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Erbfalle Herkunft: Wenn das Elternhaus über Zukunftschancen entscheidet

Der heutige Welttag der sozialen Gerechtigkeit ist für uns Anlass mal wieder einen Blick auf ebendiese in Deutschland zu werfen - mit einem besonderen Fokus auf die soziale Mobilität. 

Der heutige Welttag der sozialen Gerechtigkeit ist für uns Anlass mal wieder einen Blick auf ebendiese in Deutschland zu werfen - mit einem besonderen Fokus auf die soziale Mobilität. 

Die soziale Mobilität ist ein wesentlicher Bestandteil sozialer Gerechtigkeit, denn sie beschreibt die Wahrscheinlichkeit, in einer Gesellschaft aufzusteigen. Konkret geht es dabei um den Einfluss des Elternhauses: inwiefern hängen die Chancen auf ökonomischen, sozialen und bildungsbezogenen Erfolg von der sozialen Herkunft ab? Lange Zeit galt Deutschland hierbei als sehr durchlässig. Doch zunehmend zeigen insbesondere Bildungsstudien einen engen Zusammenhang zwischen Bildungserfolg und Herkunft. Wie hoch also ist die Wahrscheinlichkeit, in Deutschland aufzusteigen? 

Der Einfluss der Herkunft auf den Bildungserfolg

Inwiefern Bildungserfolg und soziale Herkunft zusammenhängen, hat unter anderem eine 2025 veröffentlichte Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung genauer analysiert. Hierfür wurden die Sprach- und Mathematikkompetenzen von Schulanfänger:innen in Beziehung zu ihrer sozialen Herkunft gesetzt und mit den Daten aus Frankreich, USA, Niederlande, Japan und dem Vereinigten Königreich verglichen. 

Das Ergebnis dieses Vergleichs zeigt: In Deutschland lässt sich ein Anteil von 19,5% der Unterschiede in den Sprachkompetenzen auf die soziale Herkunft zurückführen - womit dieser Zusammenhang stärker ausgeprägt ist als in den anderen fünf Ländern. In der Mathematik liegt der Anteil der Kompetenzunterschiede, die auf die soziale Herkunft zurückgehen, zwar nur bei 13,9%, dennoch befindet sich Deutschland damit stark am unteren Ende des Vergleichsfeldes. Lediglich in den USA ist der Wert mit 14,2% höher.

Diese ungleichen Startbedingungen wirken sich auf die gesamte Bildungslaufbahn aus. So ist die Wahrscheinlichkeit eines Gymnasialbesuchs für Kinder aus Familien mit niedrigem sozialen Status nicht einmal halb so hoch wie für Kinder aus privilegierten Familien. An Universitäten und Hochschulen verstärkt sich dieses Muster weiter: Während drei von fünf Kindern, bei denen mindestens ein Elternteil selbst Akademiker:in ist, später studieren, liegt die Wahrscheinlichkeit für Kinder, deren Eltern keinen Abschluss haben, nur bei eins zu fünf.  

Die sozioökonomischen Folgen dieser Unterschiede sind erheblich, wie der OECD-Bericht “Bildung auf einen Blick 2025: Deutschland” zeigt: Der durchschnittliche Einkommensunterschied zwischen Personen mit Studium und Personen mit Berufsausbildung beträgt rund 50%. Wobei hinzugefügt werden muss, dass ein Studium nicht zwangsläufig zu einem hohen Einkommen und eine Ausbildung nicht zwangsläufig zu einem niedrigen führen muss - es handelt sich lediglich um einen Durchschnitt, der im Einzelfall stark variieren kann.  

Dies zeigt deutlich, wie eng die soziale Herkunft, Bildungserfolg und ökonomischer Status im späteren Leben miteinander verknüpft sind. Noch differenzierter beleuchtet eine Ende letzten Jahres veröffentlichte ifo-Studie die soziale Mobilität in Deutschland.

Die soziale Mobilität in Deutschland

In ebendieser Studie wurde die soziale Mobilität mithilfe der sogenannten Rang-Rang-Koeffizienten berechnet. Betrachtet wurde dabei die soziale Mobilität der Geburtsjahrgänge der 1960er- bis 1980er-Jahre. Für jüngere Generationen liegen noch keine belastbaren Auswertungen vor, da viele von ihnen noch nicht oder erst zu kurz im Berufsleben stehen. 

Die soziale Mobilität wird dabei auf einer Skala von null bis eins gemessen. Ein Wert nahe null steht für besonders hohe Mobilität und die Herkunft hat kaum bis keinen Einfluss auf das spätere Einkommen. Ein Wert nahe eins bedeutet dagegen sehr geringe Mobilität. Während in Deutschland Anfang der 70er Jahre der Wert bei 0,17 lag, stieg dieser für die Geburtsjahrgänge der 80er-Jahre auf 0,34 - und nähert sich damit dem Niveau der USA von 0,33. Das zeigt deutlich: Zwar besteht weiterhin eine Durchlässigkeit im System, der familiäre Hintergrund ist jedoch sehr entscheidend für den späteren ökonomischen Status. Zugleich macht die ifo-Studie deutlich, dass diese Unterschiede nicht erst auf dem Arbeitsmarkt entstehen, sondern bereits zuvor. Wie sich die soziale Mobilität für jüngere Generationen entwickelt hat, lässt sich erst mit zeitlichem Abstand beurteilen, sobald entsprechende Langzeitdaten vorliegen. 

Frühkindliche Bildung als Hebel für mehr soziale Mobilität

Wie eingangs die Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zeigte, beginnen ungleiche Startbedingungen nicht erst in der Schule. Deshalb ist es entscheidend, Kompetenzunterschiede aufgrund sozialer Herkunft bereits vor Schulbeginn zu verringern. Genau hier setzt qualitativ hochwertige frühkindliche Bildung an. Frühkindliche Bildung hat das Potenzial, Entwicklungs- und Kompetenzunterschiede zu reduzieren und den Einfluss der Herkunft deutlich abzuschwächen, insbesondere bei Kindern aus benachteiligten Verhältnissen. Und im Vergleich zu späteren Fördermaßnahmen sind Investitionen in diesen Bereich wesentlich effizienter und wirksamer. Darauf verweisen zahlreiche Studien, unter anderem die Arbeiten des Wirtschaftsnobelpreisträgers James Heckman. 

Soziale Mobilität kann also durch qualitativ hochwertige frühkindliche Bildung gestärkt werden - und damit auch die soziale Gerechtigkeit. Davon profitieren nicht nur einzelne Menschen, sondern die gesamte Gesellschaft und Wirtschaft in unserem Land. Denn ohne ausreichende Durchlässigkeit im System bleibt ein erheblicher Teil des vorhandenen Potenzials ungenutzt, nur aufgrund dessen, dass die Herkunft zu stark über Lebenswege entscheidet. 

Die Bedeutung der frühkindlichen Bildung wird seit Jahren von Wissenschaftler:innen und Ökonom:innen betont. Zwar haben gesellschaftliche und politische Wertschätzung und öffentliche Ausgaben in diesem Bereich bereits deutlich zugenommen, eine Entwicklung, die sehr zu begrüßen ist. Dennoch wird dies der tatsächlichen Relevanz der frühkindlichen Bildung noch bei weitem nicht gerecht und bedarf einer noch stärkeren Prioritätensetzung.

Entscheidend ist dabei nicht nur der Ausbau der frühkindlichen Bildung, sondern vor allem auch ihre Qualität. Auf Bundesebene wurde hierfür bereits vor einigen Jahren mit dem Kita-Qualitätsgesetz angesetzt, um die Qualität schrittweise zu verbessern. Aktuell wird mit dem Kita-Qualitätsentwicklungsgesetz ein Nachfolgegesetz erarbeitet. Ein zentrales Ziel dieses Gesetzes soll es unter anderem sein, mehr Kinder aus benachteiligten Lebenslagen frühzeitig in die Kita zu bringen sowie die Sprachförderung auszuweiten und zu verbessern. Dies sind wichtige Schritte, um mehr Kinder mit Angeboten der frühkindlichen Bildung zu erreichen, ihre Startchancen deutlich zu erhöhen und damit einen Beitrag zu mehr sozialer Gerechtigkeit zu leisten. Entscheidend ist nun, dass diese Handlungsfelder im Gesetz wirksam ausgestaltet werden, bundesweit die Qualitätsstandards weiterentwickelt und gestärkt werden und die Finanzierung der Qualitätsentwicklung auskömmlich abgesichert werden.

Denn frühkindliche Bildung ist das Fundament - das Fundament für Chancengerechtigkeit, soziale Mobilität, für einen individuell erfolgreichen Bildungsweg sowie für eine starke Gesellschaft und Wirtschaft.

Quellen: 

Baarck, J., Bode, M., & Peichl, A. (2025). Rising inequality, declining mobility: The evolution of intergenerational mobility in Germany. In Working Papers (No. 12058). Munich Society for the Promotion of Economic Research - CESifo GmbH. https://www.cesifo.org 

Dräger, J., & Schneider, T. (2025). Sprach- und Mathekompetenzen hängen in Deutschland bei Schulstart stärker von sozialer Herkunft ab als in anderen Ländern. In DIW. Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung. https://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.944390.de/25-14-1.pdf 

OECD. (2025). EDUCATION AT a GLANCE 2025. https://www.oecd.org/content/dam/oecd/de/publications/reports/2025/09/education-at-a-glance-2025-country-notes_9749f4ff/germany_52735cfb/9a449e27-de.pdf

Wößmann, L., Ph. D., Schoner, F., Freundl, V., & Pfaehler, F. (2024). Ungleiche Bildungschancen: Ein Blick in die Bundesländer. In Ifo Schnelldienst (Vol. 77, Issue 5). https://www.ifo.de/DocDL/sd-2024-05-ungleiche-bildungschancen-woessmann-etal-.pdf

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