Investieren, um zu sparen: Warum frühkindliche Bildung Priorität haben muss
Seit 2015 sind in Deutschland die bereitgestellten öffentlichen Mittel für die frühkindliche Bildung im Verhältnis zum BIP um 42% gestiegen. Deutschland ist im OECD-Ländervergleich damit unter den Top 10! Und besonders Berlin glänzt als Spitzenreiter bei den Ausgaben für Bildungseinrichtungen. Im Bundesländervergleich belegt die Hauptstadt den ersten Platz und übertrifft auch den OECD-Durchschnitt locker. Doch warum thematisieren wir das am Weltspartag?
Seit 2015 sind in Deutschland die bereitgestellten öffentlichen Mittel für die frühkindliche Bildung im Verhältnis zum BIP um 42% gestiegen. Deutschland ist im OECD-Ländervergleich damit unter den Top 10! Und besonders Berlin glänzt als Spitzenreiter bei den Ausgaben für Bildungseinrichtungen. Im Bundesländervergleich belegt die Hauptstadt den ersten Platz und übertrifft auch den OECD-Durchschnitt locker. Doch warum thematisieren wir das am Weltspartag? Kann man dann überhaupt von einem “Sparen” in der Bildung reden? Unsere Antwort lautet: Ja! Denn wer weiter die Tabellen der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder durch scrollt, entdeckt, dass die Ausgaben gar nicht so gut verteilt sind und dass es einen Bereich in Berlin gibt, in dem meisterhaft gespart wird. Und ausgerechnet dabei handelt es sich um den wohl elementarsten Bildungsbereich, der maßgeblich alle weiteren Bildungsbereiche beeinflusst: Die frühkindliche Bildung. Hier liegen die jährlichen Ausgaben für eine Bildungseinrichtung pro Bildungsteilnehmer:in bei 8.800 Euro, womit es Berlin schafft, unter jedem relevanten Durchschnitt zu liegen. Zum Vergleich: Der deutschlandweite Durchschnitt beträgt 11.600 Euro, der OECD-Durchschnitt 8.900 Euro. Zwar sind die Ausgaben in Berlin seit der letzten OECD-Evaluation deutlich angestiegen - von 2019 bis 2023 um 26% (wobei dies im Verhältnis zur gestiegenen Anzahl von Kindern im Bildungssystem betrachtet werden muss) - dennoch wird Berlin damit auch weiterhin nicht den bundesweiten Durchschnitt knacken. Was bedeutet das nun genau für die frühkindliche Bildung?
Die öffentlichen Mittel für die frühkindliche Bildung fließen in zahlreiche unterschiedliche Posten, von Personalkosten bis hin zu Sachkosten, welche unter anderem für Verpflegung, Verwaltung, Miete, Spiel- und Lernmaterialien verwendet werden sollen. Während die Personalkosten durch den letzten Tarifvertrag eine spürbare Erhöhung erfahren haben, hinken die Sachkosten fröhlich hinterher. Anpassungen? Gab es – doch die konnten mit der Inflation natürlich nicht mithalten. Eine 2017 durchgeführte Analyse der Gestehungskosten zeigte bereits, dass Kitas im Schnitt um 30 % unterfinanziert sind – eine Zahl, die sich seither kaum verändert hat.
In der vergangenen Woche haben wir beleuchtet, wie stark die Kitas in Berlin bei der Bereitstellung von Verpflegung unterfinanziert sind. Heute wollen wir den Fokus auf die Mieten legen, um exemplarisch zu zeigen, wie groß die Lücke in der Finanzierung ist. Derzeit erhalten Kitas in Berlin rund 46 Euro pro Kind und Monat zur Bewirtschaftung bzw. Erhaltung der Gewerbeflächen. Für eine Kita mit 50 Plätzen entspräche dies einem Betrag von 2.300 Euro pro Monat. Gemäß den baulichen Mindeststandards für Kitas müsste diese Einrichtung mindestens 283 Quadratmeter umfassen. Bei einem aktuellen Gewerbemietpreis von durchschnittlich 29 Euro pro Quadratmeter in Berlin ergäbe sich ein realer Brutto-Mietzins von 8.207 Euro. Dies bedeutet, dass das Land Berlin derzeit nur 28 % der realen Kosten des Gewerbemietzinses abdeckt.
Und hier wird die chronische Unterfinanzierung zur pädagogischen Herausforderung. Denn die Qualität der frühkindlichen Bildung hängt, natürlich neben anderen Faktoren, auch von den verfügbaren Ressourcen und Rahmenbedingungen ab. Unsere Kitas sind voller kluger, kreativer Köpfe, die das Beste aus der frühkindlichen Bildung für unsere Kinder, für Chancen- und Bildungsgerechtigkeit herausholen wollen, doch machen es ihnen die Rahmenbedingungen nicht gerade leicht. Und all das, was im frühkindlichen Bereich aufgrund der knappen Finanzierung heute nicht möglich ist, muss später teuer nachgeholt werden. Dies zeigt sich in höheren Kosten für spätere Bildungs- und Sozialsysteme, geringeren Bildungserfolge und langfristig sogar in weniger wirtschaftlicher Produktivität. Die Kluft zwischen den finanziellen Möglichkeiten und den pädagogischen Anforderungen gefährdet damit nicht nur die Zukunft unserer Kinder, sondern auch das gesamte Bildungssystem und letztlich die gesellschaftliche und wirtschaftliche Stabilität.
Politische Entscheidungsträger:innen wissen das – dennoch wird die Priorisierung der frühkindlichen Bildung in der Politik immer wieder verschoben. Dabei ist längst klar, dass die Investition in diesen Bereich langfristig das effektivste und sparsamste Mittel ist, um später Kosten zu vermeiden und gleichzeitig Bildungschancen zu verbessern. Die klügste Investition, die wir heute tätigen können, ist die in unsere Kinder. Jeder in die frühkindliche Bildung investierte Euro ist langfristig eine Ersparnis. Daher unser dringender Appell am heutigen Weltspartag: Spart, indem ihr investiert – in die Zukunft unserer Kinder!
Quellen:
Bildung auf einen Blick 2024 OECD-Indikatoren. (2024). In Oecd. https://www.oecd.org/content/dam/oecd/de/publications/reports/2024/09/education-at-a-glance-2024_5ea68448/e7565ada-de.pdf.
Statistische Ämter des Bundes und der Länder, Brugger, P., et al. (2024). Internationale Bildungsindikatoren im Ländervergleich Ausgabe 2024 – Tabellenband (Statistisches Bundesamt, Hrsg.). https://statistik.thueringen.de/webshop/pdf/2024/60120_2024_01.pdf.
Themenseite: Gewerbeimmobilien in Berlin. (2024, 18. März). Statista. https://de.statista.com/themen/2518/gewerbeimmobilien-in-berlin/#topicOverview.
Thema Kita-Ausbau - Entlastung schafft Fachkräfte
Das gute ist so nah! Fachkräftemangel durch Entlastung bei den Verwaltungsaufgaben der PädagogInnen beheben und vorhandene Potenziale voll nutzen.
Die neue OECD-Studie „Bildung auf einen Blick 2020“ findet lobende Worte für den Kita-Ausbau in Deutschland. Wir möchten im folgenden diese Fortschritte genauer betrachten und unsere Vorschläge zur Verbesserung darlegen.
Aussagen der OECD-Studie
Allgemein beziehen sich die beschriebenen Erfolge laut OECD-Studie auf den Betreuungsschlüssel und den hohen Anteil betreuter Kinder in der Bevölkerung. So gehen zum Beispiel 41% der Einjährigen in eine Krippe, während der OECD-Durchschnitt bei 34% liegt. Allerdings reichen diese Statistiken nicht dazu aus, sich auf den Erfolgen auszuruhen. Zum Einen genügt schon ein Blick auf die außerhalb Europas liegenden Mitgliedstaaten der OECD, um zu erkennen, wie die geringen Durchschnittswerte zustande kommen. Außerdem liegt die Bundesrepublik nicht in allen Bereichen über dem Durchschnitt - so beispielsweise bei den Bildungsausgaben (9,1% des Gesamthaushalts, OECD-Durchschnitt bei 10,8%).
Zum anderen ist das Thema Kita-Ausbau laut Studie der Bertelsmann-Stiftung keine Erfolgsgeschichte. So kommen auf einen Erzieher im bundesdeutschen Schnitt 4,2 Kinder in der Krippe und 8,8 im Kindergarten. Für eine erfolgreiche frühkindliche Bildung empfiehlt die Stiftung allerdings einen Schlüssel von 3 Kindern in der Krippe und 7,5 im Kindergarten - somit haben in Berlin derzeit nur 16% der Einrichtungen einen kindgerechten Personalschlüssel.
Fehlende Fachkräfte arbeiten bereits in der Kita
Wir schließen uns diesen Forderungen nicht nur voll und ganz an, sondern haben auch konkrete Vorschläge zur Verbesserung. Eine Anhebung des Betreuungsschlüssels steht derzeit vor zwei Problemen. Erstens werden Gelder benötigt, um die fehlenden Fachkräfte zu finanzieren. Es muss also ein politischer Wille entstehen, Finanzmittel zur Verfügung zu stellen. Und zweitens gibt es einen Fachkräfte-Mangel im Bildungsbereich. Laut Berechnung des Wirtschaftsforschungsinstituts Prognos fehlen bis 2030 etwa 199.000 Erzieher im bundesdeutschen Bildungssektor - das Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie geht circa 6500 fehlenden Fachkräften allein im Land Berlin aus. Während das erste Problem politisch zu lösen ist, stellt der Fachkräfte-Mangel schon eine größere Herausforderung dar.
Deshalb schlagen wir vor, die vorhandenen pädagogischen Fachkräfte zu entlasten und damit den Betreuungsschlüssel zu erhöhen. Derzeit muss vor allem in kleinen und mittleren Einrichtungen das pädagogische Personal einen großen Anteil der Arbeitszeit für Verwaltungsaufgaben bereitstellen.
Wir fordern, diese Mitarbeiter zu entlasten, indem eine volle Verwaltungsstelle ab 45 Kindern finanziert wird. So könnten allein in Berlin auf einen Schlag circa 750 Vollzeitkräfte für die Betreuung frei werden, die bereits voll ausgebildet in den Kitas vor Ort arbeiten. Im Gegensatz zu den bisherigen Bemühungen, den Betreuungsschlüssel zu verbessern, wäre diese Entlastung einen nachhaltige Investition in die Zukunft.