren, die essentiell für eine gelungene Eingewöhnung sind. In den meisten Fällen ist zu Beginn eine, beziehungsweise nur wenige Fachkräfte für das Kind zuständig, damit es nicht überfordert wird und erstmal eine sichere und stabile Bindung zu einer fremden Person aufbauen kann, bevor weitere Personen ins Spiel kommen. Dabei sind intensive Gespräche und eine enge Zusammenarbeit mit der Familie wichtig, damit die Fachkraft sowohl das Familienkonzept, als auch die Form der bisher erlebten Beziehungen und die individuellen Bedürfnisse des Kindes kennen und verstehen lernt. Insbesondere in Berlin ist dabei der Umgang mit der Vielfalt von Familien ein sehr wichtiger Aspekt in diesem Prozess, da unsere Gesellschaft eine breite Palette an unterschiedlichsten Familienkonzepten aufzuweisen hat. Die Reflexion über das eigene Bild von Familien und die Offenheit gegenüber verschiedenen kulturellen Hintergründen sind entscheidend, um die unterschiedlichen Lebenswelten der Familien besser zu verstehen und anzuerkennen. Mit diesen Erkenntnissen kann dann der Eingewöhnungsprozess in der Kita an die jeweiligen Bedürfnisse angepasst werden. Die Eingewöhnung selbst ist ein strukturierter Prozess, der vom pädagogischen Team sorgfältig geplant und ausgeführt wird. Optimalerweise werden pro Woche nur wenige Kinder neu aufgenommen, um das Team nicht zu überlasten und den Kindern genügend individuelle Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Dies ist jedoch nur möglich, wenn die Personalressourcen dafür zur Verfügung stehen. In den ersten Tagen sollte dann das Kind von einem Elternteil begleitet werden. Nach und nach wird diese Zeit reduziert, bis das Kind das erste Mal alleine Zeit in der Kita verbringt.
Modelle der Eingewöhnung
Um die Eingewöhnung gut zu strukturieren, wird in sehr vielen Kitas auf zwei etablierte Eingewöhnungmodelle zurückgegriffen: Das Berliner und das Münchener Eingewöhnungmodell.
Das Berliner Eingewöhnungsmodell wurde von dem bereits erwähnten Forschungsteam um Laewen und Andres entwickelt. Es umfasst fünf Phasen, die einen sanften, bedürfnisorientierten, strukturierten und gleichzeitig flexiblen Übergang in die Kindertagesstätte ermöglichen.
1. Informationsphase: Zu Beginn tauschen sich Eltern, bzw. die Bezugspersonen, und Fachkräfte über die Bedürfnisse, Gewohnheiten und Vorlieben des Kindes aus. Gleichzeitig wird der Ablauf der Eingewöhnung erklärt, um Transparenz und Vertrauen zu schaffen.
2. Grundphase: Das Kind besucht für ein bis zwei Stunden täglich mit einem Elternteil die Kita, um die Umgebung und Routinen, wie den Morgenkreis, kennenzulernen. Die Fachkraft nimmt behutsam Kontakt zum Kind auf, während das Elternteil sich im Hintergrund hält, aber bei pflegerischen Aufgaben aktiv bleibt. Das Modell legt dabei großen Wert auf die Bedürfnisse der Kinder: Wenn das Kind zunächst alles aus der Nähe seiner Bezugsperson beobachten möchte, wird dies dementsprechend respektiert und unterstützt.
3. Erster Trennungsversuch: Nach der Grundphase erfolgt der erste Trennungsversuch, bei dem sich das entsprechende Elternteil für etwa eine halbe Stunde verabschiedet. Die Reaktion des Kindes spielt dabei eine entscheidende Rolle für den weiteren Verlauf der Eingewöhnung. Zeigt das Kind wenig Trennungsangst oder lässt sich schnell beruhigen, kann die Eingewöhnung in etwa einer Woche abgeschlossen werden. Andernfalls wird die Eingewöhnung auf zwei Wochen oder länger verlängert. Nach dem Berliner Eingewöhnungsmodell geht das Verhalten der Kinder auf ihren Bindungstyp zurück: Einem sicher gebundenen Kind wird die Trennung schwerer fallen, während ein unsicher gebundenes Kind sich schneller in der neuen Umgebung zurechtfindet. In dieser Phase ist es für die Bezugsperson wichtig, ihrem Kind Sicherheit zu vermitteln, auch wenn ihnen dieser Schritt ebenfalls schwerfällt.
4. Stabilisierungsphase: In dieser Zeit zieht sich das Elternteil zunehmend zurück, während die Fachkraft den Kontakt zum Kind intensiviert und es stärker in den Kita-Alltag einbindet. Je nach Reaktion des Kindes wird die Anwesenheit der Bezugsperson weiter reduziert, bis es nur noch gebracht und abgeholt wird. Bei Kindern, bei denen der Trennungsversuch nicht erfolgreich war, wird diese Phase verlängert, bis ein erneuter Trennungsversuch nach einer Woche unternommen wird.
5. Schlussphase: Das Kind kann nun mehrere Stunden täglich allein in der Kita verbringen, ist integriert und hat bereits stabile Beziehungen zu den Fachkräften und anderen Kindern aufgebaut. Die Eltern sind nur noch für Notfälle erreichbar. Für die Fachkräfte bedeutet dies jedoch nicht das Ende der Eingewöhnung, denn sie müssen weiterhin das Vertrauen des Kindes festigen.
Das Münchener Eingewöhnungsmodell wurde von dem Entwicklungspsychologen Kuno Beller und seinem Team entwickelt. Auch dieses Modell zielt darauf ab, den Übergang des Kindes in die Kindertagesstätte möglichst sanft und auf die individuellen Bedürfnisse abgestimmt zu gestalten. Allerdings legt es einen stärkeren Fokus auf die Einbeziehung der Eltern, bzw. der Bezugspersonen, in den Kita-Alltag in den ersten Phasen und ist auf einen Zeitraum von vier bis fünf Wochen angelegt:
1. Vorbereitungsphase: Ähnlich wie im Berliner Modell findet zu Beginn ein Austausch zwischen den Fachkräften und den Eltern des Kindes über wichtige Informationen zum Kind und zur Gestaltung der Eingewöhnung statt.
2. Kennenlernphase: Das Kind verbringt eine Woche täglich mehrere Stunden mit einem Elternteil in der Kita, um die Abläufe und Routinen kennenzulernen, ohne dass eine Trennung stattfindet. Die Fachkraft hält sich zunächst zurück.
3. Sicherheitsphase: Das Elternteil bleibt weiterhin mehrere Stunden mit dem Kind in der Kita, jedoch zieht es sich zunehmend zurück. Währenddessen übernimmt die zuständige Fachkraft allmählich immer mehr pflegerische Aufgaben und beginnt, einen vertrauensvollen Kontakt zum Kind aufzubauen.
4. Vertrauensphase: Der erste Trennungsversuch erfolgt in der dritten oder vierten Woche. Reagiert das Kind positiv, wird die Trennungszeit schrittweise verlängert. Hat das Kind Schwierigkeiten, wird der Versuch nach einigen Tagen wiederholt..
5. Reflexionsphase: In der letzten Phase reflektieren Fachkraft und Eltern den gesamten Eingewöhnungsprozess und besprechen Aspekte, die in Zukunft weiterhin beachtet werden sollten. Im Münchener Modell finden solche Gespräche während des gesamten Prozesses regelmäßig statt, um eine solide Bildungs- und Erziehungspartnerschaft zwischen der Kita und den Eltern/Bezugspersonen zu etablieren.
Die Eingewöhnung ist ein überaus anspruchsvoller und vielschichtiger Prozess, der Geduld, Feingefühl, Empathie und Vertrauen von allen Beteiligten erfordert. In diesen sensiblen Wochen wird der Grundstein für Bildungsprozesse und zukünftige Übergänge im Leben der Kinder gelegt. Die Art und Weise, wie Kinder, Eltern und Fachkräfte miteinander interagieren, hat nachhaltige Auswirkungen auf die Entwicklung der Kinder und ihren Umgang mit Veränderungen. Der VKMK möchte sich daher bei allen Fachkräften bedanken, die mit ihrem Engagement dafür sorgen, dass jedes Jahr neue Kinder erfolgreich in unsere Kitas eingewöhnt werden und positive Bindungserfahrungen machen dürfen. Ihre Arbeit trägt maßgeblich dazu bei, dass die neuen Kita-Kinder bestens auf ihren weiteren Lebensweg und zukünftige Übergangssituationen vorbereitet werden. Gleichzeitig fordert der VKMK von der Politik eine stärkere Unterstützung für diese essenzielle Arbeit. Es ist dringend erforderlich, die Rahmenbedingungen durch eine verbesserte Personalausstattung zu optimieren, um den Fachkräften die Entlastung und Zeit zu bieten, die sie benötigen, um ihre Arbeit qualitativ hochwertig ausführen zu können. Nur durch eine starke Zusammenarbeit und das Verständnis für die Komplexität der Eingewöhnung kann sichergestellt werden, dass Kinder in einem Umfeld aufwachsen, in dem sie positive Erfahrungen sammeln können.
Quellen:
Ahnert, L. et. al. (2004): Transition to Child Care: Association With Infant-Mother Attachement, Infant Negative Emotion and Cortisol Elevation. In: Child Development. 75.
Braukhane, K. & Knobeloch, J. (2003). Das Berliner Eingewöhnungsmodell – Theoretische Grundlagen und praktische Umsetzung. In KiTa Fachtexte [Journal-article]. https://www.kita-fachtexte.de/fileadmin/Redaktion/Publikationen/KiTaFT_Braukhane_Knobeloch_2011.pdf.
Griebel, Wilfried und Renate Niesel, 2017. Übergänge verstehen und begleiten: Transitionen in der Bildungslaufbahn von Kindern. 4. Auflage. Berlin: Cornelsen.
Laewen, H. J. (1989), Nichtlineare Effekte einer Beteiligung von Eltern am Eingewöhnungsprozeß von Krippenkindern. In: Psychologie in Erziehung und Unterricht. 36(2).
Laewen, H. J.; Andres, B. & Hédervári, É. (2006): Ohne Eltern geht es nicht. Die Eingewöhnung von Kindern in Krippen und Tagespflegestellen. Berlin: Cornelsen Scriptor, 4. Auflage.
S, Christiane. (2024, 11. Juli). Eingewöhnungsmodelle: das Münchener und das Berliner Modell. Wissen. https://www.kita.de/wissen/eingewoehnungsmodelle/#google_vignette.
Wustmann, C., 2004. Resilienz: Widerstandsfähigkeit von Kindern in Tageseinrichtungen fördern. Weinheim und Basel: Beltz.
Für Vielfalt statt Feindbilder
7. Oktober 2024 - Heute vor genau einem Jahr begann für viele Menschen in Israel und der Welt ein unvorstellbarer Albtraum. Mit einem Schlag änderte sich ihr Leben unwiderruflich. Heute vor einem Jahr erfolgte der brutale Terrorangriff der Hamas auf israelische Zivilist:innen; auf Frauen, Kinder, Junge wie Alte. Sie wurden in ihren Häusern, in Ihren Siedlungen und im öffentlichen Raum abgeschlachtet, verstümmelt, vergewaltigt und als Geisel verschleppt.
7. Oktober 2024 - Heute vor genau einem Jahr begann für viele Menschen in Israel und der Welt ein unvorstellbarer Albtraum. Mit einem Schlag änderte sich ihr Leben unwiderruflich. Heute vor einem Jahr erfolgte der brutale Terrorangriff der Hamas auf israelische Zivilist:innen; auf Frauen, Kinder, Junge wie Alte. Sie wurden in ihren Häusern, in Ihren Siedlungen und im öffentlichen Raum abgeschlachtet, verstümmelt, vergewaltigt und als Geisel verschleppt.
Was als grausamer Terrorakt begann, führte zu einer unaufhaltsamen Kette von Gewalt, Vergeltung, Zerstörung und Leid. Eine Welle der Gewalt aus, die bis heute anhält.
Premierminister Netanjahu erklärte nach dem Anschlag der Hamas den Kriegszustand und startete eine militärische Offensive im Gazastreifen, die auf die Zerschlagung der Hamas abzielt. Doch der Konflikt blieb nicht auf diese beiden Akteure beschränkt. Die Hisbollah solidarisierte sich mit der Hamas und die Spannungen an der Grenze zu Israel nahmen gefährlich zu. Der Iran, langjähriger Verbündeter der Hamas und der Hisbollah, verstärkte seine Unterstützung, finanziell und militärisch, und startete Raketenangriffe auf Israel. Israel antwortete mit massiven Gegenangriffen. Ein Konflikt, der auf historisch tief verwurzelte Spannungen zurückgeht und sich immer weiter ausbreitet. Die Opfer: primär Zivilist:innen auf allen Seiten, denen ein Krieg aufgezwungen wurde, für den sie nicht verantwortlich sind. Es ist ein Krieg, der auf dem Rücken der Bevölkerung, von Familien, Kindern und unschuldigen Menschen ausgetragen wird.
An diesem Tag möchten wir an all die Opfer dieses grausamen Konflikts gedenken, uns mit ihnen solidarisch zeigen und unsere Stimme gegen Radikalisierung und Extremismus erheben. Es ist ein Tag, der daran erinnert, dass Extremismus - gleich in welcher Form oder Ideologie, niemals eine Lösung ist - dass Extremismus nur Leid unschuldiger Menschen hervorruft und dass es in einem Krieg keine Gewinner gibt. Wir leben in einer Welt voller Vielfalt, in der jeder Mensch einzigartig ist. Jeder hat seine eigenen Überzeugungen, Werte, Gedanken und Glaubensrichtungen. Statt unsere Vielfalt zu bekämpfen oder als Bedrohung zu sehen, sollten wir sie schätzen und respektieren. Es ist entscheidend, dass wir lernen, andere Denk- und Lebensweisen zu tolerieren und bereit sind, den Dialog zu suchen, anstatt in den Konflikt zu treten. Indem wir aufhören, in anderen den Feind zu sehen, eröffnen wir die Möglichkeit, friedlich zusammenzuleben. Lasst uns deshalb gemeinsam für Frieden, Respekt und Verständnis eintreten, um eine Zukunft zu schaffen, die von Miteinander und nicht Gegeneinander geprägt ist.
Sprache als Schlüssel zur Welt: Einblicke in die frühkindliche Sprachförderung
In der Welt der frühkindlichen Bildung ist Sprache weit mehr als nur ein Kommunikationsmittel – sie ist ein Schlüssel zur Entwicklung, Inklusion und der sozialen Integration. Nathalie Henschel, Fachberaterin für Diversität und Nachhaltigkeit beim Kita-Träger Kleiner Fratz nimmt uns in einem Gespräch mit auf eine Reise durch ihre vielseitige Berufserfahrung.
In der Welt der frühkindlichen Bildung ist Sprache weit mehr als nur ein Kommunikationsmittel – sie ist ein Schlüssel zur Entwicklung, Inklusion und der sozialen Integration. Nathalie Henschel, Fachberaterin für Diversität und Nachhaltigkeit beim Kita-Träger Kleiner Fratz nimmt uns in einem Gespräch mit auf eine Reise durch ihre vielseitige Berufserfahrung. In ihrem Werdegang spiegeln sich die Herausforderungen und Chancen wider, die mit der sprachlichen Förderung von Kindern verbunden sind. Von den vielseitigen Formen der Sprache über die Bedeutung der Sprache für die emotionale und soziale Entwicklung bis hin zu den unentdeckten Sprachförderbedarfen – Henschel bietet fundierte Einblicke in die komplexe Welt der frühkindlichen Sprachförderung.
„Ich bin seit zehn Jahren bei dem Träger und habe als Erzieherin angefangen“, beginnt Nathalie Henschel. Doch zu Beginn ihrer Berufslaufbahn war ihr noch nicht bewusst, welchen Weg ihre Entwicklung einnehmen würde. Vielmehr wuchs ihre Leidenschaft für die Arbeit mit Kindern und das Thema Inklusion im Laufe der Zeit. „Das kam erst nach und nach. Es ist wirklich schwierig, nach der zehnten Klasse zu wissen, was man später machen möchte. Ich meine, in der Regel ist man da 15, 16 Jahre alt und hat ganz andere Gedanken im Kopf.“, reflektiert sie, “Ich habe zuerst die Ausbildung zur Sozialassistentin gemacht, weil man da ja relativ viele Möglichkeiten hat, weiterzugehen.” Besonders prägend waren für Henschel die vielen praktischen Einblicke während dieser Zeit. „Ich habe damals gemerkt, dass ich ein Händchen für Kinder habe, das hat gut funktioniert. Und so habe ich mich entschieden, den Weg in die Erzieherausbildung einzuschlagen. Dann wurde ich im Verlaufe meiner Karriere beim Kleinen Fratz Kita-Leitung und habe auch die Zusatzqualifikation als Fachkraft für Integration gemacht, die heute als Fachkraft für Inklusion und Teilhabe bezeichnet wird. Daraufhin habe ich eine Weiterbildung gemacht, der Titel ist sehr lang, als Fachkraft zur Begleitung diskriminierungskritischer Prozesse im Handlungsfeld Kindertagesstätte.“ Auf die Frage, wie sich ihre Rolle im Laufe der Jahre entwickelt hat, erklärt Henschel: „Ich bin letztlich zur Geschäftsführung gegangen und habe gesagt, dass ich diesen Bereich unglaublich wichtig finde und ihn gerne übernehmen möchte. Dabei stieß ich auf offene Türen.“
Mehr als Worte: Die Bedeutung von Sprache in all ihren Formen für die frühkindliche Entwicklung
In Nathalies täglicher Arbeit spielt Sprache eine essenzielle Rolle. Sprache, so Henschel, sei der Schlüssel zu einem gelungenen Miteinander. „Sprache bringt Menschen zusammen“, sagt sie. Besonders in der sozial-emotionalen Entwicklung spielt Sprache eine tragende Rolle. „Es geht darum, die Kinder bei ihren Gefühlen zu begleiten“, erklärt Henschel. „Sie müssen lernen, ihre Gefühle zu benennen und zu wissen, dass es in Ordnung ist, diese Gefühle zu haben.“ Dabei ist es weniger wichtig, ob dies verbal oder nonverbal geschieht – entscheidend ist, dass Kinder Ausdrucksmöglichkeiten haben. „Alles, was vermittelt wird, muss irgendwie über Sprache vermittelt werden“, so Henschel. Gerade die Fähigkeit, Grenzen zu kommunizieren und die Grenzen anderer durch Kommunikation zu erkennen, ist essentiell für ein harmonisches Miteinander. „Sprache hilft dabei, Konflikte zu reduzieren, weil Kinder durch Sprache lernen, was Grenzen sind und wie sie mit den Gefühlen anderer umgehen können. Und ab einem gewissen Alter, meistens ab drei Jahren, hängt fast alles von der Sprache ab“, erklärt Henschel. „Viele kognitive Fähigkeiten können erst richtig erfasst werden, wenn die sprachlichen Fähigkeiten vorhanden sind.“ Dies wird in der pädagogischen Praxis durch verschiedene Beobachtungsinstrumente, wie zum Beispiel die Kuno Beller-Tabelle, erhoben. Doch Henschel warnt davor, die Sprache nur auf die verbale Kommunikation zu reduzieren. „Menschen, die nicht verbal kommunizieren können, haben ja auch eine Art von Sprache. Das hat ja dann nichts mit den kognitiven Fähigkeiten dieser Menschen zu tun. Ich finde, das muss man auseinanderhalten und ich glaube, da muss auch ein Umdenken stattfinden“, betont sie. Ein Umdenken ist notwendig, um jegliche Form der Kommunikation – sei es durch Gestik, Mimik oder Gebärden – als Sprache anzuerkennen. Gerade in der frühkindlichen Bildung sollte es selbstverständlich sein, dass Pädagog:innen auch in der Nutzung von Gebärden oder gebärdenunterstützender Kommunikation geschult werden. „Man kann so viele Dinge auch nonverbal vermitteln, und das sollte stärker in den Fokus rücken“, fordert Nathalie. „Wir hatten eine Familie mit einem gehörlosen Kind in meiner damaligen Kita“, erinnert sich Henschel. „Gebärdensprache konnten wir damals nicht, aber wir haben mit GUK gearbeitet, also mit gebärdenunterstützender Kommunikation.“ Diese Methode verwendet nur zentrale Schlüsselwörter, um die Kommunikation zu erleichtern, was sich als äußerst hilfreich für alle Kinder erwies. „Das ist besonders gut auch für Kinder, die Deutsch als Zweitsprache haben, weil man so eine gemeinsame Kommunikationsebene schafft“, betont Henschel. Durch einfache Zeichen wird dabei für alle eine klare und verständliche Struktur geschaffen. „Nach dem Mittagessen hatten wir immer eine Bücherrunde. Das war ein festes Ritual, und wir haben dafür die Gebärden für 'Buch' und 'Runde' verwendet. So wussten die Kinder sofort, was als Nächstes passiert“, berichtet Henschel. Auf die Frage, ob sie sich eine breitere Integration der Gebärdensprache in Kitas vorstellen könne, antwortet Henschel begeistert: „Strukturell wäre es großartig, wenn alle Kinder von klein auf Gebärdensprache lernen könnten.“ Sie betont, wie viel Druck dadurch von manchen Menschen genommen werden könnte, die im Alltag oft mit Barrieren konfrontiert sind. „Behördengänge zum Beispiel sind für viele Menschen ohne Gebärdensprache unglaublich herausfordernd. Wenn mehr Menschen Gebärdensprache beherrschen würden, wäre das ein Riesenschritt in Richtung Inklusion.“ Doch nonverbale Kommunikation geht über Gebärdensprache hinaus. Gerade bei sehr kleinen Kindern, die noch keinen vollständigen Wortschatz besitzen, ist es oft die einzige Möglichkeit, sich verständlich zu machen. „Nehmen wir die Krippenkinder, die mit einem Jahr zu uns kommen“, beginnt Henschel. „Die haben noch keinen voll ausgebildeten Wortschatz, aber im Laufe der Eingewöhnung und durch die Bindungsarbeit lernt man das Kind kennen. Es ist letztlich wie in einer Partnerschaft. Irgendwann sieht man seinem Partner oder seiner Partnerin an, was er oder sie gerade fühlt oder möchte. Und nichts anderes ist es. Es ist ganz viel Beziehungsarbeit, die stattfinden muss. Man muss die Kinder beobachten und was sonst auch immer funktioniert, sind kleine Bildkärtchen, wo sie dann draufzeigen können, was sie möchten.“ Diese intensive Beziehungsarbeit, die darauf basiert, die Bedürfnisse und Gefühle eines Kindes durch Beobachtung zu erkennen, ist zentral in der Arbeit mit kleinen Kindern. Es ist ein Mittel, um emotionale Sicherheit und Teilhabe zu gewährleisten. „So können Kinder, die noch nicht sprechen können, trotzdem klar machen, was sie brauchen“, erklärt Henschel.
Undiagnostizierte Sprachförderbedarfe: Die versteckten Herausforderungen für die frühkindliche Bildung
Nathalie Henschel betont in ihrem Gespräch nicht nur die zentrale Rolle der Sprache für das soziale Miteinander und die kindliche Entwicklung, sondern verweist auch auf die wachsende Zahl von Kindern mit Sprachförderbedarf und die damit verbundenen Herausforderungen, denen sich Kitas zunehmend gegenübersehen. Besonders unerkannte Sprachdefizite sowie veränderte Lebensgewohnheiten und Mediennutzung verschärfen die Situation erheblich. “Allgemein ist Sprachförderung ein großes Thema.“ Henschel äußert sich dabei besorgt darüber, dass viele Kinder mit einem nicht diagnostizierten Sprachförderbedarf in die Kitas kommen. „Es gibt verschiedene Methoden und Beobachtungsinstrumente, um den Sprachstand zu evaluieren, aber ich denke, es gibt viele Kinder, bei denen der Sprachförderbedarf nicht erkannt wird.“ Diese Kinder sind dann auf die Unterstützung der Erzieher:innen angewiesen, die versuchen, die sprachlichen Defizite im Kita-Alltag aufzufangen. Unter anderem führt Nathalie diesen Anstieg an Sprachförderbedarfen auf veränderte Lebensgewohnheiten und Mediennutzung zurück: „Früher waren wir viel draußen, haben uns mit anderen Kindern und Erwachsenen unterhalten. Heutzutage werden viele Kinder schon im ersten Lebensjahr vor den Fernseher oder YouTube gesetzt, wo sie teilweise Inhalte in verschiedenen Sprachen sehen, mitunter Videos auf Russisch, Japanisch, Spanisch, Englisch. Das kann so ein kleines Gehirn alles gar nicht verarbeiten“ Gleichzeitig beobachtet Henschel, dass manche Familien ihre Kinder vermehrt vor Medien „parken“, anstatt aktiv mit ihnen zu kommunizieren. „Man sieht Kinder, die im Kinderwagen sitzen und auf dem Weg zur Kita ein Handy in der Hand haben, anstatt mit den Eltern über die Umgebung zu sprechen – über die Bäume, die Straße oder die Käfer.“ Henschel hebt hervor, dass Kinder Bewegung brauchen, um zu lernen. Doch durch die zunehmende Bildschirmnutzung wird dieser natürliche Lernprozess oft eingeschränkt. „Wenn Kinder den Großteil ihrer Zeit zu Hause vor Bildschirmen verbringen, ohne ausreichend Bewegung und direkte Kommunikation, ist es schwierig für sie, ihre sprachlichen Fähigkeiten zu entwickeln“, betont sie. Henschel berichtet, dass viele dieser Kinder undeutlich sprechen. In vielen Fällen geht das auch auf unerkannte Hörprobleme zurück. „Es gibt relativ viele Kinder, bei denen sich Wasser im Ohr sammelt, das nicht richtig ablaufen kann. Da braucht es Röhrchen, die eingesetzt werden. Das ist ein kleiner Eingriff, meistens noch mit Polypenentfernung dazu. Das ist ein sehr langer Prozess, weil die meisten Kinderärzte das nicht so sehen. Wir schicken die Eltern dann zum HNO-Arzt, dort wird ein Hörtest gemacht. Aber das zieht sich so lange, dass die Kinder mit unter drei, vier Jahren alt sind und dann drei, vier Jahre alt gehört haben, als wenn sie unter Wasser wären.“ Die Folge dieser Hörprobleme ist nicht nur eine undeutliche Aussprache, sondern auch ein eingeschränkter Wortschatz. „Solche Kinder brauchen dringend logopädische Unterstützung“, erklärt Henschel. „Das kann keine Kita leisten. Wir sind nicht dafür ausgebildet, Kindern beizubringen, wie sie deutlich sprechen sollen.“
Brücken bauen: Wie Kitas erfolgreich mit Sprachunterschieden umgehen
Neben den Herausforderungen durch unerkannte Sprachförderbedarfe und veränderte Lebensgewohnheiten sieht Nathalie Henschel eine weitere zentrale Frage: Wie kann in einer multikulturellen und mehrsprachigen Umgebung eine erfolgreiche, gemeinsame Kommunikation gelingen? „Man muss erst mal schauen, dass man einen gemeinsamen Kommunikationsweg findet“, erklärt sie. Glücklicherweise sind viele Kitas beim Kleinen Fratz gut ausgestattet, etwa mit Bildkärtchen, die für eine grundlegende Verständigung genutzt werden. Auch digitale Hilfsmittel wie Übersetzungs-Apps kommen zum Einsatz. „Viele Einrichtungen haben Google, aber die Herausforderung besteht darin, herauszufinden, ob die Kinder ihre Muttersprache altersgerecht beherrschen.“ Denn die Sprachkompetenz in der Muttersprache spielt eine Schlüsselrolle für den Spracherwerb der deutschen Sprache. Henschel betont: „Wenn die Kinder die Muttersprache noch nicht altersgerecht sprechen, ist es schwierig, dass sie sich auf Deutsch fokussieren.“ In den Einrichtungen vom Kleinen Fratz sind die Teams sehr divers und können viele Sprachen abdecken. „Englisch funktioniert in den meisten Einrichtungen gut, Türkisch und Arabisch sind auch gut abgedeckt, und mittlerweile auch Ukrainisch“, berichtet Henschel. Doch es gibt Sprachen, die nicht repräsentiert sind. In solchen Fällen wird auf die Zusammenarbeit mit den Eltern zurückgegriffen, um den Sprachstand in der Muttersprache zu ermitteln. In den Kitas, die besonders erfolgreich bei der Sprachförderung sind, hat sich gezeigt, dass eine solche ganzheitliche Vorgehensweise besonders wirksam ist. Nathalie Henschel beschreibt dies folgendermaßen: „In den Einrichtungen, in denen sich das gesamte Team intensiv mit dem Thema Sprachförderung auseinandergesetzt hat, und wo die Eltern aktiv eingebunden wurden, konnte oft ein großer Erfolg erzielt werden. Wenn die Kinder ihre Muttersprache in der Einrichtung gefunden haben – sei es durch Musik oder durch Schriftarten wie Arabisch – und wenn Eltern Bücher auf Deutsch und in einer anderen Sprache vorlesen, hat sich das positiv ausgewirkt. Solche umfassenden Ansätze führen dazu, dass die Kinder die deutsche Sprache schneller aufnehmen.“ In Bezug auf die Zusammenarbeit mit den Eltern im Rahmen der Sprachförderung betont Henschel besonders einen zentralen Appell: „Das Wichtigste, was wir den Eltern mitgeben, ist, dass sie konsequent in ihrer Muttersprache bleiben.“Oft hätten Eltern das berechtigte Interesse, dass ihre Kinder möglichst schnell Deutsch lernen, vor allem mit Blick auf die Schule. „Das ist natürlich völlig verständlich, aber es ist wichtig zu betonen, dass die Eltern keine Muttersprachler sind. Sie machen unbewusst kleine Fehler, wenn sie versuchen, Deutsch zu sprechen“, so Henschel. „Das ist absolut in Ordnung, wenn sie mit uns sprechen und sie wollen es ja auch lernen. Sie können mit ihren Kindern die deutschen Wörter immer wieder üben, aber letztendlich bleibt ihre Muttersprache das Fundament.“ Sie unterstreicht: „Es ist entscheidend, dass die Kinder ihre Muttersprache richtig erlernen, und wir sind dann für das Deutsch verantwortlich.“
Sprachliche Förderung im Kita-Chancenjahr: Möglichkeiten und Grenzen
Nachdem Nathalie Henschel die Bedeutung einer ganzheitlichen Sprachförderung in mehrsprachigen Kitas hervorgehoben hat, richtet sie den Fokus auf ein weiteres zentrales Thema: die Chancengleichheit. Besonders deutlich wird dieser Aspekt bei Kindern, die Deutsch als Zweitsprache sprechen oder erst spät in die Kita kommen. Henschel reflektiert dabei, wie herausfordernd es ist, allen Kindern die gleichen sprachlichen Startbedingungen zu ermöglichen. „Viele Kinder, die Deutsch als Zweitsprache sprechen oder erst spät in die Kita kommen, haben es schwer, bis zum Schuleintritt denselben sprachlichen Stand wie ihre deutschsprachigen Altersgenossen zu erreichen“, gibt sie zu bedenken. Es sei zwar wünschenswert, dass alle Kinder die gleichen Voraussetzungen hätten, aber dies sei momentan „relativ utopisch“. Das Kita-Chancenjahr, das den Kindern das letzte Jahr vor Schuleintritt in den Kitas ermöglichen soll, wird als eine wichtige Maßnahme zur Verbesserung der Sprachförderung und Chancen- und Bildungsgleichheit gesehen. Doch Henschel weist auf zahlreiche Schwierigkeiten hin, die in der Umsetzung dieses Konzepts bestehen. „Es ist ein guter Schritt, dass die Kinder das letzte Jahr vor der Schule in die Kitas kommen sollen“, beginnt Henschel ihre Überlegungen. „Das ist nicht nur für die Sprachentwicklung wichtig, sondern auch für das soziale Umfeld. Kinder lernen, wie man miteinander umgeht und gewöhnen sich so langsam an die Struktur einer größeren Gruppe, was den Übergang in die Schule erleichtert.“ Doch trotz der positiven Grundidee sieht Henschel auch erhebliche Probleme: „Ich finde es schwierig, dass die Pädagogen und Pädagoginnen innerhalb von einem Jahr den Kindern die deutsche Sprache vermitteln sollen. Das ist eine riesige Aufgabe, die einfach nicht in der aktuellen Struktur leistbar ist. Also es wird den Pädagogen und Pädagoginnen in den Kindertageseinrichtungen immer mehr auferlegt, was aber gar nicht machbar ist.“ Die Erwartungen an die Erzieher:innen sind enorm hoch, ohne dass gleichzeitig ausreichend Unterstützung oder Personal bereitgestellt wird. „Dafür bräuchte es logopädische Fachkräfte, weil es sind ja nicht nur die Kinder, die das letzte Jahr vor der Schule kommen. Es sind ja auch die Kinder, die schon in den Einrichtungen sind.“, sagt Henschel. Zwar gibt es speziell weitergebildete Spracherzieher:innen, doch auch diese können die Arbeit nicht alleine tragen. „Es ist uns allen klar, dass Sprachförderung eine Teamaufgabe ist, aber es sind einfach zu viele Themen, die gleichzeitig bewältigt werden müssen. Das klappt so nicht“, fügt sie hinzu. Henschel plädiert daher für die Einbindung von multiprofessionellen Teams in den Kitas, um den steigenden Anforderungen gerecht zu werden. „Es bräuchte eigentlich in jeder Einrichtung eine logopädische Fachkraft“, betont sie. „Diese könnte das Team anleiten und genau sagen, was in der Sprachförderung zu tun ist. Uns fehlt da einfach auch das nötige Fachwissen.“ Die Aufgabe, den Sprachstand innerhalb eines Jahres anzuheben, sei ohne externe Expertise und Unterstützung kaum realisierbar. Multiprofessionelle Teams, die Logopäd:innen, Pädagog:innen und weitere Fachkräfte umfassen, wären ein wichtiger Schritt, um den Kindern die bestmögliche Unterstützung zu bieten.
Bewegung, Musik und Empathie: Wie alltagsintegrierte Sprachförderung aussehen kann
Um die vielschichtigen Herausforderungen und Aspekte der Sprachförderung im Kita-Alltag zu bewältigen, kommen beim Kleinen Fratz ganz unterschiedliche Methoden zum Einsatz. Ein überraschend wirksames Mittel zur Integration von Kindern mit besonderem Sprachförderbedarf ist die Unterstützung durch andere Kinder. „Die Kinder werden tatsächlich am meisten von anderen Kindern unterstützt“, berichtet Henschel. Beim Kleinen Fratz ist es zum Beispiel üblich, dass ein weiteres Kind bei der Eingewöhnung hilft. „Normalerweise macht die Eingewöhnung ja ein Erzieher oder eine Erzieherin. Und wir hatten immer noch ein Kind dabei, was uns unterstützt hat bei der Eingewöhnung. Weil letztendlich wird das Kind ja in die Kita eingewöhnt. Natürlich braucht es Bindungsarbeit ohne Frage. Aber es ist viel einfacher, wenn man das Kind schon mit einem anderen Kind connectet. Und die Kinder kennen sich bestens aus in den Einrichtungen. Die wissen, wie der Ablauf ist. Und dann nehmen sie das Kind an die Hand und dann geht's los.“, erklärt sie. „Für Kinder spielt die Sprache gar nicht so eine große Rolle. Kinder spielen einfach miteinander.“ Im weiteren Kita-Alltag wird die Sprachförderung durch verschiedene Strategien unterstützt. Dabei setzten die PädagogInnen auf eine Kombination aus Gesten, Bildkarten und Handlungen. „Es gibt keine festgelegte Strategie für die alltagsintegrierte Sprachförderung“, sagt Henschel. „Wenn wir sagen, es geht jetzt zum Zähneputzen, dann zeigen wir dem Kind die Zahnbürste und Zahnpasta.“ Auch haptische Hilfsmittel wie ein Bär, der jeden Morgen von den Kindern wettergerecht angezogen wird, helfen den Kindern, den Alltag zu verstehen und sich sprachlich zu orientieren. Diese alltagsnahen Methoden werden durch den gezielten Einsatz von Materialien ergänzt. Neben traditionellen Hilfsmitteln wie Büchern und Lernspielen betont Henschel besonders die Bedeutung von Musik. „Musik ist definitiv ein wichtiges Element. Alles an Bewegungsliedern, wie zum Beispiel ‚Grün, Grün, Grün sind alle meine Farben‘ oder ‚Kopf, Schulter, Knie und Fuß‘, ist entscheidend. Lieder, die Bewegung und Sprache verknüpfen, sind eines der wichtigsten Dinge, um Sprache zu vermitteln.“ Der Zusammenhang zwischen Bewegung und Sprache ist ein zentrales Thema in der Sprachförderung und beginnt bereits bei der Grundlage für eine erfolgreiche Sprachförderung: der Konzentrationsfähigkeit. Henschel erklärt: „Bewegung ist allgemein wichtig. Ein Kind, das sich nicht körperlich betätigt hat, wird Schwierigkeiten haben, sich zu konzentrieren. Wenn ein Kind unruhig ist oder einen hohen Bewegungsdrang hat, ist es wenig sinnvoll, es zum Sitzen und Buchlesen zu bringen.“ Neben der allgemeinen Bewegung betont Henschel, dass der Körper des Kindes bereits grundlegende Formen lernen muss, bevor diese durch die Feinmotorik nachgebildet werden können. „Wenn ein Kind sich nicht rollen kann auf dem Boden, dann fällt es dem Kind schwer, ein ‘O’ zu schreiben. Es lernt immer zuerst der Körper, also die Grobmotorik, und dann kommt die Feinmotorik. Und wenn Kinder anfangen, sich hinzustellen, bildet ihr Körper ein Dreieck. Genau das gleiche Dreieck lernen sie dann auch mit der Hand. Die körperlichen Lernprozesse sind also die Basis für die sprachlichen und motorischen Fertigkeiten.“ Obwohl es viele Beispiele gibt, wie Bewegung und Sprache miteinander verknüpft sind, hebt Henschel hervor: „Es gibt Kinder, die sich mit einem Rollstuhl fortbewegen und trotzdem schreiben können, wenn ihre Hände es erlauben. Es ist nur einfacher, wenn der Körper bestimmte Bewegungsabläufe schon vorher gelernt hat.“ Diese Ansätze zur Sprachförderung erfordern eine besondere Haltung von den pädagogischen Fachkräften. Henschel unterstreicht die zentrale Rolle von Geduld und Empathie im Umgang mit den Kindern. "Geduld und Empahtie ist das A und O", sagt sie, denn der stressige Kita-Alltag könne oft fordernd sein. „Also wenn wir laut werden, dann sprechen sie irgendwann genauso mit uns. Wenn wir anfangen, nur noch Zwei-Wort-Sätze zu benutzen, weil uns der Alltag zu stressig ist, dann machen die Kinder das irgendwann genauso." Neben Geduld und Empathie sind Selbstregulation und Reflexionsfähigkeit essenziell. „Man muss sich jeden Tag neu bewusst machen, wie man mit anderen umgeht“, erklärt Henschel. Offenheit und Transparenz in der Kommunikation mit den Kindern sind ebenfalls entscheidend: „Das wollen wir ja auch von den Kindern. Wir wollen ja auch, dass sie uns ihre Gefühle mitteilen. Und das können sie nur, wenn wir das auch machen." Diese Ehrlichkeit schafft Vertrauen, eine sichere Bindung und fördert die Sprachentwicklung, da die Kinder sich sicher fühlen und ermutigt werden, ihre eigenen Gefühle auszudrücken.
Kleine Gruppen, große Fortschritte: Die gezielte Sprachförderung in der frühkindlichen Bildung
Die gezielte Sprachförderung unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von der alltagsintegrierten Sprachförderung. Während im Alltag alle Kinder automatisch sprachlich gefördert werden, geht es bei der gezielten Sprachförderung explizit um jene Kinder, bei denen ein erhöhter Förderbedarf festgestellt wurde. Nathalie Henschel erklärt: „Bei der gezielten Sprachförderung wissen wir genau, dass ein Bedarf da ist, und dafür gibt es spezielle Sprachförderkräfte in einigen Einrichtungen." Im Vergleich zur alltagsintegrierten Sprachförderung zeigen sich die Erfolge der gezielten Sprachförderung deutlicher und schneller. „In einer Einrichtung mit 35 Kindern, was ja eher klein ist, geht vieles im Alltag unter", so Henschel. Besonders Kinder, die ruhig oder schüchtern sind, kommen oft nicht so häufig zu Wort, obwohl sie viel aufnehmen. Die Sprachförderkräfte arbeiten oft in kleinen Gruppen, um den Kindern gezielt Raum und Aufmerksamkeit zu geben. „Es gibt Kinder, die sehr wortstark sind und ständig das Wort ergreifen, während andere ruhiger sind und in größeren Gruppen kaum zu Wort kommen. In Kleingruppen haben auch die stilleren Kinder die Möglichkeit, sich mitzuteilen und neue Wörter zu lernen.“ Die gezielte Sprachförderung ist besonders vorteilhaft für schüchterne oder introvertierte Kinder, aber auch für jene, die schnell abgelenkt sind. Henschel erklärt: „Es gibt Kinder, die einen Sprachförderbedarf haben, aber durch ihre Freundeskreise schnell abgelenkt werden. In solchen Fällen versuchen wir, die Freundesgruppe in das Sprachförderangebot einzubinden, um die Kinder gezielt zu fördern, während sie sich in ihrer sozialen Umgebung wohlfühlen." Besonders wichtig bei der gezielten Sprachförderung ist die Beziehung zwischen Kind und Fachkraft. „Wenn es um Eins-zu-eins-Situationen geht, wie etwa bei den Sprachlehrtagebüchern oder Interviews, sollte die Fachkraft eine gute Bindung zum Kind haben“, betont Henschel. Das Vertrauen spielt eine wesentliche Rolle, damit sich das Kind wohlfühlt und in der Sprachförderung erfolgreich ist. Wenn es allerdings um Gruppensituationen geht, ist die Bindung weniger entscheidend, solange das Kind sich in der Gruppe sicher fühlt. Beim Kleinen Fratz wird für die gezielte Sprachförderung gerne auf das Medium „Polilyno“ zurückgegriffen, wie Nathalie hervorhebt. „Polilyno liest den Kindern in ihrer Muttersprache vor, und die pädagogische Fachkraft liest dann den Text auf Deutsch. So können die Kinder neue Wörter kennenlernen, ohne die Vertrautheit ihrer Muttersprache zu verlieren.“ Dieses Vorgehen hat in der Praxis bereits große Erfolge gezeigt: „Wir hatten Kinder mit Polnisch als Muttersprache, und schon nach zwei, drei Wochen kannten sie neue Wörter, selbst wenn es nur Katze, Hund und Maus waren. Man hat Erfolge gesehen. Und die Kinder freuen sich, weil es ihre Muttersprache ist, weil sie ihre Muttersprache in den Einrichtungen hören.“
Das Gespräch mit Nathalie Henschel verdeutlicht eindrucksvoll, wie zentral Sprache in der frühkindlichen Bildung ist – weit über das bloße Sprechen hinaus. Sprachförderung in der frühkindlichen Bildung ist ein komplexes, aber unverzichtbares Feld, das eine kontinuierliche Reflexion und Anpassung an die individuellen Bedürfnisse der Kinder und ihrer Familien und an die sich verändernden Zeiten erfordert.
Demokratie im frühen Kindesalter: Einblicke in gelebte Werte
Anlässlich des Tages der Demokratie am 15. September gab Antje Stutz, Gesamtleiterin der Kindertagesstätte Stubs & Fridolin, Einblicke in ihre pädagogische Arbeit und ihre Überzeugungen. In dem gemeinsamen Gespräch erzählte sie nicht nur von ihren beruflichen Wurzeln und ihrer Entwicklung in der frühkindlichen Pädagogik, sondern auch von der zentralen Rolle der Demokratiebildung in ihrer Arbeit.
Anlässlich des Tages der Demokratie am 15. September gab Antje Stutz, Leiterin der Kindertagesstätte Stubs & Fridolin, einer Einrichtung des Trägers CJD Berlin-Brandenburg, Einblicke in ihre pädagogische Arbeit und ihre Überzeugungen. In dem gemeinsamen Gespräch erzählte sie nicht nur von ihren beruflichen Wurzeln und ihrer Entwicklung in der frühkindlichen Pädagogik, sondern auch von der zentralen Rolle der Demokratiebildung in ihrer Arbeit. Ihre Leidenschaft für die Kinder und ihr unermüdliches Engagement, ihnen Werte wie Respekt und Mitbestimmung zu vermitteln, prägen den Alltag der Einrichtung.
„Ich habe noch zu DDR-Zeiten ein Fachschulstudium für Krippenpädagogik gemacht, also für Kinder von null bis drei Jahren“, erzählt Antje Stutz und beginnt damit ihre Geschichte. Nach der Wende entschied sie sich, eine Weiterbildung zur Erzieherin für ältere Kinder zu machen. Schon früh übernahm sie leitende Funktionen in der Kinderbetreuung und bemerkte schnell, dass ihre damalige Ausbildung nicht ausreichte, um den wachsenden Anforderungen gerecht zu werden. „Damals gab es noch keine speziellen Qualifikationen für Leiterinnen, also habe ich eine zweijährige Qualifizierung gemacht für sozialpädagogische Familienhilfen. Da ging es um Fragetechnik, um Elternberatung und um die Zusammenarbeit mit dem Jugendamt. Das hat mir unglaublich viel geholfen.“ Diese Erfahrungen weckten in ihr den Wunsch, sich noch weiter zu qualifizieren. Sie setzte ihre berufliche Entwicklung fort: „Ein paar Jahre später habe ich meinen Bachelor in sozialer Arbeit in Potsdam gemacht, dann meinen Master in Bildung und Beratung an der katholischen Hochschule in Berlin. Nebenbei habe ich ein Studium zur Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin begonnen, das ich gerade abschließe. Ich habe noch meine mündliche Prüfung, dann bin ich approbiert.“ Ursprünglich hatte Antje Stutz ganz andere Lebenspläne. „Ich wollte eigentlich Schauspielerin werden“, gesteht sie mit einem Lachen. „Aber ich bin sehr konservativ erzogen worden und wusste, das würden meine Eltern nicht erlauben. Ich habe aber relativ schnell gemerkt, wie schön es ist, mit Kindern zu arbeiten. Wenn man morgens in die Kita kommt und die Kinder einen fröhlich begrüßen – es gibt nichts Schöneres.“ Mit großer Begeisterung spricht sie über ihre Arbeit mit Kindern. „Kinder haben eine ganz eigene Art, die Welt zu sehen, und wenn wir die Welt mit ihren Augen betrachten, lernen wir so viel dazu. Wir werden an unsere eigene Kindheit erinnert. Es ist eine sehr wertvolle Arbeit“, sagt sie nachdenklich. Antje ist fest davon überzeugt, dass die ersten Lebensjahre entscheidend für die Entwicklung eines Kindes sind. „Gerade in den ersten Jahren wird so viel an Grundlagen für die Kinder gelegt. Da ist es einfach total wichtig, dass sie freudvolle Erfahrungen machen, hinterfragen dürfen und auch mit Freude lernen können.“
Respekt und Kommunikation von Anfang an
Antje Stutz sieht sich in ihrer Arbeit als „Wegbegleiterin und Behüterin“ der Kinder, die ihr in der Kita anvertraut werden. Ihr ist die immense Verantwortung bewusst, die diese Aufgabe mit sich bringt. „Wir dürfen nie vergessen, dass die Eltern uns ihr Liebstes in die Kita geben. Und da fängt schon Demokratie an – bei dem ersten Schritt, den die Eltern mit ihrem Kind in die Kita machen. Sie dürfen alle Fragen stellen, Wünsche äußern und werden von Anfang an mit einbezogen“, erklärt sie. Die Zusammenarbeit mit den Eltern ist für Stutz ein zentrales Element des Kita-Alltags. Ihr Anspruch ist es, die Eltern als Bildungs- und Erziehungspartner zu sehen, die aktiv am Leben der Kita teilhaben. „Ich sage immer zu den Eltern: ‚Bitte kommen Sie zu unseren Treffen – ob Elterncafé, Elternabend oder in den Elternbeirat.‘“ Dieses Miteinander stärkt das Vertrauen und schafft ein gemeinsames Verständnis für die Entwicklung der Kinder. Ein besonderes Beispiel für die Einbindung der Eltern ist das Feiern von Festen, die verschiedene Kulturen und Traditionen widerspiegeln. „Wir haben viele Kinder mit Migrationshintergrund in unserer Kita. Seit einigen Jahren kommt beispielsweise immer ein Elternteil zum Zuckerfest und erklärt den Kindern, warum dieses Fest gefeiert wird.“ Für Stutz ist es entscheidend, dass Kinder in der Kita lernen, dass alle Feste und Traditionen gleichermaßen wertgeschätzt werden. Diese Offenheit fördert nicht nur den interkulturellen Austausch, sondern stärkt auch das Gemeinschaftsgefühl. „Meine Mitarbeitenden waren anfangs skeptisch, aber dann beeindruckt von den Parallelen zwischen den Religionen. Es geht darum, das Gemeinsame zu betonen und gleichzeitig das Andere zu akzeptieren.“ Dieses Miteinander und die gegenseitige Wertschätzung zeigen sich auch in der täglichen Kommunikation mit den Eltern. „Wir führen regelmäßig Umfragen und Interviews mit den Eltern durch, um zu erfahren, wie wir sie bestmöglich unterstützen können“, berichtet sie, „Eine Mutter sagte mir einmal, wie dankbar sie war, dass wir nach einer langen Krankheit ihres Kindes die Eingewöhnung noch einmal neu begonnen haben.“ Diese enge Zusammenarbeit zwischen Pädagogen und Eltern dient auch den Kindern als Vorbild. „Die Kinder sollen merken, dass ihre Eltern mit den Pädagog:innen zusammenarbeiten, und dass es wichtig ist, gemeinsame Entscheidungen zu treffen.“ Doch auch den Kindern selbst wird Raum für Mitsprache eingeräumt. „Sie sollen wissen und erfahren, dass darauf geachtet wird, was ich sage. Ich darf und soll mich hier einbringen“, beschreibt Stutz die demokratische Atmosphäre, die sie in der Kita etabliert hat. Für die Kinder bedeutet das, dass ihre Meinung zählt, dass sie gehört werden – aber auch, dass sie lernen, dass Mitsprache Verantwortung mit sich bringt. „Es geht nicht darum, den Kindern etwas aufzudrücken“, betont sie. „Sie sollen wissen, wenn ich etwas sagen möchte, dann kann ich das. Und wenn ich heute keine Lust habe, etwas zu sagen, dann ist das auch in Ordnung. Aber vielleicht kann ich dann beim nächsten Mal nicht so gut mitentscheiden.“ Demokratie ist für Stutz ein zentrales Prinzip ihrer pädagogischen Arbeit. Sie beginnt damit, den Kindern Freiraum zu geben, sich zu entfalten und gleichzeitig klare Strukturen und Regeln anzubieten. „In der Pädagogik ist es wichtig, dass die Kinder einen Rahmen haben, an dem sie sich orientieren können“, erklärt sie. Diese Regeln, wie „Wir lassen den anderen ausreden“, „Wir schlagen uns nicht“ oder „Wir nehmen uns nichts weg“, werden altersgerecht mit den Kindern gemeinsam entwickelt. Sie fördern ein respektvolles Miteinander und lehren die Kinder, Absprachen einzuhalten.
Die Bedeutung von Vorbildern, Macht, Reflexion und Zusammenarbeit
In dem Gespräch beschreibt Antje, wie wichtig es ist, dass Kinder täglich von den Erwachsenen in ihrer Umgebung lernen, was Demokratie bedeutet – durch Beobachtung und gelebtes Beispiel. „Die Kinder beobachten uns jeden Tag. Sie sehen, wie wir miteinander umgehen“, erklärt sie und betont, wie wichtig es ist, Machtverhältnisse dabei bewusst zu reflektieren. „In der Kita gibt es auch das Thema Macht. Wir sind den Kindern alleine durch unsere Körpergröße, unser Alter und unser Wissen überlegen. Doch es liegt an uns, diese Macht nicht auszuspielen, sondern partnerschaftlich und respektvoll zu handeln.“ Für Stutz ist es entscheidend, dass Pädagog:innen sich regelmäßig selbst reflektieren. „Es ist eine tägliche Aufgabe, sich selbst zu hinterfragen und sich bewusst zu machen, wie man mit seiner Macht umgeht.“ Diese Haltung prägt nicht nur den Umgang mit den Kindern, sondern auch die Zusammenarbeit im Team. Jeden Morgen gibt es einen Jour-Fix, bei dem sich alle Teammitglieder über den Tag austauschen. „Wir machen jeden Morgen einen Jour-Fix, in dem wir uns austauschen, wie es uns geht, wer welche Aufgaben übernimmt und wer Unterstützung braucht. Es ist wichtig, dass niemand allein die Kontrolle hat, sondern wir uns gegenseitig unterstützen.“ Diese demokratische Zusammenarbeit wird von den Kindern wahrgenommen und übernommen. „Wenn ich sehe, dass eine Kollegin im Gespräch ist, warte ich – und das Kind sieht, dass auch ich warten muss. So lernt es, ebenfalls zu warten.“ Für Stutz ist dies eine Form von Wertschätzung, die unmittelbar mit der Demokratie verknüpft ist. Diese Wertschätzung ist besonders in der frühkindlichen Erziehung sehr wichtig und beginnt damit, auf die Signale der Kinder zu achten und ihre Bedürfnisse ernst zu nehmen. „Das fängt schon beim achtsamen Wickeln in der Krippe an. Die Kinder signalisieren uns, wann sie bereit sind, gewickelt zu werden. Es geht darum, ihre Körpersprache zu lesen und ihnen Respekt entgegenzubringen.“ Wenn Kinder diese Wertschätzung erfahren, stärkt das gleichzeitig das Vertrauen der Kinder. Ein weiterer Aspekt der Vorbildfunktion von Pädagogen ist der Umgang mit Fehlern. „Fehler zuzugeben, ist ein Zeichen von Stärke. Das gehört zu demokratischen Prozessen, und das lebe ich auch mit meinem Team. Der Pädagoge ist nicht der Allwissende, der alles kann und weiß, sondern er macht genauso Fehler.“ Dazu zählt auch, dass die Pädagog:innen auch mal von den Kindern in Frage gestellt werden: „Die Kinder dürfen mich in Frage stellen, sie dürfen auch Dinge, die wir tun, hinterfragen. Das ist für uns ganz wichtig.” Für Stutz ist es wichtig, eine gelebte Fehlerkultur zu pflegen. „Alles im Leben verläuft wie in der Natur in Wellen. Hundertwasser sagte: ‘Die gerade Linie ist gottlos.’ und er hat recht. Wenn wir unsere Kreativität in die Demokratie einfließen lassen, wird sie noch schöner. Denn Wissen ist endlich, aber Kreativität ist es nicht und diese sehen wir auch immer wieder bei den Kindern, wenn wir es zulassen und so können wir gemeinsam demokratische Orte gestalten. Demokratie bedeutet, dass es Diskussionen gibt, aber auch Momente, in denen sich alles beruhigt und wir gemeinsam Lösungen finden.“ Sie erinnert sich an eine Situation, bei der es darum ging, die Ausruhsituation für die Kinder individueller zu gestalten. Der Gedanke war, die Kinder zu beobachten und nach ihrem Bedürfnis schlafen oder aufbleiben zu lassen, denn Schlaf ist individuell und orientiert sich nicht grundsätzlich am Alter des Kindes. Das Team war sich jedoch dabei uneinig. „Ich merkte, dass ich emotional zu dicht dran war. Ich wollte etwas durchsetzen und war nicht mehr demokratisch.“ In diesem Moment entschied sie, einen Supervisor hinzuzuziehen, um gemeinsam eine Lösung zu finden. Dieser Prozess zeigte ihr, wie wichtig es ist, demokratische Prinzipien im Blick zu behalten. Auch im Alltag mit den Kindern spiegelt sich dieser Umgang mit Fehlern wider. „Bei uns essen die Kinder mit richtigem Geschirr, auch in der Krippe. Es ist kein Drama, wenn etwas kaputtgeht. Wir bestrafen Kinder nicht für Fehler, sondern ermutigen sie, daraus zu lernen.“ Für Stutz ist es essenziell, den Kindern zu vermitteln, dass Fehler zum Leben dazugehören und eine Chance zum Wachsen bieten. Antje Stutz sieht die Rolle der Pädagog:innen klar: „Es geht darum, den Kindern zu zeigen, dass ihre Meinung zählt, dass Fehler erlaubt sind und dass man immer respektvoll miteinander umgehen muss. Wenn Kinder erleben, dass ihre Stimme wichtig ist und dass sie in Entscheidungen einbezogen werden, dann haben wir als Pädagogen eine wichtige Grundlage für ihr späteres Leben gelegt.”
Demokratische Grundsätze in der Kita
„Unser Grundsatz lautet: Jeder hat das Recht, gehört zu werden, und du hast eine Stimme, du kannst mitentscheiden“, erklärt sie. “Die Kinder spüren sehr genau, ob sie respektiert und gehört werden.” Dies zeigt sich in der Kita Stubs & Fridolin vor allem in der aktiven Mitbestimmung der Kinder. Ein wichtiger Bestandteil dabei ist der Kinderrat, ein Gremium, das von den Kindern selbst gewählt wird. „Der Kinderrat trifft sich regelmäßig mit mir, und wir besprechen Themen, die den Kindern wichtig sind – sei es die Planung von Festen oder Dinge, die sie im Alltag verändert haben möchten.“ Diese aktive Mitbestimmung stärkt das Selbstbewusstsein der Kinder und zeigt ihnen, dass ihre Meinungen ernst genommen werden. In der Kita übernimmt jedes Kind Verantwortung, denn auch das ist Teil der Demokratie. „Jedes Kind bekommt eine Aufgabe“, erklärt Stutz. „Das gehört zur Demokratie: Es gibt kein Machtmonopol, sondern die Aufgaben und Verantwortlichkeiten werden auf alle verteilt. Wenn eine Aufgabe nicht richtig erfüllt wird, sprechen die Kinder ihre Mitspieler darauf an. So übernehmen sie Verantwortung und erleben Selbstwirksamkeit.“, erklärt Antje. Die Kinder erfahren dadurch auch, dass sie ein wichtiger Teil der Gemeinschaft sind, sie lernen, sich in der Gemeinschaft zu orientieren, aufeinander Rücksicht zu nehmen und dass ihre individuellen Fähigkeiten und Stärken einen Beitrag zum Wohl der Gruppe leisten. „Unser Trägerslogan ‚Das Zusammen wirkt’ bringt es auf den Punkt“, erklärt Stutz. „Jeder bringt seine individuellen Stärken ein. Wir ergänzen uns. So sind wir gemeinsam stark. Diese Erkenntnis stärkt die Kinder und bereitet sie darauf vor, respektvolle und verantwortungsvolle Mitglieder der Gesellschaft zu werden“. Ein weiteres Prinzip demokratischer Erziehung in der Kita ist das Abstimmen. „Wir stimmen ab, und das bedeutet manchmal, dass nicht jeder genau das bekommt, was er sich wünscht. Aber es geht darum, das Beste für alle zu finden“, erläutert Stutz. Diese Prozesse fördern das Verständnis für das Wohl der Gruppe und lehren die Kinder, Kompromisse zu akzeptieren. Ein Beispiel dafür war das Sommerfest, bei dem der Kinderrat viele Wünsche äußerte. „Die Kinder wollten eine riesige Torte und einen Seifenblasenkünstler. Die Torte war finanziell nicht möglich, aber wir haben zwei kleine Torten gebacken, und die Kinder haben sich trotzdem über den Seifenblasenkünstler gefreut. Es ging nicht darum, immer das Größte zu bekommen, sondern darum, auch die kleineren Dinge zu schätzen.“ Kinder lernen, dass ihre Wünsche ernst genommen werden, auch wenn sie nicht immer vollständig erfüllt werden können. Stutz betont, dass diese Erfahrungen für die Kinder prägend sind: „Es ist ein Lernprozess. Kinder sind von Natur aus soziale Wesen, und sie verstehen oft schneller, als wir erwarten, warum nicht alles möglich ist. Sie lernen, dass sie trotzdem Teil des Entscheidungsprozesses sind und dass ihre Meinung wichtig ist.“ Stutz beschreibt weiter, wie wichtig es ist, den Kindern auch im Alltag genügend Freiräume für eigene Entscheidungen zu geben. „Wenn ein Kind länger am Waschbecken bleiben möchte, um mit dem Seifenschaum zu spielen, dann müssen wir das ermöglichen.“ Es gehe darum, den Kindern eigene Erfahrungen zuzugestehen, damit sie lernen, selbst Entscheidungen zu treffen. Neben den alltäglichen Entscheidungen fördert die Kita auch das Verständnis für gesellschaftliche Themen. „Wir sprechen mit den Kindern über alles, was sie beschäftigt – sei es der Krieg in der Ukraine oder die verschiedenen Religionen in unserer Kita“, erklärt Stutz. Trotz des christlichen Hintergrunds der Einrichtung wird die Vielfalt der Religionen respektiert. „Wichtig ist, dass wir den Kindern vermitteln, sich gegenseitig zu respektieren und Wertschätzung entgegenzubringen und dass, das eine darf neben dem anderen stehen. Es geht darum, zu erkennen, was uns verbindet, unabhängig von unseren Unterschieden.“ Dieses Verständnis für Vielfalt wird durch eine bewusste Wissensvermittlung gefördert. Für Stutz ist klar, dass Bildung ein Schlüsselfaktor für Demokratie ist. „Wissen baut Vorurteile ab. Wenn die Kinder lernen, warum manche Kinder in der Kita bestimmte Speisen nicht essen oder warum sich ihre Mutter anders kleidet, dann entwickeln sie Verständnis und Respekt.“ Die Darstellung von Diversität spielt eine große Rolle in der Kita. „Wir achten darauf, dass die Kinder ihre Wurzeln in unseren Räumen wiederfinden“, betont Stutz. „Sei es durch Bücher über Kinderrechte, Schriftzeichen oder Spielzeug – es ist wichtig, dass die Kinder die Vielfalt unserer Welt reflektiert sehen.“ Besonders einprägsam war die Einführung von Puppen mit Behinderungen. „Die Kinder waren begeistert, als sie sahen, dass es auch Barbie-Puppen im Rollstuhl gibt. Für Kinder, deren Eltern im Rollstuhl sitzen, war das besonders berührend. Es hilft ihnen, ihre Realität zu verarbeiten und darüber zu sprechen.“ Durch diese vielfältigen Ansätze wird in der Kita ein Rahmen geschaffen, der es Kindern ermöglicht, demokratische Werte zu erleben, zu verstehen und in ihr tägliches Handeln zu integrieren. „Es geht nicht nur darum, den Kindern Wahlmöglichkeiten zu geben, sondern auch darum, sie im täglichen Miteinander zu respektieren, ihnen zuzuhören und sie ernst zu nehmen. Wenn wir das schaffen, legen wir eine starke Grundlage für ein demokratisches Miteinander – nicht nur in der Kita, sondern auch für das spätere Leben.“
Wie Demokratie im Kita-Alltag lebendig wird
Der Tagesablauf in der Kita ist flexibel gestaltet, um den Bedürfnissen und Wünschen der Kinder gerecht zu werden, wie Antje Stutz erklärt: „Unser Tagesablauf ist nicht in Stein gemeißelt, aber wir orientieren uns auf jeden Fall daran.“ Diese Flexibilität ist ein zentraler Aspekt der Demokratiebildung, denn sie zeigt den Kindern, dass ihre Meinungen Einfluss auf den Alltag haben können. Eine wichtige Gelegenheit, um diese Mitbestimmung zu erleben, bietet der tägliche Morgenkreis. „Der Morgenkreis ist eine wertvolle Zeit, in der wir gemeinsam besprechen, wie der Tag gestaltet wird und was die Kinder bewegt“, erläutert Stutz. Dabei beteiligen sich die Kinder aktiv an Entscheidungen, sei es durch Abstimmungen per Handzeichen oder indirekte Methoden, etwa wenn es um sensible Themen geht. „Zu Beginn sind die meisten Kinder im Morgenkreis noch sehr zurückhaltend“, sagt Stutz. „Wir nutzen Hilfsmittel wie unsere kleine Puppe, Lilo Lausch, um den Kindern Mut zu machen, ihre Gedanken und Gefühle auszudrücken.“ Diese Puppe, ein Elefant aus Filz, hilft den Kindern, sich sicherer zu fühlen und unterstützt sie dabei, sich in der Gruppe Gehör zu verschaffen. Auch bei den Jüngsten in der Krippe dient der Morgenkreis dazu, die Kinder aktiv in Entscheidungsprozesse einzubeziehen und sie darin zu stärken. „Im Morgenkreis gibt es eine Holzschale mit verschiedenen Elementen, wie Figuren, die mit Liedern oder Gedichten assoziiert sind. Zwei Kinder dürfen jeden Morgen etwas aus der Schale wählen und entscheiden, welches Lied oder Gedicht wir heute machen“, erklärt Stutz. „Das ist eine kleine, aber bedeutende Form der Partizipation, die auch den jüngsten Kindern Demokratieerfahrungen ermöglicht.“ Die partizipative Haltung, die Stutz und ihr Team vermitteln, ist allerdings nicht an bestimmte Materialien gebunden, sondern an das grundlegende Verständnis, den Kindern Raum zur Teilhabe und Teilgabe zu bieten. „Es gibt nicht das eine Mittel für Demokratiebildung“, sagt sie. „Viel wichtiger ist die Grundhaltung, die wir in unsere Arbeit einbringen.“ So lernen die Kinder, den Kita-Alltag aktiv mitzugestalten. Ein Beispiel dafür ist die Entscheidungsfindung im Morgenkreis: „Wenn es zum Beispiel eine Hochebene gibt, die nur von drei Kindern gleichzeitig genutzt werden kann, besprechen wir im Morgenkreis, wer darauf möchte und wie wir das organisieren. Manchmal gibt es auch Situationen, die sich plötzlich ändern. Zum Beispiel hatten wir tagelang Regen, und als wir endlich den Sportraum nutzen konnten, fragten wir die Kinder: Möchtet ihr im Sportraum Sport machen oder lieber rausgehen? Wir stimmen dann gemeinsam ab.“ Solche Abstimmungen fördern das Verständnis der Kinder für Gruppenentscheidungen und lehren sie, Kompromisse zu finden. Auch emotionale Themen haben im Morgenkreis ihren Platz. Stutz berichtet: „Manchmal kommen Kinder traurig in die Kita, weil ihr Haustier gestorben ist. Solche Themen wie Tod und Trauer werden im Kreis besprochen.“ Dies ermöglicht den Kindern, über ihre Gefühle zu sprechen und Empathie für andere zu entwickeln. „Es ist wichtig, dass Kinder lernen, unterschiedliche Meinungen und Empfindungen zu akzeptieren. Das fördert Empathie und Verständnis.“, betont Stutz. Eine wesentliche Rolle spielt dabei, dass niemand für seine Vorlieben oder Ansichten beschämt wird. „Niemand darf abgewertet werden, das ist ein wesentlicher Aspekt der Demokratie. Es geht darum, eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich jeder wohlfühlen kann, ohne abgewertet zu werden.“ Demokratiebildung umfasst auch die Arbeit in Projekten. „Wir geben den Kindern die Möglichkeit, selbst zu wählen, an welchen Projekten sie teilnehmen möchten“, erklärt Stutz. „Wir arbeiten in Projekten, die durch den situativen Ansatz in der Beobachtung der Kinder, aber auch durch Impulse von außen angeregt werden“, erläutert Stutz. „Ein Kind kann sich nicht für Kunst interessieren, wenn es nicht mit Kunst in Berührung kommt. Ebenso kann es sich nicht für klassische Musik interessieren, wenn es nicht damit konfrontiert wird.“ Die Beobachtung der Kinderinteressen und die gemeinsame Planung von Projekten sind wesentliche Bestandteile dieses Ansatzes. Stutz berichtet von einem Beispiel, das die Begeisterung und Kreativität der Kinder verdeutlicht: „Wir hatten zufällig ein Buch von der ‚Zauberflöte‘ für Kinder, das einfach nur da lag. Die Kinder waren fasziniert von Papageno, und so entstand ein großes Projekt, das sich über viele Monate erstreckte. Wir arbeiteten in verschiedenen Bildungsbereichen daran und schauten uns schließlich die ‚Zauberflöte‘ an. Die Kinder waren enttäuscht, weil es nicht wie im Buch war, aber es war auch spannend, diese Erfahrung zu reflektieren.“ Ein weiteres herausragendes Beispiel für langjährige Demokratiebildung ist das Projekt „Panorama“, bei dem die Kinder klassische Musik und das Spielen der Geige erlernten. Einmal wöchentlich trafen sich die Kinder in einer „Tutti“-Orchesterformation. „Die Höhepunkte waren die Aufführungen, etwa in der Berliner Philharmonie, bei denen die Kinder ihre Selbstwirksamkeit erlebten und die Eltern stolz ihre Kinder auf der großen Bühne sehen konnten“, erinnert sich Stutz. Bei solchen Projekten ist nicht nur die kreative Auseinandersetzung der Kinder mit den Themen essentiell, sondern auch die Reflexion über ihre Erlebnisse. „Es ist wichtig, regelmäßig mit den Kindern über ihre Erfahrungen zu sprechen“, sagt Stutz. So können sie mitteilen, was ihnen gefallen hat und was sie sich anders gewünscht hätten. Diese Rückmeldungen tragen dazu bei, den demokratischen Austausch kontinuierlich zu fördern und zu verbessern. Diese praktischen Erfahrungen der Kinder in der Demokratiebildung sind wertvoll, doch für Antje Stutz ist klar, dass es noch einen tieferen Schlüssel für den Erfolg gibt: die innere Haltung der Pädagog:innen. „Es gibt immer viele Gründe, warum etwas nicht funktioniert“, erklärt sie. „Aber es gibt nur einen einzigen Grund, warum es trotzdem gelingen kann: Liebe. Die Haltung, die ich selbst habe – Wertschätzung und Liebe zu dem, was ich tue – ist entscheidend.“ Diese innere Haltung beschreibt sie als den Schlüssel zur erfolgreichen Demokratiebildung. „Es kann anstrengend sein“, gibt sie zu, „weil man lernen muss, den Raum für andere zu öffnen und dabei Respekt und Toleranz zu wahren.“ Genau dieses Verständnis möchte sie den Kindern vermitteln: dass demokratisches Zusammenleben auf gegenseitiger Achtung und dem respektvollen Umgang miteinander beruht. Die Demokratiebildung in der Kita Stubs und Fridolin zeigt, wie essentiell frühzeitige Werte wie Respekt, Mitsprache und Akzeptanz für die Entwicklung der Kinder sind. Durch ein gelebtes Vorbild und eine wertschätzende Atmosphäre wird die beste Grundlage für ein demokratisches Miteinander gelegt, das die Kinder auf ihr späteres Leben vorbereitet.