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Kita-Weltreise: Mit Kleiner Fratz nach Rumänien

Wie sieht frühkindliche Bildung in anderen Teilen der Welt aus? Wie gestalten andere Länder ihre Bildungssysteme? Welche Stellenwert nimmt frühkindliche Bildung dort ein? Welche pädagogischen Schwerpunkte und Ziele werden gesetzt? Welche Herausforderungen bewegen pädagogische Fachkräfte dort? Und welche inspirierenden Ansätze können wir vielleicht mitnehmen?

Wie sieht frühkindliche Bildung in anderen Teilen der Welt aus? Wie gestalten andere Länder ihre Bildungssysteme? Welchen Stellenwert nimmt frühkindliche Bildung dort ein? Welche pädagogischen Schwerpunkte und Ziele prägen den Kita-Alltag? Welche Herausforderungen bewegen pädagogische Fachkräfte dort? Und welche inspirierenden Ansätze können wir davon vielleicht mitnehmen?

Mit unserer “Kita-Weltreise” suchen wir regelmäßig Antworten auf genau diese Fragen und werfen dafür regelmäßig einen Blick über die Ländergrenzen hinweg. 

Dieses Mal nehmen wir euch mit nach Rumänien - beziehungsweise: Unser Mitglied Kleiner Fratz nimmt euch mit. Denn das Leitungsteam von Kleiner Fratz war im Mai in der Stadt Oradea unterwegs und hat sich intensiv mit dem rumänischen Kita-System auseinandergesetzt. Ihre Reise haben sie in Kooperation mit der Asociatia Filantropia Oradea, einer gemeinnützigen diözesanen Organisation, umgesetzt, die das Team vor Ort begleitet hat. Gemeinsam wurden verschiedene Bildungseinrichtungen besucht - von Kindergärten und Schulen über Nachmittagsbetreuung bis hin zu einer Einrichtung für Menschen mit Behinderungen. 

Deshalb: Seid gespannt auf die Reise nach Oradea - gemeinsam mit Kleiner Fratz.

Oradea - eine Stadt der Vielfalt

Oradea liegt im Nordwesten des Landes, nur etwa 13 km von der ungarischen Grenze entfernt. Die Stadt zählt rund 183.000 Einwohner, davon 70% Rumänen, 23% Ungarn, 2% Roma, Deutsche und Slowaken. Mit 50% ist die Bevölkerung überwiegend orthodox. 25% gehören dem römisch-katholischen Glauben an, 16% sind griechisch-katholisch, 8% protestantisch und etwa 1% gehören anderen Glaubensgemeinschaften an. 

Mit klarer Struktur durch den Bildungsalltag

In Rumänien beginnt die Schulpflicht erst mit acht Jahren. Vorgeschaltet ist jedoch ein verpflichtendes Vorbereitungsjahr, eine sogenannte Beginnerklasse. Frühkindliche Bildung ist freiwillig, gilt jedoch als nahezu unverzichtbar für einen erfolgreichen Einstieg in die sogenannte Vorbereitungsklasse.

Bereits der erste Besuch einer rumänischen Bildungseinrichtung - einer Grundschule - machte deutlich: Struktur spielt eine zentrale Rolle. Mit jedem weiteren Besuch einer Bildungseinrichtung festigte sich dieser Eindruck: Von den Kindergärten bis zur Schule zeigt sich überall ein stark strukturierter Alltag. Grit Nierich, , Geschäftsführerin von Kleiner Fratz und erste Vorsitzende des VKMK, beschreibt: “Viele Aktivitäten sind eher frontal gestaltet, und es gibt regelmäßig Angebote, die stark an einen klassischen Lehrplan erinnern”. Ein wesentlicher Grund hierfür liegt im Betreuungsschlüssel, wie Grit weiter erklärt: “Das frontale Angebot ist vor allem dem Erzieherschlüssel von 1:20 geschuldet. Das stellt natürlich eine Herausforderung im Alltag dar - besonders, wenn es um die individuelle Begleitung und Unterstützung der Kinder geht.”. Denn obwohl frühkindliche Bildung in Rumänien als essentiell für einen gelungenen Schulstart gilt, mangelt es vielerorts an notwendigen Ressourcen - sowohl personell als auch materiell und finanziell. Eine klare Strukturierung scheint daher notwendig, um den pädagogischen Anforderungen dennoch gerecht werden zu können. Doch trotz des hohen Personalschlüssels und den damit einhergehenden Herausforderungen fiel Grit Niereich eines besonders auf: “Was mir besonders positiv aufgefallen ist, war die hohe Motivation für den Beruf der pädagogischen Fachkraft. Man hat ihnen den Spaß an ihrer Arbeit und am Umgang mit den Kindern wirklich gespürt und gesehen.“ 

Ein Gespräch über Qualifikation und Anspruch

Im Rahmen ihrer Reise traf das Leitungsteam von Kleiner Fratz auch eine Vertreterin der zuständigen Aufsichtsbehörde, die mit der Kita-Aufsicht vergleichbar ist. In einer gemeinsamen Austauschrunde erläuterte sie die Voraussetzungen und Rahmenbedingungen, die erfüllt sein müssen, um in Rumänien als pädagogische Fachkraft tätig zu werden. Für rumänische Staatsbürger:innen gibt es dabei grundsätzlich zwei Wege: Entweder über einen erfolgreichen Abschluss an einem pädagogischen Lyzeums mit Spezialisierung auf “Frühkindliche Bildung” oder über ein Hochschulstudium im Studienfach “Frühkindliche Bildung”. Wer im sonderpädagogischen Bereich arbeiten möchte, muss zusätzlich ein Sonderpädagogik-Modul mit Zertifikat absolvieren sowie ein einjähriges Praktikum unter der Anleitung eines erfahrenen Mentors im sonderpädagogischen Bereich. 

Inklusion im Aufbau

Inklusion steckt in Rumänien noch in den Anfängen.” beschreibt Grit Niereich ihre Eindrücke von diesem Aspekt der frühkindlichen Bildung in Rumänien. Die Auseinandersetzung mit beeinträchtigten Menschen und ihren Bedürfnissen findet offiziell vielerorts kaum bis gar nicht statt - das Thema ist nach wie vor häufig tabuisiert. Es gibt jedoch private, gemeinnützige Initiativen, die sich um Kinder , Jugendliche und Erwachsene mit Beeinträchtigungen kümmern, entstanden oftmals aus einem privaten, familiären Kontext. Zwar nehmen Kinder mit Behinderungen grundsätzlich an Bildungsangeboten teil, doch ihre individuellen Bedürfnisse werden dabei meist nicht ausreichend berücksichtigt. Erschwert wird Inklusion zusätzlich durch Lücken in der Diagnostik, wie Grit Nierich beobachtete: “Beeinträchtigungen werden häufig nicht differenziert genug erfasst, und besonders auffällig ist, dass in den meisten Fällen Autismus diagnostiziert wird.” Ohne präzise Diagnosen ist jedoch keine bedarfsgerechte Förderung möglich. Umso bedeutender ist das Engagement einzelner Eltern, die selbst Berührungspunkte oder Erfahrungen mit Beeinträchtigungen haben und sich aktiv für Inklusion einsetzen - etwa durch die Gründung einer Einrichtung für Kinder mit Down-Syndrom. 

Trotz dieser Herausforderungen bei der Inklusion von Kindern mit Behinderungen gelingt es Rumänien zunehmend, die kulturelle Vielfalt des Landes in das Bildungssystem zu integrieren. Wie bereits deutlich wurde, ist das Land in dieser Hinsicht sehr divers. Doch auch hier zeigt sich, wie eng Inklusion mit kontinuierlicher Arbeit, Selbstreflexion und Empathie verbunden ist: “Insbesondere die Integration von Romafamilien ist nicht immer leicht und erfordert viel Engagement und Sensibilität.” erklärt Grit Nierich. Kulturelle Traditionen führen bei Roma-Kindern häufig zu unregelmäßigen Schulbesuchen. In der Folge drohen Sanktionen wie der Entzug von Sozialleistungen, was die oftmals ohnehin belasteten Lebenssituationen dieser Familien zusätzlich erschwert. Aus diesen Erkenntnissen zieht Grit Nierich wertvolle Impulse für ihre eigene Arbeit in Deutschland mit: “Meine Reise hat mir ein tieferes Verständnis für Familien aus Rumänien vermittelt - insbesondere auch für Romafamilien, die hier in Deutschland leben. Durch die Einblicke, die ich vor Ort gewinnen durfte, kann ich viele Hintergründe nun besser einordnen und dieses Wissen gezielt in meine Arbeit einfließen lassen.”

Sprachenvielfalt in der Kita

Die kulturelle Vielfalt spiegelt sich auch in der aktiven Förderung von Mehrsprachigkeit wider. Während ihrer Reise besuchte das Leitungsteam von Kleiner Fratz zwei Kindergärten, in denen es eigene deutschsprachige Gruppen gibt - in einem davon sogar auf expliziten Wunsch der Eltern. Das zeigt den hohen Stellenwert, welchen Mehrsprachigkeit im rumänischen Bildungssystem einnimmt, sowie den Wunsch, sie gezielt zu fördern. 

Der Kindergarten Nr. 45 betreut und fördert rund 320 Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren. Die andere Einrichtung, der Kindergarten “Roman Ciorogariu”, zählt etwa 235 Kinder. Jede Gruppe besteht hier aus etwa 30 Kindern, die von jeweils zwei Erzieher:innen begleitet werden. Besonders bemerkenswert ist die Aufteilung der Arbeitszeit im “Roman Ciorogariu”: Alle Erzieher:innen arbeiten täglich acht Stunden, wovon sie fünf Stunden direkt mit den Kindern verbringen und die übrigen drei Stunden für Vor- und Nachbereitungen sowie Fortbildungen zur Verfügung stehen. Unterstützt werden die Erzieher:innen stundenweise von Psycholog:innen, wodurch die Qualität der frühkindlichen Bildung zusätzlich gestärkt wird. 

Bildung auf dem Land - klein, aber fein

Neben den Bildungseinrichtungen in der Stadt nutzte das Leitungsteam von Kleiner Fratz auch die Gelegenheit, bei einem Ausflug aufs Land einen Eindruck davon zu gewinnen, wie Bildung in ländlichen Regionen Rumäniens gestaltet wird. Grit Nierich beschreibt diesen Besuch als “ein weiteres sehr beeindruckendes Erlebnis während der Erasmus-Reise.” Ziel war eine Dorfschule, etwa zwei Stunden von Oradea entfernt. In der Schule werden jeweils drei Jahrgänge gemeinsam unterrichtet - in kleinen Klassen mit nur acht bis zwölf Kindern. Diese überschaubare Gruppengröße ermöglicht eine sehr persönliche Lernatmosphäre sowie gezielte individuelle Förderung. Eine Schule, die zeigt, dass gute Bildung auch in ländlicheren Regionen mit begrenzten Ressourcen möglich ist. 

Eine Begegnung, die bewegt

*Triggerwarnung: Schilderung von Gewalt und Vernachlässigung*

Ein besonders bewegender Programmpunkt - wenn man dies so überhaupt sagen kann, da jeder Programmpunkt auf seine Weise tief berührend war - stellte der Besuch einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung dar. Dort begegnete das Leitungsteam Simona. Grit beschreibt diese Begegnung: “Am meisten beeindruckt haben mich die Gespräche mit einer Überlebenden des Kinderheims Cighid aus der Zeit der Ceausescu-Diktatur. Ihre Geschichte war tief bewegend und sehr eindrucksvoll.” Das Kinderheim Cighid erlangte Anfang der 90er Jahre traurige Berühmtheit. Cighid war eines von vielen Heimen, in welche Kinder mit körperlichen oder geistigen Behinderungen, Entwicklungsverzögerungen oder weil sie unerwünscht waren, abgeschoben wurden. 1989 wurde Cighid von westeuropäischen Journalisten, die daraufhin die erschütternden Zustände in diesem Heim öffentlich machten. In Cighid, einem alten Jagdschloss, waren sechs Leute für 109 Kinder zuständig. Die Kinder waren teilweise halbnackt, unterkühlt, unterernährt, verwahrlost, in verdreckten Räumen, ohne medizinische Versorgung, teilweise ohne Bewegungsfreiheit eingesperrt. In den Medienberichten zu dem Heim wurde von “Euthanasie” und “Sterbelager” gesprochen. Cighid existierte nur etwa zwei Jahre. In diesen zwei Jahren sind 122 Kinder dort ums Leben gekommen. Viele der Überlebenden mussten danach erst lernen, zu laufen, zu weinen, zu lachen und zu sprechen. Im Anschluss an das Gespräch wurde das Leitungsteam von Simona zu sich und ihrer Familie nach Hause eingeladen. Es war “ein Erlebnis, das uns nachhaltig berührte.” 

Diese Reise ermöglichte nicht nur einen Blick über den Tellerrand, sondern erweiterte den Horizont auf vielfältige Weise. Sie war bereichernd, lehrreich, berührend und wird nachhaltig in Erinnerung bleiben. Wie tief ein solcher kultureller Austausch wirkt, zeigt die persönliche Reflexion von Grit Nierich: “Für mich bedeuten Erasmus-Reisen vor allem den sprichwörtlichen Blick über den Tellerrand: Man bekommt die Möglichkeit, andere Bildungssysteme kennenzulernen und unterschiedliche Kulturen hautnah zu erleben. Das fördert nicht nur ein besseres Verständnis für andere Länder und ihre Kulturen, sondern hilft auch, Fluchtursachen besser nachvollziehen zu können - und damit auch die Hintergründe und Lebensrealitäten der bei uns betreuten Familien aus eben diesen Ländern besser zu verstehen.”. Ein Erlebnis, das weit über den fachlichen Austausch hinausreicht. 

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Adipositas bei Kindern: Frühkindliche Bildung als Schlüssel zur Prävention

Die Krankenkasse DAK hat kürzlich Daten zu Adipositas unter Kindern und Jugendlichen veröffentlicht, die ein erschreckendes Bild zeichnen: Im Jahr 2023 wurden 4,6% aller Kinder und Jugendlichen im Alter von fünf bis 17 Jahren aufgrund einer Adipositas-Diagnose medizinisch behandelt. Auffällig sind dabei insbesondere soziale Unterschiede: So erhalten Kinder aus sozial benachteiligten Familien rund 36% häufiger eine Adipositas-Diagnose als Kinder aus besser gestellten Familien. Noch auffälliger zeigt sich dieser Trend bei Mädchen: Sie sind aus benachteiligten Verhältnissen sogar 39% häufiger betroffen als Mädchen aus privilegierteren Verhältnissen.

Die Krankenkasse DAK hat kürzlich Daten zu Adipositas unter Kindern und Jugendlichen veröffentlicht, die ein erschreckendes Bild zeichnen: Im Jahr 2023 wurden 4,6% aller Kinder und Jugendlichen im Alter von fünf bis 17 Jahren aufgrund einer Adipositas-Diagnose medizinisch behandelt. Auffällig sind dabei insbesondere soziale Unterschiede: So erhalten Kinder aus sozial benachteiligten Familien rund 36% häufiger eine Adipositas-Diagnose als Kinder aus besser gestellten Familien. Noch auffälliger zeigt sich dieser Trend bei Mädchen: Sie sind aus benachteiligten Verhältnissen sogar 39% häufiger betroffen als Mädchen aus privilegierteren Verhältnissen.

Folgen von Adipositas für Körper und Psyche

Die Folgen sind gravierend und vielschichtig. Zum einen geht Adipositas nach wie vor häufig mit gesellschaftlicher Stigmatisierung einher, die das seelische Wohlbefinden der betroffenen Kinder erheblich beeinträchtigen kann. Zum anderen zeigen wissenschaftliche Erkenntnisse zunehmend, wie stark die Ernährungsweise unsere psychische Gesundheit beeinflusst. Sie wirkt sich unter anderem auf die Schlafqualität, die Regenerationsfähigkeit, den Umgang mit Stress, die Konzentrationsfähigkeit und die Leistungsfähigkeit des Gehirns aus. Auch mögliche Zusammenhänge zwischen Ernährung und psychischen Erkrankungen wie Depression werden erforscht. Natürlich ist Ernährung nicht der einzige Einflussfaktor - doch sie spielt eine wesentliche Rolle für die psychische Gesundheit.

Gleichzeitig wird auch die körperliche Gesundheit bei Adipositas stark beeinflusst: Der Bewegungsapparat, insbesondere Gelenke und Knochen, wird übermäßig belastet. Daraus können langfristig zu Hüft-, Knie- und Rückenproblemen entstehen. Bewegung wird als anstrengender empfunden, die Hemmschwelle für körperliche Aktivität steigt -  und ein Teufelskreis entsteht, der Adipositas weiter verstärken und verfestigen kann. Zudem steigt das Risiko für chronische Erkrankungen, wie Herz-Kreislauf-Leiden, Bluthochdruck, Diabetes, während gleichzeitig die Lebenserwartung sinkt.

Frühe Prävention in der Kita

Frühzeitige Prävention ist deshalb essentiell - und sollte unabhängig von der sozialen Herkunft allen Kindern zugutekommen. Vor diesem Hintergrund nehmen Schulen und Kitas eine entscheidende Rolle ein: Sie stellen Orte dar, an denen Ernährungsbildung altersgerecht vermittelt und gesunde Mahlzeiten für alle Kinder zugänglich gemacht werden können. Damit leisten sie nicht nur einen Beitrag zur körperlichen und psychischen Gesundheit, sondern fördern auch eine ganzheitliche Entwicklung und die Lebensperspektive der Kinder

Gesunde Ernährung zum Sparpreis

In der Praxis stehen Kitas jedoch vor großen Herausforderungen, denn die Rahmenbedingungen erschweren den Trägern eine adäquate Umsetzung. So stehen in Berlin Kitas - nach der Sachkostenpauschale - aktuell lediglich 3,83€ pro Kind und Betreuungstag für die Verpflegung zur Verfügung. Eine Summe, die es fast unmöglich macht, täglich ein gesundes und ausgewogenes Essen anzubieten. Lars Békési, Geschäftsführer des Kitaverbands VKMK, betont: „Der Gesetzgeber steht hier in der Fürsorgepflicht gegenüber den Kindern. Er muss sicherstellen, dass jedes Kind die Möglichkeit und Chance hat, gesund aufzuwachsen und sich gut zu entwickeln. Doch derzeit wird diese Verantwortung nur unzureichend wahrgenommen. Stattdessen wird die Hauptlast auf die Träger abgewälzt, indem ihnen ein zu knappes Budget zur Verfügung gestellt wird - und sie dann zusehen müssen, wie sie dennoch eine gesunde Verpflegung finanzieren können.“

Bewegungsmangel bei Kindern

Neben der Ernährung spielt auch Bewegung eine zentrale Rolle. Verschiedene Studien zeigen übereinstimmend, dass Kinder sich - insbesondere seit der Corona-Pandemie - sich deutlich zu wenig bewegen. Ein im vergangenem Jahr veröffentlichter Bericht der WHO zeigt auf, dass lediglich 15% der Mädchen und 25% der Jungen im Schulalter die von der WHO empfohlenen 60 Minuten moderate bis intensive körperliche Aktivität pro Tag erreichen. Auch hier werden soziale Unterschiede deutlich: Kinder aus privilegierteren Familien erfüllen diese Bewegungsempfehlung im Durchschnitt häufiger.

Bewegung braucht Platz - und Personal

Auch in diesem Zusammenhang ist die Kita ein entscheidender Ort, um Kinder frühzeitig für Bewegung zu begeistern, ihnen die Bedeutung von Bewegung zu vermitteln und einen chancengerechten Zugang zu sportlichen und körperlichen Aktivitäten zu ermöglichen. Doch auch hier fehlen häufig die nötigen Voraussetzungen: Die finanzielle Ausstattung über die Sachkostenpauschale sowie die personelle Ausstattung erschweren eine adäquate Umsetzung. Denn Bewegung braucht Raum - Raum, der angesichts hoher Mietpreise und einer unzureichenden Deckelung durch die Sachkostenpauschale oft nicht vorhanden ist. Und Bewegung braucht Personal - pädagogische Fachkräfte, die Aktivitäten professionell begleiten und Kinder mit unterschiedlichen Förderbedarfen dabei unterstützen können.

„Es geht dabei um Rahmenbedingungen, die es den Trägern ermöglichen, allen Kindern - unabhängig von ihrer Herkunft - eine gesunde und ganzheitliche Entwicklung zu gewährleisten und ihnen die besten Startchancen für ihr Leben zu bieten. Chancen, die weit über die Zeit in der Kita hinausreichen.“, so Békési. Und weiter: „ Angesichts dieser Tragweite ist es notwendig, dass die Gesetzgeber Rahmenbedingungen schaffen, unter denen die Anforderungen an die frühkindliche Bildung auch erfüllt werden können. Und dazu zählen eindeutig eine Anpassung der Sachkostenpauschale sowie eine Erhöhung der Personalausstattung.“

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Stark fürs Leben: Soft Skills von klein auf fördern

Unsere Welt wandelt sich stetig - und das mit einer zunehmenden Geschwindigkeit. Technologisierung, Globalisierung und geopolitische Spannungen scheinen die Welt immer komplexer werden zu lassen. Und ein Blick auf die Gesellschaft zeigt, dass der Umgang mit diesem Wandel ebenfalls eine Herausforderung darzustellen scheint: Die mentale Gesundheit leidet, Förderbedarfe steigen - und die Reaktion darauf? Die bleibt oft auf die Bekämpfung von Symptomen beschränkt. Betroffen sind nicht nur wir Erwachsene, sondern auch Kinder, die in diesem rasanten, komplexen Wandel aufwachsen.  

Unsere Welt wandelt sich stetig - und das mit einer zunehmenden Geschwindigkeit. Technologisierung, Globalisierung und geopolitische Spannungen scheinen die Welt immer komplexer werden zu lassen. Und ein Blick auf die Gesellschaft zeigt, dass der Umgang mit diesem Wandel ebenfalls eine Herausforderung darzustellen scheint: Die mentale Gesundheit leidet, Förderbedarfe steigen - und die Reaktion darauf? Die bleibt oft auf die Bekämpfung von Symptomen beschränkt. Betroffen sind nicht nur wir Erwachsene, sondern auch Kinder, die in diesem rasanten, komplexen Wandel aufwachsen.  

Daher möchten wir heute, am internationalen Kindertag, unseren Fokus darauf legen, wie wir Kinder besser auf einen gesunden Umgang mit der Welt vorbereiten können: Mit Prävention, mit Soft Skills, mit der Stärkung ihrer Persönlichkeit. 

Was sind Soft Skills - und warum sind sie so wichtig?

Soft Skills beschreiben persönliche Fähigkeiten und stellen damit das Gegenteil von Hard Skills - also fachlicher Kompetenz - dar. Zu den Soft Skills zählen beispielsweise soziale, emotionale und kognitive Kompetenzen - aber auch Resilienz, Adaptionsfähigkeit, Problemlösungsfindung, Medienkompetenz, Lernfreude, .. - und die Liste könnte noch sehr viel weiter gehen. Kurzum: Es handelt sich um Fähigkeiten, die Selbstvertrauen, Selbstbewusstsein und Selbstwirksamkeit stärken und dabei helfen, sich in der Welt, in der Gesellschaft und im Berufsleben zurechtzufinden. Und genau diese Fähigkeiten sind essentiell in einer Zeit, in welcher aufgrund der stetigen und schnellen Veränderungen nicht klar abschätzbar ist, wie die Zukunft aussehen könnte. Wir können nicht genau wissen, welche Hard Skills in 10-20 Jahren gefragt sein werden, doch wir wissen, dass Soft Skills entscheidend dabei helfen werden, mit verschiedenen Zukunftsszenarien souverän umzugehen und sich auf Veränderungen einzulassen. Während in der Schule - insbesondere in der weiterführenden Schule - die Vermittlung von Hard Skills im Vordergrund steht, legt die frühkindliche Bildung den Grundstein für die Entwicklung von Soft Skills. Hier wird das Fundament für die Entwicklung persönlicher Kompetenzen gelegt, welche Kinder auf die Zukunft vorbereiten. Doch wie genau kann das im Alltag aussehen? 

Mit Gefühl und Gemeinschaft: Soziale und emotionale Kompetenzen in der frühkindlichen Bildung

Soziale und emotionale Kompetenzen beziehen sich vor allem auf den Umgang mit anderen und mit sich selbst. Teamfähigkeit, Empathie und emotionale Selbstregulation zählen hier beispielsweise dazu. Beginnen wir mit dem Umgang mit anderen. Kinder bringen in der Kita häufig eine wertvolle Grundlage mit: vorurteilsfreie Offenheit. Kinder erkennen Unterschiede, kennen aber keine trennenden Unterschiede. Durch den Besuch einer Kita, in der Kinder mit ganz unterschiedlichen Lebensrealitäten und Hintergründen zusammenkommen, wird die Vielfalt für sie zur Normalität und Selbstverständlichkeit – und ihre Offenheit gegenüber Unterschieden wird weiter gestärkt. Empathie können Kinder in der frühkindlichen Bildung auf vielfältige Weise entwickeln und vertiefen. Zentral dafür ist die Fähigkeit zum Perspektivwechsel – und genau diese kann durch Rollenspiele, Theaterspielen oder auch das Erzählen und Erleben von Geschichten gefördert werden. Kinder schlüpfen dabei in die Rolle einer anderen Person, erleben eine andere Lebensrealität als ihre eigene – und tauchen so in eine neue Gefühlswelt ein. Auch der Morgenkreis ist ein wichtiger Schlüssel zur Förderung von Empathie: Hier erfahren Kinder, was andere beschäftigt und wie es ihnen geht. Gleichzeitig bietet der Morgenkreis die Möglichkeit, emotionale Selbstregulation zu erlernen – etwa durch das Reflektieren und Benennen eigener Gefühle. In diesem geschützten Rahmen, begleitet durch pädagogisches Fachpersonal, lernen Kinder, ihre eigenen Emotionen besser einzuordnen und mit ihnen umzugehen. Auch Rückzugsorte – wie Kuschelecken – und Bewegungsspiele zur Entspannung können Kinder dabei unterstützen, ihre Gefühle bewusst wahrzunehmen und wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Emotionale Selbstregulation kann jedoch auch ganz unmittelbar im Miteinander geübt werden – etwa durch Gruppenspiele. Dabei lernen Kinder, die Gefühle anderer zu respektieren, ihre eigenen Emotionen auch einmal zurückzustellen, Regeln zu befolgen, Frustration auszuhalten, Impulse zu kontrollieren und Kompromisse auszuhandeln. All das stellt auch die Basis für Teamfähigkeit dar. 

Mit Kreativität die Zukunft gestalten: Von der Selbstentfaltung zur Problemlösungskompetenz

Kreativität ist leider eine in der Gesellschaft sehr unterschätzte Schlüsselkompetenz für die persönliche Entwicklung - wie man bereits daran erkennen kann, dass der Kunstunterricht an den Schulen im Laufe der Jahre im Schnitt zunehmend reduziert wurde - zugunsten leistungsorientierter Kernfächer. Aber weshalb ist Kreativität so wichtig? Das beginnt bei der Selbstentfaltung und Selbstwirksamkeit. Kreativ zu sein bedeutet, etwas Eigenes zu erschaffen: Gedanken, Geschichten, Ideen, Szenarien, Kunst. Dieser schöpferische Akt ist ein Ausdruck des individuellen Selbst, eine Möglichkeit, die eigene Perspektive sichtbar und wirksam werden zu lassen. Kreativität bringt einen in die Lage, in unterschiedlichste Richtungen zu denken, spielerisch Möglichen zu erforschen, scheinbar Unzusammenhängendes zu verknüpfen und neue Perspektiven zu entdecken. Es lehrt uns, kritisch zu hinterfragen, Ideen und Innovationen zu entwickeln sowie Lösungen für Probleme zu finden. Man könnte schon fast sagen, dass Kreativität dadurch eine der wichtigsten Zukunftskompetenzen ist. Gleichzeitig bringt uns Kreativität bei, mit Unsicherheiten umzugehen und resilient zu werden, denn bei der Umsetzung von Ideen werden wir gerne auch mal mit Rückschlägen konfrontiert, die Überwindung erfordern. Und wie lässt sich Kreativität in der frühkindlichen Bildung fördern? Indem man Kindern Räume zum Erkunden, Erforschen und Gestalten eröffnet. Wenn Kinder über ausreichend Zeit und Raum verfügen, um sich auszuprobieren, legen sie das Fundament für kreatives Denken. Das kann in vielfältiger Weise verfestigt werden - etwa durch Malen, Basteln, Bauen, Singen, Tanzen und vielem mehr. Dabei können unterschiedlichste Materialien zum Einsatz kommen und verschiedenste Themen als Anlass dienen, ganz gleich ob im Rahmen eines Motto-Themas oder eines ganz besonderen Projekts wie etwa Upcycling. Ein besonderes Beispiel für die Förderung von Kreativität wollen wir aus Singapur - einem Land, in dem Soft Skills ganz oben auf der Agenda der frühkindlichen Bildung stehen - vorstellen: Dort entwickeln Kinder spielerisch und kindgerecht eigene kleine Business-Ideen. Was zunächst nach einer Überforderung klingen mag, ist in Wahrheit eine kreative Übung, die viele Kompetenzen verbindet: Ideenfindung, Umsetzung, Problemlösung, Teamarbeit und Präsentation. All das sind Bestandteile kreativen Denkens - angewendet in einem Kontext, der spielerisch bleibt, aber Zukunftsrelevanz hat. 

Digital lernen, sicher wachsen: Medienkompetenzen von klein auf

Kommen wir nun zur Medienkompetenz - einer Fähigkeit, die exemplarisch zeigt, wie sich auch die Anforderungen an unsere Kompetenzen im Laufe der Zeit verändert haben. Denn noch vor wenigen Jahrzehnten galt Medienkompetenz bei weitem nicht als Schlüsselkompetenz. Doch nun sind wir in einer Zeit angekommen, in welcher sie zu den wichtigsten Zukunftskompetenzen zählt - nicht nur, um in der Arbeitswelt Schritt halten zu können, sondern auch im Hinblick auf unsere mentale Gesundheit. Dabei handelt es sich um eine Kompetenz, die längst nicht mehr nur Erwachsenen vorbehalten ist, sondern vor allem auch Kindern frühzeitig vermittelt werden sollte. Denn so viele Chancen die Digitalisierung und Technologisierung auch bieten, ebenso viele Risiken bergen sie. Dies verdeutlichte erst kürzlich eine Auswertung von jugendschutz.net, in welcher deutlich wurde, dass Kinder und Jugendliche zunehmend Hass-Inhalten und sexualisierter Gewalt im Internet ausgesetzt sind. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt insbesondere vor dem übermäßigen Konsum sozialer Medien, da dieser sich negativ auf die mentale Gesundheit auswirken kann. Sie empfiehlt daher, Medienkompetenzen frühzeitig zu fördern. UNICEF wiederum macht in ihrem kürzlich erschienenen Ranking zum Wohlbefinden von Kindern deutlich, dass eine ausgewogene Nutzung sogar zu einer höheren Lebenszufriedenheit beitragen kann. Dies macht deutlich: Die Frage ist nicht ob, sondern wie Medien genutzt werden - und genau hier setzt Medienkompetenz an. Doch weshalb sollte man damit bereits in der frühkindlichen Bildung beginnen? Ganz einfach: Weil der Medienkonsum auch bei Kleinkindern drastisch gestiegen ist, wie die Studie miniKIM 2023 verdeutlichte. Demnach verfügt inzwischen jedes zehnte Kind im Alter von zwei bis fünf Jahren über ein eigenes Handy oder Smartphone - jedes fünfte Kind sogar über ein eigenes Tablet. 23% der Kinder in dieser Altersgruppe nutzen täglich ein Gerät mit Internetzugang. Umso wichtiger wird es also, bereits im frühen Kindesalter Medienkompetenzen zu fördern. Doch wie kann das konkret aussehen? Zunächst sollte klar sein: Es geht dabei keineswegs darum, Kinder einfach vor digitale Geräte zu “parken”, sondern vielmehr, um Medien spielerisch, altersgerecht und pädagogisch begleitet in den Alltag einzubinden. Besonders wichtig dabei ist, aufgrund des hohen Suchtpotenzials digitaler Medien klare Nutzungszeiten festzulegen. Beispielsweise können Tablets gezielt genutzt werden, um gemeinsam mit den Kindern altersgerechte Lernvideos anzusehen, in digitalen Bilderbüchern zu schmökern oder interaktive Geschichten zu entdecken. So lernen die Kinder ganz nebenbei, dass Medien Hilfsmittel zum Lernen und Erforschen sein können. Auch die kreative Anwendung von Medien lässt sich gut in den Kita-Alltag integrieren: durch kleine Audioaufnahmen, das Erstellen von Fotogeschichten oder kurzen Videos - etwa als digitale Ergänzung zu einem gemeinsamen Ausflug oder Projektthema. Ebenso zentral ist die gemeinsame Reflexion über Medienerlebnisse. Gespräche darüber, was Kinder zu Hause sehen, welche Apps sie nutzen oder ob sie Werbung erkennen können, hilfen ihnen, Inhalte besser einzuordnen und erste kritische Fragen zu stellen. 

Soft Skills bereiten Kinder von klein auf auf das Leben vor. Sie bilden die Basis dafür, dass Kinder später ein glückliches und erfolgreiches Leben führen können - und helfen ihnen schon im Hier und Jetzt gut im Leben, mit Veränderungen, Herausforderungen, mit sich selbst und mit anderen zurechtkommen. Während die Bedeutung von Soft Skills kein Geheimnis ist und in den Kitas viel dafür getan wird, diese zu fördern, ist es dennoch im Kita-Alltag oft schwierig, auf die individuellen Bedürfnisse der Kinder einzugehen. Die dafür notwendigen Ressourcen - wie Personal, Zeit, Geld, Raum und Materialien - stehen häufig nur eingeschränkt zur Verfügung. Für die Entwicklung von Medienkompetenzen wäre zum Beispiel die Einführung eines Digitalpakts für Kitas ein wichtiger Schritt. Zur Förderung von Kreativität könnten Programme wie das Schulprojekt “MAX - Artists in Residence”, bei dem Künstler:innen ein Atelier in einer Schule erhalten und gemeinsam mit Kindern arbeiten, auch für Kitas modellhaft sein. Darüber hinaus könnte die gezielte Förderung mulitprofessioneller Teams - ergänzt etwa durch Theater-, Kunst- und Medienpädagog:innen - einen wichtigen Beitrag zur Förderung von Soft Skills leisten. 

Wenn wir Kinder stark für die Zukunft machen und ihnen die bestmöglichen Startchancen bieten wollen, müssen jetzt die Bedingungen geschaffen werden, in denen sie ihre individuellen Stärken erkennen, entfalten und vertiefen können - und das beginnt bei einer qualitativ hochwertigen frühkindlichen Bildung.  

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Familien heute: Vielfalt, Herausforderungen und die Rolle von Kitas

Heute ist der internationale Tag der Familie. Ein Tag, um Familien in den Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit zu rücken. Ein Tag, um auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen, ihr tägliches Engagement zu würdigen und die Herausforderungen, mit denen Familien heutzutage konfrontiert sind, sichtbar zu machen. 

Heute ist der internationale Tag der Familie. Ein Tag, um Familien in den Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit zu rücken. Ein Tag, um auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen, ihr tägliches Engagement zu würdigen und die Herausforderungen, mit denen Familien heutzutage konfrontiert sind, sichtbar zu machen. 

Um dem gerecht werden zu können, möchten wir vorab zunächst den Begriff ‚Familie‘ definieren. Denn allzu oft entsteht dabei noch immer  in unseren Köpfen das Bild der traditionellen Normfamilie – also Mutter und Vater mit ein bis zwei Kindern. Doch es gibt nicht ‘die eine’ Familie. Familien sind so bunt wie unsere Gesellschaft und diese Vielfalt anzuerkennen, ist ein erster wichtiger Schritt, um die unterschiedlichen Bedürfnisse besser zu verstehen und gezielter darauf eingehen zu können.

Familie: So bunt wie unsere Gesellschaft

In großen Kategorien gesprochen gibt es neben der traditionellen Normfamilie beispielsweise die Patchworkfamilie – ein Familienmodell, in dem mindestens ein Elternteil ein oder mehrere Kinder aus einer früheren Beziehung mitbringt. Dies kann insbesondere in der Rollenverteilung und der Familiendynamik herausfordernd sein, da man sich gewissermaßen auf eine neue Familie und neue Charaktere in der Familie einstellen muss. Doch ebenso kann es bereichernd sein, wenn aus einer kleinen eine große Familie wird.

Daneben gibt es die Regenbogenfamilien - Familien, in denen mindestens ein Elternteil queer ist. Häufig sind diese Familien mit Stigmatisierung, Vorurteilen und Diskriminierung konfrontiert, was zu sozialer Isolation führen und sich negativ auf das Wohlbefinden der Eltern sowie der Kinder auswirken kann. Zudem haben Regenbogenfamilien juristisch oft nicht dieselben Rechte wie heteronormative Familien, und auch der Weg von einem Kinderwunsch bis hin zur finalen Familiengründung ist mit zahlreichen Hürden verbunden. Gleichzeitig zeigen Regenbogenfamilien, dass ‘Familie’ nicht mehr an traditionelle Geschlechterrollen oder Vorstellungen gebunden ist.

Ein weiteres Familienmodell sind Pflege- und Adoptivfamilien – also Familien, die ein nicht leibliches Kind für eine gewisse Zeit (Pflegefamilie) oder dauerhaft (Adoptivfamilie) in ihre Mitte aufnehmen. Auch hier können besondere Herausforderungen entstehen, etwa durch die Eingewöhnung, eine neue Familiendynamik oder die vergangenen traumatischen Erfahrungen des Kindes. Gleichzeitig zeigen Pflege- und Adoptivfamilien eindrucksvoll, dass familiäre Liebe und Zusammenhalt weit über biologische Verbindungen hinausgehen kann.

Und zu guter Letzt möchten wir die Mehrkindfamilien sowie Einelternfamilien erwähnen – jedoch zunächst nur kurz am Rande, da wir in den folgenden Zeilen noch etwas genauer auf diese Familienmodelle eingehen werden.

Familienleben heute: Enger Wohnraum, volle Terminkalender

So schön das Familienleben auch sein kann und so viel Freude Kinder bereiten – viele Familien stehen heutzutage vor großen Herausforderungen. Besonders in Großstädten ist der Wohnungsmarkt ein zentrales Problem: Es fehlt oft an ausreichendem Wohnraum für Familien, die Mietkosten sind hoch, und Familien werden bei der Wohnungssuche nicht selten strukturell benachteiligt. Das zeigt auch der in dieser Woche veröffentlichte Berliner Familienbericht, in welchem die dramatische Lage auf dem Wohnungsmarkt in Berlin für Familien eindrücklich geschildert wird. In kurzen Statements kommen Eltern zu Wort, die von beengten Wohnverhältnissen berichten – mit negativen Folgen für schulische Leistungen, das Wohlbefinden und die familiäre Dynamik. Neben dem Wohnraum ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein zentrales Thema. In vielen Haushalten müssen beide Elternteile arbeiten. Der lang anhaltende Mangel an Kita-Plätzen hat dies zusätzlich erschwert, ebenso wie Krankheitswellen bei Kindern oder zusätzliche Termine, wie Behördengänge, Arzttermine oder Ähnliches. Allerdings wandelt sich der Kita-Platz-Mangel inzwischen mancherorts in ein Überangebot, und während der Corona-Pandemie haben sich zunehmend flexible Arbeitsmodelle wie das Remote-Arbeiten etabliert – ein Vorteil und ein Stück Entlastung für viele Familien. 

Wie bereits erwähnt fehlen in unserer Definition von Familien noch zwei Familienmodelle, die wir nun in ihren Herausforderungen etwas detaillierter betrachten werden.

Große Familie, große Belastungen

Beginnen wir zunächst mit den Mehrkindfamilien - Haushalte mit drei oder mehr Kindern. Im Jahr 2023 traf das auf 12,7 % aller Familien in Deutschland zu – ein vergleichsweise kleiner Anteil, jedoch mit großen Herausforderungen. Denn: 32 % dieser Familien gelten als einkommensarm, 18 % beziehen Sozialleistungen. Doch warum ist das so? Mit jedem Kind steigt der Aufwand für Care-Arbeit, Kinderbetreuung und Haushalt. Das wirkt sich auf die Erwerbstätigkeit aus: Nur 56,6 % der Eltern in Mehrkindfamilien sind erwerbstätig, bei Familien mit zwei Kindern liegt dieser Wert bei 68,9 %. Meist reduziert vor allem die Mutter ihre Arbeitszeit erheblich – obwohl rund 70 % der Mütter von drei oder mehr Kindern gut bis sehr gut ausgebildet sind und damit über gute Karriere- und Verdienstchancen verfügen. Diese Zahl ist nicht nur im Hinblick auf die Erwerbsbeteiligung interessant, sondern auch in Bezug auf gesellschaftliche Vorurteile: Noch immer hält sich das Bild, Mehrkindfamilien seien tendenziell bildungsfern. Die Daten sprechen jedoch eine andere Sprache. Oft steht in diesen Familien einfach der Wunsch nach Kindern und einem Familienleben über dem Wunsch nach beruflichem Aufstieg. Neben der zeitlichen Belastung spielen finanzielle Aspekte eine zentrale Rolle. Weniger Zeit für Erwerbsarbeit bedeutet weniger Einkommen – bei gleichzeitig höheren Ausgaben: Miete, Ausflüge, Schwimmbadbesuche oder eine einfache Zugfahrt kosten für Mehrkindfamilien überproportional viel. Alltägliche Dinge werden zur finanziellen Herausforderung. Eltern mit mehreren Kindern stellen ihre eigenen Bedürfnisse oft hinten an, tragen viel und geben noch mehr.

Große Last auf wenigen Schultern

Allein- und getrennterziehende Familien sind dagegen sehr häufig in unserer Gesellschaft vertreten und machen etwa jede fünfte Familie aus. Trotz gesellschaftlicher Entwicklungen liegt die Hauptverantwortung für die Kindererziehung nach wie vor überwiegend bei den Müttern: Im Jahr 2023 lag der Anteil der alleinerziehenden Väter bei lediglich 18 %. Zwar ist das eine leichte Steigerung im Vergleich zu früheren Jahren, doch es verdeutlicht, wie ungleich es weiterhin verteilt ist. Der Bildungsgrad allein- und getrennterziehender Eltern ist überwiegend mittel bis hoch. 71 % der Mütter und 87 % der Väter in dieser Familienform sind erwerbstätig – etwas weniger als in traditionellen Paarfamilien (Frauen: 77 %, Männer: 93 %). Interessant ist jedoch: Alleinerziehende Mütter arbeiten häufiger in größerem Umfang als Mütter in Paarbeziehungen – 41,4 % von ihnen sind in Vollzeit beschäftigt, verglichen mit nur 31,1 % bei Müttern in Paarfamilien. Trotz hoher Belastung und Erwerbstätigkeit ist diese Familienform jedoch am stärksten von Armut betroffen: 41 % der allein- und getrennterziehenden Haushalte gelten als armutsgefährdet, 37,2 % beziehen Sozialleistungen. Wie auch bei Mehrkindfamilien stellt die Vereinbarkeit von Beruf und Familie eine enorme Herausforderung dar, ebenso wie der Wohnungsmarkt. Der aktuelle Familienbericht zeigt außerdem deutlich: Allein- und getrennterziehende Eltern sind häufiger von Überforderung und sozialer Isolation betroffen. Sie tragen große Verantwortung – oft ohne ein stabiles unterstützendes Umfeld.

Kitas: Unverzichtbare Partner für Familien

Doch warum greifen wir dieses Thema so intensiv auf – als Verband, der in erster Linie die Interessen von Kita-Trägern vertritt? Ganz einfach: Weil das Wohl der Familien inzwischen nahezu untrennbar mit dem Auftrag von Kitas verbunden ist. Familien liegt die Entwicklung ihrer Kinder am Herzen – ebenso wie Kitas. Kitas spielen eine zentrale Schlüsselrolle dabei, die Interessen und Bedürfnisse von Familien zu unterstützen. Sie ermöglichen es, Familie und Beruf besser miteinander zu vereinbaren – ein entscheidender Faktor, um das Armutsrisiko zu senken. Darüber hinaus schaffen Kitas Räume für soziale Teilhabe, Inklusion und Stabilität – für Kinder ebenso wie für ihre Eltern, unabhängig von deren Lebenslage. Vor allem aber leisten Kitas einen bedeutenden Beitrag zur Chancengerechtigkeit. Frühkindliche Bildung und Förderung eröffnen insbesondere Kindern aus sozioökonomisch benachteiligten oder anderweitig herausfordernden Verhältnissen bessere Startchancen ins Leben. Kitas sind somit wichtige Ankerpunkte für Familien. Diese Relevanz wird auch von dem Berliner Familienbericht deutlich unterstrichen. Und nicht zuletzt verdeutlicht das aktuelle Kindeswohl-Ranking von UNICEF - in dem Deutschland von Platz 14 auf Platz 25 abgerutscht ist -, wie entscheidend Bildung, Teilhabe sowie körperliche und mentale Gesundheit für das Wohl von Kindern sind. All diese Aspekte nehmen in der frühkindlichen Bildung einen besonderen Stellenwert ein. 

Deshalb wollen wir am Internationalen Tag der Familie nicht nur auf die Herausforderungen aufmerksam machen, mit denen Familien täglich konfrontiert sind – sondern auch betonen, welche zentrale Rolle Kitas dabei spielen, Familien zu entlasten und zu stärken. Sie sind nicht nur ein elementarer Baustein der Bildungspolitik, sondern auch ein Schlüssel zu mehr sozialer Gerechtigkeit in der Familienpolitik. Familien leisten einen großen Beitrag für unsere Gesellschaft. Allein schon im Hinblick auf den demografischen Wandel und die damit einhergehenden Herausforderungen sollten Familien verstärkt unterstützt werden – und dazu gehört auch, allen Familien den Zugang zu qualitativ hochwertiger frühkindlicher Bildung zu ermöglichen.

Quellen:

BERLINER BEIRAT FÜR FAMILIENFRAGEN, Schmitz, G. & Erdoğan, K. (2025). FAMILIEN IM ZEITENWANDEL STÄRKEN BERLINER FAMILIENBERICHT 2025. https://www.familienbeirat-berlin.de/fileadmin/Berliner%20Familienberichte/Familienbericht_2025/BBFF_FB2025_web.pdf.

BUNDESMINISTERIUM FÜR FAMILIE, SENIOREN, FRAUEN, JUGEND (2024). Familienreport 2024. https://www.bmfsfj.de/resource/blob/239468/a09d21ecd295be59a9aced5b10d7c5b7/familienreport-2024-data.pdf.

Erwerbsbeteiligung von Eltern. (o. D.). Statistisches Bundesamt. https://www.destatis.de/DE/Themen/Arbeit/Arbeitsmarkt/Qualitaet-Arbeit/Dimension-3/erwerbsbeteiligung-eltern.html#:~:text=Die%20Erwerbsbeteiligung%20von%20Eltern%20mit,der%20Anteil%2056%2C6%20%25..

Kinderarmut zeigt sich besonders bei Mehrkindfamilien. (2024, 6. Februar). https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/themen/aktuelle-meldungen/2022/november/kinderarmut-zeigt-sich-besonders-bei-mehrkindfamilien.

Menne, S. & Funcke, A. (o. D.). Factsheet Alleinerziehende in Deutschland. https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/user_upload/Factsheet_Alleinerziehende_2024.pdf.

UNICEF. (2025, 14. Mai). Wohlbefinden Kinder: Deutschland zurückgefallen | UNICEF. Deutsches Komitee für UNICEF e.V.https://www.unicef.de/informieren/aktuelles/presse/-/wohlbefinden-kinder-deutschland-zurueckgefallen-/374986.

Unterstützung für Allein- und Getrennterziehende. (o. D.). BMFSFJ. https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/themen/familie/chancen-und-teilhabe-fuer-familien/alleinerziehende.

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Tag der Kinderbetreuung? Wie aus Betreuung Bildung wurde – und was noch vor uns liegt

Vor wenigen Jahrzehnten sah die außerfamiliäre Kinderbetreuung noch etwas anders aus als heutzutage: Strukturen, pädagogische Konzepte, Schwerpunkte sowie die gesellschaftliche Wahrnehmung und Erwartung waren andere. Seitdem hat sich jedoch vieles verändert - Veränderungen, die auch einen Spiegel eines gewissen gesellschaftlichen, soziodemografischen und politischen Wandels darstellen. Und trotz vieler Veränderungen zum Positiven hin bleibt auch weiterhin einiges zu tun. 

Vor wenigen Jahrzehnten sah die außerfamiliäre Kinderbetreuung noch etwas anders aus als heutzutage: Strukturen, pädagogische Konzepte, Schwerpunkte sowie die gesellschaftliche Wahrnehmung und Erwartung waren andere. Seitdem hat sich jedoch vieles verändert - Veränderungen, die auch einen Spiegel eines gewissen gesellschaftlichen, soziodemografischen und politischen Wandels darstellen. Und trotz vieler Veränderungen zum Positiven hin bleibt auch weiterhin einiges zu tun. 

Anlässlich des Tags der Kinderbetreuung wollen wir einen genaueren Blick darauf werfen, wie sich die Kinderbetreuung im Laufe der Zeit entwickelt hat, welchen politischen und gesellschaftlichen Veränderungen der Wandel unterlegen war – und welchen Veränderungen die Kinderbetreuung in Deutschland vielleicht noch bevorsteht. Lasst uns also heute gemeinsam in den nächsten Zeilen eine kleine Zeitreise unternehmen.

Kinderbetreuung in der DDR: Ein sozialistisches Modell der frühkindlichen Bildung

Wenn wir rund 40-70 Jahre zurück in die deutsche Geschichte reisen - als Deutschland noch in zwei Staaten geteilt war - fällt ein markanter Unterschied in den Konzepten der Kinderbetreuung zwischen Ost- und Westdeutschland auf. 

Im Osten Deutschlands, der sogenannten DDR, war Kinderbetreuung ein zentrales Element der sozialistischen Familien- und Bildungspolitik - mit dem Ziel, Kinder zu sozialistischen Persönlichkeiten zu erziehen, sie systematisch auf die Schule vorzubereiten und Frauen in die Erwerbstätigkeit zu bringen. Die Zuständigkeit lag im Ministerium für Volksbildung, womit deutlich wird, dass Kindergärten hier nicht nur zur Betreuung dienten, sondern als vollständige Bildungseinrichtungen mit einem klaren Bildungsauftrag verstanden wurden. Und um diesen adäquat umzusetzen - ganz nach sozialistischen Leitlinien - gab es einen festen, einheitlichen Bildungs- und Erziehungsplan, dem alle Einrichtungen folgen sollten. Vielfalt war demnach nicht vorgesehen - weder bei der Trägerform noch bei pädagogischen Konzepten. Dafür aber in der Ausbildung: Es gab ein breit gefächertes Ausbildungssystem mit verschiedenen, differenzierten Qualifikationen für die Tätigkeit in diesem Bereich.

Kinderbetreuung hatte also in der DDR einen sehr hohen Stellenwert und ein Großteil der Kinder besuchte schon damals entsprechende Einrichtungen, sowohl im Ü3- als auch im U3-Bereich - und das nicht nur stundenweise, sondern ganztägig. 

Kinderbetreuung in der BRD: Von der Betreuung zur Bildung

Im Gegensatz zur DDR lag der Fokus in der Bundesrepublik Deutschland stärker auf der reinen Betreuung. Diese unterschiedliche Erwartungshaltung an die institutionelle Kinderbetreuung hatte ihren Ursprung in der Tradition der Kinderbetreuung zur Zeit der Weimarer Republik. Dort orientierten sich viele Einrichtungen eher an fürsorgerischen Aufgaben und richteten sich vorrangig an Kinder aus sozial benachteiligten Familien. Doch mit der Zeit wurde es für viele Familien immer dringlicher, Angebote der Kinderbetreuung wahrnehmen zu können, damit beide Elternteile arbeiten gehen konnten. Christliche Trägerverbände bemühten sich in der Folge um den Ausbau von Kindertagesstätten. Doch fehlende Infrastruktur, Personalmangel und unzureichende finanzielle Mittel erschwerten dies erheblich: Gruppen mit bis zu 50 Kindern pro Pädagog:in waren keine Seltenheit, und das Angebot konnte die Nachfrage bei weitem nicht decken. Die Pädagogik in den Einrichtungen war sehr autoritär und es war gesellschaftlich nach wie vor eher verpönt, seine Kinder in Betreuungseinrichtungen zu geben - insbesondere kleine Kinder unter drei Jahren. Die familiäre Betreuung hatte auch weiterhin Vorrang.

Der Bildungsaspekt spielte in westdeutschen Kindergärten somit zunächst kaum eine Rolle. Wenn überhaupt, dann primär, um die Kinder in den letzten Jahren auf die Schule vorzubereiten. Dementsprechend unterlag die Kinderbetreuung, anders als in der DDR, politisch dem Kinder- und Jugendhilfebereich und hatte auch bei weitem nicht ein so hohes gesellschaftliches Ansehen. 

Erst Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre wandelte sich der Blick auf Kindergärten sowie ihre gesellschaftliche und politische Wahrnehmung: Mit dem Strukturplan des Deutschen Bildungsrates wurde die frühkindliche Betreuung erstmals als Bestandteil des Bildungssystems anerkannt. Man plädierte für eine stärkere Verzahnung von Schule und Kindergarten – ein Ziel, das auch bis heute nur teilweise erreicht ist. Infolgedessen wurde die Infrastruktur schrittweise ausgebaut. Auf Landesebene wurden Kindertagesstättengesetze verabschiedet, in denen unter anderem Finanzierung und Ausstattung geregelt wurden. Auch neue pädagogische Konzepte entstanden – wie etwa der Situationsansatz, der bis heute eine wichtige Rolle spielt.

Zwei Systeme, ein Land: Kinderbetreuung nach der Wiedervereinigung

Mit der Wiedervereinigung prallten somit zwei grundverschiedene Konzepte der Kindertagesbetreuung aufeinander - und beide Teile Deutschlands hatten Schwierigkeiten, sich damit zu arrangieren. Das Konzept des Ostens wurde dem Kinder- und Jugendhilfegesetz unterstellt, war damit nicht länger Teil des Bildungsbereiches und auch nicht mehr staatliche Aufgabe, sondern lag fortan in der Verantwortung der Länder und Kommunen. Gleichzeitig sah sich Westdeutschland einer stetig wachsenden Nachfrage ausgesetzt - bei weiterhin unzureichender Infrastruktur. Und bis heute lassen sich noch Unterschiede zwischen Ost und West verzeichnen, die aus der sehr unterschiedlichen Geschichte resultieren: Während in Westdeutschland immer noch verhältnismäßig weniger Kinder die Kita besuchen - insbesondere im U3 Bereich - und der Bedarf an Kita-Plätzen nicht ausreichend gedeckt ist, ist die Inanspruchnahme von Kita-Plätzen im Osten höher – und der Ausbau konnte den großen Bedarf inzwischen weitgehend abdecken. Doch mit der Zeit nähern sich Ost und West auch in diesem Bereich an.

PISA 2000 und der Reformdruck: Der Weg zur frühkindlichen Bildung

Ein Wendepunkt für die Kinderbetreuung in Deutschland war wohl die PISA-Studie aus dem Jahr 2000. Deutschland lag in allen Bereichen unter dem OECD-Durchschnitt, Bildungsdefizite bei den 15-Jährigen wurden sichtbar und die Diskussion begann, wie diesen Defiziten begegnet werden könne. Ein zentraler Punkt in der Debatte zur Problemlösung war die frühkindliche Bildung. Dies wurde auch zunehmend von wissenschaftlichen Untersuchungen gestützt, die belegten, welche entscheidende Rolle die ersten Lebensjahre für den späteren Bildungs- und Lebensverlauf eines Kindern spielen. Doch gleichzeitig war man damit konfrontiert, dass die institutionelle Kinderbetreuung den wachsenden Anforderungen weit hinterher hinkte: Es gab zu wenig Kita-Plätze, die Öffnungszeiten waren unzureichend, Themen wie Inklusion und U3-Betreuung nahmen an Wichtigkeit zu und verlangten Konzepte. Unter anderem als Reaktion darauf entwickelten die Bundesländer erstmals Bildungs- und Erziehungspläne für die frühkindliche Bildung. Anders als in der DDR sollten diese jedoch keine verbindlichen Vorgaben sein, sondern als Empfehlungen und Leitlinien dienen. Der Bildungsaspekt rückte zunehmend in den Vordergrund und wurde auch in Dokumenten, Gesetzen und Beschlüssen fest als Bildungseinrichtungen mit einem Bildungsauftrag benannt. Einen großen Meilenstein in der gesamtgesellschaftlichen Etablierung von Kindertagesstätten stellt dabei auch der seit 2013 bestehende gesetzliche Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für Kinder ab dem 1. Geburtstag dar.

Frühkindliche Bildung 2025: Entwicklungen, Erfolge und Herausforderungen

Und heute?

Heute ist die Kita als erste Stufe des Bildungssystems fest etabliert und die Bedeutung der frühkindlichen Bildung - sowohl für die individuelle Entwicklung als auch für die Gesellschaft - ist allgemeiner Konsens. Es gibt konkret ausgearbeitete Bildungspläne, Evaluationen, Dokumentationen, Beobachtungsverfahren und eine Vielzahl an pädagogischen Konzepten - von Reggio und Waldorf über tiergestützte Pädagogik und offene Arbeit bis hin zum bereits erwähnten Situationsansatz. Partizipation, Teilhabe, Kindzentriertheit und Selbstwirksamkeit haben autoritäre Ansätze abgelöst. Viele Teams arbeiten heute multiprofessionell, um verschiedenste fachliche Expertisen in ihre Arbeit mit einbeziehen zu können und so Kinder in ihrer ganzheitlichen Entwicklung besser zu fördern. Die Qualität der frühkindlichen Bildung wird zunehmend in den Fokus gerückt - nicht zuletzt durch bundesweite Initiativen wie das Gute-KiTa-Gesetz oder das Kita-Qualitätsgesetz. 

Auch wissenschaftlich hat sich viel getan: Es wird umfangreich untersucht und analysiert, welchen Effekt frühkindliche Bildung hat. Und die Ergebnisse sind eindeutig: Frühkindliche Bildung kann gesellschaftliche Ungleichheit verringern, Kindern aus bildungsfernen Familien bessere Startchancen ermöglichen und so zu einem chancengerechteren Bildungsweg beitragen. Sie senkt das Armutsrisiko, unter anderem durch eine höhere Erwerbstätigkeit der Eltern. Zudem kann sie Förderbedarfe frühzeitig ausgleichen, den Gender Gap verringern und sowohl kurz- als auch langfristig zur wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit eines Landes beitragen.

Doch trotz all dieser positiven Entwicklungen bestehen natürlich auch weiter bestehende Herausforderungen: 

Denn gleichzeitig steigen die Ansprüche an die Pädagogik zunehmend: Es müssen immer mehr und immer intensiver Kompetenzen vermittelt sowie zunehmende Förderbedarfe ausgeglichen werden. Die zunehmende Heterogenität unserer Gesellschaft und die stärkere Ausrichtung auf Individualisierung verlangen von Pädagog:innen ein breites Fachwissen, hohe Anpassungsfähigkeit und vielfältige methodische Kompetenzen. Auch Elterngespräche werden immer komplexer - ebenso wie die Erwartungshaltung der Eltern gegenüber Pädagog:innen. Evaluationen, Test, Dokumentationen erfordern zusätzlich viel Zeit, Wissen und personelle Ressourcen. Mit dieser Entwicklung können auch heute die bildungspolitischen Anstrengungen von Ländern, Kommunen und Bund abermals nicht Schritt halten - und damit das tägliche Engagement in den Kitas nicht adäquat unterstützen und fördern. Und auch in der breiten Gesellschaft hinkt das Verständnis von frühkindlicher Bildung der tatsächlichen Bedeutung hinterher – trotz hoher Erwartungen. Noch immer ist in Berichten, Artikeln und Stellungnahmen zu oft von „Kinderbetreuung“ die Rede – und zu selten von Bildung. Allein der Name des heutigen Tags, der Tag der Kinderbetreuung, unterstreicht dieses Argument. 

Karin Priens Vision für die Kita-Zukunft: Ein neuer Kurs für die Zukunft?

Wie also könnte die Zukunft aussehen? Steht vielleicht der nächste Wandel schon unmittelbar bevor?

Die neue Ministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Karin Prien gibt uns Grund zu hoffen. Denn sie erkennt und benennt, was für die Bildungslandschaft zentral ist: Kitas als Schlüssel zu mehr Bildungserfolg und Chancengerechtigkeit. Kitas als erste Bildungseinrichtung, die konsequent als Teil der Bildungskette verstanden werden muss.

Ein erster Schritt in diese Richtung ist bereits vollzogen: Die Integration des Bildungsbereichs in das Ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Frühkindliche Bildung ist damit nicht mehr in einem separaten Ressort angesiedelt, sondern institutionell mit dem Bildungsbereich verbunden. Weiterhin untermauert Prien ihre Haltung diesbezüglich mit konkreten Reformvorschlägen - etwa einer nationalen Agenda für Kinder von 0-10 und einer besseren Verzahnung von Kita und Grundschule. 

Viele ihrer Ansätze und Überlegungen zur Gestaltung der Bildungspolitik aus der Zeit vor ihrer Ernennung zur Ministerin finden sich heute im Koalitionsvertrag wieder: Wie eine frühzeitige bundesweite Diagnostik, eine Kita-Pflicht bei Förderbedarfen, gezielte Förderung von Kindern aus benachteiligten Familien sowie Maßnahmen zur Qualitätssicherung und -steigerung in der frühkindlichen Bildung. Darüber hinaus plädiert Prien dafür, Bildungspolitik über die Wahlperiode hinauszudenken und setzt sich für einen kooperativen Bildungsföderalismus ein. All das sind Ansätze, die Hoffnung machen: auf nachhaltige, langfristige Reformen–statt kurzfristiger Strategien. 

Wir blicken auf jeden Fall gespannt auf die aktuelle Legislaturperiode und sehen großes Potenzial in Karin Priens bildungspolitischen Bestrebungen. Vielleicht markiert ihr Amtsantritt den Beginn eines echten Wandels – hin zu einer umfassenden Anerkennung von Kindertagesstätten als das, was sie längst sind: Bildungseinrichtungen. Und vielleicht heißt es in ein paar Jahren dann nicht mehr „Tag der Kinderbetreuung“, sondern „Tag der frühkindlichen Bildung“.

Quellen:

Berger, Manfred (2022, 7. Dezember). Geschichte des Kindergartens. socialnet Lexikon. Bonn: socialnet. https://www.socialnet.de/lexikon/Geschichte-des-Kindergartens.

Franke-Meyer, D. (2023, 6. Dezember). Frühkindliche Bildung, Erziehung und Betreuung – eine Zeitleiste. bpb.de. https://www.bpb.de/themen/bildung/dossier-bildung/276523/fruehkindliche-bildung-erziehung-und-betreuung-eine-zeitleiste/.

Franke-Meyer, D. (2024, 5. September). Geschichte der frühkindlichen Bildung in Deutschland. bpb.de. https://www.bpb.de/themen/bildung/dossier-bildung/239356/geschichte-der-fruehkindlichen-bildung-in-deutschland/#:~:text=Erst%20einige%20Zeit%20sp%C3%A4ter%20erweiterte,achtete%20auf%20Kontinuit%C3%A4t%20zur%20Schule.

Gebauer, R. (2023, 5. April). Kitas und Kindererziehung in Ost und West. bpb.de. https://www.bpb.de/themen/deutsche-einheit/lange-wege-der-deutschen-einheit/47313/kitas-und-kindererziehung-in-ost-und-west/.

Warnke, M., Klopsch, B., Sliwka, A., Nicolaides, D., Hubig, S., Prien, K., Schopper, T. & Stiftung. (o. D.). BESSERE BILDUNG 2035.

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Kreativität fördern, Zukunft gestalten: Wie kreative Denkfähigkeiten in der frühkindlichen Bildung geweckt werden 

Vergangene Woche setzte sich ein Artikel im Tagesspiegel mit dem Bildungserfolg Estlands auseinander, der im PISA-Test 2022 deutlich wurde – demselben Test, der in Deutschland für einen großen Schock sorgte. Estland schnitt im Test als europäischer Spitzenreiter ab und lag in vielen Bereichen deutlich vor Deutschland – unter anderem auch in der noch jungen Disziplin des kreativen Denkens. Während Deutschland in diesem Bereich lediglich im OECD-Durchschnitt verweilt und der Erfolg stark von der sozioökonomischen Herkunft der Kinder abhängt – sozioökonomisch privilegierte Schüler:innen erzielten im Durchschnitt 11 Punkte mehr als ihre weniger privilegierten Mitschüler:innen –, liegt Estland über dem Durchschnitt.

Vergangene Woche setzte sich ein Artikel im Tagesspiegel mit dem Bildungserfolg Estlands auseinander, der im PISA-Test 2022 deutlich wurde – demselben Test, der in Deutschland für einen großen Schock sorgte. Estland schnitt im Test als europäischer Spitzenreiter ab und lag in vielen Bereichen deutlich vor Deutschland – unter anderem auch in der noch jungen Disziplin des kreativen Denkens. Während Deutschland in diesem Bereich lediglich im OECD-Durchschnitt verweilt und der Erfolg stark von der sozioökonomischen Herkunft der Kinder abhängt – sozioökonomisch privilegierte Schüler:innen erzielten im Durchschnitt 11 Punkte mehr als ihre weniger privilegierten Mitschüler:innen –, liegt Estland über dem Durchschnitt. Zudem beträgt der Unterschied im kreativen Denken zwischen sozioökonomisch besser und schlechter gestellten Schüler:innen lediglich 6,6 Punkte, womit die Chancengleichheit im kreativen Denken in Estland fast doppelt so hoch ist wie in Deutschland.

Doch weshalb ist kreatives Denken überhaupt wichtig? Und wie kann das bereits in der frühkindlichen Bildung nachhaltig gefördert werden? Diesen Fragen gehen wir heute – am Geburtstag eines Genies des kreativen Denkens, Leonardo da Vinci – etwas genauer auf den Grund!

Kreatives Denken als essentielle Fähigkeit für die Zukunft

Anders als Mathematik, Schreiben oder Lesen wird uns kreatives Denken nicht im Rahmen eines Schulfachs beigebracht – und dennoch bildet es die Basis für viele verschiedene Kompetenzen: Kreativität hilft uns, mit Veränderungen umzugehen, uns anzupassen und offen auf neue, unbekannte Situationen zu reagieren. Sie ist die Grundlage für Problemlösungen: Wenn wir vor Herausforderungen stehen, unterstützt uns kreatives Denken dabei, die bestmöglichen Lösungen zu finden. Zugleich ist Kreativität die treibende Kraft hinter Innovation und Fortschritt: Wer kreativ ist, trägt einen ganzen Fundus an Ideen in sich, die nur darauf warten, umgesetzt zu werden - siehe Leonardo Da Vincis Werk. Auch im zwischenmenschlichen Miteinander spielt kreatives Denken eine entscheidende Rolle – etwa wenn es darum geht, sich in andere hineinzuversetzen und unterschiedliche Perspektiven einzunehmen. So stärkt Kreativität unsere emotionale und soziale Intelligenz. Kurz gesagt: Kreatives Denken ist die Grundlage für ein echtes analytisches, offenes Out-of-the-Box-Denken.

Kreativität im Gehirn

Kreativität entsteht in unserem Gehirn – jedoch nicht in einem einzelnen Bereich, sondern als Ergebnis echter Teamarbeit verschiedener Gehirnregionen und zahlreicher neuronaler Schaltkreise. Je nachdem, auf welchen Gegenstand oder welche Situation sich das kreative Denken richtet, werden unterschiedliche Areale aktiviert. Das bedeutet, nur weil Kreativität gefordert ist, läuft nicht immer auch der gleiche Prozess in unserem Gehirn ab. Und dadurch, dass unser Gehirn nicht statisch ist, sondern neuroplastisch - sprich veränderbar und anpassungsfähig - können wir unser Gehirn trainieren kreativ zu denken. 

Von der Wahrnehmung zur Kreativität: Wie Kunst und ästhetische Bildung in der frühkindlichen Bildung Kinder fördern

Diese Frage lässt sich nicht mit einem Teilbereich der frühkindlichen Bildung beantworten, da im Grunde nahezu jede Aktivität - insbesondere in jungen Jahren - ein gewisses Maß an Kreativität erfordert. Doch besonders im Rahmen ästhetischer Bildung und Kunst kann Kreativität ganz gezielt gefördert werden. Beginnen wir zunächst mit der ästhetischen Bildung, denn im Grunde ist sie die Voraussetzung dafür, dass Kinder künstlerisch aktiv werden und ihre Kreativität entfalten. Was also bedeutet und beinhaltet ästhetische Bildung?

Ästhetische Bildung

Ästhetik kommt von dem altgriechischen Wort “aísthēsis” und bedeutet so viel wie Wahrnehmung und Empfindung. In der Philosophie gibt es auch eine ganze Praxis dazu, die sich mit Ästhetik als Theorie sinnlicher Wahrnehmung auseinandersetzt. Und genau hier haken wir ein, denn: Ästhetische Bildung bedeutet so viel wie die Entwicklung unserer individuellen Wahrnehmung durch unsere Sinne. Das ist ein Prozess, der bei Kleinkindern ganz automatisch passiert. Kleinkinder haben in ihren jungen Jahren noch kein vorgeprägtes Wissen über unsere Welt, unsere Kultur, unsere Gesellschaft. Sie gehen noch vollkommen unbefangen in den Prozess des Wahrnehmens und Empfindens und entdecken so die Welt durch ihre Sinne. Durch dieses sehr individuelle, subjektive, sinnliche Entdecken, eignen sich Kinder die Welt auf ihre ganz eigene Art und Weise an. Es hilft ihnen, sich in der Welt zu orientieren, Verbindungen sowie Differenzen zu erkennen und ein erstes Welt- und Selbstbild aufzubauen. Kinder lernen dabei, ihre Wahrnehmungen und Empfindungen einzuordnen, zu reflektieren und im Gehirn neuronale Verknüpfungen herzustellen – und genau das bildet die Grundlage für ihre soziale, kognitive und kreative Entwicklung und für das weitere Lernen.

Ästhetische Bildung in der Kita: Sinnliche Wahrnehmung und kreative Förderung

Aber wenn dieser Prozess in jungen Jahren ohnehin automatisch geschieht – was kann dann die frühkindliche Bildung dabei überhaupt fördern? Die Antwort lautet: Sehr viel. Kindertagesstätten bieten den optimalen Raum, um Kinder in ihrer ästhetischen Bildung zu fördern. Denn je vielfältiger die Umgebung – je mehr Materialien, Spielzeuge, Aktivitäten, Menschen, Eindrücke und Reize – desto stärker werden die Sinne und die Wahrnehmung der Kinder angeregt und gefördert. Die Kita und die Fachkräfte geben dabei den Rahmen vor, in dem die Kinder sinnlich entdecken und wahrnehmen können - zwischen selbstbestimmten Freiraum und sicheren Grenzen. Durch besondere Aktivitäten wie Musizieren, Bewegung, Malen, Theaterspielen oder Erlebnistage in der Natur können Fachkräfte zusätzliche sinnliche Impulse setzen – Impulse, mit denen manche Kinder im Alltag nur selten in Kontakt kommen. Auch gezielte, offene pädagogische Fragen, wie “Was hast du gerade gehört/gesehen/gefühlt und wie hat sich das für dich angefühlt?”, “Was gefällt dir daran besonders und warum?” oder “Was war heute dein Lieblingsmoment und warum gerade der?” können diesen Prozess verstärken und Kindern beim Reflektieren und Einordnen ihrer sinnlichen Wahrnehmungen helfen. Auf diese Weise wird die ästhetische Bildung weiter vertieft und bewusst gefördert. Besonders das offene oder teiloffene Konzept, wie es in vielen Kitas umgesetzt wird, bietet hier einen idealen Rahmen: In diesen Konzepten haben Kinder sehr viel Freiraum in ihren eigenen Entscheidungen - vom Aufenthalt in verschiedenst gestalteten Räumen bis hin zur Wahl ihrer Aktivitäten. So geschieht die ästhetische Bildung sehr individuell, selbstbestimmt und selbstwirksam - und wird gleichzeitig durch die vielfältigen Möglichkeiten in der Kita intensiv begleitet und unterstützt.

Somit wird deutlich: Ästhetische Bildung bildet das Fundament für die Entwicklung kreativen Denkens – denn bereits im Prozess des sinnlichen Wahrnehmens und Erkundens wird kreatives Denken angeregt. Kitas fördern diesen Prozess besonders intensiv und schaffen für alle Kinder – unabhängig von Herkunft oder Familiensituation – Möglichkeiten, ihre Entwicklung darin zu stärken. Doch wo genau kommt nun die Kunst ins Spiel?

Kunst

Blickt man Jahrtausende zurück in die Geschichte der Menschheit – in eine Zeit, in der noch nicht mit Sprache und Schrift, wie wir sie heute kennen, kommuniziert wurde –, findet man Kunst - Kunst als Mittel zur Kommunikation. Es war damals eine Möglichkeit, sich zu äußern und Erlebtes und Wahrgenommenes mitzuteilen, auch ohne Worte. Und diese Funktion kann Kunst auch für Kinder haben. Es ist eine altersgemäße Ausdrucksform, durch die Kinder sich mitteilen können. Da Kinder in jungen Jahren noch wenig beeinflusst sind von sozialen oder kulturellen Normen, entsteht ihre Kunst nicht aus einer bewussten Intention heraus, sondern aus einer Intuition: Sie verarbeiten in Kunst, was sie beschäftigt. Es ist ein Ausdruck ihrer Wahrnehmungen, Empfindungen und Erlebnisse. Wer also genau hinschaut, kann durch die Kunst einen Blick in das Innenleben der Kinder erhaschen. Gleichzeitig hilft Kindern der künstlerische Ausdruck, all das zu reflektieren, einzuordnen – und besser zu verstehen. Ästhetische Bildung befähigt Kinder also dazu, künstlerisch und kreativ aktiv zu werden. Kunst kann damit sowohl Ausdruck ästhetischer Bildung sein als auch deren Impulsgeber, da durch Kunst die ästhetische Bildung immer wieder neu angeregt und vertieft wird.

Doch die Wirkungsmacht von Kunst geht noch sehr viel weiter: Sobald Kinder künstlerisch aktiv sind, gelangen sie in einen schöpferischen Prozess. Sie erschaffen etwas, das es vorher nicht gab – etwas, das zunächst nur in ihrem Kopf existierte und durch ihre Hände Wirklichkeit wird. Sie lassen Ideen und Visionen Wirklichkeit werden. Kunst ist somit eine Form der Selbstverwirklichung. Wird dieser Prozess gezielt gefördert, stärkt das nicht nur das selbstständige Denken und Handeln, sondern auch das Selbstvertrauen der Kinder und ihre Persönlichkeitsentwicklung. Und wenn ihre Ideen einmal nicht so aufgehen, wie sie es sich vorgestellt haben? Dann lernen sie, mit Fehlern und Unsicherheiten umzugehen – eine wichtige Grundlage für Resilienz und Problemlösekompetenz. Ganz nebenbei werden bei künstlerischen Aktivitäten auch grundlegende Fähigkeiten trainiert: die Fein- und Grobmotorik, die Auge-Hand-Koordination, die visuell-räumliche Wahrnehmung, das Körpergefühl, kognitive und mathematische Fähigkeiten – und natürlich die Kreativität.

Kunst als Schlüssel zur Kreativität: Wie Kitas den kreativen Prozess anregen

Und wie wird nun Kunst in der Kita gefördert? Ganz einfach: durch das Bereitstellen der notwendigen Ressourcen, des Raums und pädagogischer Begleitung. In der Kita haben Kinder oft die Möglichkeit sich gestalterisch auszutoben - mit Knete, Fingermalfarben, Wassermalfarben, Blatt und Stift, Schere und Papier, vielleicht wird auch mal getont. Die Kitas geben den Kindern unglaublich viele Möglichkeiten, sich kreativ und künstlerisch zu entfalten und mit den unterschiedlichsten Materialien, Techniken und Ausdrucksformen zu experimentieren. Vorab lernen die Kinder den sicheren Umgang mit den entsprechenden Materialien und Werkzeugen - der sichere, pädagogische Rahmen - wodurch Kinder in ihrer Eigenverantwortung und Selbstständigkeit gestärkt werden. Ist dieser Rahmen einmal geschaffen, können sie in einer ruhigen, wertschätzenden Atmosphäre und mit genügend Zeit ganz in ihren kreativen Prozess eintauchen. Besonders förderlich für die Entwicklung kreativen Denkens ist es, wenn dieser Prozess offen gestaltet ist – also wenn es keine konkrete Anleitung gibt, sondern vielleicht nur Impulse, die die Kinder eher in ihrer Ideenfindung anregen als leiten. Beispielsweise durch das Vorlesen einer Geschichte, zu der die Kinder anschließend frei malen, was sie dabei empfunden oder sich vorgestellt haben. Wichtig ist dabei ein wertfreier Raum – ein Ort, an dem die kindliche Kunst nicht bewertet, sondern offen angenommen wird. Denn solche Reaktionen fördern Neugierde, Mut zur Gestaltung und kreative Weiterentwicklung. Negative Bewertungen hingegen können Kinder verunsichern und einschränken – nicht nur in ihrer Kreativität, sondern auch in ihrer sinnlichen Wahrnehmung.

Gerade in einer Zeit, in der der Fortschritt immer schneller voranschreitet und wir vor großen politischen, gesellschaftlichen und ökologischen Veränderungen stehen, wird eines immer deutlicher: Wir brauchen kreatives Denken – mehr denn je. Denn um mit diesen Entwicklungen nicht nur Schritt zu halten, sondern sie aktiv mitzugestalten, braucht es kreative Köpfe, Visionär:innen, Ideenfinder:innen und Problemlöser:innen - kleine Leonardo Da Vincis. Und genau hier legt die frühkindliche Bildung die Basis - durch ästhetische Bildung und Kunst. Zwei Bereiche, die häufig in ihrer Wichtigkeit und Wirkung unterschätzt werden. Kitas schaffen Zugänge zu genau diesen Feldern – für alle Kinder, unabhängig von Herkunft oder sozioökonomischen Voraussetzungen. Sie geben Raum für Kreativität, fördern Wahrnehmung, Kognition, Verständnis, Ausdruck, Gestaltungskraft und noch so viel mehr – und legen damit das Fundament dafür, dass Kinder auch später noch offen, selbstbewusst und kreativ denken können. So wird einmal mehr deutlich, wie essentiell die frühkindliche Bildung für unsere Gesellschaft ist – für die individuelle Entwicklung ebenso wie für den Zusammenhalt, für Wirtschaft und Wissenschaft ebenso wie für Innovation, Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit. Und um zukünftig im PISA-Test im Bereich kreatives Denken ebenso erfolgreich abzuschneiden wie Estland, sollte die Politik die frühkindliche Bildung noch stärker fördern, um Kitas und Pädagog:innen die Ressourcen zu geben, diese wichtigen Kompetenzen zu entwickeln.

Quellen:

Ästhetische Bildung | socialnet Lexikon. https://www.socialnet.de/lexikon/Aesthetische-Bildung.

Bulander, Y. (2025, 31. März). Ästhetische Bildung in der frühen Kindheit - nifbe e.V. Nifbe e.V. https://nifbe.de/fachbeitraege/aesthetische-bildung-in-der-fruehen-kindheit/.

Celina. (2024, 19. August). Die neurologische Kraft der Kunst: Wie Kreativität das Gehirn formt. WiPub - We Publish! https://www.wipub.net/die-neurologische-kraft-der-kunst-wie-kreativitaet-das-gehirn-formt/.

Karl. (2023, 8. Februar). Kreativität im Gehirn – 4 Blickwinkel aus der Neurowissenschaft. Karl Hosang. https://karlhosang.de/kreativitaet-im-gehirn/.

Kinder – Kunst – Kita. Wie passt das zusammen?  – Westermann. (o. D.). https://www.westermann.de/landing/kompetent-erziehen/Kunst.

OECD (2024), PISA 2022 Results (Volume III): Creative Minds, Creative Schools, PISA, OECD Publishing, Paris, https://doi.org/10.1787/765ee8c2-en.

Uhrig, S. (2022, 1. Februar). Kreativität: Mehr als "nur“ Kunst. quarks.de. https://www.quarks.de/gesellschaft/psychologie/kreativitaet-mehr-als-nur-kunst/.

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Autismus verstehen: Einblicke in die Neurodiversität

Autismus - eine neurologische Entwicklungsstörung, die vor knapp 20 Jahren noch eine Art Randerscheinung in der Bevölkerung zu sein schien, ist nun zunehmend in aller Munde. Auf Social Media häufen sich Influencer, die von ihrem Leben mit einer Autismus-Diagnose berichten, in den Medien wird sich darüber gewundert, wie es zu einem so rasanten Anstieg an Autismus-Fällen kommen kann und auch in der frühkindlichen Bildung ist dies natürlich ein großes Thema - denn der höchste Anstieg an Autismus-Diagnosen betrifft Kinder.

Autismus - eine neurologische Entwicklungsstörung, die vor knapp 20 Jahren noch eine Art Randerscheinung in der Bevölkerung zu sein schien, ist nun zunehmend in aller Munde. Auf Social Media häufen sich Influencer, die von ihrem Leben mit einer Autismus-Diagnose berichten, in den Medien wird sich darüber gewundert, wie es zu einem so rasanten Anstieg an Autismus-Fällen kommen kann und auch in der frühkindlichen Bildung ist dies natürlich ein großes Thema - denn der höchste Anstieg an Autismus-Diagnosen betrifft Kinder. Tatsächlich ist Autismus ein recht “junges Erkrankungsbild” und wir wollen diesem heute, am Welttag der Aufklärung über Autismus, etwas genauer auf den Grund gehen: Was genau ist eigentlich Autismus, welche Formen von Autismus gibt es? Wie zeigt sich Autismus und was sind die Ursachen für Autismus? Euch interessiert das auch? Dann taucht mit uns in den kommenden Zeilen in die Welt der Neurodiversität ein!

Die Geschichte des Autismus

Der Begriff Autismus stammt von den griechischen Worten autos (selbst) und ismos (Zustand, Ort) und wurde Anfang des 20. Jahrhunderts vom Schweizer Psychiater Eugen Bleuler im Zuge seiner Forschungen zur Schizophrenie erstmals im Kontext psychischer Erkrankungen verwendet. Mit dieser Begriffswahl wollte er das Symptom der sozialen Zurückgezogenheit und das In-sich-Gekehrt-Sein, das Leben in der eigenen inneren Gedankenwelt beschreiben. Etwas später, 1943, fasste der in den USA praktizierende österreichische Kinder- und Jugendpsychiater Leo Kanner den von Bleuler geprägten Begriff “Autismus” auf, jedoch nicht um wie Bleuler ein Symptom zu beschreiben, sondern ein eigenes Syndrom. Ein Syndrom, das sich durch soziale Zurückgezogenheit und den Drang nach Routinen auszeichnet. In Dokumenten hielt Kanner dabei seine Beobachtungen zu Kindern fest, die Probleme hatten sich an Veränderungen anzupassen, auf soziale Interaktionen und Spontanitäten einzulassen und auch sprachliche Auffälligkeiten aufwiesen, wie Echolalia - dem automatischen und zwanghaften Wiederholen von gerade Gehörtem. Er fasste dies unter dem Begriff “frühkindlicher Autismus”, auch bekannt als Kanner-Syndrom, zusammen und legte damit den Grundstein für unser heutiges Verständnis von Autismus. Zeitgleich und gänzlich unabhängig von Kanner dokumentierte der österreichische Kinderarzt Hans Asperger seine Beobachtungen zu Kindern, die wenig Empathie zeigten, soziale und motorische Auffälligkeiten aufwiesen und sich intensiv mit besonderen Interessen beschäftigten. Er nannte dies autistische Psychopathie - wobei Psychopathie damals nicht mit unserem heutigen Verständnis von Psychopathie zu vergleichen ist, sondern allgemein für psychische Besonderheiten stand. In den 80er Jahren griff die Psychiaterin Lorna Wing Aspergers Arbeiten für ihre eigenen Forschungen zu diesem Syndrom auf und etablierte in diesem Zuge den Begriff des Asperger-Syndroms. 

Autismus - Eine Welt voller ungefilterter Reize

Nun wissen wir zwar, wie sich die Begriffe Autismus und Asperger etabliert haben, aber dennoch nicht wirklich, was es mit diesem Krankheitsbild überhaupt auf sich hat. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist Autismus eine tiefgreifende neurologische Entwicklungsstörung, die sich meist bereits in sehr jungen Jahren zeigt. Sie beruht auf komplexen Störungen des zentralen Nervensystems, insbesondere in der Informations- und Wahrnehmungsverarbeitung. Dadurch werden Sinneseindrücke anders wahrgenommen und verarbeitet, was sich beispielsweise in einer Unter- oder Überempfindlichkeit gegenüber Reizen äußern kann. Denn während neurotypische Personen häufig Dinge im Kontext betrachten, wahrnehmen und einordnen, ist für Personen mit Autismus häufig das Detail präsenter. Wie kann man sich das vorstellen und wie lässt sich die Wahrnehmung von Menschen mit Autismus besser nachvollziehen? 

Stellen wir uns vor, wir sitzen in einem Restaurant bei einem gemeinsamen Abendessen. Im Hintergrund läuft Musik, der Kellner nimmt Bestellungen am Nachbartisch auf, am Tresen spricht jemand am Telefon, draußen fährt ein Polizeiwagen mit Martinshorn vorbei, und gleichzeitig wird an unserem Tisch eine Unterhaltung geführt. Neurotypische Menschen nehmen all diese Eindrücke als eine zusammenhängende Erfahrung wahr. Sie erfassen die Musik, die Gespräche, Geräusche und Geschehnisse im Hintergrund als Teil der Atmosphäre, die das Restaurant umgibt, während sie sich auf das Gespräch am eigenen Tisch konzentrieren. Es entsteht eine Art Hintergrundrauschen, das die Gesamtstimmung beeinflusst, aber nicht vom Wesentlichen ablenkt.

Für eine Person im Autismus-Spektrum funktioniert diese Wahrnehmung ganz anders. Die einzelnen Reize werden nicht miteinander verknüpft, sondern bleiben isoliert und getrennt. Jedes einzelne Geräusch – die Musik, das Klirren von Besteck, das Gespräch am Nachbartisch, das Martinshorn – wird wie ein eigenständiges, lautes Ereignis wahrgenommen, das um die Aufmerksamkeit kämpft. Das Gespräch am eigenen Tisch ist nur eines von vielen Details in einer Flut von Eindrücken. Auch visuelle Reize, wie die Bewegung der Kellnerin oder das flackernde Licht, erscheinen unabhängig von der Gesamtumgebung. Es gibt keinen „roten Faden“, der all diese Eindrücke miteinander verbindet – alles prasselt gleichzeitig auf die betroffene Person ein, ohne dass der Kontext erkennbar wird. Es fühlt sich an, als würde jede Wahrnehmung wie ein einzelnes, lautes Signal in den Kopf dringen, das keine Verbindung zu den anderen hat. Dadurch wird es extrem schwierig, den Fokus zu halten und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Von klaren Kategorien zum Spektrum: Die Entwicklung des Autismus-Verständnisses

Früher hat man Autismus in klare Subgruppen unterteilt. Darunter: 

Frühkindlicher Autismus 

Diese Form des Autismus tritt in der Regel vor dem dritten Lebensjahr auf und ist durch Auffälligkeiten in den Bereichen soziale Interaktion, Kommunikation und Verhalten gekennzeichnet. Viele Betroffene haben Schwierigkeiten, soziale Signale zu lesen und zu deuten, in Interaktion zu treten und Beziehungen aufzubauen. Auf der sprachlichen Ebene kann es zu einer verzögerten, unvollständigen, regredierenden oder gar nicht erfolgenden Sprachentwicklung kommen. In Konversationen tritt Echolalie häufig auf - das Wiederholen von Wörtern, Sätzen oder Geräuschen, entweder direkt aus dem Gespräch oder von anderen Quellen. Die Auffälligkeiten im Verhalten zeigen sich oft durch ein besonders intensives Interesse für bestimmte Objekte oder gar Teilobjekte, wie beispielsweise Türklinken oder Teppichmuster. Dabei stehen häufig sensorische Reize wie Haptik, Geruch oder Geräusche im Vordergrund des Interesses. Zusätzlich zeigen viele Betroffene stereotype Bewegungen (z. B. Flattern der Hände, Wippen, Drehen um die eigene Achse) sowie ein starkes Festhalten an Routinen, wodurch sie Veränderungen als besonders stressig empfinden.

Asperger-Syndrom

Im Gegensatz zum frühkindlichen Autismus wird das Asperger-Syndrom meist erst später, ab dem dritten Lebensjahr, diagnostiziert. Dies liegt unter anderem daran, dass es meist keine deutlichen Verzögerungen in der Sprachentwicklung gibt und kognitive Fähigkeiten in der Regel im durchschnittlichen oder sogar überdurchschnittlichen Bereich liegen. Allerdings zeigen sich dennoch häufig andere Besonderheiten im Sprachgebrauch, die sich durch eine pedantische, professorale und nicht altersgemäße Sprache, oft begleitet von unüblichen Betonungen und monotoner Stimme, auszeichnen. Ironie, Metaphern oder bildliche Sprache hingegen treten kaum, bis gar nicht oder falsch auf, da sie meist wörtlich verstanden werden und erst aktiv erlernt werden müssen. Besonders gerne reden Personen mit Asperger-Syndrom dabei sehr ausführlich über ihre besonderen Interessen für oft spezielle und unübliche Themen. Für diese wenden sie auch sehr viel Zeit und Energie auf, um sich ein umfangreiches und detailliertes Wissen dazu anzueignen. In einigen Fällen treten auch Hoch- oder Inselbegabungen auf, die das Asperger-Syndrom manchmal weniger offensichtlich erscheinen lassen. Rituale und Routinen im Alltag sind für Personen mit Asperger-Syndrom von großer Bedeutung. Veränderungen, auch noch so kleine, können sie überfordern. Hinzu kommt oft eine besondere Wahrnehmung von Reizen, etwa eine Über- oder Unterempfindlichkeit gegenüber Geräuschen, Licht oder Berührungen.

Atypischer Autismus

Der atypische Autismus weist ähnliche Merkmale wie der frühkindliche Autismus auf, erfüllt jedoch nicht alle Diagnosekriterien in vollem Umfang. Beispielsweise kann atypischer Autismus auch erst nach dem dritten Lebensjahr auftreten. 

Da es jedoch in der Praxis teilweise schwer war in diesen Subgruppen zu unterscheiden, aufgrund leichterer und stärkerer Ausprägungen sowie Überschneidungen von Symptomatiken - was unter anderem auch zu Fehldiagnosen geführt hat - ist man dazu übergegangen Autismus als ein Spektrum zu begreifen. Heute wird daher der Begriff „Autismus-Spektrum-Störung“ (ASS) als Oberbegriff für die Vielfalt autistischer Merkmale verwendet.

Die komplexen Ursachen von Autismus: Genetik, Umwelt und offene Fragen

Die Ursachen für eine Autismus-Spektrum-Störung sind hochkomplex und noch nicht endgültig erforscht. Allerdings ist inzwischen allgemeiner wissenschaftlicher Konsens, dass die Hauptursache genetisch bedingt ist. Dies belegen zahlreiche Studien, die zeigen, dass Autismus familiär gehäuft auftritt. Inzwischen wurden zudem bereits über 100 Gene identifiziert, die mit der Autismus-Spektrum-Störung in Verbindung stehen. Darunter Gene, welche die Entwicklung von Synapsen und der neuronalen Signalübertragung beeinflussen. 

Doch wie bereits erwähnt, sind die Ursachen noch nicht endgültig erforscht und nicht allein auf Vererbung zu reduzieren. Auch Umweltfaktoren, vor allem in Kombination mit genetischen Faktoren, könnten eine Rolle bei der Entstehung von ASS spielen. Dazu gehören unter anderem eine Belastung der Eltern mit Schadstoffen, viralen Infektionen oder unbehandelten psychischen Erkrankungen. Eine Studie weist zudem auf eine mögliche Verbindung zwischen einer gestörten Darmflora in den ersten Lebensjahren und einem erhöhten Risiko für neurodivergente Störungen wie ASS hin. Allerdings sind weitere Forschungen erforderlich, um diese Zusammenhänge genauer zu verstehen.

Rasanter Anstieg der Autismus-Diagnosen

Die Anzahl an Autismus-Diagnosen ist in den vergangenen Jahren weltweit rasant gestiegen. Dies zeigt unter anderem eine Studie, die im Fachblatt Pediatrics veröffentlicht wurde, und nach welcher im Zeitraum von 2000 bis 2016 in der Metropolregion New York die Fälle von ASS um ganze 500% gestiegen sind. Weltweit geht man von 0,6 bis 1%, die von ASS betroffen sind, aus. In Deutschland kam eine Erhebung der hkk Krankenkasse auf eine Quote von 0,8%. Vor dem Jahr 2000 lagen diese Werte, laut Sven Bölte, Leiter des Zentrums für Neuroentwicklungsstörungen und der Abteilung für Neuropsychiatrie am Karolinska-Institut in Stockholm, noch im Promillebereich. Weshalb es zu solch drastischen Anstiegen kam, ist vermutlich darauf zurückzuführen, dass sich erst Ende des 20. und Anfang des 21. Jahrhunderts das Wissen über ASS verbreitet und vertieft hat, womit natürlich auch die Diagnostik zunehmend verbessert wurde. Auch die gesellschaftliche Aufklärung über ASS hat dazu beigetragen, dass immer mehr Menschen die Symptome kennen und erkennen können. Dass es einen Zusammenhang zwischen ASS-Diagnosen und einer verbesserten und verbreiteteren Diagnostik gibt, lassen auch zwei Studien vermuten: So ist es in den USA wahrscheinlicher ASS diagnostiziert zu bekommen, wenn man aus hohen Einkommensschichten kommt. In Schweden dagegen wird das genaue Gegenteil beobachtet. Dies kann damit zusammenhängen, dass in den USA eine gute Gesundheitsversorgung, im Gegensatz zu Schweden, vom Geldbeutel abhängig ist. 

Ein weiterer interessanter Aspekt bei der Betrachtung der ASS-Diagnosen sind geschlechtsspezifische Unterschiede: Nach der hkk Krankenkassen-Analyse sind männliche Personen mehr als doppelt so häufig betroffen wie weibliche. Woran das liegen kann, ist noch nicht ausreichend erforscht. Eine mögliche Erklärung kann sein, dass Mädchen aufgrund sozial zugeschriebener Verhaltensweisen eher dazu neigen, ihre Symptome zu verbergen und zu kompensieren. Viele Frauen und Mädchen mit ASS entwickeln im Laufe der Zeit Strategien, um ihr Verhalten zu maskieren („Masking“), was zu einer späten oder sogar verpassten Diagnose führen kann. Zudem basieren die traditionellen Diagnosekriterien häufig auf den Symptomen, die bei Männern stärker ausgeprägt sind, während Frauen teils andere Symptome aufzeigen können. 

Wir haben nun einen ersten, wenn auch langen, Einblick in das hochkomplexe Thema der Autismus-Spektrum-Störungen gegeben und sind gespannt, welche neuen Erkenntnisse die Forschung in den kommenden Jahren zu ASS liefern wird.

Da der Umgang mit Kindern im dem Autismus-Spektrum-Syndrom im Kita-Alltag oft herausfordernd sein kann, möchten wir an dieser Stelle auf die wertvolle Fachberatung von be kind verweisen, die Ihnen Unterstützung und einen noch tieferen Einblick in das ASS bieten kann. Für Mitglieder des VKMK ist diese Beratung jeden Dienstag kostenlos.

Quellen:

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Atypischer Autismus - Hamburger Autismus Institut. (2019, 23. Januar). Hamburger Autismus Institut. https://autismus-institut.de/therapie-institut/was-ist-autismus/symptomatik/atypischer-autismus/.

Autism and ADHD are linked to disturbed gut flora very early in life. (o. D.). Linköping University. https://liu.se/en/news-item/autism-and-adhd-are-linked-to-disturbed-gut-flora-very-early-in-life?.

Bei Autismus ist die funktionale Gehirnorganisation verändert. (o. D.). https://www.mpg.de/20766067/funktionale-organisation-im-gehirn-bei-autismus-veraendert#:~:text=H%C3%A4ufig%20ist%20bei%20Menschen%20mit,Kommunikation%20und%20des%20Verhaltensrepertoires%20auswirkt..

Betancur, C. (2010). Etiological heterogeneity in autism spectrum disorders: More than 100 genetic and genomic disorders and still counting. Brain Research, 1380, 42–77. https://doi.org/10.1016/j.brainres.2010.11.078.

E, V.-. V. D. E., V. (2023, 10. Mai). Autismusfälle bei Kindern und Jugendlichen gestiegen. VDEK. https://www.vdek.com/magazin/ausgaben/2023-05/hkk-autismusfaelle-kinder-jugendliche.html#:~:text=Jungen%20h%C3%A4ufiger%20als%20M%C3%A4dchen%20betroffen,auch%20hormonelle%20und%20soziale%20Ursachen.

Frühkindlicher Autismus - Hamburger Autismus Institut. (2022, 29. August). Hamburger Autismus Institut. https://autismus-institut.de/therapie-institut/was-ist-autismus/symptomatik/fruehkindlicher-autismus/.

Heidelberg University. (2022, 20. Januar). Autismus: Die genetische Vielfalt besser verstehen. Autismus: Die Genetische Vielfalt Besser Verstehen. https://www.klinikum.uni-heidelberg.de/newsroom/autismus-die-genetische-vielfalt-besser-verstehen/.

hkk-Datenanalyse: Immer mehr Kinder leiden unter Autismus. (2023, 18. Juli). https://www.hkk.de/presse/pressemitteilungen/2023-07-18-hkk-datenanalyse-autismus.

Hochfunktionaler Autismus (Asperger-Syndrom) - Hamburger Autismus Institut. (2019, 23. Januar). Hamburger Autismus Institut. https://autismus-institut.de/therapie-institut/was-ist-autismus/symptomatik/hochfunktionaler-autismusasperger-syndrom/.

Kaplan, Y. C., Keskin‐Arslan, E., Acar, S. & Sozmen, K. (2017). Maternal SSRI discontinuation, use, psychiatric disorder and the risk of autism in children: a meta‐analysis of cohort studies. British Journal Of Clinical Pharmacology, 83(12), 2798–2806. https://doi.org/10.1111/bcp.13382.

Sato, A., Kotajima-Murakami, H., Tanaka, M., Katoh, Y. & Ikeda, K. (2022). Influence of Prenatal Drug Exposure, Maternal Inflammation, and Parental Aging on the Development of Autism Spectrum Disorder. Frontiers in Psychiatry, 13. https://doi.org/10.3389/fpsyt.2022.821455.

Shenouda, J., Barrett, E., Davidow, A. L., Sidwell, K., Lescott, C., Halperin, W., Silenzio, V. M. B. & Zahorodny, W. (2023). Prevalence and Disparities in the Detection of Autism Without Intellectual Disability. PEDIATRICS, 151(2). https://doi.org/10.1542/peds.2022-056594

Swr, E. W. (2025, 28. Februar). Immer mehr Autismus-Diagnosen: Woran liegt das? tagesschau.de. https://www.tagesschau.de/wissen/gesundheit/autismus-neurologie-trend-101.html.

Was ist Autismus – Autismus Therapie Zentrum Niederrhein. (o. D.). https://autismus-online.de/was-ist-autismus/.

Was ist Autismus? (o. D.-b). Bundesverband Autismus Deutschland e.V. https://www.autismus.de/was-ist-autismus.html.

Was ist Autismus? (o. D.). https://www.uniklinikum-dresden.de/de/das-klinikum/kliniken-polikliniken-institute/kjp/behandlung/behandlungsschwerpunkte/autismus/was-ist-autismus.

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Von Herausforderungen und Glücksmomenten - Geschichten aus dem Kita-Alltag

Unsere Kitas sind voller wunderschöner, inspirierender Geschichten – Geschichten von engagierten Fachkräften, die sich tagtäglich mit Herzblut und Leidenschaft für unsere Kinder einsetzen, und Geschichten von Kindern, die mit staunenden und leuchtenden Augen jeden Tag etwas Neues lernen und erleben. Doch bleiben uns diese Geschichten leider zumeist verwehrt. Denn statt dieser positiven Erlebnisse sind es oft die Horrorgeschichten, die in den Medien verbreitet werden – Geschichten von Überlastung, Kindeswohlgefährdung und Aufbewahrung statt Bildung.

Unsere Kitas sind voller wunderschöner, inspirierender Geschichten – Geschichten von engagierten Fachkräften, die sich tagtäglich mit Herzblut und Leidenschaft für unsere Kinder einsetzen, und Geschichten von Kindern, die mit staunenden und leuchtenden Augen jeden Tag etwas Neues lernen und erleben. Doch bleiben uns diese Geschichten leider zumeist verwehrt. Denn statt dieser positiven Erlebnisse sind es oft die Horrorgeschichten, die in den Medien verbreitet werden – Geschichten von Überlastung, Kindeswohlgefährdung und Aufbewahrung statt Bildung. Szenarien, die jedoch nicht der allgemeinen Realität in den Kitas und der Arbeit unserer Fachkräfte entsprechen. Aus diesem Grund möchten wir heute den schönen kleinen und großen Erlebnisse, die sich jeden Tag in unseren Kitas ereignen, Raum geben und sie in den Vordergrund stellen. Wir haben hierfür einige Pädagog:innen aus unserem Verband gebeten, ihre Erfahrungen und Erlebnisse mit uns zu teilen. Ihre Geschichten zeigen, wie wertvoll und bereichernd die Arbeit in einer Kita wirklich ist.

Eine starke Erziehungspartnerschaft

Die Erziehungspartnerschaft mit den Eltern spielt eine zentrale Rolle in der pädagogischen Arbeit. Nicht immer kann es einfach sein, eine starke Partnerschaft mit den Eltern aufzubauen, da sie viel Vertrauen erfordert. Umso schöner ist es, zu hören, wie stark die Zusammenarbeit, das Vertrauen und die Wertschätzung zwischen Eltern und Fachkräften in den Kitas unserer Mitglieder ist. Sie berichten von gemeinsamen Gartentagen, bei denen Eltern und Fachkräfte zusammen anpacken, Eltern, die bei den Fachkräften um Rat für besondere Situationen im Familienalltag fragen, Eltern, die zu den Geburtstagen von Teammitgliedern liebevoll Kuchen backen und Eltern, die auch mal den Fachkräften ein offenes Ohr schenken, wenn sie merken, dass sie etwas belastet. 

Doch die Erziehungspartnerschaft verlangt oft nicht nur viel Vertrauen, sondern auch Verständnis in schwierigen Zeiten, wie der Pandemie: “Jegliche Unterstützung während und nach Corona – das Verständnis und die Geduld der Eltern bei Reduzierungen, Kürzungen der Öffnungszeiten und ähnlichem – waren entscheidend. Statt Vorwürfen, Schuldzuweisungen und Demütigungen hatten wir offene, konstruktive Gespräche und gemeinsame Lösungsfindungen.”, erinnert sich eine Fachkraft. 

Wie wichtig eine starke Erziehungspartnerschaft auch für die Entwicklung der Kinder ist, zeigt uns auch eine ganz besondere Geschichte aus einer Kita. Eine Pädagogin erzählt von zwei Kindern, die von Schwerstmehrfachbehinderung betroffen waren. „Zu Beginn hörten wir von den Eltern oft Sätze wie ‚Mein Kind kann nichts‘ oder ‚Ich habe Angst, wie es in der Schule werden soll und was passiert, wenn ich nicht mehr da bin‘. Spätestens als am Ende der Kita-Zeit für diese zwei Kinder feststand, dass sie in Regelschulen eingeschult werden - wenn auch mit Assistenz - , konnte man zweimal mehr davon sprechen, dass die Partnerschaft zwischen Kita und Eltern und Therapeut:innen gelungen ist.“

Gemeinsam stark im Team

Doch natürlich ist nicht nur die Zusammenarbeit mit den Eltern von großer Bedeutung, sondern ebenso das Miteinander im Team. Kollegialität und Zusammenhalt im Team sind wichtige Bestandteile, um gemeinsam Herausforderungen und schwierige Zeiten gut meistern zu können. Wie dies in der Praxis aussehen kann, berichtet eine Fachkraft aus ihrem Alltag: “Offenheit, Ehrlichkeit, Respekt und Fürsorge gegenüber jedem Einzelnen – sei es durch das Abnehmen von Kindern mit Auffälligkeiten, um mal durchzuatmen, das Verzichten auf Vorbereitungszeiten oder Freiräume, um andere nicht allein stehen zu lassen - es könnte einem selbst ja auch einmal so ergehen - , oder kleine Aufmerksamkeiten der Kitaleitung zur Motivation und Anerkennung.“ Insgesamt wird häufig große Wertschätzung für die Unterstützung durch den Träger oder das Leitungsteam geäußert: “Wir haben ein gut funktionierendes Leitungsteam, welches das gesamte Team in regelmäßigen Teamsitzungen unterstützt und an allen Herausforderungen gemeinsam arbeitet.” In einer weiteren Kita sorgt der Träger dafür, dass sich das Team auf das Wesentliche konzentrieren kann: „Unser Träger kümmert sich um sehr viele Pflichten jenseits der Pädagogik und der "Arbeit am Kind", damit unser Team die "wirkliche" Arbeit leisten kann.” Und auch wenn einmal nicht alles rund läuft, gibt es Wege damit konstruktiv umzugehen: ”Reden und sehen. Wir versuchen eine positive Fehlerkultur zu leben.”

Dies zeigt, dass trotz der Herausforderungen im Kita-Alltag ein starkes Miteinander, Vertrauen, Respekt und gegenseitige Unterstützung der Schlüssel sind, um Lösungen zu finden und gemeinsam bestmöglich für die Kinder da zu sein.

Leuchtende Kinderaugen: Besondere Erlebnisse in der Kita

Der Kita-Alltag besteht aus lauter kleinen und großen besonderen Momenten, die Kinderaugen zum Leuchten bringen und es gibt immer wundervolle Erlebnisse, die die Kinder zum strahlen bringen: von spannenden Waldtagen und kreativen Musikprojekten über besondere Ausflüge bis hin zu jeglichen Aktivitäten, bei denen sie sich bewegen, fühlen und experimentieren können. Erst kürzlich, zur Faschingszeit, fand ein solches besonderes Ereignis statt: “Die Kinder präsentierten sich stolz in ihren Kostümen, wie auf einem roten Teppich.”, erzählt eine Fachkraft. Ein weiteres Highlight, das in einer Kita regelmäßig stattfindet, ist das „Kinderhotel“: Einmal im Monat übernachten die Kinder unter einem bestimmten Motto von Freitag auf Samstag in der Kita.

Doch nicht nur diese großen Ereignisse bereiten Kindern eine besondere Freude, auch die kleinen Momente können Großes bewegen. Es sind die Augenblicke, in denen sich die Kinder gehört, gesehen und anerkannt fühlen – sei es im Morgenkreis oder bei allem was situationsbedingt direkt aufgegriffen und umgesetzt wird. „Die leuchtenden Augen der Kinder beobachten wir nicht nur bei besonderen Ideen oder Aktivitäten“, sagt eine Fachkraft. “Das Bemerkenswerte ist vielmehr, dass wir bereits in vielen - scheinbar nicht besonderen - Kita-Alltagssituationen mit glücklichen Kinderaugen erfreut werden. Auch und gerade dies zeigt, dass die wertvolle Tätigkeit von Pädagog:innen nicht zuletzt aus den Alltagssituationen einen Zauber entfalten kann.” 

Berührende Geschichten aus dem Kita-Alltag

Wie wertvoll die Arbeit unserer Fachkräfte und Kitas ist, zeigt sich in den vielen berührenden und beeindruckenden Geschichten aus dem Alltag. Geschichten, die zeigen, dass die pädagogische Arbeit weit über die Bildung und Betreuung hinausgeht und essentiell für die Entwicklung, die Startchancen und das Wohlbefinden der Kinder ist. Ein besonderes Beispiel hierfür kommt von einer Fachkraft, die von ihrer Arbeit mit einem Kind mit Trisomie 21 berichtete: “Wir betreuen ein Kind mit Trisomie 21 und am Anfang war eine Kommunikation mit dem Kind so gut wie unmöglich. Es war zwei Jahre alt, rumänischer Herkunft, verstand kein Wort deutsch, weinte viel, biss und schubste andere Kinder. Jetzt ist das Kind 4 Jahre und mit Unterstützung einer Heilpädagogin konnten Strukturen, Kommunikationshilfsmittel und vieles mehr erarbeitet werden, die ein entspanntes Umgehen mit diesem Kind in der Gemeinschaft möglich machen. Spielen mit anderen Kindern war bis vor Kurzem nicht möglich. Jetzt spielt sie, beziehungsweise auch andere Kinder mit ihr zusammen. Sie umarmt andere Kinder und Erzieher:innen. Sie zeigt auf Bilder, wenn sie etwas möchte und auch wenn sie nur lautiert, nimmt sie auf eine angenehme Art mit allen Kontakt auf. Es ist so schön zu sehen, wie dieses Kind sich entwickelt hat und wir es auch in einer schwierigen und personell engen Situation geschafft haben, so etwas Wundervolles zu erreichen.” 

Eine weitere Fachkraft berichtet von den Momenten, in denen deutlich wird, wie wichtige die Arbeit nicht nur für die Kinder, sondern für die ganze Familie ist: “Die wiederholte rührende Dankbarkeit der Eltern, insbesondere der Eltern von Kindern, die von Behinderung betroffenen - auch mehrfach schwerstbehinderten - betroffen sind, wenn diese Kinder unabhängig von Herkunft, Religion oder sozialem Status, nicht nur in unserer Kita aufgenommen werden, sondern über die Zeit hinweg kontinuierlich - teils sehr erstaunliche - Fortschritte machen. Nicht selten haben diese Eltern kafkaeske 'Kämpfe' auch und gerade mit Behörden hinter sich und freuen sich, wenn sie bei den entsprechenden Behörden- und Verwaltungsverfahren von unserer Kita, beziehungsweise von unserem Träger Unterstützung erhalten. Nicht selten haben Eltern - auch und gerade aus diesem Kreis - bei landeseigenen Betrieben erfahren müssen, dass ihre Kinder dort nicht aufgenommen oder nicht weiter betreut werden können, etwa wegen Überlastung oder Überforderung. In die Gesichter dieser Kinder - egal aus welchen anderen Kulturen sowie Regionen dieser Erde sie stammen - und deren Eltern zu schauen, ist eine besondere Freude.” Die Auswirkungen der inklusiven Arbeit reichen jedoch weit über das individuelle hinaus: “In unserer mehrsprachigen und inklusiven Kita haben wir solche Bilder häufiger, dass Kinder sich um einander kümmern; besonders rührend ist, wenn Kinder mit Diagnosen aus dem autistischen Spektrum zusammen mit Kindern ohne besondere Herausforderungen sich um unsere schwerstmehrfachbehinderten Kinder kümmern und mit ihnen gemeinsam feiern.” Solch inklusive Arbeit in den Kitas ist nicht nur der Grundstein für die individuelle Entwicklung und den späteren Lebensweg der Kinder von großer Bedeutung, sondern für unsere gesamte, zukünftige Gesellschaft. Sie trägt wesentlich dazu bei, dass Respekt, Toleranz und Zusammenhalt bereits in jungen Jahren selbstverständlich werden - etwas, wovon so mancher Erwachsene sich eine Scheibe abschneiden kann.

Von kleinen Gesten und großer Wirkung – Warum die Kita-Arbeit so bereichernd ist

In dieser Arbeit fließt nicht nur viel Energie und Hingabe von den Pädagog:innen zu den Kindern, sondern auch von den Kindern zurück. Sie zeigen ihre Dankbarkeit und Wertschätzung auf ihre ganz eigene, berührende Weise. Eine Pädagogin erinnert sich an einen besonderen Tag, an dem viele Kinder krank waren: „Zur Mittagsruhe blieben nur noch drei Kinder übrig – eine äußerst seltene Situation. Zwei Kinder waren der Meinung, dass es nun endlich genug Platz gibt, damit auch Ihre Erzieherin sich zur Mittagszeit hinlegen kann und holten sogleich zwei Matratzen für sie.” Ein weiteres rührendes Erlebnis aus dem Kita-Alltag berichtet eine weitere Fachkraft: „Als ich nach einer längeren Auszeit wegen eines Trauerfalls wieder in die Kita kam, war die Freude der Kinder so groß, dass sie mich fast umgerannt haben.”

Jeder Tag in der Kita hält neue Überraschungen bereit. Es gibt Herausforderungen, Momente der Erschöpfung, aber auch Augenblicke voller Wärme und Glück: “Es ist sehr anstrengend und herausfordernd. Manchmal weiß man nicht, wie man die Dinge schaffen soll. Wenn einer krank wird, kann es schonmal sehr sehr herausfordernd sein. Aber wir sind ein gutes Team, das sich möglichst gegenseitig zu unterstützen versucht. Wir haben wundervolle Kinder und wir haben sehr entspannte Eltern. Wenn dich ein Kind in den Arm nimmt und sagt ‘nur noch mal kurz drücken’, damit es gut in den Tag starten kann und du merkst, dass das ein Moment ist, der dich glücklich macht, dann bist du hier richtig. Egal wie schlecht es dir geht, wenn ein Kind dich anstrahlt oder Quatsch mit dir macht, wird es dir besser gehen. Die Arbeit mit Kindern ist der beste Trost und der beste emotionale Aufbau, den ich selbst je erlebt habe.” 

Diese Geschichten zeigen, wie besonders, wundervoll und facettenreich die pädagogische Arbeit ist. Es sind Geschichten von Erfolg, Zusammenarbeit, Dankbarkeit und Freude – Geschichten, die jeden Tag in der Kita passieren. Und es sind die Geschichten, die erzählt werden sollten. Natürlich gibt es zahlreiche Herausforderungen im Kita-Alltag - nicht zuletzt aufgrund struktureller Defizite, die einer unzureichenden Bildungspolitik in der frühkindlichen Bildung zugrunde liegen und dringend einer Verbesserung bedürfen. Doch trotz schwieriger Rahmenbedingungen, personeller Engpässe und anderer Hürden setzen sich unsere Fachkräfte und Kitas mit unermüdlichem Einsatz dafür ein, den Kindern ein sicheres und förderliches Umfeld für ihre Entwicklung zu schaffen. Und wer darüber nachdenkt, in der Kita zu arbeiten, dem sei ein Satz einer Fachkraft besonders ans Herz gelegt: „Einfach machen!“.

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Essen für die Psyche: Wie Ernährung das Wohlbefinden von Kindern beeinflusst

Vor wenigen Wochen veröffentlichte das Niedersächsische Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung die Ergebnisse einer Umfrage, nach welcher in Niedersachsen jedes vierte Kind in der Kita auffälliges Verhalten aufzeigt. Eine Entwicklung, die nicht nur auf Niedersachsen begrenzt ist, sondern von welcher pädagogische Fachkräfte bundesweit berichten. Auch verschiedene Studien belegen, dass psychische sowie sozio-emotionale Auffälligkeiten bei Kindern seit einigen Jahren zunehmen.

Vor wenigen Wochen veröffentlichte das Niedersächsische Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung die Ergebnisse einer Umfrage, nach welcher in Niedersachsen jedes vierte Kind in der Kita auffälliges Verhalten aufzeigt. Eine Entwicklung, die nicht nur auf Niedersachsen begrenzt ist, sondern von welcher pädagogische Fachkräfte bundesweit berichten. Auch verschiedene Studien belegen, dass psychische sowie sozio-emotionale Auffälligkeiten bei Kindern seit einigen Jahren zunehmen. Die Ursachen hierfür sind multifaktoriell. Oft wird es in Verbindung mit dem Lockdown während Corona gebracht. Der zunehmend hohe Medienkonsum unter Kindern sowie schwierige Familiendynamiken werden ebenfalls häufig als mögliche Ursache genannt. Doch warum thematisieren wir das alles am Tag der gesunden Ernährung? 

Der Einfluss von Ernährung auf die psychische Gesundheit bei Kindern

Dass gesunde Ernährung einen direkten Einfluss auf die physische Verfassung hat, ist kein Geheimnis und allgemein bekannt. Nun zeigen auch immer mehr wissenschaftliche Studien, wie stark unsere psychische Gesundheit und unser allgemeines Wohlbefinden ebenfalls davon abhängen, was wir täglich zu uns nehmen. Dem wollen wir heute etwas genauer auf den Grund gehen und herausfinden, weshalb es umso wichtiger ist, bereits in der frühkindlichen Bildung gesunde Essgewohnheiten zu fördern und Kindern in der Kita Zugang zu gesunden und ausgewogenen Mahlzeiten zu ermöglichen. 

Um diese Frage zu beantworten, haben wir uns verschiedene Studien etwas genauer angeschaut. Darunter auch eine Studie der University of East Anglia. In altersgerechten Tests sollten Kinder angeben, wie fröhlich und entspannt sie sich fühlen und wie es um ihre zwischenmenschlichen Beziehungen steht. Dies wurde dann in Verbindung mit ihren Essgewohnheiten gesetzt. Das Ergebnis: Kinder, die sich gesund ernähren und viel Obst und Gemüse zu sich aufnehmen, fühlen sich psychisch deutlich wohler. Besonders ein vollwertiges Frühstück und Mittagessen zeigen sehr positive Auswirkungen auf ihr Wohlbefinden, während umgekehrt ungesunde Alternativen und ausgelassene Mahlzeiten dem Wohlbefinden schaden.

Diese Studie ist natürlich relativ allgemein gehalten, weshalb wir uns gefragt haben, wie es denn aussieht, wenn wir uns auf ganz spezifische Verhaltensauffälligkeiten konzentrieren? Zum Beispiel auf ADHS.

Die Rolle der Darmflora bei ADHS

Darauf geben uns zahlreiche Studien eine Antwort, unter anderem eine Untersuchung der Wageningen Universität in den Niederlanden. In dieser Studie fand man heraus, dass bei 60 % der teilnehmenden Kinder durch eine Ernährungsumstellung auf gesunde, unbedenkliche Lebensmittel wie Reis, Putenfleisch und verschiedenes Gemüse die ADHS-Symptome innerhalb von nur fünf Wochen um mindestens 40 % zurückgingen. Die Verhaltensänderungen wurden dabei nicht nur subjektiv beobachtet, sondern spiegelten sich auch in Gehirnscans wider. 

Aber wie kann es sein, dass allein die Ernährung zu einem solchen Ergebnis geführt hat? Das liegt sehr wahrscheinlich an der Kommunikation zwischen unserem Darm und unserem Gehirn, wie verschiedene Forscher:innen herausgefunden haben. Darm und Hirn kommunizieren nämlich über Nervenbahnen miteinander, der sogenannten Darm-Hirn-Achse, und beeinflussen sich dadurch wechselseitig. 

Eine Studie, die im Fachblatt Journal of Child Psychology and Psychiatry veröffentlicht wurde, hat auf dieser Basis einen Zusammenhang zwischen der Darmflora und ADHS bei Kindern hergestellt. In der Studie wurden die Stuhlproben von 35 Kindern mit ADHS und 35 Kindern ohne ADHS untersucht, wobei deutliche Unterschiede in der Vielfalt der Darmbakterien festgestellt wurden. Kinder mit ADHS wiesen insgesamt eine geringere Diversität der Darmflora auf, insbesondere fehlten gesundheitsfördernde Bakterien häufiger. Auffällig war vor allem die reduzierte Präsenz eines spezifischen Bakterienstamms mit entzündungshemmenden Eigenschaften. Ein Mangel an diesem Bakterium könnte die Darmbarriere schwächen und möglicherweise zu einer erhöhten Durchlässigkeit des Darms führen, was wiederum das zentrale Nervensystem beeinflussen könnte. Ähnliches fand auch eine Studie der Universität Florida und der Linköping Universität in Schweden heraus, in welcher die Forscher:innen einen Zusammenhang zwischen Störungen der Darmflora in jungen Jahren und einer späteren Diagnose von neuroentwicklungsbedingter Störung wie ADHS oder Autismus herausstellen konnten. 

Mit Obst und Gemüse gegen depressive Symptome

Damit wird deutlich, dass die Ernährung insbesondere in jungen Jahren Einfluss auf die Entwicklung und die psychische Gesundheit hat. Nicht nur bezogen auf ADHS, sondern offensichtlich auch auf Autismus. Doch auch bezogen auf das Risiko, depressive Symptome zu entwickeln, weisen viele Wissenschaftler:innen auf den Zusammenhang zwischen der Darmgesundheit und einer reduzierten Zahl entzündungshemmender Bakterien hin. So auch in einer kürzlich veröffentlichten Studie, in der über einen Zeitraum von 11 Jahren 3.483 Zwillinge begleitet wurden, um genetische oder ökologische Verzerrungen ausschließen zu können. Die Ergebnisse zeigen, dass eine geringe Aufnahme von Obst und Gemüse ein erhöhtes Risiko für depressive Symptome mit sich bringt, während ein hoher Verzehr diese reduziert. 

Gesunde Ernährung ist wichtig, sowohl für die physische als auch die psychische Entwicklung der Kinder. Sie trägt dazu bei, das Risiko für Auffälligkeiten wie ADHS, Autismus und Depressionen zu reduzieren sowie Symptome zu verringern. Kitas spielen hierbei eine wesentliche Rolle: Sie fördern bereits in jungen Jahren gesunde Ernährungsgewohnheiten und bieten allen Kindern - unabhängig vom sozialen Status - Zugang zu ausgewogenen Mahlzeiten, ganz im Sinne der Chancengleichheit. Damit leisten sie einen bedeutenden Beitrag zur Prävention von psychischen und physischen Gesundheitsproblemen, die langfristig sowohl die Kinder als auch ihre Familien und das Gesundheitssystem entlasten können. Das bedeutet aber auch, dass Kitas von der Politik in die Lage versetzt werden müssen, dies im vollen Umfange gewährleisten zu können. Nur mit einer ausreichenden finanziellen Förderung kann sichergestellt werden, dass alle Kinder von gesunder Ernährung profitieren. Aktuell ist die Pauschale in Berlin, mit welcher die Kitas das Essen finanzieren, leider viel zu knapp bemessen. Pro Tag und Kind stehen lediglich 3,82 Euro zur Verfügung – ein Betrag, der für eine gesunde und ausgewogene Mahlzeit viel zu niedrig ist. Die Mitglieder des VKMK sorgen dennoch täglich für gesundes Essen in den Kitas, doch das bedeutet wiederum, dass finanzielle Mittel dann an anderer Stelle fehlen. Deshalb ist es wichtig, dass dieser Aspekt in der aktuellen Verhandlung zur Finanzierung und Leistungssicherstellung der Tageseinrichtungen in angemessenem Maße berücksichtigt und angepasst wird. 

Quellen:

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