Georgien: Eine Bildungsreise in das Land zwischen den Welten
Georgien - ein Land zwischen Europa und Asien, zwischen Berglandschaften und Meeresbuchten, zwischen sowjetischer Vergangenheit, politischen Umbrüchen und jungen Protestbewegungen. Ein Land zwischen den Welten, über das Grit Nierich, erste Vorsitzende des VKMK und Geschäftsführerin des VKMK-Mitglieds Kleiner Fratz, mehr erfahren wollte. Wie genau sieht das Land aus? Wie leben die Menschen in Georgien? Wie schmeckt die georgische Küche? Und wie wird Bildung in der ehemaligen sowjetischen Teilrepublik gestaltet? Antworten auf diese Fragen suchte Grit im Rahmen einer Erasmus-Reise in der Stadt der warmen Quellen - der georgischen Hauptstadt Tbilissi.
Die Reise nach Georgien begann am 19. April. Bereits vorab baute sich große Vorfreude auf diese Erfahrung bei Grit auf: “Ich bin sehr gespannt, welche Gemeinsamkeiten oder auch Unterschiede ich zum deutschen Bildungssystem entdecken kann. Auf jeden Fall werde ich wieder mit einer großen Offenheit in die Reise starten, um neue Impulse für meine eigene Arbeit sammeln und voll und ganz in das Land eintauchen zu können.” Doch neben dem pädagogischen Austausch durfte die Neugier auf die georgische Kultur selbstverständlich ebenfalls nicht fehlen. Mit einem Schmunzeln ergänzte sie: “Natürlich freue ich mich auch auf gutes Essen und die tolle Landschaft.”
In den kommenden Tagen besuchte Grit eine Privatschule mit MINT-Schwerpunkt, nahm am Unterricht teil und lernte “Droni”, eine Jugendfreizeitorganisation in Tbilissi, kennen. Außerdem besuchte sie eine Kita sowie verschiedene Jugendorganisationen in Gori, der Hauptstadt der Region Innerkartlien, die als Geburtsort des Diktators Josef Stalin traurige Berühmtheit erlangte. In den nächsten Zeilen nimmt uns Grit mit in ihre Erfahrungen und Einblicke in ihre Reise durch Georgien.
Von der Kita bis zur Hochschule: Unterschiede und Gemeinsamkeiten
“Die Kita ist, wie auch bei uns, nicht obligatorisch. Das gleiche gilt für die Vorschule, aber jedes Kind hat ab dem zweiten Lebensjahr Anspruch auf kostenlose Betreuung”, führt uns Grit in ihre Beobachtungen zum georgischen Bildungssystem ein. “Die Schulpflicht beginnt dann mit sechs Jahren und dauert in der Regel neun Jahre. Anders als bei uns gibt es keine Aufteilung in unterschiedliche Schulformen, nur die Aufteilung in öffentliche und private Schulen. Daher besteht der Schulweg einheitlich aus sechs Jahren Grundschule, gefolgt von einer dreijährigen Basisschule und der optionalen, dreijährigen Mittelschulausbildung.”
Im Anschluss an die Schule besteht die Möglichkeit, entweder eine Berufs- oder eine Hochschulausbildung zu beginnen. Gerade im Hochschulbereich entdeckte Grit neben einigen Gemeinsamkeiten auch deutliche Unterschiede zum deutschen System: “Das Hochschulsystem ist sehr vielfältig, bestehend aus 19 staatlichen und 39 privaten Hochschulen sowie sieben orthodox geprägten Einrichtungen.” Zum Vergleich: In Deutschland ist etwa nur ein Drittel der Hochschulen in privater Hand. Eine wichtige Gemeinsamkeit zwischen den beiden Ländern liegt währenddessen in der Struktur der Studiengänge: “Die Hochschulausbildung folgt dem Bologna-System mit Bachelor- und Master-Abschluss.” Für die Bildungseinrichtungen - von der Schule bis zur Hochschule - ist das Nationale Zentrum für Entwicklung der Bildungsqualität zuständig, welches ebenfalls Qualitätsstandards sowie entsprechende Richtlinien entwickelt.
Zwischen Betreuung und Bildung: Einblicke in einen georgischen Kita-Alltag
Nachdem uns Grit die Möglichkeiten des georgischen Bildungsweges erläutert hat, berichtet sie genauer von ihren Einblicken in die frühkindliche Bildung in Georgien: “Die Kita-Gruppen sind sehr groß und altershomogen, bestehend aus 35 bis 40 Kindern pro Gruppe. Durchschnittlich sind für eine Gruppe zwei ausgebildete Erzieher:innen zuständig und ein bis zwei Helfer:innen oder Assistent:innen. Männliche Fachkräfte gibt es in der georgischen Kita-Welt kaum.” Bei ihrem Besuch erfuhr Grit zudem, dass Erzieher:innen in Georgien nur wenig gesellschaftliche Anerkennung erhalten, was sich auch in der Bezahlung widerspiegelt. Besonders überrascht zeigte sie sich über die Zugangsvoraussetzungen für Helfer:innen und Assistent:innen: “Um in dieser Funktion in einer Kita arbeiten zu können, braucht es eine abgeschlossene Ausbildung, unabhängig davon ob diese eine pädagogische Ausrichtung enthält oder nicht. So können etwa auch Friseur:innen und Mechaniker:innen in der Kita arbeiten.”
Integration und Inklusion sind natürlich auch wichtige Themen in der frühkindlichen Bildung in Georgien. Doch in der praktischen Umsetzung bestehen bislang noch Herausforderungen: “Kinder mit besonderem Integrations- oder Förderbedarf sind regulär in den Gruppen integriert. Gegebenenfalls wird dann um eine weitere Fachkraft oder eine Zusatzkraft für Kinder mit Integrationsstatus erweitert. Zusatzkräfte sind beispielsweise Logopäd:innen oder Psycholog:innen. Allerdings fördern Zusatzkräfte nicht individuell, sondern betreuen nur. Das heißt, individuelle Förderung findet insgesamt kaum statt.”
Während in Deutschland Kitas zunehmend auch in der öffentlichen und politischen Wahrnehmung als Bildungsinstitutionen verstanden werden, steht in Georgien vor allem der Betreuungsaspekt im Vordergrund, wie Grit uns erzählt: “Kitas sind Betreuungsorte. Der Bildungsgedanke ist nicht so sehr in den Institutionen verankert. Dennoch gibt es einen Rahmenlehrplan, der von der Stadt vorgegeben wird und der wöchentlich wechselt, stets ausgerichtet an den Interessen der Kinder.”
Besonders positiv fiel Grit im Kita-Alltag auf, welchen hohen Stellenwert die Interessen der Kinder einnehmen: “In der Kita, die wir besucht haben, wurde nach dem Situationsansatz gearbeitet. Dadurch können Kinder spielerisch und interessengerecht lernen. Zudem gab es dort auch zweiwöchige Projekte zu bestimmten Themen”, berichtet Grit über ihre Eindrücke vor Ort. Ein Tag in der Kita kann dabei durchaus lang sein: Die Einrichtung, die Grit besucht hat, war an den Wochentagen von 09:00 bis 18:00 Uhr geöffnet. “Damit die Kinder genug Kraft für den Tag haben, erhalten sie täglich vier Mahlzeiten oder Snacks”, beschreibt Grit weiter den Kita-Alltag. Auch am Ende der Kita-Zeit zeigten sich für Grit Parallelen zum deutschen System: “Es gibt dann eine Schuleingangsuntersuchung mit der Möglichkeit - wenn die Eltern dies wollen - ihr Kind zurückstellen zu lassen, also genau wie in Berlin.”
Besonders bemerkenswert fand Grit die finanzielle Unterstützung der Einrichtungen durch die Stadt: “Kosten für Ausstattung und Reparaturen werden für die Kitas von der Stadt übernommen. Das soll anscheinend sehr unproblematisch und finanziell komplett ausreichend sein.” Eher überrascht haben sie hingegen kleine Kameras in den Einrichtungen: “In allen Fluren und Gruppenräumen gibt es eine Videoüberwachung. Das ist etwas, das ich auf jeden Fall prüfen möchte: Inwiefern ist Videoüberwachung mit dem Schutzkonzept und dem Datenschutz vereinbar?”
Doch nicht nur die Kameras werden Grit zurück in Deutschland beschäftigen, sondern auch die Größe der Kita-Gruppen: “Es ist erstaunlich, wie wenige Fachkräfte mit sehr vielen Kindern dennoch gut arbeiten können. Auch wenn es natürlich eine Herausforderung ist, funktioniert es dennoch sehr gut”, fasst sie ihr Erstaunen darüber zusammen. Für ihre eigene Arbeit nimmt sie daraus einen wichtigen Impuls mit: “Ich möchte im Träger künftig den Fokus noch stärker auf die persönliche Stärkung der pädagogischen Fachkräfte legen, damit sie auch in Stresssituationen - wie etwa bei kurzfristigem Personalausfall - gelassener bleiben können.”
Von gutem Essen und abenteuerlichen Fahrten: Georgien abseits der Bildungseinrichtungen
Wie bereits kurz erwähnt, war Grit neben den pädagogischen Einblicken auch am Land insgesamt interessiert. Wie also sahen ihre Erfahrungen und Eindrücke abseits der Bildungseinrichtungen aus?
“Mit am meisten beeindruckt hat mich während meiner Reise zum einen die unglaubliche Freundlichkeit und Offenheit der Menschen vor Ort - es war ganz leicht in Kontakt zu treten und ins Gespräch zu kommen. Zum anderen sind die Städte hier wirklich sehr sauber.” Ihre Erwartungen an die Landschaft und das Essen wurden sogar übertroffen und lassen Grit zurück in Deutschland noch ins Schwärmen geraten: “Also das Essen war so lecker, noch viel leckerer als erhofft. Ich vermisse es jetzt schon. Und in Georgien ist wirklich für jeden etwas dabei. Es gibt mehrere Klimazonen. Also Menschen, die sich gerne am Strand sonnen, kommen hier genauso auf ihre Kosten wie Menschen, die gerne Skifahren gehen.” Doch um in Georgien möglichst viel vom Land zu entdecken, braucht es ein stabiles Nervensystem, erklärt uns Grit mit einem Augenzwinkern: “Wer gerne auch abseits der Hauptverkehrsrouten auf sauber ausgebauten Straßen und mit gut geordnetem Verkehr unterwegs ist, wird hier eher nicht auf seine Kosten kommen. Autofahren ist in Georgien nämlich nichts für Feiglinge und sowohl Straßen als auch Fahrweisen können teilweise sehr abenteuerlich sein. Da ist schon immer ein gewisser Nervenkitzel mit dabei.”
Rückblickend steht für Grit vor allem eines fest: Die Zeit in Georgien verging viel zu schnell. Die zahlreichen Eindrücke, Begegnungen und Erfahrungen hätten problemlos noch viele weitere Tage gefüllt. “Georgien ist definitiv eine Reise wert. Leider war die Zeit viel zu kurz, doch es wird bestimmt nicht meine letzte Reise nach Georgien gewesen sein.”
Die Erasmus-Reise wurde organisiert von der Gesellschaft für Europabildung.