Wo Erwachsene Unterschiede sehen und Kinder Gemeinsamkeiten finden

Ein Kind mit deutschen, ein Kind mit israelischen und ein Kind mit somalischen Wurzeln spielen gemeinsam im Sandkasten - das könnte der Beginn eines schlechten Witzes, basierend auf vorurteilsbehaftetem Denken, sein. Doch wir schauen heute nicht auf solche Rhetorik oder Denkweisen, sondern werfen lieber einen Blick in die Realität. Denn in der Realität wäre nach diesem Satz nicht mehr viel zu erzählen. Vielleicht wäre noch beschrieben, wie die Kinder gemeinsam eine Sandburg bauen, wie sie im Sand die Größe ihrer Fußabdrücke vergleichen oder wie sie nach einem längst vergessenen Schatz buddeln. Aber damit wäre es auch gewesen. Wieso? Wieso verwehren die Kinder uns an dieser Stelle eine schlechte Pointe? Ganz einfach: Weil wir nicht mit gesellschaftlichen Stereotypen und Vorurteilen geboren werden, sondern diese erst im Laufe unseres Lebens erlernen.

Und damit kommen wir zu einem Thema, welches in unserer Gesellschaft zunehmend lauter zu werden scheint: Das Denken in Stereotypen, das Zuschreiben bestimmter Eigenschaften auf gesamte Bevölkerungsgruppen. Und wir kommen zu einem Thema, bei welchem wir Erwachsene einmal auf Kinder blicken und sie uns zu unserem Vorbild nehmen sollten. 

Kategorisieren: Damit die Welt überschaubar bleibt

Das Denken in Vorurteilen hängt im Prinzip mit einem natürlichen mentalen Vorgang zusammen, den wir Menschen von klein auf nutzen: Dem Kategorisieren. Wir lernen von Kindheit an zu kategorisieren und wenden dies im Laufe des Lebens auf die gesamte Welt an. Wir kategorisieren die Natur, Tiere, das Wetter, Möbel, Essen und vieles mehr. Dieser Vorgang verfolgt dabei ein ganz simples Ziel, nämlich die Welt zu vereinfachen, damit wir nicht in Anbetracht der unendlichen Sinnesflut und Komplexität, welche die Welt für uns bereithält, überfordert werden. 

Beispielhaft sei dies an Spielzeug erklärt. Spielzeug kommt in den unterschiedlichsten Ausführungen und jedes will auf eine andere Art und Weise gespielt werden. Dennoch lernen wir als Kind, dass sowohl der Teddybär als auch die Bauklötze aus Holz und das kleine Auto in die Kategorie “Spielzeug” fallen. Wir lernen, dass Spielzeug dafür gedacht ist, damit zu spielen. Wir lernen, wann es angebracht ist, mit Spielzeug zu spielen und wann nicht - etwa beim Essen. Begegnet dem Kind nun ein neues, unbekanntes Spielzeug, beispielsweise ein Kreisel, kann es auf sein bereits vorhandenes Wissen über Spielzeug zurückgreifen, um trotz der Unterschiedlichkeiten einen Umgang mit dem Kreisel als Spielzeug zu finden. 

Dieser natürliche Mechanismus unseres Gehirns, der uns durch das Leben leitet und vor Überforderung schützt, birgt jedoch gleichzeitig die Gefahr, dass wir die Welt zu stark vereinfachen und ihr damit nicht mehr gerecht werden. Besonders deutlich wird dieser riskante Kipppunkt, wenn Menschen anfangen, andere Menschen nicht nur zu kategorisieren, sondern auch zu stereotypisieren.     

Stereotypisieren: Wenn aus Einordnung Zuschreibung wird

Jeder Mensch ist einmalig - in seinem Aussehen, seinem Charakter, seiner Denkweise, seiner Lebensführung. Und so leben auf unserem Planeten etwa 8,3 Milliarden einzigartige Geschöpfe der Kategorie “Mensch”. Natürlich wird kein Mensch auf dieser Erde all diesen 8,3 Milliarden anderen Menschen je begegnen. Doch schon im gewöhnlichen Alltag begegnen wir über die Jahre hinweg unzähligen Menschen. Von all diesen Begegnungen bleiben einer Studie des Forschers Rob Jenkins und seines Teams zufolge schätzungsweise rund 5.000 Gesichter in unserem Kopf hängen, die wir wiedererkennen und zuordnen können - sei es die Hausärztin, die Busfahrerin, der Schauspieler oder jemand, der im Viertel nebenan wohnt. 

Damit wird der Mensch jeden Tag mit einer riesigen Vielfalt von Eindrücken und Informationen über andere Menschen konfrontiert. Um mit dieser Informationsflut umzugehen, geschieht es auch, dass wir andere Menschen in Kategorien einordnen. Dies beginnt etwa bereits beim Alter: Kinder, Teenies, Erwachsene, Senioren. Wir kategorisieren nach Berufsgruppen: Lehrer:innen, Anwält:innen, Ärzt:innen und so weiter. Begegnen wir einer Person, die beispielsweise Lehrer:in ist, können wir auf unser bereits vorhandenes Wissen über diesen Beruf zurückgreifen. 

Schwierig wird es jedoch, wenn wir beginnen, Menschen bestimmte Eigenschaften allein aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer Kategorie zuzuschreiben. Dies geschieht beispielsweise, wenn wir aus einzelnen Erfahrungen oder einer medialen Darstellung ableiten, Lehrer:innen seien grundsätzlich faul, besserwisserisch oder spießig. Und plötzlich wird aus der hilfreichen Kategorisierung “Lehrer:in” eine pauschale Stereotypisierung “alle Lehrer:innen sind spießig”. 

Eine solche Stereotypisierung kann unsere Wahrnehmung der Welt verzerren und der Individualität unserer Mitmenschen nicht gerecht werden. Denn anstatt einen Menschen in seiner Einzigartigkeit wahrzunehmen, sehen wir in ihm zunehmend nur noch den vermeintlich typischen Vertreter einer bestimmten Gruppe. 

Diskriminieren: Vom Unterschied zur Ungleichheit

In manchen Fällen dient die Stereotypisierung auch dazu, das Eigene vom vermeintlich Fremden abzugrenzen, mitunter verbunden mit einer Hierarchisierung der Gesellschaft, bei der die eigene Gruppe aufgewertet und die andere abgewertet wird. Kommen solche Stereotype mit einer Bewertung von Menschen allein aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit einher, können daraus Vorurteile entstehen.

Werden Menschen nun aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Hautfarbe oder ihrer zugeschriebenen kulturellen Zugehörigkeit pauschal bestimmte Charaktereigenschaften oder Fähigkeiten zugeschrieben, können solche Stereotype zum Nährboden rassistischer Vorurteile werden. Doch bei Vorurteilen muss es nicht bleiben. Denn was zunächst nur in unseren Köpfen stattfindet, kann irgendwann ganz konkrete Folgen für andere Menschen haben.

Etwa dann, wenn eine Person aufgrund ihres Namens gar nicht erst zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen wird. Oder wenn jemand bei der Wohnungssuche benachteiligt wird, weil ihm allein aufgrund seiner vermeintlichen Herkunft bestimmte Eigenschaften zugeschrieben werden. Schlagen sich Vorurteile auf diese Weise in einer ungerechtfertigten Benachteiligung nieder, sprechen wir von Diskriminierung.

Und so kann der Versuch, die Vielfalt und Komplexität menschlichen Lebens zu vereinfachen, letztlich dazu führen, dass Menschen nicht mehr nur in Schubladen eingeordnet, sondern aufgrund dieser Schubladen auch unterschiedlich behandelt werden.

Polarisierung: Gemeinsam oder gegeneinander?

Aktuell nimmt ein vorurteilsbehaftetes Denken in unserer Gesellschaft stark zu. Vielleicht war es schon immer in diesem Ausmaß in unserer Gesellschaft verbreitet, doch derzeit wird es unüberhörbar. Menschen einer bestimmten Kultur, Religion, Herkunft, Lebensweise, Einstellung oder Orientierung werden von Teilen der Gesellschaft gänzlich über einen Kamm geschert. Ihnen werden Eigenschaften und Verhaltensweisen zugeschrieben, die tatsächlich nur einzelne, besonders negativ auffallende Mitglieder einer Bevölkerungsgruppe aufweisen. Oder aber solche, die möglicherweise auf kein einziges Mitglied dieser Gruppe zutreffen und deren Zuschreibung aus dem Drang resultieren kann, sich selbst über andere zu stellen oder einfache Erklärungen für komplexe gesellschaftliche Zusammenhänge zu finden.

Dies mag in seiner gesellschaftlichen und politischen Zuspitzung vielleicht noch nicht im Sandkasten beginnen, doch setzt es inzwischen bereits in jungen Jahren ein. Zu beobachten ist dies etwa im Phänomen “Trend Rechts” unter Jugendlichen. So scheinen sich Teile der Jugend zunehmend politischen Ansichten zuzuwenden, die eine Hierarchisierung und Diskriminierung von Menschen befürworten und propagieren. Ansichten, die zwischen Menschen unterscheiden, die eigene Gruppe aufwerten, während sie andere abwerten. Die Gründe für dieses Phänomen sind vielfältig. Kinder und Jugendliche wachsen in einer zunehmend komplexen Welt auf, in der man vielleicht manchmal die Orientierung verlieren kann. Rechtspopulistische Ideologien bieten dagegen vermeintlich klare und einfache Erklärungsmuster an. Zudem eignet sich die Einfachheit solcher Botschaften besonders gut für die kurzen Formate der sozialen Medien, also jener Welt, in der Jugendliche viel Zeit verbringen. Innerhalb von 90 Sekunden lässt sich unser komplizierter Sozialstaat nicht so einfach erklären, doch es lässt sich hervorragend in 90 Sekunden unterbringen, dass “Ausländer” schuld am “Untergang des Sozialstaats” seien.

Gleichzeitig wächst neben der zunehmenden Sympathie für rechtsextreme politische Ansichten unter Teilen der Jugend auch die Zustimmung zu Positionen des linksextremen politischen Spektrums. Und so droht eine zunehmende gesellschaftliche Spaltung, in der nicht mehr gemeinsam gedacht wird, sondern vor allem gegeneinander, in der nicht mehr nach Gemeinsamkeiten geschaut wird, sondern nach Unterschieden.

Unvoreingenommenheit: Wo Kinder uns ein Vorbild sind

Und in Anbetracht der Tatsache, dass solche Denkweisen bereits in jungen Jahren entstehen können, stellt sich die Frage, wie wir Kinder davor bewahren, die Vielfalt unserer Gesellschaft irgendwann nur noch durch die Brille von Stereotypen und Vorurteilen zu betrachten.

Eine wichtige Rolle spielt dabei die Kita. Denn hier kommen Kinder in all ihrer Vielfalt zusammen. Kinder mit unterschiedlichen Familiensprachen, Kinder mit unterschiedlichen Geschichten, Kinder mit unterschiedlichem Glauben treffen aufeinander und spielen. Sie bauen gemeinsam Sandburgen, buddeln zusammen nach Schätzen und wetteifern darum, wer den Kreisel am längsten zum Drehen bringen kann. Sie erleben, dass ihre Unterschiede kein Grund sind, nicht miteinander zu spielen und Spaß zu haben.

Doch die Rolle der Kita geht in diesem Bereich noch sehr viel weiter. Denn sie ist auch ein Ort, an dem Kinder lernen, Fragen zu stellen, unterschiedliche Perspektiven kennenzulernen und vermeintliche Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen. Im Grunde wird dabei einfach nur die kindliche Neugier bestärkt. Und gerade dadurch lernen sie, auch weiterhin genau hinzuschauen, nachzufragen und sich ein eigenes Bild zu machen.

Dazu gehört in manchen Kitas auch die Vermittlung erster Grundlagen der Medienkompetenz. Natürlich werden Kita-Kinder noch keine politischen Botschaften in sozialen Medien analysieren. Aber sie können bereits lernen, dass Medien nicht immer die Realität abbilden und dass es sich lohnt, auch ihre Inhalte zu hinterfragen. Fähigkeiten, die später umso wichtiger werden, wenn ihnen innerhalb von 90 Sekunden auf TikTok erklärt wird, wer angeblich an den Problemen unserer Gesellschaft schuld sei.

Vielleicht müssen wir Kindern also nicht in erster Linie beibringen, ohne Stereotype und Vorurteile zu denken. Vielmehr sollten wir sie in ihrer Offenheit und Neugier bestärken und ihnen das Werkzeug an die Hand geben, sich diese Eigenschaften auch in ihrem weiteren Leben zu bewahren.

Und vielleicht sollten sich Erwachsene genau diese Eigenschaften von Kindern zu eigen machen und selbst hin und wieder einen Blick in den Sandkasten werfen. Dorthin, wo drei Kinder mit deutschen, israelischen und somalischen Wurzeln gemeinsam eine Sandburg bauen. Und wo es keine Rolle spielt, woher sie kommen oder woran sie glauben, sondern nur, ob die Sandburg hält.




Quellen: 

Bundesministerium des Innern (2026): Verfassungsschutzbericht 2025. https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/publikationen/themen/sicherheit/BMI26012-vsb2025.pdf?__blob=publicationFile&v=7. 

Focks, Petra (2024): Stereotyp. socialnet Lexikon. https://www.socialnet.de/lexikon/Stereotyp.

Geschke, Daniel (2012): Vorurteile, Differenzierung und Diskriminierung – sozialpsychologische Erklärungsansätze. Bundeszentrale für politische Bildung (bpb). https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/130413/vorurteile-differenzierung-und-diskriminierung-sozialpsychologische-erklaerungsansaetze/.

Greuel, Frank (2025): Junge Menschen und Rechtspopulismus. Eine Annäherung an mögliche Ursachen. Bundeszentrale für politische Bildung (bpb). https://www.bpb.de/themen/parteien/rechtspopulismus/560581/junge-menschen-und-rechtspopulismus/. 

IKK classic (2025): Vorurteile und Diskriminierung nehmen in Deutschland deutlich zu. https://www.ikk-classic.de/presse/pressemitteilungen/Vorurteile-machen-krank. 

Jenkins, Rob / Dowsett, Andrew J. / Burton, A. Mike (2018): How many faces do people know? In: Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences, 285 (1888). https://royalsocietypublishing.org/rspb/article/285/1888/20181319/84742/How-many-faces-do-people-know-How-many-faces-do. 

Jergas, Wolfgang (2020): Lars-Eric Petersen, Bernd Six: Stereotype, Vorurteile und soziale Diskriminierung. socialnet Rezension. https://www.socialnet.de/rezensionen/26932.php. 

Kimminich, Eva (o. J.): Stereotyp. Zentrum für Kultursemiotik, Universität Potsdam. https://www.uni-potsdam.de/de/kultursemiotik/das-zentrum/gesagt-gezeigt/audios/stereotyp. 

Max-Planck-Gesellschaft (2021): Unsere Welt vereinfachen. https://www.mpg.de/16745001/unsere-welt-vereinfachen. 

Philosophie-Wissenschaft-Kontroversen (o. J.): Kategorisierung. https://www.philosophie-wissenschaft-kontroversen.de/details_psychologie.php?id=2293782&a=t&autor=Sozialpsychologie&vorname=&thema=Kategorisierung. 

Busemeyer, Marius R. / Wehl, Nadja / Garritzmann, Susanne (2026): Politische Polarisierung in der Schule? Entwicklungstendenzen unter Jugendlichen im Bundesländervergleich. Policy Paper Nr. 23, Juli 2026. Universität Konstanz.  https://kops.uni-konstanz.de/server/api/core/bitstreams/7d4a714d-4188-4272-98a1-6e337108e601/content. 

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