Veränderung als Konstante: Wie Transitionen uns durchs Leben begleiten
Übergänge sind ein wiederkehrendes Thema in einer jeden Biographie. Wir erleben sie im Kindesalter, im Jugend- und Erwachsenenalter - unser Lebenslauf ist beispielsweise ein Zeugnis für eine Vielzahl von Übergängen, die wir bereits bewältigt haben. Dabei gibt es große, einschneidende Übergänge, aber auch kleine, die wir selbst vielleicht nicht einmal als Übergang wahrnehmen. In der Fachterminologie spricht man dabei von “Transitionen”. Nachdem wir uns schon in dem ein oder anderen Artikel mit einer zentralen Transition in der frühen Kindheit - der Eingewöhnung in die Kita - beschäftigt haben, möchten wir uns heute einmal dem Thema “Transition” ganz allgemein nähern. Wie wird eine Transition definiert? Welche Arten von Übergängen gibt es? Und welche Bedeutung haben Transitionen für unsere Entwicklung?
Transitionen: Der Prozess hinter dem Moment
Obwohl “Transition” und “Übergang” im Alltag häufig synonym verwendet werden - so wie wir es eben auch getan haben -, lassen sie sich aus entwicklungspsychologischer Perspektive unterscheiden. Während der Übergang eher auf ein konkretes Ereignis bezogen ist, beschreibt Transition den gesamten Prozess, der mit diesem Ereignis verbunden ist. Also auch die Zeit vor, während und nach einem Übergang. Transitionen sind gekennzeichnet durch einen Bruch in einer bisher erlebten Kontinuität und erfordern einen verdichteten Lern- und Entwicklungsprozess des Individuums. Innerhalb einer vergleichsweise kurzen Zeit muss sich die Person an neue Anforderungen anpassen: An eine neue Umgebung, ein verändertes soziales Umfeld sowie an neue Regeln und Strukturen. Dabei geht es nicht nur um äußere Anpassung, sondern auch um die Weiterentwicklung der eigenen Identität, um in der neuen Lebenssituation gut anzukommen. Eine Transition kann daher mit großen Chancen für die persönliche Entwicklung verbunden sein, aber auch mit Risiko, etwa in Form von Überforderung und Stress.
Transitionen im Lebenslauf: Zwischen Erwartbarkeit und Ausnahmen
In der Transitionsforschung wird häufig zwischen normativen und nicht-normativen Übergängen unterschieden.
Normative Übergänge sind gesellschaftlich erwartbar und treten bei vielen Menschen im Lebenslauf auf. Sie können sowohl auf individueller Ebene stattfinden - wie etwa bei einer Geburt oder Eheschließung -, als auch auf institutioneller Ebene - beispielsweise beim Eintritt in die Kita, der Einschulung, dem Übergang in eine weiterführende Schule oder dem Einstieg ins Erwerbsleben.
Demgegenüber beziehen sich nicht-normative Übergänge auf Ereignisse, die nicht erwartbar sind und demnach aus der “Norm” fallen. Wie auch normative Übergänge, können sie auf individueller Ebene stattfinden - beispielsweise in Form einer schweren Krise, eines Traumas, einer Scheidung oder eines Arbeitsplatzverlustes. Auf institutioneller Ebene beschreiben nicht-normative Übergänge etwa den Wechsel von der Familie in die stationäre Jugendhilfe oder - im Falle von Straffälligkeit - den Übergang in eine Strafvollzugsanstalt.
Unabhängig von ihrer konkreten Art ist allen Formen von Übergängen eine ähnliche Grundstruktur gemeinsam: Sie beginnt mit dem Loslassen der bisherigen Kontinuität, gefolgt von einer Phase der Auseinandersetzung mit dem Neuen sowie der Eingewöhnung, und mündet schließlich in den Aufbau einer neuen Stabilität.
Transitionen auf drei Ebenen: Was bei Übergängen geschieht
Wie bereits angedeutet, sind Transitionen äußerst komplex und erfordern auf mehreren Ebenen die Bewältigung von Diskontinuität sowie die Auseinandersetzung mit Neuem. Besonders prägend ist in diesem Zusammenhang das Modell von Wilfried Griebel und Renate Niesel, das drei zentrale Ebenen unterscheidet.
Auf der individuellen Ebene steht das Erleben des Individuums im Mittelpunkt. Es wird mit einer Vielzahl von Emotionen konfrontiert, etwa mit Freude und Neugierde auf das Neue. Aber auch Ängste und Unsicherheiten vor dem Unbekannten können ausgelöst werden. Zudem sieht es sich neuen Erwartungen und Anforderungen gegenübergestellt, muss neue Kompetenzen erwerben sowie zahlreiche Informationen aufnehmen und verarbeiten. Auf dieser Ebene wird auch die eigene Identität noch einmal neu definiert - beispielsweise von der Identität als Kita-Kind zum Schulkind.
Die interaktionale Ebene dagegen beschreibt die Veränderungen in den zwischenmenschlichen Beziehungen infolge einer Transition. Es werden neue Beziehungen eingegangen, während bestehende sich verändern und neu gestaltet werden müssen. Das Individuum muss seine Rolle in einem neuen sozialen Gefüge finden. So erfordert beispielsweise die Eingewöhnung in die Kita, die Beziehung zu den Eltern neu zu organisieren und neue Beziehungen zu den anderen Kita-Kindern sowie zu den pädagogischen Fachkräften aufzubauen.
Auf der kontextuellen Ebene schließlich steht die Ebene der Lebensumwelt im Fokus. Das Individuum tritt in eine neue Umwelt ein, mit neuen Tagesabläufen, neuen Regeln und Routinen, an die es sich anpassen muss. Gleichzeitig muss diese neue Lebensumwelt mit den bereits bestehenden Lebenswelten in Einklang gebracht werden. Dabei spielt die Stabilität der übrigen Lebenskontexte eine entscheidende Rolle. Finden mehrere Übergänge in unterschiedlichen Lebensumwelten gleichzeitig statt - wie etwa eine Kita-Eingewöhnung parallel zur Trennung der Eltern -, kann dies die Bewältigung erschweren, da mehrere Diskontinuitäten gleichzeitig verarbeitet werden müssen.
Transitionserfahrungen in der frühen Kindheit: Warum sie bis ins Alter bedeutsam sind
Übergänge waren auch ein großes Thema auf der diesjährigen Didacta. In einem Vortrag von Prof. Dr. mult. Wassilios E. Fthenakis wurde dabei die langfristige Bedeutung von frühen Transitionserfahrungen deutlich, insofern, als dass der Umgang mit Transitionen eine Kompetenz darstellt, die sich im Laufe des Lebens entwickelt und in späteren Lebensphasen erneut relevant wird. Als Beispiel verwies er auf den Übergang in den Ruhestand, der für viele Menschen eine tiefgreifende Veränderung darstellt und mit Herausforderungen verbunden sein kann. Frühe Erfahrungen mit Übergängen - wie etwa die Kita-Eingewöhnung - können dabei eine wichtige Grundlage für den späteren Umgang mit solchen Veränderungen bilden. Sie tragen dazu bei, dass Kinder früh lernen, sich auf neue Situationen einzulassen, neue Beziehungen aufzubauen, Unsicherheiten zu bewältigen und ihre Identität weiterzuentwickeln.
Resilienz: Eine Kompetenz, die uns durch Transitionen trägt
Ein wichtiger Faktor für eine gelungene Transition ist Resilienz, sprich die Fähigkeit, herausfordernde Situationen zu bewältigen und im besten Fall sogar gestärkt aus ihnen hervorzugehen. Resilienz ist keine angeborene Eigenschaft, sondern ein dynamischer Entwicklungsprozess, der durch das Zusammenspiel individueller Voraussetzungen und äußeren Einflüssen geprägt ist. Sie kann im Laufe des Lebens entwickelt und gezielt gefördert werden, wobei frühe Erfahrungen eine zentrale Rolle spielen. Um die Bedeutung von Resilienz herauszustellen, möchten wir einen kleinen zeitlichen Sprung zu den Anfängen der Resilienzforschung unternehmen: In den 1950ern hat die Entwicklungspsychologin Emmy Werner die Entwicklung von 700 Kindern der hawaiianischen Insel Kauai über 40 Jahre hinweg begleitet. Ein Großteil dieser Kinder wuchs in prekären Verhältnissen auf, wie Armut, Familienkonflikte, Vernachlässigung, Gewalterfahrungen oder Drogenmissbrauch im Umfeld. Dennoch entwickelte sich rund ein Drittel der Kinder trotz dieser Risikofaktoren positiv. Entscheidend dafür waren bestimmte Schutzfaktoren, die ihre Resilienz stärkten. Zu diesen Schutzfaktoren zählen zum einen personale Ressourcen wie Selbstwirksamkeit, Selbstregulation, Selbstvertrauen, Problemlösungsfähigkeit und Kreativität. Zum anderen wiesen diese Kinder eine verlässliche Beziehung zu mindestens einer unterstützenden Bezugsperson auf - innerhalb oder außerhalb der Familie, etwa zu pädagogischen Fachkräften oder Lehrpersonal. Und zu guter Letzt spielte auch das allgemeine gesellschaftliche Umfeld einen wichtige Rolle dabei. Dies bezieht sich beispielsweise auf unterstützende Bildungsinstitutionen, die den Kindern Stabilität, Anerkennung und Orientierung boten. Die nachfolgende Resilienzforschung konnte diese zentralen Erkenntnisse bestätigen und darauf aufbauend weiter differenzieren.
Transitionen als ko-konstruktiver Prozess: Gestaltung im Zusammenspiel
Spätestens mit dem Blick auf die Resilienz als wichtige Fähigkeit zur Bewältigung von Transitionen wird deutlich, dass Übergänge - insbesondere in der frühen Kindheit - nicht isoliert durchlebt werden, sondern in soziale Zusammenhänge eingebettet sind. Sie werden von verschiedenen Akteur:innen gestaltet und geprägt. Aus diesem Grund spricht man in der Transitionsforschung auch von einem ko-konstruktiven Prozess. Bei einer Kita-Eingewöhnung beispielsweise sind zentrale Akteur:innen das Kind sowie seine Eltern, die ebenfalls eine Transition durchlaufen. Sie werden nun zu Eltern eines Kita-Kindes, müssen ihr Kind schrittweise loslassen und Vertrauen in die Einrichtung sowie in die Fachkräfte entwickeln. Wie die Eltern ihren eigenen Übergang bewältigen - ob sie selbst Ängste und Unsicherheiten zeigen oder gegenüber ihrem Kind Sicherheit vermitteln - kann die Eingewöhnung des Kindes maßgeblich beeinflussen. Pädagogische Fachkräfte nehmen dabei eine begleitende und gestaltende Rolle ein. Sie moderieren den Übergang, unterstützen sowohl Kinder als auch Eltern und schaffen Rahmenbedingungen, die eine gelingende Transition ermöglichen. Auch das soziale Umfeld wirkt an diesem ko-konstruktiven Prozess mit. In der Kita bezieht sich dies etwa auf die anderen Kita-Kinder. Ihr Verhalten kann entscheidend dazu beitragen, wie gut sich ein neues Kind aufgenommen und integriert fühlt. Doch nicht nur Personen sind an diesem Prozess beteiligt, sondern auch der Raum, wie eine Studie von Revilla et al. aufzeigt. Der Raum eröffnet den Kindern vielfältige Möglichkeiten zur Interaktion mit eben diesem Raum. Indem Kinder diese aktiv nutzen, selbst eigene Handlungsräume in diesem Rahmen erschließen und eröffnen, gestalten sie selbst auch ihren Transitionsprozess.
Transitionen sind keine Ereignisse, die nur einen Bruchteil der Menschheit betreffen – sie begleiten uns alle, unabhängig von Wohnort, Herkunft, Kultur, Alter, Geschlecht oder Lebenssituation. Damit stellen sie nicht nur ein verbindendes Element zwischen Menschen dar, sondern auch Prozesse, die durch ihre ko-konstruktive Natur das Potenzial besitzen, demokratisierend zu wirken und Ungleichheiten zu reduzieren – vorausgesetzt, sie werden gut gestaltet. Besonders prägend für den Umgang mit Transitionen sind die Erfahrungen in der frühen Kindheit, insbesondere die normativen Übergänge von der Familie in die Kita sowie von der Kita in die Schule. Hier werden grundlegende Kompetenzen im Umgang mit Veränderung angelegt, die Menschen ein Leben lang begleiten. Umso wichtiger ist es, die Rahmenbedingungen für alle am Prozess Beteiligten so förderlich und unterstützend wie möglich zu gestalten, damit Kinder von positiven Transitionserfahrungen in der frühen Kindheit auch im weiteren Lebensverlauf profitieren können.
Quellen:
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