Klax: Mit Struktur zu Kreativität und Selbstständigkeit

Klare Strukturen, individuelle Förderung, Kreativität und ein hoher Qualitätsanspruch prägen die Arbeit des Kita-Trägers Klax. Mit seiner eigenen Pädagogik gestaltet Klax qualitativ hochwertige frühkindliche Bildung an 14 Standorten mit insgesamt 28 Einrichtungen in Berlin sowie weiteren Einrichtungen in Niedersachsen und Dänemark. Im Mittelpunkt steht die Überzeugung, dass Kinder einen verlässlichen Rahmen brauchen, um selbstorganisiert zu lernen und sich frei zu entfalten. Geschäftsführerin Susan Richter gibt in einem gemeinsamen Gespräch Einblicke in die Klax-Pädagogik und erläutert, was den Träger und seinen besonderen pädagogischen Ansatz auszeichnet.

Gelebte Werte von Anfang an

Wer Klax verstehen möchte, muss zunächst die Haltung hinter ihrer Arbeit kennen. „Wir denken bei allem, was wir tun, über die Bedürfnisse der Kinder nach und messen unseren Erfolg daran“, erklärt Susan Richter. Dieser Anspruch zieht sich durch den gesamten Träger. „Das betrifft jede Abteilung bei uns, ob das die Finanzabteilung ist oder das Recruiting. Alle arbeiten nach diesen Werten.“ Entsprechend intensiv ist auch die Einarbeitung bei Klax gestaltet. „Jeder neue Mitarbeitende - unabhängig von der Abteilung - bekommt am ersten Arbeitstag einen Welcome Day.“ Neben der Entstehungsgeschichte von Klax lernen sie dort die Werte und Haltung des Trägers, das soziale Konzept sowie die Grundlagen der Klax-Pädagogik kennen. „Anschließend bekommt jeder neue Mitarbeitende einen Partner an die Seite, der ihn ein halbes Jahr begleitet. Er erhält einen Einarbeitungsplan, in dem für jede Woche Klax-spezifische Themen festgelegt sind. Der Mentor gehört bewusst nicht zum eigenen Team, sodass neue Mitarbeitende offen über Herausforderungen sprechen können und Unterstützung erhalten.“ Für pädagogische Fachkräfte geht die Einarbeitung noch einen Schritt weiter: „Sie bekommen zusätzlich eine pädagogische Einarbeitungswoche, um noch tiefer in das Konzept einzusteigen.“

Ein klarer Rahmen für freie Entwicklung

Die Einarbeitungsphase bei Klax macht vor allem zwei Dinge deutlich: Der Träger verfolgt einen hohen Qualitätsanspruch und setzt diesen mit klaren Strukturen um. Womit wir zu einem Merkmal kommen, das Klax besonders auszeichnet: Die Struktur. „Für jeden Ablauf gibt es einen Prozess, wir haben viele Dokumente, die wir bearbeiten, wir haben viele Regeln und Rundschreiben, Unterweisungen, die es bei uns gibt“, berichtet Susan Richter. Dahinter steckt jedoch weit mehr als reine Organisation: „Je freier ein Kind arbeiten oder sich ausleben möchte, umso fester muss der Rahmen sein, damit ich weiß: In diesem Rahmen kann ich mich frei entfalten.“ Dieser Grundsatz gilt bei Klax für Kinder wie auch Mitarbeitende gleichermaßen: „Unsere Fachkräfte haben genauso einen Rahmen. Und in diesem Rahmen können sie ihre Kompetenzen ausleben.” Wie innerhalb dieser festen Strukturen individuelle und bedürfnisorientierte Pädagogik umgesetzt wird, veranschaulicht Susan Richter anhand eines Beispiels aus dem Kita-Alltag: „Wir haben einen ganz klaren Tagesablauf in unseren Einrichtungen, um neun ist immer der Morgenkreis. Und natürlich gibt es Eltern, die fünf nach neun oder zehn nach neun kommen. Wir gehen dann mit den Eltern ins Gespräch und zeigen ihnen auch beim Elternabend ganz konkret, was eigentlich Inhalt eines Morgenkreises ist.” Ziel ist es dabei, auch die Eltern mitzunehmen und ihnen die pädagogischen Hintergründe zu vermitteln: „Bei uns Pädagogen ist auffallend, dass wir immer viel von Pädagogik und pädagogischen Fachbegriffen mit Eltern sprechen und Eltern wissen oft gar nicht, was das bedeutet. Also sie können damit nichts anfangen, was ja nichts Schlimmes ist, weil ich auch nicht wüsste, wie ich ein Auto repariere und wie die Werkzeuge dazu heißen. Und deshalb zeigen wir den Eltern, was wir damit meinen und was ihr Kind von dieser Situation hat, was es lernt. Und Eltern verstehen dann ganz schnell, dass der Morgenkreis natürlich um neun ein fester und wichtiger Punkt im Tagesablauf ist. Den Inhalt des Morgenkreises können die Bezugserzieherinnen und Bezugserzieher jedoch selbst gestalten. Wenn ich montags sehe, dass die Kinder noch völlig aufgewühlt vom Wochenende sind und total zappelig, dann werde ich keinen Morgenkreis machen und mir vom Wochenende erzählen lassen, sondern Bewegungsspiele machen oder mit ihnen in den Garten gehen. Genau das ist der Rahmen: Wir geben ihn vor und die Erzieherinnen und Erzieher entscheiden dennoch individuell und bedürfnisorientiert.” Die Einführung der Eltern in die Pädagogik gehört bei Klax ganz selbstverständlich dazu. Alle Eltern, die ihr Kind neu in die Kita bringen, haben beispielsweise die Möglichkeit, bei einem Elternnachmittag selbst an einem Morgenkreis teilzunehmen. „Die Eltern sehen dann erst einmal, dass der Morgenkreis nicht dafür da ist, dass der Erzieher oder die Erzieherin die Kinder zählt. Er ist dafür da, Inhalte aufzufrischen oder zu vermitteln und den Tag gemeinsam mit den Kindern partizipativ zu planen. Dann kommt dieser Aha-Effekt bei den Eltern und dann nehmen wir sie auch mit.“ 

Der strukturierte Rahmen reicht bei Klax weit über den Tagesablauf hinaus. Alle Standorte arbeiten mit einem ähnlichen Jahreskalender, der das gesamte Kita-Jahr strukturiert. Susan Richter beschreibt, wie dieser den Kita-Alltag gliedert: „Der Jahreskalender zeigt mir: Ich habe eine Beobachtungsphase, eine Durchführungsphase, eine Reflexionsphase und so weiter.“ In diese Phasen werden unter anderem Projektarbeiten, pädagogische Entwicklungskonferenzen, Elterngespräche sowie Mitarbeiter-Vorgesetzten-Gespräche eingeplant. So entsteht für alle Beteiligten ein hohes Maß an Planbarkeit und Transparenz. „Bei der pädagogischen Entwicklungskonferenz beispielsweise besprechen wir jedes einzelne Kind. Und durch unseren Jahreskalender wissen die Eltern jetzt schon, dass im Februar die Entwicklungsgespräche stattfinden und sie dazu eingeladen werden.“

Von der Malwerkstatt zum Kita-Träger

Nun wissen wir bereits viel über den Rahmen, in dem die Pädagogik bei Klax stattfindet. Doch was zeichnet die Klax-Pädagogik eigentlich aus? Um diese Frage zu beantworten, nimmt uns Susan Richter zunächst zu den Ursprüngen von Klax mit: „Die Pädagogin und Künstlerin Antje Bostelmann hatte in den 1990er-Jahren eine Malwerkstatt für Kinder. Dort konnten sie auf großen Leinwänden mit großen Pinseln ihre Werke gestalten. Sie haben große Puppen aus Pappmaché gebaut, sind durch Prenzlauer Berg gelaufen und im künstlerischen Bereich war das wirklich einzigartig. Gerade kurz nach der DDR waren wir gewohnt, auf A4-Blättern alle das Gleiche zu malen. Und plötzlich konnten sich alle frei entfalten.“ Dieser für die damalige Zeit außergewöhnliche Ansatz fand großen Anklang bei Eltern: „Eltern sind dann zu ihr gegangen und haben gesagt: ‚Mensch, diesen Ansatz hätten wir gerne als Einrichtung, als Kita.‘ Damals wusste keiner so richtig, wer wofür verantwortlich ist. Antje Bostelmann hatte aber ganz klare Vorstellungen. Sie ist mit ihrem damaligen Gefährten in leerstehende Häuser gegangen und hat gesagt: ‚Okay, das ist unsere erste Kita, wir machen das so und so.‘ So wurde schließlich die erste Kita gegründet. Dann kamen weitere Kitas dazu, die von den öffentlichen Trägern an private verkauft wurden. Die meisten davon hat Frau Bostelmann übernommen.“

Der künstlerische Ursprung ist bei Klax bis heute deutlich erkennbar und zieht sich durch das gesamte pädagogische Konzept. „Wir sind ganz stark kunstorientiert, nicht nur im Bildungsbereich Atelier und Kunst, sondern generell.“ Entsprechend wird den Werken der Kinder ein hoher Stellenwert eingeräumt. „Wir schätzen Kunstwerke der Kinder in einem sehr hohen Maße. Wir haben in jeder Einrichtung zum Beispiel eine Kindergalerie mit großen Bilderrahmen, in denen die Kinder ihre Kunstwerke ausstellen können. Das ist so der erste Schritt: Ich zeige mein Kunstwerk allen, die daran vorbeilaufen - auch Menschen, die vielleicht nicht meine Freunde sind.“ Auch außerhalb der Einrichtungen ermöglicht Klax das Ausstellen der Kinderkunstwerke für ein noch breiteres Publikum: „Um da noch ein i-Tüpfelchen draufzusetzen, haben wir die Kinderkunstgalerie in der Schönhauser Allee, wo die Kunstwerke wirklich in der Öffentlichkeit ausgestellt werden. Dort finden auch verschiedene externe Veranstaltungen statt. Wenn beispielsweise eine Firma einen Malwettbewerb veranstaltet, werden die Werke dort ausgestellt und die Preisträger gekürt. Das ist noch einmal etwas Besonderes: Meine Kunst wird anerkannt und wenn ich möchte, kann ich mein Bild sogar verkaufen. Den Preis legt jedes Kind selbst fest.“

Kunst findet bei Klax sowohl in pädagogisch angeleiteten Angeboten als auch in den anschließenden Freispielphasen statt, in denen Kinder ihre Ideen eigenständig entwickeln und umsetzen können.  „Nach den Angeboten stehen alle Räume offen für die Kinder. Sie können im Atelier weiterzeichnen oder malen, ihre Freunde holen und sagen: Wir machen das zusammen, wir machen das gemeinsam. So bringen sich die Kinder untereinander verschiedene Dinge bei und zeigen sich gegenseitig, wie etwas funktioniert.“ Inzwischen haben auch digitale Medien Einzug in das Atelier gehalten. Dadurch eröffnen sich nicht nur neue kreative Möglichkeiten, zugleich zeigt sich, dass sich inzwischen auch mehr Jungen für die Angebote im Atelier interessieren. „Ateliermalen ist ja oft typisch Mädchen. Seitdem wir die digitalen Medien auch im Atelier eingeführt haben, bekommen wir mehr Jungs ins Atelier. Wir stellen dort dann beispielsweise Trickfilme her.“ Die Herstellung eines Trickfilms umfasst zahlreiche Arbeitsschritte. Bevor überhaupt gefilmt wird, entwickeln die Kinder gemeinsam eine Geschichte, gestalten Figuren und lernen dabei zu kooperieren sowie Kompromisse zu schließen. „Erst dann kommt der eigentliche Trickfilm. Deshalb sagen wir: Kunst ist verbindend. Wir sprechen miteinander, wir kooperieren, wir kennen verschiedene Techniken, wir helfen uns.“ Dabei erwerben die Kinder neben der Kooperationsfähigkeit vielfältige weitere Kompetenzen, die ihnen auch später im Schulalltag zugutekommen.  „Wir sehen es, wenn die Kinder in die Schulen kommen, dass es schon einen Unterschied gibt. Es sind oft Kleinigkeiten. Eltern erzählen uns beispielsweise, dass ihre Kinder in der Schule erleben, wie andere nicht unterscheiden können, was ein Filzstift, ein Buntstift oder ein Bleistift ist. Diese Frage stellt sich bei unseren Kindern nicht. Die wissen das schon, weil wir ihnen sämtliche Materialien zur Verfügung stellen - auch Kohle oder Feder und Tinte.“

Bildung mit System und Freiraum

Neben Atelier und Kunst arbeitet der Träger mit vier weiteren Bildungsbereichen, die alle ihren festen Platz im Kita-Alltag haben. „Wir haben die Bildungsbereiche Universum, Bewegung und Ernährung, Musik, Gesellschaft sowie Atelier und Kunst“, zählt Susan Richter auf. Ergänzt werden diese durch die eigenständigen Bereiche Sprache und Mathematik, die aufgrund ihrer Bedeutung aus den ursprünglichen Bildungsbereichen herausgelöst wurden. Jede Kitagruppe hat in ihrem Wochenplan jeden Bildungsbereich an einem Tag als pädagogisches Angebot verankert. Für die einzelnen Bereiche gibt es speziell ausgebildete Fachkräfte, die ihre Erfahrungen regelmäßig austauschen. „Alle Atelierpädagogen von Klax treffen sich beispielsweise alle drei Monate und tauschen sich darüber aus, was gut geklappt hat, welche Museen sie besucht haben oder welche Angebote sich für welches Alter eignen. So entwickeln wir unser Konzept immer weiter und bleiben nicht stehen.“

Unabhängig vom Bildungsbereich folgt die Klax-Pädagogik einem gemeinsamen Grundprinzip: Jedes Kind entdeckt und versteht seine Umwelt auf eigene Weise. Aufgabe der pädagogischen Fachkräfte ist es nicht, Lernprozesse vorzugeben, sondern den Kindern den passenden Raum und die entsprechenden Materialien bereitzustellen. „Wenn wir beobachten, dass ein Kind gerade in einem bestimmten Spielschema ist - zum Beispiel alles immer wieder herunterfallen lässt -, dann bieten wir Materialien an, mit denen es genau das ausprobieren kann. Etwa eine Maisgrießwand, an der die Kinder beobachten können, wie der Maisgrieß nach unten rieselt. So holen wir das Kind genau dort ab, wo gerade sein Interesse liegt.“

Gemeinsam fragen, forschen und verstehen

Regelmäßig werden die verschiedenen Bildungsbereiche in Projektarbeiten miteinander verknüpft. Ausgangspunkt sind häufig Fragen und aktuelle Interessen der Kinder - unabhängig davon, zu welcher Jahreszeit oder welchem Thema sie gerade auftreten. „Wenn die Kinder sich in der Osterzeit für den Weihnachtsmann interessieren, dann ist eben der Weihnachtsmann das Thema. Oder wenn sie sich im Hochsommer für den Winter begeistern, dann versuchen wir, das Thema Winter im Hochsommer umzusetzen. Wir orientieren uns immer an den Interessen der Kinder. Das ist uns ganz wichtig.“ Damit die Projektarbeit trotz ihrer Offenheit einen klaren Rahmen erhält, orientieren sich die pädagogischen Fachkräfte an fünf festgelegten Projektfragen. Gleichzeitig bleibt genügend Raum, um auf die Interessen der Kinder einzugehen. „Wir geben den Pädagogen diese Fragen mit, an denen sie sich entlanghangeln können. Die Projekte sind unterschiedlich lang und behandeln unterschiedliche Themen.“ Die fünf Projektfragen dienen als roter Faden für den gemeinsamen Lernprozess. Statt den Kindern Antworten vorzugeben, werden sie Schritt für Schritt dabei begleitet, selbst Lösungen zu finden. „Zuerst fragen wir die Kinder: ‚Was wisst ihr denn schon darüber?‘ Danach überlegen wir gemeinsam: ‚Wo könnten wir etwas darüber erfahren?‘ Natürlich kommt als Erstes oft das Internet. Aber dann sprechen wir auch darüber: ‚Was ist das Internet eigentlich?‘ Oder wir schauen in Bücher, gehen in die Bibliothek oder laden Eltern oder Großeltern ein, die sich mit dem Thema auskennen. Erst danach fragen wir: ‚Was wissen wir jetzt?‘“ Ihre Erkenntnisse halten die Kinder in einem eigenen Projektheft fest. „In dem Heft können die Kinder ihr Projekt malen und so ihren eigenen Lernweg dokumentieren.“ 

Nicht nur die Kinder lernen bei solchen Projekten Neues. Auch die Fachkräfte stellen immer wieder fest, dass sie sich mit manchen Fragen zuvor selbst noch nie beschäftigt haben. Susan Richter erinnert sich an eine Situation, in der Kinder sie auf QR-Codes an Bushaltestellen ansprachen: „Ich habe immer gedacht, na ja, dahinter ist irgendwie der Fahrplan oder so. Dann haben wir uns gefragt: ‚Was ist denn eigentlich dahinter?‘ Die Kinder meinten: ‚Vielleicht Werbung oder ein Trickfilm, um sich die Wartezeit zu verkürzen.‘ Also haben wir es ausprobiert. Und hinter dem QR-Code stand, dass der Bus Verspätung hat.“ Zunächst war Susan Richter von dieser neuen Erkenntnis begeistert, bis die Kinder sie auf etwas weiteres hingewiesen haben: „Die Kinder haben gesagt: ‚das ist aber unfair.‘ Und dann habe ich gesagt: ‚Warum?‘ Weil die alten Menschen, die hier sitzen, die haben gar kein Smartphone.“ Für Susan Richter war das der Ausgangspunkt, die Frage gemeinsam mit den Kindern weiterzudenken: „Da habe ich gesagt: ‚Jetzt sind wir auf einer sozialen Schiene. Wie könnten wir das ändern?‘ Die Kinder hatten sofort Ideen: Alle alten Menschen sollten ein Smartphone haben. Oder man müsste sie anrufen können, wenn der Bus später kommt. Genau diese einfachen Lösungskompetenzen wollen wir fördern.“ Das Beispiel zeigt zugleich, dass Erwachsene nicht den Anspruch haben müssen, auf jede Frage sofort eine Antwort zu kennen. Das gemeinsame Entdecken kann vielmehr für alle bereichernd sein. „Wenn so eine Frage kommt: ‚Was ist WLAN?‘ Dann denkt man als Erwachsener: ‚Ach du großer Gott, da muss ich jetzt erst einmal recherchieren.‘ Muss man aber gar nicht. Man geht mit den Kindern auf die Suche. Auch wir Erwachsene lernen dazu. Kinder zeigen uns immer wieder einfache Lösungen für Probleme. Man unterschätzt Kinder.“

Medien als Werkzeug des Lernens

Ein weiterer Schwerpunkt von Klax ist das Thema Digitalisierung und Medien. Dessen Einführung war zugleich ein Lern- und Entwicklungsprozess für den Träger. „Als wir die digitalen Medien eingeführt haben, gab es viele Menschen, die dagegen waren. Und wir wissen heute auch, welche Fehler wir bei der Einführung gemacht haben. Wir haben die Leute nämlich nicht mitgenommen.“ Ein Grund dafür war das unterschiedliche Verständnis davon, was unter digitalen Medien überhaupt zu verstehen ist. „Was sind denn digitale Medien? Digitale Medien sind unter anderem auch ein Fotoapparat. Viele Leute hatten aber Angst, dass wir die Kinder vor ein Tablet setzen und sie darauf Spiele spielen lassen. Genau das ist aber nicht das, was wir wollen. Immer, wenn bei uns digitale Medien zum Einsatz kommen, müssen die Kinder etwas damit tun.“ Dazu gehören beispielsweise Roboter, die einen Parcours aus Bausteinen bewältigen müssen, oder die bereits erwähnten Trickfilme. Der Umgang mit digitalen Medien geht bei Klax jedoch weit über das reine Bedienen hinaus. Vielmehr sollen die Kinder lernen, Medien zu verstehen und kritisch zu hinterfragen. Susan Richter erzählt dazu von einem Beispiel aus der Vorschule: „Wir haben im Morgenkreis immer den Wetterbericht geguckt und wollten die Dame aus dem Wetterbericht einmal kennenlernen. Sie hatte aber nicht so viel Zeit und wir haben deshalb kurz mit ihr telefoniert. Sie sagte: Ihr müsst euch das ganz anders vorstellen. Ich stehe nicht vor dem Himmel, sondern vor einer grünen Wand.‘“ Aus diesem kurzen Telefonat entstand schließlich ein zweiwöchiges Projekt in der Klax-Vorschule. „Dann haben wir gesagt: Wir probieren das einfach aus.‘ Also haben wir eine grüne Wand aufgestellt und mit den Kindern einen Greenscreen-Film gedreht, in dem sie ihren eigenen Wetterbericht gesprochen haben - richtig mit ‚Mein Name ist …‘ und dem Wetter für Montag. Allein dieses Projekt hat zwei Wochen gedauert, weil die Kinder die Zeit brauchen. Sie kennen das ja nicht, dass sich hinter ihnen plötzlich das Bild verändert. Dann braucht man noch einen zweiten Monitor, jemand muss den Wetterbericht sprechen und den Text lernen. Von dort aus haben wir weiter gedacht und uns gefragt: ‚Kann Superman wirklich fliegen?‘ Also haben wir ausprobiert, selbst einmal Superman zu sein.“ 

Dass Kinder dadurch früh lernen, Medien kritisch zu hinterfragen und Informationen nicht ungeprüft zu übernehmen, zeigt sich für Susan Richter immer wieder im Alltag. Mitunter hinterfragen die Kinder dabei sogar Informationen von Museen: „Wenn wir ins Museum gehen, recherchieren wir vorher mit den Kindern im Internet. Was gibt es dort eigentlich zu sehen? Was möchtet ihr sehen? Die Kinder drucken sich dann Bilder aus, die sie im Museum finden wollen. Ein Junge hat im Museum aber eines seiner ausgewählten Bilder nicht entdeckt. Also sind wir zu einer Mitarbeiterin gegangen und er hat gefragt: ‚Wo ist denn dieses Bild?‘ Sie erklärte, dass es an ein anderes Museum ausgeliehen sei. Daraufhin sagte er: ‚Dann lügt ihr im Internet.‘ Als Erwachsener muss man da erst einmal gut daneben stehen bleiben und durchatmen. Aber im Prinzip hat er recht.“

Für Susan Richter ist bei der Nutzung digitaler Medien daher nicht die Bildschirmzeit entscheidend, sondern der pädagogische Mehrwert. Dass dieser Ansatz funktioniert und Kinder digitale Medien als Werkzeuge begreifen, zeigt sich immer wieder im Kita-Alltag. „Es ist auch nicht so, dass die Kinder kommen und alle das Tablet wollen. Im Gegenteil: Manchmal wird das Tablet im Bauraum sogar als Platte genutzt, um einen Turm zu bauen. Genau das ist es, was wir wollen. Es soll etwas ganz Normales sein, wie eine Puppe oder ein Auto. Es wird genommen, wenn ich es brauche. Wenn ich eine Lupe brauche, weiß ich: Ich nehme mir das Tablet und habe eine Lupe. So wollen wir das einsetzen - als zusätzliches Werkzeug, das die Kinder gleichzeitig auch hinterfragen, weil sie verstehen, wie es funktioniert.“

Von der digitalen Ausrichtung profitieren auch die pädagogischen Fachkräfte. „Unsere Pädagogen bekommen alle ein Tablet zur Verfügung. Darüber dokumentieren wir, kommunizieren mit den Eltern und führen das digitale Portfolio. Macht ein Pädagoge ein Foto oder ein Video von einem Kind, kann er es direkt dem entsprechenden Bildungsbereich zuordnen. Früher mussten wir Fotos ausdrucken, ausschneiden und einkleben. Das entfällt heute. Das spart Zeit und erleichtert die Dokumentation.“

Die vier Säulen der Klax-Pädagogik

Ob Kunst, Projektarbeit oder Medienbildung - allen Bildungsbereichen liegen die vier zentralen Säulen der Klax-Pädagogik zugrunde. Die erste davon ist der individuelle Lernweg jedes Kindes. Susan Richter erklärt, was sich hinter diesem Ansatz verbirgt: „Jedes Kind ist individuell und entwickelt sich individuell. Und diesen Weg dokumentieren wir selbstverständlich. Doch es gehört noch sehr viel mehr dazu. Wir geben den Kindern die Möglichkeit, sich mit den Themen auseinanderzusetzen, die sie gerade interessieren, und stellen ihnen die Materialien zur Verfügung, die sie dafür brauchen. Sie können auswählen, wo ihre Stärken liegen und sich gleichzeitig an Dingen ausprobieren, die sie noch nicht gemacht haben. Zum individuellen Lernweg gehört aber beispielsweise auch, Verantwortung zu übernehmen. Und da gehen wir nicht nur von den Erwachsenen aus, sondern wir sagen auch: Die Kinder übernehmen Verantwortung. Das beginnt bei kleinen Diensten wie dem Tischdienst und setzt sich in der Kinderkonferenz fort, in der gemeinsam verschiedene Themen besprochen werden.“

Verantwortung spielt jedoch nicht nur beim individuellen Lernweg eine wichtige Rolle, sondern auch bei der zweiten Säule der Klax-Pädagogik: der sozialen Gemeinschaft. Im Mittelpunkt stehen dabei ein respektvolles Miteinander sowie gemeinsam entwickelte Regeln. „Wir erarbeiten die Regeln auch immer gemeinsam mit den Kindern. Sie machen ihre eigenen Regeln und zeichnen dazu Bildchen.“ Die gemeinsam vereinbarten Regeln schaffen zugleich die Grundlage dafür, dass sich Kinder und pädagogische Fachkräfte auf das eigentliche pädagogische Angebot konzentrieren können. „Wenn ich mich darauf verlassen kann, dass sich jeder an diese Regeln hält, dann kann ich mich auf andere Dinge konzentrieren. Dann fällt es auch leichter, kreativ zu werden.“

Die dritte Säule der Klax-Pädagogik bilden die authentischen Erwachsenen. Dahinter steht das Verständnis, dass Kinder von Erwachsenen begleitet werden, die ihnen wertschätzend, ermutigend, empathisch und fördernd begegnen. Sie unterstützen die Kinder in ihrer Entwicklung, geben Orientierung und sind zugleich Vorbilder. Voraussetzung dafür ist, dass auch die pädagogischen Fachkräfte ihre eigene Haltung regelmäßig reflektieren und weiterentwickeln. Wie das in der Praxis gelebt wird, erklärt Susan Richter: „Der authentische Erwachsene wird immer wichtiger. Ich muss natürlich davon überzeugt sein, dass das alles zum Wohle des Kindes ist, wenn ich das tue. Und wir reflektieren uns regelmäßig, wir gehen in den Austausch, wir gehen in die Feedbackrunden.“

Die vierte und letzte Säule der Klax-Pädagogik ist die gestaltete Umgebung. Sie bildet den Rahmen, in dem Kinder lernen und sich entwickeln. „Unsere Räume sind so ausgestattet, dass sie sinnhaft für die Kinder sind und nach ihren Bedürfnissen eingerichtet werden.“ Die gestaltete Umgebung basiert auf zwei zentralen Aspekten: der Qualität der Ausstattung und der bewussten Gestaltung der Lernumgebung. „Die Qualität ist bei uns der höchste Standard für das Kind.“ Dieser Anspruch zeigt sich selbst in kleinen Details: Im Atelier erhalten die Kinder grundsätzlich ein weißes Blatt Papier. Fehldrucke, auf deren Rückseite noch gemalt werden könnte, werden bewusst nicht verwendet. „Jedes gemalte Bild ist ein Kunstwerk des Kindes und wir schätzen das Kunstwerk, indem wir sagen: Wir bieten dir immer ein weißes Blatt Papier.“ Die Gestaltung der Räume ist stets auf die unterschiedlichen Entwicklungsphasen der Kinder abgestimmt. „In der Krippe gibt es Räume für die Ein- bis Zweijährigen und für die Zwei- bis Dreijährigen. Das hat einen Unterschied, weil die Ein- bis Zweijährigen hauptsächlich in der Transport- und Entdeckungsphase sind und erste Erfahrungen im Zusammenspiel mit anderen machen. Dementsprechend ist der Raum eingerichtet. Bei den Zwei- bis Dreijährigen geht es dann schon eher ins Rollenspiel und die Kinder wechseln mit ihrer Bezugserzieherin den Raum.“ Im Kindergarten orientieren sich die Räume an den verschiedenen Bildungsbereichen. Die Kinder können frei zwischen den Funktionsräumen wählen und erkennen durch deren Gestaltung unmittelbar, was sie dort tun und entdecken können. „Dieser Aufforderungscharakter, das ist uns wichtig.“

Frühkindliche Bildung als eigenständige Bildungsphase

Mit ihrer pädagogischen Arbeit schafft Klax die Grundlage für das weitere Leben der Kinder. Susan Richter ist überzeugt: „In der Krippe und in der Kita können wir individuelle Potenziale der Kinder früh erkennen und fördern. Und wir schaffen somit auch Chancengleichheit, weil wir stärkenorientiert und nicht defizitorientiert arbeiten.“ Dieses Verständnis der frühkindlichen Bildung muss aus ihrer Sicht noch stärker in der Öffentlichkeit ankommen. „Die frühkindliche Bildung ist eine Bildungseinrichtung und keine Betreuungseinrichtung. Wir sind nicht die Vorstufe der Schule. Wir sind ein eigener Bildungsbereich. Und die Qualität in der frühkindlichen Bildung hat einen starken Einfluss auf das spätere Leben, die gesellschaftliche Teilhabe und die eigene Bildungsbiografie.“ Um diesem Bildungsauftrag voll und ganz gerecht zu werden, braucht es jedoch bessere Rahmenbedingungen. „Wir brauchen eine verlässliche Finanzierung und eine gute Fachkraft-Kind-Relation. Und wir brauchen eine stärkere politische Priorisierung für diesen Bildungsbereich. Wir müssen auch die Arbeit der Kitas wertschätzen. Diese Wertschätzung erfahren in der öffentlichen Wahrnehmung häufig vor allem Lehrerinnen und Lehrer. Für Kitas ist sie dagegen noch sehr gering. Ich würde mir wünschen, dass die frühkindliche Bildung als eigene Bildungsphase wahrgenommen wird.“ Mit diesem Appell schließt Susan Richter das Gespräch und macht deutlich, dass gute frühkindliche Bildung nicht vom Engagement Einzelner abhängen darf, sondern verlässliche gesellschaftliche und politische Unterstützung braucht.

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Das Berliner Traumzauberland: Frühkindliche Bildung mit allen Sinnen