Das Berliner Traumzauberland: Frühkindliche Bildung mit allen Sinnen

Im Südosten Berlins erfüllen regelmäßig sanfte Klänge die Räume von vier Kindertageseinrichtungen: den Kitas der Berliner Traumzauberland gGmbH. Doch die Töne kommen weder aus einer Soundanlage noch aus dem Radio. Stattdessen begleiten Klangschalen und Gongs den Kita-Alltag. Denn der Träger setzt auf ein besonderes Konzept: die Klangpädagogik. Im Gespräch geben uns die Geschwister Jeni und Eric Kolbe Einblicke in ihre Arbeit und erklären, welche Rolle Musik und Klänge für die Entwicklung von Kindern spielen.

Das Berliner Traumzauberland wurde 2009 von Jeni Kolbe gemeinsam mit ihrer Mutter Iris gegründet. Der Grundgedanke für diese Entscheidung war die Erfahrung, die Jeni Kolbe gemeinsam mit ihrem Bruder Eric Kolbe innerhalb ihrer eigenen Familie machen durfte: die Kraft gesunder Beziehungen und die Wertschätzung der Einzigartigkeit jedes Menschen. Eric Kolbe, dessen beruflicher Schwerpunkt - anders als bei Jeni Kolbe - nicht in der Pädagogik, sondern im Sozialmanagement liegt, unterstützte seine Schwester und Mutter seit 2017 als Geschäftsführer. 

Inzwischen bietet das Berliner Traumzauberland 238 Kita-Plätze für Kinder im Alter von einem bis sechs Jahren an vier Standorten in Berlin. Damit der pädagogische Alltag gelingt, arbeitet ein großes Team mit unterschiedlichen fachlichen Schwerpunkten Hand in Hand. „Unser Team besteht aus 55 pädagogischen Fachkräften, ergänzt durch Küchen-, Verwaltungs- und Leitungspersonal“, erklärt Eric Kolbe. 

Wenn Werte und Haltung den Alltag gestalten

Um den Gründungsgedanken im Kita-Alltag mit Leben zu füllen, verbindet das Berliner Traumzauberland verschiedene pädagogische Ansätze miteinander. „Unser Konzept verbindet moderne Pädagogik, achtsame Beziehungsgestaltung und die Peter Hess® Klangpädagogik, ergänzt durch gesunde Ernährung, geschätzte Teamkultur und eine klare psychische Sicherung. Dadurch schaffen wir Lernräume, in denen Kinder selbstwirksam, geborgen und neugierig die Welt entdecken können“, beschreibt Jeni Kolbe das pädagogische Selbstverständnis der Einrichtung. „Besondere Schwerpunkte setzen wir dabei auf die Förderung von Urvertrauen, emotionaler Sicherheit, Sinneserfahrungen und individueller Entwicklungsbegleitung.“ Allen pädagogischen Schwerpunkten liegt dabei dieselbe Überzeugung zugrunde:  “Vertrauen, Achtsamkeit und Wertschätzung nehmen bei uns im Träger als grundlegende Werte einen sehr großen Stellenwert ein, ebenso wie Transparenz, Partizipation und Ganzheitlichkeit. All das bildet das Fundament dafür, dass Kinder Resilienz entwickeln, Sicherheit erfahren und echte Beziehungen aufbauen können.“

Die Werte und das Konzept des Berliner Traumzauberlands prägen nicht nur den pädagogischen Alltag mit den Kindern, sie finden sich auch im täglichen Miteinander mit Eltern und Mitarbeitenden wieder. Wie dies im Alltag konkret gelebt wird, beschreibt Eric Kolbe: “Wir schaffen Orte, an denen Kinder mit allen Sinnen lernen, Eltern sich gut begleitet fühlen und Fachkräfte mit Freude, Klang und Professionalität arbeiten. Gleichzeitig sorgen wir für eine verlässliche psychische Sicherheit - durch achtsame Beziehungsgestaltung, transparente Kommunikation, klare Schutzkonzepte und eine Haltung, die Kinder emotional stärkt, Grenzen respektiert und Mitarbeitende in ihrer Selbstfürsorge unterstützt. So erleben Kinder und Mitarbeitende Halt, Orientierung, Vertrauen und eine Atmosphäre, die sie schützt und trägt.”

Klangpädagogik: Der Ton macht den Unterschied 

Klangpädagogik ist ein pädagogischer Ansatz, mit dem vermutlich bislang nur wenige Menschen in Berührung gekommen sind. Umso spannender ist natürlich die Frage, was sich genau dahinter verbirgt. Jeni Kolbe, zertifizierte Peter Hess® Klangmassagepraktikerin und Klangpädagogin, gibt uns daher einen Einblick in die Welt der Klangschalen, Schwingungen und Klanginstrumente: “Die Klangpädagogik wurde zu einem festen Bestandteil unseres Konzeptes, da wir erlebt haben, wie kraftvoll Klänge auf Kinder und uns Menschen wirken - sie schaffen Ruhe, Sicherheit, Kreativität, Körperwahrnehmung und emotionale Stabilität. Und die Klangpädagogik nach Peter Hess unterstützt genau das, was Kinder heute besonders brauchen: Entschleunigung, Geborgenheit, Selbstwirksamkeit und Selbstregulation.” Die Klänge begleiten die Kinder dabei durch einen bewussten Einsatz im gesamten pädagogischen Alltag: “Die Klangpädagogik arbeitet mit achtsamen Klangimpulsen, Ritualen und Klangwirkung im Bildungsalltag. Kinder erleben die Klänge als Berührung, Struktur, lernmethodische Unterstützung und Orientierung.” Die Klänge sind damit weit mehr als ein akustisches Erlebnis. Neben ihrer strukturgebenden Wirkung werden sie im wahrsten Sinne des Wortes auch zu Instrumenten der Persönlichkeitsentwicklung.  „Die Klänge fördern Konzentration, Körperbewusstsein, Stressreduktion, Lernmethodik, emotionale Stabilität und Selbstwirksamkeit.“

Ein pädagogischer Schwerpunkt des Traumzauberlandes ist, wie bereits erklärt wurde, die Förderung von Urvertrauen. Dieses Leitmotiv findet sich auch in der Klangpädagogik wieder. „Urvertrauen ist die Basis jeder Entwicklung. Es bedeutet: Die Welt ist sicher, ich bin willkommen, ich darf sein. Klänge unterstützen dies, indem sie Geborgenheit vermitteln, Regulation und Selbstregulation erleichtern, positive Körpererfahrungen ermöglichen und Rituale schaffen, die Sicherheit geben.“ 

Um die Klänge zu erzeugen, benötigt es natürlich auch entsprechende Klangmaterialien. “Wir nutzen eine Vielzahl unterschiedlicher Klangmedien. Dazu zählen Peter Hess®-Klangschalen, Zimbeln, Klangstäbe, Koshis, Sansulas sowie Trommeln und Naturinstrumente“, zählt Jeni Kolbe auf. Ihren Einsatz finden die Klangmedien über den gesamten Tag hinweg: „Unsere Morgenrituale werden von Klängen begleitet, ebenso wie unsere Ruhe- und Entspannungsphasen. Auch bei thematischen Projekten und darüber hinaus im gesamten Bildungsalltag sind die Klangmedien fest verankert. Sie spielen beispielsweise beim Ernten von Kräutern, Gemüse und Obst eine wichtige Rolle. Wir essen aus Klangschalen, arbeiten mit Entwicklungsklangschalen und führen individuelle Klangmassagen durch. Die Klanginstrumente haben ihren festen Platz beim Gruppenerleben ebenso wie in den vielen kleinen Übergängen eines Kita-Tages – also den sogenannten Mikrotransitionen. Auch bei emotionalen Herausforderungen oder nach Verletzungen gehören sie für uns ganz selbstverständlich dazu. Sie sind also wirklich ein essenzieller Bestandteil unseres Alltags und werden nicht nur punktuell eingesetzt, sie sind ständige Begleiter. Mal wirken sie eher im Hintergrund, mal stehen sie im Mittelpunkt.“ Insbesondere bei Übergängen und in emotional herausfordernden Situationen nimmt die Entwicklungsklangschale eine besondere Rolle ein. Doch was genau verbirgt sich hinter einer solchen Entwicklungsklangschale? Jeni Kolbe erklärt ihre Funktion und Wirkung genauer: „Die Entwicklungsklangschale ist ein pädagogisches Klangmedium, das Kindern Ruhe, Orientierung und emotionale Sicherheit gibt – besonders in Übergängen, bei Konflikten oder in Momenten, die innere Regulation brauchen. Sie ist unser Klangkompass – ein Klangmoment für Halt, Verbindung und gemeinsame Regulation“ 

Die Klangmedien allein machen jedoch noch keine Klangpädagogik aus. Jeni Kolbe erklärt, worauf es noch ankommt: „Wer mit Klängen arbeitet, braucht weniger instrumentale Virtuosität als vielmehr eine innere Haltung: Achtsamkeit, Präsenz und ein tiefes Verständnis dafür, wie Klang wirkt. Klangschalen und Gongs sind keine ‚Instrumente zum Spielen‘, sondern pädagogische Werkzeuge, die Beziehung, Regulation und Sinneserfahrung ermöglichen. Damit Klänge in unseren Kitas qualitativ wirken können, braucht es fundiertes Wissen über ihre Einsatzmöglichkeiten, ihre Wirkung auf Kinder und die verantwortungsvolle Gestaltung von Klangmomenten.“ Deshalb gehört im Berliner Traumzauberland die gezielte Qualifizierung der Fachkräfte fest zum Konzept. „Unsere Teams bilden sich beim Peter Hess® Institut weiter und erwerben Kompetenzen, um Klänge fachlich korrekt, achtsam und kindgerecht einzusetzen. Alle Erzieherinnen absolvieren den KliK®‑Experten.“ Diese umfasst vier Seminare. Und alle Führungskräfte werden mindestens ausgebildete KliK® Experten, Entspannungstrainer sowie Lern- und Lebensberater.” KliK® steht dabei für „Klingende Kommunikation mit Kindern“. Wer sich über die KliK®-Weiterbildung hinaus spezialisieren möchte, erhält im Berliner Traumzauberland zudem die Option, sich am Peter Hess Institut zum Klangpädagogen ausbilden zu lassen.

Das gesamte Konzept und die pädagogische Schwerpunktsetzung des Berliner Traumzauberlands spiegeln sich auch in der Raumgestaltung aller vier Einrichtungen wider. Einen Eindruck davon vermittelt uns Jeni Kolbe: „Unsere Räume sind ruhig, warm und klar strukturiert. In jedem Bildungsraum sind Klangschalen für Kinder und Erwachsene frei zugänglich. Unsere Bildungsräume sind überwiegend mit Naturmaterialien und in sanften Farben gestaltet. Außerdem gibt es in all unseren Einrichtungen Klanginseln und Klangräume, die wir auch Himmelszimmer nennen, sowie Rückzugsorte. Und wir haben ganz bewusst gestaltete Ritualplätze in unseren Kitas. Ein Beispiel hierfür ist unsere XXL-Klangschale im Übergang zur Ruhephase. Dort können sich Kinder oder Erwachsene hineinsetzen oder hineinstellen und die Klänge ganz bewusst erleben.“

Gesunde Ernährung: Vom pädagogischen Anspruch zum Bio-Caterer

Nicht nur Klänge spielen im Berliner Traumzauberland eine große Rolle und sind ein wesentlicher Bestandteil des ganzheitlichen Konzepts. Auch die Ernährung hat darin ihren festen Platz. Worauf dabei besonderer Wert gelegt wird, erläutert Eric Kolbe: “Alle Traumzauber Kinder werden in biologischer Ganztagsverpflegung beköstigt. Wir arbeiten dabei nach den Bio-Standards, frisch, ausgewogen und kindgerecht. Unser Anspruch ist dabei stetig, dass das Essen nähren, stärken und Freude machen sollte. Zucker und süße Speisen sollten wenig bis gar nicht auf unserem Speiseplan zu finden sein. Die Standards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) stellen dabei für unsere Verpflegungsleitlinien Werte der Orientierung dar.” Für Eric Kolbe gehen gesunde Ernährung und eine gesunde Entwicklung Hand in Hand: “In einem gesunden Körper mag auch ein gesunder Geist leben. Dadurch sehen wir viele positive Entwicklungsmöglichkeiten, die auch durch die Ernährung angestoßen und beeinflusst werden können - etwa die Konzentrations- und Lernfähigkeit, die emotionale Stabilität und das Wohlbefinden. Selbstverständlich hat die Ernährung auch Einfluss auf das Immunsystem und die motorischen Fähigkeiten eines Kindes.“

Der hohe Anspruch des Berliner Traumzauberlands an eine gesunde Ernährung endet jedoch nicht bei den eigenen Einrichtungen. Aus dem Wunsch, möglichst viele Kinder von hochwertigem Bio-Essen profitieren zu lassen, entstand schließlich der Bio-Caterer Zauberschuppen. Eric Kolbe nimmt uns mit zu den Anfängen: “Der Caterer Zauberschuppen entsprang der Idee und Überzeugung, gutes und gesundes Essen in Kitas neben unseren 4 Kitas auch weiteren Kitas anbieten zu können. Ausgehend von der täglichen Praxis in Kindertagesstätten merkten wir, wie stark gutes Essen das Wohlbefinden, die Konzentration und die Entwicklung der Kinder beeinflusst. Daraus entwickelte sich Schritt für Schritt ein eigener Kita-Catering-Schwerpunkt, der sich auf kleinere und mittlere Einrichtungen konzentriert. Parallel dazu wurde die Versorgung konsequent auf 100% Bioqualität und eine starke Orientierung an regionalen Produkten ausgerichtet.” Inzwischen reicht das Engagement des Zauberschuppens sogar über die Kita-Verpflegung hinaus: „Heute versorgen wir mit unserem Catering fünf weitere Kitas mit gesundem, biologischem Mittagessen und bieten ergänzend auch Kochkurse für Eltern und Kinder an.“

Frühkindliche Bildung: Gute Bedingungen für gute Bildung

Ob Klangpädagogik, gesunde Ernährung oder achtsame Beziehungsgestaltung - alle Bausteine des Konzepts des Berliner Traumzauberlandes tragen zu einem gemeinsamen Ziel bei: “Frühkindliche Bildung legt die Basis für Lebensfreude, Selbstvertrauen und Lernlust. Sie ist der Ort, an dem Kinder erfahren: ‘Ich kann, ich darf, ich werde gesehen.’” fasst Jeni Kolbe die Wirkung und Bedeutung ihrer Arbeit zusammen. Gleichzeitig macht sie damit deutlich, was aus ihrer Sicht häufig gesellschaftlich und politisch noch unterschätzt wird: “Frühkindliche Bildung ist nicht ‘Betreuung’. Es ist Bildung, Beziehung und Persönlichkeitsentwicklung. Sie ist einer der wichtigsten gesellschaftlichen Bereiche überhaupt.” Vor diesem Hintergrund spricht sich Jeni Kolbe dafür aus, den umfassenden Bildungsauftrag frühkindlicher Bildung auch in der Berufsbezeichnung sichtbar zu machen: “Es sollte in Erwägung gezogen werden, den Begriff ‘Erzieher:in’ neu zu überdenken. Denn aus der heutigen frühkindlichen Sicht und Begleitung ‘ziehen’ wir nicht mehr an den Kindern, sondern dürfen uns als Bildungsbegleiter verstehen. In unseren Konzepten ist der Begriff „Bildungsbegleiter“ schon fest verankert.”

Doch allein eine neue Berufsbezeichnung würde der frühkindlichen Bildung aus Sicht von Eric Kolbe noch nicht den Stellenwert verschaffen, den sie verdient. Um ihrem Bildungsauftrag gerecht zu werden und ihr volles Potenzial für Kinder und Gesellschaft entfalten zu können, braucht es aus seiner Sicht weitere Veränderungen: “Wir brauchen eine bessere Fachkraft-Kind-Relation, damit wir jedem Kind wirklich gerecht werden und es individuell begleiten können. Gleichzeitig braucht es mehr Zeit für Beziehung und Pädagogik. Dafür müssen mittelbare pädagogische Arbeit und auch Ausfallzeiten realistisch im Personalschlüssel berücksichtigt werden. Ebenso brauchen wir klare Qualitätsstandards, damit alle Kinder Zugang zu qualitativ hochwertiger frühkindlicher Bildung erhalten.“ Doch nicht nur die Rahmenbedingungen der pädagogischen Arbeit müssen sich aus seiner Sicht verbessern, sondern auch die der Fachkräfte selbst: „Die Arbeit unserer Fachkräfte ist essenziell. Das sollte sich sowohl in einer größeren gesellschaftlichen und politischen Wertschätzung als auch in modernen und gesunden Arbeitsbedingungen widerspiegeln. Und um all das realisieren zu können, braucht es vor allem eins: Eine verlässliche Finanzierung.“