Eine schwerwiegende Entwicklung: Die Adipositas-Epidemie in Deutschland

Im Januar veröffentlichte die Nationale Akademie der Wissenschaft Leopoldina ein Positionspapier zum Thema Adipositas in Deutschland. Die Wortwahl in diesem Positionspapier macht die Ernsthaftigkeit der Situation deutlich: Es wird von einer Adipositas-Epidemie gesprochen. Denn tatsächlich ist ein erheblicher Teil der Bevölkerung betroffen. Fast jedes sechste Kind zwischen drei und 17 Jahren leidet unter Übergewicht oder Adipositas, also starkem Übergewicht. Bei Erwachsenen gelten etwa zwei Drittel der Männer und die Hälfte der Frauen als übergewichtig, und rund ein Viertel aller Erwachsenen ist adipös.  

Besonders betroffen von Adipositas sind Kinder und Jugendliche aus sozial schwachen Familien, wie erst vergangenes Jahr der DAK-Kinder- und Jugendreport aufzeigte. Kinder aus sozioökonomisch schwachen Familien erhalten mit einer rund 36 % höheren Wahrscheinlichkeit eine Adipositas-Diagnose. Daraus folgend verstärkt sich die meist ohnehin schon bestehende Mehrbelastung dieser Kindergruppe zusätzlich. Gründe für diese sozial ungleiche Verteilung liegen unter anderem in den steigenden Lebensmittelpreisen, einer erhöhten familiären Stressbelastung, in unzureichender Ernährungsbildung sowie in einem erschwerten Zugang zu Bewegungsangeboten. 

Wenn Übergewicht krank macht: Die Folgen von Adipositas

Die Folgen sind drastisch, da Adipositas eine Reihe von schwerwiegenden Erkrankungen begünstigt. So besteht ein erhöhtes Risiko für Diabetes Typ-2, Herzinfarkte, Schlaganfälle, Bluthochdruck, Arthrose und vieles Weitere. Neben den körperlichen Folgen kann sich Adipositas auch negativ auf die psychische Gesundheit auswirken, etwa aufgrund von Stigmatisierung oder Diskriminierung infolge der sogenannten “fatphobia”. 

Ein großes Problem bei Adipositas ist zudem, dass sie schnell in einen Teufelskreis münden kann. Das erhöhte Körpergewicht führt häufig zu körperlichen Einschränkungen und Schmerzen, wodurch die Bereitschaft zur Bewegung sinkt. Gleichzeitig können psychischer Stress und soziale Stigmatisierung dazu führen, dass Betroffene dies durch emotionales Essen versuchen zu kompensieren - und je weiter diese Negativ-Spirale fortschreitet, desto schwieriger wird es, sie zu durchbrechen. Und selbst wenn ein Ausstieg gelingt, kann es aufgrund ungeeigneter Maßnahmen zu Rückfällen und damit zu zusätzlicher Frustration kommen. Daher ist es am effektivsten, präventiv zu handeln und es gar nicht so weit kommen zu lassen. 

Prävention, die wirkt: Mit frühkindlicher Bildung Adipositas vorbeugen

Um der Adipositas-Epidemie effektiv zu begegnen, schlägt die Leopoldina zwei Handlungsansätze vor: Zum einen die Stärkung der Prävention und zum anderen der Ausbau von Therapieoptionen. Unter den Punkt Prävention zählt natürlich auch die frühkindliche Bildung, die durch Programme zur Förderung von Gesundheits- und Bewegungskompetenzen sowie durch verbindliche Standards für die Verpflegung und Bewegungsangebote Übergewicht vorbeugen kann. 

Ein Blick nach Berlin zeigt, wie wirksam frühe Prävention sein kann. Durch die QVTag (Qualitätsvereinbarung Tageseinrichtungen) werden Kita-Träger dazu verpflichtet, für Kita-Kinder täglich eine gesunde und ausgewogene Ernährung sicherzustellen. Die Ergebnisse der Einschulungsuntersuchung aus dem Jahr 2023 zeigen dabei deutlich: Bei Kindern, die keine Kita besucht haben, ist Adipositas doppelt so häufig vertreten wie bei Kindern, die mindestens zwei Jahre eine Kita besucht haben. Frühe Prävention in der Kita kann somit sehr wirksam sein und legt den Grundstein für einen langfristigen gesunden Lebensstil. Gleichzeitig wird das Risiko für Folgeerkrankungen minimiert und wirkt sozialen Ungleichheiten entgegen. 

Prävention kostet, doch Nicht-Handeln kostet mehr

Doch für Kita-Träger in Berlin stellt die Umsetzung einer gesunden Ernährung eine Herausforderung dar. Pro Betreuungstag und Kind stehen ihnen lediglich etwa 3,80 € für die Verpflegung zur Verfügung. Eine Summe, die eine gesunde und ausgewogene Ernährung erheblich erschwert, insbesondere in Anbetracht der Inflation. Angesichts des präventiven Effekts im Hinblick auf Adipositas sollten daher mehr finanzielle Mittel für die Kita-Verpflegung bereitgestellt werden, damit auch in Zukunft allen Kindern der Zugang zu gesundem Essen ermöglicht werden kann. Dies wäre nicht nur im Sinne der Kinder, sondern ganz rational gesehen, auch im Interesse des Staates. 

Denn wie die Leopoldina ebenfalls anführt, sind die Kosten von Adipositas immens und betragen schätzungsweise jährlich rund 113 Milliarden Euro. Wird jedoch bereits in der frühen Kindheit auf ausreichende und qualitativ hochwertige Prävention gesetzt, kann dies langfristig hohe volkswirtschaftliche Kosten einsparen und ist im Vergleich deutlich kosteneffizienter als spätere therapeutische Interventionen. 

Die Gründe für eine Stärkung der frühkindlichen Bildung zur Prävention von Adipositas sind somit sehr überzeugend - sowohl auf individueller Ebene als auch im Hinblick auf Chancengleichheit und den volkswirtschaftlichen Aspekten. Dies wirft die Frage auf, weshalb bislang nicht in angemessenem Maße gehandelt wurde und führt zu der Forderung, genau hier nachzusteuern. Die Verpflegung in Kitas sollte als das anerkannt werden, was sie ist: Wichtige Prävention, Gesundheits- und Ernährungsbildung sowie die Chance für Kinder auf ein gesundes Leben. 


Quellen: 

DAK-Gesundheit. (2025). Adipositas: Kinder aus ärmeren Familien deutlich häufiger betroffen [Press-release]. https://caas.content.dak.de/caas/v1/media/136694/data/970dca186d8fee2111dd72db9cad9fd0/250613-download-pm-kjr-adipositas.pdf 

Leopoldina, D. (2026). Prävention stärken & neue Therapieansätze nutzen: Wie lässt sich die Adipositas-Epidemie eindämmen? Deutsche Akademie Der Naturforscher Leopoldina E. V. https://doi.org/10.26164/leopoldina_03_01314

Vieth-Entus, S. (2026, March 14). Mehr Migranten, viele Überraschungen: von Adipositas bis Sprache – hier liegen die Probleme der Berliner Erstklässler. Tagesspiegel. https://www.tagesspiegel.de/berlin/schule/mehr-migranten-viele-uberraschungen-von-adipositas-bis-sprache--hier-liegen-die-probleme-der-berliner-erstklassler-15351340.html

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